Inhaltsverzeichnis
Impressum 2
Vorwort 3
Prolog 4
Kapitel 1 7
Kapitel 2 13
Kapitel 3 16
Kapitel 4 19
Kapitel 5 24
Kapitel 6 29
Kapitel 7 37
Kapitel 8 39
Kapitel 9 43
Kapitel 10 48
Kapitel 11 54
Kapitel 12 59
Kapitel 13 67
Kapitel 14 75
Kapitel 15 83
Epilog 87
Danksagung 90
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2020 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99064-969-5
ISBN e-book: 978-3-99064-970-1
Lektorat: Mag. Eva Reisinger
Umschlagfoto: Melina Lorenz
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Vorwort
Für all die, die nicht verstehen;
Lasst uns eine Milchstraße erschaffen.
Für dich, den ich liebe
und in dessen Grün ich mich
so gern spiegelte.
Und für die anmutige Löwin,
die heller strahlt als alle Sterne
Prolog
Die Pistole in meiner Hand wog schwerer als eigentlich möglich. Ich zitterte ohne es zu wollen, während der Mann, der mir gegenüber stand, ganz ruhig war. Er hatte auch eine in der rechten – auf mich gerichtet. Eigentlich sah ich ihn gar nicht genau. Eigentlich nur seine Silhouette. Aber es könnte auch nur so aussehen als sei es seine Silhouette, weil er ganz in Schwarz gekleidet und die alte Fabrikhalle auch dunkel war. Trotzdem konnte ich ihn sehen. Irgendwie. Irgendwie auch nicht. Generell war mir dieser Moment ziemlich schleierhaft, weil ich zu sehr damit beschäftigt war ruhig zu bleiben und zu zielen. Natürlich hatte ich Angst und wäre meine Blase nicht leer gewesen hätte ich mir in die Hose gepisst. Aber sie war eben nicht voll und ich hatte eben eine Waffe in der Hand und eine wurde auf mich gerichtet. Meine Mutter sagte immer, man solle das Beste aus jeder Situation herausholen. Ich fand schon immer, dass das dumm war, wenn es scheiße lief, lief es eben scheiße. Dann brauchte man sich auch nichts anderes einzureden. Diese Situation war scheiße und ich glaube, ich muss nicht erklären wieso. „Rück das Mädel raus, Knirps, oder ich mach dich kalt!“, der Typ mir gegenüber schrie für meinen Geschmack ein bisschen zu laut.
„Mir ist schon kalt, danke“, erwiderte ich.
Das war eine Lüge. Mein Rücken war durchnässt von Schweiß, es war Hochsommer und ich stank. Die Fabrik stank auch, muffig und feucht war sie dazu. Ich sah über die Schulter.
Sie musste bald kommen.
Ich hoffte nicht, doch ich wusste, sie würde meine Spur verfolgen. Sie konnte das gut. Eine Kugel knallte in den Boden. Neben mir. Fast wäre mir die Schusswaffe aus der zitternden Hand gefallen, aber meine Finger waren zu verkrampft um es zuzulassen. „Das war ein Warnschuss. Der nächste trifft dich!“, er sprach immer noch zu laut und das nervte. Ich wusste nicht, was mich jetzt noch retten sollte. Ich wollte nicht abdrücken. Vor allem, weil ich keine Munition hatte. Aber das wusste erja nicht.
Er begann von zehn runter zu zählen und ich fragte mich, was das sollte. Ich bin kein Kind mehr und ich weiß, wie man zählt. Er auch, wie ich hörte. Überhaupt, wie konnte er so dumm sein und ankündigen wann er schoss? Ich hab auch eine Pistole und könnte theoretisch abdrücken. Praktisch zwar nicht, aber das weiß er ja nicht. Das heißt, theoretisch hätte ich ihn schon längst ohne Vorwarnung umbringen können. Und so wunderte ich mich über die Dummheit dieses Mannes und wartete auf einen Ausweg. Die Luft war zum Zerreißen gespannt und ich hielt es kaum aus. Mein Atem ging flach und wenn ich so weiter machte, würde mich die Ohnmacht bald zu ihr holen.
„… 4 … “, er zählte immer noch. Wahrscheinlich wartete er darauf, dass ich plötzlich Informationen preisgeben oderdas Mädelherholen würde und mich ergäbe. Aber ich tat beides nicht. Nur die Waffe in meiner zitternden Hand konnte mich da rauskicken. Aus dieser fetten Scheiße. Mir wurde mal wieder bewusst, wie stark die Ausdrücke des Mädchens auf mich abfärbten.
