Der Zylinder - Helmut Exner - E-Book

Der Zylinder E-Book

Helmut Exner

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Beschreibung

Mit fast siebzig verlässt Dagmar Müller ihren Mann und kehrt in den Harz zurück. Sie sucht Ruhe und einen Neuanfang – doch die Vergangenheit holt sie ein. Ihr Mann akzeptiert die Trennung nicht und folgt ihr. Eine neue Liebe bringt zusätzliche Unruhe. Als im Wald eine Leiche gefunden wird, ist die vermeintliche Idylle vorbei. In ihrem Geburtsort trifft Dagmar auf ihre frühere Lehrerin Lilly Höschen – scharfzüngig, neugierig und alles andere als im Ruhestand. Zusammen mit ihrer Freundin Gretel begegnet Lilly einem alten Bekannten, der jammernd und mit Zylinder umherstreift – obwohl er seit Jahren verschwunden ist. Für Lilly ist klar: Das ist kein Zufall. Sie beginnt zu beobachten und zu fragen – hartnäckig, unbequem und mit trockenem Humor.

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Seitenzahl: 147

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Helmut Exner

Der Zylinder

Impressum

Der Zylinder

ISBN 978-3-96901-144-7

ePub Edition

Version 1.0 · Februar 2026

© 2026 by Helmut Exner

Alle Rechte vorbehalten.

Abbildungsnachweise:

Coverillustration: erstellt mit einem

KI-gestützten Bildgenerierungssystem

Porträt des Autors © Ania Schulz

Titelgestaltung · Technische Umsetzung · Lektorat:

Sascha Exner

Harzkrimis.de

ist ein Imprint von

EPV Elektronik-Praktiker-Verlagsgesellschaft mbH

Obertorstr. 33 · 37115 Duderstadt · Deutschland

Web: harzkrimis.de · E-Mail: [email protected]

Vertreten durch den Geschäftsführer: Helmut Exner

Amtsgericht Göttingen, HRB 102086

USt-IdNr.: DE116204435

Die Schauplätze dieses Romans sind reale Orte. Die Handlung und die Charaktere hingegen sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden und toten Personen wären reiner Zufall und sind nicht beabsichtigt.

Inhalt

Titelseite

Impressum

Dagmar

Der Ort der Kindheit

Der Regierungspräsident

Detlef

Im Jammertal – Teil 1

Lilly und die Bilder

Im Jammertal – Teil 2

Der Bruder

Der Detektiv

Der Redakteur

Schlagzeilen

Unverhoffter Besuch

Im Jammertal – Teil 3

Dagmar und Detlef

Sebastian recherchiert

Dagmars Traum

Wolfgang wühlt in der Vergangenheit

Der Bielstein

Im Jammertal – Teil 4

Der Professor und der Redakteur

Wolfgangs Plan

Noch ein unverhoffter Besuch

Der Tote auf dem Bielstein

Am Schulberg

Zappelhose

Befragungen

Im Jammertal – Teil 5

Das Testament

Die Schwester

Sonntags im Präsidium

Annika

Die Staatsanwältin

Lilly bei der Kripo

Mateo

Der Professor

Nochmal Annika

Lilly erinnert sich

Annika bei der Kripo

Das Geständnis

Tatortbegehung

Schön ist ein Zylinderhut

Ebenfalls erhältlich

Über den Autor

Dagmar

»Steck dir doch deine blöde Finca an den Hut! Ich habe keine Lust mehr, in dieser Einöde zu sitzen und bei dieser Hitze zu putzen, zu kochen und zu waschen. Und zur Belohnung fährst du dann mit mir zweimal die Woche nach Palma zum Einkaufen. Und wenn es ganz gut läuft, gehen wir vielleicht mal essen. Ich bin es leid. Seit über dreißig Jahren fliegen wir Jahr für Jahr auf diese beknackte Insel. Und seit du in Pension bist, verbringen wir die meiste Zeit des Jahres hier. Ich möchte auch mal woanders hin.«

Dagmar hatte nach langer Zeit mal wieder Dampf abgelassen. Die Neunundsechzigjährige konnte sich gar nicht mehr erinnern, wann sie dies zuletzt getan hatte. Das musste ewig her sein.

