Desperado Die Christian Chroniken - Christopher Diehl - E-Book

Desperado Die Christian Chroniken E-Book

Christopher Diehl

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Beschreibung

Christian macht sich auf den Weg. Nach dem Abitur auf den 2. Bildungsweg, zieht er in die Welt hinein. Ohne zu ahnen was ihn da so erwartet. Die ganze Geschichte ... Die Christian Chroniken ... Seine 10 Jahre bezahlter Urlaub, in Marburg ... Sein weiter Weg nach Wien ... und schließlich ... Seine Reise bis an das Ende dieser Welt. Seine Geschichte(n) Eine Chronik.

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Seitenzahl: 268

Veröffentlichungsjahr: 2017

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“…Last thing I remember I was running for the door I had to find the passage back to the place I was before Relax said the night man we are programmed to receive You can checkout any time you like but you can never leave…”

(Hotel California...The Eagles)

Notiz:

Im Zug, 11.1. 1996

Ich bin auf dem Weg und weiß nicht was mich erwartet, was immer es auch ist, ich freue mich darauf.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Akt: Zehn Jahre Bezahlter Urlaub (Eine Novelle aus dem Studentenleben)

Zuordnung

Lyrisches Intermezzo

Jahr 1996

Jahr 1997

Jahr 1998

Jahr 1999

Jahr 2000

Jahr 2001

Jahr 2002

Jahr 2003

Jahr 2004

Jahr 2005

Die Jahre danach…: 2006 – 2008

Epilog 2016

Akt: Der Weite Weg nach Wien (Eine Künstlernovelle)

Sommer 2016

2006

Waldorf

Intermezzo

2009 oder das Ende der Dekade

Kasperletheater

Ein Marburger Märchen

Wien wartet

Fünf Minuten vom Volkstheater

Donauwellen, Winnetou und ein weißes Ross

Akt: Bis an das Ende dieser Welt (Das Finale)

Die Allee

Treptow2014

Kreuzfahrtfieber I

Auf nach Agadir

Auf dem Atlantik

Die Große Freiheit

Leben, Liebe und der Augenblick

Fluch der Kapverden

Hamburg-Schulterblatt

Kreuzfahrtfieber II

Die Wesermündung und das weiße Schiff

Rund um Italien

Breakfast in Bremen

Kreuzfahrtfieber III

Richtung Osten

Im Nahen Osten

Epilog 2017

„Aber eines können Sie mir glauben: diese Geschichten müssen erzählt werden!“

Prolog

Hallo, und schön, dass sie da sind.

Mein Name ist Christian,

und ich möchte ihnen einige besondere

Geschichte erzählen.

Alles begann in Jahre 1994. Ich

besuchte, an einem Samstag im

September, mit einer damaligen Liebe

ihre Studienstadt. Es war eine sehr alte,

ehrwürdige Universitätsstadt, wie aus

dem Bilderbuch. Damals ahnte ich

natürlich nicht was dort alles mit mir

und anderen passieren sollte.

Ein Jahr später, im Dezember 1995,

war mein letzter Tag auf dem

Abendgymnasium, und ich hatte es

tatsächlich geschafft, mir auf dem 2.

Bildungsweg doch noch ein

Abiturzeugnis zu besorgen, das ich

zuhause an die Wand hängen konnte.

Doch zuerst einmal nahm ich mir die

Wand der Schule vor.

„WIR SIND HELDEN – Abi AGW 95!

Schrieben wir in kühnem Vorgriff auf

Judith Holofernes in schwarzen, großen

Buchstaben dorthin, ohne daran zu

denken, dass ein Graffiti mit Unterschrift

und fast der kompletten Adresse nicht

ganz ungefährlich sein könnte. Egal,

irgendwie hat das damals niemanden

gestört, und der Satz steht heute noch da.

Es war das Ende eines

Lebensabschnittes, in dem viel passiert

war, aber das wäre eine andere

Geschichte.

Ich will die Geschichte erzählen, die hier

begonnen hat, und verspreche schon

jetzt, dass ich nichts auslassen werde.

Wobei ich natürlich bei vielen

Sachverhalten und den dazugehörigen

Personen nicht immer so ins Detail

gehen kann, wie ich das eigentlich gerne

möchte. Das ist eine Sache der

Diskretion. Und außerdem können Sie

mir ja immer noch eine Mail schreiben,

wenn Sie von irgendetwas alle pikanten

Details erfahren wollen…

Ach was, am besten ist es, wenn Sie sich

ihren Teil einfach denken, und ein wenig

zwischen den Zeilen lesen.

Zunächst suchte ich einen Ort, an dem

ich meine erworbene Freiheit ausleben

konnte, und ließ mich wie auf dem

Surfbrett paddelnd durch die Welt der

Universitäten treiben, in Kiel, Hamburg,

Oldenburg, Kassel anspülen, und

schließlich auf einer gewaltigen Welle

sogar bis Gießen – aber umsonst, nichts

und niemand hatte mich am Ende so

richtig überzeugt. Irgendjemanden hörte

ich sagen: “Viele Städte haben eine

Universität, Marburg ist eine“.

Ich-erinnerte-mich…

„Die Uni-stadt wie aus einem

Bilderbuch“

Und schon traf ich an einem sonnigen

Herbsttag dort ein. Ich lief durch die

verwinkelten Gassen, wanderte durch

den Alten Botanischen Garten, und

überquerte die Biegenstraße in Richtung

Lahn und Mensa. Ich sah mir alles an,

und ich wollte diesen Ort

gar nicht mehr verlassen.

