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Jeanette Nentwig

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Beschreibung

Gunhild Liljequist hat mit ihrer Leidenschaft für Farben Design-Geschichte geschrieben. Als erste Frau in herausgehobener Position hat sie beim Autobauer VW in Wolfsburg zwischen 1964 und1991 Ikonen der Automobil-Welt mit erschaffen. Auf ihr Konto gehen Sondermodelle wie der „Samtrote Sonderkäfer“, der „Aubergine-Käfer“ und der „Weltmeister- Käfer“, die bei Oldtimer-Liebhaber:innen hoch im Kurs stehen. In der Produktreihe Golf ist sie unter anderem berühmt für ihr Design der Golf-Cabrios „Etienne Aigner“ und den legendären Schaltknauf in Golfball-Optik für den Golf GTI. Jeanette Nentwig beschreibt ihr Leben auf der Basis zahlreicher persönlicher Gespräche. Der biografische Roman zeigt Liljequists Weg von den Kriegszeiten in Berlin zur Schöpferin legendärer Autodesigns und gefeierter Gemälde.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Für alle, denen der Anblick eines Oldtimers ein Lächeln ins Gesicht zaubert

Lektorat: Dorothea Lubahn + Ulrike Parnow

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar

1. Auflage

Dr. Glaw + Lubahn GbR - Mediathoughts Verlag

Copyright 2024 Dr. Glaw + Lubahn GbR - Mediathoughts Verlag

Umschlaggestaltung: Florian L. Arnold, Druck und Bindung: Finidr, Printed in Česká republika

ISBN: 978-3-947724-52-9

Ich liebe Rot. Rot ist Leben.

Das Eierkuchen-Drama

»Ich bin Gunhild Terzenbach – ich hab’ noch niemanden!« Das kleine Mädchen mit dem großen braunen Koffer in der Hand steht mitten auf dem Bahnsteig von Guben und wirkt etwas verloren. Zögerlich und mit vor Schüchternheit leiser Stimme spricht es eine Frau an, die mit einer Gruppe anderer Erwachsener zusammensteht.

Die Frau unterbricht ihr Gespräch und beugt sich zu dem Kind hinunter. »Wie heißt du? Gunhild? Zeig mal deine Karte. Terzenbach - nein, zu uns gehörst du nicht«, sagt sie kopfschüttelnd und wendet sich gleich wieder ab.

In der kleinen Gunhild steigt langsam Panik auf: Vor einer Stunde ist sie hier in Guben aus dem Zug gestiegen und hat aufgeregt nach dem Ehepaar Paeschke Ausschau gehalten, das sie hier abholen soll. Der ganze Zug war voller lärmender Kinder, die wie sie aus Berlin kamen. Alle hatten eine Karte der Kinderlandverschickung um den Hals baumeln, auf der ihre Namen und Adressen notiert waren. Nach ihrer Ankunft hatte es auf dem Bahnsteig ein chaotisches Durcheinander gegeben: Namen wurden durcheinandergerufen, Koffer durch das allgemeine Gewühl gezerrt, kleine Kinderhände fest von großen Erwachsenenhänden umschlossen, um sich im Getümmel nicht wieder zu verlieren. Nach und nach hatten alle kleinen Neuankömmlinge ihre Pflegeeltern gefunden und mit ihnen den Weg in ihr zukünftiges Zuhause auf Zeit angetreten. Nur sie ist immer noch da, anscheinend will niemand sie haben.

Dabei war die Sechsjährige nach ihrer Ankunft in Guben zunächst guten Mutes gewesen: Sie hatte sich mitten in dem ganzen Durcheinander auf ihren Koffer gesetzt und gespannt gewartet. Wie ihre Pflegeeltern wohl aussahen? Ob Hedwig und Heinrich Paeschke auch so ein schönes Zuhause hatten wie die netten Leute, bei denen sie bei der letzten Kinderlandverschickung gewohnt hatte?

Inzwischen ist der Bahnsteig fast leer. Was soll sie bloß tun? Angst kriecht in ihr hoch: Einer von den Erwachsenen wird sich doch um sie kümmern, oder? Aber die wenigen Menschen, die noch da sind und denen sie ihre Karte zeigt, interessieren sich kein bisschen für sie.

Als ihr vor lauter Angst und Mutlosigkeit die Tränen in die Augen steigen, entdeckt sie plötzlich ein betagtes Paar, das am Ende des Bahnhofs um die Ecke biegt. Die beiden eilen über den Bahnsteig und schauen sich dabei immer wieder suchend um. Als sie das kleine Mädchen entdecken, rufen sie: »Bist du Gunhild? Gunhild Terzenbach?«

Gunhild fällt ein Stein vom Herzen: Das sind die Paeschkes! Ihre neuen Pflegeeltern! Endlich!

»Ich bin Gunhild! Hier bin ich!« Sie winkt, schnappt sich ihren Koffer mit beiden Händen und stolpert ihnen entgegen.

»Hallo Gunhild! Hast du schon lange gewartet? Wir hatten noch etwas zu erledigen, deswegen sind wir so spät dran. Komm mit, jetzt gehen wir nach Hause.«

Heinrich Paeschke nimmt ihr den Koffer ab und gemeinsam marschieren die drei aus dem Bahnhof hinaus.

Draußen wartet eine tolle Überraschung auf das Mädchen: Ihre neuen Pflegeeltern steuern geradewegs auf ein rabenschwarzes Herrenrad zu. Sie liebt Fahrräder, obwohl sie noch nicht Radfahren kann und dieses Rad für sie viel zu groß ist. Hoffentlich darf sie sich auf den Sattel setzen und kann auf dem Heimweg lustig mit den Beinen in der Luft baumeln, während Herr Paeschke das Rad und sie nach Hause schiebt.

Doch anstatt das Mädchen auf das Rad zu heben, verstaut Heinrich Paeschke Gunhilds Koffer auf dem Gepäckträger und sie muss doch zu Fuß gehen. Sie ist etwas enttäuscht, wagt aber nicht zu fragen, ob sie auf dem Rad sitzen darf. Die Art, wie Hedwig Paeschke ungeduldig ›Jetzt komm schon!‹ zu ihr sagt und sie am Arm zieht, hält sie davon ab.

Ihr Weg führt erst die Hauptstraße entlang, durch Guben hindurch und auf kleinen Straßen aus der Stadt hinaus, dann weiter über schmale Feldwege. Am Anfang fällt Gunhild das Laufen leicht, alles ist so spannend und neu, ganz anders als zuhause in Berlin. Sie plappert fröhlich drauflos, erzählt den Paeschkes von der aufregenden Bahnfahrt, den vielen Kindern im Zug, von ihren Eltern und ihren Spielsachen, ihrer großen Wohnung in Berlin-Friedenau, den beiden kleinen Zwillingsbrüdern und den zwei älteren Brüdern und von ihrer Freundin, die bei ihr gleich um die Ecke wohnt. Doch nach mehr als einer Stunde Fußmarsch ist sie allmählich erschöpft: Wann sind sie endlich da? Wie weit ist es denn noch? Ihre Pflegeeltern laufen schweigend und mit gesenkten Köpfen neben ihr her. Nur der Koffer darf weiterhin Fahrrad fahren.

»Da vorne ist Groß Gastrose, dort wohnen wir«, sagt Heinrich Paeschke nach mehr als zwei Stunden und deutet auf ein kleines Dorf, das zwischen den Feldern auftaucht. Als sie auf dem großen Dorfplatz ankommen, blickt sich Gunhild ungläubig um: Um den Platz herum stehen jede Menge kleine Katen, die nicht sehr einladend aussehen. Alles wirkt so winzig im Vergleich zu Berlin mit seinen vielen großen Häusern und den breiten Straßen. Zielstrebig steuern ihre Pflegeeltern auf eines dieser Mini-Häuschen zu. Wird sie hier etwa wohnen? In einem dieser ärmlich wirkenden kleinen Häuser? Gunhild kann es kaum glauben. Diesmal ist es also kein Schloss wie bei der letzten Kinderlandverschickung.

Hedwig Paeschke holt den Schlüssel aus der Tasche und öffnet die Tür. »Hereinspaziert! Gleich gibt es in der Küche erst mal eine große Portion Eierkuchen. Die habe ich extra für dich heute Morgen gebacken. Du musst nach dieser langen Reise schrecklichen Hunger haben.« Dann lässt sie Gunhild einen Blick die kleine Kammer neben der Küche werfen, in der sie schlafen wird, und führt sie hinaus zu dem hölzernen Plumpsklo mit zerrissenem Zeitungspapier, das sie sich mit zwei weiteren Familien aus den Nachbarhäusern teilen. Ein Bad mit fließend Wasser aus dem Wasserhahn und Toilette mit samtweichem Toilettenpapier, so wie bei ihnen in Berlin, gibt es hier nicht. Der einzige Ofen des Hauses steht in der Küche und dient gleichzeitig als Herd und als Heizung.

Gunhild ist vor Überraschung ganz stumm geworden. Hedwig Paeschke, die ihre ungläubigen Blicke bemerkt hat und sich darüber ärgert, erklärt ihr mit resoluter Stimme die Hausregeln: »Du wirst uns, solange du hier bei uns wohnst, mit ›Frau Mutter‹ und ›Herr Vater‹ anreden. Und sei vorsichtig mit dem Linoleum hier in der Küche! Das ist ganz neu und war teuer. Das darf nicht nass werden. Also pass auf, wenn du dich am Spülbecken wäschst.« Dann deutet sie einladend auf den Küchentisch, auf dem sich ein riesiger Stapel Eierkuchen türmt.

