Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Mörderin aus der Retorte - Ist Lydia ein Mensch? Nein, sie ist mehr. Sie ist besser. So hat sie ihr 'Vater' Carl Jannek geschaffen, ein exzentrischer Milliardär, für den buchstäblich alles möglich scheint. Als aber Janneks Leben vorzeitig von Profikillern beendet wird, holen seine Erben Lydia aus dem Tank, in dem sie entstanden ist. Und Lydia findet sich allein und komplett unerfahren in einer fremden, kalten Welt. Sie weiß unglaublich viel, aber sie kennt nichts. Nicht den Geschmack eines Cheeseburgers. Nicht den Klang von Musik. Und die Menschen schon gar nicht. Daher weiß sie auch nicht, was falsch daran sein sollte, Carl Janneks Bruder zu gehorchen, der ihr neuer 'Vater' geworden ist. Und dem Lydias übermenschliche Unterstützung nur zu gelegen kommt, um alle Hindernisse auf dem Weg zum Erbe eines unfassbaren Vermögens beiseite zu räumen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 410
Veröffentlichungsjahr: 2018
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
›Dass mir der Hund das Liebste ist,
sagst Du, oh Mensch, sei Sünde.
Doch der Hund bleibt mir im Sturme treu,
der Mensch nicht mal im Winde.‹
(Sprichwort, häufig Franz von Assisi zugeschrieben)
Auftakt
Zwei Enden
Ein Anfang
Eine Geburt
Väter
Töchter und ein Sohn
Freiheit
Recht und Unrecht
Fesseln
Auswege
Eingänge
Finale
Ausklang
Lydias Augen sind geschlossen, und doch sieht sie. Sie ist nach keiner denkbaren Bedeutung des Wortes bei Bewusstsein, und doch denkt sie. Sie hört auch, aber sie riecht nicht. Sie spürt Berührungen, aber die sind nicht echt. Ihre Gedanken sind nicht frei, sie entstehen nicht in ihr, sondern sie kommen von außen, und die Bilder, die sie sieht, kommen nicht über ihre Sehnerven.
Sie lernt.
Am Anfang lernte sie langsam, aber sie hat gelernt, schneller zu lernen, und jetzt ist sie beinahe bereit. Sie weiß nicht genau, für was, aber sie weiß, dass ›es‹ bald so weit ist. Sie befasst sich mit komplexen mathematischen Beweisen, verschiedenen aktuellen kosmologischen Theorien, den Wirkungen exotischer Krankheiten auf den menschlichen Organismus, den Werken von Lew Tolstoi und modernen Fertigungstechniken für Kinderspielzeuge. Sie hört Vorträge, sie liest Bücher, sie sieht bewegte Bilder.
Niemand weiß genau, was ihre Aufgabe sein wird.
Nicht einmal ihr Vater oder sie selbst.
Trotzdem ist sicher, dass kaum etwas von dem, was sie lernt, für ihre Aufgabe wichtig sein wird, wenn sie erwacht. Aber alles davon könnte eines Tages eine Rolle spielen. Außerdem hat ihr Vater sie nicht für eine bestimmte Aufgabe erschaffen.
Das weiß sie.
Er hat es getan, weil er es kann.
Er hat es getan, um herauszufinden, was möglich ist.
Und er war selbst überrascht von der Antwort.
Sie ist sich aber sicher, dass sie eine Aufgabe erfüllen wird, wenn sie erwacht. Sie wird leben und ihrem Vater dienen. Sie erwartet das mit Anspannung, Unsicherheit und Freude. Ihr Verstand ist dem eines jeden lebenden Menschen weit überlegen. Sie weiß unsinnig viel.
Aber sie hat noch nicht gelebt. Sie hat noch nie die Welt erfahren, wie sie wirklich ist. Sie hat Filme gesehen. Dokumentarfilme, Spielfilme, Western, Science-Fiction-Filme, romantische Komödien und Films Noirs, sie hat Horrorfilme und Fantasyfilme gesehen, aber sie weiß, dass sie alle nicht die Welt abbilden, wie sie wirklich ist. Oder jedenfalls nur teilweise und trügerisch.
Lydia weiß, dass nur das Leben sie lehren kann, wie die Welt wirklich ist. Und wie sie selbst wirklich ist. Ob sie ihren Vater zufriedenstellen wird oder ob sie ihn enttäuschen wird. Ob er sie lieben wird oder verachten. Lydia freut sich auf ihr Leben, aber sie fürchtet sich auch ein wenig davor.
Viktoria Sorokin griff nach dem Telefonhörer, seufzte und ließ die Hand wieder sinken. Sie faltete die Hände vor sich auf ihrem Schreibtisch und schaute unzufrieden auf ihre Finger. Sie wusste nicht einmal genau, wen sie hatte anrufen wollen.
Sie kontrollierte den Sitz der Glock in ihrem Halfter, die Statusmeldungen der Bewegungsmelder, der Fenster-, Tür-, Lüftungsschacht- und zahllosen sonstigen Sensoren des riesigen Anwesens und schließlich den Sitz des Kentknotens ihrer Krawatte. Alles tadellos. Natürlich war es ein gewisses Risiko, keine Clip-Krawatte zu tragen, aber sie hatte es allen ihren Leuten so vorgegeben. Carl Janneks Personenschützer konnten sich nicht kleiden wie Rausschmeißer in einem irischen Pub.
Sie hatte im letzten Jahr einmal über diese speziellen Krawatten – anchor ties – nachgedacht, die wenigstens nicht umherflattern konnten, weil sie am Hemd festgeknöpft wurden, aber das auch wieder verworfen, aus dem gleichen Grund. Generell versuchte sie, die Standards des Secret Service zu übertreffen, statt sie nur einzuhalten, aber in diesem Fall musste sie sich bis auf Weiteres damit abfinden, Par zu spielen.
Das schlechte Gefühl, das ihr seit fast einer Stunde keine Ruhe ließ, hatte ziemlich sicher nichts mit Krawatten zu tun. Falls es überhaupt mit etwas zu tun hatte. Die nervöse Gewissheit, dass etwas nicht in Ordnung war, überkam sie nach ihrer eigenen Statistik ungefähr alle sechs Wochen, und zwar ging an diesen Tagen jedes Mal auch tatsächlich etwas schief. Aber nur selten etwas, das über das normale Maß hinausging. Ob das Gefühl überhaupt etwas Signifikantes aussagte, konnte sie aufgrund der noch zu schwachen Datenbasis nicht abschließend beurteilen. Zumindest bestand Hoffnung, dass ihr auch heute wieder nicht der Himmel auf den Kopf fallen würde.
Sie wählte eine nichtöffentliche Nummer im Hauptquartier der Unified Railroads Bank, einer Gesellschaft der CJ Finance Group, die wiederum eine hundertprozentige Tochter der Jannek Holdings plc war. Viktoria Sorokins Sicherheitskonzept basierte nicht auf Hoffnung. Sie zog die Tastatur ihres Computers zu sich heran und begann zu tippen.
»Unified Railroads Bank zentrale Kundenverwaltung, Sie sprechen mit Denise Wallace. Wie kann ich Ihnen helfen?«
»Sorokin, Leiterin Personenschutz Jannek Holdings plc, Autorisation Sigma Epsilon Phi 17801«, sagte sie langsam genug, dass Denise sie verstehen konnte, und schnell genug, um sie zu beeindrucken. »Ich schicke Ihnen just in diesem Moment eine E-Mail mit einer Liste von Kontonummern. Bitte senden Sie mir so schnell wie möglich die entsprechenden Umsatzlisten und analysieren Sie alle auf ungewöhnliches Verhalten, egal wann die letzte Analyse durchgeführt wurde.«
»Es tut mir leid, Mrs. Sorokin, ich darf ohne die Zustimmung des Kontoinhabers keine Kontodaten herausgeben.«
»Die Konten gehören sämtlichst Mitgliedern meines Teams. Sie werden die erforderlichen Einwilligungen in den jeweiligen Akten finden. Sollte eine fehlen, nehmen Sie bitte Bezug auf meine eben genannte Autorisation und wenden Sie sich an Ihren Teamleiter. Unverzüglich.«
Denise Wallace zögerte nur kurz, bevor sie antwortete.
