Destination Ego - Tom Millar - E-Book

Destination Ego E-Book

Tom Millar

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Beschreibung

Tom ist Mitte 30 und hasst Yoga. Sein spirituelles Interesse breitet sich in analytisch-intellektuellen Gesprächen aus. Ein Freund argumentiert ihn daher in einen Workshop hinein, bei dem es um Gefühle geht. Dort lernt er Manú kennen, die ihn mit ihrer offenherzigen, witzigen Art herausfordert, sich emotional und intellektuell zu zeigen. Gibt es so etwas wie spirituelle Energie? Und, wenn ja, ist das auch Strom? Im besonderen Maße beschäftigt sie die Frage: Ist das Ego ein Etwas, das mein ganzes Drama alleine inszeniert? Diese Frage fordert von Tom, eine weitreichende Entscheidung zu treffen. Doch was hat Manú damit zu tun? Toms Welt scheint stillzustehen, als er dem Unmöglichen begegnet. Was sind das für Wesen, so fremd-vertraut, die es gar nicht geben kann? Und doch begegnen sie ihnen auf ihrer Reise. Bald schon häufen sich die Zeichen, dass etwas nicht stimmt. Was ist da los und warum kann nur Tom die Dinge geraderücken?

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Seitenzahl: 273

Veröffentlichungsjahr: 2022

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DESTINATION EGO

VON EINER AUSSERGEWÖHNLICHEN REISE IN EINE UNBEKANNT-VERTRAUTE WELT

TOM MILLAR

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©2022 Erste Auflage

Autoren: Tom Millar mit Dirk Brueckner

THE INNER UNIVERSE LTD

73 High Street

Glastonbury

BA6 9DS

Großbritannien

Lektorat: Tanja Roos

Grafische Gestaltung: Dania Zafar, Sonja Langewald

Coverbild: Saad Maaze Himel

Landkarte: Chaim Holtjer (chaimholtjer.com)

ISBN: 978-1-7399292-3-7 

www.theinneruniverse.com

Erstellt mit Vellum

Für alle Menschen auf dieser Erde.

Mögen sie gesund sein.

Mögen sie glücklich sein.

Mögen sie in Frieden sein.

INHALT

Vorwort

I. (Ein)Blick ins Alltägliche

1. Bevor alles begann

2. Wie alles begann

3. Energie hier und da

4. Glaube, eine Brücke zur Erkenntnis

5. Vom Ego zum Nichtwissen

6. Traum, Medi, Geburtstag

II. Inneres Universum – Eine unbekannt-vertraute Welt

7. Offenbarung

8. Wo bin ich?

9. Als gäb’s kein Morgen

10. Markttreiben

11. Creative – Future – Talk

12. Dicke Luft

III. Ein Ende – Oder zwei

13. Manú im Spiegel des Sees

14. Auf ein Wort, oder zwei

15. Was hab ich zu verlieren?

16. Die Veränderung zu sein

17. Im Bad der Wandlung

18. Und dann…?

Gedanken vom Autor

Anmerkungen

Der Autor

VORWORT

Eigentlich beginnt man ein Vorwort ja mit allerlei Persönlichem. Ein paar Danksagungen vielleicht, und ein paar Worte zur Erklärung des Darauffolgenden, damit du, liebe Leserin weißt, was dir entgegen kommt. Doch hier verhält es sich anders. Ich möchte das Vorwörtliche mit einem Experiment starten – mit einer Kurzgeschichte.

Worum es geht?

Nun, irgendwie geht es um einen Menschen, der ein Buch liest. Und irgendwie auch nicht.

Was für ein Buch fragst du?

Dieses Buch.

Doch sieh selbst, was geschieht.

Viel Spaß beim Lesen.

Ein Schritt, ein Buch, ein neues Leben

Keine zehn Minuten liest sie und schon muss sie laut lachen. Im selben Moment fährt das dritte Auto über ihr Handy. Das ist ihr gar nicht aufgefallen. Sie fliegt über die Seiten des Buches und wünscht sich einen Kaffee. Das ist ein echter Nachteil auf diesem Parkplatz – kein Kaffee. Die Freiheit des Single-Lebens macht hungrig. Seit etwas mehr als drei Stunden befindet sie sich in dieser Situation und schon braucht es was zu essen.

Das erste Hähnchen-Curry in zehn Jahren. Er wäre so geschockt, sie hier Fleisch essen zu sehen. Sie lächelt zufrieden und sammelt die Überreste ihres Handys zusammen. Später am Tag trägt sie sorgsam die Bruchstücke unter einen Baum und hält eine kleine Zeremonie ab. Das ergibt sich einfach so. Die Rede ist bewegend und das Grab schaut wundervoll aus, mit der gelben Iris darauf. „Ein Kreis ist geschlossen, so ein neuer soll beginnen“, spricht sie zu sich selbst, die Hände auf ihrem Herzen. „Zerstörung hat was Gutes, manchmal“

Drei Tage später – das Buch halb durch: Tränen laufen ihr die Wangen herunter. Der Kaffee neben ihr auf der Bank ist kalt geworden, doch ihr Kopf ist heiß. „Das Neue beginnt auf einem leeren Feld“, erinnert sie sich an den Lehrer in Indien. „Warum ich – und warum schon wieder?“, fragt sie die Kisten, die aufgereiht im Hof des Hauses stehen, das sie für einige Zeit ihr Zuhause nannte.