Gunhild wird schon beim Anblick dieses Turms schlecht: Ihre Mutter hatte ihr am Bahnhof in Berlin eine große Tüte bunter Bonbons zum Abschied in die Hand gedrückt, die sie vor lauter Aufregung im Zug alle aufgegessen hat. Seitdem liegen ihr diese wie ein riesiger Stein im Magen. »Aber mir ist schlecht, ich kann nichts essen«, versucht sie das bedrohliche Eierkuchen-Gebirge abzuwehren.

Doch davon lässt Hedwig Paeschke sich kein bisschen beeindrucken: »Ach was! Das ist bestimmt nur, weil du so lange nichts Anständiges gegessen hast. Jetzt setz dich hin und iss!«

»Aber …«

»Nichts aber. Iss endlich!«

Es hilft nichts. Gehorsam zwängt sich Gunhild auf die kleine Sitzbank hinter dem Tisch, sie will es sich nicht gleich am ersten Tag mit ihrer Ersatzmutter verscherzen. Wer weiß, wie lange sie hier wohnen wird. Bei ihrer letzten Kinderlandverschickung nach Gruszow war sie viele Monate von daheim fort.

Während Hedwig Paeschke den ersten Eierkuchen und einen großen Klecks Marmelade auf einen Teller schaufelt und ihr vor die Nase stellt, fährt Gunhilds Magen Achterbahn. Tapfer greift sie zur Gabel, doch als sie unter dem strengem Blick ihrer Pflegemutter beklommen in dem ersten Eierkuchen herumstochert, wird ihr klar: Keinen einzigen Bissen wird sie herunterbekommen – ihr ist speiübel von diesem Anblick und dem Geruch.

»Na, wird’s bald!«, herrscht Hedwig sie ungeduldig an.

»Nein, ich kann einfach nicht! Mir ist wirklich so schlecht!« Gunhild lässt die Gabel langsam wieder zurück auf den Tisch sinken. Mit beiden Händen hält sie sich ihren schmerzenden Bauch.

»Du undankbare Göre! Da steht man extra in aller Herrgottsfrühe auf, um der feinen Dame aus Berlin zum Empfang Eierkuchen zu backen, und dann so was! Na, das fängt ja gleich richtig gut an mit dir! Aber merk dir das: Hier im Haus wird ab sofort gemacht, was ich sage!«

Hedwig Paeschke stürmt aus der Küche und schlägt mit einem lauten Knall die Tür hinter sich zu. Wie erstarrt sitzt Gunhild auf der Küchenbank. Schreck, Scham, Angst und Heimweh verklumpen sich in ihrer Seele zu einem dunklen Schmerz. Sie weiß schon jetzt, wie sie ihre Pflegemutter im Geheimen nennen wird: die böse Frau.

Da geht die Küchentür leise wieder auf und Heinrich Paeschke schlüpft ins Zimmer. »Mach‘ dir nichts draus. Sie ist manchmal ein bisschen jähzornig und streng. Am besten, du gibst keine Widerworte, sondern machst, was sie von dir verlangt«, sagt er entschuldigend und schaut sie dabei mitleidig an. »Komm, Mädchen, zieh dir deine Schuhe an. Wir gehen zusammen raus an die frische Luft, das wird dir jetzt bestimmt guttun. Dann zeige ich dir unsere Enten und Hühner, um die du dich kümmern wirst. Die wohnen hinter dem Haus.«

Gunhilds Mine hellt sich auf: Sie liebt Tiere, und dass sie hier für das Füttern zuständig ist, gefällt ihr. Blitzschnell zieht sie sich ihre Schuhe an und ist erleichtert, von den schrecklichen Eierkuchen und der bösen Frau fortzukommen.

Draußen zeigt Heinrich ihr die Ställe: Hinter dem Haus ist ein eingezäuntes Gehege für das Federvieh; die Erde hier ist staubtrocken und voller Kot. Außerdem gibt es einen kleinen Stall mit Karnickeln und Ziegen.

»Darf ich die Hasen mal streicheln?«, fragt sie und Herr Paeschke nickt lächelnd. Er öffnet das Schloss an einem der Kaninchenställe und Gunhild hält dem Wollknäuel mit den langen Fellohren vorsichtig die Hand hin, damit es an ihr schnuppern kann. Entzückt lacht sie auf, als das Kaninchen mit wackelnder Nase und großen Kulleraugen neugierig an ihr riecht. Heinrich reicht ihr eine Möhre, die sie dem Kaninchen zum Knabbern hinhält und für einen glücklichen Augenblick vergisst sie ihre Sorgen.

Es sollte fast anderthalb Jahre dauern, bis Gunhild das Ehepaar Paeschke verlassen kann und zu ihrer Familie zurückkehrt. Lange anderthalb Jahre, in denen Prügel nahezu täglich an der Tagesordnung sind und nur wenig Schönes und Gutes passiert.

1.Eine Kindheit im Krieg

Willkommen im Leben!

Der 21. März 1936 war ein bewölkter Tag, der ersehnte Frühling ließ auf sich warten. Nur hin und wieder fielen ein paar schwache Sonnenstrahlen durch die dicken Wolken in das Zimmer der Säuglingsstation des Krankenhauses in Berlin-Hohenschönhausen, und doch war dieser Samstag für die beiden Menschen in diesem Zimmer ein besonders glücklicher Tag: Gertrud und Willy Terzenbach hielten ihr kleines Töchterchen in den Armen, das heute geboren wurde. Sie nannten es Gunhild. Es war ihr drittes Kind – und endlich ein Mädchen!

Schon bald nach der Hochzeit der Putzmacherin und Modistin mit dem Bäcker und Konditor sowie ihrem Einzug in die gemeinsame Wohnung in Hohenschönhausen hatten ihre beiden Söhne das Licht der Welt erblickt: 1934 erst Baldur, dann 1935 Winfried. Über ihr erstes Töchterchen freute sich das junge Paar besonders. Doch bereits sechs Monate später bangten die Eltern ernsthaft um das Leben der Kleinen: Schon seit Tagen hustete Gunhild fürchterlich. Hilflos mussten Gertrud und Willy mit ansehen, wie sich ihr Baby krümmte und nach Luft rang.

»Ihre Tochter hat Keuchhusten«, diagnostizierte der eilig herbeigerufene Hausarzt und blickte dabei sorgenvoll in die Wiege seiner kleinen Patientin. Doch er konnte nur wenig tun und empfahl die üblichen Hausmittel für solche Fälle: Inhalationen mit Kamillentee und lauwarmen Tee mit Honig. Beides sollte den Husten lindern und dem Kind Erleichterung verschaffen. Sein ärztlicher Rat gab jedoch den Eltern das Gefühl, etwas unternehmen zu können, anstatt hilflos den Kampf ihres Kindes gegen die schwere Erkrankung mitansehen zu müssen.

Einige Tage, die Gertrud und Willy wie Jahre vorkamen, stand es auf Messers Schneide: Würde ihre Tochter diesen gefährlichen Keuchhusten überleben? Endlich, sieben Tage später, konnten sie erleichtert aufatmen: Gunhild hatte die Krankheit überstanden. Zwar war sie blass und wirkte völlig entkräftet, aber wenn sie Hunger hatte, machte sie sich mit einem immer kräftiger werdenden Schreien bemerkbar.

Nur zwei Jahre später erfüllte erneut Babygeschrei die Wohnung der Terzenbachs: Die Zwillinge Hartmut und Siegward kamen 1938 im Elternschlafzimmer auf die Welt. Doch bei ihrer Geburt waren die beiden so klein und schwach, dass die Eltern um das Überleben ihrer Jungen bangten.

Gertrud Terzenbach kümmerte sich rund um die Uhr um die Babys und war schon bald völlig erschöpft. Zu allem Überfluss stand der dringend notwendig gewordene Umzug in den Stadtteil Friedenau an. In der neuen Wohnung am Grazer Damm 122 war endlich genug Platz für die Eltern und ihre fünf Kinder.

Man sah Gertrud die Überlastung deutlich an, besorgt beobachtete Willy die tiefer und dunkler werdenden Augenringe im aschfahlen Gesicht seiner Frau. Ihre nervliche und körperliche Erschöpfung nahm mit jedem Tag zu, immer häufiger war sie nicht in der Lage, allen fünf Kindern sowie dem großen Haushalt gerecht zu werden. Willy unterstützte sie zwar, wo er konnte, doch er musste außerdem arbeiten gehen und Geld für die Familie verdienen. Darüber hinaus belastete das Ehepaar die zunehmend angespannte politische Situation: Abends, wenn die Kinder schliefen, saßen sie oft mit müden Augen am Küchentisch und lasen seit September 1939 mit wachsender Sorge die Berichte über den Überfall Hitlers auf Polen in der Tageszeitung. Krieg war ausgebrochen, die Welt geriet aus den Fugen. Was würde das für Willy und seine Familie bedeuten?

Als Willy ein paar Monate später erschöpft von der Arbeit nach Hause kam, wunderte er sich über die Stille in der Wohnung, die sonst voller Babygeschrei und fröhlichem Kinderlachen war. In der Küche fand er seine Frau, die zusammengesunken am Tisch saß, die Zwillinge lagen auf einer bunten Decke zu ihren Füßen, beschäftigten sich mit einer Holzkette und brabbelten eifrig vor sich hin. Die drei größeren Kinder spielten seltsam ruhig nebenan im Wohnzimmer. Als Gertrud den Blick hob, sah er Tränen in ihren rot geweinten Augen schimmern. Wortlos reichte sie ihm einen aufgerissenen Briefumschlag. Noch bevor er hineinschaute, wusste er, was darin stand: Es war sein Einberufungsbescheid. Der Krieg war in seiner Familie angekommen.