»Selbstverständlich, Mrs. Sorokin. Sie werden die Informationen in spätestens zehn Minuten vorliegen haben.«
»Wenn die IT das Problem mit dem Spamfilter inzwischen in den Griff bekommen hat«, brummte Viktoria, noch immer verärgert von der Diskussion, die sie gestern mit dem technischen Support geführt hatte. »Vielen Dank!«
Sie trennte die Verbindung.
Und wartete auf die Antwortmail der URB.
Sie hob eine Hand zum Sprechknopf ihres Funkgeräts und ließ sie wieder sinken.
Irgendetwas stimmte nicht.
Aber sie kam nicht drauf.
Und plötzlich wusste sie es. Kim hatte heute Morgen nasse Haare gehabt.
Sorokin drückte die Schnellwahltaste für die Fuhrparkmanagerin. Bevor Patrizia ein Wort sagen konnte, kam sie ihr zuvor:
»Befindet sich Kim Ji-Dings Fahrzeug mit dem Kennzeichen« sie musste kurz überlegen, »HTQJ7993 in der Garage? Eine dunkelblaue Corvette«, fügte sie sicherheitshalber hinzu, falls ihre Erinnerung sie doch trog.
Viktoria Sorokin stand bereits, als Patrizia ihr antwortete: »Nein, befindet sich nicht in unserer Garage.«
Kim liebte sein Auto. Sechs Jahre lang hatte er diesen Wagen abbezahlt. Er verbrachte seine gesamte Freizeit damit, ihn in Stand zu halten. Unter normalen Umständen hätte er davon erzählt, wenn etwas mit dem Wagen nicht stimmte.
Einerseits konnte Viktoria sich schwer vorstellen, dass Kim so dämlich war, ein so offensichtliches Zeichen zu geben. Andererseits war es unbestreitbar ungewöhnlich, und er war heute dafür eingeteilt, Carl Jannek zu begleiten.
Mit einer routinierten Bewegung prüfte sie erneut den Sitz ihrer Glock, während sie aus ihrem Büro ging und in den Lift trat. Kellergeschoss drei. Sorokin war seit Jahrzehnten in verschiedenen Bereichen tätig, die alle im weiteren Sinne mit Sicherheit zu tun hatten. Sie hatte gelernt, dass die offensichtliche Dummheit eines Fehlers ihn nicht weniger verdächtig machte.
Umgehend setzte das flaue Gefühl ein, das durch die Abwärtsbewegung der Kabine ausgelöst wurde. Die Lifts in dem Gebäude wurden mit einer deutlich höheren Beschleunigung betrieben als gewöhnliche Personenaufzüge, aber für Viktoria dauerte es viel zu lange. Kurz erwog sie, Kim zu kontaktieren, entschied aber, dass die Gefahr, ihn damit zu schnellem Handeln zu drängen, größer war als die Chance, ihn durch die Warnung von seinem Plan abzuhalten, falls er denn tatsächlich einen hatte.
Sie sah auf die Uhr und überprüfte noch einmal den Sitz der Glock. Sah wieder auf die Uhr. Und wusste sofort danach schon nicht mehr, wie spät es war. Die Kabine kam zum Stehen. Die Türen öffneten sich mit einem leisen Surren. Sorokin betrat den Korridor. Kim kam ihr bereits entgegen. Sein Blick war unstet und sein Atem beschleunigt. Seine Hände zitterten. Er blieb fast acht Meter vor ihr stehen.
Es war zu spät.
Für einen Moment fühlte sie sich, als würde ihr gleich schwindlig werden. Es war, als hätte ihr jemand einen Schlag in den Magen versetzt.
Sie hatte noch nie jemanden verloren.
Sie hatte noch nie versagt.
Kein gutes Gefühl.
»Wo ist Julius?«, fragte sie Kim.
Julius war der Codename von Carl Jannek. Der schlanke kleine Asiate zuckte die Schultern und verzog sein Gesicht zu einer angestrengten Grimasse, die wohl ein Lächeln sein sollte.
»Er hat uns rausgeschickt, weil er was mit Custer besprechen wollte.«
Hätte stimmen können. Jannek tat das öfter. Sorokin glaubte trotzdem kein Wort. Sie bewegte ihre Hand in Richtung ihres Halfters. Kim tat das Gleiche. Kim zog seine Pistole und hob sie. Er schoss als Erster. Aber er war zu schnell. Zu angespannt. Die erste Kugel verfehlte Viktoria, wahrscheinlich nur knapp. Sie hörte, wie das Geschoss hinter ihr in die Wand einschlug. Sofort nach dem ersten Schuss drückte Kim noch einmal ab. Dieser Schuss ging nicht mal in die richtige Richtung.
Kim war zu nervös. Viktoria nahm sich die Zeit, gründlich zu zielen. Sie war auch nervös und zwang sich gerade deshalb, langsam zu agieren. Natürlich trug Kim eine Schutzweste, deshalb zielte sie auf den Kopf. Als sie sicher war zu treffen, krümmte sie den Zeigefinger. Das Ergebnis war kein schöner Anblick.
Sie rannte zu der Tür, hinter der Jannek und Custer sein mussten. Wahrscheinlich auch Pete, der zweite Begleiter heute. Sie fand sie. Alle drei lagen reglos am Boden, in einer einzigen großen Blutlache.
***
Diane fühlte sich wunderbar frei und sehr zufrieden mit sich selbst. Auf ihrem Schreibtisch lag ein enormer Stapel fertig korrigierter Klassenarbeiten, und sie war stolz auf ihre Schüler.
John Wahler hatte eine Zwei minus erreicht. Diane hatte immer gewusst, dass er es schaffen konnte, und offenbar hatte er nun endlich beschlossen, es zu versuchen. Er hatte Probleme, sich zu konzentrieren, aber er war einfallsreich und hatte eine Gabe für Improvisation. Bei ein paar Fragen hatte er offensichtlich die Antwort nicht gekannt, aber er hatte sich genug einfallen lassen, um trotzdem die meisten Punkte in ihrem Bewertungsbogen zu erwischen.
Dianes gute Laune war der Grund, dass die entschieden zu laute Musik hinter der Tür mit dem geschmacklosen ironischen Jessica-Simpson-Poster sie nicht störte. Sie machte sich nicht einmal die Mühe, die in Hot Pants und einem Bikinioberteil posierende Sängerin mit einem verächtlichen Blick zu bedenken, und trat einfach ein in das Zimmer ihrer Tochter.
»Ronica«, rief sie über Jay-Zs Sprechgesang hinweg ihrer Tochter zu, »ich bin jetzt fertig, wir können los!«
Oder war es gar nicht Jay-Z? Diane war mehr für Folk und Singer/Songwriter und hatte gelegentlich Schwierigkeiten, den Überblick darüber zu behalten, welche Rapper Ronica gerade bewunderte und welchen sie einen baldigen, aber langwierigen Tod wünschte.
»Ey!«, rief ihre Tochter zurück, und als sie sah, dass Diane die ganze Bedeutungstiefe dieser Bemerkung nicht durchschaute, versuchte sie es noch einmal: »Ey! Hallo?« Diane hob ihre Arme in einer fragenden Geste. Ronica war offenbar verärgert, aber Diane wusste nicht, was sie falsch gemacht hatte.
Ronica drückte einen Knopf, der Lärm verschwand, dann schnitt sie eine Grimasse und seufzte. Sie trug ihre Lieblingsjeans, die aussah, als wäre sie einige Jahre lang auf einer Ölbohrplattform als Putzlappen benutzt worden, und einen Pullover, den man vor lauter Buttons und Flicken kaum sehen konnte.
»Denk mal nach«, sagte sie.
Diane grinste. Sie war zu gut gelaunt, um zu streiten.