„Ich bin so froh, dass du gekommen bist.” Sie umarmt ihre Freundin. Dann laden sie die Kisten ein.

Die neue Bleibe ist möbliert und nach dem dritten Glas Wein entspannt sie sich ein wenig. Sie liest weiter im Buch. Einfach mal schauen, nach innen. Das kann nicht falsch sein, oder? Lass mal sehen, welche Anteile da rumspuken. Ein Verurteiler? Wer ist da wütend? Was ist das…?

Sie schreckt hoch. Was für ein Traum! Was für ein Albtraum! Und doch – es war nur ein Traum. Glückswellen rauschen durch ihren Körper, denn die Wirklichkeit ist heute schön. Ein kribbelndes Gefühl um ihr erstes Chakra herum. Ist das das Neue? Ist das die neue Aufgeregtheit nach all dem Anschreien, Weinen, Hoffen als sie noch zusammen waren? Es ist still jetzt, sehr still, stiller als sie gedacht hätte.

Reihe 23, Sitz A – ein Fensterplatz. Wolken ziehen draußen vorbei. Die Aufregung wird stärker und erneut öffnet sie das Buch. Drei Stunden noch und dann? Sonne, überwiegend, für die nächsten Monate. Mit dieser Vorstellung macht sich einmal mehr dieses aufregende Kribbeln in ihr breit.

Wieder eine Bank, wieder ein Parkplatz für die letzten Zeilen des Buches. Diesmal fühlt es sich anders an. Sie legt das Buch zur Seite. Perfektes Timing. Mit diesem neuen Lächeln auf ihrem Gesicht macht sie sich auf zur Yoga–Shala, oben bei den Palmen, dort wo der Dschungel beginnt. – Mit der ersten Asana weiß sie: ‚Jetzt beginnt ein neues Leben.’

Unten am Strand entdeckt jemand ein Buch auf der Bank, auf der sie eben noch saß. Er setzt sich und beginnt zu lesen. Keine zehn Minuten und schon muss er laut lachen.

TEILI

(EIN)BLICK INS ALLTÄGLICHE

BEVOR ALLES BEGANN

Das alte Lied

Wieder einmal sitze ich mit meinem alten Freund Erik zusammen. Wir schlürfen Kaffee und reden über Yoga. Na ja, eigentlich reden wir darüber, warum es keine Frau in meinem Leben gibt. Er meint, ich würde Frauen unbewusst meiden. So ein Quatsch. Es ergibt sich halt in letzter Zeit irgendwie nicht, neue Menschen kennenzulernen. In Clubs gehen? Die Zeiten sind wohl vorbei. Ich glaube sowieso nicht, dass ich dort einen Menschen finde , mit dem ich ernsthafte Gespräche führen könnte. ‚Ach, du kletterst? Erzähl mal!‘ Das brülle ich ihr dann ins Ohr. Sie wiederum schreit sich die Seele aus dem Leib, um mir ihre letzte Klettertour näherzubringen. Ne, ne. Vergiss es.

Erik weiß schon länger von meinem Dilemma und kennt den Ernst der Lage. Einer seiner Lösungsvorschläge lautet: Yoga machen! Wie kommt er denn darauf? Er kennt doch meine Meinung zu dieser halbnackten Gruppenräkelei. Neulich hab ich ein Plakat gesehen, da stand Akro–Yoga drauf. ‚Lasst die Seele zu zweit tanzen’. Wenn ich diesem Bild glauben darf, soll ich einer Frau, auf meinen Füßen balancierend, ein Gefühl vom Fliegen geben. In meinem Fall einer wildfremden Frau! Der Wahnsinn kennt keine Grenzen. Und jetzt kommt auch noch Erik mit so einem Quatsch um die Ecke.

„Ich gehe doch auch nicht zum Ballett, nur weil ich tanzen und Menschen treffen will.“

„Frauen treffen will! Da sollten wir schon korrekt formulieren“, berichtigt Erik. „Was macht dich denn bei diesem Thema immer so wütend?“

„Ich bin doch nicht wütend!“, und schaue Erik dabei überrascht an.

Erik erwidert nichts. Ich nehme einen großen Schluck Kaffee. Dabei gehen zwei Tropfen daneben und landen denkbar ungünstig auf meiner Hose. „Lass uns das Thema wechseln.“

„Ich finde, du solltest zu diesem Workshop gehen.“

„Das meine ich nicht mit Themenwechsel“, erwidere ich und kratze mich zum wiederholten Mal am Hinterkopf. Ich setze die Kaffeetasse an, sie ist leer. Erstmal einen zweiten Café Latte bestellen.

„Ich habe das Gefühl, dort könnte sich etwas Entscheidendes ändern.“

„Du immer mit deinen geheimnisvollen Prophezeiungen. Ist das ein spirituelles Laster an dem du da leidest?“

Wir müssen tatsächlich beide lachen und wechseln nun doch das Thema. Diesmal in Richtung Schamanismus. Faszinierend, was Erik alles weiß. Meine eigene schamanische Reise kommt mir in den Sinn. Ich hatte ganz vergessen, wie es sich anfühlt. Dabei liebe ich es, in phantastischen Welten unterwegs zu sein.

„Und wie kann ich mein Krafttier finden?“, frage ich erstaunt. „Moment. Was sind denn Helfertiere? In dieser Anderswelt ist es ja tierischer als im Zoo!“ Mein flapsiger Kommentar kommt nicht gut an beim Meister. Trotzdem erklärt Erik mir geduldig, wofür die Tiere stehen und wie mir diese Metaphern eine Orientierung geben können. Faszinierend, sag ich doch.

