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„In diesem Zimmer starb eure Großmutter." Ich wusste nichts mit diesem Satz anzufangen. Er wurde mir als Zwölfjährigem von meinem Vater ohne jeglichen Zusammenhang zugemutet. Wovon sprach er denn? Meine eine Großmutter lebte und meine andere starb in einer fernen Stadt - also verdrängte ich diese Frage. Doch Jahre später änderte sich das und irgendwann wollte ich diesen Satz verstehen, wollte ergründen, was es sonst noch in der Vergangenheit meiner Eltern gegeben hatte, wovon sie wenig oder gar nichts erzählten. Und da gab es, wie ich nach und nach entdeckte, außer dieser unterschlagenen dritten Großmutter noch einiges. Ich begann zu ahnen, warum meine Eltern schwiegen. Denn wer erzählt schon gerne von der Totenkopfdivision, von Sekretärinnen Adolf Hitlers, von Bomben im Ladengeschäft jüdischer Verwandter? Ich begann zu ahnen, abzulehnen, aber auch zu verstehen und schließlich die Eltern in einem anderen Licht zu sehen – denn wenn ich zu den Zeiten ihrer Jugend hätte leben müssen, ich hätte die Anforderungen dieser Zeit bestimmt nicht besser gemeistert. Doch es sind meine Wurzeln - typisch deutsche Wurzeln. Was die Geschichtsbücher uns aus jener Zeit übermitteln, lernte ich pflichtbewusst in der Schule - was meine Großmütter erlebten, das hat mich berührt.
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Seitenzahl: 441
Veröffentlichungsjahr: 2020
Dieses Buch ist nicht nur meinen beiden leiblichen Großmüttern Katharina und Rosa Helene, die ich leider nie kennen gelernt habe, gewidmet, sondern auch dem Ehepaar Lore und Hans Kl. (im Buch Lore und Hans Prager), denen ich leider nie meinen aufrichtigen Dank ausgedrückt habe. Von ihnen, den Eltern meines Schulfreundes, stammen die meisten meiner mir heute wichtigen Werte und Vorbilder.
»In diesem Zimmer starb eure Großmutter.« Ich wusste nichts mit diesem Satz anzufangen. Er wurde mir als Zwölfjährigem von meinem Vater ohne jeglichen Zusammenhang zugemutet“. Das ist der Anfang dieser Geschichte – der Grund, warum dieses Buch entstand und der erste Satz dieser Erzählung. Ich konnte diesen Satz damals nicht begreifen, denn meine eine Großmutter lebte noch und meine andere Großmutter war ganz woanders gestorben. Da war ich mir sicher.
So war mir dieser Satz meines Vaters unverständlich und zunächst unwichtig; doch dieses änderte sich das im Lauf der Jahre erheblich und irgendwann wollte ich diesen Satz verstehen, wollte ergründen, was es sonst noch in der Vergangenheit meiner Eltern gegeben hatte, wovon sie wenig oder gar nichts erzählten. Und da gab es, wie ich nach und nach entdeckte, außer dieser unterschlagenen dritten Großmutter noch einiges und ich begann zu ahnen, warum meine Eltern schwiegen. Denn wer erzählt schon gerne von der Totenkopfdivision, von Sekretärinnen Adolf Hitlers, von Bomben im Ladengeschäft jüdischer Verwandter? Ich begann zu ahnen, abzulehnen aber auch zu verstehen und schließlich die Eltern in einem anderen Licht zu sehen – denn wenn ich zu den Zeiten ihrer Jugend hätte leben müssen, ich hätte die Anforderungen dieser Zeit bestimmt nicht besser gemeistert. Doch es sind meine Wurzeln – typisch deutsche Wurzeln. Was sachlich schlicht in den Schulbüchern stand, habe ich gelernt – was meine eigenen Großmütter erleben mussten, hat mich berührt.
Mein besonderer Dank gilt meiner Frau und meiner Tochter für viele Anregungen und das Korrekturlesen, meinem jüngsten Sohn für die Gestaltung des Buches sowie Lisa Pentenrieder für die Umschlaggestaltung.
