Des Orakels Richterspruch - Clemens Anwander - E-Book

Des Orakels Richterspruch E-Book

Clemens Anwander

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Beschreibung

Jarihm de Los Cuervos, ein Frauenheld, versucht eine junge Schildmaid zu verführen. Stattdessen werden sie attackiert und er muss zu seiner eigenen Sicherheit an ihrer Seite bleiben – egal welche Probleme sich in den Weg stellen. Mittlerweile ist die Gattin Degaars, König Sekoyas, schwer erkrankt. Dessen einzige Hoffnung ist ein mysteriöses Orakel, von dem er allerdings eine Vorhersage erhält, die er so nicht gewollt hatte: Wie seine Frau eines Tages sterben wird. Der Despot über das Nachbarland hat Probleme mit Missernten und den daraus resultierenden Unruhen. Kurzerhand macht er Sekoya zum Sündenbock und rüstet zum Krieg…

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Seitenzahl: 673

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Clemens Anwander

Des Orakels Richterspruch

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Des Orakels Richterspruch

Vorahnung

Rosige Aussichten

Jagdfieber

Royale Schwärze

Geglückt?

Falsche Hoffnung?

Ausgeritten

Gefahr im Verzug

Waffenkunde

Ein Bock

Zwei und Zwei

Perspektive

Überzeugungsarbeit

Getäuscht

Ausblick

Genesis

Seestadt

Post

Bad

Kabum!

Silber

Offizierswahl

Dämon

Ein Hauch von Kluran

Puppenspiel

Feldstudie

Höhe

Regung

Tradition

Erwan-Dân

Damals und Heute

Chabel-Oran

Der Anfang vom Ende

Blitz

Verhandlungssache

Für das Wohl Sekoyas

Ionikas

Wehrenstein

Kriegsrat

Geschichte wiederholt sich

Sonnenuntergang

Eine Frage des Datums

Beginn der Übelkeit

Kriegsspiel

Gefiederter Tod

Feuertaufe

Nebel

Schlachtordnung

Hagel

Alte Bekannte

Phyrodoktanische Macht

Torhaus

Ein wahrer Toycan

Einmarsch

Finale

Ephyra

Schande

Impressum neobooks

Des Orakels Richterspruch

von Clemens Anwander

Vorahnung

Das mächtige steinerne Tor erbebte unter den vehementen Stößen, welche von der anderen Seite emittierten. Kleine Gesteinsbrocken rieselten auf ihr Gesicht, sie spürte die Erschütterungen bis in die Knochen. Lange würde die Pforte nicht mehr standhalten. Gequälte Todesschreie drangen gedämpft an ihr Ohr. Das Torhaus hatte dicke Mauern, doch diese Art von Lärm ging selbst durch den massiven Stein. Ein weiterer Stoß, das Tor schwang einen kleinen Spalt auf! Sofort warf sie sich mit den anderen Soldaten dagegen. Das massive Portal musste einfach standhalten! Es war das größte Hindernis für den Gegner. Erneut krachte die mächtige Ramme des Feindes gegen den Eingang der Festung. Sie wurde einen Schritt zurückgestoßen. Sofort stemmte sie ihre Beine in den Boden, ihre Schulter klebte am kalten Stein. Ihre Muskeln spannten sich mit aller Kraft. Das Keuchen ihrer Kollegen verdeutlichte, dass sie alles gaben, was sie konnten. Oder waren es inzwischen nur noch ehemalige Kollegen? Sie schüttelte ihr Haupt, um den Gedanken zu vertreiben. Jetzt war wohl kaum die Zeit, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Ein neuer Stoß krachte gegen das Portal. Dieses Mal wurde sie zwei Schritte zurück geworfen, das Tor stand weiter auf als vorhin. Es würde nicht halten! Ihre Stellung war verloren.

»Zurück! Zieht euch hinter die Gitter zurück.«

Sie hatte ihre Stimme so laut ertönen lassen, wie es ihr nur irgendwie möglich war, und trotzdem ging sie beinahe in dem Kampfwirbel unter. Die wenigsten hatten den Befehl vernommen. Erneut schrie sie aus Leibeskräften. Jetzt endlich kam ein Ruck in die versammelte Masse der Elitisten und Schildmaiden. Die hintersten von ihnen waren bereits bis zu der Stelle zurückgewichen, wo das zweite Gitter fallen würde. Ein neuer Stoß krachte unter lautem Getöse gegen das Portal. Nachdem dieses Mal niemand mehr bereit stand, um dagegen zu halten, öffnete sich die steinerne Pforte weit. Der breite Balken aus Hartholz, der sie eigentlich geschlossen halten sollte, war längst geborsten und lag in zwei ungerade gebrochenen Stücken am Boden. Sie hastete eilig zurück. Jetzt kam es auf jede Sekunde an. Die ersten Feinde stürmten in das Torhaus. Einige ihrer Kollegen zogen ihre Schwerter um den Kampf zu suchen.

»Weicht zurück! Zurück!«

Ihre Stimme vermischte sich mit dem Gewirr aus Schreien und dem metallischen Klirren, das unzählige aufeinander prallende Eisenwaffen verursachten. Endlich war sie weit genug zurück, über ihr hing bedrohlich das mächtige Eisengitter. Einige Feinde stürmten auf sie zu, sie mussten es irgendwie geschafft haben, sich an ihren Soldaten vorbei zu drücken. Wenn sie in ihren Rücken gelangten, dann wäre der Kampf augenblicklich verloren.

»Erstes Gitter zu!«

Ein junger Elitist an ihrer Flanke sah sie entrüstet an.

»Wir können sie doch nicht im Stich lassen!«

Sie würde jetzt bestimmt nicht diskutieren.

»Schließt das Gitter!«

Einer der Feinde war inzwischen an sie herangekommen und holte mit seiner Streitaxt aus. Sie duckte sich, die Waffe schrammte knirschend über den Stein. Wie eine Peitsche ließ sie ihr rechtes Bein vorwärts schnalzen, hakte es hinter die linke Ferse des Angreifers und zog es ruckartig zurück. Der Mann knallte mit voller Wucht auf den Rücken, gleichzeitig fiel mit einem quietschenden Rattern endlich das Gitter. Die spitzen Enden bohrten sich quer in den Oberkörper des Mannes. Kurz spuckte dieser etwas Blut, doch sein Sterben dauerte keine Sekunde. Er gehöre damit sicherlich nicht zu der Mehrheit an diesem Tag. Auf der anderen Seite des Gitters kämpfte verbissen eine letzte Schildmaid, unzählige tote Körper lagen zu ihren Füßen. Sie verteidigte sich äußerst geschickt mit zwei Schwertern und kämpfte dabei wie eine Furie. Eben stach sie einen muskelbepackten Kerl nieder als sie plötzlich ein Schlag in den Rücken traf. Mit einem Feind im Genick hatte man selbst als bester Kämpfer der Welt keine Chance. Sie hatte richtig entschieden, als sie das Gitter schließen hatte lassen. Dies schien auch der Elitist, welcher sie vorhin noch vorwurfsvoll angeblickt hatte, begriffen zu haben, da er nun durchaus erleichtert aussah.

»Pikeniere und Armbrustschützen! Aufstellung nehmen.«

Mochte das steinerne Tor auch überwunden sein, noch war es nicht so weit. Sie mussten mehr Zeit erkaufen. Die Elitisten und Schildmaiden mit den Fernkampfwaffen positionierten sich geschickt, vor ihnen knieten die Männer und Frauen mit den langen Pieken. Mit ihnen würden sie die Feinde aufs Korn nehmen, die so dumm waren, sich nahe genug heranzuwagen, während die Fernkämpfer den anderen zusetzten.

»Feuer.«

Ein Hagel aus Armbrustbolzen schoss durch das Gitter und fegte etliche der Angreifer von den Füßen. Doch für jeden, der gefallen war, drangen zwei weitere durch die breite Öffnung. Doch damit nicht genug. Etwas blinzelte vor ihr auf. Ein riesiger Baumstamm, an der Spitze mit etlichen fingerbreit Eisen überzogen, wurde in die Öffnung geschleppt. Diese verdammte Ramme schon wieder…

