Des toten Manns Kiste - Sebasian Schaefer - E-Book

Des toten Manns Kiste E-Book

Sebasian Schaefer

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Beschreibung

„Ihr seht nur einen Teil des großen Ganzen, doch immer und überall brennt das Große Feuer“ Die Raumstation Nadel schwebt als hellstrahlendes Zentrum im seit Jahrhunderten unberührten Dunklen Garten. Aber wo es Licht gibt, gibt es Schatten und das, was lange unbemerkt in der Finsternis heranwuchs, erhebt sich, um mit gnadenloser Jahrtausende alter Wut über eine arglose Welt hereinzubrechen. In »Des Toten Manns Kiste« verbinden sich in den glitzernden Weiten des unendlichen Alls und der geheimnisvollen Glut der Ereignisse die Schicksale von 14 faszinierenden Akteuren miteinander. Jeder von ihnen muss seine eigene unvermeidbare Wahl treffen und bestimmt damit, ob er dunkle Geschichte schreibt oder glanzvolle Legende wird. Nach dem Initial-Roman »Der letzte Kolonist« (nominiert für den Phantastikpreis der Stadt Wetzlar und den Deutschen Science-Fiction-Preis 2019) und dem SF-Spektakel »G.O.T.T.« präsentiert Sebastian Schaefer eine weitere Episode seiner Space-Opera rund um den grausamen Kult von Aszlil, die unsterblichen Wjui und die am Rad des Schicksals drehenden Gepps

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EPUB

Seitenzahl: 506

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Des toten Manns Kiste

 

von Sebastian Schaefer

 

 

Sciencefiction Roman

Vollständige E-Book-Ausgabe der Druckausgabe

 

ISBN 978-3-946348-32-0

ISBN 978-3-946348-31-3 (Print Ausgabe)

 

© Eridanus Verlag | Jana Hoffhenke

Hastedter Heerstr. 103 | 28207 Bremen

Alle Rechte vorbehalten

 

Lektorat: Jana Hoffhenke

Coverdesign: Detlef Klewer

Satz | Gestaltung: Eridanus IT-Dienstleistungen

 

Für meine Brüder Christian und Florian 

 

»Edelmut ist fürwahr das Zeichen der Könige

und das, was auch ich in Euren Augen sehe.«

- Überliefert und übersetzt aus der Ansprache eines

Helden von Styx - 

 

Wie Schaum und Gischt

 

Die in majestätisch gleißender Pracht aufgehenden Sonnen verliehen dem beginnenden Morgen hoch oben über den weiten Straßen der eindrucksvollen Stadt den edlen Schimmer von Rotgold und Purpur und krönten sie mit ihrem schnell wärmer werdenden Licht. Von dem mit in hellblauer Blüte stehenden Baku-Wein bewachsenen Balkon der am Rande Mandrias hoch aufragenden Mietskaserne konnte man mit dem einsetzenden Beginn eines neuen Tages bis zu seinem geschäftigen Zentrum und dem historischen Marktplatz blicken, auf welchem schon seit vielen Jahrhunderten das Wesen und die Kultur der Bewohner Krons geformt wurden.

Ein leichter Windzug trug den ein wenig an Minze erinnernden Duft der blühenden Ranken gemeinsam mit dem von fremdartigen Gewürzen aus fernen Gestaden über die hell verputzten Mauern der schmalen Brüstung und belebte die Sinne des jungen Mannes, der schon seit einer guten Stunde in der unter dem freien und unendlich weit erscheinendem Himmel gespannten Hängematte wachgelegen hatte. Die Wohnung des kahlrasierten Bibliothekars, an dem allein die Brauen über seinen dunkelgrünen Augen und sein kurzer Vollbart verrieten, dass er an und für sich blond war, verfügte zwar neben dem eher spartanisch eingerichteten Wohnraum, der funktionalen, schmalen Küchenzeile und dem mit hohen Fenstern versehenen Bad auch über ein lichtdurchflutetes Schlafgemach, aber Dandrik Nakaro genoss die Zeit, die er hoch oben über der glanzvollen Metropole ohne begrenzende Wände und Decke eines gemauerten Zimmers verbringen konnte.

Nakaro ließ hier Blicke und Gedanken schweifen. Er träumte gerne und das nicht immer nur mit geschlossenen Lidern. Es kam nicht von ungefähr, dass er nach dem recht guten Abschluss an der Lastmace-Universität ohne weitere Abschweifungen seinen direkten Weg in die hochdotierte Anstellung in der Bibliotheka Ultima gefunden hatte. Der junge Mann, der gegenwärtig noch in den sanft schaukelnden Strängen der sorgfältig und von offensichtlich kunstfertiger Hand geknüpften Ruhestätte die letzten Minuten vor einem weiteren Tag in den ehrwürdigen Hallen des so imposanten Gebäudes verbrachte, das neben der Akademie der Lastmace noch von zwei weiteren Hochschulen umrahmt wurde, genoss den nie enden wollenden Horizont. Schon bald würde er den fast grenzenlosen Blick und die schier unbegrenzte Freiheit aufs Neue gegen die Reihe an Reihe in schwindelnde Höhen emporragenden Regale und die dicht an dicht stehenden, hochgeschlossenen Mauern aus sicher vakuumisierten Folianten, uralten Schriftrollen, zerfurchten Steintafeln, ausgeblichenen Bildteppichen, tätowierten Lederstücken, blitzenden Datenspiegeln, aschgrauen Memorabila, bunt glitzernden Kristallhirnen, dunklen Erinnerungsstiften, blass bis milchig befüllter L-IQ-uid-Becken und der in Myriaden gewissenhaft katalogisierten Holographen eintauschen.

Dandrik Nakaro liebte die Zeit hoch oben über der Hauptstadt der Händler, die in all den Jahrhunderten, die nach ihrer Gründung in das fruchtbare Land gezogen waren, nichts von ihrer Anmut und Schönheit verloren hatte und auf den Navigationskarten von Konkurrenten und Bündnispartnern gleichermaßen als prächtiges Juwel schimmerte. Genauso empfand es sein für seine Aufgabe entbranntes Herz jedoch auch jedes Mal, wenn er das gewaltige, messingbeschlagene Portal durchschritt, das ihn wie auch die anderen hier Beschäftigten und Abertausenden von wissensdurstigen Gästen in die weiten Räume der Bibliothek der Bibliotheken einließ. Der junge Händler streifte das dünne Laken ab, mit dem er sich und seinen unbekleideten Körper die laue Nacht über bedeckt hatte und setzte sich auf. Er streckte noch einmal seine müden Glieder und stand auf, um dann das Innere seines angemieteten Quartiers und nur Augenblicke später die beengte Duschzelle zu betreten. Er aktivierte ihre Automatik und die bezaubernden Klänge einer antiken Aufnahme der Pianistin May und ihres überlieferten Auftritts im Toba-Theater von Tokionopel und das sanfte Rauschen klaren, heißen Wassers überdeckten den Mark und Bein durchdringenden Ruf einer Lunus-Eule, der dem jungen Nakaro ansonsten wohl verständlicher Weise zu denken gegeben hätte.

Nach dem erfrischenden Bad kleidete der junge Bibliothekar sich zügig an, griff nach seinem etwas abgegriffenen Rucksack und verließ nun doch ein wenig in Eile seine Wohnung. Sein Dienst würde schon bald beginnen und wenn er auf dem Weg zur Bibliotheka Ultima am Stand der süßen Helen Amba noch ein schmackhaftes Frühstück zu sich nehmen wollte, dann blieb ihm nur wenig zeitlicher Spielraum. Dandrik Nakaro hatte Glück und erwischte trotz des mittlerweile mehr und mehr zum Leben erwachten Morgens sofort einen freien Essencer und sein lebendes Licht beförderte ihn ebenso schnell und verlässlich wie vorsichtig und sanft auf die erste Ebene, sodass die genieteten Sohlen seiner flachen Glomlederstiefel alsbald geräuschvoll auf den gepflasterten Straßen der Hauptstadt Krons hallten. Im Laufen zog sich der junge Mann den modischen, knielangen Yilluster in Muster und Farbe eines blauen Achats über, dessen breite, weiße Revers goldene Knöpfe säumten, die den legendären Schicksalsmünzen der Prinzipalen nachempfunden waren. Sie funkelten im wärmenden Licht der Sonnen genauso, wie es die sieben kreisrunden Male aus glatt gebürsteten Zen­trhill auf dem blanken Schädel des Bibliothekars taten.

Die sich rasch füllenden Straßen bis hin zu der an von hungrigen Passanten reich frequentierten Stelle des in der Altstadt festaufgestellten Verkaufswagen der zarten Lulme hatte Nakaro bald hinter sich gelassen. Er mochte Helen und das noch mehr als ihre aus Algen gezauberten Köstlichkeiten, die er nahezu täglich erwarb und bei einem kurzen Gespräch mit dem leicht gelatineartigen, hellvioletten Wesen mit großem Genuss verzehrte. Die Welt der Händler bot ein reiches Füllhorn auf, auch was edelste Speisen und feinste Getränke anbelangte. Schließlich führten die weit verzweigten Routen ihrer Sternenkreuzer sie durch nahezu alle Teile des Universums. Jedoch hatte der junge Händler bisher nichts finden können, was es mehr als etwa die in gezuckerter KRai-Butter erhitzte Shishing verdiente, als unvergleichliche Delikatesse bezeichnet zu werden.

»Ich wünsche dir einen guten Morgen.«

Helen Amba blickte auf und ihren Stammgast sogleich mit einem freudigen Lächeln an. »Dir wünsche ich ebenfalls einen wunderschönen guten Morgen, Dandrik. Du bist spät dran. Fast hätte ein Offizier der Kriegsmarine dir dein Frühstück streitig gemacht.« Mit gespielter Bestürzung fuhr der Bibliothekar die zum Schutz ihres wabernden und schnell zerreißenden Körper in einen flexiblen Kettenpanzer gekleidete Spezialitätenköchin an: »Aber wirklich nur fast, oder?« Nakaro griff nach einem hohen Stuhl mit einem Bezug aus nicht aufgerauter Yill-Faser und setzte sich.

