Detektiv Parker - Ralf Sadenwater - E-Book

Detektiv Parker E-Book

Ralf Sadenwater

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Beschreibung

Eric Parker ist ein Geheimdetektiv in San Francisco. Auf etwas merkwürdige Art wird er angeheuert, die verschwundene Tochter eines der reichsten Männer der Stadt zu finden. Lügen und Intrigen sind an der Tagesordnung, Gewalt und Exzesse geben ihm einen Einblick in eine Welt, von der er dachte, sie sei weit weg. Als er die junge Frau findet, muss er die folgenschwerste Entscheidung seines Lebens treffen.

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Seitenzahl: 290

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Detektiv Parker

Titelseite1.2.3.4.5.6.7.8.9.10.11.12.13.14.15.16.17.18.19.20.21.22.23.24.25.26.27.28.29.30.31.32.33.34.35.36.37.38.39.40.41.42.43.44.45.46.47.48.49.50.Impressum

Detektiv Parker

1.

Es war mal wieder einer der Tage, an dem ich mich fragte, warum ich diesen Job überhaupt machte.

Es begann damit, dass ich vor dem Spiegel stand und meine überaus imposante Erscheinung durch Drehen und Wenden meinen Augen feilbot.

Diese endlos breiten Schultern, ein Hals wie ein Stier, Hände, für die so mancher beide seiner Armendungen brauchte, um nur eine dieser Pranken zu umfassen.

Muskulös und super durchtrainiert. Ein ganzer Kerl eben.

Nun, wenn ich ehrlich sein soll, dann habe ich gerade maßlos übertrieben, denn meine Spiegelsession war eigentlich nur der kurze Blick, ob ich mich so unter die Menschheit wagen konnte.

Ich hatte entgegen dem allgemein geltenden Klischee keinen langen Lodenmantel an und auch keinen Hut auf.

Fast salopp hatte ich mich in eine normale Jeans gequetscht, die mir langsam zu eng wurde und ein einfaches sportliches T-Shirt angezogen, weißblaue Sportschuhe und ich war bereit.

Bereit, meinen nächsten Fall zu übernehmen.

Ach so, ich bin Geheimdetektiv. Nicht Privat-, Geheimdetektiv.

Auf den kleinen Unterschied in der Berufsbezeichnung lege ich Wert.

Warum?

Ich habe keinen blassen Schimmer. Vielleicht, weil es sich besser anhört.

Vielleicht aber auch, weil ich allein durch die Berufsbezeichnung schon so manchen Auftrag bekommen hatte, der höchste Geheimhaltung erforderte. Das war wichtig für die Auftraggeber, die unerkannt bleiben wollten. Oder mussten.

Aber davon ist jetzt nicht die Rede. Später vielleicht, wenn es den Einen oder Anderen interessiert.

Gestern Abend hatte mich, und das war dann doch das Klischee schlechthin, eine zauberhafte, blondierte, knallrotlippige Schönheit aufgesucht und mich mit dem Auffinden ihres Mannes betraut.

Der war ein furchtbar hohes Tier in der hiesigen, millionenschweren Computerfirma und seit drei Tagen verschwunden.

Oh Mann, ich hatte kein gutes Gefühl dabei, als ich den Auftrag annahm.

Diese, seine Frau musste ein echtes Kaliberweib sein.

Sie hatte eine Art zu reden, dass dir als Single schwindlig werden konnte.

Die Worte kamen so hauchzart aus ihrem wohlgeformten Mund, dass dein Blick wohl oder übel einfach nur an diesem hängen blieb.

Sie bewegte sich wie eine Elfe, die...

Genug geschwärmt!

< Sie ist deine Auftraggeberin. Ende.>

Also machte ich mich auf den Weg zu ihr.

Es war nicht weit.

Da ich, wie so oft, knapp bei Kasse war und sich die Benzinpreise frech am oberen bezahlbaren Limit tummelten, beschloss ich, mit der U-Bahn zu fahren.

Ein paar Stationen und ein paar hundert Meter laufen, dann war ich am Ziel.

Ein pompöses Einfamilienhaus, eine Villa war das, was sich die beiden da noch schnell kurz vor seinem Verschwinden geleistet hatten.

Mein erster Verdacht war ja klar gewesen, denn eine so schöne Frau ist selten bei einem Mann zu halten, dessen Foto mir einiges nahegelegt hatte.

Aber warum nicht, wo die Liebe hinfällt...

Erst einmal war sie nicht die Verdächtige. Wenn sie überhaupt verdächtig werden könnte. Hatte sie ihren Mann beiseite geschafft, um an eventuelles Geld zu kommen?

Nein, um Verdachtsmomente zu äußern, war es wirklich zu früh.

Wir hatten ausgemacht, dass ich gegen Zehn Uhr zu ihr kommen sollte, um mir ein Bild von dem Vermissten machen zu können.

Ich hatte noch einige Minuten Zeit, also schlenderte ich offenen Auges durch die Wohngegend, die so manchen steinreichen Aktionär anlockte.

Ich sah mehrere Baustellen.

Viele Häuser mussten schon seit Jahren hier stehen, denn der Grundbesitz der Hauseigentümer war beträchtlich durch gärtnerische Höchstleistungen verziert worden.

Ich gebe zu, dass ich mit dieser Gegend nicht viel anfangen konnte, da ich bisher nur ein einziges Mal hier gewesen bin, nämlich nur, um einen Job zu beenden.

Ich kannte mich hier wirklich nicht aus. Wozu auch? Ich hatte hier nichts zu suchen.

Bis auf Nicolette Branigan, meine Auftraggeberin.

Es reichte, ich hatte mir die Strasse, die regelrecht nach Geld stank, genug angesehen.

Ich ging jetzt zielstrebig zu dem Haus von Miss Branigan.

Als ich klingelte, hörte ich im Inneren des Hauses einen Hund bellen.