------------------ Ein paar Wochen zuvor ------------------

Rosige Aussichten

Degaar schlenderte durch den Garten, durch den er schon so viele Male seine Schritte gelenkt hatte, doch nach wie vor verwunderte ihn diese Pracht. Er konnte sich nicht satt sehen an den Blumen, Sträuchern und Bäumen, für die er ein Vermögen bezahlt hatte. Er schritt vorbei an den prachtvollen, dottergelben Sonnenblumen, die es sich einfach nicht nehmen ließen, das gesamte Jahr über zu blühen, ließ den jetzt blutroten Ahorn, der im Winter durchsichtig wurde, als ob er aus demselben funkelnden Eis bestünde, das ihn hoch oben in den Yamg Bergen umgab, links liegen und schritt quer durch die Luftspiegelung einer fleischfressenden Pflanze, welche diese von sich selbst produzierte, um mehr Insekten anzulocken. Aus den fernsten Winkeln hatte er diese Wunder besorgen lassen und so manche waren selbst in ihren Herkunftsorten eine solche Rarität, dass man für sie eine Summe bezahlen musste, die eine kleine Familie durch den Winter brachte. Ein letzter Schritt noch durch das fein säuberlich getrimmte Gras und Degaar war angekommen, wo er hingewollt hatte: Er betrachtete die Qaxin-Rosen, die in ihrem gewohnt bestechend schönen Violett erstrahlten. Er schmunzelte. Diese Rosen waren etwas ganz Besonderes, selbst für einen erlesenen Garten wie den diesen. Gerade jetzt, als die letzten Sonnenstrahlen in den Garten fielen, geschah das Schauspiel, das diese Pflanze so einzigartig machte. Im roten Licht der untergehenden Sonne verwandelte sich die Farbe der Blüten Schritt für Schritt von Violett auf Dunkelrot. So viele Male hatte der König diesem Schauspiel nun schon beigewohnt, doch noch immer zog es ihn in seinen Bann. Darum fand er wahrscheinlich auch Tag für Tag einen mehr oder weniger guten Grund, der sein Gewissen beruhigte, um sich kurz vor Sonnenuntergang von seinen Staatsgeschäften zurückzuziehen und in den Garten zu gehen. Dort verbrachte er dann jene halbe Stunde, welche die Qaxin-Rosen benötigten, um ihre Farbe zu wechseln. Seltsamerweise faszinierte ihn die Rückverwandlung der Pflanze nicht im Geringsten. Er hatte natürlich auch diesem bereits beigewohnt, empfand ihn aber bei weitem nicht so prickelnd wie den Wandel in den Abendstunden. Dies mochte vielleicht auch einfach nur den Grund haben, dass Degaar kein Morgenmensch war, und er sich schlicht und ergreifend nicht schon vor Morgengrauen aus seinem Nachtlager quälen wollte. Vor allem dann nicht, wenn er an Naileen dachte, wie sie verführerisch an seiner Seite den Schlaf der Gerechten schlief. Wie ihr, auf der Seite liegend, das schwarze, seidige Haar sanft über die Schultern hing, sie ihre langen, glatten Beine leicht überkreuzt hatte, und wie sie selbst im Schlaf seine Nähe suchte… Degaar schüttelte sich, um die sich in ihm aufbauende Erregung wieder loszuwerden. Er sollte sich nicht so gehen lassen! Er seufzte leise. Naileen hatte schon immer eine solche Wirkung auf ihn gehabt. Wenn er an sie dachte, war es vorbei mit seinen sonst so geordneten Gedanken. Allerdings wusste er dies glücklicherweise auch selbst und hielt sich in seinen Arbeitsstunden gewöhnlich sowohl geistig als auch körperlich nicht bei ihr auf. Dazu war ja schließlich in den Nächten genügend Zeit. Er realisierte, dass er schon seit einer Weile ins Nichts starrte. Der magische Wandel der Blumen war vollendet, zumindest für diesen Abend. Ursprünglich war diese Pflanze nichts Besonderes für ihn gewesen. Er hatte von einem Händler, der regelmäßig den Palast aufsuchte, von ihr gehört und war neugierig geworden. Mehr als eine bloße Ablenkung und etwas Amüsement hatte er sich aber nicht erwartet. Nicht einmal im Traum hätte er sich gedacht, dass er sich jeden Tag erneut auf den Abstecher in den Palastgarten freuen würde, vor allem weil er ein miserabler Gärtner war. Degaar schmunzelte ob der Erinnerung an seine Jugend. Im Rahmen seiner Erziehung hatte er auch etwas über Pflanzen gelernt. Sein damaliger Hauslehrer, ein Gelehrter namens Koulak, hatte ihm verschiedene Exemplare mitgebracht, um die er sich zu kümmern hatte. Degaar erinnerte sich noch bis heute an das, was ihm sein Lehrmeister damals beigebracht hatte: „Was müsst ihr mit euch bringen, um das Königreich wachsen und gedeihen zu lassen? Ihr benötigt Hingabe, Disziplin und ja, auch die nötigen Materialien, denn ohne die, ist selbst der beste Baumeister hilflos. All dies solltet ihr haben, wenn ihr bei diesen Gewächsen erfolgreich sein wollt.“ Nach lediglich zwei Wochen waren alle eingegangen gewesen. Koulak hatte ihm für jede kaputte Blume fünf Schläge auf den Allerwertesten gegeben, doch auch das hatte nichts gebracht. Sein ganzes Leben lang war keine einzige Pflanze, die er unter seiner Obhut hatte, länger als ein paar Wochen am Leben geblieben. Was auch der Grund war, warum er für die Pflege seines Gartens etliche gut ausgebildete Gärtner hatte. Allerdings war sich Degaar sicher, dass der alte Mann heute stolz auf ihn wäre, wenn er sähe, wie gut es seinem Land derzeit ging. Dieses hatte er als König zum Wachsen gebracht, und aus diesem Blickwinkel heraus betrachtete Degaar mittlerweile auch seine Versuche mit der Botanik als Erfolg. Langsam begann der König wieder in Richtung Palast zu gehen. Sein Tag war noch längst nicht vorbei. Heute stand noch ein Kolloquium mit seinen Fürsten am Plan. Dieses fand einmal im Tertial statt, und es war das wichtigste Treffen der Fürsten Sekoyas. Dort wurde über außenpolitische Themen, wie internationalen Handel oder gar Krieg gesprochen, aber auch innenpolitische Themen wie Wirtschaft, Rechtsprechung und Ähnliches wurden behandelt. Degaar wusste zwar, dass das Kolloquium auch heute noch einen wichtigen Stellenwert einnahm, doch er war einfach nicht mehr zu vergleichen mit dem, den er bei seinem Großvater gehabt hatte. Damals, als die Koalition noch brandneu gewesen war, waren alle Fürsten erpicht darauf gewesen, nicht auch nur einen Funken ihrer Macht einzubüßen. Es war um jedes Thema gefeilscht worden, die schwächeren Fürsten hatten sich gegenüber den Häusern Tchiyo, Silberstein und Roth benachteiligt gefühlt und daher andauernd mit Krieg gedroht, den zwar niemand gewollt, der aber trotzdem immer in der Luft gehangen hatte. Heutzutage nutzten die Adeligen das Zusammentreffen hingegen meist nur noch um miteinander zu scherzen, die Tänzerinnen anzustarren und sich auf Staatskosten den Wanst mit allerlei Köstlichkeiten vollzuschlagen. Und nicht zuletzt um den königlichen Weinkeller gehörig zu plündern. Der Herrscher schüttelte den Kopf. Was war nur aus diesen früher so immens wichtigen Treffen geworden? Allerdings war es ihm, wenn er so recht darüber nachdachte, auf diese Weise um vieles lieber. Und die freundschaftlichen Beziehungen untereinander halfen, größere Dispute schnell und friedlich zu lösen. Degaar betrat den Palast, um seine Fürsten und Freunde zu begrüßen.