»Ach was, ich würde dich doch niemals im Stich lassen, Dandrik.« Die Lulme lächelte mit großen dunklen Augen und reichte ihrem Gast die vorbereitete Speise. Dann benetzte sie sich an dem hinter dem breiten Tresen und seinen schmackhaften Auslagen installierten Hydronten, was sie in regelmäßigen Abständen tat und auch tun musste, da ihre Physis für einem Planeten geschaffen war, der zu 98 Prozent von Wasser und nur den verbleibenden 2 Prozent von scharfkantigen Felsen bedeckt war. Der junge Mann lächelte ebenfalls und nahm einen Bissen des dampfenden Gerichts, zu dem Helen Amba in einer Korf leicht gekühltes Glillsch gereicht hatte. »Und, mein lieber Dandrik, was steht für heute auf deiner nie endenden Liste erquicklicher Aufgaben? Fertigst du weitere Abschriften des Stammbaums der 9000 Kaiserlichen an? Übersetzt du vielleicht die Werke von Zidsiw Yas ins Dieszeitige? Oder bürstest du zur Abwechslung verrostete Temporaltiegel auf Hochglanz?«

Der Bibliothekar lachte und verschluckte sich beinahe. »Ich weiß, du hast keinen Sinn für überliefertes Wissen, Kunst oder Geschichte, Köchin meines Herzens, aber mir gefallen all diese Tätigkeiten. Ich bewahre Kostbarkeiten und Schätze, die du dir nicht ausmalen kannst.«

Das zierliche Wesen gluckste zur Antwort spöttisch: »Was soll ich mit vertrockneten Überlieferungen? Das Dasein ist im steten Fluss, ein immerwährendes Auf und Ab und so schnell vergangen wie Schaum und Gischt. Wir Lulmen leben schnell und wir leben im Jetzt. Meinst du, ich würde meine Kundschaft satt bekommen, wenn ich für jeden meiner gefüllten Teller studieren müsste? Ich fühle, was ich tue und tue, was ich fühle. Kein Schnickschnack, keine Zauberformeln.«

Dandrik Nakaro nickte lächelnd und aß weiter. Jeder mit solch schönen Augen, der dazu Algen auf diese Art zubereitete, konnte seinetwegen glauben, was immer er wollte.

 

Die Gebäude der Stadt, in denen die Händler einst das historische Bündnis mit den AsterDroids beschlossen hatten, waren hoch und stolz, aber gleichzeitig von leichter und verzückender Eleganz. Nichts wirkte protzig oder verschwenderisch, obwohl edelste Materialien verwendet worden waren. Das in unzähligen Galaxien berühmte und gewürdigte Mandria diente seinen dankbaren Bewohnern und bot ihnen sicheres Obdach, Schutz und Lebensqualität. Es war nicht zu einem Monument verkommen, in dem das Leben nur störendes Beiwerk war. Die Straßen waren breit und die Plätze offen und licht. Die Gebäude waren hell und mit viel Glas verbaut, sodass auch gewaltigste Bauten nicht erdrückend, sondern behaglich und einladend wirkten. Auch die Bibliotheka Ultima glich keinem kaltem Moloch, sondern war ein einladender Platz der Begegnung, Diskussion und Forschung, in dem Wissen nicht bloß verwahrt und konserviert, sondern immer wieder aufs Neue angereichert, durchdacht, bearbeitet und erweitert wurde. Für den jungen Bibliothekar, der es gerade noch rechtzeitig zum Beginn seiner Schicht in die ehrwürdigen Räume seiner Wirkungsstätte geschafft hatte, war das, was ihn hier umgab, ein nicht versiegen wollender Quell der Inspiration. Nakaro las und forschte an diesem fantastischen Ort, wann immer konnte. Oft hatte er schon bedauert, dass seine eigene, verhältnismäßig doch sehr bescheidene Lebensspanne niemals ausreichen würde, mehr als nur winzigste Bruchstücke des großen Ganzen zu erfassen, das hier auf tausenden Quadratmetern seinen wertvollen Raum eingenommen und über die vergangenen Äonen und für die kommenden Ewigkeiten verteidigt hatte. Der Händler befand sich nach der schnell aufgelösten Antrittsbesprechung nun mittlerweile im 71. Stock der Bibliothek und gutgelaunt auf dem Weg in den sterilen Trakt AAB, in welchem ein Dutzend, zum Teil geschmolzener, Schreine ruhten, die man irgendwo in den namenlosen Tiefen des Alls und seinem luftleeren Raum entdeckt und gehoben hatte. Wieder einmal würde er Gelegenheit haben, lang Verborgenes zu enthüllen und längst vergessenes wieder neu in Erinnerung zu rufen. Nakaro betrat die Schleuse zum abgeschirmten Bereich und wartete, bis sich die schützende Versiegelung hinter ihm mit einem ansaugenden Geräusch wieder geschlossen hatte, bevor er den silbrigen Hygieneregen durchschritt und dann einen der gut verschweißten orangenen Schutzanzüge seiner durchscheinenden Hülle entnahm und überzog. Dann öffnete er den vor ihm liegenden Durchgang und betrat den vollständig mit weißem KeramIX ausgegossenen Komplex, in dem die Artefakte, mit denen er sich heute beschäftigen sollte, nebeneinander auf niedrigen Arbeitstischen aufgestellt waren. Der Bibliothekar betrachtete die zwölf würfelförmigen Kästen aus verwittertem, dunklem Metall, von denen jedes eine Seitenlänge von rund 40 Zentimetern haben musste. Einige von ihnen waren anscheinend durch große Hitze deformiert worden. Ein anderer wirkte aus für ihn noch unklaren Gründen zerbrechlich und war fast porös, während zwei weitere Versteinerungen mit fossilen Einschlüssen aufwiesen. Längst hatte Nakaro seinen inneren Katalog aktiviert und notierte in den schnellen Abfolgen seiner Gedanken die eingehenden sensorischen Daten in den aufnahmefähigen Speichern seines verdichteten Zerebrums. Nacheinander sondierte er die Oberfläche der einzelnen, geheimnisvoll wirkenden Würfel und als er an den letzten herantrat, kam ihm dieser auf seltsame Weise besonders und noch rätselhafter vor, auch wenn er äußerlich betrachtet keine wesentliche oder irgendwie markante Struktur aufwies, sondern glatt und eher unberührt wirkte. Der junge Händler mutmaßte, dass es gerade diese Unberührtheit war, dieser einfache Unterschied zu den anderen, die durch unbekannte Einflüsse verändert worden waren. Als er den Würfel öffnete, wusste er noch nicht, dass es nicht allein dieser Eindruck war, der ihn dazu veranlasst hatte, ihn als ersten genauer zu untersuchen. Dandrik Nakaro war ein überaus empathischer junger Mann und die künstlichen Veränderungen in den neuralen Netzen seines Großhirns hatten darüber hinaus dazu geführt, dass sich seine Empathie auch auf Bereiche erstreckte, die für das bloße Auge nicht zu erkennen waren. So kam es dann auch, dass er das gut versteckte und eine schier unendlich lange Zeit verborgene Signal empfing und die leisen, aber eindringlichen Worte hörte, die das Schwarze Kind zu ihm sprach.

 

Ihren Weg in die Galaxien

 

Die bis zum in unsichtbaren Farben gezeichneten Horizont reichenden Nebelschleier aus mit Silber durchtränkter Schwärze zogen in tiefster Stille ihre wie von Geisterhand gezeichneten Bahnen durch die eisige Kälte des Alls. Durchscheinende Wolken aus dunkel glitzerndem Samt trieben in körperlosen Wogen über das in der Unendlichkeit sanft und in anmutiger Schönheit und Eleganz schimmernde Meer ewiger Nacht. Immer wieder funkelten blasse Irrlichter zwischen den geräuschlos tanzenden Wogen der Dunkelheit auf und entzündeten mit unhörbarem Seufzen in tonlosem Klang prasselnde Leuchtfeuer.

Nach dem Edikt der Hohen Minne lag der Dunkle Garten bereits seit Jahrhunderten unberührt und in einiger Entfernung zu den prosperierenden Routen und den in niemals vergehender gleißender Glut der Antriebsaggregate von Handelskreuzern und Transportern liegenden Wegen, aber der Kontakt zu anderen Welten und fremden Völkern war niemals abgerissen oder abgeebbt, sondern beschränkte sich an diesem Ort nur etwas, um denen, die hier lebten und wirkten, besinnliche Abgeschiedenheit und etwas Ruhe zu verschaffen. Zwischen dem siedenden Eis tiefer Schwärze und dem glimmenden Regen lodernder Gasgemische schwebte funkelnd platinweiß leuchtend Die Nadel als Zentrum einer in sich versunkenen Ordnung. In einem für das bloße Auge nicht wahrnehmbaren Reigen drehte sich die schlank und spitz zulaufend gebaute Raumstation der Kayluth um ihre eigene Achse und schenkte ihren nur wenigen zehntausenden Bewohnern künstliche Schwerkraft und ein Heim, in welchem sich seine zumeist freundlichen und rechtschaffenen Bewohner in unerschütterlicher Sicherheit wähnend sorgsam ihrem Tagewerk hingaben. Die Realität zerbrach wie Glas und splitterte in kreischenden Farben in Gestern und Morgen, als sich der gezackte Rumpf des diamantenen Schiffes durch die klaffenden Wunden des Universums zwängte, das heulte und stöhnte, aber in all seiner Pein dennoch von niemandem erhört wurde. Der Raptor zerteilte mühelos die unzerstörbaren Wälle des Seins und beugte den Raum für seine Zwecke, sodass sein schillernder, wie drei übereinander liegende, dreieckige Widerhaken gebaute Leib das sorgsam auserkorene Ziel seiner so bedeutsamen Reise und des mit ihr verbundenen Kreuzzugs ohne Ankündigung oder Vorwarnung schnell und plötzlich erreichte.