Ein gutes Zeichen?

Auf einmal hatte diese Stadt viele

Namen:

„Paradise City”, “Rebel Town“,

„Tortuga”,

bekam ich zu hören. Und immer

deutlicher hörte ich dahinter den Namen

meiner künftigen Studienstadt, der für

mich nun immer märchenhafter klang:

Marburg an der Lahn.

Ich hatte einen magischen Ort gefunden,

wo ich glaubte, alles machen zu können,

was ich schon immer machen wollte.

Mein freier Geist

begann sich zu entfalten.

„Diesen Ort hatte ich gesucht und

gefunden. Ich ahnte ja nicht was mich

hier erwarten sollte…“

Hier sollte die Zeitreise beginnen

1.AKT

ZEHN JAHRE BEZAHLTER URLAUB

Eine Novelle aus dem Studentenleben

Zuordnung

3. Person: Christian hat es geschafft!

Nach seinem hart erarbeiteten Abitur auf

dem 2. Bildungsweg, kann er endlich

studieren. Zugegeben: er fängt zu einem

Zeitpunkt damit an, an dem andere schon

längst fertig sind bzw. schon längst

wieder aufgehört oder besser gesagt,

aufgegeben haben. Das Schicksal schickt

ihn an einen Studien-Ort, den es ihn nur

scheinbar selbst wählen lässt: Die

Residenz der ältesten protestantischen

Universität der Welt. Die Stadt hat zwar

wenig Weltgeschichte geschrieben, aber

dafür werden umso mehr kleine

Geschichtchen über Marburg erzählt.

Aber Christian interessiert das eigentlich

gar nicht: Er will nur seine Geschichte

erzählen.

Die Geschichte einer Zeit, aus der große

Veränderungen hervorgegangen sind,

vollgepackt mit herrlichen Anekdoten

und Schnurren – findet Christian

jedenfalls.

Und so beginnt er:

Die Universität. Unendliche Weiten.

Wir schreiben das Jahr 1995.

Dies sind die Abenteuer

von Christian S.,

der mit 400 Kommilitonen zehn Jahre

lang unterwegs war, um neue Welten zu

erforschen, neues Leben und neue

Zivilisationen kennenzulernen,

und dabei ganz nebenbei einen halbwegs

vernünftigen Abschluss zu machen.

Viele Lichtjahre von seiner Heimatstadt

entfernt, dringt er in Räume vor, die

schon viele vor ihm betreten haben…

„Satirisch, humorvoll, besinnlich

und voller Anekdoten“

Meint Christian jedenfalls!

Für die Freundschaft und für Fee

ZEHN JAHRE BEZAHLTER URLAUB

Novelle1

Und was muss man noch so wissen?

Magister Artium/Magistra Artium (M. A.)

„Magister Artium bzw. Magistra Artium

(M. A.) (Lehrer/in der „Freien“ Künste)

ist ein akademischer Grad. Das Magisterstudium

ist traditionell ein Studium

geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlicher

Fächer und führt nach einer Abschlussprüfung

zur Verleihung des akademischen

Grades Magistra Artium/

Magister Artium (M. A.). Dieser

Grad bezieht sich auf die in der Antike

vorgebildete und durch das gesamte Mittelalter

hindurch tradierte Auffassung

von den Disziplinen der Grundlagen-

Wissenschaftenals den „septem artes

liberales“, den sieben freien Künsten.

Er bedeutet somit „(Lehr-)Meister der

Wissenschaften“ und ist nicht auf künstlerische

Gebiete beschränkt. In der Folgezeitübernahm

man diesen Grad für

alle sich weiter selbständig etablierenden

Fächer mit „philosophischer“

Grundlage, z. B. die Philologien oder die

archäologischen und geschichtswissenschaftlichen

-Fächer.

In Deutschland wurde der Grad 1960

wiedereingeführt, um die Universitäten

zu entlasten,

an denen die Studenten nachdem Studium

oftmals promovierten, um überhaupt

einen Grad zu erlangen. Bis zur Umstellung

auf Bachelor- und Masterabschlüsse

war es an vielen Universitäten zunehmend

möglich, auch Fächer wie Informatik

, Betriebswirtschaftslehreoder

Rechtswissenschaften, die nicht dem

klassischen Bild eines Magisterstudiums

entsprechen, als Magisterfach

zu studieren.

Wenn diese Fächer als erstes Hauptfach

(also indem die Magisterarbeit geschrieben

wird), gewählt werden,

nennt sich der Abschluss Magister/

Magistra Scientiarum Mc,dh.

„Lehrer/in der (Natur-)

Wissenschaften“.

(Aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie)

Marburg

„Die Universitätsstadt Marburg ist die

Kreisstadt des Landkreises Marburg-

Biedenkopfin Hessen. Sie liegt am Ufer

des Flusses Lahn. Seit dem 12. Jahrhundert

hat Marburg Stadtrechte. Heute

erfüllt es die Funktion eines Oberzentrums

in der Region Mittelhessen. Sie hat

als größere Mittelstadt (wie noch sechs

andere Mittelstädte in Hessen) einen

Sonderstatus (Sonderstatusstadt) im Vergleich

zu den anderen kreisangehörigen

Gemeinden, das heißt sie übernimmt

Aufgaben des Landkreises, so dass sie in

vielen Dingen einer kreisfreien Stadt

gleicht.