Jagdfieber

Jarihm wusste genau, was er wollte. Oder besser gesagt wen. Sie saß drei Tische weiter und nippte an dem Brandwein, den sie schon vor über einer Stunde bestellt hatte, und der sich immer noch nicht seinem Ende näherte. Sie wirkte wie ein Fremdkörper in dieser, für ihn so vertrauten Umgebung. Zwischen den immer selben, traurig dreinblickenden Gesellen, die ein Getränk nach dem anderen bestellend, an der Bar saßen und den fröhlich tratschenden Gruppen von Jugendlichen an den Tischen stach sie hervor wie der Nordstern in einer klaren Mondscheinnacht. Doch Jarihm war sie sogar schon in der kleinen Seitengasse etwas abseits des Gasthofs aufgefallen, und das, obwohl sie, wohl behütet vor neugierigen Blicken, sichtlich darauf bedacht gewesen war, dass ihre Unterhaltung, mit den zwei sich im Schatten haltenden Gestalten, unbeobachtet blieb. Doch wenn eine neue Schönheit sein Jagdrevier betrat, dann entging dies Jarihm nicht, ganz egal wie sehr sie sich auch bedeckt halten mochte. Mit wem sie dabei welche Geschäfte machte, interessierte ihn außerdem nicht im Geringsten. Entscheidend war nur, dass er sie haben wollte. Und er würde sie haben! Dessen war er sich sicher. Er wusste nur noch nicht genau, wie er es anstellen sollte… Bereits drei andere Männer hatten ihr Glück versucht und hatten sich der schönen Blonden genähert. Doch jedes Mal das gleiche Schauspiel: Sie gingen zu ihrem Tisch, die Frau blickte sie an, musterte sie mit ihren tiefblauen, funkelnden Augen und erwiderte auf die Avancen nur mit einem abweisenden Lächeln. Zwei der drei Männer waren enttäuscht wieder von Dannen gezogen. Bei einem der beiden meinte Jarihm sogar eine Träne gesehen zu haben. Der Dritte, ein Berg von einem Mann, hatte sich aber, allein durch ihre Worte, noch nicht geschlagen gegeben und hatte versucht, sich an ihrem Tisch niederzulassen. Als sie ihm das offensichtlich nicht gestatten wollte, hatte er versucht, seine Hand auf ihren linken, wohlgeformten Schenkel zu legen, während er ihr etwas ins Ohr geflüstert hatte. Was genau, das hatte Jarihm nicht verstehen können, allerdings war es ein großer Fehler gewesen. Denn, wie sich gezeigt hatte, konnte die Schöne in ihrem blauen Kleid hart austeilen. Sie hatte seine Hand gepackt und sie ihm dermaßen verdreht, dass er kurzzeitig einen Laut von sich gab, der wie das Jaulen eines brünftigen Blindarbiestes klang. Daraufhin hatte er mit seiner freien Hand eine Faust geballt, um sie ihr mit donnernder Wucht in den Magen zu rammen, doch in einer einzigen flüssigen Bewegung war sie seinem Angriff ausgewichen, indem sie aufgesprungen und einen kleinen Schritt zur Seite gemacht hatte. Den eben an ihr vorbeisausenden Arm hatte sie gepackt, eng an ihren Körper gepresst und ruckartig in eine unnatürlich aussehende Richtung gerissen. Durch das ganze Lokal hatte man es schnalzen und den anschließenden Schmerzensschrei des Hünen gehört. Jarihm war sich sicher, dass auch die Gäste, die in den oberen Stockwerken des Gastbetriebes nächtigten, davon wach geworden waren. Der Koloss war von einem seiner Gefährten gestützt, zum nächsten Heiler gebracht worden, während sich die anmutige Fremde gemütlich wieder niedergelassen hatte, um, ohne einen einzigen Tropfen Schweiß auf der Stirn, wieder seelenruhig an ihrem Getränk zu nippen. Seit diesem Zwischenfall hatte sich verständlicherweise niemand mehr getraut, sich der Dame zu nähern, und auch die Kellerinnen und der Barmann hatten respektvoll Abstand gehalten. Doch Jarihm war dank dieses Zwischenfalls nur noch mehr an der Frau interessiert. Nicht weil er Brutalität mochte, sondern weil sie anders war als die jungen, naiven Mädchen, an die er sich normalerweise ranmachte, und die nach ein paar einfachen Komplimenten schon bereit waren, das Bett mit ihm zu teilen. Er hatte schon viel zu lange keine Herausforderung mehr gehabt, und heute war diese unnahbare Schönheit seine Aufgabe. Ihr Äußeres hatte er sich inzwischen schon so gut wie nur irgendwie möglich eingeprägt, schließlich konnte er sie ja nicht die ganze Zeit anstarren, vor allem dann nicht, wenn er bedachte, dass sie ihn vorhin bereits dabei ertappt hatte. Gekleidet war sie in ein körperbetontes, um die Taille geschnürtes, sattelbraunen Obergewand, welches er aber nur deshalb erkennen konnte, weil es unter einem schlichten, azurblauen Kleid ein wenig hervorlugte, welches lediglich durch zwei dünne Träger an seinem, ihm vorbestimmten Platz, gehalten wurde. Als Schuhwerk trug sie schmucklose Lederschuhe, die so wirkten, als hätte sie darin schon etliche lange Wanderungen hinter sich gebracht. Doch auch wenn ihre Bekleidung im besten Fall als durchschnittlich beschrieben werden konnte, war ihm klar, warum sie ihn auch optisch so ansprach. Sie hatte ein hinreißendes Gesicht mit einem winzigen Muttermal am Kinn, langes blondes Haar, das sie zu einem Zopf zusammengebunden hatte, wohlgeformte Brüste und ein Hinterteil, bei dem sich Jarihm vorstellen konnte, dass man wesentlich bessere Dinge damit tun konnte, als lediglich darauf zu sitzen. Abgerundet wurde das ganze durch ihre wunderbar langen Beine und Jarihm hatte sich bereits dabei ertappt, wie er diese gedanklich über und über mit Küssen bedeckte. Doch jetzt war nicht die Zeit dazu, vor allem würde es später, wenn er es tatsächlich tun würde, viel mehr Spaß machen. Als erfahrener Schürzenjäger, wobei er sich eingestand, dass er wohl als ein solcher zu bezeichnen war, war er sich bewusst darüber, dass Ungeduld schon so manch eine Beute vertrieben hatte, doch jetzt musste er schnell handeln, denn gerade eben hatte sie in überraschend großen Schlucken ihr Glas geleert, und Jarihm konnte nur vermuten, dass sie demnächst aufbrechen wollte. Er stand auf und stolzierte so anmutig, wie er es nur fertig brachte, zu ihrem Tisch. Sie blickte auf und sah ihn fragend an. Seine Kehle fühlte sich trocken an, was er sich eigentlich nicht erklären konnte, hatte er dieses Phänomen doch nicht mehr verspürt, seit er als unerfahrener Jüngling die ersten paar Male seinen Arrest gebrochen hatte um sich davonzustehlen.

»Immer wenn ich eine hübsche Frau alleine trinken sehe, verspüre ich den unbändigen Drang, ihr dabei Gesellschaft zu leisten. Wenn ich mich vorstellen darf: Mein Name ist Jasid de Los Cuervos, zu ihren Diensten.«

Noch während er dies sprach, verbeugte er sich tief vor ihr. Was auch immer er für eine Reaktion erwartet hatte, schallendes Gelächter gehörte ganz bestimmt nicht dazu. »Jasid? Wie das unsägliche, stinkende und ungenießbare Schwein?«, brachte die Hübsche unter ihrem plötzlichen Lachanfall hervor. Jarihm hob den Blick, eben bekam sie zart rosa Backen vor lauter Lachen und hielt sich immer noch den Bauch. Verdammt! Was hatte er da eben gesagt? Jasid? War er denn inzwischen von allen, ihm noch verbliebenen, guten Geistern verlassen? Brachte er vor dieser Schönheit nicht einmal mehr seinen eigenen Namen ohne Fehler heraus? Sei’s drum. Jetzt war es ohnehin zu spät. Er hatte es tatsächlich geschafft, sich als vierter Mann an diesem Abend vor der Fremden zu blamieren. Er hätte sich die Haare raufen können. Die Gesprächspause war inzwischen unangenehm lang geworden. Er fühlte sich gedrängt, endlich wieder das Wort zu ergreifen.

»Jarihm, ich meine natürlich Jarihm.«, stammelte er. So plump und unelegant hatte er sich seine Gesprächseröffnung wirklich nicht vorgestellt.

»Ich muss wirklich sagen, dass dies mit Abstand der amüsanteste Versuch ist, meine Aufmerksamkeit zu erregen, den ich heute Abend hier gehört habe.«

Sie lächelte nun, wischte sich eine Träne, welche sich in ihrem Augenwinkel gebildet hatte weg und schob den Stuhl, auf den sie bis eben noch ihre Beine hoch gelagert hatte, hervor. »Beim Ylyrianum, diese Aufmunterung hab ich gebraucht nach dem Kerl von vorhin … Setz dich! Ich muss dich ja auch dafür belohnen, dass du aufgehört hast mich nur anzustarren und endlich den Mumm aufbringen konntest, herüber zu kommen. Und noch dazu hast du den Vorteil, gut auszusehen.«

Sie zwinkerte Jarihm zu. Eigentlich mochte er es gar nicht, wenn die Frauen einen solch aktiven Part übernahmen und ihn so direkt ansprachen, aber er hatte sich diese Herausforderung ausgesucht und er würde die Chance, die sich unerwarteterweise ergeben hatte, nicht ungenützt lassen.

»Herzlichen Dank, das Kompliment darf ich sofort zurückgeben. Übrigens habe ich nicht gestarrt, sondern bewundert. Und ich hoffe, es war nicht der falsche Zeitpunkt, um dich anzusprechen!«

Jetzt lächelte sie wieder, aber dieses Mal war es kein verletzendes Lachen, wie das vorherige, sondern ein herzliches, das ihn innerlich wärmte.

»Oh, es war genau die richtige Zeit dafür, besser als du es vermutlich zu hoffen gewagt hast.«

Jarihm lächelte, während er einer Kellnerin deutete, mehr Wein zu bringen, welche der Bestellung auch sofort nachkam. Jarihm war froh, dass er im „Zum Betrunkenen Elf“ ein gern gesehener Gast war, dem sofort jeglicher Wunsch erfüllt wurde. Was eigentlich nicht weiter verwunderlich war, wie er sich selbst eingestehen musste. Immerhin war sein Vater der Verpächter dieses Betriebes, wie von so vielen anderen auch in dieser Stadt. »Darf ich mein Glas auf deine Schönheit heben und dich fragen, ob du mir offenbarst, was der Kerl, der wohl so schnell keine Dame mehr belästigen wird, zu dir gesagt hat?« Ihr Gesicht wurde schlagartig ernst, die Spuren der vorangegangen Fröhlichkeit wie weggefegt.

»Du darfst, und obwohl es mir keine Freude bereitet, werde ich es wiederholen.«

Sie seufzte kurz auf und nahm einen kleinen Schluck ihres Getränks, ehe sie den Faden wieder aufnahm.

»Nachdem er sich mir genähert hatte, mich dabei angaffend, als ob er am Pferdemarkt von Fdajkar die neuste Ware begutachten würde, sagt er, und ich zitiere wörtlich: „Wenn deine Reitkünste ebenso bestechend sind wie dein Aussehen es vermuten lässt, dann könnte ich mir vorstellen, mit dir ins Geschäft zu kommen!“. Dabei grinste er noch auf solch pubertäre Art, schrecklich. In mir stieg dabei das Grauen auf. Mit diesem Mann wollte ich nichts zu tun haben, und darum habe ich ihn aufgefordert zu gehen. Als er sich dagegen entschied und mir noch dazu auf den Schenkel greifen wollte, so denke ich, hat jeder hier im Raum mitbekommen, was passiert ist.«

Obwohl Jarihm klar war, dass dieser Spruch genauso fehlplatziert war, wie ein Gurama-Tiger in einer Farm voller Tranjus, konnte er ihm eine gewisse Komik nicht absprechen. Doch etwas sagte ihm, dass sein Gegenüber ihm nicht alles erzählt hatte. Da die Dame aber allem Anschein nach auch nicht vorhatte, dies noch zu tun, entschied er sich, dass es schlauer wäre, diesen Kommentar für sich zu behalten und ihr Recht zu geben. Ernst drein blickend schüttelte er den Kopf und murmelte: »Schlimm wie es heutzutage mit den Sitten der einfachen Bevölkerung aussieht… Bei mir bist du sicher vor solchen Ferkeleien, schließlich geziemt sich ein solches Fehlverhalten für den Besitzer des Handelsimperiums Los Cuervos nicht.«

Eigentlich war ja sein Vater, Jadsahn de Los Cuervos, der Inhaber eben besagtes Handelsimperiums, aber diese Frau musste ja schließlich nicht alles wissen. Außerdem, so fand Jarihm, war es nur recht und billig, sich einen Titel zu geben, den er eines Tages wahrscheinlich sowieso erben würde. Was konnte schon Schlimmes passieren, wenn er hin und wieder bereits jetzt diesen Namen benutzte, um in der Damenwelt etwas mehr Eindruck zu machen, als es sonst der Fall gewesen wäre? Ganz abgesehen davon, dass er dem Titel viel gerechter wurde als sein kaltherziger Vater.