Vorwort – Wider das Vergessen
Erster Teil – Große Träume in schweren Tagen
Zweiter Teil – Durch den Sturm der Zeiten
Dritter Teil – Von verlorenen Kulturen
Vierter Teil – Die Enkel und das Erbe
Anhang
»In diesem Zimmer starb eure Großmutter.«
Ich wusste nichts mit diesem Satz anzufangen. Er wurde mir als Zwölfjährigem von meinem Vater ohne jeglichen Zusammenhang zugemutet, meinem Bruder und mir, als wir am ersten Abend eines Sommerurlaubs in Bayern auf dem Weg zu einem Gasthof an einem unscheinbaren Haus vorbeikamen. Ein Haus wie jedes andere, wenn auch etwas erhöht über der Straße. Im Vorbeigehen deutete mein Vater von außen auf das Erkerzimmer: »In diesem Zimmer starb eure Großmutter.«
Er betonte diesen Satz keineswegs, er hätte auch sagen können: »In diesem Zimmer ist eine Tüte Milch ausgelaufen.«
Folglich kam bei uns Jungs auch nicht mehr an, als wenn mein Vater über verschüttete Milch gesprochen hätte. Es war einfach zu überraschend – wir waren schlichtweg überrumpelt, überrascht, überfordert: was sollten wir damit anfangen?
Mein Vater wollte offensichtlich seine Kinder, solange sie denn Kinder waren, nicht mit seiner Familiengeschichte belasten. Oder konnte er einfach nicht von sich und seiner Jugend erzählen? Heute, Jahrzehnte später, bin ich mir so gut wie sicher: selbst 25 Jahre nach dem Krieg gelang es ihm noch immer nicht, zu differenzieren, was ihm im Krieg widerfahren und was seine normale Kindheitsgeschichte war. Dass er uns als Kinder nicht die schweren Kriegserlebnisse erzählte, das war ja einfühlsam, denn schaurige Kriegserlebnisse sind nun mal nichts für Kinder. Aber dass er dann – sozusagen sicherheitshalber – außer ein paar unbedeutenden Kleinigkeiten auch nichts aus seiner Kindheit berichtete, das hinterließ Lücken, das tat niemand gut – am allerwenigsten ihm selbst. Es mussten noch viele Jahre vergehen, bis er sich so nach und nach doch das eine oder andere abrang; das Meiste kramte er aus seiner Erinnerung hervor, als seine Frau schon krank geworden und schließlich von uns gegangen war.
Dass mein Vater aus Bayern stammte, das wusste ich immerhin, irgendwie auch schon als kleiner Junge. Denn seine Eltern sprachen mit bayerischen Dialekt, kochten bayerisch – meine Oma und mein Opa hatten einfach etwas unverkennbar Bayerisches an sich, auch wenn sie schon lange in Württemberg wohnten.
Unsere Urlaubsreisen führten uns so gut wie immer nach Bayern, in die Berge. Dass wir aber in jenem Jahr genau in das Dorf reisten, in dem mein Großvater in den Dreißigern als Zollbeamter an der Grenze Dienst getan hatte, selbst das wurde uns zuvor nicht gesagt – es wurde uns erst so nach und nach während dieses Urlaubs klar. Dass die Frau, die ich ganz zwanglos und ohne je irgendwelche Gedanken daran zu verschwenden Oma nannte und die sich – zugegebener Maßen – gegenüber den Kindern ihres Stiefsohnes auch wie eine liebe Oma verhielt, gar nicht meine leibliche Großmutter war, auch das realisierte ich erst damals.
Die leibliche Mutter meines Vaters war also tatsächlich kurze Zeit nach der Geburt ihres zweiten Kindes, meiner Tante, verstorben: vor vielen, vielen Jahren im Eckzimmer jenes fremden Hauses über dem Weißbach, gleich bei der Grenze zwischen Großgmain und Bayerisch Gmain.
Und meine Oma war die zweite Frau vom Opa.
Gut, dann war das so. Was sich in diesem Eckzimmer zugetragen hatte, das ging mich – der Kindheit gerade in Richtung Pubertät entrinnend – nichts an: Ich kannte diese Frau nicht; ich vermisste sie damals auch nicht. Ich war zwölf Jahre alt, ich hatte ein durchschnittliches Elternhaus, ich kämpfte in der Schule damit, dass meine Noten einigermaßen ordentlich blieben.
