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Nachdem es den mittlerweile volljährigen Hauptfiguren Edoardo und Nirvin gelungen ist, den Heka-Stein in sieben Fragmente zu teilen, besteht ihre neue Aufgabe darin, sieben verfluchte Reliquien ausfindig zu machen. Jeder dieser Gegenstände verbirgt eine dunkle Vergangenheit, welche durch Nirvins Träume und Visionen offenbart wird. Eine abenteuerliche Suche nach den verschollenen Artefakten beginnt, wobei sich den beiden Freunden nicht nur neue Verbündete anschließen, die sie im Kampf gegen den immer mächtiger werdenden Feind unterstützen, auch die längst vergessene Götterwelt des alten Ägyptens offenbart sich ihnen auf eine völlig unerwartete Weise.
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Seitenzahl: 627
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Auf Russischen Spuren
Wiedersehen
Alte Freunde
Erinnerungen Mythen und Unterwelten
Durch die Wildnis
Inferno auf Arquentu
Im Reich des Osiris
Gizehs Geheime Unterwelt
Indizien Aus der Unterwelt
Pantheon
Verano
Katakomben
Grabkammer
Die Schriftrolle des Sphinx
Flucht Aus der Unterwelt
Erneut zu Hause
Sagenhaftes Ruppertshain
Der Stein des Jupiters und das Drachenauge
Mediolanum
Die Lanze der Minerva
Erinnerungen Eines Toten
Neapel und Die Seelen des Fegefeuers
Lucias Erzählungen und Legenden
Le Fontanelle und die Unterwelt Neapels
Neue Verbündete
Pompeij
Flucht aus der Schreckenskammer
Pflichten und Gefühle
Rex Nemorensis
Der Spiegel der Diana
Die Magie der Götter
Die Offenbarung Seths
Lauernde Gefahr
Das Zepter des Pluton
Die Macht des Feuerberges
Das Geheimnis Um Phönix
Amun
Geheimnisse des Ätnas
Das Herz Karthagos
Das Verfluchte Kloster der Teufelsmönche
Das Dreieck des Teufels
Mikayla
Sechshundertsechsundsechzig Meilen
Isla Maldita
Im Reich der Wächterin
Am Fusse der Schwarzen Pyramide
Feuer und Eis
Offenbarungen und Entschlüsse
Epilog
Keltische Namen und Begriffe
Phönizische und Karthagische Namen und Begriffe
Die Maschine hatte rasch Geschwindigkeit aufgenommen, der Boden schien unter den Rädern zu beben, und schließlich hob sie ab. Der junge Passagier in der achten Reihe am Fensterplatz lehnte sich zurück. Durch seine Sonnenbrille wirkte der Neunzehnjährige unbeeindruckt von seiner Umwelt, doch in Wahrheit fiel Edoardo nun ein Stein vom Herzen. Er hatte es geschafft! Niemand war ihm in die Quere gekommen, und auch der Beamte an der Passkontrolle, der zwar seine Papiere genauestens unter die Lupe genommen hatte, hatte ihn Gott sei Dank problemlos passieren lassen. Er reiste bereits seit vier Jahren mit einem Reisepass, der ihn als Marco Alone auswies, doch jedes Mal zitterte er aufs Neue, sobald er damit durch eine Kontrolle gehen musste. Allmählich legte sich seine Nervosität, und ein Gefühl wahrer Freude überkam ihn, denn nicht nur, dass er endlich Nirvin und seine Familie wiedersehen würde, auch hatte sich all die Mühe gelohnt, die er die letzten Jahre auf sich genommen hatte. Während unter ihm die sommerlichen Felder und Wälder rund um den Flughafen Sheremetyevos immer kleiner wurden, legte sich die Anspannung. Erschöpft, aber erleichtert schloss er die Augen und ließ die Ereignisse der letzten Zeit Revue passieren.
Er erinnerte sich noch so genau an jenes Abenteuer, welches nun bereits vier Jahre zurücklag. In jenem Sommer hatten er und Nirvin nach langer Suche das Pentakel der Macht gefunden und den Heka-Stein seither gut verwahrt und behütet. Nur er und das Mädchen hatten mit ihren Amuletten die Schlüssel zu diesem Ort. Es waren hohe Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden, und sowohl er als auch Nirvin, die laut neuem Pass Laura Selva hieß, erhielten neue Identitäten, um sich nicht unnötigen Gefahren auszusetzen, denn die Männer Al Halabis waren nach wie vor gefährlich und hartnäckig. Auch hatten sie die Schule wechseln müssen, und Edoardo hatte sein Abitur an der Moskauer International School absolviert, während Nirvin sich als Laura getarnt weiterhin in Italien aufhielt. Es war ihm sehr schwer gefallen, sich fern von dem Mädchen und seiner Familie aufhalten zu müssen, aber dies war die beste Lösung gewesen, um nicht allzu viel Aufsehen zu erregen, und er wusste, dass Nirvin stets von den Tilmidi behütet wurde. Im Übrigen konnte sie sich ganz gut zur Wehr setzen, dies hatte sie bei der letzten Auseinandersetzung mit den Männern Al Halabis in Ostia Antica ausgezeichnet bewiesen.
Er, Edoardo, hatte einen wichtigen Auftrag: den dritten Teil des Armreifs Amenmesses ausfindig zu machen, denn um das Pentakel der Macht zu zerstören benötigten sie den dreigeteilten Armreif. Den ersten Teil davon besaßen sie bereits, der zweite Teil war sicher in den Bergen Sardiniens versteckt, doch wo sich der dritte Teil dieses mächtigen Armreifs befand, war bis vor kurzer Zeit noch unbekannt. Die wenigen Spuren hatten nach Russland geführt. Also hatte Edoardo den schweren Entschluss getroffen, vor Ort zu recherchieren. Sein Vater Daniel Mount hatte seine geschäftlichen Beziehungen spielen lassen und alles in die Wege geleitet, sodass sein Sohn problemlos und ohne großes Aufsehen zu erregen bei einer russischen Familie wohnen konnte. Nach dem Abitur hatte er ein weiteres Jahr in Moskau verbracht, er hatte sich im Pushkin Institut angemeldet, wo er auch wohnte. Dies war nicht grundlos geschehen, denn seine Nachforschungen hatten ihn hierhergeführt.
Die Tilmidi hatten bereits vier Jahre zuvor herausgefunden, dass die Nachkommen Heradoms, die im Besitz des dritten Armreifteils waren, ursprünglich aus Tyros kamen, doch durch den Feldzug Alexanders dem Großen nach Persien geraten sein mussten, wo ihre Spuren allerdings verloren gingen. Doch schließlich fanden die Tilmidi erneute Indizien, denen zufolge der jetzige Besitzer des dritten Armreifteils ein iranischer Geschäftsmann war, der vorwiegend in Moskau tätig zu sein schien.
Wo genau, das wussten sie jedoch nicht, da es sich um zwielichtige Geschäfte handelte, die er betrieb, und alle Spuren stets gut verwischt wurden. Sein Wohnsitz war unbekannt, und Edoardo hatte demzufolge all die Jahre genauestens recherchiert, hatte dabei die kriminelle Unterwelt der Stadt kennengelernt und sich das Vertrauen von so mancher fragwürdigen Person erschlichen, bis dass er am Ende mit Sam Baradar bekannt gemacht wurde, der im Pushkin Institut studierte und der Sohn des berüchtigten Parvis Baradar war, dem Mann, der im Besitz des dritten Teils des Armreifs sein musste.
Sam war ein lebenslustiger Kerl, der keine Feier ausließ und die Nächte gern damit verbrachte, das Vermögen seines Vaters in Spielkasinos auszugeben. Auch hatte er eine Schwäche für schnelle Autos und Pferderennen, sodass er im Puschkin Institut eigentlich nur anwesend war, wenn er mal auf sein Zimmer ging, um auszuschlafen. In den Unterrichtssälen war er dafür äußerst selten anzutreffen. So musste auch Edoardo sich diesem Lebensstil anpassen, und schon schnell wurde er Sams bester Kumpel. Zusammen zogen sie durch Clubs und Casinos, und an Sams Geburtstag war es dann soweit. In einem der renommiertesten Clubs der Stadt lernte er endlich Parvis Baradar persönlich kennen.
Edoardo erwies sich dabei geschickt genug, den zwielichtigen Geschäftsmann für sich zu gewinnen. Er hatte sich bereits vorher einen überzeugenden Lebenslauf ausgedacht, mit dem er Baradar imponieren konnte, ohne dass dieser hätte misstrauisch werden können. Der Iraner schien in der Tat sehr von dem jungen Mann beeindruckt, hatte Edoardo doch gute Manieren, war sprachbegabt, aufgeweckt und intelligent. Am Ende war es ihm tatsächlich gelungen, einen Übersetzerjob bei Baradar zu bekommen. Diesen meisterte Edoardo so souverän und zuverlässig, dass er immer häufiger für den Geschäftsmann arbeiten durfte, bis er dessen vollstes Vertrauen genoss und gern von ihm als persönlicher Berater hinzugezogen wurde. Schließlich hatte er sein Ziel erreicht: er hatte endlich Zutritt zu dem streng geheimen Hauptsitz Baradars, welcher allen Annahmen widersprechend in der Ukraine lag; ein weiterer strategisch kluger Zug des Gauners.
Gewiss war es jedoch alles andere als einfach, im gut überwachten Anwesen nach dem Armreifteil zu suchen. Befand es sich überhaupt noch in Baradars Besitz? Und wenn ja, würde er es denn tatsächlich hier finden, oder bewahrte es der Geschäftsmann vielleicht doch ganz woanders auf? Edoardo spürte, dass ihm allmählich die Zeit davonlief, denn immer häufiger kamen Unruhen im Lande auf und allein Edoardo schien zu ahnen, was oder wer sich im Gegensatz zu den Aussagen der Medienberichte in Wirklichkeit dahinter verbarg.