< Na, toll. So wie der klingt, frisst der durch die Nase, nebenbei, beim Einatmen.>, dachte ich, bevor im nächsten Augenblick die Tür geöffnet wurde und eine hübsche kleine Blondine gegen die Sonne blinzelte.

„ Wie kann ich ihnen helfen, Mister?“

„ Mein Name ist Eric Parker. Ich bin Detektiv und hier mit Mrs. Branigan verabredet.“

< Oh Mann, sind die hier alle blond? Ich lach mich tot, wenn der Hund auch noch blond ist.>

War er nicht.

Er kam gerade um die Ecke getobt und auf mich zugehetzt.

Ich fürchtete, dass dieser Auftrag, den ich noch nicht einmal richtig begonnen hatte, mein Letzter werden würde.

Mit den Fressgewohnheiten dieses Tieres hatte ich wohl recht gehabt.

Kurz vor mir bremste dieses fohlengroße Haustier und setzte sich hin.

Und tat so, als wäre es die Unschuld vom Lande.

Nicht, dass es mir eben einen riesigen Schrecken eingejagt hatte, nein, woher denn.

Diese kleine knuddelige Schoßhündchen doch nicht.

Ich schluckte meine Bedenken hinunter und sah jetzt mal lieber auf das stupsnasige Mädchen, das wohl noch auf eine Art Reaktion von mir wartete.

Ich sah, dass sie sich einen Heidenspaß daraus machte, was ich von ihrer reinrassigen, ausgewachsenen Deutschen Dogge hielt.

„ Und bitte“, Ich hob vorsichtig die Hand.

„ bitte sagen sie jetzt nicht, der will nur spielen, OK?“

Ich kenne diese Rasse. Ein befreundeter Gastwirt aus meiner Jugend hatte einmal Doggen gezüchtet.

Sie waren wohlerzogene, gelehrige, ja auch schöne und fast schon majestätische Tiere. Nie hatte es Anlass gegeben, sich vor ihnen zu ängstigen.

Dieses Tier hier aber kannte ich nicht. Deshalb hielt ich es für besser, Abstand zu halten.

„ Keine Sorge, der tut wirklich nichts.“

„ Wie heißt er denn?“, wollte ich wissen.

< Die sagt jetzt bestimmt –Charlie-.>, dachte ich.

„ Charlie.“

Natürlich. Warum nicht.

„ Also gut, Charlie, du bleibst jetzt ruhig sitzen und dein schönes Frauchen sagt mir jetzt, was mit Mrs. Branigan ist.“

„ Ach so, natürlich.“

Sie lachte etwas kindlich und ging einige Schritte rückwärts, um den Eingang freizugeben.

„ Kommen sie. Mrs. Branigan ist gleich bei ihnen. Sie wollte zwar heute Morgen schnell nach New York zum shoppen, aber sie hat es sich dann doch anders überlegt.“

Danke, wie zuvorkommend. Ich fand es außerordentlich nett, dass sich die gute Nicolette ein wenig Zeit für mich nahm.

Wo ich doch nur die unbedeutende Nebensächlichkeit des Verschwindens ihres Mannes bearbeiten wollte, oder sollte.

„ Du bleibst hübsch brav, nicht wahr?“, sagte ich Vorbeigehen noch zu dem Hauspferd, ähm, Haushund.

Na ja, bei dieser Größe kann man die Gattungen der Tiere schon mal verwechseln.

„ Bitte warten sie hier im Salon, Mrs. Branigan kommt gleich.“

Schwupps, war sie verschwunden.

Und der Hund glotzte mich an.

Sollte er ruhig.

Ich wartete. Ich tat nichts, was ihm missfallen könnte. Nein, ich blieb schön brav sitzen.

Bis Mrs. Branigan die Treppe heruntergerauscht kam.

Oh Mann, das haut einen um. So ein Bild von einer Frau. So eine Schönheit, in einem Kleid, dass...

... überhaupt nicht zu dieser Tageszeit passte.

„ Guten Morgen, Mr. Parker. Darf ich sie Eric nennen?“

Warum nicht, das tat sie ja ohnehin schon.

„ Guten Morgen, Mrs. Branigan. Sie sehen bezaubernd aus. Sie dürfen.“

Ich fragte mich noch, ob ich sie fragen sollte, ob sie irgendwohin wollte, aber das würde mich wohl nun wirklich nichts angehen.

Sie war schließlich immer noch keine Verdächtige.

Also fragte ich lieber mal etwas anderes.

„ Ich möchte gleich zur Sache kommen, Mrs. Branigan. Ich will nicht ihre kostbare Zeit vertrödeln, denn sicher ist auch für sie Zeit bares Geld.“

„ Ach wissen sie, Geld spielt keine Rolle.“, sagte sie leicht schnippisch.

Hört, hört. So wie diese Villa aussah, hatte ihr Mann sicher alle Hände voll zu tun gehabt, nach dem Bau wieder für finanziellen Nachschub zu sorgen.

Aber wenn es keine Rolle spielte...

„ Also, ich möchte wissen, ob ihr Mann vielleicht innerhalb der Firma irgendwelche Feinde, Neider oder so etwas gehabt hat. Des Weiteren möchte ich wissen, wer ihn zuletzt gesehen hat, wo er hin wollte, was er vorhatte.“

„ Also.“ Die Nicolette holte tief, tief, sehr tief Luft.

Ich hatte schon Angst, dass ihr viel zu enges, dekolleteformendes Mieder aus dem Rahmen springen könnte. Vielleicht wollte sie das ja auch.

Jedenfalls sprang nichts und sie begann.

„ Woran mein Mann zuletzt gearbeitet hat, das weiß ich nicht.

Dass er Feinde gehabt hat, lassen sie mich überlegen...“

Sie führte ihren Zeigefinger an ihr Kinn und tippte ihn nachdenklich ein paar Mal dagegen. Also, so tun, als ob sie nachdachte, das konnte sie gut.