Marburg besitzt mit der Philipps-

Universitätdie älteste noch existierende

protestantischgegründete Universität

der Welt, welche auch heute noch durch

ihre Bauwerke und die

Studenten das Stadtbild prägt. Das

Stadtgebiet erstreckt sich beidseits der

Lahnwestlich ins Gladenbacher Berglandhinein

und östlich über die Lahnberge

hinweg bis an den Rand des Amöneburger

Beckens. Den Namen „Mar-

burg“ verdankt die Stadt dem Umstand,

dass hier früher die Grenze („mar(c)“)

zwischen den Territorien der Landgrafen

von Thüringenund der Erzbischöfe von

Mainzverlief.“(Aus Wikipedia, der

freien Enzyklopädie)

So, jetzt wissen Sie eigentlich

alles, was Sie wissen müssen,

Ich wünsche ihnen viel Spaß.

Lyrisches Intermezzo

„Wir schaun über die Dächer,

ich schreib dein Namen in die Nacht,

hey, wir brauchen nicht mal Worte,

denn es reicht schon, wenn du lachst.

Aus Sekunden werden Stunden

und ich weiß es klingt verrückt,

doch wenns ganz hart kommt,

drehn wir die Zeit zurück.

Wir setzten jetzt die Segel nehmen alles

mit was geht, auch wenn der Wind sich

dreht.

Warum, warum, warum ist doch egal,

denn heute Nacht sind nur wir zwei

wichtig.

Warum, warum, warum ist doch egal,

warum ist jetzt egal.

Warum ist doch egal.“

Juli, „Warum“

1. Jahr 1996

Ich bezog ein Zimmer

im Studentenwohnheim, Christian Wolff

Haus 1. Stock. Dort gab es neben mir

natürlich auch noch andere Studenten.

Mediziner zum Beispiel die gerne von

ihren Kursen beim Abendessen in der

Küche erzählten. Besonders beliebt

waren die Erzählungen über den

Präpkurs, in dem man Leichen zu Leibe

geht, die einen schon dazu brachten

lieber in die Mensa zugehen als den

Geschichten zuzuhören. Ich aber hatte in

der 1. Woche eh etwas anderes zu tun.

Ich besuchte die Orientierungswoche,

dort lernte man das System kennen:

Seminare, Prüfungen etc. und ich lernte

schnell. Eine Woche später hatte ich

mich für 10 Kurse eingeschrieben, 5

davon mit Leistungsnachweis und war

Mitglied der Fachschaft.

Ein voller Erfolg!

An meinem ersten Tag, es war natürlich

der Montag, es war der dritte Kurs an

diesen Tag, wurden die Referate

vergeben. Der Kurs hieß

„Nachrichtensendungen im

Fernsehen“ fand im Hörsaal statt und

war voll…sehr voll. Es war

wohlgemerkt ein Seminar.

Weit über 200 angehende Medien

schaffende drängten sich im Saal.

Mit fünf davon,

meist Frauen, bildete ich eine

Referatsgruppe.

Eine davon sollte eine besondere Rolle

spielen… Karen. Sie war 20, mittelgroß,

schlank, blond und…im 2. Semester.

Dies war nun die erste Begegnung mit

ihr, wir sollten noch sehr viele

zusammen haben, aber das wusste keiner

von uns beiden, an diesem

Montagabend, in Hörsaal H der

Philosophischen Fakultät,

kurz Phil Fak genannt.

Karen sollte mich lange begleiten, sehr

lange. Doch für das erste hatten wir

dieses Seminar und ansonsten machte

jeder seine Sache.

Ich sollte das Sommersemester mit

jemanden anderen weiblichen

verbringen. Sie saß in einem Ethnologie

Seminar, war Mitte 20, hatte hennarote

lange Haare, war eine freche Berlinerin

und hieß Anja. Anja studierte eigentlich

Medizin war aber „voll interessiert“.

Wir verstanden uns auf Anhieb.

Wir verbrachten viel Zeit miteinander,

fuhren mit ihrem blauen Golf durch die

Gegend, hörten „die Ärzte“,

gingen in die Kneipe und waren einfach

auf der gleichen Wellenlänge.

Ich war voll dabei,

bei allem was sich mir bot.

An viele Dinge aus dieser Zeit kann ich

mich kaum noch erinnern, einfach weil

alles an mir nur so vorüberzog. Aber nun

war der Tag gekommen, an dem ich zum

ersten Mal an anderen vorüberziehen

sollte, der Tag meines ersten

„Studentenumzugs“.

Es war irgend so ein unnötiger Feiertag,

katholisch natürlich. Ein katholischer

Bischof besuchte mit seiner riesigen

Mütze die Hochburg des

Protestantismus, um an der Feier eines

Verbandes von Burschenschaftlern

teilzunehmen, die wiederum

sehr kleine Mützen trugen.

In Marburg kannte ihn jeder, denn jener

Bischof war ein paar Jahre zuvor sehr

schnell zu Fuß durch die Oberstadt

gelaufen, ja, regelrecht gerannt sogar.

Eine Gruppe von Studenten war hinter

ihm her, die wohl nichts Gutes von ihm

wollten, wollen wir es mal bei dieser

Beschreibung lassen. Irgendwann auf

diesem unfreiwilligen Stadtlauf mit

Mütze kam ihm dann in der

Universitätsstraße glücklicherweise eine

Gruppe von Polizisten entgegen,

was damals seine Rettung war.

Also:

Grüne Mützen retten weiße Mütze,

die braune Mützen besucht,

vor roten Mützen.