In stoischer Ruhe fragte ihr Mann Wolfgang: »Bist du jetzt fertig? Dann erinnere dich bitte, dass du auch diese Finca haben wolltest, weil du nicht so gern im Hotel wohnst.«

Sie hätte ihm noch so viel sagen können, ließ es aber. Es war völlig gleich, was sie hervorbrachte, Wolfgang legte in seiner ruhigen langweiligen Art alles so aus, dass es nur zu ihrem Besten war. Die ersten paar Urlaube, damals noch mit Tochter Annika, hatte sie tatsächlich genossen. Aber dann wurde es allmählich öde. Aus irgendeinem blöden Grund hatte sie vor ein paar Jahren schließlich eingewilligt, diese Finca zu kaufen. Wahrscheinlich hatte sie nur zugestimmt, damit er endlich Ruhe gab. Außerdem kam das meiste Geld hierfür ohnehin aus dem Erbe seiner Eltern.

»Mach dich fertig, wir wollen einkaufen fahren«, sagte Wolfgang in einem Ton, als sei nichts gewesen. Offenbar interessierte ihn ihre Stimmung gar nicht. Er nahm sie nicht ernst.

»Fahr du allein einkaufen. Ich habe keine Lust.«

»Gut. Dann beschwere dich aber nicht, was ich mitbringe und was ich vergesse.«

Ohne eine weitere Regung griff er nach seiner Brieftasche und dem Autoschlüssel und verließ das Haus. Dagmar ließ sich in einen Sessel fallen und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Es wollte ihr nicht gelingen. Irgendetwas gärte in ihr. Sie stand auf, warf den großen Koffer aufs Bett und begann zu packen.

Es war erst kurz nach zehn, als sie auf der Landstraße ihren Rolli hinter sich her zog, aber es war bereits glühend heiß. Irgendwann hielt ein Auto an und ein älterer Mann fragte auf Deutsch, ob er sie mitnehmen könne.

Erschöpft gab sie zur Antwort: »Sie sind mein Retter.«

»Das ist eine meiner leichtesten Übungen. Wo wollen Sie denn hin?«

»Zum Flughafen.«

Der Mann, dessen Namen sie nicht mal kannte, brachte sie doch tatsächlich zum Flughafen. Als er ihr Gepäck aus dem Kofferraum holte, bedankte sie sich herzlich und bekam zur Antwort: »Es freut mich, wenn ich Ihnen helfen konnte. Alles Gute!«

Nach dem miserablen Start in den Tag schien ihr das Glück nun hold zu sein: Ohne Umschweife bekam sie einen Flug nach Düsseldorf.

Im Flugzeug war sie eingenickt und hatte wieder diesen Traum, der sie während ihrer ganzen Kindheit begleitet hatte. Sie lag im Wald an einem tiefen Abgrund. Sie wusste, dass sie da nicht wegkam. Es gab nur diesen einen Weg: Sie musste den steilen Abgrund hinunter. Also schloss sie die Augen und rollte sich hinunter. Dann wurde sie wach. Als Kind war sie am Ende des Traumes oft aus dem Bett gefallen. Hier im Flugzeug konnte sie nicht fallen, aber sie zuckte. Die Frau neben ihr lächelte sie an und fragte: »Sie hatten wohl einen bösen Traum? Oder haben Sie Flugangst?«