Das Mädchen.
Ich hörte Schritte. Sie rannte auf mich zu und der Mann drückte bei zwei plötzlich ab. Zählen konnte er also, aber wie ein Countdown funktionierte wusste er nicht. Wieder wunderte ich mich über seine Dummheit, spürte aber auch einen unangenehmen Druck in meiner Schulter als die Kugel in mein Fleisch eintauchte. Ich habe es also doch nicht geschafft ganz auszuweichen. Mist.
Und dann ging alles so schnell, dass ich es nicht komplett zusammenfügen konnte: Plötzlich steht ihr blonder Haarschopf vor mir. Komischerweise hat sie auch eine kleine Pistole in der Hand. Sie blitzt silbern und sie drückt ab. Wenigstens eine, die Munition hat.
Drei Mal höre ich sie schießen und drei Mal dumpf aufprallen. Sie hat ihn getroffen.
„Komm, schnell!“, sie zieht mich am unverletzten Arm mit sich. „Scheiße, warum bist du nicht schneller ausgewichen, Bastard?“, sie schimpft weiter herum und zieht mich – ganz benommen, weil sie gerade einen Menschen eiskalt abgeknallt hatte – mit sich.
Meine Knie wurden weich, ob wegen des Schocks, da ich langsam in vollem Ausmaß begriff, was sie gerade getan hatte, oder wegen des Streifschusses an meiner Schulter, wusste ich nicht.
Wir flüchteten wie aufgescheuchte Rehe aus der Halle und rannten über die ausgedörrte Wiese. Ich fragte nicht nach, konnte mir aber denken, dass wir noch weitere Verfolger hatten.
Dann hörte ich noch einen Schuss und sie – direkt vor mir – fiel auf das vertrocknete Gras.
Kapitel 1
Manchmal habe ich das Gefühl ich träume, aber dann spürte ich diesen Schmerz und ich wusste, dass es nicht so ist.
Meine Freundin hat heute Morgen mit mir Schluss gemacht. Noch vor der Schule. Eigentlich wusste ich nicht, ob ich sie überhaupt geliebt hatte. Auch nach sechs Monaten Beziehung wusste ich das nicht. Aber jetzt tut meine Brust weh. Zumindest bildete sich das mein Gehirn ein. Ich muss zugeben, dass ich ein relativ eingebildeter Typ war und mit Zurückweisungen nicht ganz klar kam. Die meisten Mädchen auf meiner Schule hatten was für mich übrig und es kam nicht selten vor, dass ich eine Liebeserklärung bekam. Sie meinen, mit meinen dunklen Haaren und den hellgrünen Augen habe ich was Verführerisches an mir.
Ziemlich primitiv, wie ich finde.
Außerdem bin ich groß, habe einen breiten Brustkorb und ein paar Muskeln. Anscheinend ist das bereits alles, was Teenie-Girls brauchen. Hinzu kommt, dass ich nicht viel rede, deshalb denken sie, sie könnten mich mit allerlei Belanglosigkeiten und dummem Geschnatter vollquatschen. Deshalb habe ich irgendwann angefangen alle zu ignorieren. Sie nerven mich, also verachte ich sie. Eine simple Lösung um in Ruhe gelassen zu werden. Leider haben die Liebeserklärungen nicht aufgehört, sie fanden mich auf einmal cool, weil ich angeblich so kühl wäre. Anscheinend ist das etwas, auf das Teenie-Girls seitTwilighttotal abfahren. Danke, Edward.
So kam ich zu meiner Freundin.
Sie machte mir eine Liebeserklärung und ich erwiderte sie. Alle waren total aus dem Häuschen. Sie war glücklich, weil sie mit ihrem Traumtypen zusammen war, ich war etwas weniger unglücklich, weil ich keine weiteren Liebeserklärungen bekam. Dafür musste ich in der Mittagspause neben ihr sitzen und sie manchmal küssen. Auch wenn es etwas nervig war, nahm ich es in Kauf. Sie redete nicht so viel wie einige ihrer Freundinnen und sie schmeckte beim Küssen ein wenig nach Melonen. Ich fand Melonen ganz annehmbar.