Nun war er wieder da!

Verschanzte sich in der Stadthalle

mit ungefähr 500 Kooperierten

die sehr belustigt auf die Menge vor der

Stadthalle schauten.

Ich mitten drin,

meine Fachschaftsfreunde und ich hatten

uns voll ausstaffiert:

Trillerpfeife und eine Schärpe aus

Toilettenpapier waren unsere Werkzeuge

der Provokation.

Da der Bischof so ziemlich gegen jede

Randgruppe war, kamen auch

dementsprechend viele zur Demo.

Als Höhepunkt viel jemand ein, man

könnte ja Tampons als Wurfgeschosse

benutzen.

In rotem Farbe gedrängt waren sie

besonders Flugtauglich und

trafen die in Gardeuniform

auf dem Balkon stehenden

Burschenschaftler auf die selbigen.

-Ein Superspaß für beide Seiten-

Nach 2 Stunden Spaß und Tollerei war

alles vorbei. Ich ging zum Parkplatz an

der Lahn, und wollte dort zu dem Gefährt,

das ich scherzhaft wie Philipp

Marlow „meinen Wagen“ nannte. Eine

Gruppe Burschenschaftler starrte mir

hinterher, folgte mir mit ihren Blicken.

Ich wusste zunächst nicht, was sie von

mir wollten, doch dann fiel es mir doch

auf: Ich trug noch die Schärpe aus

Klopapier um meinen sportlichen Leib,

der nun langsam zu zittern begann.

Ganz alleine standen wir da, und mit uns

meine ich mich, die Lahn und die Skyline

von Marburg. In der Abendsonne

leuchtete das von mir gebastelte Symbol

der Provokation. Nur allzu verständlich,

dass die Burschies das nicht so witzig

fanden wie ich, und sich mir mit langsamen

Schritten näherten. Keine Ahnung,

was sie vorhatten, so genau wollte

ich das auch gar nicht wissen. Einen

Moment dachte ich, das sei doch eine

gute Gelegenheit für eine ausführliche

Diskussion, im Sinne der Völkerverständigung,

dann entschloss ich mich doch,

lieber etwas schneller zu gehen. So kam

ich ziemlich schnell zudem bereits erwähnten

Auto, konnte sogar noch vorglühen,

denn es war ein Diesel, während

sich mir meine neuen Kameraden unverzüglich

mit immer schnelleren Schritten

näherten. Aber so schnell sind diese alten

Burschenschaften eben doch nicht...

der Diesel sprang an, und ich konnte der

Szene entrinnen.

Im Rückspiegel sah ich noch,

die immer kleiner werdenden,

Verbindungsstudenten.

Nur gewunken haben sie nicht.

Ich fuhr zum Wohnheim, es war

inzwischen Nachmittag, Anja wartete

schon auf mich wir waren verabredet

und grillten vor dem Haus.

So sah also ein besinnlicher Feiertag in

Marburg aus. Genau mein Geschmack

dachte ich und holte mir noch ein Steak

vom Grill.

Dann kam der Sommer, und mit den

wärmeren Temperaturen nahm auch

meine Lust zu, mich in der Fachschaft

zu engagieren.

Es hatte nämlich die Runde gemacht,

dass unsere geliebten Seminare, bei denen

wir uns einmal in der Woche mit

allen gemütlich treffen konnten, in der

Teilnehmerzahlbeschränkt werden sollten.

Wir mussten handeln. Wir, das waren

in erster Linie mein neuer Freund

Harald, Harald war alter Fachschaftler

Mitte, ende 20, eher Ende 20,

aber ein paar Jahre jünger als ich.

Er studierte Deutsch und Latein auf

Lehramt und keiner wusste in welchem

Semester er war. Ich vermute sogar er

wusste es auf Anhieb selber nicht. Nun

wir schmiedeten eine Schelmerei, wie

wir es später nannten Diese bestand in

erster Linie aus einem fingierten Aushang,

der alle Studenten unverzüglich

dazu aufforderte, sich im Sekretariat in

die Teilnehmerlisten für das nächste Semester

einzutragen,

„dringend und unverzüglich“ stand da,

und wer zu spät kommt,

der gehe halt leer aus.

Diesen Inhalt hatte Harald, der tatsächlich

das komplette Programm auf dem

Kasten hatte, natürlich im besten Bürokratendeutsch

verfasst, und sogar mit

einem gigantischen Siegelkopf versehen.

Nun, ich weiß was sie jetzt denken…

“Urkundenfälschung!“

“Nein natürlich nicht!

Denn beim genaueren Hinsehen

entpuppte sich das Siegel des Gründers

der Universität als Plagiat

mit einer viel zu langen Nase.

Wir nannten ihn treffender weise

Lügen Philipp.

Diesen Aushang hefteten wir gut sichtbar

neben den Fahrstuhl.

Am nächsten Morgen wurde es sehr eng

vor dem Sekretariat. Schon in aller Herrgottsfrühe,

um 9 Uhr morgens (!)

standen dutzende Studenten, die nackte

Angst in den Augen, vor der Tür in einer

Schlange. Mit verklebten, verschlafenen

Augen wie Welpen in einem Strohkorb

blinzelten Sie in eine plötzlich völlig

unberechenbar gewordene Zukunft.

Aber keiner wollte künftigen Generationen

erklären müssen, warum ausgerechnet

er oder sie damals nicht in das

allein seligmachende Proseminar

gekommen war.