Zwei Monate, nachdem Willy eingezogen wurde, war Gertrud Terzenbach am Ende ihrer Kräfte. Eines Abends saß sie zitternd auf dem Küchenstuhl, kalter Schweiß stand ihr auf der Stirn, der Raum schien sich wie ein Karussell zu drehen. Ihr war gleichzeitig abwechselnd heiß und kalt. Was war bloß los mit ihr? Eben hatte sie noch den Abwasch erledigen wollen, und jetzt ging auf einmal gar nichts mehr. Zum Glück waren die Kinder schon im Bett.

Sie schloss für einen Moment die Augen, langsam wurde ihr Atem ruhiger und der Schwindel verschwand. Wie es Willy wohl ging? Er stand irgendwo an der Front, seine letzte Postkarte kam vor zwei Wochen:

»Liebste Trudel! Es geht mir gut, mach dir keine Sorgen. Ich habe es vergleichsweise gut erwischt. Nur das Armee-Essen ist nicht so recht nach meinem Geschmack. Zuhause bei dir und unseren Kleinen schmeckt es doch am besten!«, hatte er geschrieben und sie damit zum Lächeln gebracht. Wer weiß, wo er nun war. Dieser verdammte Krieg entführte ihr den Mann und ließ sie mit fünf Kindern allein. Ständig ertönte dieses grauenhafte Heulen der Sirenen vor drohenden Luftangriffen! Außerdem waren inzwischen die Lebensmittel rationiert und es wurde zunehmend schwieriger, Essen für sie alle auf den Tisch zu bringen.

Gertrud stützte die Ellenbogen auf den Küchentisch und ließ den Kopf auf die Hände sinken. Da erinnerte sie sich, dass eine Freundin ihr von dem Kinderlandverschickungsprogramm erzählt hatte. Sie hatte ihr vorgeschlagen, die größeren Kinder für eine Zeit zu Pflegefamilien auf dem Land weit weg von Berlin und dem Krieg zu schicken, um sich zu entlasten. Sie gab es nur ungern zu, aber die Sorge für alle fünf Kinder war einfach zu viel.

Energisch setzte sie sich auf und legte Handtuch und Schürze zusammen. Nun war Schluss mit diesem Selbstmitleid! Sie würde diese Sache angehen. So wie bisher ging es nicht weiter. Sie wusste zwar, dass sie ihre Kinder wahnsinnig vermissen würde, aber sie musste jetzt an sich selbst denken. Es würde das Beste sein, für sie alle.

Plötzlich Prinzessin

Wenige Wochen später holte Gertrud Terzenbach eines Mittwochmorgens die Koffer der Familie vom Dachboden herunter. Als Gunhild vom Spielen nach Hause kam und ihre Puppe in die kleine Wiege legen wollte, wunderte sie sich: Wieso lagen ihre ganzen Röcke, Pullover, Strümpfe, Schlüpfer und Schuhe im Koffer und nicht mehr im Schrank?

»Verreisen wir? Fahren wir Papa besuchen?«, fragte sie ihre Mutter.

Doch Gertrud Terzenbach schüttelte den Kopf: »Nein, meine Kleine. Ich bleibe mit den Zwillingen hier und ihr drei Großen fahrt mit der Kinderlandverschickung nach Schlesien. Da seid ihr sicherer als hier in Berlin.«

»Kinderland… wie heißt das? Was ist das?«

»Ihr drei kommt für eine Weile in Gastfamilien, wo sich Pflegeeltern um euch kümmern werden. In Schlesien auf dem Dorf ist es bestimmt sehr schön und viel ruhiger. Hier in Berlin ist es inzwischen viel zu gefährlich für euch Kinder. Du weißt ja selbst, wie oft wir wegen der Luftangriffe in den Keller müssen und zu essen haben wir auch nicht mehr genug.«

»Aber ich will nicht weg! Ich will hier bei dir bleiben!«, schluchzte Gunhild und drückte sich fest an ihre Mutter, die ihr zärtlich übers Haar strich.

»Ich weiß, aber das geht leider nicht. Du hast doch selbst erlebt, wie eine Bombe vorgestern das Haus von deiner Freundin Elsa und ihrer Familie zerstört hat. Zum Glück waren alle im Luftschutzkeller, aber das ganze Haus ist unbewohnbar. Schon die nächste Bombe könnte unser Haus treffen! Was dann? Wo sollen wir dann hin? Nein, es ist besser so, glaub‘ mir. Bestimmt sind eure Gasteltern ganz nette Leute, sie haben mir schon geschrieben. Sie freuen sich auf euch! Und die Bahnfahrt wird bestimmt auch ganz lustig mit all den vielen anderen Kindern.«

»Ich will aber nicht weg!«, weinte Gunhild, doch ihre Mutter begann, die Sachen von Baldur und Winfried zu packen. Während Gertrud die Socken ihrer Jungs aus der Schublade nahm und in die Koffer legte, wischte sie sich verstohlen die Tränen aus dem Gesicht. Es zerriss ihr selbst fast das Herz, ihre Kinder für so viele Monate fortzuschicken.

Am nächsten Tag brachte die Mutter die Zwillinge am frühen Morgen zu der Nachbarin und machte sich mit den anderen drei Kindern auf den Weg zum Bahnhof Grunewald. Dort herrschte Hochbetrieb: Am Bahnsteig 2 wartete der Zug bereits, auf dessen Anzeigentafel ›Kinderlandverschickung‹ stand. Die Bahnhofshalle war erfüllt vom lauten Stimmengewirr aufgeregter Kinder und Erwachsener.

»Gute Reise!« Gertrud Terzenbach winkte und konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Gunhild, Baldur und Winfried drückten sich ihre Nasen an der Scheibe des Zugfensters platt, in ihren Augen sah sie Kummer, Schmerz und Unverständnis über diesen Abschied. Auch um sie herum wurden Taschentücher geschwenkt und Tränen weggewischt.

»Glaub mir, es ist besser so. Dort in Schlesien auf dem Land sind sie sicher vor den Bomben«, hörte sie neben sich die Stimme einer älteren Frau, die beruhigend auf ihre Tochter einredete.

»Es ist besser so. Es ist wirklich besser so«, wiederholte Gertrud leise für sich, während sie durch das Gewühl am Bahnsteig dem Ausgang zustrebte. Hoffentlich kam sie ohne Bombenalarm bis nach Friedenau, und hoffentlich hatten die Zwillinge der Nachbarin keine Scherereien gemacht.

Ein Schloss! Ein richtiges, großes Schloss! Gunhild blieb vor Überraschung der Mund offenstehen.

Schon bei der Ankunft des Zuges am Bahnhof einer Kleinstadt in Schlesien war sie aus dem Staunen gar nicht mehr herausgekommen. Sie, Baldur und Winfried hatten sich nach dem Aussteigen fest an den Händen gehalten, um sich in dem Durcheinander am Bahnsteig nicht zu verlieren.

Auf dem Bahnhof waren sie von einem älteren Herrn im feinen Anzug und einer vornehmen Dame mit lustigen kleinen Locken und hübscher bunter Schmetterlingsbrosche an der Bluse erwartet worden. Die Erwachsenen hatten die Koffer der Kinder getragen und die Dame sorgte dafür, dass die drei Neuankömmlinge nah bei ihr blieben und auf dem Weg nach draußen nicht verloren gingen. Vor dem Bahnhof hatte auf die drei Terzenbach-Kinder die nächste Überraschung gewartet: Dort hatte ein großes schwarzes Auto gestanden, in das ihr Gepäck verstaut worden war und in das sie hinten einsteigen durften. Noch nie zuvor waren sie in so einem Auto mitgefahren. Unter dem begeisterten Kreischen der Geschwister war es in flotter Fahrt aus der Stadt hinaus und auf die Landstraße Richtung Gruszow gegangen. Als sie durch eine lange Allee gefahren waren hatte der Mann am Steuer sogar für seine drei kleinen Fahrgäste auf die laute Hupe gedrückt. Zuerst waren ihre Brüder zu ihren neuen Familien gebracht worden – Baldur kam auf ein großes Gut, Winfried zu der Familie, die die Post betrieb. Nun parkte das Auto tatsächlich vor einem echten Schloss und die Locken-Dame bedeutete ihr auszusteigen.

»Herzlich willkommen in deinem neuen Zuhause, Gunhild. Ich hoffe, es gefällt dir bei uns auf Schloss Birkholz! Übrigens, mein Name ist Fräulein Göbel und ich bin hier die Hausdame. Ich bin für deine Betreuung zuständig und kümmere mich um den Haushalt.«

Hand in Hand gingen sie auf das große Gebäude mit den vier eindrucksvollen Säulen vor dem Eingang zu und stiegen gemeinsam die geschwungene Freitreppe in den ersten Stock hinauf.

»Hier ist dein Zimmer. Dort im Regal findest du ein paar Spielsachen. Schau mal: Gefällt dir das Puppenhaus? Vielleicht packst du erst mal deine Sachen aus, du kannst die Kleidung in den Schrank legen. Ich hole dich nachher ab, zeige dir das Haus und mache dich mit der Familie Richter bekannt. Einverstanden?«

»Ja, einverstanden«, hauchte Gunhild eingeschüchtert. Sie war überwältigt von diesem riesigen Raum mit dem großen grünen Kachelofen in der Ecke und den vielen Fenstern, durch die Sonnenlicht ins Zimmer strömte.

Nachdem Fräulein Göbel hinausgegangen war, stürzte sie sich zuerst auf das Puppenhaus: So etwas Schönes hatte sie noch nie gesehen! Keine ihrer Freundinnen hatte so ein Prachtexemplar von Puppenhaus. Es hatte sogar aufklappbare Außenwände, damit man in alle Räume schauen und darin spielen konnte. In den einzelnen Zimmerchen standen Tischchen, Stühlchen, kleine Betten, die Küche war voller Mini-Utensilien zum Backen und Kochen, es gab sogar kleine Vasen mit Mini-Blumen darin und an den Decken hingen Kronleuchter.