Seine Feinde schienen ebenfalls auf der Spur des Armreifteils zu sein, und die größte Bedrohung stellte Seth dar. Die altägyptische Gottheit war ein Kriegsgott und Unruhestifter. Er trug heutzutage unzählige Namen und war das Böse selbst, das im Begriff war, immer mehr Macht zu erlangen. Mit seiner Fähigkeit, Menschen zu manipulieren und ihnen Ruhm, Macht und Reichtümer zu versprechen, schmeichelte er sich ein und war nun drauf und dran, das Gleichgewicht zwischen Gut und Böse zu zerstören. Indem er die Seelen, einst Bas genannt, seiner Opfer sammelte, gewann er neue Energie. Dies hatte dazu geführt, dass die Kräfte der antiken Götter miteinander verschmolzen, um gegen das Böse anzukämpfen und somit das Gleichgewicht zu bewahren. Ein großer Teil der Macht der alten ägyptischen Gottheiten wurde im Pentakel verwahrt, aber ebenso befand sich die Essenz Seths darin. Würde das Pentakel in die falschen Hände geraten, so würde Seth mächtiger denn je. Je mehr er an Macht gewann, desto eher würde seine gefangene Essenz freikommen, und das Böse hätte somit endgültig freien Lauf. Es war daher ein Wettlauf mit der Zeit, denn die Anhänger Seths würden alles dafür tun, um die Vernichtung des Pentakels zu verhindern und in den Besitz des Heka-Steins zu gelangen.
Al Halabis Männer schienen ebenfalls herausgefunden zu haben, dass sich das Armreiffragment in der Ukraine befand, und die Tilmidi hatten Mühe, sie in Schach zu halten, denn Nirvins Großvater Mohamed Al Halabi schien mittlerweile ein regelrechtes Heer aufgebaut zu haben. Nun war es an der Zeit die Tilmidi einzuschalten. Edoardo hatte daher seinem treuen Freund Alexander einen genauen Lageplan des Anwesens zukommen lassen, mit detaillierten Angaben zu jedem Winkel des Hauses. Alexander ließ nicht lange auf eine Antwort warten: »Wir werden schnellstens handeln. Allem Anschein nach ist unser Kommunikationsweg nicht mehr sicher, Al Halabis Leute wissen ebenfalls Bescheid. Sieh zu, dass du da weg kommst! Keine weiteren Infos mehr über diesen Weg, zu unsicher! Geh zu deinem Ausgangspunkt zurück, tauche bei deiner dortigen Familie unter, bis gewiss ist, dass wir Erfolg hatten.«
Edoardo war nach dieser allarmierenden Nachricht regelrecht geflohen und nach Moskau zurückgekehrt. Natürlich konnte er nicht mehr ins Puschkin Institut zurück, sondern suchte jene russische Familie auf, bei der er die vorherigen Jahre gewohnt hatte. Es folgten unruhige Stunden, in denen ungewiss war, ob die Tilmidi zugeschlagen hatten und fündig geworden waren oder Al Halabis Leute schneller gewesen waren. War seine Mission tatsächlich erfüllt, oder war doch alles vergeblich gewesen? Alle Kommunikationswege blieben stumm und die Zeit drängte. Es war bereits tief in der Nacht, als schließlich der alte Hausapparat der Familie Griszenkov klingelte. Edoardo selbst griff nach dem Hörer und atmete auf, als eine vertraute Stimme am anderen Ende der Leitung preisgab: »Mission erfolgreich. Flugticket bereits hinterlegt für sofortige Heimreise!«
Edoardo warf einen letzten Blick auf die unter Wolkenfetzen zusammengeschrumpfte Landschaft. Als Erstes werde ich daheim diesen blöden gefälschten Ausweis vernichten. Mittlerweile lebt Marco Alone gefährlicher als Edoardo Mount. Die ganze Russenmafia wird nach dieser Aktion hinter mir her sein! Es ist nun sowieso an der Zeit, die Mission zu Ende zu bringen, und das werde ich als Edoardo Mount.
Der Waldboden bebte unter den Hufen der jungen Stute. Die schwarzen, seidenen Haare des Mädchens wehten wild im Wind. Sie schloss die Augen. Auf diese Weise erschienen ihr der Duft der Pinien und die frische Waldluft noch intensiver. Es fühlte sich an, als würde sie mit dem Pferd verschmelzen, sie liebte dieses einzigartige Gefühl der Freiheit. Hier in der Einsamkeit des Waldes war sie wieder Nirvin, die wilde Selvaggia, und ihre falsche Identität Laura Selva war nur noch ein blasser Schatten.
Es war alles andere als einfach gewesen, auf so vieles zu verzichten und in die Rolle einer anderen zu schlüpfen. Sie hatte gerade ihr Abitur an einem renommierten Internat an den Toren Roms absolviert, wo sie ein eigenes Zimmer hatte und somit direkt im großzügigen Gebäude der Lehranstalt wohnte. Sie war jedoch erleichtert, endlich Abstand von dieser Schule zu bekommen, waren ihr die meisten Schüler dort doch zu oberflächlich und materialistisch, wenngleich sie trotz allem stets respektiert worden war. Oft war es ihr schwergefallen, sich in mancher Angelegenheit zurückzuhalten, doch sie hatte es Edoardo versprochen. So hatte sie sich stets bemüht, ihren rebellischen Charakter im Zaum zu halten und so wenig wie möglich aufzufallen. Oft dachte sie dabei an die sanftmütige altägyptische Katzengöttin Bastet, die ihr wahres Wesen unterdrückte, denn in Wahrheit steckte Sachmet, die aggressive und kriegerische Löwengöttin in ihr. Diejenigen, die ihre wahre Identität kannten, verglichen sie sowieso allzu gern mit diesen altägyptischen Gottheiten.
Wenngleich sie ein gutes Verhältnis zu ihren Mitschülern hatte, so gab es darunter jedoch keine wahren Freunde. Zwar hatte sie als Laura Selva an mancher außerschulischen Aktivität teilgenommen, doch sobald jemand versuchte, eine Freundschaft aufzubauen und sie näher kennenzulernen, zog sie sich stets zurück und lies niemanden an sich herankommen. Womöglich hielt man sie für eine Einzelgängerin, wenn nicht gar für eine arrogante Zicke, die sich für etwas Besseres hielt (so wie sie es schließlich auch von einigen Mitschülerinnen dachte), aber sie hätte es niemals fertig gebracht, Nirvin zu unterdrücken und eine Märchenwelt um Laura Selva aufzubauen. Nein, das hätte niemand verdient, der an einer aufrichtigen Freundschaft interessiert war. So widmete sie sich stets ihren Lernfächern und der Reiterei, denn das Anwesen verfügte über eigene Stallungen mit wunderbaren Reitplätzen, Ausrittmöglichkeiten und guten Reitlehrern, welche die erfolgreiche Springreiterin Laura Selva förderten. Ihre alte Stute Galliera hatte ihr vor einigen Jahren ein Fohlen geschenkt, die wunderschöne Tefal. Diese wurde, nachdem sie eingeritten worden war, zu ihr in die Reitanlage des Internats gebracht. Galliera hingegen stand immer noch im alten Stall bei Max. Auch durfte sie sich seit einem Jahr um Edoardos Pferd Sultano kümmern. Nachdem der Junge den Hengst bis zu seinem Abitur in Moskau gehalten hatte, hatte er ihn letztes Jahr zurück nach Rom und direkt zu ihr bringen lassen.
Wie gern wäre sie doch wieder in ihren alten Stall zurückgekehrt, doch die Sicherheitsvorkehrungen ließen es zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu. Sie wusste, dass sie auf diesem Internat sicher war, zumal viele Tilmidi hier eingeschleust worden waren. Mit Sicherheit wusste sie, dass sowohl der Hausmeister als auch der Pförtner, einige Stallarbeiter und sogar der Koch zu ihnen gehörten. Jedoch kannte Nirvin nicht die Identität der weiteren treuen Beschützer. Oft fragte sie sich, ob die ein oder andere Lehrkraft oder gar einer der Reitlehrer dazugehörten. Doch die Tilmidi hielten sich so verdeckt wie nur möglich, und auch mieden sie jeglichen Kontakt zu ihr, wie die meisten Mitschüler. In dieser Einsamkeit war es daher ein kleiner Trost, mit Edoardos Pferd erfolgreiche Turnierergebnisse zu erzielen. Und auch mit Tefal hatte sie seit kurzem erfolgreich debütiert.
Trotzdem fehlte ihr etwas, wenngleich sie mit Maria und Daniel Mount stets gut in Kontakt stand, so vermisste sie doch Edoardo. Einst waren sie unzertrennlich, und es war wirklich hart für sie gewesen, als Edoardo Rom verlassen hatte. Bis zu seinem Schulabschluss in Moskau hatten sie jeden Abend über Internet-Videoanrufe kommuniziert, oft sogar halbe Nächte lang, bis einer von beiden schließlich eingeschlafen war, doch das ganze letzte Jahr war dies nicht mehr möglich gewesen. Edoardos Mission war nicht nur heikel, sondern auch gefährlich und das Internet nicht sicher genug. So wurde sie stets auf Umwegen über die Fortschritte des Jungen informiert, aber sie vermisste die langen nächtlichen Gespräche wirklich sehr.