Ein voller Erfolg und als sich die Sache

klärte, nach einer Woche, wurden die

Schuldigen gesucht und in der

Fachschaft gefunden. Professor P., der

Institutsleiter, ließ über den mürrischen

Hausmeister, der dadurch bei seinem

Frühstück gestört wurde, Harald und

mich zu sich zitieren.

Schon als wir sein verstaubtes Zimmerchen

betraten, hielt er uns mit großen

Augen und abstehenden Ohren das Siegel

entgegen, das den ganzen Zauber erst

hatte so richtig echt wirken lassen. Wir

grinsten und erläuterten ihm, als kämen

wir gerade aus dem juristischen Seminar

im Nachbargebäude, dass es sich ja dabei

nicht um ein Originalbild handele,

und er doch erst einmal genauer hinsehen

solle. Das tat er dann auch, nachdem

er erst umständlich seine Brille angehaucht

und geputzt hatte, und entdeckte

die lange Nase des Lügen-Philipp und

einen völlig sinnlosen Wahlspruch. Er

hüstele…und sagte so etwas wie:

„Das ist eher Satire und wir sollten Uns

um einen Job bei einem Satiremagazin

nachdem Studium bemühen.“

„Die Sache sei damit erledigt.“

Und so kamen wir genauso schnell aus

seinem Büro wieder heraus wie wir hineingekommen

waren. Der Hausmeister

war sogar immer noch mit einem Brötchen

mit Gurke beschäftigt, als wir an

seinem Kabäuschen vorbeimarschierten,

und ihm den Lügen-Philipp zeigten.

Das Gerücht von

Teilnahmebeschränkungen war nun gesät

und tief im Gedächtnis der

Mitstudierenden.

Das war Fachschaftsarbeit!

Da sage mal einer:

„Grau ist alle Theorie“.

Das Semester (ver)endete nach diesem

frühen Höhepunkt nur langsam, und ich

holte mir alle Scheine, die ich nur haben

wollte. Die Nationalmannschaft holte

sich übrigens gleichzeitig die Europameisterschaft,

und wahrscheinlich nur,

weil sich alle rechtzeitig in die richtige

Liste eingetragen hatten. Europameister?

Wir verfolgten das nur über die Bild-

Zeitung des Hausmeisters, die dieser

jeden Tag auf dem Klo liegen ließ.

Golden Goal durch …? Richtig!

Oliver Bierhoff, ein Held, ein Volksheld!

Am liebsten hätten wir noch unseren

Lügen-Philipp in die Sammelbildchen

hineingeschmuggelt, wenn der nicht zu

„Lahm“ dafür gewesen wäre…(sic)

Aber in Marburg gab es eine Mitstudentin,

welche auch Bierhoff hieß, natürlich

mit Nachnamen, und bei genauerem

Hinsehen sogar eine gewisse Ähnlichkeit

mit dem Helden der Euro 96 hatte. Nicht

von ungefähr, wie sich bald herausstellte,

denn sie war wohl seine Cousine.

Damit hatte unser Studiengang natürlich

seine Sensation, und war endgültig vor

jedem anderen Medizin- oder Jura- Studium

geadelt, ganz zu schweigen von

den Geografen oder gar Theologen.

Wow!!! Die Cousine von Bierhoff!!

Voll abgefahren!

So machte das die Runde.

Ihr immerwährendes Schicksal

war es von da ab, nun immer wieder

Autogrammwünsche

entgegenzunehmen, „Schöne Grüße“

zu bestellen und so weiter und so weiter.

Dumm nur, das sie zwar wirklich seine

Cousine war oder immer noch ist, nur

ihn eigentlich gar nicht kannte.

Sie hatte ihn zweimal in ihrem Leben

gesehen und hatte so gut wie nichts mit

ihm zu tun.

Wie konnte dieses Mädchen so an seiner

eigentlichen Bestimmung vorbei leben!

Von uns konnte das keiner verstehen.

Wir saßen vor unseren kleinen Farb-

Fernsehern, betrachten die frische

Fönfrisur von Bierhoff, und warten auf

den einen, entscheidenden Satz:

„Marburg? Da studiert meine Cousine!“

Wir wären sofort durch die Gänge ins

Seminar gestürzt, und hätten Sie über

unseren Köpfen durch ganz Marburg

getragen, wenn das passiert wäre.

Dem war wohl weniger so. Ich befürchte

fast, der Held der Euro 96, wusste und

weiß bis heute, nicht einmal

wo Marburg überhaupt liegt.

Fußballerschicksal eben.

Madrid, Mailand, oder Marburg…

Hauptsache Italien!

Zwischen dem Fußball und seinen mit

ihm verwandten Cousinen war mein

erstes Semester wie im Flug vergangen,

und es hatte schon etwas Wehmütiges,

dass man nun den ganzen Studienbetrieb

erst wieder erleben würde, wenn der

Herbst in Marburg einziehen würde, und

unser geliebter Studienort uns wieder in

seinen bleigrauen Farben

entgegenleuchten würde…

Doch zuerst kam ja jetzt der Urlaub. Ich

fuhr mit gleich zwei Studentinnen in die

Sommerfrische, nach Spanien natürlich.