»Sag's mir einfach, ich komm nicht drauf.«
»Sag mal, hast du geklopft?«
»Oh.«
»Ganz genau, oh. Und außerdem stehst du auf meinem roten Shirt mit den Drachen.«
Diane blickte an sich hinab und sah, dass Ronica recht hatte. Schuldbewusst trat sie einen Schritt zur Seite.
»Schäm dich. Jetzt gleich. Und ich kann leider nicht mit, ich hab noch was vor. Frag David. Bestimmt kann sein Spielkram auch mal 'ne Weile ohne ihn und Twitter hat er ja auf dem Handy.«
Diane hob einen mahnenden Zeigefinger.
»Die Experimente deines Bruders sind kein Spielkram.«
Ronica schnaubte, fuhr sich mit einer Hand durch ihren Mopp von roten Haaren und verdrehte ihre hellblauen Augen.
»Oh sicher, bestimmt wird er morgen eine makellose Theorie ›Von Allem‹ veröffentlichen und von einer Über-Nobel-Kommission zum ›Größten Wissenschaftler aller Zeiten‹ ernannt.«
Diane vollführte eine Na-siehst-du-Geste.
»Dann fange ich an, ihn ernst zu nehmen«, sagte Ronica. »Solange er nur zwei Flüssigkeiten zusammenkippt und guckt, ob sie die Farbe wechseln, ist das Spielkram.«
»Und weißt du, manchmal wünschte ich mir, deine Freizeitbeschäftigungen wären ähnlich harmlos.«
»Kein Deal. Und jetzt raus, ich will mich umziehen.«
Diane hob eine Augenbraue und grinste ihre Tochter an.
»Weißt du«, sagte sie langsam und genussvoll, »man sieht das Loch von deinem Nasenpiercing immer noch deutlich.«
»Boah, weißt du, da macht man einmal einen Fehler!«
»Ich sage es jetzt nicht. Aber du weißt, was ich meine.«
Diane trat zurück in den Flur und versuchte es bei der nächsten – posterlosen – Tür.
Diesmal dachte sie daran zu klopfen.
Als sie auch beim zweiten Mal keine Antwort bekam, zuckte sie schließlich die Schultern – es war ihr Haus, verdammt noch mal – und trat doch einfach ein. David saß an seinem wie immer tadellos aufgeräumten Schreibtisch, mit dem Telefonhörer am Ohr. Er trug eine Cordhose und ein hellblaues Hemd, das er bis zum Kragen zugeknöpft hatte. Seine hellbraunen Haare waren zu einem perfekten Rechtsscheitel frisiert. Manchmal fragte Diane sich, ob er und Ronica wirklich verwandt waren.
»Na gut«, sagte er gerade, »wie ist es denn dann nächste Woche? Weißt du noch nicht. Na ja, aber vielleicht können wir da ja ... Ja. Ja, klar, ich meld mich dann einfach noch mal, ja? Gut. Ja, tschüss dann, und viel Spaß am Wochenende.«
Er steckte den Hörer zurück in die Station und drehte sich zu Diane um. »Findest du nicht, dass ich vielleicht auch ein kleines bisschen Privatsphäre verdient habe?«, fragte er sie.
Er wirkte nicht ärgerlich, aber das tat er eigentlich nie. Ronica war in der Familie fürs Temperament zuständig.
»Es tut mir leid. Du hast nicht geantwortet, und da dachte ich mir ...«
»Dass ich nicht da bin?«
»Na ja, nein, ich weiß ja, dass ...«
»Dass ich zu beschäftigt bin, um dich reinzubitten? Ja, ergibt voll Sinn, dann einfach so reinzukommen.«
Diane schnitt eine Grimasse und streckte ihm die Zunge heraus.
»Kommst du mit zum Strand oder nicht?«, fragte sie.
»Hat Dad dir mal gesagt, dass du Konflikten nicht immer einfach ausweichen solltest?«
»Ich kann auch alleine fahren.«
»Na, Dad hat dir ganz bestimmt gesagt, dass du das nicht tun sollst. Du weißt, dass du die schlechteste Fahrerin in ganz Kalifornien bist. Und das heißt schon was.«
»Wir könnten bei dem Spaziergang gerne stundenlang über dein enormes Bedürfnis nach Privatsphäre sprechen, und darüber, dass du vielleicht eher eine Chance hast, ein Date zu bekommen, wenn du zumindest den obersten Knopf aufmachst.«
»Ich würde ja mitkommen«, sagte er ganz ernsthaft. »Aber ich treffe mich heute Abend mit Tasha.«
Tasha. »Das ist die, die nur so tut, als hätte sie dich gern, weil dein Großvater reich ist?«
David nickte.
»Dir ist klar, dass manche Menschen der Meinung sind, dass das ein Grund sein könnte, weniger Zeit mit ihr zu verbringen?«
Er zuckte die Schultern.
»Sicher. Viele Leute glauben auch, dass Nostradamus die Zukunft vorausgesagt hat, oder dass Vitamin C gegen Krebs hilft.«
»Ich finde schon, dass das was anderes ist.«
»Tasha ist doch nett, oder?«
»Ja. Also. Na ja. Ja. Aber darum geht es doch jetzt gar nicht.«
Er sah sie an und schwieg, bis sie die Lust verlor.
»Schon gut. Viel Spaß und sei um Mitternacht wieder zu Hause«, sagte sie. Dann dachte sie noch einmal nach. »Vergiss das. Hab Spaß und schau nicht auf die Uhr. Wir sehen uns schon irgendwann wieder. Und mach in Gottes Namen den Knopf auf, ich krieg Atemnot von dem Anblick!«
»Klar.«
Er zuckte die Schultern.
Diane stapfte die Treppe hinunter zu ihrem Auto. Mark musste sie gar nicht fragen, der konnte den Strand im Winter nicht ausstehen. Sie würde auch alleine ihren Spaß haben.
Sie stieg in ihren Wagen und fuhr rückwärts zur Straße. Sie konnte gerade noch rechtzeitig anhalten, bevor sie zum dritten Mal in diesem Jahr den Briefkasten umfuhr. Das Ding stand aber auch sehr ungünstig. Ohne weitere Zwischenfälle gelangte sie bis zum Great Highway.
Der permanente Stau, der in San Francisco den anderswo üblichen Straßenverkehr vertrat, schien heute weniger dicht als sonst. Es sah aus, als könnte sie Lands End in unter einer Stunde erreichen.
Diane glaubte nicht an die Stauwarner-App, die Mark vor jeder längeren Autofahrt konsultierte. Sie hatte noch nie erlebt, dass jemand dadurch Zeit gespart oder einen Stau vermieden hätte. Sicher, im besten Fall wusste man eben vorher, dass man zwei Stunden lang vor der Golden Gate Bridge herumstehen würde, aber was nützte das? Die einzige ernstzunehmende Möglichkeit, einen Stau zu vermeiden, war, nach Nebraska zu ziehen. Oder Kansas.
»Lesen du musst, wenn eine Nachricht du hast«, sagte Yodas Stimme aus ihrem Telefon.
Sie fummelte ihr uraltes Handy aus der Tasche. Eine Nachricht von Ronica: ›Hey Mom, du bist doch sicher noch nicht weit. Kannst du zurückkommen und mich doch mitnehmen? Tut mir leid, dass ich so fies war.‹
Diane lächelte. Und bremste gerade noch rechtzeitig vor der roten Ampel, um nicht auf den Pick-up vor ihr aufzufahren. Das war knapp. Sie drückte auf ›Antwort‹ und versuchte, sich auf die linke Spur zu drängeln, damit sie hier wenden konnte. Die nächste Kreuzung war weit weg. Hinter ihr hupte jemand. Oder neben ihr, sie konnte das Geräusch nicht so genau orten.
›Klar, bin gleich da‹, schrieb sie.