So besuchten wir auch nach diesem Urlaub weiterhin ebenso wie zuvor Verwandte in München, suchten auch regelmäßig ein Grab auf dem Münchner Waldfriedhof und ab und an sogar eines in Holzkirchen auf. Aber wer dort begraben lag, das wurde uns nicht erklärt – und wir Kinder haben auch nie danach gefragt. Ich hatte ein ordentliches Elternhaus und ich kämpfte in der Schule damit, dass meine Noten die eines durchschnittlichen Schülers blieben.
Dass ich mit meinem Vater in Holzkirchen am Grab seiner leiblichen Mutter und auf dem Waldfriedhof am Grab meiner Urgroßeltern stand: Damals, als ich dort war, da interessierte ich mich nicht dafür, und man meinte, mir als Kind Gutes zu tun, wenn man die Vergangenheit und die Familiengeschichte ruhen ließ und verschwieg. Man brachte zwar Blumen, aber die Toten waren tot, denn niemand erzählte von ihnen.
So geriet für mich diese Großmutter nach diesem Urlaub erst einmal wieder in Vergessenheit. Die Münchner Verwandten blieben Tante Grete und Onkel Hans und man ging auf dem Weg in den Urlaub mit den Eltern auf zwei Friedhöfe – ohne sich irgendetwas dabei zu denken.
Erst 15 Jahre später wurde ich wieder auf meine leibliche Großmutter aufmerksam, als ich, inzwischen selbst jung verheiratet, in der elterlichen Wohnung wieder in das Zimmer trat, in dem ich als Jugendlicher gelebt hatte. In diesem Zimmer hing nun in einem großen alten Rahmen eine Fotografie an der Wand, die meinen Großvater, aufgrund seiner Größe auch der kleine Opa genannt, mit einer jungen, zierlichen Frau zeigte, die noch eine Spur kleiner war und entgegen meiner Erwartung überhaupt nichts Bayerisches an sich hatte. Sie erinnerte mich eher an eine junge Berlinerin aus den Zwanzigern: Bubikopf, Reif um die Stirn mit einer Feder darin, ein kurzes Kleid – und ein freundliches Gesicht. Mangels jeder Ähnlichkeit konnte das nicht meine Oma zeigen – also musste es die Frau aus dem Zimmer über dem Weißbach sein, meine leibliche Großmutter, Kathi.
Mein Vater hatte dieses Bild seiner Mutter wohl aus dem Nachlass seines kürzlich verstorbenen Vaters. Wie ich viele Jahre später erfuhr, wurde dieses Bild in ein und demselben Bilderrahmen lange Zeit von einem darüber gesteckten Bild meines Großvaters mit seiner zweiten Frau einfach komplett verdeckt. Das sparte das Geld für einen neuen Bilderrahmen und dass die zweite Frau meines Großvaters ihre Vorgängerin nicht jeden Tag auf so einem großen Bild, am Ende noch im Schlafgemach, sehen wollte, ist verständlich. Und zugleich auch schade.
Wenn man das Foto eines Menschen sieht, dann ist das etwas völlig anderes. Als fast Dreißigjähriger sah ich zum ersten Mal bewusst meine Großmutter, die Frau, von der – sehr grob über den Daumen geschätzt – ein Viertel meiner Erbanlagen stammen.
Es war dieses Bild, warum ich mich für diese Frau zu interessieren begann. Warum ich endlich zuließ, dass die Tote von Holzkirchen nun Teil meines Lebens wurde: diese kleine zierliche Frau, die so gar nichts Volkstümliches an sich hatte, die viel mehr zeitgemäß und modern war. Oder sich zumindest so gab – oder auch nur geben wollte?
Aber es war eigentlich schon zu spät. Als ich – endlich, schon lange selbst erwachsen und zunächst nur zaghaft – begann, mich für meine leibliche Großmutter und ihr Leben zu interessieren, da waren der Großvater und auch der Onkel Hans, ihr Halbbruder, schon tot, und selbst die Erinnerung meines Vaters, der mit gut fünf Jahren Halbwaise wurde, gab nicht mehr viel her.
Nach meiner anderen leiblichen Großmutter fragte ich mehr; schließlich hatte »der kleine Opa« eine Frau und »der große Opa« nicht. Da war wenigstens eine Lücke. Doch auch die Auskünfte meiner Mutter waren karg. Sie erzählte zwar mehr, auch aus ihrer Kindheit – aber so gut wie nie über ihre Mutter.