Sie war gerade abgestiegen und auf dem Weg in die Stallgasse, als sie jemanden bemerkte, der sich offensichtlich in Sultanos Box zu schaffen machte. Allem Anschein nach hatte der Unbekannte dem Pferd Transportgamaschen angelegt! Sie hielt inne und versuchte zu erkennen, um wen es sich dabei handelte, denn die Mittagssonne, die durch Sultanos Boxenfenster strahlte, blendete sie. Sie war sich trotzdem sicher, dass es keiner der Stallburschen oder Reitlehrer war, doch die Figur hatte etwas Vertrautes. Vorsichtig schritt sie näher, da drehte sich die Gestalt zu ihr um. Ihr Herz schien einen Sprung zu machen, und im Ansturm der Gefühle ließ sie die Zügel fallen, erst noch sprachlos vor Erstaunen und Glückseligkeit, dann aber stieß sie einen Freudenschrei aus und stürzte sich auch schon auf Edoardo, der von so viel Übermut überwältigt das Gleichgewicht verlor, sodass sie gemeinsam zu Boden gingen.
»Was um alles in der Welt machst du hier?! Seit wann bist du überhaupt wieder im Lande? Wie kommst du hier her? Bist du allein gekommen? Warst du erfolgreich? Und wie siehst du überhaupt aus? Wo sind deine schönen blonden Locken? Hast du schon Sultano gesehen? Und …«, da hielt ihr Edoardo auch schon den Mund zu.
»Ist ja schon gut!« Er richtete sich auf und klopfte sich den Staub von der Hose. »Da bin ich ja beruhigt, dass du immer noch die alte Selvaggia bist! Ich freue mich auch, dich zu sehen!«
»Ach, Ed!« Sie haute ihm mit der Faust gegen die Schulter und lachte. Dann strich sie erneut über seine kurzgeschorenen Haare und musterte ihn belustigt. »Mann, du bist ja kaum wiederzuerkennen. Du bist so anders gekleidet und dazu noch der Dreitagebart und diese Knastfrisur. Das ist doch gar nicht deine Art. Nicht, dass du schlecht aussiehst, aber irgendwie erinnerst du mich an einen Verbrecher!«
»Alles Tarnung! Ich musste mir mächtig Mühe geben, als ich in die russische Unterwelt abgetaucht bin. Erst wurden die Haare abrasiert, dann musste ich mich kleidungsmäßig anpassen, wobei ich in letzter Zeit jedoch vorwiegend Designeranzüge vom Feinsten getragen habe, doch irgendwie finde ich das Kleinganovenoutfit bequemer. Die Haare wachsen schon wieder nach, und rasiert bin ich auch schnell. Aber sehe ich denn wirklich wie ein Verbrecher aus? So schlimm ist es doch nun auch wieder nicht.« Er tat beleidigt.
»Naja, bei so einem eng anliegenden Gangster-T-Shirt und dann noch diese Sonnenbrille! Ist es dir eigentlich nicht zu warm in langer Jeans und Fliegerstiefeln?«
Edoardo nahm die Sonnenbrille ab. »Ja, eigentlich schon, aber ich kam noch nicht dazu, mich umzuziehen. Ich konnte mich gerade mal meiner Lederjacke entledigen. Ich habe einen Wagen gemietet und bin vom Flughafen direkt hierher gefahren. Und wenn du es in Reithosen aushalten kannst …«
»Du kommst direkt vom Flughafen?«
Spontan umarmte sie den Jungen, glücklich darüber, dass er geradewegs zu ihr gekommen war. Ein wenig verlegen erwiderte er flüsternd:
»Naja, ich musste mich ja schließlich vergewissern, dass es meiner Al Kabira gut geht. Wenn ich schon meine Aufgabe als erster hoher Tilmid vernachlässigt habe und dich nicht so überwacht habe, wie es eigentlich meine Pflicht gewesen wäre.«
Belustigt verpasste Nirvin Edoardo einen Schubs.
»Oh, keine Sorge. Ich denke, es gibt genug getarnte Leibwächter auf dem Gelände hier. Ich habe mich ja nicht umsonst dafür entschieden, ins Internat zu gehen. Es ist zwar eine Art Gefängnis, aber dafür ist man hier ziemlich sicher untergebracht. Und ich weiß genau, wie viel es dich damals gekostet hat, den Entschluss zu fassen, nach Moskau zu gehen. Das war gewiss nicht leicht, eine Schule in einem fremden Land zu besuchen, fern von Freunden und Familie. Das wolltest du schließlich nie, und glaub mir, ich weiß genau, welch großes Opfer du da gebracht hast, und dem gebührt große Anerkennung.«
Sie strich ihm liebevoll über die Wange und er erfasste ihre Hand. Erst jetzt, als sie erneut in die Augen des Jungen blickte, entdeckte sie seine Tränen. Gerührt schluckte sie, und sie bemerkte, dass auch ihre Augen feucht wurden. Erneut fiel sie Edoardo um den Hals und drückte ihn fest an sich. Er hielt einen Moment inne, dann aber erwiderte er ihre Umarmung und zog sie an sich. Eng umschlungen verweilten sie so, und es schien, als wäre die Zeit stehen geblieben. Dann aber meinte Edoardo:
»So ungern ich das jetzt sage, doch es wird langsam Zeit, dass wir deine Koffer packen und uns auf den Weg machen. Sie warten sicherlich schon.«
»Auf den Weg? Koffer? Und wer wartet?« Nirvin löste sich von der Umarmung und blickte den Jungen erwartungsvoll an. Dann deutete sie auf die Transportgamaschen an Sultanos Beinen. »Kommt er mit?«
»Er und auch Tefal. Also sehen wir mal zu, dass du sie schnell absattelst und startklar machst. Der Hänger steht bereit. Und keine weiteren Fragen!«
Munter zwinkerte er dem Mädchen zu, denn er hatte bemerkt, dass sie erneut Luft geholt hatte, um ihn weiter mit ihren Fragen zu löchern. Sie blickte kurz beleidigt, doch dann schmunzelte sie, schüttelte den Kopf und widmete sich ihrer Stute.
Das Koffer packen ging schneller als Edoardo erwartet hatte. Nirvin hatte bereits seit Schulende ihr Gepäck startklar gemacht, denn sie hatte nicht vorgehabt, noch lange auf dem Internat zu verweilen. Lediglich ein paar Reithosen, T-Shirts, Duschzeug und Zahnbürste waren noch zu verstauen.
»Seit wann lebst du aus dem Koffer?« Edoardo schien amüsiert darüber, dass Nirvin die vergangenen Tage mit so wenig ausgekommen war.
»Letzte Woche war Abschlussfest, und das Internat hat danach offiziell geschlossen. Maria hat bei dieser Gelegenheit schon einiges mitgenommen. Du denkst doch nicht wirklich, dass ich beabsichtigt hätte, noch lange hier zu verweilen!«
»Und, was hattest du vor?«
»Schlimmstenfalls nach Russland zu reisen, aber ich wusste, dass du kommst!«
Verunsichert betrachtete der Junge sie und fragte:
»Sag bloß, die Prophezeiung hat sich bewahrheitet und du kannst jetzt endlich in die Zukunft sehen!«
»Nein, das nicht.« Nirvin seufzte. »Ich hatte gehofft, dass dies plötzlich an meinem achtzehnten Geburtstag passiert, aber ich habe ja seit damals nicht einmal mehr seltsame Träume.«
»Du weißt, das ist ein gutes Zeichen. Deine Träume waren schließlich eine Warnung, dass das Pentakel in Gefahr schwebte. Und dein Geburtstag! Der muss ja noch nachgefeiert werden, ist ja noch gar nicht lange her, und achtzehn wird man schließlich nur einmal. Aber jetzt los, wir haben noch einiges vor!«
»Und du wirst mir nicht verraten, was das ist?«
Edoardo lachte:
»Ich fasse mich kurz: Wir müssen die Welt retten!«
Fasziniert schaute Nirvin aus dem Fenster des Geländewagens und beobachtete den Falken, der neben ihnen herzufliegen schien.
»Hast du ihn gesehen?« Sie deutete auf den Vogel und schaute auf Edoardo. Dieser blickte kurz vom Steuer auf und lächelte.
»Die altägyptischen Götter scheinen erneut mit uns zu sein.«
»Mach dich nur nicht darüber lustig!«
Nirvin runzelte die Stirn, und der Junge meinte versöhnend:
»Nein, niemals. Aber für einen Augenblick hatte ich tatsächlich das Gefühl.«
»Und du willst mir immer noch nicht verraten, wohin wir fahren?«
Edoardo lächelte.
»Lass dich überraschen!«
»Jedenfalls gefällt es mir! Die Landstraße, wir, die Pferde hinten im Hänger …« Schließlich aber erkannte Nirvin die Gegend dann doch, und ein erneutes Glücksgefühl überkam sie. »Oh, jetzt weiß ich, wohin wir fahren! Aber klar doch, das macht Sinn«, rief sie voller Begeisterung.
Edoardo lächelte nur, als er in die Einfahrt zu ihrem alten Reitzentrum einbog und auch schon Max auf Libeccio erblickte, der ihnen entgegen geritten kam und ihnen begeistert zuwinkte. Der alte Mann sprang freudig vom Pferd und humpelte auf sie zu, als der Wagen hielt. Seine Augen waren feucht, als er sie herzlich begrüßte. Schließlich meinte er:
»Ich kümmere mich mal ausnahmsweise um eure Pferde. Erst einmal kommen sie auf die Koppel, die Boxen werden noch bereitet. Die alte Galliera steht auch draußen, ihr geht’s ganz gut, mal abgesehen davon, dass sie mit ihrem alten Gebiss nicht mehr gut grasen kann, aber dafür bekommt sie von mir täglich einen Spezialbrei!«
Nirvin strahlte ihn dankbar an und meinte:
»Wir können uns doch selbst um die Pferde kümmern, so kann ich gleich Galliera sehen!«
Edoardo jedoch schüttelte den Kopf und drehte das Mädchen Richtung Clubhaus.