Während die diensttuenden Wächter der Kayluth zu Recht erschrocken und zutiefst irritiert auf das unerwartete Erscheinen der Dynastie in ihren abgelegenen Gefilden reagierten, hatte jemand anderes tief im Innern des Raptor seine jüngste Aufgabe wie eh und je mit äußerster Hingabe und in vollkommener Präzision erfüllt. Der durchscheinende Greifschwanz des kleinen Nagetiers wippte noch immer rhythmisch auf und ab, während die in funkelndem Gold strahlende Kairos-Spirale in der großen kristallenen Kugel langsam zur Ruhe kam und mit ihr das angestrengt schnaufende Gepp. Sein Körper, der schon lange keine andere Farbe als die des einstmals so kostbaren Edelmetalls angenommen hatte, bebte und man konnte sehen, wie sich unter dem struppigen und vernarbten Fell des seltenen Tieres seine angestrengten Muskeln nur sehr langsam wieder entspannten. Das Gepp schnüffelte auf das Äußerste gespannt und wissbegierig und wandte sein zartes und fragil wirkendes Haupt immer wieder von links nach rechts. Der blutrot verheilte, fast noch frisch wirkende Schnitt, der quer über seinen vom Erlebten gezeichneten Kopf verlief, verdeutlichte mit seiner im güldenen Glanz des in eine geheimnisvolle Aura gehüllten Apparates liegenden Anwesenheit noch, dass die ehemals dunklen und nun weißlich blassen Augen des Nagers geblendet worden waren. Während das kleine Gepp sich erschöpft auf den glatten Boden des Kristalls kauerte und sich leicht zitternd zu einem pelzigen Knäuel zusammenrollte, glitt auch der Sternenkreuzer der Dynastie langsamer werdend die letzten Kilometer bis zum gezielten Einschlag in das unter den Enterklammern berstende Metall der kayluthischen Nadel. Das Diamantschiff war da, wo es sein sollte, und seine Besatzung erwartete voller Anspannung, ob die im Dunklen Garten stumm ihre Kreise drehende Raumstation weise gewählt worden war.

 

Die Infiltratoren feuerten ihre gleißenden Strahlen durch die zentimeterdicken Wände der gepanzerten Außenhülle und grell loderndes Plasma fraß sich gierig zischend den Weg in das in Notbeleuchtung flackernde Deck. Krachend brach das neu geschaffene Tor aus seiner Verankerung und wurde in den in ein unheimliches Zwielicht getauchten Raum einer breiten und hohen Halle geschleudert. Behände kletterte der erste Ankömmling durch den schnell wieder erkaltenden Ausschnitt in der Panzerhülle und das letzte Licht des brennenden Metalls verglomm spiegelnd auf dem runden, gläsernen Helm, der den in einen steifen, mit adaptiven Dia­mantrauten besetzten und ansonsten gelben Raumanzug gekleideten Mantikoben schützte.

Sim Sigille war der erste seines Zuges, was seine Ankunft, aber auch die militärische Rangfolge anbelangte. Sein mächtiger und von Kraft und Stärke nur so strotzender Körper wirkte auch ohne das große Impulsgeschütz in seinen Händen gewaltig und furchteinflößend, zumal das Glas seines Kopfschutzes einem Gegenüber als erstes immer auch den Blick in das grimmige Antlitz des löwenhäuptigen Kriegers offenbarte. Auch der massive Stachel, der aus dem unteren Ende seines Rückens breit und lang und in einer scharfen knöchernen und mit einer gehärteten künstlichen Legierung versehenen Klinge endend hervortrat, trug zu der beeindruckenden Präsenz des titanenhaften Dynastiesoldaten bei.

Kommandant Sigille wandte sich zu beiden Seiten und sicherte den umliegenden Bereich prüfend ab, bevor er seinen Untergebenen das mit stiller Geste gezeichnete Signal zum geordneten Nachrücken gab. Zwei weitere Mantikoben sprangen aus dem Andockschacht und nach einem breitschultrigen Griffydier mit angelegten schneeweißen Schwingen in kurzen Abständen auch die weiteren löwenhäuptigen Kämpfer seines Trupps. Sigille wandte sich an seinen geflügelten Späher: »Shaak, was hast du für mich?«

Der mit seinen knapp 30 Standardjahren noch sehr junge Griffydier, der mit seinen geschärften Sinnen die Umgebung aufsog wie Wasser, klackte mit seinem kräftigen Schnabel. »Freizeitdeck 14. Hier gibt es dichte Vegetation in Form zweier, von einem Fluss geteilten, Parkanlagen. Kulturbüsche aber auch viele Quar-Weiden. Ansonsten das Atrium und im Kreuzweg angelegte Passagen mit Ladengeschäften. Der Tempel liegt auf der gegenüberliegenden Seite. Das Kraftwerk steht still, scheint aber vollkommen intakt zu sein. Ich denke, man wollte es abschalten, bevor Schlimmeres geschieht. Zumindest vermute ich, dass das der ursprünglich dahinterstehende Plan war, bevor dann alle gestorben sind. Hier sind alle tot. Es war ein Gemetzel. Ich schätze, wir sind hier schon einmal richtig.«

Der mantikobische Offizier zog seine vom Leben zerfurchte und von der Vergangenheit gezeichnete Stirn in ernste Falten und antwortete mit fester, aber doch müder Stimme. »Es ist an der Zeit.« Der Kommandant der Recurser hatte seine Gefährten schon zuvor und in endgültiger Vorbereitung des Krieges der Kriege durch viele erbarmungslos ausgetragene Schlachten geführt, aber kein Unterfangen war jemals so wichtig, kein Kampf so bedeutend gewesen wie dieser eine, was ihm aufgrund seines eigenen schicksalshaften Verlusts seiner geliebten Frau Tahi und ihrer gemeinsamen Tochter Pir grausam klargeworden war. Sigille legte seine schwere Waffe über die Schulter und wies mit der Linken in Richtung des Tempels. »Gammas nach Osten, dreihundert Schritt. Nehmt Proben und erstellt ein Profil. Wir brauchen das Zentrum des Durchbruchs.«

»Roger, Kommandant.« Vier Mantikoben lösten sich aus dem Verband und liefen auf die ihnen als Ziel gewiesene Anlage zu.

»Alphas, baut den Generator dort auf der Kreuzung auf. Sollten wir ihn benötigen, dann gibt es dort die kürzeste Verbindung zwischen allen Punkten.« Erneut trennte sich die angesprochene Untergruppe von Soldaten aus den geschlossenen Reihen und machte sich geduckt laufend auf den Weg durch das ihnen nur in Form taktischer Karten und strategischer Matrizen bekannte und unwirklich anmutende Gelände. »Alle anderen, folgt mir. Das Kontor der Händler liegt 18 Klicks entfernt im Westen. Wir nehmen den Weg durch den Park. Haltet die Augen offen. Ich habe keine Lust, eure eingekorkte Asche nach Hause zu schicken.« Sim Sigille nahm seine Waffe wieder in beide Hände, wog sie noch einmal abschätzend in seinen kräftigen Händen und lief seinen Gefährten voran in das Zwielicht.

 

Der Dynastie-Kampfverband bahnte sich seinen Weg durch das in unheimlicher Stille liegende Gelände und war dabei auf Gefahren und Angriffe durch Wesenheiten gefasst, von denen die aufgeschreckten Kayluthen in den anderen Etagen der Nadel nichts wussten oder auch nur ahnten. Das an sich gut gerüstete Sicherheitspersonal, das der Magistrat der hier im Exil lebenden Siedler von den äußersten Kreisen der drei Pegasi ob des gewaltsamen Eindringens der Mantikoben bald ausgesendet hatte, war daher auch vollkommen überrascht, als es bei Erreichen des vormals wirklich idyllischen Freizeitdecks 14, das gleichermaßen für seine kleinen Boutiquen wie auch erholsamen Badestrände bekannt war, panisch schreiend und unter entsetzlichen Qualen ausgelöscht wurde.

Als die Recurser hingegen auf den Feind stießen, waren sie grundsätzlich vorbereitet.

»Kontakt!« Shaak Taled feuerte seine Impulskanone im Automatikmodus ab und versengte Luft und feste Materie im flüssigen Feuer heiß blitzender Geschützgarben. Dann schlug die schwarze Klaue bereits hart auf seinen auf den eng gesetzten Rauten spiegelnden Panzer, kratzte kreischend an ihm herab, aber riss ihn dennoch zu Boden.

»Ein Schatten!« Kommandant Sigille feuerte seine Waffe auf den aus dem Nichts geborenen Angreifer der Anderswelt ab, aber dieser wich ihm aus und löste sich in schneller und fließender Bewegung zur Seite.

»Ihr seid wertlos und tot, erbärmliches Ungeziefer. Wir fressen eure Welt und wir fressen euch und eure Kinder.«

Der Griffydier entließ das Geschütz aus seinem Griff und zog eine Vulkansichel hervor, die er sofort entzündete. »Du hast keine Ahnung, wie viele ich schon von euch ausgelöscht habe.«

Der Späher der Recurser machte eine herausfordernde Geste mit der lodernden Klinge: »Komm, lass uns tanzen!«

»Du ahnst nicht, wie viele es von uns gibt.«

Die Worte des schemenhaft wabernden Ungeheuers hallten dem nicht zurückweichenden Dynastie-Soldaten als grausiges Gelächter entgegen, bevor vier weitere Schatten aus der Finsternis und hinaus ins flackernde Notlicht traten.