Gunhild versank in ihrem Spiel. Als Fräulein Göbel eine Stunde später vorbeischaute, konnte sie sich ein Schmunzeln nicht verkneifen: Der Koffer des Mädchens stand genau da, wo sie ihn beim Hereinkommen abgestellt hatte. Vergeblich hatte er darauf gewartet, ausgepackt zu werden – gegen das prachtvolle Puppenhaus hatte er einfach keine Chance.

Vor dem Abendbrot machten sie zusammen einen kurzen Rundgang durch das Schloss, der das Mädchen überwältigte: Hier gab es so viele Zimmer, Bäder, Etagen, lange Flure und Treppen - es war das reinste Labyrinth. Am aufregendsten fand sie den Keller: Dort unten war die Küche, in der munteres Geschirrklappern herrschte und es vor allem herrlich nach leckeren Speisen duftete. Als Fräulein Göbel sie mit der freundlichen Küchenmamsell bekanntmachte und diese ihr heimlich einen Keks zusteckte, erkor sie diesen Teil des Hauses sofort zu einem ihrer Lieblingsplätze. Doch diesen Gedanken machte Fräulein Göbel auf dem Rückweg gleich zunichte: »Da unten in der Küche hast du nichts zu suchen. Ich möchte nicht, dass du dich dort herumtreibst. Wehe, wenn ich dich dort eines Tages doch entdecke!«, hatte sie das Mädchen gewarnt und dabei eine strenge Miene aufgesetzt.

Dann war es Zeit zum Abendessen. Nachdem sie den Speisesaal betreten hatten, konnte Gunhild ihre Augen kaum vom Tisch lösen. Auf weißen Damast-Tischdecken funkelte Silberbesteck neben Kristallgläsern. Silberne Ringe glänzten um gestärkte Servietten, Kerzen in silbernen Leuchtern verbreiteten mildes Licht. Ein bunter Strauß Tulpen in einer großen Porzellanvase krönte das Arrangement. So wunderschön hatten sie es zuhause nicht einmal an Weihnachten! Ob heute ein besonderer Feiertag war oder warum war alles so festlich geschmückt?

»Hast du dir schon die Hände gewaschen, Gunhild?«, fragte Fräulein Göbel streng.

Schuldbewusst sprang das kleine Mädchen von der festlich gedeckten Tafel auf und lief in das Bad nebenan. Als sie zurückkam, saßen die drei älteren Herren der Familie Richter in schicken Anzügen am Tisch. Keine Frage: Es musste heute irgendetwas zu feiern geben, nur was? Es war weder Weihnachten noch Ostern oder sonst ein Feiertag. Als sie das neben ihr sitzende Fräulein Göbel fragen wollte, ob jemand Geburtstag hat, fesselte etwas anderes ihre Aufmerksamkeit: Eine junge Hausangestellte mit weißer Schürze und adrettem Häubchen schob in der Ecke des Raumes eine Luke auf. Ein Geheimgang …?! Gunhild war sprachlos: Hinter der Luke war ein Fahrstuhl für die Speisen, die auf diesem Wege aus der Küche im Keller nach hier oben transportiert wurden. Ein eigener Fahrstuhl für das Essen!

Die Hausangestellte stellte die dampfenden Schüsseln auf den Tisch, ging um den Tisch herum und legte nach und nach allen etwas von den Speisen auf die Teller. Gunhild ergriff schon ihr Besteck, da bemerkte sie den warnenden Blick von Fräulein Göbel. Irritiert legte sie die Gabel möglichst unauffällig zurück. »Du wartest, bis allen am Tisch aufgetan wurde. Erst wenn Herr Richter Senior zum Besteck greift, fangen wir alle gemeinsam mit dem Essen an«, raunte ihr Fräulein Göbel zu.

Während sie auf das ersehnte Zeichen wartete, fiel Gunhild ein kleines, bunt bemaltes Porzellanteil auf, das neben jedem Teller beim Besteck lag. So ein Teil hatte sie noch nie gesehen. Neugierig nahm sie es in die Hand, schüttelte und drehte es hin und her. Wofür mochte das gut sein? Fräulein Göbel entging der fragende Gesichtsausdruck ihres kleinen Schützlings nicht: »Das ist ein Messerbänkchen. Wenn du während des Essens eine Pause machen möchtest, legst du dein Besteck darauf ab, anstatt es auf die Tischdecke zu legen. Die würde ja sonst ganz schmutzig werden«, erklärte sie Gunhild, die das kleine Ding andächtig und etwas verwirrt auf den Tisch zurücklegte.

Endlich griff Herr Richter zu Messer und Gabel. Gunhild, die erwartet hatte, dass nun ein Geburtstagsständchen gesungen würde, steckte sich hungrig ein Stück Kartoffel in den Mund. Dann beugte sie sich zu Fräulein Göbel hinüber: »Wann singen wir denn?«, fragte sie und erntete prompt die nächste Zurechtweisung: »Gunhild! Mit vollem Mund spricht man nicht!« Dann fragte Fräulein Göbel verdattert: »Wieso sollten wir denn singen?«

»Na, weil doch bestimmt jemand heute Geburtstag hat, oder? Sonst wäre doch nicht alles so festlich hier?«

»Aber nein, meine Kleine, das machen wir jeden Abend so! Es hat niemand Geburtstag. Wir legen hier auf Schloss Birkholz einfach viel Wert auf ein gepflegtes Abendessen in angenehmer Atmosphäre. Und bitte benutze doch deine Serviette – du hast da Soße am Kinn …«

Eine gute Stunde später war Gunhild froh, den Rest des Abendessens unfallfrei überstanden zu haben. Sie hatte nicht gekleckert und ihr war nichts versehentlich heruntergefallen. Schnell war ihr klar: Einfach aufstehen, nachdem ihr Teller leer war, wäre keine gute Idee, daher blieb sie brav am Tisch sitzen und wartete ab, bis die drei Männer und Fräulein Göbel das Essen und ihre langweiligen Gespräche beendet hatten.

»Gunhild, hast du Lust, mich und Gustl auf unserem Verdauungsspaziergang zu begleiten?«, fragte sie plötzlich Herr Richter und lächelte ihr freundlich zu.

»Ja, gerne!«, strahlte sie und freute sich besonders auf Gustl, den kleinen Dackel des Hausherrn, den sie schon am Nachmittag kennengelernt hatte.

Gemeinsam verließ sie mit Herrn Richter Senior das Schloss. Draußen unter dem Portal mit den Säulen zog er eine dicke Zigarre aus der Tasche seines Jacketts und zündete sie an. Dann stieß er einen lauten Pfiff aus und der kleine Hund mit den kurzen Beinen kam angeflitzt. Gunhild musste lachen, als sie sah, wie seine Schlappohren vom schnellen Rennen um seinen Kopf herumflogen.

»Na, dann wollen wir mal«, meinte Herr Richter Senior, paffte einen ordentlichen Zug, und dann marschierten sie los. In gemütlichem Tempo wanderten sie einmal ums Schloss herum, was während Gunhilds Aufenthalt für alle drei zur Gewohnheit werden sollte.

Nach wenigen Wochen hatte Gunhild sich eingelebt. Ihr gefiel es auf dem Schloss, Fräulein Göbel war nett und kümmerte sich um sie und sie genoss ihr Kinderzimmer samt Puppenhaus, Spielsachen und der Möglichkeit, Stöckchen-Werfen mit Gustl zu spielen. Sie fühlte sich wie eine Prinzessin. Manchmal vermisste sie ihre Brüder, die zwar im gleichen Ort wohnten, die sie aber, da sie nicht allein über die Straße gehen durfte, nur selten sah. Von den Herren Richter bekam sie, bis auf die gemeinsamen Mahlzeiten, nicht viel mit. Beim Essen sprachen die drei immer nur von ihrem Gut: Von den Kühen und Schafen, der bevorstehenden Getreideernte, dem kaputten Pflug, der dringend repariert werden musste. Noch langweiliger fand sie die Gespräche über den Krieg. Dann sahen die Männer sehr besorgt aus, nannten irgendwelche unaussprechlichen Länder- und Ortsnamen, von denen sie nie etwas gehört hatte, und meistens ging es um diesen Herrn Hitler, den sie alle nicht ausstehen konnten. Schnell begriff Gunhild, dass die Herren sich für die Berichte ihrer kleinen Kinder-Abenteuer nicht interessierten, deswegen schwieg sie während des Essens.

An einem Abend im Juli musste Gunhild den versammelten Schlossbewohnern beim Abendessen jedoch unbedingt von ihrer neuesten Erfindung erzählen. Es war ein heißer Tag und die Fenster im Speisesaal standen weit offen, die Herren hatten ausnahmsweise die obersten Knöpfe ihrer Hemden aufgeknöpft. Es schien, als wäre damit auf wundersame Weise auch die Atmosphäre gelockert worden.

»Ich habe mir das Muster-Spiel ausgedacht!«, platzte es mitten in den Hauptgang aus ihr heraus.

Die drei Schlossherren unterbrachen ihre Unterhaltung und sahen überrascht, dass Gunhilds Wangen vor Aufregung glühten und ihre Augen geradezu blitzten. So kannten sie das Mädchen gar nicht.

»Ja, das Muster-Spiel! Mit Wasser!« Gunhild hatte pflichtbewusst ihr Besteck auf das Messerbänkchen abgelegt und redete jetzt mit Händen und Füßen gleichzeitig: »Fräulein Göbel hat mir hinten, auf dem Tennisplatz, eine Zinkwanne mit Wasser hingestellt. Ich habe meine Sandalen ausgezogen und bin in die Wanne gestiegen. Anschließend bin ich ganz schnell mit nassen Füßen über den Tennisplatz gelaufen und habe mir dabei Muster ausgedacht!« Jedwede Tischmanieren vergessend sprang sie auf und lief mit auf dem Parkettboden trappelnden Füßen kurz und quer durch den Raum und um den großen Esstisch herum. »So habe ich das gemacht!«, rief sie und lief Kreise, Achten und Schleifen, wobei ihre Zöpfe nur so flogen. Mal mit großen, mal mit kleinen Schritten, mal seitwärts und mal rückwärts.