»Oh ja, bitte beschütze mich hilflose Schildmaid.«, warf sie lächelnd ein.

Jarihm schluckte und überlegte, ob er etwa schon wieder in ein Fettnäpfchen getreten war. Nun war ihm klar, warum der Hüne, mochte er auch noch so kräftig sein, nicht den Hauch einer Chance gehabt hatte in dieser Auseinandersetzung. Sein Gegenüber war eine Offizierin der Armee, welche in jahrelangem Training geschult worden war, und dies, so erzählte man sich, auf skrupellose Art und Weise. Es kursierte das Gerücht, dass nicht einmal die Hälfte diese Ausbildung überstand, und so manch einer kehrte nie zurück. Die Elitisten und Schildmaiden des Königs wurden sowohl an der Waffe als auch waffenlos ausgebildet, um in allen erdenklichen Situationen die größtmögliche Effektivität zu erzielen, was auch erklärte, warum Sucaría dem Hünen ohne eine einzige unnötige Bewegung den Arm gezielt brechen konnte. Der Erfolg dieser Ausbildung konnte sich also sehen lassen, und das auch im großen Stil: Seit das Heer von Sekoya die Elitisten und Schildmaiden als Offiziere hatte, herrschte, von kleineren Grenzscharmützel einmal abgesehen, Frieden mit den umliegenden Ländern. Natürlich gab es immer noch genügend Probleme, vor allem mit den Banditen im südwestlichen Seengebiet und mit den Räubern im Wald von Pyurdi, aber dies war nichts, dem die Armee nicht gewachsen war. Außerdem hatte Jarihm von einem der Karawanenführer, die sein Vater beschäftigte, gehört, dass sich im Herzen des Waldes von Pyurdi, dort wo die Bäume so dicht an dicht standen, dass nicht einmal mehr das Sonnenlicht den Boden berührte, unheimliche Dinge abspielten. Von Waldgeistern und Ähnlichem war da die Rede, aber Jarihm glaubte nicht ein Wort davon. Vielmehr war ihm bereits der Gedanke gekommen, dass die Banditen selbst für das Aufkommen dieser Gerüchte zuständig waren, schließlich gab es kein effektiveres Mittel, um Neugierige vom Betreten des Waldes abzuhalten, als irgendwelche Geistergeschichten. So könnten die Banditen dort in Frieden ihre nächsten Taten planen, und hätten immer wieder eine sichere Unterkunft, wo sie nicht befürchten mussten, in die Armee des Königs zu laufen. Ja, Jarihm war sich sicher, mit dieser Einschätzung vollkommen richtig zu liegen, aber ihm war es ja schließlich egal, was diese Herumtreiber taten, solange die florierenden Geschäfte des Handelsimperiums und somit, in weiterer Folge, ihn selbst, nicht betrafen.

»Verzeih mir, falls dies unhöflich gewirkt haben sollte. Ich habe lediglich versucht, dir meine Vorzüge darzustellen.«, führte Jarihm das Gespräch wieder fort.

Sie winkte mit ihrer linken Hand ab und grinste dabei wieder.

»Ich war niemals anderer Meinung. Ich stelle übrigens gerade fest, dass ich sehr unhöflich bin. Auf deine, nun ja, nennen wir es mal „einzigartige“ Vorstellung hin, habe ich vergessen, dir meinen Namen zu nennen. Ich bin Sucaría, Tochter des Zujcan-Clan.«

»Also dann, Sucaría, Tochter des Zujcan-Clan, ich darf dir herzlich zum hervorragenden Umgang mit diesem ungehobelten Kerl gratulieren, denn ein derartiges Benehmen musste eine entsprechende Reaktion hervorrufen. Ich hoffe nur, du wirst im Umgang mit mir etwas sanfter zu Werke gehen.«

Jarihm hob seinen Kelch, um mit ihr anzustoßen. Sucaría lächelte.

»Solange du dich anständig benimmst, hast du nichts zu befürchten. Außerdem muss ich dir streng genommen sogar dafür danken, dass du dich zu mir gesetzt hast und damit dem Eindruck, ich sei eine der männermordenden Hexen aus den Kluran-Geschichten, entgegenwirkst. Ich habe diese verstohlenen Blicke und das Geflüster schon kaum mehr ertragen.« Sucaría hob nun ebenfalls ihr Glas und ließ es, einen glockenhellen Klang erzeugend, gegen das seine stoßen. Jarihm freute sich innerlich, ließ aber seine Fassade nicht fallen. Sucaría hatte nicht nur eindeutig Interesse an ihm, was sie ihm auch deutlich zu verstehen gab, sie sehnte sich auch nach Gesellschaft, die sie hier nicht mehr bekommen würde. Außer natürlich von ihm. Dies galt es auszunutzen, und in Jarihms Kopf formte sich bereits ein grober Plan, wie dies vonstattengehen sollte. Er nahm das Gespräch sofort wieder auf.

»Ich bin mir zwar sicher, dass du dir dessen auch bewusst bist, aber darf ich dir nochmals meine Komplimente bezüglich deines ganzen Auftretens machen? Dein bildhübsches Antlitz und deine kecke Art haben mich vollkommen verzaubert. Ich darf mit Fug und Recht behaupten, dass du die vollkommenste Frau bist, die mir je über den Weg gelaufen ist, und ich hätte es wohl mein Leben lang bereut, wenn ich nicht den Mut gehabt hätte, dich anzusprechen.«

Obwohl Jarihm wusste, dass er mit diesen Komplimenten sehr dick aufgetragen hatte, ganz davon zu schweigen, dass auch einiges davon nicht ganz der Wahrheit entsprach, verfehlten sie ihre Wirkung nicht. Sucaría schoss das Blut in die Wangen, und sie nahm abermals schnell einen Schluck ihres Weines, um dies zu kaschieren - doch es war bereits zu spät. Jarihm hatte es genau gesehen und freute sich wie ein Kind, dass seine Bezirzungen offensichtlich genau ins Schwarze getroffen hatten. Nachdem sie das Glas wieder abgesetzt hatte, ergriff sie wieder die Initiative. »Deine Worte ehren mich, Jarihm de Los Cuervos, doch ich denke, ich sollte demnächst aufbrechen. Mein Heimweg ist lange, mein Sold beinahe verbraucht und mein Kopf auf Grund des Weines schwer.«

Dies konnte Jarihm natürlich nicht zulassen, würde ihr Weggang doch verhindern, dass er seine weiteren Pläne mit ihr, in dieser Nacht noch umsetzen würde können. Doch dies galt es vorsichtig zu tun, zu lebhaft war noch das schmerzverzerrte Gesicht des Hünen vor seinem geistigen Auge.

»Bevor du gehst«, begann Jarihm das Gespräch, »möchte ich dir noch ein Angebot unterbreiten. Sag, Schildmaid des Königs, wie viele Geld trägst du noch bei dir?«

Sucaría griff in ihre Tasche, förderte eine Handvoll Münzen zu Tage und zählte diese innerhalb eines Atemzugs ab.

»Lediglich drei Silber- und fünf Bronzemünzen, warum fragst du? Schlägst du mir etwa vor, mir meinen Sold auf horizontale Weise aufzubessern?«

Dabei zog sie ihre rechte Augenbraue in die Höhe und blickte Jarihm direkt in die Augen. Ihm lief ein Schauer über den Rücken. Er fühlte sich in diesem Moment unheimlich bedroht. Er zwang sich seinen schneller werdenden Atem zu kontrollieren.

»Aber wo denkst du nur hin? Hab ich nicht eben bereits erwähnt, dass ich zu solchen Ferkelein nicht fähig bin? Allerdings, so denke ich mir, hast du sicher schon einmal Pajam gespielt, oder irre ich mich da?«

Sucarías Grinsen wurde breiter.