»Feuer!« Sigilles Kommando klang laut und klar durch die Luft, die sogleich in die tödliche Glut der Waffen seiner Krieger getaucht wurde.

Die übrigen Mantikoben stürmten mutig nach vorn und den fürchterlichen Wesenheiten des Metaraums entgegen, die es irgendwie geschafft hatten, ihren Weg in die Galaxien zu finden, um Verderben über sie zu bringen, wenn man sie nicht aufhalten konnte.

Die humanoid anmutende Gestalt aus flüchtig wehender Schwärze, die als erste erschienen war, sprang an den Griffydier heran und hieb mit seinen scharfen Krallen auf ihn ein.

Shaak wurde von den wuchtig geführten Angriffen zurückgedrängt, wobei allein die besondere Struktur der Adap­tivpanzerung verhinderte, dass die todbringenden Klauen durch sie hindurch und in das Fleisch seines Körpers fuhren. Dennoch zwang die Wucht des Angriffs den Späher, der sich mit geschickt geführten Hieben der knisternden Vulkansichel wehrte, in die Knie.

Sim Sigille warf sich gegen die körperlose Gestalt über seinem Kameraden und stieß sie zur Seite.

Der Schatten verfinsterte sich und zischte voller roher, unbändiger Wut: »Du wagst es! Du leistest mir Widerstand?« Das Wesen der Anderswelt baute sich vor ihm auf, während unbeeindruckt dessen um sie herum der Kampf der Recurser gegen das Grauen des Metas weiter entflammte.

»Du …«

Der Offizier der Dynastie entzündete nun ebenfalls seine Vulkansichel.

»… bist hier nicht willkommen. Wir werden dich aus dieser Existenzebene tilgen, dich und die anderen.« Der Schatten hüllte sich in finsterstes Schwarz. Dann lachte er so boshaft und kalt, dass dem Mantikoben das Blut in den Adern gefrieren wollte.

»Nicht willkommen? Ihr habt uns geschaffen. Ihr habt uns eingeladen in eure Welt. Ihr werdet spüren, was das bedeutet.« In einer Bewegung, die so schnell erfolgte, dass Sim nur gerade noch im Ansatz reagieren konnte, schoss der Schatten auf ihn zu und riss dabei seine Pranken in Richtung des Glashelms. Schartige Nägel aus Dunkelheit klirrten gegen ihn, aber nicht mit der Stärke, die der Angreifer beabsichtigt hatte. Die glutheiße Klinge, die vom Anführer des Kampfverbandes im letzten Moment noch schützend vor seinen Oberkörper gehoben worden war, hatte den wuchtigen Ansturm des dunklen Wesens noch rechtzeitig gestoppt.

Der Schatten schrie schrill auf. Dann löste sich seine körperlöse Dunkelheit in nur langsam heller werdenden Dunst.

Shaak richtete sich mühsam auf. Dann stutzte er: »Ich habe ein Signal. Vielleicht sind wir tatsächlich richtig.«

 

In seinem Rücken

 

Ein leichter, warmer Windstoß blies durch die klaffenden Lücken der zerfallenen und einstmals doch so mächtigen und majestätisch anmutenden Mauern rund um die verlassene Oase in den weiten Steppen des Dazib und trieb die zu Boden gefallenen, kreisrunden roten Blätter der Fleischbäume über den in der morgendlichen Dämmerung liegenden Platz. Die Witterung und die lange Zeit ihres Daseins hatten die meisten der metallenen Schutzbunker, die eng nebeneinander aufgereiht im Halbrund um die trotz allem noch immer intakten Förderbrunnen im Zentrum der Anlage vor Äonen aufgebaut worden waren, sichtlich geschunden und verfallen lassen. Die sich in Fäulnis zersetzenden Früchte der ohne Aufsicht und Fürsorge seit Langem wild wuchernden Gehölze verbreiteten einen süßlichen, trotz der Verwesung letztlich nicht unangenehmen Geruch, der schwer und aromatisch über der einsamen Ruine inmitten der kargen Landschaft unter dem weiten, smaragdgrünen Himmel gebettet lag. Das kleine silberne Zelt aus aufgerauter Yill-Faser wirkte verloren zwischen den lange vergessenen Überresten weit zurückliegender Tage, aber hatte das heftige Gewitter der nun langsam vom trüb schimmernden Licht des Morgens abgelösten letzten Nacht besser überstanden als ein ihr nahestehender Bunker, der im Sturm endgültig in sich zusammengebrochen war.

Goin, der vor wenigen Minuten aus einem tiefen und von in sich verwobenen Träumen erfüllten Schlaf erwacht war, prüfte tastend die widerstandsfähige Oberfläche ihrer mobilen Unterkunft. Das nächtliche Unwetter hatte an ihr keinen erkennbaren Schaden angerichtet, was dem mitternachtsblauen Phlilyd ein zufriedenes Lächeln in sein rautenförmig geschnittenes und nach unten ausgewölbtes Gesicht treten ließ. Das Zelt, das um einen in den festen Boden getriebenen, in sich versenkbaren Pfahl aus zerkratztem Permix hochgezogen worden war, war älter als er selbst, aber hatte ihn bisher ebenso wenig enttäuscht oder im Stich gelassen wie seinen Vater und dessen Vater zuvor.

Goin fuhr beschwingt mit seinem dunklen Stirnlappen über die durch das Wetter trockenen Augen und setzte seinen geflochtenen Sombrero auf, nachdem er eine dünne Staubschicht von ihm geklopft hatte.

Sein Cousin Fola trat neben ihn und blickte zur breiter werdenden Sichel der Sonne über ihren hohen Köpfen, während er sich seine weit geschnittene Weste zuknöpfte. »Ich denke, es wird ein guter Tag.«

Goin nickte und gähnte. »Das glaube ich auch.« Dann wandte er sich um. »Wo ist Salalar?«

Der Sohn seines einzigen Onkels wies, ohne sich selbst umzudrehen, hinter sich. »Er versorgt die Stuten. Wir können bald aufbrechen. Lass uns packen.« Ohne weitere Worte traten sie gemeinsam in ihre schnell auf- und auch wieder abzubauende Wohnstätte und räumten ihre wenigen Habseligkeiten zusammen und zurück in die ebenfalls mit Yill-Faser abgedeckten geflochtenen Packkörbe. Es war nicht viel, was sie auf ihrer Reise bei sich trugen, denn Phlilyds waren ein recht genügsames Volk. Das wenige, was sie in den drei bauchigen Körben mit sich führten, füllte diese kaum und war daher bereits wieder verstaut, als der Dritte der Pilger am Eingang des silbernen Zeltes erschien. Salalar, der mit seinen gerade einmal 442 Psalmen der Jüngste von ihnen war, war etwas untersetzter als seine beiden Gefährten, aber glich ihnen ansonsten äußerlich so sehr, dass man meinen könnte, er wäre mit ihnen verwandt, was aber nicht zutraf. Der Phlilyd, der die gleiche Kleidung, die gleiche helle und vieltaschige Hose, den breitkrempigen Hut, den metallisch glänzenden Umhang und die sich allein in ihrer satten grünen Farbe unterscheidende Weste trug, ähnelte seinen Begleitern aber nicht nur, was seine Gestalt anbelangte. Auch sein inneres Wesen und seine Natur entsprachen denen der meisten Abkömmlinge der Sippe von Goin und Fola und so hatte man nicht lange überlegen müssen, bevor man sich gemeinsam auf den bedeutsamen Weg heraus aus ihrer mittlerweile für sie so weit entfernten Heimat hinter den purpurroten Klüften der Monde von Einst begeben hatte. »Die Stuten sind gefüttert. Den restlichen Eintopf habe ich auf unsere Näpfe verteilt. Bis zur vollen Sonne sollten wir ohne Rast auskommen können. Was meint ihr?«

Fola zog den schmalen Stoffgurt über seinem Packkorb zu und prüfte seinen Halt. »Wenn der Brodem des Dazib nicht heißer bläst als am gestrigen Tag. Bisher hat es aber nicht den Anschein, würde ich sagen.«

Goin reichte ihrem Freund seinen zusammengeschnürten Korb. »Ja, ich glaube auch, es wird gehen.« Der älteste Phlilyd der Pilgergemeinschaft ergriff sein eigenes Gepäck und trat dann zuerst aus dem silbernen Unterschlupf, der ihnen nun schon seit gut zwei Psalmen Obdach gewährte. Die beiden anderen folgten ihm und gemeinsam machte man sich sogleich daran, die Wind und Wetter trotzenden Planen des Zeltes einzuwickeln und den stützenden Mast zusammenzuschieben. Mit ihm schritten sie dann zu den am Rande des porösen Schutzwalles angeleinten Glom-Stuten, denen man schon aus einigen Schritt Entfernung ansehen konnte, dass sie sich wieder regen und endlich weiterziehen wollten.

Salalar hatte die drei mächtigen Reitechsen bereits gesattelt und so konnten die Phlilyds gleich aufsitzen, nachdem sie Packkörbe an den dafür vorgesehenen Halterungen befestigt hatten.

Goin gab das Zeichen zum Aufbruch und in einer Reihe trabten die drei Pilger aus der aufs Neue gespenstisch einsamen Oase hinaus in die im Zwielicht liegende Steppe.

Fola stimmte ein Lied an, Melodien und Verse aus Tagen, die länger zurücklagen, als sich jeder Einzelne von ihnen oder ihrer Sippen erinnern konnte. Es war auf ihrer Reise zu ihrem Choral geworden, ihrem Begleiter auf der Wallfahrt in unbekannte Ferne. Der leise Gesang, in den die anderen schnell einstimmten, klang melancholisch und schwer über das von Staub und lichten Gräsern bedeckte Land unter den stämmigen Leibern der Echsen und erzählte traurig, aber stolz von Dingen, die einmal waren.