Und hatte den Spurwechsel geschafft. Die Ampel sprang auf Grün, sie legte den Blinker um, kurz bevor sie abbog. Sie war viel zu sehr mit ihrem Telefon beschäftigt, um den schweren Truck zu bemerken, der ihr entgegenkam. Außerdem war die Kreuzung wirklich sehr unübersichtlich.
›Vergiss nicht, dich warm ...‹, schaffte sie noch zu tippen, bevor der Truck sie rammte.
***
»Pfffsch ... Ähmmm ...«
Manchmal fragte Mark sich, wozu er Psychologie und Medizin studiert hatte. Steve Woyzcek behauptete zwar oft und gerne, dass Marks Qualifikation einen enormen Vorteil für das Management darstellte, aber er selbst hatte eigentlich nicht das Gefühl.
Er stützte das Kinn auf die Hände und starrte hinunter auf den Schnellhefter, der aufgeschlagen auf dem großen marmornen Konferenztisch in Woyzceks protzigem Büro lag. Der Mann ekelte sich vor gar nichts. Er hatte einen Pollock an der Wand hängen, direkt neben einem neoklassischen Gemälde, Hauptsache teuer. Er hatte einen offenen Gaskamin, der per Schalter entzündet werden konnte und zum restlichen Design des Raumes ungefähr so gut passte wie eine Ritterrüstung oder eben das neoklassische Gemälde. Irgendwann würde Mark herausfinden, von wem es stammte, um besser drüber nachdenken zu können. Er hatte Woyzcek mal gefragt, aber der wusste es natürlich auch nicht.
Nicht, dass irgendetwas anderes zusammengepasst hätte. Der Konferenzraum war ein beeindruckender Versuch, die optimale Synthese aus enormem finanziellem Aufwand und erbärmlich schlechtem Geschmack zu schaffen.
Mark arbeitete lange genug hier, um diese Tabelle voller Zahlen und merkwürdiger Symbole verstehen zu können, die da vor ihm lag. Das Problem war auch nicht, dass er sie nicht hätte interpretieren und Schlüsse daraus ziehen können. Das Problem war, dass er Tabellen hasste. Er konnte sie nicht ausstehen, er verabscheute jede Art von Berechnung, und ihm war jede einzelne Sekunde seiner Statistikvorlesungen an der Universität zuwider gewesen.
Er hasste auch Steve Woyzcek, aber das war ein zweitrangiges Problem. Manchmal konnte er sich einreden, dass seine Einsichten in die Arbeit des menschlichen Verstandes ihm zumindest Möglichkeiten zeigten, seine Gefühle zu kontrollieren und sich von solchen Ärgernissen nicht in Frustration und Untätigkeit treiben zu lassen.
Manchmal. Auf der anderen Seite war auch nicht alles an der Arbeit schlecht. Einzelne Aspekte gefielen ihm sogar. Und das Geld war natürlich überhaupt nicht schlecht.
Mark lebte nicht nur für Geld, aber er fand es doch sehr angenehm, genug davon zu haben, um nicht nur erfreulich angenehm leben, sondern sogar noch einen angemessenen Betrag als Altersvorsorge zurücklegen zu können.
Da Diane sich für den nicht außerordentlich gut bezahlten Beruf einer Lehrerin entschieden hatte, würden sie sich sicherlich in vielerlei Hinsicht einschränken müssen, falls er beschließen sollte, wieder eine Praxis zu eröffnen. Nicht dass es an der Nachfrage nach Psychiatern gehapert hätte, aber Selbstständigkeit war einfach ein höheres Risiko, und zumindest am Anfang würde er sicher erheblich weniger verdienen.
Und Diane hatte eine klare Entscheidung getroffen, Lehrerin zu bleiben. Aus ihrer Perspektive war Geld nicht so wichtig. Mark war unter anderen Bedingungen aufgewachsen und konnte sich nicht von der Furcht befreien, irgendwann einmal zu wenig davon zu haben.
»Sieht so aus, als hätte Bob es nicht ganz geschafft«, sagte Mark, weil er das Gefühl hatte, dass es Zeit wurde, etwas zu sagen. Und wenn nur, um zu signalisieren, dass er über die Tabelle und die enthaltenen Zahlen nachdachte statt über die Rollenverteilung innerhalb seiner Familie und die Prägung, die ihre jeweilige Kindheit bei Diane und ihm hinterlassen hatte.
»Sehe ich auch so«, stimmte Steve zu.
Er sah Mark an und wartete offenbar auf weitere Ausführungen. Mark war schon gespannt, auf welche abwegige Weise Steve versuchen würde, seine Expertise in dieses Gespräch einzubeziehen. Steve war sehr stolz auf seine Idee, einen Psychiater ins Team geholt zu haben.
»Wir haben ihm ja von Anfang an gesagt, dass es eine Totgeburt wird. Kein Mensch interessiert sich für neue Suchmaschinen, und nicht mal ich hab verstanden, was an seinem Konzept besser sein sollte als Google.«
Steve seufzte und schüttelte den Kopf, während er mit seinem sagenhaft protzigen Mont-Blanc-Füllhalter herumspielte. Mark konnte nicht erkennen, ob seine Enttäuschung Bobs Versagen galt oder Marks Unfähigkeit, ihre wirklichen Gründe zu durchschauen. Er war sich ziemlich sicher, dass Steve das so wollte.
»Das ist natürlich ein Problem«, sagte Steve.
Was er meinte, war: Es ist aber nicht der eigentliche Grund. Mark hatte eine Weile gebraucht, bis er herausfand, dass man für ein bedeutungsvolles Gespräch mit Steve Woyzeck den tatsächlichen Inhalt seiner unvollständigen Bemerkungen für sich selbst ergänzen musste. Inzwischen war er ziemlich gut darin.
Steve sagte: »Ich habe ihm gesagt, dass er es versuchen soll, weil er mich überzeugt hat. Ich stehe immer noch hinter der Idee. (Hinter Bob stehe ich aber vielleicht nicht mehr so unbedingt.) Ich weiß, dass er es schaffen kann. Seine Idee war gut. Und er gibt sich große Mühe. (Aber das reicht natürlich nicht).«
»Ich spreche mit ihm«, schlug Mark vor.
»Mach das. Er ist wirklich ein guter Mann. (Es wäre echt schade, wenn ich ihn rauswerfen müsste)«, meinte Steve.
»Ich glaube immer noch, dass wir uns mehr auf das Webdesign und den Support konzentrieren sollten«, sagte Mark. »In diesem Bereich ...«
»Entschuldigen Sie ... Doktor Dallows?«, kam Rachels Stimme aus der Sprechanlage.
Er drückte auf den Sprechknopf.
»Ich bin hier.«
»Doktor Dallows, hier ist ein Lieutenant Barx von der Polizei, der mit Ihnen sprechen möchte.«
Polizei. Mark dachte kurz nach, ob ihm ein Grund einfiel, der Lieutenant Barx zu ihm führen könnte. Was hatte Ronica getan? Hoffentlich nichts Ernstes.
»Worum geht es denn?«
Eine kurze Pause. Dann knackte der Lautsprecher wieder und Rachel antwortete:
»Er möchte mit Ihnen persönlich sprechen, Doktor Dallows.«
Dann war es vielleicht wirklich etwas Ernstes. Er warf einen kurzen Blick zu Steve. Der tat so, als hätte er von dem ganzen Gespräch gar nichts mitbekommen und blätterte in seinen Unterlagen, als wäre er allein.
»Ich komme.«
Vor Rachels protzigem Marmortresen standen zwei Personen, die kaum unterschiedlicher hätten sein können. Wenn Mark nicht so besorgt gewesen wäre, hätte ihn das Bild bestimmt schmunzeln lassen.
Die Frau schien eilig aus grobem Holz geschnitzt, mit einem kantigen, ausdruckslosen Gesicht und ungewöhnlich breiten Schultern. Sie war bestimmt zehn Zentimeter größer als Mark, der selbst kein Zwerg war. Sie stand in ihrem schwarzen Anzug starr wie ein Standbild und schien nicht einmal zu atmen. Ihre schwarzen Haare waren mit Pomade oder einem ähnlichen glänzenden Schmierkram zurückgekämmt und in ihrem rechten Ohr steckte ein Knopf, von dem aus ein dünnes durchsichtiges Kabel in ihren weißen Hemdkragen spiralte. Sie trug eine teure, schmale Sonnenbrille.