»Oh, es war tatsächlich ein merkwürdiger Traum.«

Als sie am späten Nachmittag ihre Wohnung in Neuss betrat, riss sie erstmal alle Fenster auf. Es war einige Wochen nicht gelüftet worden. Normale Leute, dachte sie, haben Blumen in ihrer Wohnung und Nachbarn, die diese gießen. Als sie ihr Einfamilienhaus gegen diese Eigentumswohnung eingetauscht hatten, wurden alle Pflanzen abgeschafft, weil sie ja viel Zeit auf Mallorca verbringen wollten. Das war jetzt sieben Jahre her. Und sie trauerte ihrem Häuschen noch immer nach. Ihr war inzwischen bewusst geworden, dass sie den Traum ihres Mannes lebte: keine Verpflichtungen in Deutschland, sondern ab auf die Insel. Wolfgang war es auch gewesen, der sie nötigte, keine volle Stelle als Grundschullehrerin anzunehmen. Mit ihrer Teilzeitregelung konnte sie auch nicht verbeamtet werden und verdiente weniger. Ihrem Mann war das egal. Er verdiente genug und hatte nun eine stolze Pension. Er hatte sein Ziel erreicht und war zum Schluss Regierungspräsident gewesen. Zu Hause hatte alles nach seinen Vorstellungen zu funktionieren. Mann und Kind mussten gut versorgt sein, Haus und Garten sollten geradezu musterhaft in Schuss gehalten werden. Wenn sie mal spät von einer Elternversammlung nach Hause gekommen war, weil sie noch etwas trinken gegangen war, kassierte sie vorwurfsvolle Blicke oder die Bemerkung, warum sie sich das antäte. Eigentlich bräuchte sie doch gar nicht zu arbeiten. Auf die Idee, dass sie arbeiten wollte, weil dies ein Teil ihres Lebens war, kam er gar nicht.

Es hatte sich viel bei ihr aufgestaut. Wahrscheinlich würde Wolfgang sich wundern, sie nicht in der Finca anzutreffen. Ein Wunder eigentlich, dass er sie noch nicht angerufen hatte. Plötzlich schaute sie in ihre Handtasche. Das Handy war nicht da. Da fiel ihr ein, dass sie es auf den Wohnzimmertisch in der Finca gelegt hatte. Auch gut. Dann sollte er sich doch den Kopf zerbrechen, wo sie jetzt war. Dass sie selbstständig die Heimreise angetreten hatte, passte nicht in sein Weltbild. Vielleicht würde er ja merken, dass der Koffer und ihre Klamotten weg waren. Das Festnetztelefon läutete. Sie schaute auf das Display: Wolfgang. Sie hob nicht ab.

Am nächsten Morgen ging sie einkaufen, um das Nötigste zu besorgen. Dann frühstückte sie. Das Telefon läutete. Sie ging nicht dran. Nachts hatte sie wieder diesen Traum gehabt. Wald, Abgrund, Augen zu und hinunterrollen. Zum Glück war sie nicht aus dem Bett gefallen. Dann suchte sie sich die Nummer einer Fahrschule heraus. Sie rief an und erklärte der Frau am Telefon, dass sie unbedingt sehr zeitnah ein paar Fahrstunden brauche, weil sie lange nicht mehr gefahren sei.

»Kein Problem, das kann ich übernehmen. Wenn Sie es so eilig haben, können wir heute anfangen.«

»Das ist super.«

Die Fahrlehrerin war jung, hübsch, freundlich und stellte sich mit Vornamen vor. Sie hieß Sofia und war die Tochter des Inhaber-Ehepaars der Fahrschule. Nach anfänglichen Schwierigkeiten lief es ganz gut. Anderthalb Stunden später hielt Dagmar vor ihrem Haus und Sofia sagte: »Dafür, dass du zehn Jahre nicht mehr gefahren bist, war das gar nicht so schlecht.«