»Jarihm de Los Cuervos, willst du mir im Ernst vorschlagen, mit dir um meinen verbliebenen Sold Karten zu spielen? Dann sollte ich dich nämlich warnen: In so manch langen Nächten in einer langweiligen Wachstube habe ich mir schon die Zeit mit diesem Spiel vertrieben. Bist du sicher, dass du dieses Risiko eingehen willst?«

Jarihm grinste diabolisch, während er aus einer seiner rückseitigen Hosentaschen das Kartenspiel herausfischte. Genau mit so etwas hatte er bereits gerechnet. Die Soldaten des Königs waren bekannt dafür, stundenlang Pajam zu spielen, und er war sich daher sicher gewesen, Sucaría für eine Partie begeistern zu können. Er selbst beherrschte es natürlich beinahe perfekt, doch an dem heutigen Abend hatte er nicht vor zu gewinnen. Es ging einzig und allein darum, Sucaría länger hier zu behalten und sie zu verführen. Und das würde ihm wohl gelingen, wenn er lediglich schlecht genug spielte. Aus Erfahrung wusste er nämlich, dass er für Frauen wohl zum Erbarmen aussah, wenn er verlor und sie dadurch den Drang verspürten, ihn trösten zu müssen. Kombinierte man dieses Bedürfnis noch mit deren gefüllten Taschen und somit bester Laune, dann ergab sich daraus oft genug die Art von Lust, auf die er es abgesehen hatte. Er mischte, teilte aus und nahm seine zehn Karten auf die Hand. Er hatte eine gemischte Fünfer-Zahlenkombination auf der Hand, die er im Normalfall höchstwahrscheinlich durchbringen hätte können, hätte er drei Karten getauscht. Seine Niederlage vor Augen, behielt Jarihm jedoch sein gesamtes Blatt und ließ seinen hohen Multiplikator ungeschützt, setzte jedoch trotzdem fleißig Münzen. Sucaría war eine gute Spielerin. Sie realisierte, dass er einen Fehler gemacht hatte, ließ sich aber nicht die geringste Regung anmerken. Ohne zu zögern nützte sie ihre Chance eiskalt aus und gewann die erste Runde haushoch. In der nächsten Runde, in der er eigentlich die Möglichkeit gehabt hätte, seinen Einsatz wieder zu gewinnen, passierte in etwa dasselbe. Damit hatte sie das erste Spiel gewonnen, und er schob, betrübt drein blickend, eine beträchtliche Anzahl Münzen über den Tisch. Sie nahm diese an sich und sah ihn dabei mitleidig an.

»Also für einen Hobbyspieler bist du nicht übel, doch mit mir kannst du es noch lange nicht aufnehmen. Doch ärgere dich nicht, dafür gebe ich die nächste Runde aus.«

Mit diesen Worten gab sie der Kellnerin zu verstehen, den Weinnachschub nicht abreißen zu lassen. Während die beiden so vor sich hin spielten, wurde die Nacht immer länger und als Jarihm aufblickte, stellte er zufrieden fest, dass sie inzwischen alleine waren. Er hatte zwar inzwischen über fünf Goldstücke verloren, doch das war ihm reichlich egal. Aus der Schatzkammer seines Vaters konnte er sich im Prinzip so viel Gold nehmen wie er wollte, die lächerlichen Schlösser stellten schon lange kein ernsthaftes Hindernis mehr für ihn dar. Einmal hatte er sogar über 100 Goldstücke auf einmal entwendet, und es war seinem Vater nicht aufgefallen. Jarihm hatte gerade wieder ein Spiel verloren, als Sucaría zu gähnen begann. Dies sah Jarihm als Zeichen, um endlich auch einmal auf Sieg zu spielen.

»Wie ich sehe, bist du inzwischen reichlich müde geworden?«

»Das kann man wohl sagen«, brachte sie unter einem weiteren herzhaften Gähnen hervor.

»Da ich weiß, dass du einen langen Heimweg hast, würde ich dir gerne ein Angebot machen. Ich habe im Obergeschoß dieses Hauses einen eigenen Raum, in dem ich normalerweise meine Handelsgäste unterbringe. Dementsprechend luxuriös ist er natürlich auch ausgestattet. Ich biete dir ein letztes Spiel. Wenn du gewinnst, darfst du, natürlich kostenlos, dort nächtigen. Wenn ich gewinne, darfst du ebenfalls dort nächtigen, doch wirst du dann nicht alleine sein, wenn du verstehst, was ich meine.«

Sie zog erneut eine Augenbraue in die Höhe, offensichtlich überlegend, was sie nun tun sollte. Jarihm zwang sich ruhig zu atmen. Das Gefühl, das er hatte, wenn er solche Fragen stellte, erinnerte ihn immer daran, wie es war, wenn man im Hochsommer in eine eiskalte Quelle sprang. Ungewiss, ob es einen umbringen, oder ob man danach erleichtert weiterziehen würde. Plötzlich ging ein Ruck durch die Schildmaid und sie erhob sich von ihrem Stuhl. Jarihm rutschte das Herz in die Hose, doch er zwang sich ebenfalls aufzustehen. Gewiss würde sie ihm Ähnliches antun wie diesem anderen Kerl, vielleicht sogar etwas noch Schlimmeres. Sie trat auf ihn zu bis sie so knapp vor ihm stand, dass er ihren Atem auf seinem Gesicht spüren konnte. Er konnte sehen, wie sie sich anspannte. In blinder Panik schloss er die Augen. Wartete auf die Schmerzen. Doch nichts passierte. Vorsichtig blinzelte er mit seinem linken Auge. Sie hatte sich nach immer nicht wegbewegt, ihr verführerisch fruchtiges Parfüm, das sie nach Cassis duften ließ, fand den Weg in seine Nase. Sie beugte sich zu seinem Ohr, hauchte mehr als sie sprach.

»Und ich dachte schon du würdest überhaupt nicht mehr fragen!«.

Sanft drehte sie sich von ihm weg und zog ihn an seiner Hand in Richtung Treppe.

Royale Schwärze

Naileen betrachtete sich im Spiegel, steckte sich zur Krönung eine einzige, himmelblaue Lilie in ihr pechschwarzes Haar und war mit dem Ergebnis äußerst zufrieden. Sie war schon seit jeher hübsch gewesen, aber dank der königlichen Schneider, die ihr die exquisitesten Stoffe speziell an ihren Leib anpassten und der begnadeten Dienerin Ruika, die ihr zwar dezent aber wirkungsvoll mit Zinkoxid den vornehmen, blassen Teint verschaffte, um mit Hilfe von Koschenille und Sandelholz ein intensives Rot auf ihre Lippen zauberte, war sie einfach atemberaubend schön. Und dies fand nicht nur sie selbst. Schon bevor sie von Degaar umworben worden war, hatten sich etliche Männer um sie bemüht, deren Wollust ihnen direkt ins Gesicht geschrieben gewesen war. Sie hatte lediglich an ihnen vorbei gehen müssen, dabei den süßen Duft von Rosen verströmend, ihr langes, schwarzes, glattes Haar, auf das sie übrigens sehr stolz war, schwingend, und schon hatten sich alle Köpfe nach ihr gedreht. Naileen lächelte. Sie hatte Geduld bewiesen. Anders als die Mädchen, die einst ihre Freundinnen gewesen waren, hatte sie sich nicht dem erstbesten Kerl hingegeben, der ihr Komplimente gemacht und um ihre Hand angehalten hatte. Sie hatte immer irgendwie gewusst, dass der besondere, für sie perfekte Mann, irgendwo auf sie wartete. Dass ihr Pendant, das ihr so immens wichtig war, ausgerechnet der König Sekoyas war, hatte sie sich aber selbst im Traum nicht vorgestellt. Doch Degaar hatte ihr Herz gewonnen, und sie war Königin Sekoyas geworden. Ja, das Glück war ihr hold gewesen, einzig eines fehlte noch zu ihrer vollkommenen Freude. Doch darüber wollte sie jetzt nicht nachdenken. Sie hatte die Frauen der Fürsten, die zum Kolloquium erschienen waren, lange genug warten lassen. Es war Brauch, dass während die Fürsten in ihrem Kreise zusammensaßen, auch deren Frauen dies taten und sich ebenfalls über Dinge des Reiches austauschten. Zwar hatten diese Gespräche zumeist nicht dieselbe politische Tragweite wie jene, welche die Männer führten, doch auch die Frauen waren nicht ohne Macht und Einfluss. Während der König und seine Fürsten den großen Fragen des Staates nachgingen, beschäftigte sich die Frauenrunde normalerweise mit Einzelfragen. So war es im letzten Jahr beispielsweise einmal passiert, dass die Damen entschieden hatten, dass in Fdajkar unbedingt eine neue Schule gebaut werden musste, nachdem Hjolga, Frau Harson Jannicks, die zusammen Fdajkar und die umliegenden Gebiete verwalteten, von dem katastrophalen Zustand der alten erzählt hatte. Das interessante dabei war, dass die Männer sich aus finanziellen Gründen eigentlich gegen den Bau neuer Bildungseinrichtungen ausgesprochen hatten. Nach einer kurzen Diskussion zwischen den beiden Gesprächskreisen war dann aber doch das benötigte Gold zur Verfügung gestellt worden. Naileen war auf diesen Erfolg noch heute stolz, hatte es sie doch einiges an Überzeugungskraft gekostet, Degaar dazu zu bringen, die Staatskasse zu öffnen. Naileen war so sehr in Gedanken vertieft, dass es sie überraschte, als ihr plötzlich die Luft wegblieb.

»Sanfter Ruika, oder willst du mich umbringen?«

Die junge Dienerin, welche ungefähr zur gleichen Zeit wie sie selbst auf den Königshof gekommen war, lockerte die Schnüre etwas.