Später, auf dem Nachhauseweg, geht mir eine kleine Bemerkung von Erik nicht aus dem Kopf. Dieses geschickt in die Verabschiedung eingeschobene ‚Mach es, Tom‘. Zuhause angekommen fällt mir zufällig einer dieser Flyer in die Hände. Erik hat gern mal solche Gastgeschenke zur Hand, wenn er mich besucht. ‚Gefühle navigieren‘ heißt es in großen farbenfrohen Buchstaben.

Wie gern wäre ich einfach so entspannt und selbstbewusst wie er, wenn es um Gefühle und Frauen geht. Mit seinem schlanken, sportlichen Aussehen, da läuft halt alles ganz anders.

Ich dagegen … Und dann das Schwitzen. ,Wie soll das funktionieren?‘, frage ich kopfschüttelnd mein Spiegelbild: ‚In letzter Zeit hat sich ja noch nicht einmal eine Abfuhr von einer Frau ergeben.‘

Und mit etwas mehr Nachdruck spricht mein Spiegelbild zu mir: ‚Tom, es muss sich was ändern und zwar unbedingt!‘

‚Nur was?‘, frage ich zurück. Ich gehe in die Küche und schau, was der Kühlschrank für mein Abendessen bereithält. Das Bier verkneif ich mir. Ich stelle das übliche Käse-Butter-Salatblatt-Ensemble auf den Tisch. Drei Brötchen ziehe ich aus meinem Rucksack. Netflix leistet mir Gesellschaft und schwups verschwindet zum Nachtisch noch ein Schokopudding. Zwei, um ehrlich zu sein.

Zwei Tage später bin ich mir unsicher wieviel Wudu-Zauber Erik da zur Anwendung gebracht hat. Er schwört jedenfalls, nichts damit zu tun zu haben, dass ich jetzt meine Anmeldebestätigung für den 4-tägigen Workshop in Süddeutschland in der Hand halte. Die schweißgezeichnete Landkarte auf meinem T-Shirt bestätigt den Ernst der Lage. Von vier Gefühlen ist die Rede, die im Workshop maßgeblich eine Rolle spielen, und vom Anhaften und Bewerten selbiger. Werden Wutausbrüche jetzt legitimiert?

Weiter unten in der Seminarbeschreibung heißt es: ‚Lade deine Tränen ein‘. Es schwitzt schon wieder und ich frage, mich ob meine Schweißtropfen nicht umgeleitete Tränen sind. Da ich aber Gott-sei-dank noch einen Termin habe, kann ich ruhigen Gewissens diese Frage mit den Workshop-Unterlagen zur Seite legen, mein T-Shirt wechseln und die Wohnung verlassen.

Aus dem Leben von Manú

‚Und absenden‘, flüstert sie hörbar. Dann lächelt sie in sich hinein und klappt zufrieden den Laptop zu. Sie zieht ihre Schuhe an, steckt die Yogamatte in den Rucksack und schon knallt die Tür ins Schloss. Die Schritte auf der Treppe haben einen schnellen Rhythmus und sind schon bald verhallt.

Im Yogastudio läuft die Serie heute außerordentlich gut. Es gibt keinen Zweifel, stellt Manú nach der Dusche fest, heute wird ein guter Tag. Und so kommt es auch; das bestätigt sie am Abend ihrer Freundin, mit der sie nun gemütlich im Rooftop Café Klunkerkranich sitzt.

„Ich hab es gemacht“, sagt Manú schließlich.

„Was hast du gemacht?“

„Na das Gefühlsseminar gebucht.“ Manú strahlt ihre Freundin erwartungsvoll an.

Die macht große Augen und fragt: „Bist du wirklich bereit dafür?“

„Ja, bin ich. – Also ich denke schon.“

Die Freundin schaut weiter skeptisch. Dann beugt sie sich zu Manu hinüber, nimmt sie kurz in den Arm und sagt: „Ich wünsche dir viel Vergnügen und drück dir die Daumen für das Abenteuer Gefühle.“

„Schade, dass du nicht mitkommen kannst.“

„Das Universum will dich dort wohl alleine sehen.“

„Sei nicht albern“, erwidert Manú, die bei allzu viel spiritueller Mystifizierung immer den Zeigefinger hebt.

Sofort ist wieder das Bild des Yogalehrers da, der zwar von Achtsamkeit sprach, aber dann doch nebenbei mit einer anderen ‚Asanas‘ praktizierte. Nicht genug, dass sie auf einen totalen Macho reingefallen war. Nein, es musste dann auch noch ein falscher Guru sein, wie Manú‘s Freundin den Yogalehrer genannt hatte. ‚Gibt es eigentlich auch normale Männer?‘ Eine offene Frage.

„Ich will Patrick endlich aus meinem System haben. Und ich will neue Menschen kennenlernen.“

„Ablehnung, meine Liebe?“, mahnt die Freundin. „Du hängst noch an ihm, oder?“

Manú schaut in ihr fast leeres Glas. „Warum treffe ich immer auf solche Idioten? Wahrscheinlich steht irgendeine kryptische Einladung für diese Typen auf meiner Stirn.“

Beide lachen und die Freundin schaut nochmals genauer hin. „Doch, ich sehe da was“, sagt sie. „Smart und witzig. Wem gefällt das nicht?“

„Gibt es dann einfach zu viele davon und die Trefferquote ist natürlicherweise hoch?“, fragt Manù ihre Freundin.