Aber ich nahm ihr das Getue nicht ab. Ich ahnte schon, dass sie jetzt mindestens einen Namen nennen würde. Einen, der sich später als alles andere als ein Feind ihres Mannes herausstellen würde. Aber ich würde mir den Namen selbstverständlich notieren.

„ Nun, Mr. Lancaster ist mir ein paar Mal aufgefallen, also am Telefon natürlich, wenn ich Osmond zugehört habe.“

Rein zufällig, versteht sich.

„Rein zufällig, versteht sich. Ansonsten fällt mir wirklich Keiner ein, der meinem Mann seinen Erfolg nicht gönnen würde.

Zuletzt gesehen habe ich ihn, glaube ich. Er wollte abends noch einmal in die Firma und dort ist er aber nicht angekommen.“

„ Zu welcher Uhrzeit war das, Mrs. Branigan?“

„ Ach Eric, nennen sie mich doch Nicolette, bitte. Das war etwa gegen neun Uhr abends.“

„ Und hat er ihnen auch gesagt, was er so spät noch in der Firma wollte? Ich meine, man sagt das doch so, Schatz ich muss noch mal in die Firma, weil ich vergessen habe, den Computer zu sichern, oder so etwas.“

„ Eric! Sie überraschen mich. Woher wissen sie das? Genau das hatte er gesagt. Und, dass er vorher noch schnell bei seiner Mutter vorbeischauen wollte. Warum und weshalb, das weiß ich leider auch nicht.“

Na klar. Die Frau war so dumm, dass sie sogar den ersten hingeworfenen, gedankenlosesten Satz aufnahm, der einem einfiel.

Andererseits, dass Osmond noch zu seiner Mutter wollte, war etwas, dass das Dickicht des Verschwindens seiner Person noch etwas undurchsichtiger machte.

Ich beschloss, das Pferd von der anderen Seite aufzuzäumen.

„ Gut, das reicht für den Moment, Nicolette. Ich melde mich wieder bei ihnen, wenn ich mehr weiß. Ach so, eines noch, ist ihr Mann mir dem Wagen gefahren?“

„ Ja, natürlich, wie immer, mit dem Bentley.“

„ Danke sehr. Der Wagen wird sicher auch vermisst. Ich werde dann mal einige Nachforschungen anstellen.“

„ Ach, Eric, sie wollen wirklich schon gehen? Wir haben doch noch gar nicht gefrühstückt!“

Damit hätte sie ruhig eher rausrücken können.

Jetzt wollte ich unbedingt gehen.

Die Vermisstenmeldung der Nicolette stank doch zum Himmel.

Jetzt musste ich unbedingt gehen.

„ Es tut mir sehr leid, Mrs. Branigan, aber die Pflicht ruft.

Ich denke, es ist auch in ihrem Interesse, dass wir ihren Mann so schnell wie möglich wiederfinden. Nicht wahr?“

„ Oh, ja natürlich! Also bis später, Eric.“

Schnell wollte ich das Haus verlassen, da fiel mir noch etwas ein.

Der Hund! Die Dogge!

Also verließ ich langsam das Haus. So langsam es eben ging.

Ich kann mich nicht erinnern, jemals in meinem Leben einem Hund zugelächelt zu haben.

Ich begann also mit den Nachforschungen.

Und war mir ziemlich sicher, dass ich auf eine Versicherungspolice stoßen würde, die eine mehr als beträchtliche Summe aufwies.

Nebenbei machte ich mir natürlich noch so einige Gedanken.

Sollte Nicolette am Verschwinden ihres Gemahls schuld sein, warum überließ sie die Sache nicht der Polizei?

Warum holte sie sich einen Geheimdetektiv?

Egal ob nun mich oder sonst wen?

Nicht, dass ich die Polizei für dumm hielt, nein, aber bei den Polizisten steckt kein persönlicher Drang dahinter, wie bei einem Detektiv, der damit seine Brötchen verdiente.

Wenn sie schuldig war, dann musste sie doch damit rechnen, dass sie aufflog.

Warum hatte sie mich engagiert? Galt ich vielleicht als zu blöd, einen solchen Fall zu lösen?

War das die Meinung von mir? Draußen?

Oh weh, oh weh. Das waren schon schlimme Gedanken, die ich mir da machte.

Wenn sie unschuldig war, warum benahm sie sich so eigenartig?

War die am Ende nur scharf auf Parker?

So, wie die angezogen war...

Seltsame Dinge geschehen manchmal.

Das Internet spuckte einige interessante Dinge über Mr. Osmond Branigan aus.

Der Typ war nicht nur ein hohes Tier in dieser Computerfirma, er war diese Firma.

Sie gehörte ihm.

Die Millionen jährlicher Gewinne waren die Seinen.

Auf ziemlich verschlungenen Pfaden kam ich an seine Sozialversicherungsnummer heran.

Ebenso bekam ich heraus, dass er eine Lebensversicherung über fünfzehn Millionen Dollar abgeschlossen hatte.

Mit der Versicherungsgesellschaft wollte ich mich später unterhalten.

Zuallererst machte ich mich auf den Weg zu Branigans Mutter.

Sie sagte mir, dass er völlig überraschend aufgetaucht wäre, ohne Anmeldung und dazu noch sehr spät.

„ Gegen viertel vor Zehn muss das gewesen sein.“

Die alte Dame hatte eigentlich schon zu Bett gehen wollen, als ihr Sohn vor der Tür stand.

„ Er wollte wissen, wie es mir geht. Das fand ich schon ziemlich eigenartig. Sonst ruft er mich höchstens einmal die Woche an. Er ist bisher nie ohne Voranmeldung hergekommen.“

„ Mrs. Branigan, können sie mir noch sagen, wo er gesessen hat, bitte?“

„ Ja, hier. Er sitzt immer in diesem Sessel, wenn er mich besucht. Und seine Frau, die sitzt immer dort.“ Sie deutete auf den anderen Sessel.