Immerhin wusste ich, wo meine andere Großmutter begraben lag, besuchte mit meinen Eltern und meinem Bruder auch wissentlich ihr Grab. Aber Interesse an meiner Großmutter, an einer Frau, der ich als Kind nie bewusst begegnet war, entstand daraus nicht. Sie hätte an Tuberkulose gelitten, das war noch zu erfahren. Und Tuberkulose war eine Krankheit, wegen der man nicht zu Hause sein durfte, sondern auf dem Land war oder sich in einem Sanatorium aufhalten musste. Immerhin wurde auch noch erzählt, meine Großmutter Rosa Helene sei eine gebildete Frau gewesen, eine Frau, die zumindest recht gut, wenn nicht gar fließend Englisch und Französisch sprach und auch Bücher in diesen Sprachen las. Wenn meine Mutter davon erzählte, so konnte man eine Spur von Stolz erspüren. Der Vater ihrer Mutter sei ein Schuhmacher gewesen mit gut gehendem eigenem Geschäft – noch ein Körnchen Stolz. Zu dem habe man aber so gut wie keinen Kontakt gehabt.
Rosa Helenes Mann Karl, mein »großer Opa«, war Arbeiter. Er hatte zwar Schmied gelernt, aber nie in diesem Beruf gearbeitet. Wenn man ehrlich ist, dann muss man wahrscheinlich zugeben, dass er im Prinzip sein ganzes Leben lang als angelernter Hilfsarbeiter sein Geld verdiente. Aber er war durchaus ein kluger Kopf, mehrfach erhielt er Prämien für Arbeitnehmer-Erfindungen. Er war ein Arbeiter mit Pathos – aber für die Studierten und Gebildeten hatte er nicht so viel übrig. Dass der Arbeiter Karl und die Fremdsprachensekretärin Helene also auf den ersten Blick gar nicht zusammengepasst haben, das wurde mir später klar. Warum Helene und Karl dann geheiratet haben? Sicher ist nur eines: Meine Mutter wurde schon sechs Wochen nach der Hochzeit geboren.
Auch von Rosa Helene hatte ich lange Zeit kein Bild. Erst als meine Mutter schon recht betagt war, hat sie mir einmal ein paar Fotos überlassen; auf zwei der Bilder ist eine große Frau mit Brille zu sehen, die der Schwester meiner Mutter sehr ähnlich sieht. In meiner Tante hatte ich also – ohne es zu wissen – doch ein gewisses Abbild von meiner Großmutter. Im Fotoalbum meiner Mutter hingegen gab es nur ein oder zwei Bilder – mit dem Untertitel »ich und Mutter«. Nicht »meine Mutter« und schon gar nicht »Mama«. Und diese Seiten wurden schnell überblättert. Doch das Grab ihrer Mutter hat meine Mutter besucht. Bis es dann zum frühestmöglichen Termin geräumt wurde.
Eine meiner ersten Erinnerungen aus meiner frühesten Kindheit ist merkwürdig, so merkwürdig, dass sie mir, obwohl ich damals wohl noch keine drei Jahre alt war, in Erinnerung blieb: Wir fuhren mit dem Auto in eine unansehnliche Straße. Auf der einen Seite versperrte eine lange rote Backsteinmauer die Sicht, auf der anderen Seite standen dicht an dicht viele Häuser – ebenfalls aus roten Backsteinen und unverputzt. Bevor wir in eines der Häuser gingen, hatten mein Vater und meine Mutter noch etwas besprochen mit dem Ergebnis: »Dann soll er sich halt danach die Hände waschen.« Wir kamen in eine enge Erdgeschosswohnung. Da war auch mein großer Opa, der Karl, und dann traten wir in ein Zimmer, in dem jemand in einem Bett lag, und dieser Person sollte ich die Hand geben. Wir gingen recht rasch danach wieder hinaus und ich wurde auf die Toilette geführt zum Händewaschen. Das leuchtete mir nicht ein, denn wenn man jemandem die Hand gab, wusch man sich sonst auch nicht die Hände. Ein Dreijähriger versteht nichts von Hygiene und von ansteckenden Krankheiten muss er nichts wissen, damit er keine Angst bekommt – deshalb hat man mir auch nichts weiter erklärt.