„Wer weiß, vielleicht musst du dein blöde-Typen-Alarmsystem neu ausrichten?“

Die Freundin hebt ihr Glas. „Auf dass nur wahre Helden zu diesem Workshop der Gefühle kommen.“

„Oha. Aber der nächste Ritter muss seine Heldenhaftigkeit erst glaubhaft beweisen, bevor er seine Rüstung ablegen darf.“

„Der arme Kerl, der tut mir jetzt schon leid.“

Der Abend geht lachend zu Ende, denn das Leben meint es gut mit Manú. ‚Ein ausgezeichneter Tag heute‘, bestätigt sie beim Zähneputzen ihrem Spiegelbild. Obendrein wird sie bald nach Süddeutschland reisen und sich das Navigieren von Gefühlen erklären lassen. In der Zwischenzeit genießt sie das Berliner Leben und träumt ab und zu von einem Landleben in Gemeinschaft, fernab der Hektik großstädtisch bedingter Entscheidungsvielfalt.

WIE ALLES BEGANN

In einer kleinen Küche, irgendwo in Süddeutschland

Ich schäle Karotten. In der kleinen Seminarküche herrscht reges Treiben, denn das Mittagessen soll in einer Dreiviertelstunde fertig sein. Vier Leute schnippeln, hacken und rühren in Töpfen – und kosten für den Feinschliff.

Unter anderem ist da eine pink-braune, in den Beinen weit ausfallende, meditationstaugliche Hose, die aufgrund der schnellen Bewegungen ihrer Besitzerin wild hin und her wippt. Dazu ein schokoladenbraunes Top, das keck unter dem T-Shirt hervorschaut. „It‘s never wrong to do the right thing”, steht auf dem Shirt. Drin steckt eine junge Frau, die auf höchst amüsante Weise das Treiben in der Küche kommentiert. Es ist nicht ganz auszumachen, ob sie zu sich selbst oder zur Küche spricht. Das animiert mich, immer wieder eine passende Bemerkung fallen zu lassen. Mit der Zeit entsteht daraus ein fast drehreifes Bühnenprogramm, wäre da nicht der Termindruck für die Mittagszeit, der uns hin und wieder zur Disziplin mahnt.

„Wollen Madam mir bitte die Gurke reichen?“

„Sehr wohl, Euer Durchlaucht.“

Es blödelt beschwingt vor sich hin.

Dann gibt es Mittagessen und nach einer kurzen Pause sind alle wieder im Seminarraum, bereit für die nächste Übung. Jeder sucht sich einen Partner. Bei mir ist es ein Walter. Wir beginnen, uns lautstark zu beschimpfen. Erst finde ich das noch lustig, doch nun beleidigt mich mein Gegenüber so sehr, dass in mir wirklich so etwas wie Wut aufkommt. Ich zwinge mich, auch meinerseits energischer zu reagieren, werde aber immer wieder von diesem peinlich–berührt–sein zurückgehalten. Auch finde ich es reichlich albern, hier völlig sinnlos durch die Gegend zu schreien. Mein Gegenüber scheint dafür gemacht zu sein, denn er steigert sich gerade in einen Wutrausch hinein, den ich mit meiner vergleichsweise milden Gegenwehr wohl noch anfeuere: „Findest du das etwa witzig, du Arschloch?“

Gerade will auch ich aufdrehen, denn das Arschloch hat gesessen, da stoppt uns der Seminarleiter und bittet um absolute Stille. Wir sollen diese Wutenergie nun im Tanz zum Ausdruck bringen. Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Wirkliche Wut hab ich nun auf Erik, der maßgeblich dazu beigetragen hat, dass ich mich in dieser Lage befinde. Ich bewege mich irgendwie mechanisch und kämpfe gegen den Drang an, einfach zu verschwinden.

Die Frau aus der Kochküche geht voll ab. Unglaublich, das sieht auch noch gut aus. Ich möchte nicht wissen, was ich hier für eine Figur abgebe. Mein Schweißaustritt passt jedenfalls besser zu ihrem Tanz als zu meinem.

Erik würde das, was ich hier gerade erlebe, grenzerfahrend nennen, geht mir plötzlich durch den Kopf. So läuft das Seminar bereits seit gestern, hier am Rande der Alpen. Zwei Tage hab ich noch vor mir, aber jetzt bin ich erst einmal erleichtert, dass die Musik verstummt. Lange nicht mehr habe ich mich so auf eine 15-minütige Meditation gefreut. Wir sollen den empfundenen Gefühlen nachspüren und sie wertschätzen. Mir läuft in den ersten fünf Minuten noch spürbar der Schweiß am Körper runter, dann wird es ruhiger, ich auch.

Mein Blick wandert nach draußen. Der ehemalige Dreiseitenhof bietet Platz für Seminar- und Gästehaus, eine kleine Solawi-Gemüse-Landwirtschaft, eine Katze, 26 Hühner und sieben Laufenten, die alle nicht für die Schlachtung vorgesehen sind. Menschen gibt es natürlich auch. Zwölf Persönlichkeiten, die voller Motivation daran arbeiten, zusammen Klarheit und Menschlichkeit zu kultivieren. Das beeindruckt mich.