Sie hatten die heute kaum noch

glaubhaften Namen Enja und Hilke, und

waren ein ganzes Semester weiter als

ich. Trotzdem konnten wir noch ganz

normal miteinander reden, verstanden

uns sogar sehr gut, so gut, dass wir nach

viel Herumgeflachste am Ende wirklich

beschlossen, gemeinsam in den Süden zu

fahren. Und damit war dann auch schon

das Schönste vorbei. Denn wie sich bald

herausstellte, stand Enja auf mich, und

ich stand auf Hilke. Ich stand allerdings

nicht auf Enja, und Hilke stand nicht auf

mich. Das machte sich natürlich schnell

bemerkbar, und verursachte nicht unerhebliche

Spannungen. Die Atmosphäre

lud sich schon auf dem Weg Richtung

Süden immer mehr, es baute sich sozusagen

eine galaktische

Schlechtwetterfront auf,

die uns alle an die Wand hauen sollte.

Die Spannungen wurden dadurch noch

größer, dass Enja und Hilke eigentlich

beste Freundinnen waren. Hilke und ich

stritten eigentlich nur noch, und so

fuhren wir nach 2 Wochen, in denen in

Spanien die Sonne buchstäblich

über uns lachte,

schweigend zurück nach

Marburg, und gingen vom Auto weg

getrennte Wege, als für in alle Ewigkeit

geschiedene Leute.

War wohl doch keine so gute Idee

gewesen…

Im Angesicht dieses geplatzten Sommers

freute ich mich beinahe schon auf den

Herbst, und hatte mir diesmal vorgenommen,

die Orientierungseinheit zu

organisieren. Ich war also auf einmal ein

sogenannter „Teamer“, der den staunenden

Erstsemestern erklärte, worauf es im

Studium ankommt, als hätte er noch nie

etwas anderes gemacht. Studienordnung,

Scheine, Seminare…das ganze Programm,

im Schlaf hätte ich das alles

aufsagen können. Ja, und wofür tat man

das alles? Für nichts!

Also, außer der Stadtrallye vielleicht,

die war natürlich lustig…

aber vor allem für uns Teamer.

Und allen, die uns dabei schlechte

Absichten unterstellen wollen, sage ich

gleich: Nein, wir haben natürlich keine

Ersti-Witze gemacht.

Nein, dafür ist leider kein Platz in dieser

ernsthaften Veröffentlichung. Sie haben

bis hierher geblättert, und schon das

nicht existierende Inhaltsverzeichnis

nach diesem Stichwort durchsucht?

Also gut…Fangen wir doch mal mit den

Kleiderketten an.

Die Gruppe, die die längste Kleiderkette

knotet, bekommt einen Superpreis wie

z.B. einen Verzehrgutschein für die

Kneipe.

Da legt man sich als angehender Diplom

-BWL-er doch voll ins Zeug, und

reißt sich sein letztes Hemd vom Leib,

bis auf die Unterhose geht das, wenn es

halt sein muss.

Eine Riesengaudi - für die Teamer!

Aber nicht bei uns, dachten wir. Nein,

wir marschierten lieber mit der ganzen

Gruppe durch Marburg, und zeigten

Ihnen schon mal, was die künftigen

Studierenden in dieser malerischen Stadt

so erwartete: Treppensteigen und steile

Wege! Besonders die Erstis aus dem

norddeutschen Flachland schnappten

nach Luft und fluchten leise vor sich hin.

Ein Riesenspaß - für uns Teamer!

Eine Woche später begann das

Wintersemester und ich belegte natürlich

munter weiter ein Leistungsseminar

nach dem anderen.

Darunter auch:

Das berüchtigte Proseminar

„Einführung-in-das-

Mittelhochdeutsche“

das ich mir doch etwas

lustiger vorgesellt hatte.

Mit im Seminar dabei: Karen!

Zum Glück, wie sich am Semesterende

herausstellen sollte.

Der Rest des Semesters lief dann allerdings

eher langweilig und schleppend

ab, ja gut, es gab mal eine kleine schriftliche

Prüfung und so, aber insgesamt war

in meine Ausbildung die Routine eingekehrt

und alles lief wie von selbst. Das

Jahr näherte sich dem Ende und ich

musste aus dem Wohnheim ausziehen,

ich hatte mich dort durch heftigen Sex

mit einer meiner Mitbewohnerinnen unmöglich

gemacht, und ich musste in einer

anderen Straße Marburgs ein neues

Leben beginnen. Ich zog es vor näher in

die Innenstadt zu ziehen, genauer gesagt

an den Bahnhof, in die Neue Kasseler

Straße, in eine 3er WG unters Dach.

Zwei Frauen und Ich! Ob das gut geht?

Na ja, Silvester haben wir noch mit Anja

gefeiert, bevor Anja es vorzog, nach

Aachen zu wechseln. Sie hatte eigentlich

immer von Australien gesprochen, aber

am Ende war wohl doch nur Aachen bei

all ihren Plänen herausgekommen.

Schade eigentlich, denn Ärztinnen

können doch genauso gut auch in

Australien arbeiten. Ich frage mich heute

noch, ob sie es wohl geschafft hat.

Hallo, Anja, liebe Grüße von hier

nach Aachen oder Australien!

Fachschaftspostkarte!

2. Jahr 1997

Aber bleiben wir erst noch einmal bei

meinem Umzug. Ich wohnte also

plötzlich in einer 3er-WG am Bahnhof

mit zwei Frauen, einer Philosophin und

einer Zahnmedizinerin. Mit einer von

beiden gab es später Stress.

Dreimal dürfen Sie raten, mit welcher...

Aber dazu später.