Es dauerte Jahre, bis mir klar wurde: die Person in diesem Bett war meine Großmutter! Der große Opa und dieses merkwürdige Händewaschen! Diese Episode ist mir als einzige Erinnerung an meine Großmutter Rosa Helene geblieben: An das Händewaschen erinnere ich mich – von der Person im Bett hat sich mir kein Bild eingeprägt.
Hätte ich mehr auf die Frau im Bett geachtet, wenn man mir gesagt hätte, dass da meine Großmutter läge? Doch wer, wie meine Mutter, in seinem Fotoalbum nicht unter das Bild der eigenen Mutter »Mama« oder »Meine Mutter« schreiben kann, der kann wohl auch nicht Oma erklären.
Helene ist zwei Tage vor meinem vierten Geburtstag gestorben. Sie wurde gerade einmal sechzig Jahre alt. Ich habe erst dreißig oder vierzig Jahre später erfahren, unter welchen Umständen sie aus dem Leben gegangen ist – auch das war nichts für kleine Kinder.
Was verbindet zwei Menschen? Unsere Tochter hat meiner Frau und mir einmal unumwunden die Frage gestellt, warum gerade wir beide geheiratet hätten. Ich wäre nie auf eine solche Frage gekommen, aber hätte ich sie meinen Eltern gestellt, hätte dann die Antwort lauten müssen: Haben sich da zwei gefunden, die unter ihrem Elternhaus gelitten haben? Wollten da zwei, die Familie in ihrer Jugend mehr als Belastung und weniger als schützenden Hort erlebt haben, gemeinsam eine bessere Zukunft haben? Was für ein schwieriges Unterfangen das werden würde, da jeder nur traurige Erfahrungen in die gemeinsame Zukunft und Familie einbrachte, das hatten sie sich nicht klar gemacht. Sie waren Kinder einer schlimmen Zeit und wollten, sich gegenseitig stützend, es besser machen. Aus dem Nichts der Nachkriegszeit heraus haben sie es zu einem gewissen Wohlstand gebracht – aber die Kälte zu überwinden, die sie in ihrer Jugend in ihren Elternhäusern und in den schweren Kriegsjahren wohl empfunden haben, das dürfte trotz gutem Willen für sie immer ein Problem geblieben sein.
Lange habe ich über so etwas nicht nachgedacht. Vielleicht hätte ich diesen Gedanken früher wagen sollen. Vielleicht wäre es hilfreich gewesen, früher dafür Zeit zu opfern: um zu verstehen, warum ich manchmal nicht so herzlich bin, warum es bei mir recht lange braucht, bis ich einen anderen Menschen umarme. Jetzt stehe ich in der Gefahr, all’ das manchmal als Entschuldigung zu missbrauchen, um mich ungestört zurückzuziehen, um alleine zu sein mit einem Hobby, mit einem Buch, mit meinen Phantasien.
Obwohl ich mich in der Schule mit Fremdsprachen mehr abplagte als dass ich sie mit Freuden und gutem Erfolg lernte, so üben doch heute gewisse Sprachen eine Faszination auf mich aus: so das Russische, mit dem ich mich neben meinem naturwissenschaftlichen Studium abgemüht habe, oder auch das Italienische, mit dem ich mich seit Jahren mit mäßigem Erfolg beschäftige. Doch so stellt sich mir heute die Frage: Ist das ein Vermächtnis von Helene?
Und was steckt von der Kathi in mir?
Ich bewundere Alex Haley, den wohl ähnliche Fragen quälten, der seine Wurzeln suchte, schließlich auch fand und in seinem berühmten Buch »Roots« uns daran teilhaben ließ. Er als Amerikaner hat es geschafft, das Heimatdorf eines seiner afrikanischen Vorfahren ausfindig zu machen. Fasziniert hat er dort einem alten Grignot, einem jener Männer, die die Historie auswendig lernen und den zukünftigen Generationen zur Kenntnis bringen, zugehört und in dessen Vortrag auf einmal Übereinstimmung gefunden mit dem, was in seiner Familie von seinem Urahn, der aus Afrika nach Amerika verschleppt wurde, erzählt wird.
Doch in München oder Bayerisch Gmain gibt es keine Grignots, keine wandelnden menschlichen Geschichtsbücher. Und aus den Lungenheilanstalten Württembergs sind keine Details über die Gefühle und Empfindungen ihrer Patienten übermittelt – weder durch einen Grignot noch in Form von bei Google aufzufindenden Datenbanken.