»Donnerwetter! Das ist ja ein tolles Spiel!«, nickte Herr Richter Senior anerkennend und bedeutete gleichzeitig Fräulein Göbel mit einer Handbewegung, das Kind heute ausnahmsweise herumspringen zu lassen. Die Freude des kleinen Mädchens über sein neues Spiel war zu herrlich, da durften die Tischmanieren mal einen Moment Pause machen.

»Aber ich musste dabei ganz schnell laufen, weil die Sonne meine Muster immer so schnell weggetrocknet hat«, erklärte Gunhild ihren Zuhörern, nachdem sie vor lauter Herumsausen völlig aus der Puste war.

»Na, dann weiß ich ja, was ich mir morgen einmal persönlich anschauen werde. Fräulein Göbel, kümmern Sie sich doch nachmittags bitte wieder um die Zinkwanne mit Wasser für unsere kleine Künstlerin.« Herr Richter Senior nickte den beiden zu und für einen Augenblick war ihm ganz leicht ums Herz.

»Na, möchtest du wieder Huckelpuckel?«, flüsterte die Küchen-Mamsell verschwörerisch, als Gunhild ein paar Tage später im Keller auftauchte und vorsichtig den Kopf zur Tür hereinsteckte. Die Kleine grinste von einem Ohr zum anderen und schlüpfte herein, bevor Fräulein Göbel oder sonst einer der Schlossbewohner sie draußen auf dem Flur entdeckte. Sie hatte herausgefunden, dass es eine versteckte Wendeltreppe gab, die nur die Hausangestellten benutzten und die für sie das Tor ins geheime Paradies darstellte. Hier in der Küche bei dieser netten Mamsell mit dem weißen Häubchen und dem gutmütigen Lachen gab es für die Fünfjährige immer irgendetwas Leckeres für zwischendurch: Äpfel, Kekse, Nüsse und bei großem Hunger ein Marmeladenbrot. Am liebsten mochte sie aber Huckelpuckel: Dafür verrührte die Köchin ein paar frische Eier mit Zucker und fertig war Gunhilds Lieblings-Naschwerk. So gestärkt bekam die Mamsell einen dicken Schmatz und dann schlich Gunhild sich wieder über die Wendeltreppe hinauf und ins Freie, wo das Wasser in der Zinkwanne schon darauf wartete, durch Kinderfüße in Ornamente verwandelt zu werden.

Im Frühling 1942 war das Prinzessinnenleben dann vorbei. »Gunhild, übermorgen kommt deine Mutter und holt dich ab. Sie wird dich wieder mit nach Berlin nehmen«, kündigte Fräulein Göbel die anstehenden Veränderungen an.

Gunhild war alles andere als begeistert: »Aber warum denn? Es ist doch so schön hier! Ich will nicht nach Berlin zurück!«

»Schau mal: Sicherlich hat deine Mutter große Sehnsucht nach dir, sie hat dich so viele Monate nicht gesehen. Sie vermisst dich! Außerdem bist du ja bald ein Schulkind, da ist es doch wichtig, dass du rechtzeitig zu Hause bist.«

›Wenn Mama so viel Sehnsucht nach mir hat, kommen Baldur und Winfried bestimmt auch wieder mit nach Hause‹, überlegte Gunhild, die an die Schule gar nicht gedacht hatte.

Doch Gertrud Terzenbach holte nur ihr kleines Mädchen aus Schlesien ab. Sie kam mit dem Zug und besuchte Baldur und Winfried, um sich zu vergewissern, dass es ihnen gut ging, aber ihre beiden großen Jungs blieben in Gruszow. Auf der Rückfahrt kurz vor Berlin fragte die Mutter ihre Tochter: »Na, war es so schlimm mit dem Heimweh?« Dabei strich sie Gunhild zärtlich über den Kopf.

Aber die schaute sie nur verwirrt an: »Wieso? Ich hatte doch gar kein Heimweh. Mir hat es auf dem Schloss gut gefallen!«

»Wie? Du hattest gar kein Heimweh?« Erstaunt schaute Gertrud Terzenbach nun ihrerseits ihre Tochter an: »Aber deine Schlossleute haben mir doch deswegen geschrieben und mir geraten, dich lieber abzuholen.« Gleichzeitig dämmerte ihr, dass die Schlossbewohner langsam genug von der kleinen Berlinerin hatten und ›Heimweh‹ als Ausrede genutzt hatten.

Gunhild trauerte ihrem Prinzessinnenleben nicht lange hinterher: Kaum fuhr der Zug in den Berliner Bahnhof ein, hatte sie es plötzlich eilig, nach Hause zu kommen.

»Komm schnell, Mama! Ich freu‘ mich so auf Hartmut und Siegward! Darf ich sie nachher im Kinderwagen spazieren fahren? Bitte, Mama, bitte!«

Stolze Erstklässlerin

Mit einer riesigen Schultüte voller Süßigkeiten stand Gunhild im April 1942 gespannt vor der Schule. Mehrfach hatte sie sich vergewissert, dass nicht nur obendrauf ein paar Bonbons und Kekse lagen, sondern dass die ganze Tüte mit den leckeren Sachen gefüllt war. Wo hatte Mama die bloß alle aufgetrieben?

Der erste Schultag als stolze Erstklässlerin mit vielen anderen Kindern verging wie im Flug. Voller Vorfreude machte sich Gunhild jetzt jeden Morgen – wenn nicht gerade Bombenalarm war - auf den Weg in die Schule. Sie freute sich auf den Unterricht bei Fräulein Schneider, der mit Lesen, Schreiben und Rechnen viel Abwechselung bot. Nur das Hausaufgabenmachen fand sie zuweilen etwas ungemütlich: Immer wieder wurde sie vom Heulen der Sirenen unterbrochen, musste alles stehen und liegen lassen und runter in den Luftschutzkeller rennen. Dort, im trüben Schein einer flackernden Funzel, die von der kahlen Decke herab baumelte, saß sie ängstlich an ihre Familie und Nachbarn gedrängt und warteten, dass das schreckliche Grollen und Donnern aufhörte. Wenn draußen Ruhe eingekehrt war, wagten sie sich wieder hinauf – und waren jedes Mal erleichtert, wenn ihr Wohnhaus nichts abbekommen hatte und sie wieder zurück in ihre Wohnung konnten.

»Nein, Gunhild, du hast es schon wieder falsch gemacht! Beim großen ›E‹ müssen die drei kleinen Striche nach rechts zeigen und nicht nach links! Meine Güte – wann verstehst du das denn endlich? Das kann doch nicht so schwer sein!«

Gertrud Terzenbach war ratlos: Mindestens vier Mal hatte sie das jetzt schon mit Gunhild geübt und jedes Mal machte das Mädchen es trotzdem wieder falsch. Sie hatte weder die Kraft noch die Zeit, ihr alles immer wieder zu erklären. Die kriegsbedingten Einschränkungen nahmen zu, die Zahl der Luftangriffe auf Berlin stieg beängstigend, die Lebensmittel waren streng rationiert. Darüber hinaus zermürbte sie die ständige Sorge um ihre Kinder und ihren Mann an der Front.

»Entschuldigung, Mama«, murmelte Gunhild zerknirscht. Sie wusste nicht, warum ihr das mit dem großen ›E‹ so schwerfiel. Eigentlich war das doch gar nicht so schwierig, jedenfalls nicht so kompliziert wie das Rechnen. Dabei gab sich Fräulein Schneider redlich Mühe, ihr die Mathematik nahezubringen. Aber diese blöden Zahlen schienen eine Art Paralleluniversum zu sein, das Gunhild ein einziges Rätsel blieb.

In einer Nacht, die sie mal wieder mit ihren drei Kindern im Luftschutzkeller verbringen musste, traf Gertrud Terzenbach eine Entscheidung: Berlin war inzwischen zu gefährlich geworden. Sie würde ihre Tochter erneut mit der Kinderlandverschickung hinaus aufs Land verreisen lassen. Dort wäre sie in Sicherheit. Sie selbst hatte mit den nach wie vor kränkelnden Zwillingen genug zu tun und das Essen war immer schwerer zu beschaffen.

Als Gunhild von ihrer Mutter erfuhr, dass sie Berlin wieder verlassen soll, war diese Nachricht für sie ein Schock: »Aber ich will nicht weg! Ich muss doch zur Schule! Alle meine Freundinnen sind da!«, weinte sie. Der Gedanke, ihre Mutter und die Zwillinge nicht mehr jeden Tag zu sehen, war unvorstellbar. Sie liebte es, mit ihren kleinen Brüdern zu spielen. Nein, sie wollte auf gar keinen Fall weg. Doch Gertrud Terzenbach ließ nicht mit sich reden. Einige Tage später stieg Gunhild wieder in einen Zug der Kinderlandverschickung, mit Koffer, Adress- und Namenskarte um den Hals und einer großen Tüte Bonbons zum Versüßen des Abschieds. Noch ahnte die Sechsjährige nicht, was sie nur wenige Stunden später auf dem Bahnsteig eines Ortes namens Guben erwarten würde.