Dagmar atmete tief durch und fragte: »Hast du morgen wieder Zeit für mich?«

»Das kriegen wir hin. Wichtig ist, dass du jetzt dran bleibst.«

Dagmar fand es toll, dass eine junge Frau sie einfach so duzte. Sie hatte die steifen Umgangsformen ihres Mannes derart verinnerlicht, der sich nur mit Leuten duzte, die ihm mindestens ebenbürtig waren. In der Schule hatte sie sich auch mit den Kollegen geduzt. Aber privat gab es keinen Freundeskreis. Seit sie vor vier Jahren in Rente ging, war sie hoffnungslos isoliert. Im Grunde hatte das schon zu Beginn ihrer Ehe angefangen. Ab und zu besuchte man Eltern oder Schwiegereltern. Weder sie noch Wolfgang hatten Geschwister. Während ihres Studiums hatte sie die üblichen Kontakte zu Kommilitonen gehabt. Man ging aus, es gab die eine oder andere Fete. Gerade als sie mit dem Studium fertig war, lernte sie Wolfgang kennen. Dann ging alles ganz schnell. Sie wurde schwanger, man musste heiraten. Direkt nach Abschluss ihres zweiten Staatsexamens kam ihre Tochter zur Welt. Damit war alles vorbestimmt. Sie blieb drei Jahre zu Hause, um das Kind zu versorgen und den Haushalt zu machen. Dann fing sie ganz zaghaft an, zu unterrichten, wobei es äußerst schwierig war, für ihre Tochter eine Betreuung zu finden. Wolfgang hatte seine Karriere im Sinn. Dem hatte sich alles unterzuordnen. Schließlich war er der Versorger der Familie. Außerdem musste gespart werden. Wolfgang wollte ein eigenes Haus.

Es folgten drei weitere Tage mit Fahrstunden. Schließlich fasste Dagmar den Mut, ihre Fahrlehrerin zu fragen: »Sofia, würdest du auch mit mir fahren, wenn du nicht eingreifen kannst? Ich meine, als Beifahrerin in meinem eigenen Auto.«

»Natürlich.«

Wolfgangs Schmuckstück von einem Auto stand in der Tiefgarage. Es war ein Audi, fünf Jahre alt und bestens gepflegt. Es war ein erhebendes Gefühl, diesen Wagen zu fahren. Dagmar chauffierte Sofia durch die Stadt und dann auf die Autobahn. Als sie wieder zurückkamen und Dagmar den Motor ausstellte, sagte Sofia: »Prüfung bestanden.«

Für Dagmar war dies ein großes Glücksgefühl und sie sagte: »Oh, ich danke dir. Endlich habe ich wieder so etwas wie Selbstwertgefühl.«

In der Wohnung läutete das Telefon. Es war ihre Tochter Annika, die in Amerika lebte. Sie nahm ab und sagte: »Hallo Annika.«

»Hallo Mama. Was ist denn bloß mit dir los?«

»Was soll denn los sein? Ich bin zu Hause.«

»Papa hat mich angerufen. Er hat dich überall gesucht. Er macht sich große Sorgen. Und ich auch. Du kannst doch nicht einfach spurlos verschwinden.«

»Von spurlos kann keine Rede sein. Ich habe meinen Koffer gepackt und bin nach Hause geflogen.«

»Dann ruf jetzt bitte Papa an, damit er Bescheid weiß. Habt ihr euch etwa verkracht? Seid ihr in einer Krise?«

»Nein, es war wie immer. Nur darauf hatte ich keine Lust mehr. Seit Jahrzehnten bitte ich deinen Vater, mit mir mal woanders hinzureisen, und immer landen wir wieder auf dieser Insel, die mir zum Hals raushängt. Hundertmal habe ich ihn gebeten, mit mir in den Ort meiner Kindheit zu fahren. Wahrscheinlich hat er gar nicht zugehört. Ich werde jetzt mal meine eigenen Wege gehen. Morgen verreise ich.«

»Wohin denn?«

»Da, wo ich schon seit langer Zeit hin wollte.«

»Wo denn?«

»Das verrate ich nicht. Wenn dein Vater mir jemals zugehört hätte, wüsste er es. Und anrufen werde ich auch nicht.«

Es tat Dagmar leid, dass sie ihre Tochter so ruppig behandelt hatte. Aber sie hatte versucht, sie zu etwas zu bewegen, was sie nicht wollte. Sie musste jetzt einfach mal ihren eigenen Weg gehen. Und daran ließ sie sich von niemandem hindern. Abends packte sie ihren Koffer und brachte ihn ins Auto. Am nächsten Morgen frühstückte sie und legte einen Zettel auf den Küchentisch: Falls du dich wunderst, dass unser Auto nicht da ist: Ich bin damit unterwegs. Dagmar