Meine Großmütter – sie wurden mir nie nahegebracht, fast gar verschwiegen. In meiner bunten Kinderwelt habe ich sie nicht einmal vermisst. Doch dieses so gut wie gar nichts wissen – irgendwann reizt das dann erst recht zur Neugierde! Nicht nur bei den Großmüttern! Bald ergreift die Neugierde auch deren Umfeld, die Geschehnisse in ihrer Jugend – und somit die Kindheit der eigenen Eltern: Warum gibt es im Fotoalbum meiner Mutter nur zwei Bilder von der Frau, die ihre Mutter war? Wie kam es, dass mein Vater bei der Waffen-SS diente? Und was tat er da? Warum ist man hinter vorgehaltener Hand stolz darauf, dass eine meiner Großtanten Adolf Hitler als Sekretärin nach Rom begleitete? Und wieso sitzt am sechzigsten Geburtstag meiner Mutter ein Halbjude, ein Vetter meiner Mutter, mit an der Tafel? Es riecht nach Geheimnis und Verheimlichtem.
Wenn ich nun das Wenige, das gesichert bekannt ist, mit einer vielleicht sogar wahrscheinlichen Geschichte umgebe – zurückholen kann ich meine Großmütter nicht mehr. Sie gingen mir verloren, weil mein Interesse zu spät erwachte. Vielleicht wurden sie mir sogar vorenthalten oder gar gestohlen, weil ein großer Krieg eine ganze Generation zu Schweigern gemacht hat. Und ich habe es zugelassen, habe vergessen, rechtzeitig zu fragen, hartnäckig nach zu bohren. Habe somit dazu beigetragen, dass sie in Vergessenheit gerieten.
Was ist sonst noch alles in Vergessenheit geraten oder – vielleicht gar absichtlich – unter den Tisch gekehrt worden? Was soll ich sonst noch aus der Vergangenheit meiner Vorfahren nicht wissen? Und sollte es vielleicht doch gerade wissen! Wissen, um es zu verstehen und zu schätzen, welches Glück es ist, wenn man eine Mutter hat und wenn man keinen Krieg erleben muss.
Ich bin mit verlorenen Großmüttern und bezüglich ihrer Vergangenheit schweigsamen, wenn nicht gar verschwiegenen Eltern in das Leben gestartet – und ebenso mein Bruder Paul. Wir hatten annähernd gleiche Startbedingungen und doch ist unser Leben völlig anders verlaufen. Hatte Paul mehr unter der Geschichte unserer Eltern zu leiden als ich? Oder hatte ich einfach das Glück, außerhalb des Elternhauses auf bessere Bedingungen zu stoßen als mein Bruder?
Und deshalb kann die Geschichte meines Bruders nicht völlig fehlen. Die Geschichte meiner verlorenen Großmütter, sie ist nicht nur meine Geschichte, sie ist auch Pauls Geschichte. Deshalb musste aus dem Wenigen, das überliefert ist, durch mein Zutun nicht nur eine teils erfundene, teils der Wahrheit entsprechende Geschichte meiner Großmütter, sondern eine kleine Familienchronik werden.
Eine Familienchronik, nach der sogar zaghaft gefragt wird; denn inzwischen ist schon die nächste Generation herangewachsen, habe ich selbst große Kinder und mein Vater erwachsene Enkel. Auch bei ihnen gibt es viele Fragen nach dem, was sich zu Zeiten meiner Großmütter in Deutschland ereignet hat, und so hat meine Tochter meinen Vater gebeten, seine Erinnerungen – auch die aus dem Krieg – aufzuschreiben. Denn er gehört zu den letzten Augenzeugen dieser schrecklichen Zeiten. Wenngleich er nun endlich selbst mehr davon erzählen kann – es schwarz auf weiß zu fixieren, das schafft er noch immer nicht. Also will ich in die Bresche springen und nicht nur immer lamentieren.
Doch es zeigte sich bereits in der Zeit, in der ich dieses Manuskript schrieb: Eine solche Lücke zu schließen ist nicht einfach! Familienmitglieder, die das eine oder andere Kapitel vorab lasen, meldeten mir Anregungen und Kommentare zurück.