Der Mann war deutlich kleiner als Mark, ungefähr das gleiche Format wie die zierliche Rachel. Er stand unruhig, wippte hin und her, fuhr sich mit einer Hand durch seine unordentlichen Haare, die offenbar schon einige Friseurbesuche übersprungen hatten. Auf einen flüchtigen Blick wirkte er mit seinem jungenhaften Gesicht, als wäre er erst Anfang Zwanzig, und dennoch musste er Lieutenant Barx sein. Mark war sich ziemlich sicher, dass Polizisten üblicherweise keine Knöpfe in ihren Ohren trugen, und der schwarze Anzug der kantigen großen Frau war offenkundig eine Maßanfertigung, während die verknitterte hellgraue Jacke des zierlichen Mannes an den Ärmeln sichtbar über den Daumenansatz hinausragte. Der jugendliche Eindruck, den er vermittelte, wurde dadurch noch verstärkt. Polizisten trugen üblicherweise keine Maßanzüge. Außerdem hatte Rachel gesagt, dass ›er‹ mit Mark persönlich sprechen wollte.
»Mister Dallows!«, rief der Jüngere etwas zu laut und eilte Mark um den Tresen herum entgegen. »Entschuldigen Sie, Doktor Dallows«, fügte er hinzu, während er Mark seine Hand entgegenstreckte.
»Schon gut, ich bestehe nicht auf dem Doktor«, erwiderte Mark. »Sie sind Lieutenant Barx?«
»Ja, genau.« Er nickte heftig.
Die Hand des Polizisten war kalt und klamm. Marks Sorge wuchs. Entweder war der Lieutenant von Natur aus ein Nervenbündel oder er brachte wirklich schlechte Nachrichten.
»Was gibt's?«, fragte er.
Die Frau im schwarzen Anzug stand einfach nur da. Die verspiegelten Gläser der Sonnenbrille gaben keine Auskunft darüber, wohin sie blickte. ›Vielleicht ist der Polizist ja auch ihretwegen nervös‹, dachte Mark.
»Ich ... Doktor Dallows ... ich bringe eine Nachricht. Vielleicht möchten Sie sich setzen?«
Der Polizist sprach sehr schnell und sah Mark dabei nicht in die Augen. Sein Kopf ruckte hin und her als fürchtete er, verfolgt zu werden. Eine Nachricht. Eine schlechte Nachricht. Er hatte gefragt, ob Mark sich setzen wollte. Mark wurde heiß. Er hatte dieses juckende Gefühl am ganzen Körper, das signalisierte: Er begann zu schwitzen. Es fiel ihm schwerer zu atmen.
»Worum geht's?«
Ronica? War ihr etwas zugestoßen?
»Doktor Dallows, ich denke ... Vielleicht sollten wir lieber ... Sehen Sie ...«
»Bitte sagen Sie es mir einfach.«
Lieutenant Barx kratzte sich vorne an seinem Hals. Er blickte auf Marks Schuhe, auf die Tür hinter ihm, auf den Marmortresen und dann auf seine Armbanduhr. Er schien sich ein wenig zu erschrecken, vielleicht weil ihm klar wurde, dass es sehr unpassend war, in so einem Moment auf die Uhr zu schauen, und heftete seinen Blick wieder fest auf Marks Schuhe.
»Doktor Dallows ... Ihre Frau ...«
Er sah so aus, als wollte er weitersprechen, aber er schaffte es einfach nicht. Mark musste sich beherrschen, um den kleinen Mann in seinem verknitterten Anzug nicht zu packen und zu schütteln.
»Was ist mit ihr?«, fragte er. Er schrie nicht, aber es fiel ihm schwer.
»Sie ist ... sie ... sie ist tot«, sagte Lieutenant Barx und schaute, als würde er jeden Augenblick mit einer Ohrfeige rechnen.
Merkwürdigerweise war Marks erster Gedanke, dass er selbst jetzt sicher ziemlich dämlich aussah. Sein Mund stand weit offen, sein Blick war ziellos. Er spürte, wie seine Knie weich wurden und legte sicherheitshalber eine Hand auf den Tresen. Der Marmor fühlte sich kalt und glatt und unverrückbar an. Ein gutes Gefühl.
Es war ein bisschen, als wäre er betäubt. Keine überwältigende Trauer. Keine Wut. Kein Bedürfnis, seine Kleider zu zerreißen und ›Neeeeeeein!‹ zu rufen. Er spürte kurz den Wunsch, sein Gesicht auf den kühlen Marmor zu pressen, verwarf ihn aber als abwegig.
»Sind Sie nicht sehr jung für einen Lieutenant?«, fragte er.
***
Der Legende zufolge verfügen Kinder und Narren über Schutzengel, doch George Custer war ganz sicher keins von beidem. Dennoch gelang es kaum jemandem, von diesem Vorfall zu berichten, ohne übernatürliche Helfer zu erwähnen.
Custer war einundachtzig Jahre alt. Er hatte drei Kugeln in seinem Körper gehabt, von denen keine ein lebenswichtiges Organ verletzt hatte. Die Chefärztin der Klinik, in die er zusammen mit seinem toten Mandanten und dessen toten Personenschützern eingeliefert worden war, bat Custer um Erlaubnis, seinen Fall in einem Lehrbuch zu verwenden. Custer stimmte zu, lehnte aber die dringende Empfehlung der Ärztin ab, eine Woche zur Beobachtung in der Klinik zu bleiben. Seine Frage, ob sie dies einem weniger zahlungskräftigen Patienten ebenso nachdrücklich ans Herz gelegt hätte, ignorierte sie sicherlich nur aus Zeitgründen.
George Custer war ein pflichtbewusster Mann. Das war einer der wichtigsten Gründe dafür, dass Carl Jannek ihn zu seinem Nachlassverwalter ernannt hatte. In einem Punkt jedoch sah Custer sich außer Stande, den Anweisungen seines verstorbenen Mandanten wortgetreu zu folgen. Im Keller eines scheinbar unbedeutenden und unbeachteten Nebengebäudes des gigantischen Jannek-Anwesens befand sich nach der Behauptung Carl Janneks etwas, das Custer so unfassbar schien, dass er nicht bereit war, Janneks Erben davon zu erzählen, bevor er es selbst gesehen hatte.
Erstens missfiel ihm die Vorstellung, ein potenziell welterschütterndes Geheimnis anzukündigen und dann am Ende herauszufinden, dass der sonderbare, alte Milliardär sich die Existenz dieses ›Dings‹ unter der Erde nur eingebildet hatte. Zweitens wollte er sich versichern, dass mit dem dort Verborgenen alles in Ordnung war und kein Schaden durch die Abwesenheit des Eigentümers eintrat. Drittens würde er sich bei der Testamentseröffnung und der folgenden Offenbarung des Dings im Keller deutlich wohler fühlen, wenn er schon etwas darüber wusste.
Jannek hatte vor fünf Jahren zum ersten Mal die Existenz seines aberwitzigen Forschungsprojekts angedeutet, und seit drei Jahren wusste Custer in groben Zügen, worum es sich handelte. Obwohl Jannek immer etwas schrullig gewesen war, hatte er nie zu ausgefeilten Wahnvorstellungen geneigt. Dennoch war Custer nicht bereit, an das Geheimnis zu glauben, bis er es selbst gesehen hatte. Und er war sich nicht sicher, was genau er glauben würde, wenn es so weit war.
***
Mark fuhr sich durch die Haare, blinzelte, schaute auf seine Füße, und dann wieder in ihr Gesicht.