Goin, der vierte Sohn von Enna und Kalf und damit gleichsam Abkömmling einer der ältesten Sippe der Phlilyds, liebte dieses Lied, genauso wie oder vielleicht doch ein wenig mehr als es seine beiden Begleiter taten. Es war traurig. Man spürte Schmerz in seinen Klängen und las Wehmut in seinen Zeilen, aber gleichzeitig war es so voller Kraft und Mut. Goin, Fola und Salalar, die Pilger, die so fern ihrer Heimat in den sanft schaukelnden Sätteln ihrer Glom-Stuten sitzend sangen, trieben ihre Tiere zu zügigem Schritt an. Ihr Ziel war auch der Weg, den sie zusammen bewältigten und nicht nur verblassende Punkte auf dem uralten Pergament in seiner Gürteltasche.

Phlilyds waren gemeinhin besonnene und oftmals sehr in sich gekehrte und nachdenkliche Wesen. Das waren sie schon immer gewesen und das noch bevor die Geschichte ihrer Welt sie mit ihren dunklen Schleiern gestreift hatte. Der mit einer orangeroten Weste bekleidete Goin bildete hier keine Ausnahme. Nachdem der Gedanke an das bedeutsame Unterfangen einmal ausgesprochen worden war, hatte keiner der Drei auch nur einen einzigen Tag nicht über das vor ihnen Liegende und seine Bedeutung nachgesonnen, aber Goin war noch mehr als seine Gefährten mit Herz und Geist der Erfüllung der sich selbst gestellten Aufgabe verbunden. Sie ritten eine ganze Weile und bald hatte die Dämmerung sich in einen wolkenlosen Morgen verwandelt.

Fola griff in seine pilzrote Weste und zog seine schmale Beinpfeife hervor, die er anschließend mit Tabak aus einem kleinen Etui aus Muschelkalk stopfte, um sie danach zu entzünden. Der aufsteigende Qualm, den Goin bald doch einigermaßen versonnen in sich aufnahm, duftete nach den schwarzen Beeren und der dunklen Erde ihrer Heimat. Der Älteste der pilgernden Phlilyds rauchte selbst nicht, aber ihm gefiel es, wenn es sein Cousin tat und er so in wohligen Erinnerungen schwelgen konnte.

Salalar hingegen konnte dem Laster ihres Freundes sehr wenig abgewinnen. »Ist das wirklich notwendig, Fola?«

Der angesprochene Phlilyd lächelte und zog erneut an seiner Pfeife. »Was ist schon notwendig, mein Lieber? Aber sage mir, berührt es dich gar nicht, wenn ich uns ein kleines Leuchtfeuer der Vertrautheit entzünde und uns die Heimat nahebringe?«

Salalar zuckte mit den Schultern und fuhr sich mit dem Stirnlappen über die gereizten Augen. »Ich kann mir weitaus Schöneres denken, weißt du? Zumal ich mir vorstellen kann, dass der Gestank deines unsäglichen Krautes uns viel eher die Katzen nahebringen könnte.«

Goin zischte: »Wenn du den Dämon beim Namen nennst, beschwörst du ihn. Hört auf zu streiten und seid lieber auf der Hut.«

Salalar lachte auf und klopfte auf den Halfter an seiner Seite, in dem ein alter gaußscher Revolver ruhte. »Es soll kommen, was kommen mag.«

Gegen Mittag erreichten sie den Rand des weiten Tales, das sie die letzten beiden Wochen ihrer Reise durchquert hatten, und dort eine Anhöhe, die von Büscheln dichter Farne zu stacheligen Florettginstern und einem Wäldchen Alabasterstauden überging. Der jüngste der Phlilyds war es, der die umgestürzten Obelisken und den mit glitzerndem Blattgold überzogenen Schrein entdeckte. »Da ist es, wie wir es uns gedacht hatten. Seht, die Quelle sprudelt noch immer.«

Salalar nahm eine seiner Hände von den Zügeln seiner Glom und wies zwischen die gefallenen Steine. Goin tät­schelte den massigen Hals seiner Stute. »Jetzt kannst du trinken, mein Mädchen.« Behände sprang der Phlilyd von seinem Reittier und führte es zu der Wasserstelle, die man einst mit einem mit Ornamenten verzierten Ring aus weißem Marmor eingefasst hatte.

Auch seine Begleiter stiegen von ihren Sätteln und führten ihre Tiere zu dem aus verborgener Tiefe hervor gespienen kühlen Nass.

Fola klopfte die Knochenpfeife aus und legte sie neben sich auf ein steinernes Trümmerstück der Vergangenheit, um sie dann gegen einen süßen Synthkeks zu tauschen, den er mit flinken und bald klebrigen Fingern aus seiner durchscheinenden Vakuumhülle wickelte.

Salalar setzte seinen Napf an und leckte die letzten Reste des erstaunlicherweise sehr schmackhaften Gemischs aus zwei Sorten Getreide, einigen kandierten Blütenknospen, hellem Trockenfisch und Glomstutenmilch.

Goin hingegen war noch nicht wieder hungrig, sondern eher begierig darauf, den Ort ihrer gewählten Zwischenstation näher in Augenschein zu nehmen. Er trat zwischen die gestürzten Pfeiler und bewegte sich vorsichtig durch die Lücken im ätzenden Shoi-Moos, das längst gefräßig beißenden Besitz von der einstmals sicherlich sehr idyllischen Stätte genommen hatte. Der Schrein war noch immer in gutem Zustand. Das ihn umgebende Edelmetall hatte die meisten schädlichen Einflüsse tapfer abgewehrt, wie es schien, und noch immer konnte man erkennen, was einstmals sein Zweck gewesen war. Schillernde Solarpaneele erzeugten anscheinend weiterhin ausreichend Energie, um die in seinem Inneren schwebenden Hologramme in bunten Farben erstrahlen zu lassen.

Goin hielt einen Moment inne und verweilte andächtig vor der auf Bilder gebannten Zeit. Die Art, wie sie gezeigt wurde, war so ganz anders als das, was sie zeigte. Kräftige und frohe Töne glitzerten hinter der Scheibe aus sprödem Transplast. Ihre Bewegungen wirkten lebendig und nicht wie etwas, das lang vergangen war. Goin kniete sich vor den im warmen Sonnenlicht glänzenden Schrein, um die schwebenden Zeugnisse verstrichener Momente besser sehen zu können, doch als er sich gerade zu ihnen hinunter gebeugt hatte, sah er in dem sie bewahrenden durchsichtigen Kunststoff die Spiegelung von etwas in seinem Rücken, das ihn erschreckt zusammenfahren und aufschreien ließ. Das grünschwarz gefleckte Ungeheuer hinter ihm fauchte und riss sein mit vier übereinander liegenden, grausig spitzen Zahnreihen bewehrtes Maul auf. Goin sprang hinter das goldene Metall und griff nach der über seinen Rücken geschnallten Wolk Replikant.

Salalar schrie ebenfalls und feuerte seinen Revolver auf das geifernde Raubtier ab, das seinem Angriff jedoch mit einem Satz nach vorn und in Richtung Goins auswich.

Fola hielt seine eigene Wolk bereits in den Händen, aber er schoss nicht, sondern zielte noch, jetzt wo die Giftkatze seinem Cousin erschreckend nahe war.

Goin bekam endlich seine Waffe in die erregten Hände und wollte gerade anlegen, als ein weiterer Sprung der Bestie seinen Körper erfasste und ihn zu Boden riss. Ihre tödlichen Fänge prallten gegen den empor gerissenen Stahl seiner Waffe und verfehlten so den Phlilyd, der unter ihr um sein Leben rang. Geistesgegenwärtig stieß sich Goin ab und mit aller Kraft zur Seite und mit der seine Wolk umklammernden Katze in das nahe Bett aus ätzendem Moos. Sein Umhang zischte, als das Sekret des Pflanzenteppichs mit ihm in Berührung kam, aber die Giftkatze jaulte auf, als die Säure ihr blankes Fell benetzte.

Goin nutzte den kurzen Blick der Ablenkung, sprang hoch und rannte zu seinen Gefährten.

Salalar und Fola schossen gleich, als er sie erreicht hatte, aber die Giftkatze war selbst auf- und zwischen die Alabasterstauden gesprungen, in denen sie so schnell verschwand, wie sie erschienen war.

»Es soll kommen, was kommen mag.« Goin schlug ihrem Freund Salalar wütend den Sombrero vom Kopf und griff nach der Pfeife, die Fola beiseitegelegt hatte. »Die bleibt bei mir!«

 

Die Schwärze des Alls

 

Die als leuchtende Achate brennenden Antriebsfeuer des mächtigen Frachters der Atlas-Klasse glommen unscheinbar und winzigen leuchtenden Nadelstichen gleich im von wenigen blassen Sternen gesäumten wogenden Dunkel der Straße von Kafarnaum. Das bauchige Lastschiff, das auf seiner von Zeit und Raum mit zahllosen Narben gezeichneten Außenhaut das Logo von »Shylee Liquids« und in gezackten Lettern den Namen Diogenes trug, schob sich geräuschlos und beinahe bedächtig entlang der jahrhundertealten Route und in Richtung eines Ziels, das noch viele Wochen entfernt auf seine wertvolle Ladung wartete. Die gewaltigen Tanks, die zu den Seiten und unter dem Rumpf des fast einen Kilometer langen Raumschiffes als bauchige Ovale hervorstanden, waren randvoll gefüllt mit rohem Ploxplox, das auch in unraffiniertem Zustand trotz aller Entwicklungen der Vergangenheit mit Abstand noch immer deutlich kostbarer war als etwa graues Sheem oder auch Tarit. So war es für die stets sorgfältig und genau rechnenden Eigner des Schiffes noch immer sehr einträglich, die weiten Strecken und entbehrungsreichen Tage, die die Diogenes hinter sich gelassen hatte und noch hinter sich bringen musste, um ihren sicheren Hafen zu erreichen, in Kauf zu nehmen.