Enten-Schreck und Püppis Traum

Im schlesischen Groß-Gastrose, zwei Stunden Fußmarsch von Guben entfernt, wo Gunhild mit ihren Pflegeeltern Hedwig und Heinrich Paeschke in einer kleinen Kate wohnte, ohne Bad und Heizung, mit Plumpsklo im Nachbarhaus, hatte sie keinen guten Start: Da sie im Zug zu viele Bonbons gegessen hatte, war ihr bei der Ankunft in Groß-Gastrose so übel, dass sie nichts essen konnte. Die deswegen verschmähten Eierkuchen markierten den Anfang einer schier endlosen Kette von Streitigkeiten mit ihrer neuen ›Frau Mutter‹, die sie insgeheim nur ›die böse Frau‹ nannte.

Nachdem Gunhild ihren Pflegeeltern in kindlichem Vertrauen viel von zu Hause erzählt hatte, stand für Hedwig fest, dass das Mädel durch ihre Familie total verzogen, verwöhnt und hochnäsig war. Der würde sie schon Beine machen. Diesen Vorsatz setzte sie konsequent in die Tat um. Jedes Mal, wenn das Mädchen etwas nicht genau so machte, wie sie es sich vorstellte, bekam es Schläge, dafür reichte schon der geringste Anlass. Gunhild lebte in ständiger Angst vor der bösen Frau. Ihr Pflegevater Heinrich Paeschke hingegen war ein freundlicher Mann, der sie tröstete und in Schutz nahm, wenn Hedwig gar zu grob mit ihr umging. Tagsüber arbeiteten die Pflegeeltern in der benachbarten Mühle, doch die Abende und freien Tage, die sie gemeinsam zu Hause verbrachten, wurden für sie zur Qual.

Zu Gunhilds Pflichten im neuen Haushalt gehörte die Versorgung des Federviehs, aber Hedwig bürdete ihr auch jede Menge Hausarbeit auf. Ihrer Ansicht nach musste ihr Gast sich gefälligst nützlich machen und sich Kost und Logis verdienen. Heinrich zeigte ihr, wie sie die Enten mit einem langen Stock über die Wiesen zur nahegelegenen Neiße zum Weiden treiben konnte. Das Mädchen musste zwar aufpassen, dass die Tiere nicht ausbüxten, aber hier draußen stand sie nicht unter der Kontrolle seiner Frau.

An einem regnerischen Tag kam Gunhild nachmittags pitschnass vom Entenhüten nach Hause. Während sie ihre aufgeweichten Stiefel auszog, kam ihr eine Idee: Sie stellte die Schuhe zum Trocknen in eines der Fächer des lauwarmen Küchenofens. Danach ging sie in ihre Kammer, zog sich um und vergaß beim Spielen alles um sich herum.

Als Hedwig Paeschke am Abend von der Arbeit in der Mühle nach Hause kam, heizte sie den Ofen zum Kochen an und wunderte sich kurz darauf über den Qualm und Brandgeruch. Beherzt riss sie die Klappe auf und entdeckte darin zwei schwarz verschmorte, stinkende Kinderstiefel. »Gunhild! Komm sofort her!«, rief sie und ihre wütende Stimme überschlug sich dabei fast.

Gunhild schwante nichts Gutes, vorsichtig lugte sie in die Küche und schlagartig fiel ihr ein: Die Stiefel - die hat sie ganz vergessen! Doch da war es schon zu spät: Hedwig hatte sie entdeckt und zog sie an einem Ohr in die Küche: »Bist du jetzt völlig verrückt geworden? Wieso stellst du deine Stiefel in den Ofen?!«

Mit beiden Fäusten prügelte sie wütend auf das Kind ein, das vergeblich versuchte, sich vor den Schlägen wegzuducken. Zum Glück kam Heinrich in diesem Augenblick von der Arbeit nach Hause. »Lass gut sein, Hedwig. Es reicht jetzt. Sie hat es bestimmt nicht mit Absicht getan.«

»Nicht mit Absicht?! Ist das das Einzige, was dir zu dieser Dummheit einfällt?«, keifte seine Frau empört. »Von welchem Geld sollen wir der Göre neue Schuhe kaufen? Nicht genug damit, dass sie mir ständig in den Ohren damit liegt, wie toll ihre Küche in Berlin ist und dass dort anscheinend alles besser und schicker ist als hier bei uns. Jetzt passt sie noch nicht mal auf ihre Sachen auf, aber wir sollen uns um alles kümmern. Unmöglich ist das! Neue Schuhe gibt es nicht, du ziehst diese alten Holzpantinen an und jetzt raus! Zur Strafe gibt es für dich heute kein Abendessen.«

Weinend schlich Gunhild aus der Küche. In ihrer kleinen Kammer kuschelte sie sich in ihr Bett, zog sich die Decke über den Kopf und ließ ihren Tränen freien Lauf. Ihr Heimweh war fast übermächtig. Nie wurde sie von ihrer Mutter geschlagen, nie so angeschrien. Ach, wäre sie bloß endlich wieder zu Hause.

An einem Sommertag war Gunhild wie so oft nach getaner Hausarbeit mit den Enten auf einer der nahegelegenen Wiesen unterwegs. Sie hatte den lustig schnatternden Tieren Namen gegeben und jeden Tag gelang es ihr besser, sie auseinanderzuhalten. Während die Enten grasten, erkundete Gunhild das Leben im Gras um sich herum. Hier krabbelte ein bunter Käfer, dort entdeckte sie eine kleine Spinne auf einem Blatt, und plötzlich flog sogar ein Storch mit seinen großen Flügeln knapp über sie hinweg. Kurz darauf sah sie ihn am Ufer der nahegelegenen Neiße und beobachtete, wie er reglos mit seinen roten Beinen am Rand des Schilfs stand und nach Fröschen Ausschau hielt. Vorsichtig schlich sie sich näher heran: Was für ein schönes Tier, aber der lange rote Schnabel sah aus der Nähe doch bedrohlich aus.

Beim Thema Schnabel fielen ihr plötzlich ihre Enten ein. Gunhild drehte sich um und ging die paar Schritte zurück auf die Wiese, wo die Tiere eben noch friedlich schnatternd gegrast hatten. Aber da waren keine Enten mehr, auch kein Schnattern war zu hören. Gunhild bekam Angst und begann, kreuz und quer über die Wiese zu laufen.

»Entchen! Entchen, wo seid ihr?! Koooooommt! Puttputtputt«, rief sie immer wieder. Doch von den Enten war weit und breit nichts zu sehen. Sie geriet in Panik: Wenn sie ohne die Tiere nach Hause kam, würde die böse Frau sie bestimmt vor Wut totschlagen. Sie musste die Enten unbedingt wiederfinden! Vielleicht waren sie zur Neiße gewatschelt und ließen sich mit der Strömung treiben. Sie rannte zurück zu dem kleinen Fluss und stolperte am Ufer entlang, doch die Tiere blieben verschwunden. Tränen liefen ihr über die Wangen. Hätte sie bloß nicht nach dem blöden Storch geguckt. Die langen Zweige der Weiden peitschten ihr ins Gesicht, aber Gunhild spürte die Schmerzen kaum. Mehrmals lief sie am Ufer auf und ab, doch es half alles nichts: Die Enten waren wie vom Erdboden verschluckt.

Mittlerweile begann es dunkel zu werden und sie musste zurück nach Hause. »Wie soll ich das bloß der bösen Frau erklären?«, fragte sie sich ängstlich. Je näher sie der heimischen Kate kam, umso zittriger wurden ihre Knie: Gleich würde sie furchtbare Prügel beziehen. Doch was war das eben? Hatte sie da ein Schnattern gehört oder bildete sie sich das ein? Da – noch mal! Jetzt hörte sie es wieder: Da vorne schnatterten Enten! Gunhild lief los. Als sie um die nächste Ecke bog, glaubte sie ihren Augen nicht zu trauen: Mitten auf der saftig grünen Wiese im Garten der Nachbarn saßen Enten! Ihre Enten! Hektisch trieb sie die Tiere mit ihrem langen Stock aus dem Nachbargarten hinaus und zurück auf den Hinterhof der Paeschkes. Was für eine unendliche Erleichterung! Sie schloss das Tor und stürmte ins Haus, wo ihre Pflegemutter sie mit finsterem Blick erwartete:

»Hast du keine Augen im Kopf? Ich habe gesagt, dass du spätestens bei Einbruch der Dunkelheit zurück sein sollst! Und jetzt ist es schon fast dunkel. So spät kommst du gefälligst nicht mehr vom Enten-Hüten zurück!«, schimpfte sie, doch der große Kochlöffel, mit dem sie in dem Kochtopf auf dem Herd rührte, kam heute nicht für Prügel zum Einsatz.

Am nächsten Morgen überraschte Heinrich Paeschke das Mädchen mit einer Frage: »Sag mal, hast du Lust, mich heute zu begleiten? Ich muss mit dem Lastwagen Mehl von der Mühle ausfahren und wenn du möchtest, kannst du mitkommen.«

Und ob sie mochte! Gunhild strahlte über das ganze Gesicht: »Ja! Lastwagen fahren!«, jauchzte sie, rannte in ihr Zimmer und zog sich an.

Schon der Weg zur Mühle war ein Abenteuer. Sie durfte hinten auf dem Gepäckträger von Heinrichs schwarzem Fahrrad mitfahren! Bei der Mühle angekommen, wartete der Lastwagen voller Mehlsäcke auf der Ladefläche. Heinrich hob das Mädchen auf den Beifahrersitz, setzte sich auf den Fahrersitz und startete den Motor, der lautstark röhrte und das ganze Gefährt erzittern ließ. Gemeinsam tuckerten die beiden in den nächsten Stunden über die umliegenden Dörfer.