Ich erinnere mich an einen Besuch in dieser Gemeinschaft im vergangenen Jahr. Wie soll’s anders sein, Erik hat mir auch dort assistiert. Zumindest ist mir dadurch der Rahmen vertraut, in dem die gemeinsame Versorgung, offene Gespräche und eine sonst selten anzutreffende Wertschätzungskultur gang und gäbe sind. Ich fühle mich wohl in solchen Lebensrahmungen, bin zugleich skeptisch, wenn es um allzu abhängige Entscheidungsfindung geht und das persönliche Leben sehr vom gemeinschaftlichen Interesse bestimmt wird.

Im Seminarraum schließt sich gerade das Übungsfeld. Nachdem ich nun doch mehr als erwartet meine Wut gezeigt und damit wohl auch “meinen Ängsten schreiend Raum gegeben habe”, wie es in der Seminarleitersprache heißt, fühle ich mich jedenfalls gut, nein, sehr gut und freue mich auf das, was kommt.

All dies lässt mich am Ende des Tages reichlich erschöpft zurück und ich verspüre früh den Wunsch, mein budgetbedingtes Mehrbettzimmer aufzusuchen. Als ich die Treppe in die erste Etage des Gästehauses hinaufgehe, steht da die Frau aus der Küche.

„Na, fertig für die Schäfchen?“, fragt sie mich ganz unverhofft. Ich war gerade noch damit beschäftigt mir zu überlegen, was ich wohl sagen könnte.

„Auf jeden Fall. Und du?“

„Erst noch ein wenig lesen und runterkommen.“

In meinem Kopf arbeitet es noch um eine nächste Frage zu finden. Wo sie herkommt hat sie bei der Vorstellungsrunde nicht gesagt, oder?

„Dann gute Nacht. Schlaf gut.“ Sie schaut mich kurz an und verschwindet dann in einem der wenigen Einzelzimmer.

Wie heißt sie eigentlich? Hat sie schon andere Seminare dieser Art besucht? Von wem stammt der Spruch auf ihrem T-Shirt? Jetzt purzeln die Fragen nur so daher.

Das gleichmäßige Grunzen, das ich nun aus meinem Zimmer vernehme, bringt mich auf die Idee, meiner Waschtasche einen zweiten Besuch abzustatten. Mit Ohrstöpseln ausgestattet lädt die Welt der Träume mich dann auf eine abenteuerliche Reise ein.

Auch in den wenigen Einzelzimmern sind die Nächte kurz und die Träume intensiv, was mir die „Frau aus der Küche und von der Treppe” am nächsten Morgen bestätigt. Morgens um Punkt sieben Uhr sitzen wir alle wieder bei der Meditation zusammen. Anschließend Gymnastik, nach einigen Barfußrunden im taufrischen Gras geht es dann zum Frühstück.

Haferschleim nennt sich treffend die geschmacksneutrale zähfließende Masse auf meinem Teller. Buddha hat sein Leid bis zur Spitze getrieben, um Selbsterfahrungen zu machen. Jesus litt, und das nicht nur am Kreuz, sondern auch in ganz irdischen Lebenssituationen. Seltsame Gedanken an diesem Morgen, aber sie helfen mir irgendwie, den Haferschleim mit etwas Akzeptanz anzureichern und mich zum Ende des Frühstücks erneut auf den Seminartag zu freuen.

Wie ich später erfahre, liegen die Haferschleim-Empfindungen der „Frau aus der Küche und von der Treppe” - es wird Zeit, dass ich ihren Namen in Erfahrung bringe - an diesem Morgen nicht so weit weg von den meinen. Doch nun geht es direkt los mit dem Thema Traurigkeit und einer ersten Übung, bei der ich mein energetisches Zentrum in meiner Mitte ‚halten’ soll. Die Mitte befindet sich etwas unterhalb vom Bauchnabel, wie Joshua, der Seminarleiter, uns an seinem Sixpack kurz zeigt. Wir sollen uns einen Gegenstand vorstellen, der das energetische Zentrum repräsentiert. Ich wähle eine Mango.

Wenn einige der weiblichen Seminarteilnehmerinnen Bewunderung für diesen Sixpack zeigen, indem sie verträumt daher schauen, geben sie dann ihr ‚Zentrum‘ an den holden Jüngling ab? Wir sollen das nun paarweise üben, mit der Zentrumsverschiebung, damit wir das in Zukunft mitbekommen. Achim, meine nicht ganz freiwillige Partnerwahl, soll allen möglichen Quatsch machen und ich muss dabei aufpassen, dass mein Zentrum unterhalb vom Bauchnabel bleibt.

Mein Gegenüber albert ungeschickt vor mir herum. Das beeindruckt mich wenig und ich kann meine Aufmerksamkeit gut auf der Mango halten. Doch die Tatsache, dass sein Billigparfum den halben Raum erfüllt, schnürt mir den Hals zu und ich kann schon bald an nichts anderes mehr denken. Möglicherweise ist mir dabei mein ‚Zentrum‘ entwischt. Es liegt zumindest der Verdacht nahe, wenn ich Joshua richtig verstanden habe.

Die Pause kommt mir gelegen, ich gehe kurz nach draußen. Als ich zurückkomme, steht die „Frau aus der Küche und von der Treppe” am Eingang zum Seminarraum.

„Wie heißt du nochmal?“, frage ich und nehme einen großen Schluck aus dem vollen Wasserglas.

„Manú. Und du, Tom?“

Ich hole Luft und lasse sie mit einem Lachen rechtzeitig wieder raus, bevor ich ihr auf den Leim gehe. Allerdings hat dieser Überraschungsangriff meine weiteren Fragen weggespült, die ich mir schon zurechtgelegt hatte. „Hast du das mit dem Zentrum verstanden?“, frage ich nach einer gefühlten Ewigkeit.