Tja, jetzt war ich also wieder Single und meine Brust schmerzte, weil mein Gehirn es ihr befahl. Und mein Gehirn befahl es ihr, weil ich an die Zukunft denken musste, in der ich nun wieder Liebeserklärungen und dummes Gequassel von Teenie-Girls hören musste. Allgemein fand ich mein Dasein ziemlich unnötig und generell hinterfrage ich ziemlich oft bestimmte Dinge. Zum Beispiel fragte ich mich an diesem Morgen, ob ich mich etwas fragen könnte, wenn ich nicht leben würde. Zumindest, wenn ich nicht körperlich hier leben würde. Aber nicht körperlich kann man eigentlich nicht leben. Aber was, wenn man einen Körper hat, aber keine Wahrnehmungsfähigkeit? Man würde also gar nicht wissen, dass man einen Körper hat, weil man ihn überhaupt nicht spüren kann und wenn man auch die anderen Sinne nicht hatte, konnte man auch nichts anderes wahrnehmen. Allerdings würde man dann wohl nicht lange leben.
Solchen sinnlosen und unlogischen Gedankengängen erliege ich.Mann, mein Leben muss wirklich langweilig sein.
Die Schulglocke ertönte und unser Lehrer trat ein. Der Rest fügte sich dem gewohnten Muster jedes einzelnen Tages: Der Lehrer versuchte uns die Dinge beizubringen, die im Lehrplan standen, und manchmal schrieben wir mit. Oder wir gaben vor mitzuschreiben. Die meiste Zeit starrte ich aus dem Fenster, schlief oder hörte ab und zu auch zu. Wobei das Letztere schon eine Besonderheit war. So lief das jeden Tag ab – und es ätzte mich an.
Nach der Schule rannten alle Schüler aus dem Haus – glücklich über die Sommerferien, die auf das Wochenende folgten. Nachdem ich drei Mädchen zum Weinen brachte, weil ich keine überwältigenden und so leidenschaftlichen Gefühle für sie hegte, wie sie für mich, konnte ich das Schulhaus auch endlich verlassen. Draußen wartete bereits mein Chauffeur vor dem schwarzenMercedes. Er verbeugte sich ergeben vor mir und öffnete mir die Tür. Ich spürte die bewundernden Blicke auf meinem Rücken und verdrehte kaum merklich die Augen.Die haben ja keine Ahnung!Ich beeilte mich einzusteigen und der Fahrer im vornehmen Anzug schloss die Tür, schritt zur Fahrerseite ums Auto herum und stieg selbst ein. Er startete den Motor und fuhr los. Erleichtert ließ ich mich in meinen Echtledersitz sinken und schloss die Augen.Was für ein ätzendes Leben.
Das Anwesen war bis auf die Bediensteten und mir quasi unbewohnt. Dabei hätte man darin ein gesamtes Krankenhaus einrichten können. Meine Eltern waren Geschäftsleiter zweier bekannter Firmen und hatten jeden Tag alle Hände voll zu tun – selbst an Sonntagen. Und so saß ich, wie jeden Tag, allein am Ende der riesigen Tafel im Speisesaal. Ein Zimmermädchen brachte mir das heutige Mittagessen, das ich am Morgen ausgesucht hatte. Nachdem ich mit meiner Mahlzeit fertig war, verschwand ich in meinem Zimmer. Ich setzte mich auf einen Hocker, der vor einer Staffelei platziert war, und auf dieser wiederum war eine Leinwand gespannt. Sie war unberührt und ich nahm einen Pinsel zur Hand um dies zu ändern. Doch mein Kopf war leer. „Leere kann man eben nicht mit Leere füllen“, murmelte ich in die Stille hinein. Und genau das war mein Problem:
Wie sollte ich Leben in mein Leben bringen, wenn ich selbst doch gar nicht war?