Gunhild strahlte über das ganze Gesicht und ließ fröhlich ihre Beine baumeln. Sie konnte sich gar nicht sattsehen: Wie anders die Landschaft aus dieser Höhe aussah, die Kühe wirkten kleiner, die Felder weiter und die blühenden Wiesen glichen großen bunten Teppichen. Dabei strahlte die Sonne vom blauen Himmel, an dem nur kleine Schäfchenwolken zu sehen waren. Immer wieder machten sie bei einem Bauernhof halt und Gunhild bewunderte die Kraft ihres Pflegevaters, der mühelos die großen Mehlsäcke ablud. Die Bauern freuten sich über die Lieferung und den Besuch und boten ihnen ein Glas Milch oder eine Scheibe Brot an. Vom Krieg, der auf der Welt tobte, war hier auf dem Land weit und breit nichts zu sehen. Während 1942 Bomben auf ihre Heimatstadt Berlin krachten, saß hier in Schlesien ein glückliches kleines Mädchen hoch oben auf einem großen Lastwagen.

Im Spätsommer kündigte sich eine große Veränderung an. Gunhild sollte nach Ende der Sommerferien in Groß Gastrose zur Schule gehen. Eines frühen Montagmorgens zog sie ihr bestes Kleid an, bekam von ihrer Pflegemutter die Zöpfe geflochten und lief mit dem ausrangierten Schulranzen von Paul, dem längst erwachsenen Sohn der Paeschkes, über die Dorfstraße zur Schule.

»Benimm dich anständig und mach‘ uns ja keinen Ärger!«, bläute ihr die Pflegemutter zum Abschied ein, bevor sie das Mädchen mit einem kleinen Schubs ins Klassenzimmer bugsierte und sich dann auf den Weg zur Mühle machte.

In dem großen Raum herrschte ein wildes Durcheinander: kleine und große Schülerinnen und Schüler aller Altersstufen lachten miteinander und erzählten sich von ihren Ferienerlebnissen. Sie wurden alle gemeinsam in einem Raum unterrichtet – die Erstklässler vorne, die Großen hinten. Dann betrat der Lehrer, ein älterer Herr mit einem gezwirbelten Schnauzbart und kleiner Brille, das Klassenzimmer: »Ruhe! Setzt euch hin und holt eure Hefte und Bücher raus«, befahl er. Die Kinder liefen zu ihren Plätzen, Holzstühle scharrten über den Boden, dann wurde es still im Raum. Nur ein kleines Mädchen stand schüchtern neben der Tür und presste eine alte Schultasche an sich.

»Wer bist du denn?«, fragte der Lehrer und rückte seine Brille zurecht.

»Ich bin Gunhild. Gunhild Terzenbach.« Gunhild starrte den Mann ängstlich an.

»Ach so, ja. Ich erinnere mich, dass du uns angekündigt wurdest. Du bist die von den Paeschkes, richtig? Dann bist du also unsere neue Zweitklässlerin. Du sitzt dort, in der zweiten Reihe. Rutscht mal ein bisschen, Kinder, und macht Gunhild Platz.«

Eine Zweitklässlerin? Gunhild schaute irritiert: Sie war doch eine Erstklässlerin, zumindest hatte sie vor einigen Monaten in Berlin für nur wenige Wochen in der ersten Klasse gesessen. Aber das wagte sie nicht zu sagen, es war schon schlimm genug, dass alle sie anstarrten. Verfolgt von den neugierigen Blicken ihrer Mitschüler lief sie quer durch den Raum und nahm neben einem Mädchen Platz, das am Rand der Reihe am Fenster saß und zaghaft auf den leeren Stuhl links von sich deutete.

»Hallo Gunhild, ich bin Paula. Aber alle nennen mich Püppi«, wisperte ihr das Mädchen zu. Scheu lächelten sich die beiden an, dabei fiel Gunhild auf, dass Püppi kaum Haare hatte.

»Stifte raus – die Schüler der Klassen Eins und Zwei schreiben jetzt ein Diktat! Mal sehen, was ihr vom Unterricht vor den Ferien behalten habt. Und ihr ab Klasse Drei aufwärts lest jeweils das nächste Kapitel in dem Buch, mit dem wir vor den Ferien begonnen haben.«

Eilig griff sich Gunhild einen Bleistift und ein Heft aus ihrem Schulranzen, aber schon nach kurzer Zeit kam sie ins Schwitzen. Der Lehrer diktierte so schnell, dass sie gar nicht mitkam. Um sie herum kratzten die Bleistifte in einem atemberaubenden Tempo übers Papier, während sie von jedem Satz gerade mal die ersten paar Worte schreiben konnte. Am Ende des Diktats standen nur lauter Satzanfänge auf ihrem Blatt, deren Enden lose zerfaserten und ins Nichts flatterten. Zu ihrem Glück hatten sie in der nächsten Stunde Musik. Beim Volkslieder Singen fiel niemandem auf, dass Gunhild die Lieder meist gar nicht kannte. Schnell konnte sie die Texte und Melodien auswendig und stimmte begeistert in den großen Chor der Klasse ein.

»Was ist eigentlich mit deinen Haaren passiert?«, wagte Gunhild Püppi zu fragen, als sie in der Pause zusammenstanden.

»Ich hatte Scharlach. Da sind mir alle Haare ausgefallen und seitdem nie wieder richtig nachgewachsen«, erklärte Püppi und schaute traurig zu Boden.

Die beiden Kinder freundeten sich schnell an. Beide waren sie auf ihre Art Außenseiterinnen: Der einen fehlten die Haare, der anderen die Familie. Sie halfen sich nicht nur gegenseitig bei den Schulaufgaben, sondern vertrauten sich auch ihre kleinen Geheimnisse an. So berichtete Gunhild Püppi von ihren heimlichen Versuchen, mit dem großen Fahrrad von Heinrich Paeschke zu fahren. Am Anfang war sie oft heruntergefallen und hatte sich die Knie aufgeschlagen, wofür sie zu Hause immer irgendeine neue Ausrede erfinden musste. Inzwischen schaffte sie zunehmend längere Strecken ohne umzukippen. »Man muss im Stehen fahren, und wenn ich genug Schwung habe, dann klappt es!«, erzählte sie Püppi mit vor Aufregung roten Wangen. »Neulich habe ich es schon fast die ganze Dorfstraße runter geschafft!«

»Ich hätte lieber eine schöne Perücke statt Fahrrad fahren zu lernen«, gestand Püppi. Wie oft hatte sie sich das schon ausgemalt: Eine Perücke mit langen, blonden Zöpfen, wie Gunhild sie hatte. Sie war es so leid, von den anderen angestarrt zu werden. Jeden Abend stand sie heimlich vor dem Spiegel und schaute, ob nicht doch wieder mehr Haare wuchsen. Aber jedes Mal endete diese Suche mit Tränen: Die Haare kamen einfach nicht wieder.

Nach der Schule verbrachten die Freundinnen viel Zeit miteinander. Manchmal wagten sie sich bis zur großen Landstraße vor, die in einiger Entfernung am Dorf vorüberführte. Immer öfter sahen sie dort Soldaten, die die Straße entlangmarschierten. Atemlos duckten sie sich hinter ein dichtes Gebüsch und beobachteten aufgeregt das Geschehen: In scheinbar endlosen Reihen liefen Männer in Uniformen an ihnen vorbei, wobei ein eigenartiger Geruch nach Schweiß, Schmutz und Staub in der aufgewirbelten Luft hing. Woher sie wohl kamen, und wohin waren sie unterwegs?

In der Schule waren die Soldaten oder der Krieg nur selten ein Thema. Hier ging es um Diktate, Lese-Übungen, Singen und Rechenaufgaben. Nur allzu schnell machte Gunhild Bekanntschaft mit dem Rohrstock des Lehrers: Zwei Tage nach dem ersten Diktat gab er ihr das Blatt zurück und bevor sie sich versah, sauste der Stock auf ihre Hände nieder: »Was ist denn das für ein Unfug!«, schimpfte er und schon schlug er zu. »Wie kannst du es wagen, so ein Geschmiere abzugeben! Schäm‘ dich, Gunhild! Zur Strafe schreibst du bis morgen 20 Mal den Satz ›Ich schreibe beim Diktat alle Sätze des Lehrers ordentlich auf‹, verstanden?« Und schon landete der Rohrstock ein drittes, schmerzhaftes Mal auf dem rot gestriemten Handrücken des Kindes.

Mantel-Mumie

Während Gunhild in Schlesien die Schulbank drückte, spitzte sich die Lage in Berlin dramatisch zu. Die Stadt glich einem Trümmerfeld, die Versorgung der Menschen mit Nahrung und Trinkwasser war fast komplett zusammengebrochen. Daher wurde Gertrud Terzenbach mit ihren kleinen Zwillingen nach Posen evakuiert, wo sie eines Tages Feldpost von Willy erreichte.

Liebste Trudel.

Der Krieg wird meines Erachtens bald ein Ende haben. Hol‘ alle Kinder zu dir nach Posen. Vielleicht könnt ihr euch dann zusammen nach Berlin durchschlagen. Bete für mich, dass ich unversehrt zurückkomme. Dein Willy.

Das mit dem Kinder-Zusammenholen war leichter gesagt als getan. Der Versuch, Baldur und Winfried aus Gustrow und Gunhild aus Groß Gastrose zu holen, geriet im allgemeinen Chaos des Krieges zum bürokratischen Kraftakt. Nach zahlreichen Briefen, Depeschen und Telefonaten gelang es ihr, die Bahnfahrten für ihre Kinder nach Posen zu organisieren.

Als Gunhild nach fast zwei Jahren ihre Koffer packte, war sie froh, dass ihr die böse Frau nicht mehr das Leben schwer machen würde. Der Abschied von Püppi war dafür umso trauriger. Weinend lagen sich die beiden Mädchen in den Armen und versprachen, sich gegenseitig zu schreiben. Auch bei ihrem letzten Besuch der Enten und Hühner im Stall rannen Gunhild Tränen über die Wangen. »Macht‘s gut!«, flüsterte sie leise, während die Tiere in Erwartung von Futter oder einem Spaziergang fröhlich schnatterten.