„Ja.“

Dann geht es auch schon weiter mit dem Seminar und die anderen Teilnehmer drängen uns sanft in den Raum zurück. Ich trinke noch schnell das Wasser aus und setze mich.

„Lade deine Tränen ein“, beginnt Joshua mit sanft-melancholischer Stimme die Meditation. Es wird still und ich fange an zu schwitzen.

„Ein Kind, das lachend über die Wiese tanzt. Ist das dein Vater, der so glücklich schaut?“

Mucksmäuschenstill ist es in der Runde.

„Es ist die Liebe, die in dir wohnt, das Kinderlachen, folge ihm. Siehst du das Kind dort in der Wiese stehen? Geh hin und nimm es an die Hand.“

Neben mir nehme ich ein leises Schluchzen war. Ich atme tief ein und halte die Luft an, mein Herzschlag wird lauter. Auch wird das Sitzen unbequem und ich bekomme das Bild von meinem Vater nicht aus dem Kopf. Er trägt dieses Hemd, bei dem er immer die Ärmel hoch geschlagen hatte. Ja, er lacht. Mein Hals ist trocken und ich versuche erneut eine bequemere Sitzposition zu finden.

Dann höre ich Joshua sagen: „Das bist du, dieses Lachen hinter den Mauern. Dort wo die Blumen auf der Wiese duften. Stell dir vor, wie deine Tränen diese Mauern schmelzen lassen. Stück für Stück, mit jeder Träne, schmelzen sie ein bisschen weiter und…“

Als Walter dann zu weinen beginnt und andere Männer ihm folgen, wird mir heiß. Ein leiser Ruf der Natur kommt mir jetzt sehr gelegen. Ich stehe vorsichtig auf und schleiche raus. Auf der Toilette bietet das offene Fenster Abkühlung. Drei der sieben Laufenten schauen mich interessiert vom Garten aus an. Wie gern würde ich jetzt genauso unbeschwert ums Haus rennen wie sie.

Ich atme tief ein und habe das ungute Gefühl, nun langsam wieder zurück in den Seminarraum zu müssen. Drinnen liegen sich alle in den Armen. Mein Impuls, gleich wieder umzukehren, wird von Joshua umgelenkt, der mich sanft–bestimmt in die Runde hineinzieht.

Links und rechts legen sich Arme auf meine Schultern und ich versuche meinen Blick auf dem Boden festzunageln. Die Violinenmusik, zu der sich die ganze Gruppe leicht hin und her wiegt, füllt am Ende auch meine Augen mit ein paar Tränen.

Ich bin verwirrt, denn niemand findet es anstößig, wenn Tränen fließen. Trotzdem bin ich froh, als sich die Runde auflöst.

Der weitere Nachmittag verläuft entspannter. Am Abend sitzen wir zusammen am Feuer und reden über das Leben. Dann gesellt sich Joshua mit einer Gitarre hinzu und spielt ein paar Lieder an. ‚Oh Gott, ich und Singen!‘. Er fragt in die Runde, wer ein Lied anstimmen möchte. Ich gähne zum dritten Male in kurzer Folge. Meine Augen brennen leicht und ich kenne kein Lied. Es war trotzdem ein schöner Abend. Erschöpft und ein bisschen berauscht falle ich ins Bett.

Am Sonntag geht der Workshop mit einem wirklich heiteren Vormittag weiter. Wir zelebrieren die Freude. Am Nachmittag wird alles geputzt und gewienert, danach richtet Joshua ein liebevolles, beseeltes Dankeschön an uns.

„Wir sind uns in diesen Tagen emotional nähergekommen. Manche von euch haben auf erstaunliche Weise einen Wandel erfahren. Und ich kann für alle hier sprechen wenn ich sage, jeder hat sich selbst ein bisschen besser kennengelernt. Das nährt die Seele und zeigt mir, wozu wir Menschen imstande sind, wenn wir uns trauen.“

Diese abschließenden Worte unseres Seminarleiters machen mich unglaublich stolz. Ich hab ihn tatsächlich gemacht, diesen Workshop. Ich könnte die Welt umarmen, fühle mich voller Kraft und absolut glücklich. Das scheint neu zu sein. Wow.

Ich bleibe noch ein paar Tage auf dem Hof und gehe der Gemeinschaft voller Motivation zur Hand. Vor allem die regenerative Landwirtschaft und das leckere frische Gemüse zu den Mahlzeiten finde ich unglaublich gut. Mit den Leuten hier zu reden ist irgendwie außergewöhnlich. Irgendwas machen sie anders. Ich fühle mich wohl und bin gut drauf. Gewöhnungsbedürftig finde ich, dass sich die Menschen beim Reden immer so intensiv anschauen. Wenn ich das in Berlin machen würde, gäb es mit Sicherheit von den meisten einen Spruch.