»Ich glaube, das können wir vergessen,« meinte er nur, als Maria, Daniel und Barbara auch schon herbeigestürmt kamen und ihnen um den Hals fielen.
Sogleich wurde munter durcheinandergeschwätzt, und Neuigkeiten wurden ausgetauscht. Nachdem Nirvin dann doch noch schnell zu ihrer alten Stute gehuscht war, hatte man sich schließlich an einen abseits gelegenen Tisch, der im Schatten eines Pinienbaums stand, niedergelassen. Das Mädchen erzählte kurz von ihren Abiturprüfungen und die darauffolgende Feier, an der auch Maria und Daniel anwesend waren. Natürlich musste auch Edoardo über seinen Russlandaufenthalt berichten, wobei er es jedoch erst einmal mied, Details über seine Mission preiszugeben. Schließlich gesellte sich ein weiterer Überraschungsgast hinzu. Roby Lex, der Spürhund, wie der Privatermittler auch gern betitelt wurde, kam mit einer großen Flasche Champagner zu ihnen. Mit seinem starken amerikanischen Akzent erklärte er:
»Ich würde sagen, wir sollten nun mal auf dieses große Wiedersehen anstoßen. Außerdem gibt es da noch einen Geburtstag nachzufeiern und, wie mir zugetragen wurde, eine sehr gut bestandene Abiturprüfung. Der Tisch ist auch schon gedeckt.«
Überrascht blickte Nirvin zu Lex.
»Wir essen hier?«
»Ach, das haben sie dir also auch noch nicht verraten. Ja, auf der Terrasse hinter dem Clubhaus wartet eine lange Tafel ausschließlich für uns. Wie gesagt, es gibt ja einiges zu feiern. Außerdem sitzen bereits zwei weitere Gäste dort und warten schon. Mit uns anstoßen wollten sie zwar nicht, aber mir scheint, sie sind ziemlich hungrig.«
»Ihr werdet doch nicht die Pferde an den Tisch gebracht haben?« Nirvin wirkte verunsichert. Um wen konnte es sich sonst noch handeln? Ohne ihr Glas entgegenzunehmen lief sie auch schon los, und Edoardo tat ihr gleich. Lex schmunzelte amüsiert und meinte:
»Na, ich glaube, den Champagner trinken wir nun doch besser auf der Terrasse.«
Nirvin stockte der Atem, als sie innehielt und den so festlich gedeckten Tisch erblickte. Bunte Blumen und eine Dekoration in ägyptischem Stil schmückten ihn. Aber dann fiel ihr Blick auf die zwei Gestalten am Ende des Tisches, die sich bereits erhoben hatten, um sie und Edoardo zu begrüßen, und Nirvin vergaß alles andere. Beide stürmten sie Doc Alexander und dem Wüstenfuchs Ismael entgegen und fielen ihnen in die Arme. Alexander sah aus wie eh und je, sein langer silberner Bart glänzte im Sonnenschein wie auch sein auffällig langes Haar.
»Willkommen zurück, meine jungen Freunde, Selvaggia, die Wilde, und Solitario, der Einzelgänger. Aber ich denke mal, so werdet ihr mittlerweile gar nicht mehr genannt. Auch habt ihr nun lange genug als Marco und Laura gelebt und es ist nun an der Zeit, diese Identitäten zu vergessen. Ihr seid eurer Namen und Titel würdig. Nirvin, Al Kabira, es freut mich, dich wiederzusehen. Edoardo, mein erster hoher Tilmid und Wächter des Pentakels, es ist mir eine Ehre. Du hast Mut und Größe bewiesen, ich bin wirklich stolz auf euch.« Die klugen Augen des Mannes funkelten fröhlich hinter seinen runden Brillengläsern bei diesen Begrüßungsworten.
Im Gegensatz zu Docs weißem Gewand trug Ismael wie üblich schwarz. Auch er strahlte sie begeistert an, und gestikulierte munter einen Willkommensgruß. An Edoardo gewandt hob er seinen Daumen, nickte voller Anerkennung und zwinkerte ihm zu. Trotzdem er stumm war, hatte der junge Mann stets eine fröhliche Ausstrahlung.
Nun hatten sich auch die anderen zu ihnen gesellt, es wurde fröhlich geschwätzt, angestoßen und schließlich gegessen. Nach dem Essen verließ Barbara die heitere Runde, und Nirvin fing an, ihre nachträglichen Geburtstagsgeschenke zu öffnen. Entzückt nahm sie schließlich Edoardos Geschenk in Empfang. Es handelte sich um eine Reihe handbemalter, hölzerner Matrjoschka-Puppen, die das Mädchen eifrig auseinander nahm. Als sie die dritte öffnete, so enthielt diese jedoch keine weitere Holzfigur, sondern an dessen Stelle eine goldene Kette mit einem Anhänger in Form eines Horusauges, dessen Pupille Lapislazuli blau war und in dessen Mitte ein winziges goldenes Ankh-Kreuz eingraviert war. Fasziniert zog sie das Schmuckstück behutsam heraus und blickte Edoardo voller Begeisterung an.
»Das ist wunderschön, Ed!«
»Es ist ein Talisman. Ich habe ihn extra anfertigen lassen, es handelt sich daher um ein Unikat. Er soll dich beschützen.«
Das Mädchen fiel ihm um den Hals.
»Vielen, vielen Dank! Ich werde es in Ehren tragen.«
»Ich glaube, du hast da noch etwas übersehen«, meinte der Junge, woraufhin Nirvin ihn verwundert ansah und dann ungläubig in die Matrjoschka blickte.
War ihr doch entgangen, wie Wüstenfuchs geschwind etwas in der Holzfigur hatte verschwinden lassen. Hingerissen ergriff das Mädchen zögerlich den goldfunkelnden Gegenstand und hob ihn ehrfürchtig in die Höhe. Er war ungefähr drei Zentimeter breit, sechs Zentimeter lang und besaß eine Dicke von etwa vier Millimetern. Altägyptische Zeichen und Symbole waren darin eingraviert.
»Ist es das, was ich denke?«, flüsterte sie mit bebender Stimme.
»Ich glaube schon«, antwortete Edoardo. »Die Russlandmission war erfolgreich, und dies ist das Ergebnis.«
Dann berichtete er detailliert von seinem Abenteuer, der russischen Unterwelt, den Ganoven, deren Vertrauen er erobern musste, den unzähligen Gefahren und Ängsten, denen er in letzter Zeit ausgesetzt war, von Baradars Anwesen und den heimlichen Auskundschaftungen, die Edoardo getätigt hatte, und schließlich das Bangen, bis zu dem erlösenden Telefonanruf der vorherigen Nacht. Weiter erzählte er von der darauffolgenden raschen Abreise, die restliche Nacht voller Unruhe auf dem russischen Flughafen, auf dem er bis zum Abflug verweilen musste, und die ständige Angst, am Ende doch noch enttarnt zu werden. Dann war Doc an der Reihe, über die erfolgreiche Mission der Tilmidi zu berichten, wie sie zunächst von Al Halabis Männern überrascht wurden, doch sich erfolgreich zur Wehr setzen konnten, wie sie dann das Sicherheitspersonal Baradars ausgetrickst hatten, schließlich den Teil des Armreifs gefunden und an sich genommen hatten.
»Und nun, da du endlich in den Besitz des verschollenen Teils gekommen bist, Nirvin, ist es an der Zeit, dir auch dies hier auszuhändigen«.
Feierlich überreichte Alexander ihr ein schlichtes Holzkästchen. Behutsam öffnete das Mädchen es und erblickte einen weiteren goldfunkelnden, bogenförmigen Gegenstand, welcher dem Armreiffragment glich, welches sie bereits in der Hand hielt. Sie vereinte beide Teile und sah, dass sie zusammenpassten. Dankbar lächelte sie Alexander zu.
»Der zweite Teil! Nun fehlt nur noch der dritte Teil, und wir können den Armreif Amenmesses zu einem Dolch zerschmelzen!« Ihre Augen leuchteten voller Begeisterung. »Tolle Leistung, Ed!« Anerkennend klopfte sie ihrem Freund auf die Schulter. Verlegen meinte er:
»Naja, ich habe ja nur ermittelt und ausgekundschaftet, den Rest haben die Tilmidi erledigt.«
»Klar, das war ein super Einsatz ihrerseits, aber ohne dich wäre das nie möglich gewesen, Ed!«
»Jedenfalls könnt ihr euch nun erst einmal um die Beschaffung des dritten Teils kümmern«, lenkte Doc geschickt, aber auch zugleich amüsiert ab, war ihm doch nicht entgangen, dass es Edoardo sichtlich unangenehm war, von Nirvin so viel Lob einzukassieren.
»Stimmt! Und dieser Teil befindet sich auf Sardinien, gut versteckt von Lupo«, äußerte das Mädchen.
»Doc, wie ist Lupo eigentlich in den Besitz des dritten Teils gekommen?«, wollte Edoardo wissen.