»Ich ... Wissen Sie, ich möchte nicht, dass Sie das persönlich nehmen, also, als Beleidigung, aber ich möchte auch nicht, dass Sie es einfach auf meinen aktuellen emotionalen Zustand schieben und deshalb gar nicht ernst nehmen: Es ist mir unangenehm, mit Ihnen zu sprechen.«
»Ihre Einordnung ist nicht nötig. Diese Erfahrung schildern mir viele Menschen.«
Die Frau im schwarzen Maßanzug hatte ihre schmale verspiegelte Sonnenbrille nicht abgenommen, und auch der Rest ihres Gesichts wie auch ihre Stimme waren völlig ausdruckslos. Es fühlte sich an, als würde er mit einem Computer sprechen.
Nachdem Lieutenant Barx sich sehr eilig verabschiedet hatte – offensichtlich erleichtert, der unangenehmen Situation zu entrinnen –, war Viktoria Sorokin an Mark herangetreten, hatte sich vorgestellt und darum gebeten, mit ihm unter vier Augen sprechen zu können. Mark war nicht in der Lage gewesen, etwas anderes zu tun als zu nicken und irgendetwas Zustimmendes vor sich hin zu murmeln.
Mark musste zugeben, dass das Gespräch weniger mühsam war als sein Versuch, mit Sprache sein Mobiltelefon zu steuern, aber dafür erheblich irritierender, weil er von seinem Telefon von vornherein keine Menschlichkeit erwartet hatte. Es half nicht, dass Mark noch immer dieses taube Gefühl in sich trug, als wäre er in Watte gepackt.
»Es tut mir wirklich leid, Sie können ja wahrscheinlich nichts dafür, aber es ist so anstrengend«, erklärte er. »Mit Ihnen zu ›reden‹ ... das ist keine Kommunikation im eigentlichen Sinne. Nur ein Vermitteln von Informationen, als würde ich eine Gebrauchsanweisung lesen. Und ich fürchte, ich bin gerade einfach nicht besonders aufnahmefähig für Informationen.«
Sie nickte. »Ich bedaure das. Aber ich rate Ihnen trotzdem, mein Angebot anzunehmen. Es gibt unangenehmere Erfahrungen, als mit mir interagieren zu müssen.«
Er und Sorokin saßen in einem kleinen Konferenzraum, der zurzeit von niemandem gebraucht wurde. Mark stützte seine Arme auf die helle Tischplatte aus Calvadosholz und legte seinen Kopf in die Hände. Er roch seinen eigenen Schweiß. Warum schwitzte er? Ihm war kalt. Und ganz schwach roch er das dezente, trockene Eau de Toilette der Frau mit der Sonnenbrille.
»Ich bin nicht sicher, ob ich Sie richtig verstehe«, sagte er und schämte sich ein bisschen dafür, wie jämmerlich und müde er dabei klang.
Er stellte sich vor, wie die kalten Augen der großen kantigen Personenschützerin durch die schwarzen Gläser auf ihn herabschauten und ihn geringschätzig musterten. Er blickte von der Tischplatte auf, sah sein eigenes Spiegelbild in der Sonnenbrille und fühlte sich klein und schwach. Wie sich wahrscheinlich jeder gewöhnliche Sterbliche fühlen musste, der diesem Eisschrank von einem Menschen gegenüberstand. Vor allem, wenn er gerade erfahren hatte, dass seine Frau gestorben war.
Mark beschloss, lieber wieder auf den Tisch zu starren, musste aber feststellen, dass er sich dadurch auch nicht besser fühlte. Er atmete tief durch, setzte sich etwas gerader hin und bemühte sich, etwas Würde zurückzugewinnen. Sie konnte ja wirklich nichts dafür, und er musste es ihr nicht schwerer machen als nötig.
Sorokins Stimme war frei von jeder Geringschätzung, als sie antwortete.
»Ich halte es für möglich, dass Sie und Ihre Familie in Gefahr sind. Ich biete Ihnen Schutz an.«
In diesem Moment wurde Mark klar, dass er bald nach Hause gehen musste. Und dass er dort im Schlafzimmer das Bett vorfinden würde, das er mit Diane geteilt hatte. Keiner von beiden brachte die Disziplin auf, nach dem Aufstehen morgens das Bett zu machen, deshalb würde ihre Seite noch so dort liegen, wie Diane sie zurückgelassen hatte. Ihre Decke würde zerwühlt auf ihrer Seite des Bettes liegen, und in ihrem Kissen würde er den Abdruck ihres Kopfes sehen. Was würde er tun? Was in Gottes Namen würde er tun? Er konnte doch nie wieder in diesem Bett schlafen. Und warum konnte er eigentlich nicht weinen?
Ihm fiel auf, dass Sorokin etwas von ihm erwartete. Die große Frau mit der Sonnenbrille hatte etwas gesagt. Mark wusste noch ungefähr, was.
»Schutz.«
Mark hatte eine dumpfe Erinnerung, dass sie davon gesprochen hatte. Es war nicht nur, dass das Zentrum von Marks Welt plötzlich weggebrochen und in einen schwarzen Abgrund gestürzt war. Es war auch einfach schwer, Sorokin zuzuhören, wenn sie mit ihrer tonlosen Stimme Dinge erklärte, die Mark nicht verstand und die ihm zurzeit völlig bedeutungslos erschienen.
Sie nickte. »Mein Arbeitsvertrag sieht vor, dass nach dem Tod von Carl Jannek bis zu einer endgültigen Regelung seine Nachfahren meinem Schutz unterstehen. Da Ihre Frau seine einzige Tochter war, kommen nur Ihre Kinder dafür in Frage.«
Jedem anderen Menschen hätte man die Geduld – oder die Ungeduld – in der Stimme angehört, während sie das alles noch einmal erklärte. Nicht so bei Viktoria Sorokin. In ihrer Stimme hörte Mark gar nichts.
»Selbstverständlich können Sie das ablehnen, aber einige Anzeichen sprechen dafür, dass Sie und Ihre Familie diesen Schutz benötigen. Ich bin nicht überzeugt, dass jemand ein Interesse an Ihrem Tod hat. Aber ich bin auch nicht überzeugt, dass es nicht so ist.«
Mark wusste nicht genau, wie oft sie ihm das schon erklärt hatte, aber jetzt erkannte er zum ersten Mal alle Konsequenzen.
»Mein Schwiegervater ist auch tot?«, fragte er.
»Ja«, antwortete Sorokin.
Es war eine Überraschung. Aber kein schwerer Schlag. Diane hatte nichts mehr mit ihrer Familie zu tun haben wollen, und Mark hatte Carl Jannek beinahe überhaupt nicht gekannt. Er erinnerte sich an zwei Gelegenheiten, als er ihm begegnet war, und insgesamt hatten sie dabei vielleicht zehn Worte gewechselt. Mark wusste nicht, woher er die Geistesgegenwart nahm, an so pragmatische Dinge zu denken, aber ihm fiel etwas ein.
»Ich fürchte, ich kann Sie mir nicht leisten.«
Er hatte keine Ahnung, was eine professionelle Personenschützerin kostete, aber er wusste, dass alles, was sein Schwiegervater gehabt hatte, für ihn zu teuer sein musste. Er nahm an, dass sogar eine Tasse von Carl Janneks Kaffee das Budget seiner Familie gesprengt hätte. Ihm war nie aufgefallen, was für komplizierte Muster die Maserung im Holz solcher Tische bildete.
»Mein Team und ich werden selbstverständlich weiterhin von der Jannek Holdings plc bezahlt. Bis auf Weiteres. Zudem scheint es plausibel, dass Sie zu den Erben Carl Janneks gehören. Es steht mir aber selbstverständlich nicht zu, darüber weiter zu mutmaßen.«
Mark zuckte die Schultern und setzte ein schwächliches kleines Lächeln auf, das Sorokin natürlich nicht sehen konnte. Er war einfach noch nicht bereit, sich ernsthaft mit etwas anderem zu befassen als mit seinem Verlust.