Die schlagfertige junge Frau mit dem spirituell angehauchten Outfit bleibt auch. Wir arbeiten zusammen im Garten, wo unsere Konversation einen tieferen Fortgang findet. Und eine Hürde muss ich noch überwinden, die sich dank meines unzulänglichen Interesses an Namen immer wieder in den Weg stellt. Ich hatte schon wieder ihren Namen vergessen. So sehr ich auch nachdachte, er fiel mir einfach nicht ein. Bei einer weiteren Kochaktion bietet sich eine Gelegenheit: „Ich weiß, das klingt jetzt vielleicht komisch, aber kannst du mir nochmal deinen Namen sagen? Ich hab den irgendwie vergessen, sorry.“

Während ich diese Worte zurechtstammele, zeigt sich einmal mehr, dass die Legende von den weiblichen Multi-tasking-Fähigkeiten ins Wanken gerät. Vollständig ins gewürzige Abschmecken einer Suppe versunken, spricht es: „Em…“ (Pause), „Manú“ (wieder Pause).

„Kommt da noch was?“, frage ich.

„Mehr kannst du dir doch eh nicht merken!“ Dabei schaut sie mich lachend mit ihren dunkelbraunen Augen an. Scheinbar hat sie sich unvermittelt von der Suppenverkostung lösen können und mich mit diesem überraschenden Konterspiel kalt erwischt.

„Diese Pause entsteht fast immer nach einem gelungenen Überraschungsmoment“, erklärt ein hochgewachsener Mitkocher der anwesenden Küchencrew. „In solch einem Wahrnehmungsvakuum könnte ich z.B. deinen letzten Schluck Kaffee wegtrinken und du schaust einfach zu.“

„Dann fasse ich nochmal zusammen: Wir wissen nun, dass es die Bezeichnung ‚Em Manú‘ für mich und ‚Tom‘ für dich gibt. War das männerhirngerecht formuliert?“, fragt Manú interessiert.

„In deiner überraschungsbedingten Pause ließe sich wahrscheinlich die halbe Küche renovieren.“, stellt diese Manú anschließend fest.

„Ist das deine Beobachtung?“, fragt der hochgewachsene Mitkocher gestellt sanftmütig Manú. Schweigen folgt und die Kochenden gehen in den Essensraum hinüber. Fest entschlossen, dieser Manú in Sachen Schlagfertigkeit das Feld nicht kampflos zu überlassen, trabe ich hinterher. Sie lächelt beschwichtigend, als ich mich setze. Schwamm drüber.

Am nächsten Tag sind wir wieder mit der Gartenarbeit beschäftigt. Der vergangene Workshop ist ein willkommenes Gesprächsthema, denn auch für Manú wirken wohl manche Begriffe und Sachverhalte rätselhaft. Da war die Rede von vier Grundgefühlen, von einem energetischen Zentrum in uns oder von einem Gremlin, der wohl einen Stellvertreter für vielerlei Ego-Schandtaten darstellt.

Wie dem auch sei, uns fällt auf, dass es da irgendwie immer um Energie geht, die wir in uns wahrnehmen sollen. Davon hatte ich zuvor schon oft gehört. Im Buddhismus geht‘s um Energien, das weiß ich von meinem Vater. Auch im Yoga geht es darum, wie mir Manú erklärt. Es gibt Energiezentren, die man Chakren nennt. Aber bei bad vibes und good vibes muss ich passen.

„Na ja, warst du noch nie auf einer Party, die dir super gefallen hat, weil du dich mit den meisten Leuten verstanden hast?“, fragt Manú.

„Ich erinnere mich an eine Veranstaltung neulich, da hatte ich schon nach einer Viertelstunde Fluchtgedanken. Die Leute waren einfach unangenehm.“

„Und das sind bad vibes, also weniger hip ausgedrückt schlechte Schwingungen.“

„Sind das dann hier gerade good vibes?“, frage ich.

„Ich hoffe schon.“ Manú blinzelt wegen der Sonne und springt in die nächste Reihe zum Salat.

„Pass auf mit Sonnenbrand, du bist schon ganz rot im Gesicht.“

Ich nicke ihr zu. „Ja, danke für den Hinweis.“ Nur bin ich mir nicht ganz sicher, ob die Sonne oder meine good-vibes-Frage für die rote Farbe verantwortlich ist.

Beim Abendessen kommt das Thema Energie erneut zur Sprache. Diesmal geht es allerdings um alternative Energiegewinnung mittels eines lokal betriebenen Auftriebskraftwerks. Luftgefüllte Hohlkörper werden einer nach dem anderen miteinander verbunden, wenn ich das hier gerade richtig verstehe.

„Und wie funktioniert dann die Stromgewinnung?“, frage ich in die Runde.

„Ein senkrecht stehendes Röhrensystem ist mit Wasser gefüllt“, erklärt mir ein kleinerer, bärtiger Bewohner, der mindestens die 60-Jahresmarke überschritten hat. Dabei leuchten seine Augen voller Begeisterung, als entdecke er gerade die Welt zum ersten Mal.

„Das Wasser wird am unteren Ende des Röhrensystems aus den Behältern gepumpt und durch die Auftriebskraft drängen diese dann nach oben. Das treibt einen Generator an und am Ende haben wir genügend Strom für unser gesamtes Anwesen hier.“ Die Meinungen und Ideen zur Umsetzung eines solchen Projektes gehen nur so hin und her. Ich habe Mühe, den Überblick zu behalten.

Meine Gedanken schweifen ein wenig ab, als die Fachsimpelei meine Aufnahmefähigkeit übersteigt und ich erinnere mich an unser Gartengespräch, bei dem Manú mir das mit den good und bad vibes erklärte. Da ging es ja auch um Energie. Ist die Gewinnung von grünem Strom dann sowas wie good vibes?, frage ich mich. Und was ist mit den Chakren, von denen Manú gesprochen hat? Soll das etwa auch Strom sein?