»Nun, auch er ist ein Erbe Heradoms«, erklärte Alexander. »Karthago, das neue Tyros, heute als Tunis bekannt, war damals eine mächtige Handelsmacht, wie ihr wisst. Die Einwohner waren als Punier bekannt, waren einst vorwiegend Seefahrer und stammten teilweise aus Sidon. Dann aber wurde die Stadt von den Römern zerstört und Teil des römischen Imperiums. Unter Julius Caesar wurde die Stadt schließlich neu gegründet.«
»Und so kam das Armreiffragment nach Italien.«
»Genau, Nirvin. Bis Lupo es irgendwann erbte und auf Sardinien sicher verbarg.«
»Na, dann weißt du ja jetzt, was uns als Nächstes bevorsteht.« Amüsiert stieß Edoardo das Mädchen an.
»Und wo hat Lupo diesen Teil aufbewahrt?«, wollte Nirvin wissen.
Alexander blickte das Mädchen auf seltsame Weise an, bevor er erwiderte:
»Die Antwort darauf kennst nur du.«
»Die Antwort darauf kennst nur du!«, meinte Nirvin verärgert und konnte es immer noch nicht fassen, dass niemand genau wusste, wo Lupo das dritte Armreiffragment verbarg, man jedoch von ihr erwartete, dass sie diesen Teil finden würde. Sie saß gemeinsam mit Edoardo in der kleinen Maschine, die bereits im Landeanflug war. Edoardo lächelte nur, als er bemerkte, dass alle Wut verflog, als das Mädchen das trockene, wilde Land Sardiniens unter ihnen erblickte, das allmählich Form annahm. Die Häuser von Decimomannu wurden immer deutlicher, und Nirvins Augen strahlten beim Anblick dieser von ihr so geliebten wunderschönen Insel.
Mit dem Mietwagen fuhren sie kurze Zeit später aus den belebten Dörfern hinaus. Die holprige Landstraße schlängelte sich serpentinenmäßig durch das wilde, dürre Land. Ab und zu konnte man einen Blick auf das Meer erhaschen, das zwischen den unzähligen Hügeln zum Vorschein kam. Schließlich erreichten die beiden den Agriturismo, der abgelegen auf einer Anhöhe lag und über einen unebenen Schotterweg erreichbar war. Der grüne Rasen des gepflegten Anwesens stand in völligem Kontrast zur wilden, trockenen Landschaft. Man hatte einen ausgezeichneten Blick auf das Meer, das soeben den feuerroten Sonnenball verschlang. Ein hübsches, kleines rustikales Steinhaus stand einladend im Vordergrund. Hier hatten sie ein Zimmer gemietet, und auch zwei Pferde standen ihnen zur Verfügung. Obwohl die Besitzer des Anwesens sehr freundlich und zuvorkommend waren, verzogen sich Nirvin und Edoardo gleich nach einem köstlichen Abendessen auf ihr Zimmer. Es war klein und gemütlich und es war, abgesehen von dem modernen Badezimmer, traditionell und ländlich eingerichtet. Es verfügte über zwei Einzelbetten, die jeweils links und rechts vom Fenster standen, welches eine wunderbare Aussicht auf das Meer bot, das nun im Schein des nahezu vollen Mondes geheimnisvoll schimmerte.
Vor allem Edoardo war erschöpft. Es lag nicht nur an der zweistündigen Zeitverschiebung. Er hatte noch gar keine Gelegenheit gehabt, die letzten achtundvierzig Stunden zu verarbeiten. Erst die übereilte Rückkehr nach Moskau, dann die unruhige Nacht auf dem Flughafen von Sheremetyevo, die Heimreise, das Wiedersehen mit Nirvin und daraufhin das Treffen mit all den anderen im Stall, danach der kurze Aufenthalt in der Villa Mount, um sich frisch zu machen und nochmals den Koffer zu packen, der erneute Flug, wenngleich er diesmal recht kurz gewesen war, und schließlich die Fahrt hierher. So spürte er, wie ihn die Müdigkeit überkam, kaum dass er das Bett berührt hatte.
»Wie geht es morgen weiter?«, wollte Nirvin wissen.
»Das werden wir morgen früh entscheiden. Bekannt ist nur, dass sich das Fragment hier in der Nähe befinden muss. Mit etwas Glück hast du vielleicht ja einen Traum, der dich erleuchtet.«
Er gähnte und wandte sich Nirvins Bett zu. Wusste er doch, dass sich das Mädchen mit dieser Antwort nicht zufrieden geben würde.
»Du weißt genau, dass das ziemlich unwahrscheinlich ist. Wir können doch morgen früh nicht einfach die Pferde satteln und auf gut Glück losreiten«, protestierte sie.
»Nirvin, bitte. Lass uns abwarten und sehen, was der morgige Tag bringt. Ich bin hundemüde!«
»Ich bin auch erschöpft, aber mir schwirren tausend Gedanken im Kopf herum. Dauernd bin ich am überlegen, wo wir als Erstes suchen könnten. Meinst du, Lupo hat das Fragment tatsächlich in einem verlassenen Ziegenstall hier in den Bergen untergebracht? Das wäre doch sicherlich viel zu riskant gewesen. Aber mir fällt kein geeignetes Versteck ein.«
»Ach Nirvin, nur keine Panik. Wir werden uns die nötige Zeit nehmen und so lange suchen, bis wir Erfolg haben. Wenn der Armreifteil nun schon so lange verborgen geblieben ist, wird es wohl nicht auf ein paar Tage mehr ankommen. Jedenfalls freue ich mich schon auf den Ausritt durch die Berge. Das erinnert mich an unser erstes Abenteuer hier.«
»Wir sind nicht zum Vergnügen hier, Ed! Wir haben eine Aufgabe … Ausritt durch die Berge!?«
Nirvin tat empört, doch musste sie sich eingestehen, dass auch sie sich freute. Zwar konnte sie den Jungen im fahlen Mondlicht kaum sehen, doch sie spürte genau, wie er vor sich her grinste. Das ärgerte sie nur noch mehr, kannte er sie doch zu gut und wusste, dass auch sie von der bevorstehenden Bergtour angetan war. Gereizt warf sie ihr Kissen in seine Richtung.
»Aua, du Biest!«
Er lachte und prompt landeten gleich zwei Kissen bei Nirvin. Jetzt war Edoardo definitiv wieder wach. Eine heftige Kissenschlacht begann, schließlich stürzte sich das Mädchen auf den Jungen und scherzend rangen sie miteinander, bis sie beide lachend und erschöpft zwischen Kissen, Laken und Decken auf dem Boden lagen.
»Lässt du mich jetzt endlich schlafen, du wildes Raubtier?«, scherzte Edoardo.
»Erst erzähl ich dir noch eine Gruselgeschichte, wie in alten Zeiten«, beschloss Nirvin und fügte herausfordernd hinzu: »Oder kannst du dann nicht schlafen?«
»Na, dann leg mal los, du Nervensäge. Eine deiner Gutenachtgeschichten wird mir bestimmt helfen, einzuschlummern.«
Sie rückten Kissen und Decken zurecht und machten es sich, so gut es auf dem Steinboden ging, gemütlich. Dann kuschelte Nirvin sich an ihn und begann mit ihrer Erzählung. Diesmal ging es in ihrer Horrorstory um einen Mönch, der von seinem Orden exkommuniziert worden war, da man ihn beschuldigt hatte, einen Pakt mit dem Teufel geschlossen zu haben. Man machte ihn daraufhin für das Verschwinden mehrerer Kinder verantwortlich. Angeblich sollte er sie auf einem Berg hier ganz in der Nähe geopfert haben. Daraufhin zogen die aufgebrachten Dorfbewohner los und lynchten ihn kurzerhand. Man verbrannte seine Überreste auf jenem Felsen, auf dem er seine Opfer hingerichtet hatte. Was von ihm übrig blieb, war seine Asche und ein goldener Anhänger in Form einer Kralle. Die Anwesenden fürchteten sich vor diesem eigenartigen Objekt, denn man behauptete, es wäre ein Geschenk des Teufels gewesen, mit dem dieser den Mönch beeinflusst hatte. Und so vergrub man es auf dem Felsen an einer geheimen Stelle. Letzteren Teil bekam Edoardo nur noch sehr vage mit, war er doch bereits in die Welt der Träume getreten.
Zunächst war alles schwarz. Dann war ihm, als würde er einen Flügelschlag vernehmen, und der Schrei eines Falken war deutlich hörbar. Plötzlich wurde ein kleiner heller Punkt sichtbar. Allmählich wurde er größer, bis Edoardo von dem grellen Licht regelrecht geblendet wurde. Er blinzelte, dann schaute er sich um. Wo war er? Die Umgebung wirkte verschwommen, er meinte, vereinzelt Dünen zu erkennen, unter seinen Füßen war Sand. Vor ihm lag eine eiserne Mauer. Dann erblickte er undeutlich eine Gestalt, die aus einem Mauertor heraustrat und auf ihn zuzukommen schien. Der Umriss wuchs und wurde deutlicher. Groß und angsteinflößend stand sie schließlich vor ihm: eine Mumiengestalt mit grünlich schimmerndem Haupt, Osiris! Es war eine fremde alte Sprache, die er plötzlich vernahm. Er konnte nicht sagen, ob es der Totengott war, der zu ihm sprach, doch eigenartigerweise empfand er sie als vertraut und verstand jedes Wort:
»Sei gegrüßt, mein Sohn. Dein Ka hat den Weg gefunden. Doch noch hast du nicht die Macht, dieses Reich zu betreten.«
»Osiris? Was meinst du damit? Was tue ich hier? Wieso mein Ka?«
»Es gibt jemanden, der dich sehen möchte.« Mit diesen Worten trat er beiseite, und Edoardo erkannte erschrocken, dass Osiris seine Gestalt änderte und für einen Augenblick sein Ebenbild annahm. Kurz blickte er noch auf ihn, dann verblich seine Gestalt und schließlich verschwand sie gänzlich. Doch die Worte, die dabei zu Edoardo drangen, waren noch deutlich vernehmbar: »Bald werden wir uns wiedersehen. Bald, wenn die Zeit reif ist und du diesem Reich würdig bist.«
Diese Worte waren beängstigend, doch noch mehr erschrak Edoardo, als er für einen Augenblick meinte, einen grünlichen Schimmer auf seiner Haut wahrzunehmen, als er auf seine Hände blickte. Doch mit einem Mal war all dies vergessen, als plötzlich seine Mutter Elena vor ihm Stand.