„ Worum genau ist es bei dem Gespräch mit ihnen gegangen, Mrs. Branigan? Hat er irgendetwas gesagt, was ihnen nicht normal vorkam? Von der Tatsache einmal abgesehen, dass die Uhrzeit schon nicht üblich war.“

„ Lassen sie mich nachdenken. Er fragte, wie es mir geht. Wir haben ein wenig darüber geplaudert, dass wir uns schon so lange nicht mehr gesehen haben.

Dann bin ich in die Küche gegangen und habe ihm eine Tasse Kaffee gemacht. Das hat mich gewundert, denn es war ja schon spät.

Dass er so spät noch Kaffee trinken wollte?“

„ Er hat also in diesem Sessel hier gesessen, sagten sie.“

Sie nickte und ich nahm erst einmal Platz.

Von dieser Position aus hatte ich den altmodischen, aber super gepflegten Schrank genau im Blick.

Ebenso die Küchentür.

Wenn die offen stand, konnte ich die alte Mrs. Branigan gut sehen.

Was wollte der Knabe hier?

Ich hatte eine Idee.

Und wenn Mrs. Branigan ein wenig mitspielte...

„ Sagen sie, Mr. Parker, darf ich ihnen einen Kaffee anbieten?“

Wunderbar spielte die alte Dame mit. Hervorragend.

„ Oh, ja, das ist eine wundervolle Idee, Mrs. Branigan.“

Während sie in die Küche schlurfte, fragte ich: „ Haben sie, während sie in der Küche waren, irgendein Geräusch gehört, dass darauf schließen ließe, dass ihr werter Herr Sohn irgend etwas gemacht hatte, in der Zwischenzeit?“

„ Die obere rechte Schranktür knarrt ein wenig, wenn man sie wieder schließt. Das habe ich gehört. Ich habe ihn aber nicht danach gefragt, ich hatte es vergessen.

Und nachgesehen habe ich auch nicht, weil mir das zu hoch ist und ich seit einigen Tagen etwas wackelig auf den Beinen bin. Ich habe mich nicht getraut, auf den Hocker zu steigen. Sie verstehen?“

„ Natürlich, Mrs. Branigan.“

Mit diesen Worten war ich beim Schrank und öffnete die obere rechte Tür.

Und was sah ich da?

Nichts.

Nichts außer ein paar Wischtüchern, die fein säuberlich, Kante auf Kante gestapelt dalagen und keinen Job mehr hatten, denn Mama kam da nicht mehr hoch.

Hat sie gesagt.

Ich wollte gern noch zwischen den Lagen nachsehen, aber vorher lieber fragen.

„ Mrs. Branigan, hier liegen ihre Tücher. Wenn sie da nicht mehr rankommen, darf ich ihnen eines oder mehrere reichen?“

„ Oh, ja, das wäre sehr nett von ihnen. Ich komme doch da nicht mehr hoch. Ich bin doch etwas wacklig auf den Beinen seit einigen Tagen.“

Moment mal, das hatte ich doch eben schon mal gehört. Begann sie jetzt damit, mir die alte vergessliche Mutter vorzuspielen, oder war das echt?

Auf jeden Fall nahm ich erst einmal den Stoß Küchentücher heraus und durchsuchte schnell und vorsichtig jedes Einzelne.

Und tatsächlich stieß ich auf etwas Hartes, Rundes.

Eine CD, wie sich herausstellte.

Was nun? Die gute Mrs. Branigan würde keinen Computer haben.

< Sollte ich ihr etwas davon sagen? Oder war es besser, wenn sie nichts wusste.>

Ich wollte mich für Letzteres entscheiden.

Allerdings, wenn die Dateien, die auf dem Datenträger drauf waren, etwas mit dem Verschwinden ihres Sohnes zu tun hatten, dann konnte ich vor Gericht nicht sagen, woher ich sie hatte.

Vielleicht konnte ich etwas pokern und, ich bitte um Vergebung, es der Vergesslichkeit seiner Mutter zuschreiben, dass sie nicht mehr wusste, dass ich sie um die CD gebeten hatte.

Ja, ich hielt es wirklich für besser, wenn sie nichts wusste.

Also ließ ich die Scheibe in meiner Tasche verschwinden.

Ich legte ihr die Tücher auf den Tisch und schloss die Schranktür, die beim Schließen etwas knarrte.

Mrs. Branigan kam aus der Küche herein und sah die Tücher auf dem Tisch.

„ Das ist sehr nett von ihnen, Mr. Parker. Ich werde sie woanders hinlegen, damit ich sie wieder benutzen kann, wissen sie? Und genauso wie gerade eben hatte an diesem Abend die Schranktür auch geknarrt.“

Na, klar. Das dachte ich mir.

Ich schlürfte so schnell es ging den Kaffee aus.

Zwischendurch versicherte ich der alten Dame, dass ich alles dran setzen würde, ihren Sohn wiederzufinden.

Dann verschwand ich und fegte ihn mein Büro.

Ist ja verständlich, dass ich so schnell wie möglich wissen wollte, was auf dem Datenträger war.

Ich legte ihn ein und staunte nicht schlecht, als ich eine Menge Computerbilder über den Aufbau und die Bauweise einer scheinbar neuen Generation Alarmanlagen sah.

Bis ins kleinste Detail schien hier abgebildet, wie und aus welchen Elementen sich diese Anlage zusammensetzte.

Ok, wenn ich ein Meisterdieb wäre, würde ich alles daran setzen, eine Kopie dieser Daten zu haben. Ich könnte sie dann in Ruhe studieren und im Bedarfsfall meine so erworbenen Kenntnisse einsetzen.

Aber wer lässt wegen so etwas gleich den Inhaber der Herstellerfirma verschwinden?

Na gut, es sind schon Menschen für weitaus weniger umgebracht worden.