So sehr es mir in Marburg gefiel, tauchte

doch immer öfter ein gewisses Wort vor

mir auf, dass ich nicht so gern hörte:

Klausuren. Ich musste ja Klausuren

schreiben, denn immerhin war es meine

Lieblingsart, um Leistungsnachweise

abzuliefern, total unnütz natürlich, aber

sehr schnell und effektiv, dachte ich.

In zwei Stunden ist alles erledigt und

man hält den begehrten Leistungsschein

in den Händen. Dachte ich…Damit die

Klausuren keinen Spaß machen,

und eben nicht schnell und effektiv ablaufen,

hatten die Dozenten das erfunden,

was man die sogenannten

„Klausuranforderungen“ nennt.

Das machte mir natürlich prompt einen

Strich durch die Rechnung, denn dass

man für Mittelhochdeutsch total fit sein

und wirklich was wissen muss, hatte ich

leider nicht bedacht.

Jeder meiner Fehler kostete mich einen

Punkt, bei 12 Fehlern war Schluss, und

bei meinem 13. Fehler wurde mir klar,

dass sich mein Schein gerade in Luft

aufgelöst hatte.

Kein Schein, so eine Schande, ich war

entsetzt und furchtbar enttäuscht.

Nicht von mir, aber von meinem Dozenten,

der doch das ganze Semester so

harmlos gewirkt und mich immer angelächelt

hatte.

Und dann drehte sich alles, denn Karen

war es, die mir auf einmal anbot, mich in

den Semesterferien fit zu machen,

jedenfalls was das Mittelhochdeutsche

anging. Ich nahm ihre Hilfe spontan an.

Sie hatte den Schein ja bekommen, was

mir doch jetzt auch einige Bewunderung

abnötigte. Ich gebe es zu: Ich wollte ihr

näherkommen, und wir kamen uns auch

näher und freundeten uns an.

Mehr jedoch nicht,

um das hier vorwegzunehmen.

Wir waren uns durchaus sympathisch,

lagen auch irgendwie auf der gleichen

Wellenlänge, obwohl wir im Grunde

unsere Seelen sehr gegensätzlich waren.

Sehr, sehr gegensätzlich. Vielleicht ging

es gerade deswegen so lange gut mit uns.

Es gab eigentlich nur ein unlösbares

Problem zwischen uns: Sie benutzte immer

wieder die „bösen Worte“.

Nein, nicht was sie jetzt denken.

Die zwei bösen Worte für diese Ansammlung

von Singles, die wir in meinem

Semester nun einmal waren, waren

einfach nur „Mein Freund“. Tja, das war

alles, sie war „liiert“, wie man damals so

sagte, und das schon seit über vier Jahren,

und treu wie Gold. Keine Chance.

Vorerst jedenfalls. Wir konnten uns also

ganz auf das Lernen beschränken, und

ich stapfte bald tapfer zum Nachschreibetermin,

total fit, jedenfalls was das

Mittelhochdeutsche anging, und was soll

ich sagen: Ich bestand die Klausur mit

einem „GUT“ einer richtigen 2, einem

Volltreffer!!

Karen war darüber stolz und froh, wobei

leider etwas zwischen uns hängenblieb,

nämlich das sie ihren Schein im ersten

Versuch bestanden hatte, allerdings nur

mit einer „2 minus“…Nach einem

Blumenstrauß als Dankeschön, war der

Groll aber schon bald wieder verflogen,

und wir konnten uns neuen Plänen

zuwenden.

Am Beginn des Sommersemesters war

immer so viel zu tun, dass wir gar keine

Zeit hatten, uns um diese Dinge zu

kümmern, die Fachschaftsfete war zu

planen, und in meiner freien Zeit belegte

ich routiniert meine Kurse.

Natürlich waren wir nicht die einzige

Fachschaft in Marburg, die so in das

Semester startete, und wir betrachteten

es als unsere selbstverständliche Pflicht,

alle anderen Feten aller anderen Fachschaften

auch zu besuchen,

und möglichst auch immer als letzter den

Raum zu verlassen.

Als erste stand die Juristenfete im Landgrafenhaus

auf dem Plan.

An der Tür stand groß:

“MARBURGS ERSTE

JURISTENFETE“

Einer von uns las das, und freute sich,

dass die Juristen endlich auf seine zahlreichen

Eingaben in Form von blöden

Bemerkungen reagiert hatten, und Ihre

Feier immerhin wenigstens nicht mehr

die SS-Fete nannten, wobei SS immer

als Abkürzung für Sommersemester

gestanden haben soll.

Mit dem Frühling zog auch die Lust auf

Musik in uns ein, und deshalb fiel uns

allen auf, dass ein Radiosender frisch auf

Sendung gegangen war.

Sein Name war

„Radio Unerhört Marburg“, kurz RUM,

den wir für die Fete sowieso noch einkaufen

mussten. Doch die lehnten

ab…und meinten, „Wir machen keine

Discoparty“ und luden uns ein…Es war

eine Art Mitmach-Radio, ein Sender für

alternative Medien, bei dem natürlich

immer noch Leute gesucht wurden,

die dabei mitmachen wollten.

Ich fragte Karen, ob sie nicht zur Infoveranstaltung,

mitkommen wolle, das wäre

doch eine tolle Gelegenheit, ganz wichtige

journalistische Erfahrungen zu

sammeln, und was ich noch alles gequatscht

habe. Und was soll ich sagen,

Sie kam tatsächlich mit!