Die einen, vorneweg mein Vater, wurden von der Sorge getrieben, dass ich die Beziehungen zum Nationalsozialismus enger darstelle, als diese wirklich waren. Auch wenn ich dieses Anliegen verstehe, so stellt sich mir jedoch zum einen die Frage, ob nicht genau das die Ursache der hier zu beklagenden Verschwiegenheit ist – oder etwas übertrieben und zugleich vereinfacht dargestellt: worüber man nicht spricht, das hat auch nicht stattgefunden. Zum anderen allerdings fiel mir durchaus auch auf, dass ich in unserer Familie so vieles entdeckt habe – aber keinen Widerstandskämpfer. Zugegebenermaßen musste ich mir beim Recherchieren und Schreiben dieses Buches eingestehen: hätte ich damals unter denselben Umständen gelebt, so hätte ich mit einer nicht allzu geringen Wahrscheinlichkeit wie meine Vorfahren gehandelt. Ich hätte vermutlich auch nicht das nötige Rückgrat gehabt, aktiv Widerstand zu betreiben. So paradox es klingen mag, aber ich bin inzwischen davon überzeugt, dass man schuldig werden kann ohne Schuld zu haben oder schuld zu sein.
Andere hingegen stellten die Frage: Müssen denn im ersten Teil dieses Buches die Dialoge deutlich bayerisch eingefärbt geschrieben werden? Nun, ich kann mir die junge Kathi, ein noch im Kaiserreich in München geborenes Mädchen aus einfachen Verhältnissen, nicht anders vorstellen. Auch ihr Halbbruder Hans, dem ich noch persönlich begegnet bin, sprach Dialekt, auch mein Großvater, Kathis Ehemann – und sogar mein Vater verfällt heute noch ins Bayerische, wenn er mit seiner Verwandtschaft telefoniert. Ich vertraue also darauf, dass der interessierte Leser mir dieses gegebenenfalls nachsieht.
Kathi
Vom weißblauen Himmel schien die Sonne durch die drei hohen Fenster; man hatte zwei Flügel geöffnet, um die noch frische Luft des Sommermorgens in die Schulstube zu lassen.
Vorne am Pult stand der Lehrer mit aufgezwirbeltem Bart, wie ihn auch der Kaiser trug. So gut das eben bei ihm noch ging, denn seine Haare und sein Bart waren schon ganz grau und dünn. Mit beiden Händen fasste sich der alte Mann an den Kragen seines Rockes; der Stock, an dem er sich sonst festzuhalten pflegte, hatte bereits ausgedient und lag auf dem Katheder.
Eigentlich hätte dieser Schulmeister nie einen Stock gebraucht; er war seit Jahr und Tag an einer katholischen Volksschule für Mädchen und als ängstlicher und obrigkeitshöriger Mensch hatte er im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen den Erlass, dass Züchtigungen bei Mädchen möglichst zu vermeiden seien, ernst genommen. Stattdessen wurden die Mädchen durch stundenlanges Knien auf Holzscheiten diszipliniert. Doch auch die Holzscheite, von denen sonst immer etliche links und rechts vom Pult bereitlagen, waren heute weggeräumt.
Er dachte, er würde heute zum letzten Mal vor einer Klasse stehen; als einer der wenigen hatte er das Alter erreicht, das zum Bezug einer Altersrente berechtigte. Dass seine jungen Kollegen bald alle des Kaisers Rock anziehen mussten und er dann doch wieder am Pult stehen würde, das zu ahnen war dem einfachen und biederen Manne nicht gegeben. Und wenn er es geahnt hätte, dann hätte sein Stolz auf die jungen Kollegen die Müdigkeit seiner siebzig Jahre aufgehoben.
Seine dreiundsechzig Schülerinnen waren sich sicher: Nie wieder auf die Schulbank! Es war ihr letzter Schultag und die gemischten Gefühle der vergangenen Wochen waren nun einer allgemein freudigen Stimmung gewichen.
Worauf sie sich freuen sollten – die wenigsten wussten es. Sie würden nun ein Zeugnis, ihr Abgangszeugnis erhalten. Der alte Lehrer hatte schon mit dem Austeilen begonnen. Was danach kam? Draußen auf dem Land, da war es noch wie eh und je, da stellte sich diese Frage nicht: Die Mädchen verdingten sich als Magd. Doch hier in München gab es für die Arbeiterkinder diesen traditionellen Weg nicht mehr, denn es gab mehr Mädchen aus einfachen Verhältnissen als vornehme Leute Dienstmädchen benötigten.