»Mein Sohn!« Sie lächelte und breitete die Arme aus, in die sich der Junge direkt warf. Fest umarmte er die Frau.
»Mutter!«, brachte er mit bebender Stimme hervor.
»Ich bin ja so stolz auf dich, Edoardo! Du warst so mutig, und hast all die Aufgaben, die ihr zu lösen hattet, mit Bravour gemeistert. Doch noch seid ihr nicht am Ziel. Leider kann ich dir nicht wirklich helfen, du bist aus einem anderen Grund hier. Ich weiß, wen du suchst.«
Sie lächelte.
»Was meinst du damit? Wovon redest du?«
Edoardo war verwirrt.
»Ich wusste, dass du kommen würdest, und wollte dich nur kurz sehen.«
»Ich möchte dich aber wiedersehen!«
»Das wirst du auch, mein Junge. Sehr bald.«
»Wann?«
Es war so schön, seine Mutter zu sehen, zu spüren, ja er konnte sie sogar riechen! Sie schien so real, er wollte sie nicht wieder verlieren!
»Schatz, ich kann dir wirklich nicht mehr verraten.«
»Das da eben war doch Osiris?«, fragte er verwundert, doch seine Mutter lächelte nur milde.
»Ich habe nicht ganz verstanden, was er da erzählt hat.« »Das wirst du noch früh genug erfahren und verstehen.«
»Werde ich sterben? Für einen Augenblick meinte ich, grüne Hände wie Osiris zu haben, ist das ein Zeichen?«
Nun war er erneut in Sorge, doch seine Mutter schüttelte den Kopf, strich ihm über die Wange und meinte nur:
»Nein, das hat einen anderen Grund. Du wirst es bald erfahren, aber nun muss ich gehen. Bis bald, Edoardo.«
Der Junge versuchte verzweifelt, seine Mutter zurückzuhalten, doch die Gestalt löste sich auf, und bevor er noch etwas hinterherrufen konnte, erschien bereits eine weitere Figur.
»Lupo!«
»Hallo, mein Junge!« Der Mann mit der markanten Narbe unter dem Auge lachte freudig. »Schön, dich zu sehen. Ihr ward große Klasse! Danke dir auch, dass du gut auf meine kleine Nirvin aufgepasst hast.«
»Das ist doch Ehrensache! Ach Lupo, ich habe so viele Fragen an dich! Aber hauptsächlich müssen wir jetzt erst einmal wissen, wo du das Armreiffragment versteckt hast!«
»Nirvin weiß es.«
»Nein, das tut sie nicht. Sie kann sich an kein Versteck mehr erinnern.«
»Sie hat dir doch eine ihrer Horrorgeschichten erzählt. Ihr Unterbewusstsein ist bereits auf dem richtigen Weg.«
»Lupo, rede nicht in Rätseln.«
»Ich kann dir keine direkten Antworten geben, mein Junge. Ich denke, ich werde euch erneut begleiten müssen.«
»Als Lupo, der Hund?«
Diese Frage wollte Edoardo schon immer stellen. Seitdem Christian Mount, genannt Lupo, durch einen Jagdunfall ums Leben gekommen war, war immer dann ein geheimnisvoller Hund erschien, wenn die Kinder nicht weiter wussten oder in Gefahr schwebten. Das Tier tauchte so plötzlich aus dem Nichts auf, wie es auch wieder verschwand. Dieser Hund trug ebenfalls eine auffällige Narbe unter seinem Auge, sodass die Kinder den Vierbeiner gern mit Christian in Verbindung brachten, und daher auch den mysteriösen Hund Lupo nannten.
»Nun, ich komme immer dann, wenn du mich um Hilfe bittest.«
»Ich habe dich aber nie um Hilfe gebeten.«
»Doch. Dein Inneres hatte stets um Hilfe gerufen, also erschien ich, du warst dir dessen nur nie bewusst.«
»Und dann kamst du einfach mal aus der Unterwelt wie Anubis, um uns zu helfen. Ist das so einfach?« Edoardo fühlte sich regelrecht an der Nase herumgeführt.
»So einfach ist das nicht, Junge.« Er klopfte ihm auf die Schulter und meinte: »Setz dich kurz.« Mit einem Mal stand eine Bank vor ihnen. »Ihr habt bereits so vieles erlebt und müsstet wissen, dass es Dinge gibt, die nicht so einfach zu erklären sind. Ihr hattet schon einen Einblick in die Vergangenheit, in die Welt der Pharaonen, deren Götter, Mythen und Magie. Also hör mir einfach zu und stell keine Fragen. Ich erzählte euch einst die Geschichte, wie ich zu meiner Narbe kam.«
»Oh ja, der Geist des Wolfjägers, er rettete dich in Form eines großen weißen Wolfes mit rotglühenden Augen vor einem Rudel hungriger Wölfe«, erwiderte der Junge in etwas sarkastischem Ton. Er hatte diesem Märchen nie wirklich Glauben geschenkt.
»Genau«, erwiderte Christian ernst. »Ich sehe, du erinnerst dich. Seitdem war ich mit dem Wesen des Wolfes vereint, und dies auch nach meinem Tod. Im Reiche der Unterwelt bin ich nun vereint mit dem Wesen Anubis, ich passe auf Nirvins und deine Mutter auf, als treuer Diener des Osiris. Als dein treuer Diener. Und deshalb kann meine Ka-Seele dir in Form eines Wolfes, Hundes aber auch Schakals auf Erden jederzeit dienen, wenn du in Not bist und meine Hilfe forderst.«
»Ich dachte immer, du wärst der Schutzgeist von Nirvin. Doc hat es uns damals so erklärt. Was also, wenn Nirvin dich braucht und nach dir verlangt?«
»Du allein hast die Macht, meine Ka-Seele aus dem Reich der Unterwelt herbeizurufen.«
»Ich? Wieso?«
»Keine Fragen, mein Junge. Du wirst es noch verstehen. Heute ist es deiner Ka-Seele zum ersten Mal gelungen, die eiserne Mauer zu erreichen.«
Edoardo war keineswegs mit dieser Antwort zufrieden, war dies doch ein reines Rätselraten, und anstatt etwas Klarheit zu bekommen, so war er nun noch verwirrter.
»Du erwähntest Nirvins Mutter. Sie ist hier?«, fragte er dann, worauf Lupo nickte. »Du kannst ihr ausrichten, dass ihre Tochter noch immer nicht fähig ist, in die Zukunft zu schauen, wie man ihr prophezeit hatte. Wie sollen wir da weiterkommen?« Der Junge war sichtlich frustriert.
»Es ist noch nicht an der Zeit. Diese Gabe wird sie zu einem gewissen Zeitpunkt erwerben. Dessen bedarf es aber doch nun wirklich nicht, um in eurer Aufgabe weiterzukommen. Sie wird genau dann einsetzten, wenn es erforderlich sein wird.«
Edoardo war immer noch unzufrieden mit diesen Antworten, doch ein erneuter Aufschrei eines Falken unterbrach sie.
»Horus«, meinte der Junge verwundert, doch Lupo schüttelte den Kopf. »Nein, Edoardo. Das ist Sokar, ein sehr alter Totengott, Wächter des Totenreichs. Es ist an der Zeit, aufzubrechen. Wir können hier nicht länger bleiben. Wir sollten jetzt besser los.«
Edoardo wollte etwas erwidern, aber er kam nicht mehr dazu. Anstelle von Christian stand nun ein schwarzer Schakal vor ihm und schaute ihn auffordernd an.
Abrupt wachte er auf und fuhr hoch, wobei er auch Nirvin aufschreckte, die noch immer neben ihm auf dem Boden lag. Vor ihnen saß Lupo, der Hund, und bellte sie begrüßend an.
»Lupo!«, rief das Mädchen begeistert. »Aber wie kommst du denn hierher? Ed, ist das nicht unglaublich?«
»Unglaublich wie mein Traum«, meinte der Junge weniger überrascht als Nirvin, strich dem Tier kurz über den Kopf und seufzte.
»Du hattest in der Tat eine unruhige Nacht, hast viel wirres Zeug gemurmelt. Leider völlig unverständlich. Also erzähl schon!«, forderte sie ihn ungeduldig auf.
Kurz blickte er noch skeptisch auf den Hund, dann berichtete er einer völlig faszinierten Nirvin von seinem nächtlichen Erlebnis.
»Du hast tatsächlich Osiris gesehen und mit Christian und deiner Mutter reden können? Das war weitaus mehr als ein Traum! Der Teil deiner Seele, den man Ka nennt, ist also gereist? Wie ist das möglich? Ist Lupo, der Hund, also wirklich Christian, ist er nun Anubis oder nur eine Art Geisterhund? Ich verstehe gar nichts mehr! Wieso hat er dir nicht verraten wollen, wo wir das Armreiffragment finden?«
»Nirvin, ich weiß doch auch nicht viel mehr als du. Dies alles war zwar wie ein Traum, doch irgendwie war es trotzdem anders, es war alles so real und beängstigend. Die Sphinx hätte sicherlich weniger verworren geredet als Osiris und Lupo, auch meine Mutter hat sich nicht klar ausgedrückt. Wieso müssen immer alle in Rätseln reden?!«
Sie diskutierten noch kurz darüber, dann meinte Nirvin: »Und das Versteck des Fragments soll im Zusammenhang mit meiner Gruselgeschichte letzter Nacht stehen, sagtest du?«
Ed deutete kurz mit dem Kopf auf Lupo, der sich an das Mädchen geschmiegt hatte, um sich seine Streicheleinheiten zu holen:
»So hat er es gesagt. Du hast doch von einem Felsen erzählt. Wo liegt er?«
»Es ist doch nur ein Märchen, Ed«, meinte Nirvin.