»Mrs. Sorokin, ich fürchte, ich bin von der ganzen Situation ein bisschen überfordert. Wenn Sie sagen, dass wir in Gefahr sind und dass Sie und Ihre Leute uns gratis beschützen wollen, dann wird das wohl schon in Ordnung sein.« Mark hob seinen Kopf am Ende des Satzes gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie sie den ihren kurz ein wenig nach vorn neigte.
»Es wäre nur eine vorläufige Regelung, aber bis die Erbfolge geklärt ist, stehen ich und mein Team zu Ihrer Verfügung.«
»Ich schätze, dann spricht nichts dagegen, was?«, sagte Mark.
Er hatte keine Kraft für eine längere Erörterung. Wenn Sorokin ihm gesagt hätte, dass es an der Zeit war, sofort einen neuen Mixer zu kaufen oder einen Sportwagen, hätte Mark ihr früher oder später auch zugestimmt. Wahrscheinlich früher. ›Ein weiterer Grund, aus dem es eine gute Idee sein könnte, einen Beschützer zu engagieren‹, dachte Mark. Warum nur bekam nicht jeder Mensch einen zugeteilt, der seine Frau verloren hatte?
»Das war furchtbar«, sagte David.
Er flegelte neben seiner Schwester auf dem großen bequemen Ledersofa, das normalerweise in der Mitte des Wohnzimmers stand. Sie hatten es an eine Wand geschoben, um Platz für die Gäste zu schaffen. Ronica saß aufrecht und stocksteif da und starrte auf die Eingangstür. In der Mitte des Raumes standen noch die Tische, auf denen der Catering-Service das Buffet aufgebaut hatte. Hier und da stach fremd und schmerzhaft aus dem vertrauten Raum ein Stück Dekoration, das an Diane erinnerte: Fotos von ihr, die Marks Eltern für die Totenwache ausgewählt hatten, Fotos, auf denen sie lächelte oder Grimassen schnitt, auf denen sie so glücklich und lebendig wirkte, wie sie immer gewesen war.
Mark stand neben der Tür, mit hängenden Schultern und brennenden Augen. Er fühlte sich erschöpft, nicht nur emotional, sondern auch körperlich. Er atmete sogar ein bisschen schwer. Er hatte die Caterer gebeten, nur das Allernötigste abzuräumen und dann vorerst zu verschwinden. Sie hatten das natürlich sofort verstanden und waren sehr freundlich und zuvorkommend gewesen.
Die letzten Tage waren an Marc vorbeigezogen wie eine Diashow. Er erinnerte sich an ein paar Formulare, die er hatte unterschreiben müssen, an einen Haufen Leute, die ihm auf die Schulter geklopft und irgendeinen aufmunternden Unsinn erzählt hatten, an sehr schwierige Telefonate mit Verwandten und natürlich daran, dass seine Eltern die ganze Zeit über da gewesen waren, wenn er sie brauchte und ihm all die Dinge abgenommen hatten, die er nicht selbst hatte tragen können. Andererseits hatten sie ihn aber auch mehrfach an den Rand eines Amoklaufs getrieben mit ihrem dauernden ›Willst du nicht noch ...?‹ und ›Denkst du nicht, wir sollten ...?‹.
»Yep«, stimmte Ronica ihrem Bruder zu.
»Der Schmerz, den ihr empfindet, ist nicht unbedingt etwas Schlechtes«, sagte Mark nach einer Weile.
»Oh ja, bitte, mach weiter«, sagte Ronica. »Hast du noch mehr so Sprüche, mit denen du früher immer deine Patienten gelangweilt hast?«
Verdammt. Sie hatte natürlich recht. Er wusste, dass sie es hasste, wenn er solche Dinge sagte. Trotzdem geschah es manchmal.
»Dad kann doch nichts dafür«, sagte David.
»Ich weiß!«
Ronica stand auf und fing an, auf und ab zu tigern. Das hatte sie in den letzten Tagen oft getan. Manchmal warf sie den Tischen der Caterer einen bösen Blick zu, als wären sie die Ursache und nicht nur eine Folge des Todes ihrer Mutter.
»Glaubt ihr, dass es auch jemanden gibt, der um Großvater trauert?«, fragte David nach einer Pause.
»Bestimmt«, antwortete Mark sofort.
»Wer?«, fragte ihn Ronica.
»Eure Großmutter.«
»Ist nicht dein Ernst. Was glaubst du, warum sie ihn verlassen hat?«
»Liebe vergeht manchmal, und oft verkehrt sie sich in Hass, aber sie hinterlässt immer tiefe Spuren. Entschuldige, das war jetzt wirklich so ein Spruch.«
»Stimmt aber«, sagte David.
»Oh ja, sicher, als ob du das wüsstest«, zischte Ronica.
David hätte sicher etwas zu erwidern gewusst, aber er tat es nicht. Wahrscheinlich sah er genau wie Mark die Lippen seiner Schwester beben und den feuchten Glanz in ihren Augen. Er schwieg.
Mark hatte den Eindruck, dass Dianes Tod niemanden so sehr getroffen hatte wie Ronica. Mark hatte die letzten Tage nur halb bei Bewusstsein verbracht, und er musste sich immer noch oft bewusst daran erinnern, dass er nicht träumte. Er war sicher, dass auch David litt, obwohl er es kaum zeigte. Es war einfach nicht seine Art.
Aber nur Ronica hatte permanent Tränen in den Augen und schnappte nach jedem, der eine Hand nach ihr ausstreckte. Sie war immer für das Temperament in der Familie zuständig gewesen.
»Großmutter ist so ein verknöchertes Miststück, dass sie sich nicht mal für ihre eigene Tochter interessiert, und ihr glaubt, dass sie um dieses beknackte Fossil weint?«, fragte Ronica.
»Was auch immer deine Großmutter heute ferngehalten hat, es war sicher nicht Gleichgültigkeit«, sagte Mark mit mehr Gewissheit, als er fühlte.
»Anastasia Kerborough«, kündigte Viktoria Sorokin in diesem Moment das Erscheinen einer weißen Maybach-Limousine vor der Auffahrt an.
Zum ersten Mal seit die Feier begonnen hatte, wurde Mark sich ihrer Anwesenheit bewusst. Die große Frau im schwarzen Anzug hatte die Gabe, sich der Aufmerksamkeit anderer Menschen völlig zu entziehen. Sie stand vor dem Fenster und blickte nach draußen auf die Straße. Mark empfand einen gewissen Neid für Menschen, die einen Beruf gefunden hatten, in dem sie wirklich aufgingen.
Seit diesem unwirklichen Gespräch zwischen ihm und Sorokin war sie ›da‹ gewesen. Und wenn sie kurz mal nicht da war, vielleicht um den Akku-Pack in ihrem Rücken zu wechseln, war jemand anderes aus ihrem Team da. Und draußen vor dem Haus stand auch immer jemand. Wahrscheinlich gab es noch mehr Posten, von denen Mark nichts wusste. Vielleicht hatte Sorokin ihm irgendwann einmal gesagt, wo sie ihre Leute aufgestellt hatte, was sie taten, wie sie hießen und dass sie alle mit ihm fühlten, aber er konnte sich nicht erinnern.
Es war nicht so, dass sie irgendwie störten. Sorokin und ihre Leute waren auf geradezu unheimliche Weise dezent. Mark vergaß regelmäßig, dass sie da waren. David hatte mal gesagt, dass er auf den Tag wartete, an dem er sich auszog und in die Wanne stieg, um festzustellen, dass da schon ein Personenschützer drin saß.
Dem Fahrzeug vor der Auffahrt entstieg eine alte Frau in einem fliederfarbenen Kleid mit hohem Kragen, das sehr danach aussah, als trüge sie darunter ein Korsett. Sie hielt sich stocksteif wie die Königin persönlich, und als sie näherkam, konnte Mark durch das Fenster erkennen, dass ihre kantige Adlernase, ihre schmalen Lippen und jede einzelne Falte in ihrem Gesicht den Eindruck erweckten, mit einem Meißel dort eingekerbt worden zu sein.