»Verzeihung. Doch der Mieder muss streng sitzen, sonst sieht er nichts gleich.«

Naileen nickte geistesabwesend, es war schon höchste Zeit aufzubrechen. Schnell zog sie das lavendelfarbene Hemd, dessen Kragen ihr Ruika flachlegte, über und schlüpfte vorsichtig in den schleppenden Rock. Sie strich die dabei entstandenen Falten flach, genauso wie sie es einst gelernt hatte, nur mit dem Unterschied, dass sie die edlen Gewänder nun selbst trug. Anschließend stieg sie in ihre offenen Halbschuhe und machte sich auf den Weg zu ihrem Treffen, und das, obwohl sie sich eigentlich nicht gut fühlte. Seit ein paar Tagen hatte sie bereits diesen Schwindel und ausgerechnet heute war ihr auch noch leicht übel geworden. Doch dies galt es jetzt zu vergessen und ihre Aufmerksamkeit auf das folgende Treffen zu lenken. Nach einigen Treppen abwärts, der Wohnbereich des Königs und der Königin lagen in den oberen Stockwerken des Palastes, war sie auch schon in dem großen Saal angekommen. Ruika, die ihr respektvoll in einigem Abstand gefolgt war, eilte an ihr vorbei und öffnete die Tür. Die Fürstinnen standen im Raum und unterhielten sich, doch diese Gespräche verebbten sofort, als die Königin eintrat. Die Damen verneigten sich tief und Naileen, der das Ganze immer noch etwas unangenehm war, deutete schnell auf die Sessel, die rund um einen großen Tisch aufgestellt worden waren.

»Aber, aber, meine Freundinnen, bitte nicht so förmlich, setzt euch.«

»Freundin hin oder her, du bist nun mal die Königin Naileen, und wenn wir dich schon in so vertrauter Weise ansprechen sollen, wie du es uns schon des Öfteren ins Gedächtnis gerufen hast, dann gehört es sich doch zumindest, auf dein Eintreffen gebührend zu reagieren.«

Wutja, die Fürstin Seestadts, lächelte auf ihre unvergleichliche Art und Weise, während sie auf Naileen zuging und sie herzlich in die Arme schloss. Diese erwiderte die Umarmung gerne. Wutja war ein Urgestein in den Reihen der anwesenden Damen, da sie mit ihren inzwischen über 60 Jahren schon in der dritten Generation dieser Treffen anwesend war. Als sie das erste Mal hier gewesen war, als junges, unschuldiges Mädchen, gerade erst ihrem Mann zur Frau gegeben, war dies noch unter der Herrschaft Tchiyo Xardics gewesen, Degaars Großvaters. Während ihres ersten Treffens war sie so nervös gewesen, dass sie die ganze Zeit über, nicht ein einziges Wort gesagt hatte und unendlich froh gewesen war, als sie endlich wieder die Heimreise antreten durfte. So zumindest hatte Wutja sie getröstet, als Naileen vor zwei Jahren das erste Mal dieses Treffen, zumindest nominell, leiten hätte sollen und auf Grund ihrer blank liegenden Nerven nichts als Gestammel zustande gebracht hatte. Bereits zu dem Zeitpunkt hatte die Königin die Fürstin Seestadts ins Herz geschlossen. Sie blickte diese eindringlich an. Mochte sie früher auch von anmutiger Schönheit gewesen sein, so war heute nicht mehr viel davon zu sehen. Sie war mittel großen Wuchses, doch man mochte sie durchaus für klein halten, auf Grund ihrer nach vorne gekrümmten Haltung. Außerdem hatte sie einen kugelrunden Wanst, in den sie normalerweise während der Treffen ohne Unterlass eine Leckerei nach der anderen schob. Doch dies hinderte sie nicht im Geringsten daran, zumeist die Gespräche zu führen, hatte sie sich als älteste anwesende Person doch schon lange als inoffizielle Leiterin dieser Treffen heraus kristallisiert. Naileen konnte es sich nicht erklären, aber neben ihr fühlte sie sich einfach wohl. Und schon ergriff die Fürstin Seestadts auch wieder das Wort.

»Es tut gut, dich wieder zu sehen. Du siehst blendend aus! Also dass du mit diesem Aussehen noch immer keinen zukünftigen Thronfolger in dir trägst, verwundert mich über alle Maßen. Du wirst dir wohl bald einen Liebhaber ins Bett holen müssen.«

Während Wutja noch lachte, stach es Naileen innerlich. So sehr sie die alte Dame auch mochte, Feingefühl war nicht ihre Stärke. So hatte sie genau Naileens wunden Punkt getroffen, und dies sicherlich ohne es zu wollen. Denn allen Bemühungen zum Trotz, war es der Königin noch nicht gelungen, Degaar ein Kind zu schenken. Naileen hatte wirklich schon beinahe alles versucht. Sie hatte verschiedene Ärzte kommen lassen um herauszufinden, was mit ihr nicht stimmte, doch niemand konnte es ihr sagen. Sie hatte auch einen angeblich mit magischen Kräften ausgestatteten Heiler zu sich gerufen, doch auch dessen Mühen waren umsonst gewesen, ganz abgesehen davon, dass sie wohl nie erfahren würde, ob der Mann nicht doch ein Schwindler gewesen war. Als einzig übrige Möglichkeit verblieb noch, sich einem anderen Mann hinzugeben, doch dies zog sie nicht einmal in Erwägung. Sie war die Königin Sekoyas und als solche galt es ein Vorbild zu sein und nicht mit irgendwelchen Männern ins Bett zu steigen. Außerdem würde sie das nie tun. Sie erwartete von ihrem Ehemann ja schließlich auch absolute Treue, und sie war sich sicher, dass dies auf Gegenseitigkeit beruhte. Und so mussten sie es auf herkömmliche Weise weiter versuchen, und obwohl sie die so verbrachte Zeit sehr genoss, lag doch immer dieser dunkle Schatten über ihrem Liebesspiel. Vielleicht würde sie einfach einsehen müssen, dass Degaar inzwischen schon zu alt war, um Nachkommen zu zeugen, doch noch war sie nicht gewillt aufzugeben.

»Ganz im Gegensatz zu dir, meine liebste Wutja, empfinde ich es als großes Vergnügen, bei meinem Ehemann zu liegen. Ich bin auf das Lendenfeuer anderer nicht angewiesen!«

Diese instinktive Antwort war um einiges gemeiner und wesentlich weniger neckisch ausgefallen als beabsichtigt. Wutjas Aussage hatte sie wohl mehr in Rage gebracht als sie vermutet hatte, und der Schwindel machte es auch nicht gerade leichter, kluge Sätze zu formulieren. Ein solch plumper Satz zu einer Fürstin konnte ein mehr oder weniger großes Unheil heraufbeschwören. Die anderen Fürstinnen, deren Gespräche alle abrupt abgerissen waren, starrten gespannt auf die beiden.

»Verbring du erst einmal über 40 Jahre mit demselben Mann, und wir werden sehen, ob es nicht auch dich nach ein bisschen Abwechslung gelüstet. Auch wenn ich diese Zeit wohl nicht mehr erleben werde.«

Die Fürstin Seestadts zwinkerte der Königin zu, wohl um ihr klar zu machen, dass sie keinerlei Grohl ihr gegenüber hegte.

»Also dann meine Damen, zu Tisch, zu Tisch!«

Wutja scheuchte die anderen Fürstinnen mit wedelnden Bewegungen ihrer Hände in Richtung der großen Tafel. Naileen steuerte mehr schlecht als recht den Platz der Königin an. Zwar gab es an dem runden Tisch keinen Vorsitz, doch der Herrscherin Sekoyas gebührte der Stuhl, der etwas über all die anderen ragte. Und genau dort nahm sie nun auch Platz, was auch bitter notwendig wurde, denn gerade eben war ihr noch unwohler geworden, als ihr ohnehin schon die ganze Zeit über war. Sie hatte irgendwie das Gefühl zu ersticken, ihr war heiß und kalt gleichzeitig und der Raum hatte begonnen sich wie wild zu drehen. Nur am Rande ihrer Aufmerksamkeit nahm sie wahr, wie sich die Frauen setzten und zu sprechen begannen. Patrizia sprach, wie sollte es auch anders sein, irgendetwas von der Rodung von Bäumen, doch Naileen musste sich darauf konzentrieren nicht das Bewusstsein zu verlieren. Sie atmete bewusst langsam und versuchte sich wieder zu fangen. Es half nichts. Ihr wurde nicht besser sondern höchstens schlechter. Jetzt tauchten auch noch helle, vor ihren Augen tanzende, Punkte auf. Auf diese Art und Weise hatte ihr Dasein in dem Kolloquium wirklich keinen Sinn. Sie erhob sich und schaffte es wohl dabei nicht wie ein Tölpel auszusehen.

»Meine Damen, ich fürchte ich muss mich zurückziehen, meine körperliche Verfassung ist heute leider nicht die beste. Ich empfehle mich.«

Diese zwei Sätze stammelnd, von den Besserungswünschen und Verabschiedungen der anderen Damen begleitet, die sie nicht mehr wirklich realisierte, steuerte sie in Richtung Tür, welche wiederum von Ruika geöffnet wurde. Sie ging hindurch und zwang sich nicht stehen zu bleiben. Sie wollte nur noch in ihre Gemächer und sich hinlegen. Sie setzte einen Schritt nach dem nächsten, quälend langsam arbeitete sie sich die Treppen hinauf. Endlich in den Privaträumen angekommen, fiel sie nur noch auf ihre Seite des großen Bettes, das sie mit ihrem Mann teilte, und augenblicklich umfing sie unruhiger Schlaf.