Vorsichtshalber machte ich mir eine Kopie und fuhr mit dem Original zum Bahnhof.

Dort legte ich das winzige Päckchen ganz nach der klassischen Art in ein Schließfach und überlegte mir dann meine nächsten Schritte.

Warum versteckte Osmond die Disk bei seiner Mutter?

Weil vielleicht der, der die CD suchte, zuletzt bei der alten Dame suchen würde.

Warum versteckte er sie überhaupt?

Weil er Wind davon bekommen hatte, dass sie gestohlen oder kopiert werden sollte und damit die Anlage nutzlos wäre.

Ich musste in die Firma.

Warum verhielt sich seine Gattin so seltsam?

Entweder war sie ein männerfressender Vamp, ihr Mann wusste das und sie führten nur eine Zweckehe, in der jeder machen kann was er will.

Oder aber, sie hat in selbst um die Ecke gebracht, war aber nicht schlau genug, ihre Antworten vorher zu überlegen.

Letzteres war Unsinn.

Oder?

War die Gattin des Verschollenen so schlau und stellte sich nur so, spielte ein Spielchen mit mir?

Das würde ich herausfinden.

Als erstes würde ich jetzt in die Firma fahren.

Es war kurz nach zwölf und ehe ich mich durch den Stadtverkehr gewühlt hatte, würde es ein Uhr sein. Dann waren sicher alle wieder aus der Mittagspause zurück.

Auf geht’s.

Ich erreichte die Firma zwei Minuten nach ein Uhr.

Am Empfang stellte ich mich mittels meiner Karte vor.

„ Ich würde mich gern im Büro ihres Chefs umsehen. Besäßen sie die Güte, mir den Weg zu zeigen?“, fragte ich die reizende Empfangsdame.

Selbstverständlich in der Annahme, dass sie über das Verschwinden ihres Arbeitgebers im Bilde war.

„ Was wollen sie im Büro von Mr. Branigan?“, wurde ich gefragt.

„ Ich wurde von Mrs. Branigan beauftragt, den Verbleib ihres Mannes zu klären. Ich nehme an, dass sie wissen, dass er seit nunmehr vier Tagen verschwunden ist.“, erklärte ich dann doch, da in mir der Verdacht aufstieg, dass die Dame an der Rezeption nichts darüber wusste.

„ Seit vier Tagen? Entschuldigen sie bitte. Ich hatte keine Ahnung. Ich bekomme Mr. Branigan nur sehr selten zu Gesicht, wissen sie. Er benutzt immer den hinteren Eingang. Ich weiß eigentlich nie, ob und wann er im Hause ist.“

< Na, das sind ja Sitten hier.

Was passiert mit den Telefonaten, die sie ihm durchzustellen hat?

Aber das klären wir später.>

„ Also, zeigen sie mir jetzt den Weg, oder muss ich mich durchfragen?“

„ Sie nehmen den Aufzug und fahren in die elfte Etage. Dort halten sie sich links. Dann sehen sie schon das Büro von Mr. Branigan. Es ist alles beschildert.“

„ Ich danke ihnen. Ach und bitte laufen sie nicht weg. Wenn ich oben fertig bin, würde ich gern noch ein wenig mit ihnen plaudern.“

„ Natürlich, ich habe noch bis fünf Uhr Dienst.“

In seinem Büro angekommen, wollte ich erst einmal die Atmosphäre aufnehmen.

Es ist ja so, dass in jedem Raum eine eigene Stimmung herrscht, selbst wenn sich niemand darin befindet.

Das hatte ich immer wieder festgestellt.

Woran das lag, konnte ich leider nie herausfinden.

Ich fühlte, dass in diesem Zimmer viele wichtige Entscheidungen gefällt worden waren, dass in diesem Zimmer eine Dominanz des Geldes, der Einschüchterung Schwächerer, des Klarstellens- ich bin hier der Boss- stattgefunden hatte.

Ich setzte mich auf den Stuhl, der dem Schreibtisch, der wuchtig und aus sehr wertvollem Holz hergestellt war, gegenüberstand.

Ich konnte förmlich spüren, wie mir Osmond Branigan gegenübersaß und mich nicht zu Wort kommen ließ, weil ich eine ganz kleine Persönlichkeit gegenüber seiner überaus respektvollen Person war.

Jetzt musste ich aufstehen, hinter den Schreibtisch gehen und mich auf seinen Chefsessel setzen.

Aufmerksam studierte ich die aufgeräumte Arbeitsfläche.

Links von mir stand ein kleines Bild, dass Osmond mit seiner Frau und einem anderen Typen zeigte.

Alle drei standen scheinbar an einem See, oder auch am Meer. So genau konnte ich das nicht feststellen. Auf jeden Fall war eine nicht besonders kleine Jacht zu sehen, dazu das benötigte Wasser.

Und ein paar Angelruten lagen herum.

Osmond war ein mittelgroßer Kerl mit Halbglatze, einem gut genährten Wohlstandsbauch und vor allem, was der Fotograf sehr gut in Szene gesetzt hatte, einem verflucht teuren Anzug.

Seine Frau, die seltsame, aber anziehende Nicolette war mit einem roten Kleid, das ihren Busen mehr zeigte als verdeckte, ausstaffiert.

Sie war genauso, wie ich sie kennen gelernt hatte.

Nun zu dem noch unbekannten Herren, der sich so vertraulich, beziehungsweise vertraut mit den beiden Branigans zeigte.

Mittleren Alters, die Glatze begann, solidarisch zu Osmonds natürlichem Kopfschmuck, zu wachsen. Ein ebenso teurer Anzug zierte seinen nicht minder hervorstehenden Bauch.

Dieser Kerl erinnerte mich an irgendjemanden. Im Moment wusste ich nur noch nicht, an wen. Der kam mir einigermaßen bekannt vor. Aber ich kam einfach nicht drauf.

Und irgendetwas störte mich an diesem Bild.