Überhaupt hatte seine Schwiegermutter etwas Statuenhaftes. Das war schon früher so gewesen, aber er hatte sie zuletzt vor acht Jahren gesehen, und da auch nur sehr kurz. Diane hatte sich immer bemüht, ihn nicht mit ihrer Familie in Kontakt zu bringen. Als er Anastasia auf die Tür zu stolzieren sah, mit dem Habitus eines spanischen Inquisitors, der gerade die Fackel an einen Scheiterhaufen legt, war Mark froh darüber.
»Ich kann nicht mehr«, flüsterte er, zu leise, als dass irgendjemand es hätte hören können. »Ich kann nicht mehr. Sie waren gerade alle weg.«
Er hatte sich so gefreut, sich nicht mehr aufrecht halten und wie ein Mensch benehmen zu müssen, endlich wieder zusammenbrechen zu können. Es war vorbei. Alle waren weg. Und jetzt kam doch noch was, und dann ausgerechnet das?
Erbarmungslos öffnete Viktoria Sorokin die Tür. Sie begrüßte Anastasia Kerborough nicht, sondern ertrug stumm den sengenden Blick ihrer kalten violetten Augen, während sie sie musterte. Sie war kleiner als Sorokin, aber es wirkte dennoch, als blickte sie auf die Personenschützerin herab.
»Sie«, stieß Anastasia hervor, als würde sie etwas ausspucken. Ihr schottischer Akzent war nicht sehr ausgeprägt, aber hörbar. »Sie mit Ihrer ständigen, unerträglichen, unvermeidlichen Allgegenwart. Mit Ihrer leeren Gleichgültigkeit. Mit Ihrer permanenten Überwachung. Mit Ihren Mikrofonen und Kameras. Mit Ihren ewigen Einwänden und Ratschlägen. Sie mit Ihrer Paranoia und Ihren lächerlichen Befürchtungen. Was haben Sie getan?«
»Ich kam zu spät«, antwortete Sorokin, so ruhig als hätte Anastasia sie nach der Uhrzeit gefragt.
»T!«
Es war nur ein einziger Buchstabe, aber er genügte, um ein gewaltiges Maß an Verachtung zu vermitteln. Anastasia trat über die Türschwelle und hinein in das Wohnzimmer, als wäre Sorokin gar nicht da.
Nach einigen Schritten blieb sie stehen und ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. Mark hatte nicht den Eindruck, dass sie ihm, David oder Ronica dabei mehr Aufmerksamkeit widmete als etwa dem Couchtisch, dem großen Bücherregal oder einem beliebigen Bild an der Wand. Er glaubte, einen schwachen Mottenkugelgeruch wahrzunehmen, hielt es aber für möglich, dass er sich den nur einbildete.
Anastasia schien den Raum sehr abschätzig zu betrachten, und Mark wurde bewusst, wie halbfertig und chaotisch die Reste der Totenwache auf sie wirken mussten, aber er war sicher, dass sie genauso verächtlich auf sein Wohnzimmer geblickt hätte, wenn er es tagelang für sie gereinigt und aufgeräumt hätte.
Ronica blies sich eine rote Haarsträhne aus ihrem Gesicht und richtete sich auf. Sie sah aus, als würde sie darauf warten, jemanden anzufallen.
»Wo ist sie?«, fragte Großmutter.
»Wer?«, fragte Ronica ohne die geringste Verzögerung zurück.
Anastasia ließ einige Sekunden verstreichen, in denen sie Ronica musterte wie einen Hund, der in einem unpassenden Moment gebellt hatte.
»Meine Tochter«, antwortete Anastasia an Mark gewandt, als hätte er gefragt.
Mark stand auf. Er war nicht sicher, ob er die Kraft dazu hatte, aber er wusste, dass sich gleich etwas sehr Unschönes ereignen würde, wenn er nichts dagegen unternahm.
»Anastasia«, sagte er und streckte ihr seine Hand entgegen. »Schön, dass du es doch noch geschafft hast. Können wir dir vielleicht ...«
»Wo ist sie?«
»Sie ist weg!«, schrie Ronica sie an.
»Ronica, bitte«, sagte Mark, und wusste schon im selben Augenblick, dass das genau das Falsche war.
»Was glaubst du denn, wo sie ist?« Ronica kümmerte sich gar nicht um ihn. »Sie liegt in dreiundvierzig kleinen Plastiktüten in einem großen Kühlschrank und wartet auf Quincy! Du kommst hier rein wie ...«
Mark packte ihren rechten Oberarm. Das war sicher auch nicht richtig, aber es schien ihm die einzige Möglichkeit zu sein, sicher zu gehen, dass sowohl Ronica als auch Anastasia das Wohnzimmer wieder lebend verlassen würden.
»Ronica!«
Diesmal verstummte sie. Vielleicht, weil es das erste Mal war, dass er sie auf diese Weise anfasste.
»Au«, sagte sie, viel leiser, mit einem vorwurfsvollen Blick.
Er ließ seine Hand sinken. Er war sicher, dass er ihr nicht weh getan hatte. Großmutter Anastasia sah die beiden ohne Ausdruck an. Dann vollführte sie eine Bewegung, die möglicherweise die Spur eines angedeuteten Schulterzuckens war.
»Du hast Schwung, Ronica«, sagte sie. »Das ist gut. Aber du solltest nicht auf diese Weise mit deiner Großmutter reden. Und du hättest sie das lehren sollen«, fügte sie zu Mark gewandt hinzu. »Jetzt schick sie auf ihr Zimmer.«
»Was?«
Ronica fletschte die Zähne. Mark kannte keinen anderen Menschen, an dem das auch nur entfernt bedrohlich gewirkt hätte. Ronica aber erweckte damit in ihm den Wunsch davonzurennen.
»David, könntest du vielleicht ...?«
»Sicher, Dad.« David sprang aus seinem Sessel und legte Ronica seine Hand auf die Schulter. »Komm schon«, sagte er, »mach dich nicht unglücklich, hm? Das ist es nicht wert.«
Mark konnte das unterdrückte Lachen in dem Beben ihrer Schulter spüren; sie nahm die Ironie in Davids Worten wahr, aber ihre dunkelblauen Augen sprühten Funken, als sie sich umdrehte und von David die Treppe hinaufführen ließ. David warf dabei kurz einen Blick zurück ins Wohnzimmer. Er bedauerte sichtlich, dass er den Rest der Konfrontation verpassen würde.
»Was denkt diese dämliche alte Schachtel, wer sie ist, hm?«, knurrte Ronica.
Mark zuckte zusammen. Wenn er es gehört hatte, hatte Anastasia es auch gehört. Er zwang sich, seine Schwiegermutter anzusehen. Entweder hatte ihr Gehör ein wenig gelitten, oder sie hatte beschlossen, so zu tun. Es war Mark egal.
»Sie hat ihre Tochter verloren«, hörte er David sagen, während die beiden die Treppe hinauf verschwanden. »Hab ein bisschen ... Au!«
Mark hörte ein leises Rumpeln aus dem Flur oben. Ronica war schon immer überraschend schnell und stark gewesen. Er erinnerte sich daran, dass er sie einmal aus der Schule hatte abholen müssen, nachdem sie einen zwei Jahre älteren und zwanzig Zentimeter größeren Jungen verprügelt hatte.
Er dachte kurz darüber nach, den beiden zu folgen und sicher zu gehen, dass sie ihren Bruder nicht ernsthaft verletzte. Dann seufzte er und beschloss, dass er sowieso nicht in der Verfassung war, Ronica von irgendetwas abzuhalten, was sie wirklich tun wollte. Er würde all seine Kraft für Anastasia brauchen. Außerdem war das Haus voller Personenschützer.
***
George Custer staunte. Er war sprachlos, fassungslos, ratlos. Ein säuerliches Grinsen bildete sich um seine Mundwinkel, als er bemerkte, dass er nicht einmal in der Lage war, seine Situation rechtlich einzuordnen. Er wusste, dass alles hier gegen zahlreiche Gesetze verstieß. Und die meisten davon hätte er auch nennen können.