Der Ort der Kindheit

Das kleine Bergstädtchen Lautenthal lag sonnendurchflutet im Tal der Innerste, umrahmt von bewaldeten Bergen. Die warme Junisonne tat gut. Lilly, mittlerweile vierundneunzig Jahre alt, saß mit ihrer Freundin und Hausgenossin Gretel, fünfzehn Jahre jünger, am Springbrunnen des Marktplatzes. Die beiden Frauen hatten eingekauft und warteten nun auf Klausi, ihren Chauffeur, der sie nach Hause fahren sollte. Der steile Weg zum Schulberg hinauf war den Frauen mittlerweile zu anstrengend. Gretel hatte keinen Führerschein und sie hatte Lilly endlich dazu gekriegt, sich nicht mehr ans Steuer zu setzen. Und Klausi, ein fröhlicher Endsechziger, war es recht, sich etwas dazuverdienen zu können.

»Ach, was bin ich froh, dass die Sache mit dem verschwundenen Jungen sich in Wohlgefallen aufgelöst hat«, sagte Lilly zu ihrer Freundin.

»Das kann man wohl sagen«, erwiderte Gretel. Vorgestern war ein fünfjähriger Junge aus dem Ort spurlos verschwunden. Ein Großaufgebot an Polizei mit Hunden und Hubschrauber hatte ihn gesucht. Etwa vierundzwanzig Stunden später war er gefunden worden – quicklebendig.

»Die Sache hat böse Erinnerungen in mir wachgerufen«, sagte Lilly.

»Warum?«

»Es mag gut sechzig Jahre her sein, ich war eine junge Lehrerin, da ist ein kleines Kind in Hahnenklee verschwunden. Ein paar Tage später wurde es tot aufgefunden. Etwa ein Jahr später verschwand dann ein vierjähriges Mädchen hier in Lautenthal. Aber zum Glück wurde es am nächsten Tag im Wald gefunden. Soweit ich weiß, ist ihm nichts Schlimmes zugestoßen. Es wurde nicht bekannt, ob sich das Kind im Wald verlaufen hatte oder ob es entführt worden war. Etwa ein Jahr später verschwand in Clausthal ein kleines Kind. Tage später fand man es bei Bad Grund tot im Wald.«

»Und hat man den Täter gekriegt?«, fragte Gretel.

»Ja. Es war derselbe Mann, der auch das Kind in Hahnenklee auf dem Gewissen hatte.«

»Und was war mit dem Mädchen, dass wieder aufgetaucht ist? Hatte er da auch seine Finger im Spiel?«

»Das konnte man nicht herausfinden. Jedenfalls wanderte der Mann für den Rest seines erbärmlichen Lebens hinter Gitter.«

Eine Frau kam auf den Marktplatz geschlendert. Sie schaute nach und nach in alle Richtungen und sagte dann zu sich selbst: »Ach, ist das schön hier.« Dann trat sie auf Lilly und Gretel zu, grüßte freundlich und sagte: »Entschuldigen Sie, dass ich Sie anspreche. Sind sie von hier?«

»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Ja, wir wohnen hier im Ort. Können wir Ihnen behilflich sein?«

»Ja, ich bin auf der Suche nach einem Zimmer. Eine kleine Pension wäre gut. Die Touristinformation ist geschlossen.«

»Oh, da sind Sie bei uns richtig. Wir warten hier auf unseren Chauffeur, der uns gleich nach Hause bringen wird. Seine Frau vermietet ein paar sehr schöne Gästezimmer hier in Lautenthal. Setzen Sie sich doch zu uns. Er müsste gleich kommen. Dann fragen wir ihn.«

»Das ist ja prima.«

Lillys Handy klingelte. Es war Klausi, der sie darüber informierte, dass er eine Viertelstunde später kommen würde.