Es dauerte einige Zeit, bis ich langsam dahinter kam.

Wenn die Drei wirklich mit der Jacht unterwegs waren, warum in Designer- Modenschau- Klamotten?

Waren sie auf Landgang?

Oder einen Geschäftstermin auf dem Boot? Miteinander, oder mit einem mir noch Unbekannten?

Oder liefen die immer so rum?

Ich schaute mich im Büro um und entdeckte eine Tür, die ins Nachbarzimmer führen musste. Oder in den Kopierraum.

Ich hoffte Letzteres und erhob mich.

Als ich sie öffnete überkam mich die nächste Frage.

Wenn ich Chef eines solchen riesigen Unternehmens wäre, wozu bräuchte ich dann einen eigenen Kopierer? Dafür habe ich doch meine Sekretärin...

Ich machte auf jeden Fall erst einmal einige Kopien von dem Bild.

Ich wollte unbedingt herausfinden, wer dieser Unbekannte auf dem Foto war.

Dann stellte ich das Bild wieder an seinen Platz und wollte zu Osmonds Sekretärin gehen.

Das allerdings erwies sich als unnötig, denn sie kam in diesem Augenblick in das Büro.

Ich muss an dieser Stelle erwähnen, dass sich das Zimmer der Sekretärin nicht wie üblich als Durchgangszimmer vor dem Büro des Chefs befand, sondern als Nebenzimmer, eben neben dem des Bosses. Also musste ich auch nicht an ihr vorbei, um ins Chefzimmer zu gelangen.

Für meinen Geschmack fand ich es schon ein wenig seltsam, wie leicht ich in Branigans Büro kommen konnte.

„ Darf ich fragen, was sie hier machen?“

Die Beine leicht gespreizt, die Arme angewinkelt, sah sie aus, als würde sie jede Lüge mit einem Faustschlag ahnden.

Die Figur hatte sie jedenfalls dazu.

„ Sie dürfen.“, antwortete ich, keineswegs eingeschüchtert.

Nach einer kleinen Pause, in der ich natürlich nicht erwartete, dass sie etwas sagte, vervollständigte ich die Aussage zum Grund meines Hier seins.

„ Sind eventuell Sie im Bilde, wo ihr Chef abgeblieben ist? Oder haben sie das auch noch nicht bemerkt?“

„ Halten sie mich für blöd? Ich arbeite hier. Mr. Branigan hat sich am Montagmittag zu einer mehrtägigen Dienstreise nach Moskau abgemeldet.

Wer sind sie überhaupt?“

Wie? Dienstreise? Abgemeldet?

„ Mein Name ist Eric Parker. Ich bin Detektiv und wurde von Mrs. Branigan beauftragt, ihren Ehemann zu finden, der seit Montagabend vermisst wird.“

„ Wieso vermisst? Ich sagte doch gerade, dass er auf Dienstreise gehen wollte. Ist etwas passiert? Mann, Mr. Parker. Ich habe doch gestern noch mit ihm telefoniert.

Gestern Nachmittag, weil einer der Kunden seine Zahlungen nicht wie vereinbart vorgenommen hatte. Ich habe nach der weiteren Vorgehensweise gefragt und so weiter.

Und wenn ich ehrlich sein soll, Mr. Branigan klang nicht sonderlich vermissenswert.“

Wie sollte ich denn das verstehen? Nicht vermissenswert.

Kann es sein, dass Osmond Branigan nicht überall beliebt ist? Jedenfalls habe ich noch bei keinem irgendeine Form von Bestürzung gesehen.

Und kann es sein, dass der gute Mr. Branigan sich einfach nur nicht bei seinem holden Weibe gemeldet hatte, vielleicht um einmal seine Ruhe vor ihrer aufreizenden Art zu haben? Oder wovor auch immer?

„ Können sie mir sagen, wer dieser Herr auf dem Foto hier ist?“, fragte ich sie, meine Gedanken für mich behaltend.

„ Natürlich, das ist der Partner von Mr. Branigan. Mr. Venturo, Terence Venturo. Ich glaube nicht,“ unterbrach sie sich selbst, „wieso vermisst? Sagen sie mir endlich, was hier gespielt wird!“, forderte sie, nachdem sie endlich realisiert hatte, was ich sagte.

„ Sie sagten, dass sie gestern Nachmittag mit Osmond Branigan telefoniert haben. Würden sie mir bitte die Telefonnummer geben, die sie angerufen haben?“

„ Natürlich, in meinem Büro. Kommen sie.“

Ich kam.

Mit zu ihr.

In ihr Büro.

< Wir wollen doch einmal sehen, wer sich am anderen Ende meldete, wenn der Apparat der Sekretärin, beziehungsweise dessen Nummer auf dem Display erschien.>

Bestimmt Mr. Branigan.

Ich wählte.

Es klingelte.

Es wurde abgenommen.

Es war Osmond Branigan.

„ Ja, Laura, was gibt’s?“, sagte der ohne eine Begrüßung.

„ Hier ist nicht Laura, eher Eric Parker, der von ihrer Frau engagierte Detektiv.

Mr. Branigan sie sollten sich wirklich mal bei ihr melden, sie verpulvert ihre schwer verdiente Kohle, um sie zu finden.“

„ Was ist los? Was macht die? Ich habe vor einer Woche die Scheidung eingereicht und die lässt mich suchen? Wer sind sie?“

„ Das sagte ich bereits, Mr. Branigan. Da es ihnen augenscheinlich gut geht, werde ich mich zurückziehen und bitte um Verzeihung, wenn ich einige private Details aufgedeckt haben sollte. Guten Tag, Mr. Branigan.“

„ Moment, was haben sie? Hallo?“

Langsam und behutsam legte ich auf.

Ganz langsam.

Ich brauchte diese Zeit, um nachzudenken.

Der Fall schien klar. Branigan war vor seiner zukünftigen Exfrau geflüchtet und die wollte ihn wieder haben.