»Aber du hast dabei an einen bestimmten Berg gedacht, oder?«
Das Mädchen nickte.
»Weißt du noch, als du in der alten Schafshütte gefangen gehalten wurdest und Christian mich davon fern halten wollte? Er erzählte mir daher die alte, unbekannte Legende des Felsens, dessen Umriss einem schlafenden Giganten gleicht. Jener Berg heißt Arquentu, Arco di Vento, also Bogen des Windes, aber im Volksmund wird er auch »der schlafende Hannibal« genannt. In diesem Felsen soll angeblich einmal ein Riese gehaust haben, der in der Nacht bei Vollmond Jagd auf Kinder machte, ihren Hals durchschnitt und ihr Blut trank. Aus diesem Grund ist auch ein Großteil des Bodens dort oben von dunkelroter Farbe. Das Blut benötigte der Riese, um Energien aufzubauen, die ihm halfen, wieder menschliche Züge anzunehmen. Es war eine alte Berghexe, die auf diesem Berg wohnte und ihn in einen Felsen verwandelt hatte, als dieser vor vielen, vielen Jahren gewagt hatte, ihr Revier zu durchqueren.«
»Das Märchen kenne ich bereits, Nirvin, also fass dich kurz!«
Das Mädchen warf ihm kurz einen bösen Blick zu und erklärte:
»In den letzten Jahren habe ich Lupos Unterlagen und Reiseberichte durchgelesen. Er kannte allerlei Legenden und hat jede Erzählung, die er im Laufe seiner Reisen vernommen hat, aufgeschrieben. Mich interessierten vorwiegend die Mythen aus Ägypten und Sardinien. So stieß ich auch auf die Legende, die ich dir gestern Nacht erzählt habe.«
»Das bedeutet also, der Armreif muss dort auf diesem Felsen verborgen sein!« Bei diesen Worten sprang Lupo auf und bellte vor Begeisterung.
»So sieht es aus«, meinte Nirvin, schaute jedoch alles andere als zufrieden drein.
»Was ist?«, wollte der Junge wissen.
»Ich kenne zwar diese Felskette, aber nicht den Weg dorthin, geschweige denn das genaue Versteck!«
Das Mädchen schien frustriert, doch Edoardo klopfte ihr auf die Schulter, deutete auf den freudig wedelnden Hund und meinte zuversichtlich:
»Wozu haben wir ihn denn hier? Er wird uns den Weg schon zeigen. Auf, lass uns schnell frühstücken, die Pferde klar machen und aufbrechen!«
Eine knappe Stunde später waren sie bereits im Sattel, ihre Schlafsäcke hatten sie an die Sättel geschnallt und ihre zusätzlichen Satteltaschen waren gefüllt mit Proviant. Sie hatten nur ein altes Mobiltelefon für den Notfall dabei, das sie jedoch zur Sicherheit ausgeschaltet hatten. Je weniger moderne Technologie desto sicherer, hatte Alexander erklärt. Dies machte vor allem Edoardo zu schaffen. Im Gegensatz zu Nirvin liebte er moderne Technologien und war nicht nur handwerklich, sondern auch technisch sehr begabt. So hatte er sein neues I-Phone schweren Herzens daheim gelassen und war zurück zur Natur gekehrt. Mittlerweile gefiel ihm dies sogar immer mehr.
Begeistert an der Spitze hinweg lief Lupo. Voller Zuversicht folgten sie dem treuen Hund, und schnell begannen sie, in alten Erinnerungen zu schwelgen. Die schmalen Wege waren steinig und teils zugewachsen, doch ihren Pferden schienen die dichten Sträucher und Dornen nichts auszumachen. Es waren lokale Pferde, in dieser wilden Gegend geboren und aufgewachsen, und sowohl Nirvin als auch Edoardo hätten sie niemals gegen ein reinrassiges Sportpferd eintauschen wollen, denn sie waren furchtlos, zuverlässig und trittsicher, egal wie eng der Weg an einem Abgrund entlang verlief, ob es durch einen Bach, oder über eine glatte Felswand ging. Die Grillen zirpten unentwegt und die warme Luft wurde erfüllt von Aromen, die von wild wachsenden Pflanzen und Sträuchern abgesondert wurden. Die wenigen Spuren von Zivilisation bestanden lediglich aus alten, rostigen Stacheldrähten hier und da, steinernen Abgrenzungen und Ruinen, aber auch das ein oder andere uralte, verrostete Autowrack. Einmal gerieten sie in eine Herde einsam grasender Ziegen, deren Glöckchen das betörende Grillengezirps erstickten. Um die Mittagszeit machten sie Rast unter einem einsam gelegenen Feigenbaum. Mittlerweile war es drückend heiß geworden, und die angenehme Windbrise, die plötzlich aufkam, empfanden sie als eine wahre Wohltat. Am liebsten wären Edoardo und Nirvin gleich nach ihrem Picknick weitergezogen, doch Lupo blieb träge liegen.
»So ein fauler Hund!«, schimpfte der Junge.
»Ihm ist es sicherlich zu heiß«, meinte Nirvin entschuldigend.
»Was hat er noch behauptet? Stets zu meinen Diensten zu sein, oh ja, ich sehe es!«
Das Mädchen legte beschwichtigend ihre Hand auf Edoardos Schulter. Schon den ganzen Morgen war ihr aufgefallen, wie schweigsam der Junge war. Sicher beschäftigte ihn immer noch sein nächtliches Erlebnis, und so forderte sie ihn behutsam auf, sich hinzusetzen:
»Komm, lass und noch etwas ausruhen. Es ist auch für die Pferde viel zu heiß. Auf eine Stunde mehr oder weniger wird es jetzt auch nicht ankommen. So kannst du mir auch nochmal erzählen, was dir Christian genau mitgeteilt hat. Ich verstehe nicht, wie er das gemeint hat, dass du allein die Macht haben sollst, Lupo herbeizurufen, wann immer wir seine Hilfe brauchen. Glaubst du vielleicht, irgendeine besondere Verbindung zum Totenreich zu besitzen? Kann es das sein? Was hat Osiris gesagt, du hättest den Weg gefunden, aber du hast noch nicht die Macht, dieses Reich zu betreten? Klingt unheimlich!«
»Allerdings. Ich habe meine Mutter gefragt, ob ich wohl bald sterben müsste, doch sie hat es abgestritten. Erst wenn die Zeit reif ist und ich diesem Reich würdig bin, würde ich es betreten können, so die Worte Osiris. Ich muss die ganze Zeit an diese Vision denken, die ich für einen kurzen Augenblick hatte. Nicht nur, dass Osiris mir für einen Moment glich, diese schrecklichen grünen Hände und Arme die ich plötzlich hatte, das waren gewiss nicht meine!«
»Du meinst, so grün wie Hulk, oder eher eine Grünfärbung der Haut, so wie sie bei Leichen nach fünf bis zwölf Tagen einsetzt?«
»Nirvin, das ist ja widerlich! Hast du das von Maria?«
»Ich interessiere mich halt für Forensik und Kriminologie. Wer weiß, vielleicht werde ich mal Gerichtsmedizinerin. Also, wie sah dieses Grün aus?«
»Es hat mich an Fäulnis erinnert, also eher Option zwei.«
»Dann standst du also für einen kurzen Moment in Verbindung zu Osiris, vermute ich.«
Nachdenklich nickte Edoardo. »Vermutlich ja. Aber wieso?«
»Hattest du je ein Nahtoderlebnis oder Ähnliches?«, fragte ihn Nirvin und spielte dabei nachdenklich an einer ihrer Haarsträhnen.
»Nein, ich …«, er stockte. »Warte mal. Daran hatte ich gar nicht mehr gedacht.«
»An was?« Nirvin blickte ihn erwartungsvoll an.
»Nun, bei meiner Geburt muss es Komplikationen gegeben haben. Die Nabelschnur hatte sich um meinen Hals gelegt und anfangs habe ich nicht geatmet. Es muss wohl alles ziemlich dramatisch gewesen sein, jedenfalls müssen die Ärzte ganz schön um mein Leben gekämpft haben. Schließlich stieß ich dann den erlösenden Schrei aus und atmete. Ich hatte großes Glück.«
»Also standst du zwischen Leben und Tod, so gesehen warst du dem Reich Osiris ziemlich nahe. Ich denke, das ist es!« Nirvin wirkte zuversichtlich, doch Edoardo schien noch immer zu zögern.
»Ich weiß nicht. Naja, vielleicht ist es so.«
Er hatte allmählich keine Lust mehr, darüber zu diskutieren und sich darüber den Kopf zu zerbrechen, brachte es ihn ja doch nicht weiter.