Die gut zwei Dutzend Seeleute, die auf dem Frachter gemeinsam mit einer Handvoll willfähriger Droiden und der trägen Bord-KI ihren mehr schlecht als recht bezahlten Dienst taten, verbrachten die wenige Freizeit, in der sie nicht durch enge Kontrollschlote krochen oder in den stickigen Dämpfen der Maschinenräume langsam, aber sicher gar gekocht wurden, in wenig gastlichen, dafür aber umso kleineren Mehrbettkabinen oder der zugigen Schiffsmesse im Zentrum des betagten Lastschiffes. Etwas angenehmer hatten es da die beiden Geschützoffiziere, die in den zwei im Halbrund recht großzügig gebauten Kanonentürmen an Front und Heck den Großteil ihrer bescheidenen Heuer im gelangweilten Dösen oder immer wieder auch schlafend verbrachten.

Bugschütze Aiden Kell hatte die von den letzten durchzechten Freistunden geröteten Augen geschlossen und war noch immer damit beschäftigt, einen vergessenen Kinderreim Satz für Satz mühsam wieder zusammenzusetzen, während sein wirklich nur leicht unter dem Einfluss von Kukrakugeln stehender Kamerad Belphon de Lammes achtern von einem wohlig warmen Sommermorgen auf einem paradiesischen Eiland im äußerst betörenden Kreise sehr spärlich bekleideter Gespielinnen träumte.

Da auch die KI June mangels entsprechender Wartung und Defragmentierung, aber dafür dank unflexibler und zum Teil tatsächlich stupider Programmierung trotz der grell aufblitzenden Warnsignale der Abtaster noch über eine halbe Minute brauchte, um Roten Alarm auszulösen, kam der Überfall des Raben vollkommen überraschend. Die unsichtbare Krümmung des Raums schnellte lautlos peitschend zurück und die künstliche Wölbung ins Meta, die den schneeweißen teskischen Sonnensegler im Verborgenen gehalten hatte, gab ihn frei und warf ihn dicht und in Enterreichweite heran an den Konzernfrachter, noch bevor das erste entsetzte »Bagflipper!« durch seine im Dämmerlicht liegenden Flure hallte.

Aiden Kell, der gerade noch kurz davor gewesen war, das unsägliche Gewirr von an sich ziemlich banalen Reimen hinter seiner in angestrengten Falten liegenden Stirn endlich aufzulösen, biss sich zu Tode erschrocken auf die Lippen und fiel dann fast aus dem bequemen Gefechtssessel, als die Ionenladung lautlose Funken schleudernd auf seinem Turm einschlug und ihn und die sensible Bordtechnik in Finsternis hüllte.

Belphon de Lammes schlief einfach weiter, und dass seine Geschütze sogleich ebenso nutzlos wurden, wie er es bereits war, kümmerte ihn nicht. Zu schön war das Antlitz dieser sylphengleichen Eingeborenen, zu süß die Wärme ihrer zärtlichen Umarmung.

»Oh, mein Gott, oh, mein Gott, teskische Piraten! Alle Mann auf die Kampfstatioooo…«

Die eher gekreischte als gesprochene Übertragung der Bord-KI brach abrupt ab, als der blitzende Rammsporn des Raben durch die stählerne Hülle des Frachters stieß und sich in das Kommandodeck bohrte, um dann seine eigene Ladung preiszugeben. Krachend gingen mit Greifhaken besetzte Panzerplatten zu Boden und eröffneten den hervorspringenden Massketeeren und ihrer verwegenen Anführerin den Weg zu einer leichten Beute.

Kish Sirrehzzss, die wie die anderen Eindringlinge die namensgebende schwere Angriffswaffe in den Händen hielt und als markantes individuelles Merkmal neben dem mit fünf kleinen silbernen Totenköpfen besetzten Waffenrock noch einen erbeuteten roten Dreispitz der Handelsmarine trug, gab schnelle Kommandos, die von der gut eingespielten Kapermannschaft zügig umgesetzt wurden. Die wehrhaften Amphibien besetzten zunächst die Brücke und entwaffneten pro Forma die anwesenden Offiziere und Wachmannschaft, von denen tatsächlich niemand auch nur ansatzweise Widerstand geleistet hätte. Zu gering war der Lohn, den Shylee Liquids entrichtete, zu bildhaft und fantasievoll die Geschichten, die man sich über die Gräueltaten teskischer Piraten erzählte.

Kapitänin Sirrehzzss selbst war sehr versiert darin, unheimliche Gerüchte zu streuen und Ängste zu schüren. Sie war schon einige Jahre im Geschäft und wusste um die Vorteile eines beeindruckenden Rufes. Anders als es wohl bei den Vorstandsmitgliedern des erfolgreichen und sehr einfluss­reichen Unternehmens der Fall gewesen wäre, war es der als tollkühn bekannten Piratin nicht gleich, was mit ihrer Besatzung geschah, wenn nur die Prise stimmte. Auch, wenn sie nicht aus demselben Gelege stammten, betrachtete Kish Sirrehzzss ihre Mannschaft als Familie, die sie zwar mit oft strenger, aber immer gerechter Hand führte. Als ihr Maat Lov Dezishz über den als Ohrring getragenen mit Perlen besetzten Kommunikator mitteilte, dass man den bereitwillig übergebenen Personallisten nach die Crew der Diogenes nunmehr vollständig in Gewahrsam genommen hatte, lächelte die Teske und legte die spiegelnde Massekanone zufrieden über ihre Schulter, deren leicht geriffelte Haut unter Bluse und Waffenrock wie auch an jeder anderen Stelle ihres grazilen Körpers ein sanftes Bordeauxrot annahm. Es würde nicht allzu lange dauern, die Transportsilos des Atlas-Frachters abzukoppeln und mit den magnetisierten Klauen des Sonnenseglers für den Abtransport zu einem ganz anderen Ziel als Destiny III zu sichern. Der Gewinn, der sich aus dem Verkauf des Ploxplox an ihre wie immer sehr begierigen Kontakte problemlos auf ein erfreuliches kleines Vermögen Transcashflow belaufen sollte, war das nicht ganz ungefährliche Ausharren im Bagflip letztlich doch wert.

Kish Sirrehzzss gab neuerliche Order und die an Bord des Raben zurückgebliebenen Tesken bereiteten das Schiff auf die zu erwartende Ladung vor, während man an Bord des Frachtschiffes ebenfalls alles Erforderliche tat, um eine baldige Abreise zu gewährleisten. Die Straße von Kafarnaum war an sich keine der sonderlich reich frequentierten Routen in diesem doch etwas abgelegenen Teil der Galaxis, aber dennoch auch nicht so verlassen und einsam gelegen, dass man nicht immer mit weiteren Reisenden auf einer vermeintlich sicheren Passage durch das Nachtmeer rechnen musste.

Kapitänin Sirrehzzss trat zu den von milchigen Einschlüssen unschön verzierten Sichtfenstern der Brücke und betrachtete den sich vor ihr in die Endlosigkeit erstreckenden Kosmos. In der durch den Sinum-Bogen des Gleiters kreierten Raumtasche, in welcher der Rabe die letzten drei Tage geduldig auf lohnende Beute gewartet hatte, war das Sternenlicht ganz anders gewesen. Bunt funkelnde Spektren hatten die Schwärze des Alls zerteilt und als wogenden Schleier über eine dadurch unwirkliche Szenerie gebettet, während der kehrseitige Metaraum indes den nur einen kurzen Blick in seine Geheimnisse erhaschenden Bagflippern in prachtvollem Glanz und glitzernden Farben erschienen war.

Kish Sirrehzzss liebte ihr Leben für das, was es ihr jeden Tag aufs Neue und in unbegreiflicher Fülle bot. Sie tanzte Raubzug für Raubzug auf der unsichtbaren Grenzlinie zwischen den Realitäten, während die Welt um sie herum kaum jemals etwas von ihnen ahnte oder spürte. Sie selbst hatte sie noch nicht gesehen, die Wesen aus Sonne und Eis, von denen in den Überlieferungen der Tesken gesprochen wurde, aber sie wusste dennoch, dass sie da waren. Es musste so sein. Die Piratenkapitänin legte ihre Stirn an das kühle Transplast der Fenster und verharrte so einige wenige Sekunden. Dann fuhr sie zusammen und schreckte zurück, so als hätte man ihr einen Schlag versetzt. Ihre weit auseinander liegenden vio­letten Augen wurden groß und ihre Haut wandelte ihren Ton in ein Feuerrot.

Waren sie denn alle blind?

Keine 50 Schiffslängen entfernt auf Backbord zerteilte der massige Bug eines Mutabilis-Schiffes in sanftem Gleiten das stille Nichts zwischen den Sternen.

»Kreuzer voraus!« Die Stimme der teskischen Massketeerin zischte laut und schneidend über das Deck und sofort war man wieder kampfbereit. Dennoch befahl die Kapitänin keinen Angriff. Kish Sirrehzzss beäugte nur weiter argwöhnisch das Raumschiff, das sowohl den ausgeklügelten sensorischen Instrumenten des schnittigen Sonnenseglers als auch ihren ansonsten so verlässlichen Sinnen zunächst entgangen war, während ihre Gefangenen nun nur noch ängstlicher blickten.

Die dunkelgraue Galeone war ein Dreimaster und ihre Bauweise, aber auch ihr schlechter Zustand verrieten, dass sie wirklich alt sein musste.