Deshalb hatte die mich angeheuert.

Deshalb hatte die sich so seltsam verhalten.

Und ich war darauf hereingefallen.

Ich sollte noch die CD zu Branigans Mutter bringen und die Kopie löschen.

Das Telefon klingelte. Fast erschrocken wich ich zurück, um nicht der Dame im Weg zu stehen, die keinen Hehl daraus machte, dass sie ihren Boss nicht vermisste.

„ Electronic Securtec Enterprises, mein Name ist...“

„ Oh, Mr. Turner. Hallo wie geht es ihnen?“

„ Nein, Mr. Branigan ist leider für einige Tage außer Haus. Kann ich ...“

„ Ja natürlich. Sie können ihn selbstverständlich auf dem Mobiltelefon erreichen. Danke Mr. Turner! Ja, einen schönen Tag noch!”

< Oh je. Der große Turner gehört auch zu den Kunden Branigans.

Oder waren die nur Freunde?>

Sch... egal.

Mein Fall war Watte und ich hatte kaum einen Cent verdient.

Ich verabschiedete mich und verschwand.

Erst brachte ich der Branigan- Mama die CD und legte sie wieder unter einen Stapel – Küchentücher?

Ich musste kurz nachdenken.

Ganz kurz.

Sie hatte gesagt, dass sie nicht mehr so gut auf den Beinen war.

Sie hatte den Eindruck gemacht, dass sie an Vergesslichkeit litt.

Sie war froh, dass ich ihr die Tücher auf den Tisch gelegt hatte.

Jetzt stand sie in der Küchentür und grinste mich an.

„ Sie wollen mir doch bestimmt etwas sagen, gnädige Frau?“

Ich hatte irgendwie das Gefühl, dass ich hier irgendeinem Spielchen aufgesessen war.

Ok, ich hatte drei Stunden gebraucht um das herauszufinden.

Aber was sollte das Ganze?

Es läutete das Telefon.

Das der Mutter Branigan.

Ich sah ihr zu, wie sie abhob und ohne den Hörer ans Ohr zu halten, sagte sie: „ Für sie, Mr. Parker“ und grinste mich an.

Jetzt verstand ich gar nichts mehr.

Erst falle ich auf ein Versteckspielchen herein und dann werde ich augenscheinlich auch noch überwacht?

„ Ja, Parker!“ Ich versuchte cool zu bleiben, aber meine Stimme klang etwas heiser.

„ Mein Name ist John Turner. Ich möchte, dass sie sich pünktlich um vier Uhr heute Nachmittag in meinem Büro einfinden. Ich habe einen Job für sie. Bis dann.“

Aufgelegt.

Turner.

John Turner.

Der mächtigste Mann der ganzen Stadt.

Der hat einen Job für mich?

Wieso für mich?

Etwas geistesabwesend verließ ich die arme, zittrige, vergessliche Mutter Branigan und fuhr nach Hause.

Nicht ohne mich von immer demselben Gedanken quälen zu lassen, was Turner von mir wollte.

Ich vergaß sogar, zu Mrs. Branigan zu fahren und ihr wenigstens den Hintern zu versohlen, weil sie mich so hintergangen hatte.

Andererseits war das vielleicht auch gar nicht so verkehrt, denn ihr Riesenschoßhündchen hätte mich bestimmt gefressen.

2.

Ich hatte noch gut eine Stunde Zeit, bis ich bei Mister Mächtig auftreten musste.

Was tun?

Duschen. Gute Idee.

Was anziehen?

Ganz normale Klamotten.

Warum machte ich mir so viele Gedanken?

Na, weil der Mr. Turner eine dieser Personen war, bei deren Anwesenheit man Minderwertigkeitskomplexe bekam.

Aber ich werde es dir zeigen. Ich werde kämpfen. Ich werde dir zeigen, dass ich nicht weniger wert bin als du! Jawoll!

Auch wenn ich nur einen zwanzig Jahre alten klapprigen Diesel fuhr, bei dem nicht einmal mehr das Radio funktionierte.

Das war zwar etwas schlecht für meinen Job, da ich dadurch sogar die Nachrichten verpasste, aber was soll´s.

Auch wenn auf meinem Konto der Guthabenbetrag etwa zwanzig Nullen weniger aufwies.

Ich würde es dir zeigen. Ich kann nämlich auch etwas.

Jawohl, ich bin Geheimdetektiv.

Und du nicht. Du bist einer der potentiellen Kunden, die etwas von mir wollen.

Moment, Kunden?

Hatte der nicht etwas davon gesagt, dass er einen Job für mich hatte?

Hatte er!

Lassen wir das Wort potentiell weg.

Langsam begann ich zu begreifen.

Die ganze Branigan- Geschichte war abgekartet. Um zu testen, wie lange ich brauchen würde, um heraus zu finden, dass das nur ein Spiel war.

Ich fragte mich, ob drei Stunden eine gute Zeit waren. Sicher nicht, denn ich hatte mich in die Irre führen lassen.

Statt gleich zur Firma zu fahren und dort den Kontakt mit dem Vermissten zu suchen, ließ ich mir den Umweg über Oma Branigan einreden.

Aber warum hatte er mich zu sich gerufen, mit der Bemerkung, dass er einen Job für mich hätte?

Ich fuhr los.

Ich fuhr schnell.

Ich war aufgeregt.

Immer noch, als ich angekommen war.

Das zweithöchste Gebäude der Stadt, das war Seins.

Da hatte er sein Unternehmen untergebracht.

Das höchste Gebäude stand gleich nebenan und gehörte jemandem, von dem ich im Moment nicht reden möchte.

Vielleicht später. Bestimmt später.

Der Empfang war mit einer reizenden jungen Dame besetzt, die mich freundlich anlächelte und noch ehe ich etwas sagen konnte, meinte: „ Mr. Turner erwartet sie. Bitte fahren sie mit dem Aufzug ganz nach oben. Schon sind sie da.“

Ich klappte meine Luftluke, die mir während der Worte der netten Empfangsdame offengeblieben war, wieder zu und begab mich zum Lift.