Ich seufzte, legte meinen Pinsel beiseite und starrte auf die weiße Leinwand. Als ich meinen Blick wieder abwandte ging die Sonne bereits unter. Schockiert – nein, ich wollte schockiert sein, brachte allerdings keine Emotionen zustande – stand ich auf. Ich hatte den gesamten Nachmittag damit verbracht ein „Nichts“ zu betrachten und bin dabei selbst zu einem mutiert. Oder ich war es schon immer, das kann ich nicht genau sagen. Ich kniff die Augen zusammen. So konnte das nicht mehr weitergehen. Ich konnte nicht jeden Tag abwarten bis etwas passierte, das mich aus dieser alltäglichen Einöde raus brachte. Und plötzlich verstand ich, dass ich mich selbst grundlegend verändern musste um das zu erreichen. Ich musste mir ein erfüllendes Hobby suchen – neben dem Versuch zu malen – und mir einen festen Freundeskreis schaffen. Vielleicht bekam ich dann eine echte Freundin und ich wäre vielleicht nicht mehr so negativ veranlagt. Aber Menschen waren anstrengend. Sie mussten immer das Offensichtliche aussprechen, selbsterklärende, langweilige Fragen stellen, sich über Alltagsprobleme ärgern und und und. Kurzum: Man wurde beeinflusst und das wollte ich nicht. Allerdings konnte das auch positiv sein. Ich wog beide Seiten in Gedanken auf einer Waage ab und stellte mit gespieltem Erschrecken fest, dass – oh Schreck! – die Contra-Seite viel mehr wog. Das hatte man davon, wenn man sich bemühen wollte, etwas an seiner Einstellung zu ändern: Man wurde enttäuscht. Obwohl man erst enttäuscht werden kann, wenn man etwas nicht von vornherein wusste, was in diesem Fall nicht zutraf, da ich mir vollkommen bewusst war, wie anstrengend Beziehungen waren – zumindest bildete ich mir ein, es genau zu wissen – aber wenn man es genau nahm, war ich auch davon überzeugt alles besser zu wissen. Ich zeigte es nur selten. Ich konnte es auch niemandem zeigen, fiel mir auf. Ich war ja alleine. Ich ließ mich wieder auf meinen Hocker fallen. Was dachte ich mir da nur wieder für einen Blödsinn zusammen?
Nach dem Abendessen beschloss ich kurzerhand spazieren zu gehen. Ich hatte sonst nichts zu tun, niemand wartete auf mich und es sind die großen Ferien. Für die Schule konnte ich also auch nicht wirklich etwas tun.
Ich schlenderte also durch den in der Nähe liegenden Park und langweilte mich zu Tode. Ich dachte darüber nach, was ich zeichnen könnte, doch fiel mir nichts ein. Ich beobachtete die saftig grünen Blätter eines Baumes. Es sah schön aus, wie sie sich im Winde, geschmeichelt von der Brise, hin und her wälzten. Ein mürrisches Gemurmel ließ mich aufblicken. Auf einer Parkbank, direkt neben dem Baum, lag ein Mädchen, ihre Jacke über sich ausgebreitet und sie veränderte ständig ihre Position. Sie hielt inne als sie bemerkte, dass sie beobachtet wurde, und sah auf. Unsere Blicke trafen sich und ich sah in blaue Augen. Diese verengten sich nach einer Sekunde zu Schlitzen. „Was starrst du mich so an?“, fuhr sie mich an. Ich zuckte zusammen, so hatte noch nie jemand mit mir geredet und es störte mich gewaltig, dass sie sich das erlaubte. Als der Sohn einer reichen Familie wurde mir jederzeit der nötige Respekt entgegengebracht. Also zuckte ich nur mit den Schultern, starrte allerdings weiter. „Was soll das, du Bastard? Zisch ab!“ „Bastard?“, ab da war ich verwirrt. „Ja, Bastard. Was dagegen?“ Ich dachte kurz nach und zuckte mit den Schultern: „Nein, ich denke nicht.“ Sie zog ihre Augenbrauen zusammen. Ab da war sie verwirrt.
„Du bist seltsam“, bemerkte sie unwirsch. „Du bist direkt“, bemerkte ich. Auf einmal begann sie zu grinsen. Sie legte den Kopf schief und schaute mich an und ich schaute zurück. Das ging einige Momente lang so und ich hielt es für sehr ungewöhnlich, dass sie mich nicht vollquasselte. Gleichzeitig schüttelte ich in Gedanken den Kopf über mich selbst; es war typisch von mir, so etwas zuerst zu bemerken. Andere würden lieber auf ihre dreckverschmierten Kleider eingehen und den Verbleib von Schminke oder Ähnlichem. Aber ich bin eben nicht so. Mir fiel sofort diese angenehme Stille auf, die mir nicht einmal wie eine vorkam. Manchmal, denke ich, können Gedanken unausgesprochen bleiben. Man braucht nur diese richtige Person, die sie trotzdem hören kann.
„Ich gehe jetzt“, sagte ich einfach so. Eigentlich müsste ich nicht gehen, aber sie hörte nicht auf zu schauen und ich wusste nicht, was zu tun war. Es war mir unangenehm. Sie bat mich auch nicht, mich zu setzen oder dergleichen. Nein. Das hätte auch nicht zu ihr gepasst. Sie schien keines von den verzogenen Püppchen meiner Schule zu sein. Im Nachhinein würde ich behaupten, vom ersten Blickkontakt an gewusst zu haben, dass sie etwas Besonderes war.