»Lov, was ist das? Wo kommt das Schiff auf einmal her? Gibt es weitere Kontakte?«

Der Maat antwortete mit kehliger und gewohnt ruhiger Stimme, in der sie aber dennoch ein gewisses Unbehagen wahrnahm. »Ich habe nicht den Hauch einer Ahnung, Kapitänin. Wir waren gerade noch allein mit dem Frachter. Das Ding da scheint ein Schiff der Händler zu sein, allerdings bekomme ich da keine aktuelle Kennung. Andere Kreuzer sehe ich nicht, was in Anbetracht der jüngsten Entwicklungen jedoch möglicherweise nicht viel heißen mag.«

Die Teske zog instinktiv den Dreispitz zurecht. »Ich weiß, dass man Mutabilis-Raumer für die Ewigkeit baut, wie man sagt, aber das Schiff ist doch mit Sicherheit ein paar hundert Jahre alt.«

Ihr Maat gab ihr Recht: »Mindestens, wenn nicht einige Tausend. Es ist auf jeden Fall nicht in unserer Datenbank oder der der Agentur oder des Kompendiums.«

»Was sagen die Anzeigen?« Kapitänin Sirrehzzss nahm die Massekanone fest in beide Hände.

»Keine Regung. Die Technik scheint okay zu sein aber stillgelegt. Keine Lebenszeichen, kein Energiefluss, kein … Moment, ich habe da etwas.«

Die Teske trat wieder näher an die Sichtfenster, so als könnte sie mit bloßen Augen sehen, was die Systeme des Raben gerade erfassten. »Was ist es und wo?«

»Auf dem Oberdeck. Das Signal ist sehr schwach. Die Verkleidung besteht aus Aludium, da kommt nicht viel durch. Vielleicht ein kleiner Reaktor. Ich kann es nicht genau sagen.«

Kish Sirrehzzss winkte drei ihrer Begleiter heran. »Dann werden wir uns das mal genauer ansehen. Los, Matrosen, zurück in den Raben. Wir machen einen Ausflug.«

Es vergingen endlos erscheinende Minuten, bis die langgezogene kupferfarbene Düsengondel am Rumpf des düsteren Geisterschiffes vor Anker und die in ihr befindlichen vorsichtshalber in schützende Athmoveralls gekleideten, teskischen Piraten an Bord gehen konnten. Kalter Nebel stieg ihnen entgegen, als sie schließlich durch ein manuell geöffnetes, rundes Schott aus einem Transportschacht auf das oben befindliche Deck kletterten, aber Massketeer Sirrehzzss fröstelte es nicht allein wegen der plötzlichen Kühle, die sie als wabernder Schleier empfing, jedoch keinesfalls willkommen heißen wollte.

Über den perlenbesetzten Kommunikator gab ihr Maat neuerliche Anweisungen. »Jetzt sollte es nicht mehr weit sein. Nur noch wenige Meter. Es müsste ein ziemlich großer Raum sein.«

»Es ist eine Halle, ja.« Die Freibeuterin bestätigte die Beschreibung. »Was ist das? Da sind Haken, unzählige Haken, blanker Stahl, so breit wie mein Oberschenkel. Was zum …?« Der violettäugigen Teske stockte der Atem, als sie entdeckte, dass eines der über ihren Köpfen angebrachten Metallstücke anders als die übrigen nicht leer war. Kopfüber hing dort der erschlaffte, auffallend ebenmäßige Körper einer Frau, deren langes und wie Seide schimmerndes Haar genauso schwarz war, wie ihre von zahlreichen Schnitten und verkrusteten Wunden entstellte Haut.

»Es ist eine verdammte Wju! Wir haben den Jackpot geknackt«

Obwohl Kapitänin Sirrehzzss den sie über Bildnebler aufgeregt mitverfolgenden Tesken und auch seine Familie lange Jahre kannte, sehr schätzte und wirklich mochte, so konnte sie ihn in dem Moment, als er das sagte, nur hassen.

»Holt sie sofort da runter! Niemand macht das mit einer Göttin!«

Irgendwo im großen Universum, weit entfernt von Destiny III, der Straße von Kafarnaum, raffiniertem oder rohem Ploxplox, teskischen Piraten, Kukrakugeln, Aiden Kell, Belphon de Lammes und June, teilten zwei Verliebte unendlich glücklich ihren ersten schüchternen Kuss und die zerschundene Haut, die gerade noch von durchgehend tiefer Schwärze gewesen war, wurde für einen schnell entschwindenden Augenblick von einem kleinen, silbernen, wie ein Stern funkelndem Licht erhellt.

 

Steine und Staub

 

Das laute und dumpf tönende Scheppern des Metalls klang ein wenig wie der kunstvoll verzierte Gong eines geweihten Klosterturms der Tiben. Voll und erhaben schwang sich der Ton auf in die stickige Luft und tanzte durch das immerwährende Zwielicht, in dem man Nacht und Tag nicht voneinander unterscheiden konnte. In den durch das schlauchartige Falknermodul schallenden Gesang von Messing und Eisen mischte sich ein leises Stöhnen.

Dulom Balai war aus seiner Koje gefallen. Ächzend erhob sich der bronzehäutige Mann aus den Bergen aus Schrott, die anstelle von zweckmäßiger Einrichtung seine einstmals als Provisorium geplante Unterkunft wenig dekorativ füllte. Leise fluchend rieb Balai seinen schmerzenden, mit schwarzen Locken geschmückten Schädel, der vollkommen unvorbereitet und äußerst unsanft mit den oxidierten Überresten eines Oritron-Stellwerks und einem hüfthohen Stapel einfacher Blecheimer aneinandergeraten war. Gerade noch war er in einem sehr lebhaften Traum dem wütenden Fausthieb eines besonders hässlichen, aber auch besonders kräftig scheinenden Greng gekonnt ausgewichen und nun kletterte der von Schlaf und Sturz benommene Dajir mühsam aus den über Jahre gesammelten und aufgetürmten Schätzen seines einsamen Domizils.

Balai fluchte noch immer. Er hasste es, wenn das passierte. Knurrend und düstere Verwünschungen ausstoßend, zog er sich sein weites Leinenhemd über den Kopf und schlüpfte danach in die blauweißgestreifte Pumphose. Er hatte eigentlich nicht vorgehabt, in den nächsten Stunden seine schmale, aber zumindest leidlich warme Schlafstätte zu verlassen, doch wenn er schon einmal wach war, oder sich in einem dem recht nahekommenden Zustand befand, konnte er genauso gut einmal nach dem Blakox sehen.

Dulom Balai stieg in die zerkratzten Magnetstiefel, die er einen Moment lang suchen musste, bevor er sie an der Wand neben dem Kopfende seiner Pritsche fand. Augenblicklich hatte er zwar nicht vor, seine Unterkunft zu verlassen, aber bei der Vielzahl an kantigen, harten, teils spitzen und scharfen Objekten am Boden seines zwischen den Sternen schwebenden Quartiers, kam es ihm bei dem geplanten kurzen Ausflug in die nur wenige Meter entfernte Kochnische doch ratsam vor. Der glutäugige Dajir, der trotz seiner nur knapp zwanzig Standardjahre bereits einen gewissen Ruf unter seinesgleichen hatte, tastete sich vorsichtig durch das wenige Licht der monoton summenden Notlampen nach vorn und in Richtung des erdfarbenen Schleimhügels.

Balai rieb sich die Müdigkeit aus den Augen und betrachtete den Hügel, der selbst noch zu schlafen schien. Der junge Mann verzog grimmig sein Gesicht. Das sah dem Biest, das sein geschlossenes armlanges Stielauge auf den einzig intakten Stuhl im Modul gelegt hatte, neben so vielem anderen, was ihn an ihm störte, mal wieder mehr als ähnlich. Auch, wenn neben ihm ein Klosterturm explodiert wäre, hätte das den Blakox vermutlich nicht aufschrecken lassen. Dulom Balai sah sich um und griff nach einem langen Plastiklöffel. Dann tippte er das ruhig und sorglos atmende Geschöpf wütend an: »Hey, aufgewacht, widerliche Kreatur! Los doch, gib es schon heraus!«

Der Blakox gluckste kurz, rührte sich aber nicht weiter.

Der Dajir versetzte ihm einen weiteren Stoß. »Du Unfall Gottes, wach endlich auf, sonst vergesse ich mich!«

Das feucht glitzernde Wesen bewegte sich noch immer nicht.

Balai warf den jetzt triefenden Löffel erbost gegen den mit einer verschmierten Plane halb abgedeckten Torso einer zerschmetterten Walküre und riss den Stuhl unter seinem trägen Mitbewohner beiseite. Es schepperte nicht, aber man vernahm deutlich den kurzen, klatschenden Aufschlag, bevor das jetzt leicht geöffnete Auge federnd vom Boden zurückschnellte.

»Glaboroglaboroglab!« Der Blakox jammerte verständlicherweise, aber er schien den offensichtlichen Ärger des lustigen Zweibeiners, der bei ihm lebte, schnell zu begreifen, denn sein wogender Leib dehnte und spannte sich und schob dann ein großes, bunt gesprenkeltes Ei unter seinem Körper hervor: »Glab!«

Dulom Balai gestikulierte aufgebracht mit den Armen. »Warum man dich immer gängeln muss, du räudiges Untier?!«

Der Blakox neigte sein Stielauge zur Seite. Dann lehnte er es gegen die nahe Wand und schloss es wieder.