Als ich oben angekommen war und sich die Türen öffneten, sah ich als erstes einmal eine riesige Halle, die eine Art Büro zu sein schien.

Also, ich könnte hier nicht arbeiten.

Hier brauchst du eine Kaffeemaschine neben dem Schreibtisch. Ehe die Sekretärin bei dir ist, ist ja der Kaffee kalt.

Oder sie kommt mit dem Fahrrad.

Vorsichtig setzte ich meinen Fuß aus dem Lift in das Büro.

„ Kommen sie, Mr. Parker. Kommen sie herein.“, hörte ich.

Ich komme ja schon.

Wohin eigentlich?

Diese Halle war so groß, dass man nicht einmal die Richtung genau ausmachen konnte, aus der die Stimme kam.

Ich beschloss aber aus rein logischen Gründen auf den Schreibtisch zuzugehen, der sich am anderen Ende der Halle befand und super schwer und super teuer sein musste.

Das Ding glänzte wie eine Speckschwarte.

Und war riesig wie daheim meine ganze Küche.

Als ich die Hälfte des Weges hinter mich gebracht hatte, hörte ich Schritte, seitlich neben mir.

Ich drehte mich um und sah Mr. Turner auf mich zusteuern.

Mister Turner, ein Mann, groß, grau, vollbärtig und grantig. Er hatte Hände wie Ofenbleche. Er war gefühlskalt und meist äußerst wortkarg.

Das war das, was ich von ihm wusste.

Ach so, Mitte fünfzig sollte er sein.

„ Kaffee?“, fragte er kurz.

„ Gern.“, antwortete ich noch kürzer.

„ Setzen wir uns.“ Das war ja fast schon ein ganzer Satz!

Er deutete auf eine Sitzgruppe, die in der Nähe der Fensterfront stand.

Er setzte sich mit dem Rücken zum Fenster.

Also blieb mir nichts anderes übrig, als mich, ihm gegenüber, so zu setzen, dass ich die ganze Zeit das einfallende Licht gegen mich hatte.

Der Typ war schlau.

Ich saß in bester Beleuchtung, während er kaum zu erkennen war, da die Fensterfront erheblich blendete.

Aber ich konnte aus dem Fenster sehen. Das war zwar unhöflich, aber ich hatte einen ziemlich guten Blick auf das benachbarte Gebäude.

War das auch gewollt, dass ich diesen Anblick die ganze Zeit ertragen musste?

Wie auch immer. Der Kaffee wurde gebracht und schmeckte vorzüglich.

Nach den ersten paar Schlückchen, Turner hatte noch keinen weiteren Ton von sich gegeben, fasste ich mir ein Herz und fragte: „ Also, Mr. Turner, nachdem sie mich überzeugt haben, dass in ihrem Hause ein sehr guter Kaffee gekocht wird, was kann ich für sie tun? Weshalb haben sie mich hergebeten?“

Nachdem ich geendet hatte, sah er mich noch eine kleine Weile an, stand dann auf und ging zum Fenster.

Er schien nachdenklich. Die Hände auf den Rücken gelegt, drehte er sich zu mir um und sagte, fast zu leise:

„ Ich habe sie gerufen, da sie als einziger Detektiv in der Lage waren, in weniger als einem halben Tag herauszufinden, dass der letzte Fall abgekartet war. Sie haben genau drei Stunden und zwanzig Minuten benötigt. Gratulation. Es war einer ihrer Gilde dabei, der hätte es nie gemerkt, wenn wir es nicht unterbrochen hätten.“

„ Mr. Turner, verzeihen sie bitte. Was soll der ganze Zirkus?“

„ Ich wollte den Besten. Das sind sie. Ich brauche den Besten, da der Job, mit dem ich sie betrauen werde, ihr ganzes Können fordern wird, ihren gesamten Weitblick, ihr logisches Denkvermögen, ihr taktisches Geschick, ihre schnelle Auffassungsgabe.“

„ Ihnen ist nicht zufällig die Frau ausgebüxt?“

„ Halten sie die Klappe, Parker!“

Ups, da fühlt sich anscheinend jemand auf den Schlips getreten.

„ Es geht nicht um meine Frau. Es geht um meine Tochter.

Nelly.“ Mit diesen Worten war er zum Schreibtisch gegangen und nahm ein Bild in die Hand.

Bevor er es mir gab, schaute er einige Sekunden darauf. Ich hatte den Eindruck, als würde er traurig sein. Aber rational gedacht, war so etwas bei einem Mann wie John Turner nicht möglich. Der hatte keine einzige Empfindung. Dessen war ich mir sicher.

Er gab mir das Foto und ich sah eine junge hübsche Frau mit langen schwarzen Haaren, engen hellen Jeans und einem roten, recht tief geschnittenen T-Shirt.

Sie gefiel mir gleich sehr gut. Sie hatte ein Lachen auf dem Gesicht, das einfach ansteckte.

Selbst wenn man in der miesesten Laune war, dieses Bild hob einem automatisch die Mundwinkel.

Es ist doch immer wieder eine Frage, wie ein solcher Stiesel zu einer solchen Tochter kommt.

„ Darf ich es behalten?“, fragte ich rein der Form halber.

Natürlich würde ich es behalten dürfen. Er hatte es mir bereitgelegt.

„ Natürlich.“

Ich schaute das Bild noch eine Weile an.

Aber nur nach außen hin musste das so aussehen.

Im Inneren machte ich mir schon längst über das Warum, Wann, Wo, und Wer Gedanken.

Es dauerte auch nicht lange und der Mr. Turner riss mich in die Gegenwart zurück.

„ Sollten sie jetzt nicht damit beginnen, mir einige Fragen zu stellen, Mr. Parker?“