»Ach, das macht nichts. Wir sitzten hier mit einer sehr netten Dame zusammen, die ein Gästezimmer sucht. Habt ihr noch etwas frei? ... Das ist schön. Dann kannst du sie ja auf dem Rückweg gleich mitnehmen und ihr das Zimmer zeigen.« Lilly beendete das Gespräch. »Was für ein Zufall!«

Die Dame antwortete: »Ich glaube nicht an Zufälle. Ich habe im Moment wohl eine Glückssträhne. Erst ist es mir gelungen, mich von meinem Mann zu emanzipieren, dann habe ich genau den Flug von Spanien bekommen, den ich haben wollte. Zuhause habe ich eine nette Fahrlehrerin kennengelernt, die mir wieder das Autofahren beigebracht hat, und heute bin ich doch tatsächlich unbeschadet vom Rheinland in den Ort meiner Kindheit gefahren. Und zu allem Überfluss lerne ich Sie beide kennen und bekomme ein Gästezimmer.«

»Was, das ist Ihr Geburtsort?«, rief Lilly erstaunt. »Darf ich nach Ihrem Namen fragen?«

»Ich heiße Dagmar Müller, geborene Bednarz. Als ich vier oder fünf Jahre alt war, sind meine Eltern mit mir nach Zellerfeld gezogen, und mit zwölf dann ins Rheinland.«

»Ach, wie interessant. Sind Sie vielleicht sogar auf das Gymnasium in Clausthal gegangen?«

»Aber ja, Klasse fünf und sechs. Dann sind wir weggezogen.«

»Vielleicht habe ich Sie ja sogar unterrichtet. Mein Name ist Lilly Höschen.«

»Das kann nicht wahr sein. Sie haben mich in Englisch unterrichtet.«

Dann kam Klausi vorgefahren. Nachdem sich alle begrüßt hatten, gab er Dagmar die Adresse.

»Meine Frau erwartet Sie. Ich fahre jetzt die beiden Damen nach Hause und komme dann auch.«

Dagmar musste Lilly versprechen, sie morgen zu besuchen.

»Das mache ich gern«, sagte sie. »Offenbar hält meine Glückssträhne an. Das kann alles kein Zufall sein.«

Das Haus von Klausi lag idyllisch am Waldschlösschen an dem Flüsschen Innerste. Das Zimmer war schön und Klausis Frau sehr nett. Jetzt merkte Dagmar, dass sie nach der ungewohnt langen Autofahrt doch ziemlich erschöpft war und legte sich aufs Bett. Eigentlich hatte sie sich nur etwas ausruhen wollen. Aber dann schlief sie tief und fest ein. Wach wurde sie erst, als sie aus dem Bett fiel. Sie hatte wieder diesen Traum gehabt. Zum Glück hatte sie sich nicht verletzt. Draußen war es hell. Sie schaute auf die Uhr. Es war halb sechs. Sie musste erst einmal nachdenken, ob es morgens oder abends war. Sie öffnete das Fenster und sah die Morgensonne im Osten. Wie hatte sie nur so lange schlafen können? Sie ging unter die Dusche, machte sich fertig und zog ein schönes Sommerkleid an.

Sie ging hinaus und machte einen Spaziergang auf der Promenade. Es war herrlich. Außer dem Gezwitscher der Vögel hörte sie nur das Geräusch von der anderen Seite der Innerste, wenn mal ein Auto vorbei fuhr. Auf dem Rückweg kam ihr ein Mann mit einem jungen Schäferhund entgegen. Er grüßte freundlich, während der Hund an Dagmar schnupperte.

»Mira, lass das«, sagte der Mann. Der Hund sah so lieb und zutraulich aus, dass Dagmar in die Hocke ging und ihn streichelte. »Entschuldigen Sie, das Mädchen muss noch erzogen werden.«

»Ich hätte auch gern einen Hund gehabt. Aber mein Mann war dagegen.«

»Das kann ja noch werden«, bekam sie zur Antwort. Dann ging sie weiter und sagte: »Einen schönen Tag noch.«

»Den wünsche ich Ihnen auch.«