Auf der Versammlung wurde uns das

volle Links- Programm als „Neue Philosophie“

offenbart, aber eben total locker,

wie das Häufchen von Verantwortlichen,

das den Sender gegründet hatte, nicht

müde wurde zu sagen. Karen und ich

fanden das Ganze jetzt nicht so prickelnd.

Wir meldeten uns für einen

Workshop an, zeichneten eine Probesendung

auf und suchten uns eine der zahlreichen

Redaktionen aus, die es vorerst

nur auf dem Papier gab. Immerhin hatte

sich das Häufchen halbwegs bewegende

Namen für die Redaktionen einfallen

lassen, und wir stürzten uns auf „Was

geht“, den Veranstaltungskalender.

Heimlich machte ich zu Karen hinter

meinem Rücken unser Zeichen für minimalen

Einsatz, welches in vier ausgestreckten

Fingern bestand, und nichts

anderes als

„maximal vier Wochen“ bedeuten sollte.

Wir blieben annähernd vier Jahre!

Es sollten vier absolut geile Jahre

werden, in denen vielpassierte.

Vor allem mit Karen und mir.

Wir machten also Radio! Den ganzen

Frühling experimentierten wir. Jede Woche

einmal waren wir eine Stunde auf

Sendung, wir spielten Musik, die wir

einfach selbst aussuchen konnten, und

informierten in Beiträgen und Interviews

über aktuelle Veranstaltungen. Und immer

als Team. Später wagten wir uns an

Einzel Sendungen, wobei das Radio uns

zu einer Einheit verschmelzen ließ.

Doch Karen sagte immer noch die bösen

zwei Worte und ein Ende war nicht

abzusehen.

Ich dachte darüber nicht weiter nach und

genoss einfach die Zeit mit Karen und

die neu erworbene Anerkennung als

Radiomoderator.

Auch wenn es nur ein Piratensender

war…Ein Störsender!

Doch während wir über den Wolken

lebten, und unsere Musik und Ideen in

göttlichen Blitzen auf die Erde herunterfahren

ließen, braute sich in der WG ein

Unwetter zusammen.

Meine Mitbewohnerin die Zahlmedizinerin

stellte sich als etwas überempfindlich

heraus. Sie war darauf bedacht nahezu

keimfrei zu leben und erinnerte

mich in ihrem Verhalten schon an einen

Michael Jackson mit Mundschutz. Ich

hingegen mochte es zwar rein, aber sie

hatte doch andere Auffassungen was

Rein bedeutet und so kam es zum Eklat

indem sie das ganze Bad mit Desinfizierungsmittel

förmlich überschüttete. Das

fand ich wiederum nicht mehr lustig und

beschloss ihr mitzuteilen, dass ich zum

Semesterende ausziehen werde

und sie sich schon

einen anderen hyperpeniblen

Zahnmediziner suchen könne.

Ihre Reaktion war ein

keimfreies Strahlen.

Ich beschloss mir etwas Schönes zu

suchen, und las einen Aushang, in dem

ein Zimmer in einer Haus-WG in der

Oberstadt angeboten wurde.

Ich besichtigte die Mainzer Gasse 28

und war begeistert. Mein Traum, ein

Fachwerkhaus in der Oberstadt!

So etwas wollte ich schon immer, eine

Haus WG in einem uralten Fachwerkhaus

in der Oberstadt. Ich mietete das

Zimmer im 1. Stock sofort ab September

an und dass ohne zu wissen wer meine

Mitbewohner sein würden. Im Dachzimmer

wohnte Arno, ein BWL Student,

sagen wir mal, im höheren Semester.

Das heißt er war älter als ich…Arno und

ich freundeten uns sofort an

und das war auch gut so,

wie sich später herausstellen sollte.

Aber bis September war noch lange, und

ich fuhr einfach wieder einmal in den

Süden in die Sommerferien,

nach den Erfahrungen vom letzten Mal

allerdings nun ganz allein.

. Bevor ich abfuhr hatte ich noch einmal

bei meinem Vermieter vorbeigesehen,

der mir versichert hatte, ich solle

ruhig fahren, nach meiner Rückkehr

seien die Renovierungsarbeiten sicher

abgeschlossen…

Doch als ich im September wiederkam

und einziehen wollte, sah das Haus eher

aus, als habe ein Bürgerkrieg in der

Mainzer Gasse getobt,

oder wenn es jemand gerne etwas

neuzeitlicher hätte, das Haus sah aus, als

hätte ein Panzer erst darauf geschossen

und wäre dann auch noch durchgefahren.

Meine Vermieter sagten dass es sich nur

noch um 3 Tage handeln könnte bis das

Zimmer bezugsfertig sei. Nun gut, ich

quartierte mich bei Harald, der eine

Straße weiter wohnte, ein und wartete.

Zu meinem Erstaunen war mein Zimmer

tatsächlich bezugsfertig.

Allerdings…nicht nach 3 Tagen,

sondern…nach 3 Wochen!

Doch egal, ich zog ein.

Arno hatte die ganze Zeit in der

Baustelle unter dem Dach gewohnt und

begrüßte mich herzlich. Die anderen drei

Zimmer seien auch vermietet,

an wen wisse er nicht.

Wir sollten es bald erfahren…

Vielleicht haben Sie schon einmal eines

dieser Bilder aus uralten Zeiten gesehen,

auf denen ganze Züge von Damen

durch Tore in Häuser schreiten,

sich einmal um sich selbst drehen,

und dann auf der anderen Seite

wieder hinausschweben?

Vielleicht haben Sie schon einmal von

den 3 Grazien gehört?

Wir waren geliefert,