„Hallo, Erde an Tom. Ist jemand zuhause?“

Ich schrecke auf. „Ja, alles gut.“ Ich schaue in die lachende Runde.

„Ein Tagtraum?“, fragt Jolina. Ihr langes dunkles Haar gibt einen Teil der mandala–ähnlichen Tatoos frei, die ihre kraftvollen Schultern zieren.

“Vielleicht”, antworte ich, immer noch nicht ganz anwesend.

„Geh dem nach, was dir da gerade durch den Kopf geschwirrt ist. Es könnte wichtig sein“, fügt sie noch etwas geheimnisvoll hinzu, bevor das Gespräch zur getanen Gartenarbeit wechselt.

Wenig später liege ich im Bett. Ein paar Gedanken zu den Energien in mir und da draußen halten mich nur kurz wach. Diese zufriedene Stimmung und ein Lächeln, verbunden mit dem Gedanken an ‚good vibes‘ sind das letzte, woran ich mich erinnern kann, als ich am nächsten Morgen von einem pflichtbewussten Hahn aufgeweckt werde. Sein Ruf schallt unermüdlich über das gesamte Gelände.

Er hat gewonnen, um 6:20 Uhr stehe ich auf. In der Küche hole ich mir einen frischen Kaffee und gehe ins Freie. Ein wundervoller Morgen. Der Tau auf der Wiese spiegelt das noch tief stehende Sonnenlicht in unzähligen Glitzerpunkten. Zwei Bienen fliegen emsig in ihrer Morgenschicht von Blume zu Blume. Eine Katze patrouilliert durch‘s Gemüse. Dann fällt mein Blick auf ein unglaubliches Alpenpanorama, das sich heute erstmalig am Horizont auftut. Wow. Übermütig ziehe ich die Schuhe und Socken aus, laufe durch das taufrische Gras. Erst allmählich melden meine Fußsohlen eine niedrige Tautemperatur ans Gehirn. Dort entscheidet man ‚kalt‘ und empfiehlt ‚ins Trockne gehen‘. So viel Frische und Morgenfaszination machen hungrig. Gut gelaunt mache ich mich auf den Weg zum Frühstück, zum Glück diesmal ganz ohne Haferschleim.

Nach diesem vorzüglichen Morgenmahl packe ich meine Sachen. Schon bald darauf rollt mein Mietwagen mit zwei wehmütig schauenden Menschen vom Hof. Weil Manú ebenfalls aus Berlin kommt, haben wir beschlossen, gemeinsam zurückzufahren.

Unterwegs stimmen wir überein, dass dem Thema Energie eine beobachtete Mehrdeutigkeit zugerechnet werden kann, doch große Tiefe erreicht unsere Konversation erst einmal nicht. Das grau-blaue Ambiente deutscher Autobahnen macht Beifahrer wohl schläfrig, denn Manú fallen immer mal wieder die Augen zu. Vielleicht tragen auch die recht intensiven Seminartage eine Mitschuld.

Die Entfernungsschilder für Berlin zeigen zweistellige Kilometerzahlen an und ich habe mindestens fünf Varianten durchgespielt: Wie könnte ich Manú fragen, ob wir uns wiedersehen? Als sie unvermittelt aufwacht, ergreife ich die mäßig gute Gelegenheit: „Manú, ich hab eine Frage.“

Sie streckt sich, schaut mich an und sagt: „Schieß los.“

Plötzlich ist die eben noch brillante Formulierung aus meinem Kopf verschwunden. Übrig bleibt: „Wir haben uns bei Lebensentwicklung und Spiritualität einiges auszutauschen.“

„Okay“, antwortet Manú.

Ich habe das Gefühl, mich selbst in die Ecke gespielt zu haben. Zumindest deutet sich das dadurch an, als eine gewisse Wärme in mir aufsteigt.

„Na wir hatten doch das Energiethema. Da ging es um Strom und um Chakren. Findest du das nicht auch komisch, dass da zwei so völlig unterschiedliche Dinge mit dem gleichen Begriff belegt sind?“

„Ja, ist schon verrückt, wie viele Metaphern einfach so in der Spiritualität verwendet werden. Ich hab das Gefühl, manchmal wissen die Leute gar nicht, wovon sie reden.“ Dabei schaut Manú mal nach vorn und mal zur Seite zum Fenster hinaus.

„Wollen wir da etwas mehr Klarheit reinbringen, bei einem Frühstück zum Beispiel?“

Nun schaut sie mich an und ich warte gespannt auf ihre Reaktion.

„Okay, dienen wir der spirituellen Szene und der Wissenschaft und klären auf zum Thema Energie“, spricht sie in epischem Ton. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das ein Ja oder ein Nein ist. Doch dann lacht sie: „Klar gern, freu mich drauf.“

Freude rauscht durch mein System, so in etwa wie bei einem lang erwarteten 1:0 im Fußballstadion.

„Ein gemeinsames Frühstück passt am besten zu unseren Tischgesprächen auf dem Hof. Dann können wir gleich den Brotaufstrich verputzen, den ich mitgebracht habe“, füge ich hinzu.

„Her-vor-ragend. Ich bin dabei, gern in Bälde.“

Die zweite Laolawelle tobt durch mein System, als ich die Ausfahrt Richtung Friedrichshain nehme. Ich bin zufrieden mit mir, dem Workshop und der Fahrt zurück in die Großstadt. Erik sprach mal von einem spirituellenhigh,