Degaar war mit sich zufrieden, was vielleicht durchaus an dem vielen Alkohol lag, den er in dieser Nacht zu sich genommen hatte. Er war eigentlich kein großer Trinker, doch dieses Mal war es einfach mit ihm durchgegangen. Wenn Leon nicht darauf bestanden hätte, das neueste hochprozentige Erzeugnis aus seinem Ionika zu probieren, wäre er jetzt sicherlich wesentlich fitter. Doch köstlich war es gewesen, das glasklare Gebräu, welches trotz des hohen Alkoholgehalts nicht scharf war, und dessen Geschmack es dem beigemengten Waldbeerenextrakt verdankte. Ja, die Faires wussten schon, was gute Getränke waren. Während er, von einer Seite des Ganges zur anderen wankend, auf dem Weg in seine Privaträume war, dachte er nochmals über seinen Abend nach. Nach der üblichen Begrüßung der Fürsten waren die Männer zusammen gesessen und hatten miteinander gespeist. Degaar fand, dass es viel leichter war, sich mit allen zu unterhalten, wenn es keine knurrenden Mägen mehr gab, und die Fürsten hatten ihm da schon immer zugestimmt. Er hatte wieder allerlei Köstlichkeiten auftischen lassen, darunter auch gekochte Soprogta-Eier, eine Delikatesse, auf deren Geschmack Degaar bereits vor langem gekommen war. Es bereitete dem König keine Freude, seinen ohnehin bereits geschrumpften Vorrat an diesen kostbaren und schwer zu besorgenden Eiern zu opfern, aber dies gehörte nun mal zu den Annehmlichkeiten, die er seinen Fürsten zur Verfügung stellen musste. Er befriedigte sich mit dem Gedanken, selbst den Großteil davon verzehrt zu haben. Ob er wohl genügend Nachschub auftreiben würde können? Sein üblicher Händler meinte, dass die Greifvögel heuer besonders angriffslustig auf Eindringlinge in ihren hochgelegene Revieren in den Queyt Bergen reagierten, was zweifelsohne den bereits jetzt an Piraterie grenzenden Preis in die Höhe treiben würde. Leider fehlte es Degaar an dem nötigen Fachwissen, um in Erfahrung zu bringen, ob der Halunke lediglich mehr Gewinn machen wollte, oder ob seine Schilderung tatsächlich den Tatsachen entsprach. Sei’s drum, auf die paar Münzen mehr kam es ihm nun wirklich nicht mehr an. Nach dem Essen, bei dem auch bereits reichlich Wein geflossen war, hatten sie über eine engere innerstaatliche Zusammenarbeit sinniert, vor allem in einem Punkt, der schon länger diskutiert wurde: Die Volkszählung. Für das Königreich war es essentiell zu wissen, wie viele Bürger es gab, um daraus die voraussichtlichen Steuereinnahmen zu kalkulieren, um zu sehen, ob manche Gebiete besonders hart von tödlichen Krankheiten betroffen waren und in welchen schrumpfenden Ortschaften wieder gezielt Leute angesiedelt werden sollten. Nun zählten die einzelnen Fürsten in ihren Gebieten aber so, wie sie es für richtig hielten, Wim Morgenson beispielsweise alle zwei Jahre, Antario Silberstein alle fünf Jahre, Otto Roth gar lediglich alle zehn Jahre und das sowieso zu vollkommen verschiedenen Zeitpunkten und mit unterschiedlichen Methoden. Es war ein heilloses Durcheinander, das es zu entwirren gab. Degaar hatte bereits beim vorigen Treffen versucht eine Einigung zu erzielen, war aber gescheitert. Er hätte eine einheitliche Regelung zwar auch befehlen können, ihm war es aber lieber, wenn er sich mit seinen Fürsten auf etwas einigen konnte. Und heute war es ihm endlich gelungen, alle auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Zwar hatten wohl auch der Wein und die hervorragenden neuen Tänzerinnen ihren Teil dazu beigetragen, den einen oder anderen vom Mehraufwand für sich abzulenken, sodass schließlich alle zugestimmt hatten, zu fixen Zeitpunkten alle vier Jahre Volkszählungen durchzuführen, doch er fand, dass dies seine Leistung keinesfalls schmälerte. Er hatte sich vielmehr im Stillen selbst dazu gratuliert, diese beiden Faktoren so geschickt ins Spiel gebracht zu haben. Nachdem endlich ein Konsens gefunden worden war, war der Alkohol in Strömen geflossen. Es hatte weiterhin Wein gegeben, aber auch Bier und der liebliche Honigschnaps, für den Ionikas berühmt war, waren seinen Gästen und ihm aufgetragen worden. Die Stunden waren vergangen, und nachdem der König einmal das Gefühl gehabt hatte, sich auf seinen wunderschönen Marmorboden zu übergeben, auf dem Jannick Harson bereits eingeschlafen war, hatte er sich so schnell, wie dies in seinem Zustand noch möglich war, davon gemacht. Die Übelkeit war verflogen nachdem er erst aus dem nach Schweiß, Alkohol und Erbrochenen riechenden Saal getreten war, doch der Rausch war ihm geblieben. Vor allem war der König auch unendlich müde. Endlich erreichte er seine Privaträume, wo er sich rasch seiner Kleidung entledigte. Eine Aufgabe, die zu erfüllen sich seine Frau wohl außer Stande gesehen hatte, wie er mit einem schielenden Blick feststellte. Auch sie schien dem Alkohol an diesem Tage nicht abgeneigt gewesen zu sein, und anscheinend war er nicht der einzige im Raum, der sich am nächsten Tag schlecht fühlen würde. Erschöpft kroch er in das königliche Bett. Er wollte sich zwar eigentlich noch an Naileen herantasten, doch irgendwie war ihm das jetzt einfach zu mühsam. Seine Königin würde ihm schon nicht weglaufen…

Degaar erwachte und wünschte sich augenblicklich, er hätte es nicht getan. Ihm war elendiglich übel, und sein Kopf tat ihm beinahe genauso weh wie damals, als er von seinem Pferd gefallen und mit seinem Haupt am Pflaster aufgeschlagen war. Er versuchte wieder Schlaf zu finden, aber jedes Mal, wenn er die Augen schloss, war es, als würde sich der Raum immer schneller und schneller um ihn drehen. Er brachte sich in eine aufrechte, sitzende Lage und warf dabei einen Blick auf Naileen. Sie lag auf der Seite, den Rücken zu ihm gedreht. War sie nicht gestern Nacht auch genau in dieser Position gelegen? Er streckte seine Hand nach ihr aus und erschrak. Ihre Kleidung war triefend nass, ebenso das Bettlaken rund um sie herum.

»Naileen?« Seine Stimme war nur ein leises Flüstern, er schüttelte sie leicht, um sie sanft zu wecken, doch sie regte sich nicht. Jetzt war er wirklich alarmiert. Er drehte sie auf den Rücken, ihr glutrotes Gesicht schockierte ihn. Der Schweiß stand der Königin auf der Stirn und sie atmete nur flach. Degaar schüttelte sie erneut, immer fester und fester, er rief immer wieder ihren Namen, und dennoch kam sie einfach nicht zur Besinnung! Panisch stürzte der König aus dem Bett, seinen eigenen, üblen Zustand vergessend, rannte zur Tür und begann lauthals um Hilfe zu rufen. Binnen weniger Minuten war der gesamte Hofstaat auf den Beinen und ein Bote preschte auf einem drahtigen Pferd in Windeseile aus dem Schloss, um den Hofarzt zu alarmieren.

Geglückt?

Jarihm lief vor freudiger Erwartung ein sanfter Schauer über den Rücken. Die Art und Weise, wie sie so knapp vor ihm stand, dass wohl kaum mehr als ein Katzenhaar zwischen ihnen Platz gefunden hätte, sie ihn aber trotzdem nicht berührte, erregte ihn mehr, als er erwartet hätte. Er sehnte sich nach mehr. Sucarías sanfte Hand zog ihn liebevoll, aber bestimmend, in Richtung des ersten Stocks, in dem sich die Unterkünfte für Reisende befanden. Schritt für Schritt folgte er ihr auf der Treppe und genoss dabei das Bild, das sich ihm präsentierte. Das durch das Treppensteigen sanft hin und her wippende Gesäß Sucarías hatte ihn wie in Trance versetzt. Sein Blick blieb hängen an ihren sanften Rundungen, die sich durch ihr Kleid abzeichneten. Er streckte seine Hand nach ihr aus, berührte sanft ihr Gesäß. Sucarías Kopf drehte sich zu ihm, ihr Antlitz war verzerrt, eine Mischung aus Hass und Abscheu. Bereits einen Lidschlag später, strahlte sie wieder von oben bis unten. So konträr war das Bild, das sich Jarihm nun bot, dass er sich fragte, ob seine alkoholgeschwängerte Wahrnehmung ihm vielleicht bereits Streiche spielte. Endlich erreichten sie das Obergeschoss, doch nun blieb die Schildmaid unvermittelt stehen, was ihn an sie anstoßen ließ. Fragend blickte er sie an. Hatte sie doch Zweifel bekommen, ob es wirklich eine gute Entscheidung war, die Nacht mit ihm zu verbringen? Das würde auch ihren seltsamen Gesichtsausdruck erklären. Würde sie vielleicht gar noch gewalttätig werden? Einen Augenblick lang blickte sie ihn verständnislos an, dann grinste sie, als ob ihr soeben ein Licht aufgegangen wäre und verschränkte verspielt beleidigt die Arme vor ihrem Bauch, was ihre weibliche Formen nur noch weiter betonte.