»Gute Reise, Gunhild!« Heinrich Paeschke stand am Bahnsteig von Guben und drückte das Mädchen für einen Augenblick ungelenk an sich. Dann trug er ihr den Koffer ins Zugabteil und winkte verlegen, während sich der Zug langsam in Bewegung setzte.

Bei ihrer Ankunft in Posen waren die Prügel der Pflegemutter und die Stockhiebe des Lehrers schnell vergessen: Glücklich umarmte Gunhild ihre Mutter und die kleinen Zwillinge, einen Tag vor ihr waren Baldur und Winfried angekommen. Jetzt waren sie schon fast wieder eine richtige Familie, nur der Vater fehlte, von dem sie seit seiner letzten Postkarte von der Front nichts mehr gehört hatten.

In Posen teilten sich mit einer anderen Familie eine kleine Wohnung, aber die Enge störte Gunhild kein bisschen. Sie freute sich im Gegenteil über die anderen Kinder, mit denen sie schnell Freundschaft schloss, und die vielen neuen Spielmöglichkeiten. Besonders ›Harras‹, der Schäferhund, der ihnen vor ein paar Wochen zugelaufen war, wuchs Gunhild an Herz. Er lag eines Tages vor ihrer Tür und war, als die Kinder ihn streichelten, mit größter Selbstverständlichkeit in die Wohnung hineinspaziert. Seitdem gehörte der Hund zur Familie.

Eines Nachmittags saßen sie zusammen an ihrem kleinen Ofen, als jemand plötzlich wie wild an ihre Haustür pochte: »Alle deutschen Familien haben sich so schnell wie möglich auf dem Marktplatz einzufinden! Ihr müsst sofort die Flucht antreten!« Als Gertrud Terzenbach vorsichtig öffnete, war der Mann schon weitergerannt. Panik stieg in ihr auf: Flucht? Noch heute Abend?! Wie sollte sie so schnell die Sachen für sich und die Kinder packen, was sollte sie mitnehmen, was zurücklassen? Wahllos griff sie zu Kleidungsstücken, ließ sie wieder fallen und stopfte stattdessen die wenigen Lebensmittel, die sie hatten, in eine Tasche.

»Ich habe eine Idee – bin gleich wieder zurück!«, rief plötzlich Baldur, sprang auf und war schon zur Tür hinaus.

»Baldur! Komm sofort zurück!«, schrie Gertrud völlig aufgelöst. Doch Winfried beruhigte sie: »Er kennt sich gut mit Tieren aus, Mama! Bestimmt will er nach einem Pferdefuhrwerk für uns schauen!«

Gertrud schluckte die Angst herunter, sie musste jetzt einen kühlen Kopf bewahren, ihnen blieb nur wenig Zeit. »Zieht euch all eure warmen Sachen an! Zieht so viel an, wie ihr nur könnt – unterwegs wird es schrecklich kalt werden«, befahl sie ihren Kindern. Während sie sich eilig ihre dicken Pullover, Mützen, Mäntel, Schals und Handschuhe anzogen, kam Baldur zurück: »Wir müssen unbedingt versuchen, das Pferdefuhrwerk von Bauer Schmidt zu bekommen! Seine Pferde sind die einzigen, die mit Hufeisen beschlagen sind, die sich für Schnee und Eis eignen!«

Gertrud griff sich die erste gepackte Tasche und rannte los. Auf dem Marktplatz sah sie den Bauer schon von weitem. Sie kannten sich, er hatte ihr oft ein paar Kartoffeln extra für die Kinder geschenkt, wenn sie zu ihm und seiner Frau auf den Hof kam, um nach Essen zu fragen.

Keuchend stand sie vor ihm, ihr Atem dampfte in der kalten Luft: »Herr Schmidt! Dürfen wir unsere Sachen bei Ihnen aufladen?«

»Ja, Ihr Ältester war gerade auch schon da. Beeilt euch!«

Zuhause waren die Kinder dabei, ihre Koffer zu packen, als Gertrud wieder zur Tür hereinstürmte. Als die Mutter sah, dass sie auch das wenige Spielzeug, das sie hatten, einpackten, sprach sie ein Machtwort: »Eure Spielsachen bleiben hier. Wir können nur das Nötigste mitnehmen. Packt alle warmen Sachen, die ihr nicht anziehen könnt, ein!«

»Aber meine Puppe muss mit!« Gunhild brach in Tränen aus. Doch ihre Mutter blieb hart: Die Puppe kam genauso wenig ins Gepäck wie der ramponierte Ball der Jungs. Dann schickte sie Winfried mit den letzten Lebensmittelmarken zum Schlachter: »Harras muss leider auch hierbleiben. Wir dürfen keine Tiere mitnehmen. Hol‘ mit den Marken Fleisch. Das legen wir ihm hin und während er frisst, gehen wir schnell aus dem Haus.«

Jetzt weinten alle fünf Kinder. Harras, ihr geliebter vierbeiniger Spielkamerad und Tröster, durfte nicht mit? Doch die Mutter hatte keine Zeit für Sentimentalitäten: »Gunhild, zieh dir diesen Mantel von mir auch noch über und dann läufst du voraus zum Marktplatz. Baldur, du begleitest sie, ihr wartet auf dem Fuhrwerk von Bauer Schmidt auf uns. Wir kommen sofort nach.«

Baldur zog seine heulende Schwester mit sich, er kämpfte selbst mit den Tränen. Der Schäferhund war ihm genauso wie seinen Geschwistern ans Herz gewachsen.

Noch am gleichen Abend setzte sich der Flüchtlingstreck in Bewegung Richtung Westen. Gunhild saß eingemummelt in drei Wintermäntel auf dem Pferdefuhrwerk und kam sich wie eine Mantel-Mumie vor. In den dicken Sachen konnte sie sich kaum bewegen. Nur ihre Nasenspitze schaute heraus.

Sie waren noch keine halbe Stunde unterwegs, da entdeckte sie ein Fellknäuel und rief: »Harras!« Der Hund hatte das Fehlen seiner Familie bemerkt und war ihnen gefolgt. Nachdem er sie eingeholt hatte, lief er treu neben dem Fuhrwerk her.

In den sternenklaren Nächten froren Menschen und Tiere, es war klirrend kalt. Die Pferde schnauften, mühsam kämpften sie sich durch den Schnee. Bergauf gerieten die anderen Wagen ins Rutschen. Baldur sollte recht behalten:

Die Pferde von Bauer Schmidt waren die einzigen, die mit ihren speziellen Hufeisen nicht wegrutschten. Sie kamen nur langsam vorwärts, immer wieder blieben Fuhrwerke im Schnee stecken und mussten zurückgelassen werden. Die Gruppe derer, die weiterzogen, wurde von Tag zu Tag kleiner. Nach wenigen Tagen war auch Harras verschwunden. Die Kinder hatten stundenlang ihre Mutter und die berittenen Soldaten, die den Treck begleiteten, angefleht, den Hund auf das Fuhrwerk hinaufheben zu dürfen. Doch das war strengstens verboten. Als der Treck ohne ihn weiterzog, weinten sie heiße Tränen. Dieser Verlust blieb ihnen mehr als alles andere von dieser Flucht in Erinnerung.

Mehrere Wochen kämpften sie gegen Hunger und Kälte, versteckten sich vor feindlichen Flugzeugen und den Maschinengewehren der Soldaten, erlebten den Tod vieler anderer aus dem Flüchtlingstreck. Als sie schließlich völlig erschöpft und halb verhungert Berlin erreichten, trauten sie ihren Augen kaum: Das Haus, in dem sie früher gewohnt hatten, stand noch! Wider alle Erwartungen hatte keine Bombe das Gebäude zerstört, in ihrer Wohnung waren lediglich einige Fensterscheiben geborsten.

In den letzten Tagen des Krieges wurde die Lage immer schwieriger. Bombenangriffe und die verzweifelte Suche nach etwas zu Essen zermürbte die Bewohner Berlins. Anfang des Jahres 1945 war es fast unmöglich geworden, Lebensmittel aufzutreiben. Gemeinsam mit den Nachbarn lauschten die Terzenbachs den Nachrichten aus dem kleinen Volksempfänger. Die neuesten Mitteilungen aus dem knisternden Gerät ließen nichts Gutes ahnen.

Wenn die Sirenen schwiegen, spielten Baldur, Winfried, Gunhild und ihre Freundin Dörthe miteinander draußen. Ihr selbst ausgedachtes Lieblingsspiel hieß ›Granatsplitter sammeln‹. Ausgerüstet mit einer alten, zerschlissenen Socke sausten sie alle vier los und durchwühlten die Geröllberge der eingestürzten Häuser nach den Granatsplittern. Sieger wurde, wer nach einem Angriff die meisten gefunden hatte. Begehrte Sonderpunkte gab es für Splitter, die noch warm waren. Gertrud Terzenbach war überhaupt nicht wohl dabei, wenn ihre Kinder in den Trümmern unterwegs waren, aber was sollte sie machen? Sie konnte sie doch nicht zu Hause einsperren und Spielzeug war wie alles andere Mangelware.

Im April herrschte plötzlich helle Aufregung vor den Radiogeräten: Eben hatte der Sprecher durchgesagt, dass die Russen jetzt vor Berlin standen! Nun wagte sich endgültig niemand mehr hinaus auf die Straße. Wenn die Sirenen losheulten, versteckten sich Gertrud und die anderen jüngeren Frauen aus der Nachbarschaft im Luftschutzkeller unter den Etagenbetten der Kinder, da sie von furchtbaren Gräueltaten der russischen Soldaten gehört hatten.