Es war etwas anderes, was ihn insgeheim beschäftigte. Was er Nirvin verschwieg, war die Anwesenheit eines weiteren Wegbegleiters. Das Mädchen schien ihn noch nicht bemerkt zu haben, doch ihm war immer wieder ein kleiner Wanderfalke aufgefallen, der mal über ihnen kreiste, mal auf einem Geäst saß. Noch gestern hätte er sich über die Anwesenheit des Greifvogels gefreut und ihn begeistert Nirvin gezeigt. Er hätte es als gutes Omen interpretiert, denn spontan hätte er ihn mit dem Schutzgott Horus verbunden. Doch nun war er sich nicht mehr sicher, ob der Falke ein gutes Zeichen war. Was, wenn er nicht Horus, sondern Sokar verkörperte? Wäre das immer noch gut? War er vielleicht doch ein schlechtes Omen oder gar eine Bedrohung? Edoardo konnte wahrhaftig nicht sagen, in welcher Beziehung der Totengott zu ihnen stand, doch hatte er Nirvin bereits genug mit seiner nächtlichen Vision, oder was auch immer es war, beunruhigt. Ihm war nicht entgangen, wie auffällig ruhig und in Gedanken versunken sie war, und er bereute es bereits ein wenig, ihr jedes Detail geschildert zu haben. Nein, die Anwesenheit des Falken würde er vorerst für sich behalten.
Er konnte jedoch nicht wissen, dass dem Mädchen das Tier schon längst aufgefallen war und Nirvin sich ähnliche Gedanken machte. Wie Edoardo, so nahm auch sie an, dass der Junge den Vogel nicht bemerkt hatte, und daher beschloss auch sie, dessen Anwesenheit vorerst besser zu verschweigen, schwirrten ihrem Freund doch momentan genug Gedanken im Kopf herum!
So ritten sie schweigsam weiter, bis sie schließlich gegen Abend den Fuß des Arquentu erreichten. Nachdem Lupo sich an einer geschützten Stelle niedergelassen hatte, entschieden sie kurzerhand, ihr Lager aufzuschlagen und den Felsen am nächsten Morgen zu besteigen. Sie versorgten ihre Pferde, dann machten sie es sich an einem Lagerfeuer gemütlich. Schnell kühlte die warme Abendluft ab und schon bald erschienen die ersten Sterne am Firmament. Leider waren sie durch das grelle Mondlicht nicht sehr deutlich zu sehen. Müde kuschelten sich die Freunde in ihre Schlafsäcke und betrachteten das nächtliche Firmament. Sowohl Edoardo als auch Nirvin waren ungewöhnlich schweigsam. Beide waren noch immer in Gedanken vertieft und wollten den anderen nicht weiter mit erneuten Mutmaßungen oder Fragen beunruhigen. Nach einer Weile jedoch meinte der Junge schließlich:
»Nirvin, wie wäre es mit einer Gutenachtgeschichte? Fällt dir nichts mehr ein?«
»Zu dieser Bergkette, meinst du?«
»Gibt es da noch weitere Legenden?«
»Nur zwei, die jedoch allgemein bekannt sind und nicht allzu furchterregend sind.«
»Na, das klingt doch gut. Leg los!«
»Laut der ersten Legende verbirgt der Arquentu einen Schatz.«
»Naja, womöglich der goldene Anhänger des Priesters«, meinte Edoardo, doch Nirvin fuhr unbeirrt fort:
»Dieser Schatz kann nur von einem jungen Liebespaar am Vortag ihrer Hochzeit gefunden werden. Sie müssen um Mitternacht den Berg besteigen, denn dann kommt eine Hexe auf einem Karren angefahren. Sie müssen dem Teufel ihre Seelen verkaufen, woraufhin die Hexe den beiden verrät, wo sie nach dem Schatz suchen müssen.«
»Schon wieder die Hexe und der gierige Teufel, der auf die Seelen Unschuldiger aus ist!«
»Du siehst, irgendwie sind alle Legenden miteinander verbunden.«
»Vielleicht sollten wir doch noch hochklettern. Bis Mitternacht könnten wir es schaffen und die Hexe um Rat bitten.«
»Tja, da vergisst du nur ein Detail. Mal abgesehen davon, dass wir unsere Seelen verkaufen müssten, sind wir kein Liebespaar, das morgen heiratet.«
»Auch wieder wahr.« Schnell fügte der Junge hinzu: »Und um was geht es in der zweiten Legende?«
»Ein einflussreicher Edelmann verliebte sich in ein Mädchen namens Lucia aus einem Ort hier in der Nähe. Als er um ihre Hand anhielt, weigerte sich Lucia jedoch, ihn zu heiraten. Vor lauter Wut befahl der Abgewiesene daraufhin, das arme Mädchen lebendig einzumauern. So vergrub man sie hier auf diesem Berg, neben einem goldenen Spinnrad und weiteren Reichtümern.«
»Der Schatz?«
»Vielleicht … jedenfalls wird erzählt, dass der Edelmann Wespennester anbringen ließ, die jeden Ritter daran hindern würden, die Reichtümer und das Mädchen zu finden. Noch heute beteuern Schäfer, die hierherkommen, das Mädchen singen zu hören, während sie nachts am Spinnrad arbeitet.«
»Das waren ja mal relativ harmlose Geschichten. Aber schön. Interessant ist jedoch, wie oft dabei ein Schatz erwähnt wird.«
»Hauptsache, wir finden bald unseren Schatz. Gute Nacht, Ed.«
Nirvin gähnte und kuschelte sich tief in ihren Schlafsack. Auch Edoardo überkam die Müdigkeit, und so schliefen sie bald erschöpft ein, ohne zu bemerken, dass Lupo plötzlich wachsam wurde, sich erhob und unruhig aufhorchte. Sein Fell sträubte sich, und er knurrte leise vor sich hin. Schließlich jedoch verstummte er, als er den Schrei einer Eule vernahm, und legte sich erneut zu seinen friedlich schlummernden Schützlingen.
Die Bedrohung war zwar beachtlich näher gerückt, doch diese Nacht würde Thot über sie wachen. Unter dem schützenden Schein des Mondes befanden sie sich noch in Sicherheit.
Etwas Feuchtes berührte sein Gesicht und holte ihn aus dem Schlaf. Langsam öffnete Edoardo die Augen, blinzelte verschlafen und erkannte Lupo vor ihm. Der Hund blickte ihn erwartungsvoll an, dann sprang er ungeduldig umher.
»Ihh, Lupo, musstest du mich ablecken? Was ist los, wieso bist du so ungeduldig? Die Sonne geht gerade erst auf.«
Verschlafen wischte er sich die Augen, seufzte, als der Hund erneut auffordernd auf ihn zusprang und quälte sich schließlich aus dem Schlafsack. Er stellte erleichtert fest, dass er fest durchgeschlafen hatte, ohne jegliches nächtliches Ereignis.
»Ed?« verschlafen öffnete nun auch Nirvin die Augen. »Was ist los, wieso bist du schon auf den Beinen? Es ist doch noch früh!«
»Frag nicht mich, frag deinen vierbeinigen Freund, er nervt und will anscheinend weiter.«
»Wieso ist er so unruhig?«
»Keine Ahnung.« Edoardo seufzte. »Also los, weiter geht’s.«
Schnell machten sie sich frisch und aßen eine Kleinigkeit, dann sattelten sie ihre Pferde und zogen los. Sie folgten einem steilen, engen Pfad, der an Steinwänden und Dornbüschen entlangführte. Zahlreiche Wasserläufe bahnten sich hier ihren Weg. Der Anblick wurde immer atemberaubender, man hatte Aussicht auf den Golf von Oristano, den Bergen Arci, Linas und Gennargentu, auf die Halbinsel Sinis, die Giara und die Ebene des Campidano. Doch es blieb wenig Zeit, das Panorama zu bestaunen. Schließlich mussten sie absteigen, die Pferde und all ihre Habseligkeiten zurücklassen, denn nun mussten sie die Felswand aus Vulkangestein regelrecht hochklettern. Es war recht mühselig, einige Male rutschten sie aus oder blieben am Gestrüpp hängen, doch schließlich erreichten sie die Spitze.
»Dass es keinen besseren Weg hier hoch gab!«, beschwerte sich Edoardo.
»Den gibt es, aber Lupo hat wohl den kürzesten Weg nehmen wollen«, vermutete Nirvin.
»Und nun, wo sollen wir suchen?«
»Wo ist Lupo?« Das Mädchen blickte sich um, doch nirgends war der Hund zu sehen.
»Na fabelhaft! Weißt du weiter? Vielleicht sollten wir …«, doch weiter kam er nicht, denn ganz in der Nähe bellte und knurrte plötzlich ein Hund.
»Das ist Lupo! Ed, irgendetwas stimmt nicht!«
Kaum hatte Nirvin den Satz ausgesprochen, als auch schon ein Schatten aus dem Dickicht sprang und sich auf das Mädchen stürzte. Edoardo zögerte nicht lange und stürzte sich seinerseits auf den Mann. Ganz in der Nähe ertönte ein Schmerzensschrei und Lupo bellte erneut auf, doch dies ging in der wilden Rangelei unter. Schließlich gelang es Edoardo, den Unbekannten zu überwältigen, und nun erkannten sie, um wen es sich handelte: Nadim, alias Mohamed Al Halabi!
»Du …« Edoardo kochte vor Wut, doch der ältere Mann hob beschwichtigen die Hand und rief allarmiert:
»Wir müssen hier weg! Reda hat Feuer gelegt, die Flammen werden uns umzingeln, ihr solltet schleunigst verschwinden!«
Nirvin blickte entsetzt zu ihrem Großvater, dann zu Edoardo. Sie konnten es bereits riechen, das Feuer. Die bis vor Kurzem noch klare Luft wurde dunstiger und wärmer. Nun war auch ein bedrohliches Knistern zu vernehmen.
»Was nun? Wir brauchen den Armreif!«