Eine geräuschvoll eingenommene Mahlzeit später wischte sich ein deutlich entspannterer Dajir mit einem zerknüllten Stück nicht aufgerauter Yill-Fasern die zu einem bescheidenen Lächeln gehobenen Mundwinkel. Die Eier des Blakox waren kein wirklicher Gaumenschmaus, aber im Vergleich mit brettharten Smartfilets und recht geschmacklosem Nutrium ein Genuss und jedenfalls eine hoch willkommene Abwechslung auf seiner in der Abgeschiedenheit seines Lebens und Wirkens doch recht überschaubaren, kläglichen Speisekarte. Zufrieden betrachtete Balai das Innere des überfüllten Falknermoduls. Es war die richtige Entscheidung gewesen, den Transcashflow seines garstigen Oheims in seine gegenwärtige Unternehmung zu leiten. Dajire wie er waren in gewisser Weise Glücksritter. Sie waren Sammler und Jäger zugleich und sie wagten viel, wenn es galt, lohnenswerte Ziele zu erreichen. Einen Großteil der seinem Onkel mit einer fantasievollen List und tatsächlich hanebüchener Geschichte abgerungenen Mittel hatte der glutäugige Balai dann auch nicht für den alten korinischen Raumtanker, das schäbige Allzweck-Modul und die zusammengewürfelte gebrauchte Ausrüstung verwandt, sondern für die angebrochene Datenmuschel, die ihm auf dem großen Basar seiner am Rande Orichalkons gelegenen Heimatwelt Jir von einem heruntergekommenen harpytischen Bettler zum Kauf angeboten worden war. Dulom Balai hatte damals gespürt, dass eine Gelegenheiten auf ihn gewartet hatte, die man in seinem schnell verglimmenden Dasein nur ein- oder vielleicht zweimal geboten bekam. Er hatte zugegriffen und es bis zum heutigen Tage – oder der heutigen Nacht, er war sich nicht sicher – keinen Moment bereut.

Der junge Dajir stand auf und stellte das benutzte Essgeschirr zu dem, was sich in der trockenen Spüle ansonsten angesammelt hatte. Dann blickte er durch das zerkratzte Transplast nach draußen und in den Schimmer. Fast unsichtbar, ohne das ihn einrahmende Treibgut nur in den Sinnen weniger als ganz leichtes Glühen wahrnehmbar, befand es sich vor ihm: eines der letzten verbliebenen Geheimnisse des Universums. Der kosmische Geysir war in seinen Ausmaßen gewaltig, doch konnte auch Balai, der sich nun schon lange am Rande des Schimmers befand, sie weder fassen noch begreifen. Was der Dajir verstand, war, dass das hier den entlegensten Winkeln der Galaxie vor allen anderen sicher versteckte Weiße Loch etwas war, das ihm unendlichen Reichtum und Ruhm bringen konnte. Er musste dafür gar nicht viel tun, sondern sich lediglich in Geduld üben. So hatte er dann auch eine ganze Weile warten müssen, bis ihm der Schimmer das erste Geschenk gemacht hatte. Plötzlich, und in diesem Augenblick gänzlich unerwartet, hatte der Geysir eine verwitterte Marmorbüste ausgespien und Balai, der mit erztragenden Meteoriten und vielleicht noch metallenen Wrackteilen gerechnet hatte, vollkommen überrascht. Es war der erste wirkliche Schatz gewesen, der aus dem Unbekannten seinen Weg in die Welt des jungen Dajir gefunden hatte, aber er war nicht der einzige geblieben.

Natürlich hatte das Weiße Loch auch immer wieder Steine und Staub aus seinem Inneren gestoßen, aber ebenso kostbarste Artefakte, mit denen Balai niemals gerechnet hatte. Da war die zerstörte Walküre, die er immer wieder ansehen musste. Oder der Container mit Kupferbarren, die nun im Frachtnetz unter dem Falknermodul trieb. Die so zerbrechliche, aber trotz ihrer vielleicht ewig langen und sicherlich überaus gefahrvollen Reise noch immer gänzlich intakte Tasse mit Goldrand und Rosenmuster hatte er gerade noch mit dem übrigen Geschirr und Resten des Blakox-Eis in die Spüle seiner mit Kleinoden angefüllten Behausung gestellt, und auch der glitschige Haufen selbst, dem anscheinend die Reise durch den Geysir genauso wenig anhaben konnte wie Kälte und Vakuum des Alls oder auch als Zuchtmittel eingesetztes Essbesteck, war ihm ohne größeres Zutun genauso wie die dreißig Ballen Theaterschneckenseide, das hübsche Obsidianmobile, die mumifizierte Glom-Stute oder der antike Sturmgleiter freundlich übergeben worden.

Dulom Balai schätzte sich glücklich, denn ihm fiel immer wieder in den Schoß, wovon andere nur träumen konnten. Wenn er diesen wundervollen Ort irgendwann wieder verlassen würde, war er ein gemachter Mann und wohl auch der bedeutendste Dajir, der jemals geboren worden war. Plötzlich weiteten sich seine glänzenden Augen. Es begann aufs Neue.

Balai sprang auf und stolperte dabei erst einmal über ein mit erloschenen Leuchtdioden besetztes Schwert, bevor er dann vorbei an den von ihm geborgenen Schätzen in Richtung der massiven Luftschleuse lief. Schnell griff er in den hinter dem geöffneten ersten Schott für sich alleine stehenden Spind und nach dem unförmigen sandfarbenen Raumanzug, um ihn dann eilig anzuziehen. Mit erhitzten Wangen kontrollierte er seine Technik, den Sauerstoffvorrat und den an ihm befindlichen Haltegurt. Dann verschloss Balai den Durchgang zum Habitat und öffnete die Schleuse und den gerade mannshohen Zugang in die Dunkelheit des endlosen Raums. Feuer brach aus den Schubdüsen des von den Jahren und Einsätzen mitgenommenen Raketenrucksacks und der Dajir machte einen Satz in die eisige Kälte des Alls. Gesichert durch den an der Außenhaut des Moduls fixierten Yill-Faser-Strick flog er nach vorne und zielsicher auf den Schimmer zu, der abermals etwas in seine Realität geschleudert hatte, was er unbedingt haben wollte.

Balais Blick hatte sich an die glänzende Stahlkapsel geheftet, die der unsichtbare Geysir zwischen graues Felsgestein gespien hatte. Sie war etwas größer als er und erinnerte ihn makabrer Weise an einen Sarg. Der junge Mann überlegte emsig, während er sich dem Objekt seiner jüngsten Begierde immer weiter annäherte. War es eine Truhe? Im Falknermodul hatte er mittlerweile gleich drei und bei ihrem ersten Öffnen hatte er sich jedes Mal diebisch und wie ein kleines Kind gefreut. Sie alle waren aus Holz, aber ganz unterschiedlich gefertigt. Die erste war zu seiner Enttäuschung leer gewesen. In der zweiten befanden sich gut vierzig gläserne Phiolen mit eingetrocknetem, undefinierbarem Inhalt, aber die dritte, die die eingebrannten Letter Almiranta zierten, war gefüllt mit blitzenden Silbermünzen von ihm nicht bekannter Prägung und Herkunft, die er sicherlich für eine stolze Summe an einen betuchten Adeligen, einen eifrigen Sammler oder einen interessierten Kunsthandwerker verkaufen konnte. Die dunklen Augen Balais verengten sich. Das Artefakt vor ihm war möglicherweise auch eine Rettungskapsel. Vielleicht gehörte sie zu einer weit entfernten Raumstation oder einem Sternenkreuzer, der noch immer irgendwo durch die Unendlichkeit glitt.

Als der Dajir sein Ziel endlich erreichte, bemerkte er sogleich die noch immer leuchtenden Energieanzeigen, die gleich Intarsien auf seiner Oberseite eingelassen waren. Alt oder gar antik konnte diese Schatzkiste somit wohl kaum sein. Dennoch befestigte Dulom Balai den kleinen, stabilen Greifanker seiner Anzugwinde sehr zügig an der Kapsel, weil er sie in der bescheidenen Sicherheit seines gegenwärtigen Heims schnell öffnen und ihren Inhalt untersuchen wollte. Auch neuwertige oder frische Güter konnten schließlich äußerst wertvoll sein, und darüber hinaus in der stellaren Ödnis, in der er sich ja nun seit doch einiger Zeit befand, auch eine vielleicht schmackhafte Abwechslung in sich tragen. Wie lange hatte Balai schon keine Datteln mehr gegessen?

Es vergingen nur wenige Minuten und der junge Dajir erreichte wieder das Falknermodul und konnte seine Beute in sein Innneres verbringen. Er war noch nicht ganz aus dem Raumanzug geklettert, da beugte sich der dunkle Lockenschopf bereits neugierig über seine neueste Errungenschaft. Mit geschickten Fingern betastete Balai den blanken Stahl und öffnete die stabilen Sperrriegel, die das vor ihm wartende Geheimnis bis jetzt sicher bewahrt hatten. Es zischte, als er das Metall des Deckels anhob und eine Woge kalten Dampfes nahm ihm für einen Moment Atem und Sicht. Balai vertrieb den frostigen Dunst mit wedelnden Händen. Dann betrachtete er durch den sich auflösenden Nebel überrascht das, was der Schimmer ihm gebracht hatte. In der stählernen Kapsel lag ein menschlicher Körper. Es war eine hellheutige Gestalt mit schulterlangen, schlohweißen Haaren, eine in einen pechschwarzen Overall gekleidete Frau, deren einprägsames und markantes Gesicht von Alter und Schicksal gezeichnet war. Sie rührte sich nicht, sondern lag eher wie tot als schlafend in ihrem mit verfestigtem Gel ausgekleideten Sarkophag.

Vorsichtig näherte sich Dulom Balai weiter dem überraschenden Gast in seiner Behausung. »Wer, bei Gott, bist du, fremde Dame?« Langsam und zögerlich streckte er seine rechte Hand aus.

»GLABOROGLABOROGLAB!«

Der Dajir fuhr zu Tode erschreckt zusammen und dann erzürnt in die Höhe: »Du elendiger, vermaledeiter Blakox! Jetzt und hier, du hattest deine Chance. Ich bringe dich um!«

 

Das Zeichen der Könige

 

Eine weitere turmhohe Welle brach sich am armdicken Transplast der elegant geschwungenen Reling und verteilte ihr salziges Nass in einem funkelnden kühlen Schauer über das in schwüler Mittagshitze liegende Deck der Gischttänzer