»Willst du, dass ich mir hier die Beine in den Bauch stehe, oder soll ich damit nicht doch etwas anderes anstellen?«

Verwirrt schaute Jarihm sie an. Sie war es doch gewesen, die stehend geblieben war, und nicht er. Wenn sie nicht weitergehen wollte, was sollte er da schon tun? Anscheinend amüsierte sein verdutzter Gesichtsausdruck Sucaría sehr, denn jetzt konnte sie sich ein Lachen nicht mehr verkneifen. »Anscheinend hat sich dein ganzes Blut bereits anderswo gestaut… ich kenne den Weg nicht! Du wirst schon voraus gehen und mich hinführen müssen. Oder ist dir etwa die Lust vergangen?«

Noch während sie das sagte, umspielte sie mit ihrem linken Zeigefinger seinen Hosenbund, ihren feixenden Blick auf ihn gerichtet. Jarihms Gesicht wurde heiß, so unendlich peinlich war ihm die Szene. Natürlich wusste sie nicht, wo sein Raum lag, sie war ja auch noch nie hier gewesen! Und Türen gab es hier im ersten Stock wahrlich mehr als genug, um sich irren zu können. Er hätte sich Ohrfeigen können für seine Dummheit. Er überlegte, was er jetzt erwidern könnte, um nicht komplett dämlich dazustehen, doch leider ohne Erfolg. Seine Mutter hatte immer gesagt: „Lieber den Mund halten und die Leute mutmaßen lassen, man sei ein Narr, als ihn zu öffnen und deren Vermutungen zu bestätigen!“ Darum entschloss er sich, einfach wortlos den Weg anzuführen. Einige große Schritte später stand er bereits vor der richtigen Tür, das Familienwappen der Los Cuervos, der große, schwarze Rabe, garantierte ihm, hier richtig zu sein. Sucarías warmer Atem in seinem Nacken löste mittlerweile ein wohliges Gefühl in seiner unteren Magengegend aus. Nervös tastete er nach dem Schlüssel in seiner Tasche, als der Arm der Schildmaid an ihm vorbei fuhr und den Türknopf drehte. Mit einem leisen Klicken sprang die Pforte auf und Sucaría drängte ihn hindurch. Jarihm war sich eigentlich sicher gewesen, dass er abgesperrt hatte, doch auch er konnte sich schließlich einmal irren. Er trat in den großen, wunderschön möblierten Raum, doch sein Interesse lag nun wirklich nicht an den vielen luxuriösen Gegenständen. Er drehte sich um und wollte Sucaría gerade küssen, als er bemerkte, wie sich ihre Augen, die an ihm vorbei in den Raum hinein blickten, weiteten. Mit einem lauten »Achtung!«, riss die Schildmaid ihn zur Seite, nur einen Augenblick später fuhr ein Schwert an eben der Stelle durch die Luft, an der er eben noch gestanden hatte. Jarihm schlug hart am Boden auf. Alle Atemluft in seinen Lungen wurde aus ihm herausgequetscht, er bekam kurz keine Luft mehr. Während er noch versuchte zu realisieren, was hier eben geschehen war, machte sich die gute Ausbildung der Streiterin des Königs bereits bezahlt. Schnell wie der Wind wich sie von einem weiteren, waagrecht geführten Streich, der ihr anderenfalls wohl den Bauch aufgeschlitzt hätte, zurück in Richtung der vom Eingang links liegenden Wand. Jetzt sah Jarihm den Angreifer auch erstmals richtig vor sich. Es war ein kräftig gebauter Mann mittleren Alters, welcher dank seiner heruntergekommenen Kleidung und seinem lang wuchernden Bart aussah, als ob er die letzten Nächte auf der Straße verbracht hätte. Mit einem bösen Grinsen im Gesicht setzte er der Schildmaid mit einer Geschwindigkeit und Gewandtheit nach, die Jarihm ihm nicht zugetraut hätte. Sie steckte in der Klemme! Ohne Waffe und mit der Wand im Rücken sah es düster für sie aus. Doch das Zurückweichen Sucarías war nicht planlos gewesen. An eben dieser Wand hingen zwei gekreuzte Schwerter, für die Jarihms Vater ein solches Vermögen ausgegeben hatte, dass er sogar in der jetzigen Situation schlucken musste, wenn er daran dachte. Mit einer schnellen Bewegung griff sie sich die beiden Waffen und konnte gerade noch eine davon in die Höhe reißen. Es klirrte metallisch laut auf, als die Klinge des bärtigen Unbekannten auf die der Schildmaid traf. Sucarías gesamter Arm erbebte unter der Wucht des Angriffs, aber der Schlag war pariert. Doch wer glaubte, dass sie dadurch beeinträchtigt war, irrte. Sie vollführte eine Rolle nach rechts und holte noch in kniender Position zum Schlag aus. Doch diesen konnte Jarihm nicht mehr sehen, denn ein Schatten zu seiner Rechten erforderte seine gesamte Aufmerksamkeit. Ein silberner Bogen schnitt durch die Luft und eine große Streitaxt steckte nicht einmal eine Handbreit neben seinem Fuß im Boden. Geschockt, aber so schnell wie es ihm nur irgendwie möglich war, rappelte er sich auf und wich panisch in eben jene Ecke zurück, in der sich kurz zuvor auch seine Gefährtin befunden hatte. Was sollte er nur tun? Er hatte keine Waffe, und noch dazu war er ein miserabler Kämpfer. Schnell schickte er ein Stoßgebet gen Ylyrianum, um dafür zu danken, dass der Streich ihn hauchdünn verfehlt hatte, und das, obwohl er, am Boden sitzend, wohl ein sehr leichtes Ziel abgegeben haben musste. Ein zweiter Angreifer, der zwar um vieles kleiner, aber dafür auch um einiges muskulöser war als der andere, zog die Axt hämisch grinsend mit einem Ruck aus dem Boden. Während sich das Mondlicht, dass durch das große Fenster in den Raum fiel, auf seiner kahlgeschorenen Glatze spiegelte, kam er in aller Seelenruhe auf ihn zu, die Waffe bedächtig in seinen beiden Händen hin und her wiegend. Jarihm wich weiter zurück und erschrak, als er die kalte Steinmauer in seinem Rücken spürte. Er konnte nirgends mehr hin! Gerade als er sich in einer ausweglosen Situation wägte, hörte er Sucarías Stimme.

»Jarihm, fang!«

Er blickte in die Richtung, aus der er ihre Stimme vernahm, und zwar gerade noch rechtzeitig. Sie warf eines der beiden kostbaren Schwerter in seine Richtung und er griff schnell danach. Er bekam den Griff nur mit den Fingerspitzen zu packen. Seine einzige mögliche Rettung drohte ihm aus der Hand zu gleiten! Er griff kurz, aber geschickt nach, und konnte es so gerade noch verhindern. Jetzt hörte er den Glatzkopf auflachen.

»Mit dem Zahnstocher willst du dich gegen meine Sissi verteidigen? Probier‘s nur!«

Erneut zischte die Axt durch die Luft und schnitt ihm dabei den Weg zur Flucht ab. Der von schräg oben geführte Schlag krachte auf Jarihm herab und er hielt sein Schwert dagegen. Donnernd knallten die beiden Kriegsinstrumente aufeinander. Der Lärm betäubte Jarihms Ohren kurzzeitig und die Wucht des Aufschlags ließ ihm ein angestrengtes Stöhnen entfleuchen. Doch er hielt der Axt stand. Der Kahle wirkte sichtlich erstaunt, und auch Jarihm konnte sich einer gewissen Verwunderung nicht erwehren, dass er es tatsächlich geschafft hatte, den schnellen und wuchtigen Angriff abzuwehren. Der Schwertkampflehrer seiner Kindheit wäre stolz gewesen. Jarihm holte zu einem Gegenstoß aus. Durch das Drehen seines Handgelenks ließ er die Klinge in die entgegengesetzte Richtung zeigen und zielte auf den, seiner Meinung nach, ungeschützten Oberkörper des Angreifers. Aber wie sich zeigte, war der Kämpfer äußerst geschickt im Umgang mit der Axt. Auch wenn der Axtkopf ihm nicht zur Verfügung stand um den Angriff abzuwehren, schaffte er es spielend leicht den Schaft gegen das Schwert zu richten. Noch dazu fehlte Jarihms Schlag die Kraft, die er vorhin beim Abwehren des Angriffs noch aufgeboten hatte. Der muskulöse Angreifer fletschte seine Zähne zu einem boshaften Lachen. »Und ich dachte schon, du kleiner Schisser könntest kämpfen.«

Er hielt die Axt mit beiden Händen der Breite nach und stieß Jarihm damit zurück, welcher abermals zu Boden ging. Der Aufprall war schmerzhaft, seine Hüfte würde wohl bald ein blauer Fleck zieren. Breitbeinig stand der Angreifer über ihm und holte gerade wieder zu einem Schlag aus, als ein von der Seite geführter Schwertstreich seinen Hals nur um Haaresbreite verfehlte. Der Mann mit der Glatze wich zurück, Jarihm atmete erleichtert aus. Kurzzeitig hatte er schon gedacht, dass er gleich seine Mutter wiedersehen würde. Sucaría trat vor ihn, einige Strähnen ihres blonden Haares hatten sich aus dem Zopf befreit und klebten in ihrem schweißnassen Gesicht. Ihr Blick verriet unbändigen Kampfeswillen, und ihre tiefblauen Augen wirkten entschlossen und zu allem bereit. Jarihm kam wieder auf die Beine und sah, warum ihm die Schöne zur Hilfe eilen hatte können. Die dreckige Kleidung des bärtigen Angreifers, der sich mit ihr angelegt hatte, war blutverschmiert und Jarihm konnte nur vermuten, dass es das seine war, schließlich schien die Schildmaid nicht verwundet zu sein. Der Glatzkopf wollte gerade wieder zum Angriff ansetzen, als der Bärtige ihn rief.