Kathi und die Mariann’ saßen in ihrer Bank und gehörten zu denen, die bereits ihr Zeugnis in den Händen hielten. In ein paar Minuten würden sie hinaus gehen in den sonnigen Tag; das Leben würde für sie einfach weiter gehen wie zuvor, halt ohne Schule, aber auch ohne etwas Neues.
Freilich, die Welt würde sich weiterdrehen; der Bäckermeister Pichler würde seine Tochter Marianne um drei in der Früh wecken und zum Semmeln Formen anstellen; das sparte ihm einen Lehrbuben. Und wenn es in der Backstube später ruhiger wurde, dann konnte seine Tochter im Laden helfen. Aber das war nichts Neues – wenn der Lehrbub verschlief und zu spät kam, dann war die Marianne schon seit etlichen Monaten geweckt und an den Teigtrog gestellt worden.
Und Kathi? Kathi würde mehr Zeit haben, auf die kleinen Brüder aufzupassen, wenn die Mutter zu irgendwelchen Leuten zum Waschen oder Plätten ging.
Dass das keine große Zukunft war, soweit reichte die Vorstellungen der beiden Mädchen auch schon, aber arg viel weiter ging ihre Phantasie nicht. Manchmal träumten sie davon, Dienstmädchen bei vornehmen Leuten zu werden. Oder Kindermädchen. Oder Fräulein im Kaffeehaus.
Der alte Lehrer hatte das letzte Zeugnis ausgegeben – bis der Pedell mit der Schelle die großen Ferien einläuten würde, fehlten noch zehn Minuten. Hätte er nun Jungs vor sich sitzen gehabt, dann wären ihm Worte für eine kleine Abschiedsrede eingefallen: Er hätte vom Vaterland und vom Soldat Werden gesprochen, er, der damals vor über vierzig Jahren dabei war, als die Deutschen nach Paris gingen, mit der Waffe in der Hand, und Deutschland entstanden war. Er würde das genauso tun, wie das im Kaiserreich seit vielen Jahren fast alle Lehrer ihren männlichen Schülern vorschwärmten. Doch für Mädchen wollte ihm nichts einfallen.
Seit seiner Teilnahme am glorreichen Frankreichfeldzug hatte er auch nichts mehr erlebt; er war nach Hause gekommen und hatte seitdem in der Schulstube gestanden. Und damit war es nun auch vorbei, wie er dachte.
Was hätte er den Mädchen sagen sollen?
Er tat dann eben, was er immer getan hatte, wenn er müde war: Er ließ seine Schülerinnen »Nun danket alle Gott« und »Ein feste Burg ist unser Gott« singen und weil der Pedell noch immer nicht zur erlösenden Glocke griff auch noch »Wohin soll ich mich wenden«.
Die Mädchen kamen bis zur Mitte der dritten Strophe: »Wer auf der Erden Pfaden, ist Deinem Auge rein«. Dass Johann Neubert an dieser Stelle ein Fragezeichen gesetzt hatte – es ließ sich nicht mitsingen.
Der nächste Vers »Mit kindlichem Vertrauen eil ich in Vaters Arme« konkurrierte dann mit der Schelle des Pedell und eigentlich wäre die Schule, ja die ganze Schulzeit, aus gewesen, doch die Mädchen sangen weiter: »fleh’ reuerfüllt: ›erbarme, erbarm, o Herr, Dich mein‹«.
Der alte Lehrer winkte ab, die Mädchen verstummten, wie in den letzten Jahren anerzogen, und so blieb die vierte Strophe ungesungen: »Süß ist Dein Wort erschollen: ›zu mir ihr Kummervollen! Zu mir! Ich will Euch laben. . . ‹«
Auf dem Hof verlief sich dann alsbald die ganze Klasse. Was sollten die Mädchen auch Besonderes tun? Wie jeden Tag der letzten sieben Jahre ging Marianne vor dem Schultor die Straße in die eine und Kathi in die andere Richtung.
Dafür kam ein neunjähriger Lauser von hinten auf Kathi zugesprungen und zog sie frech am rechten Zopf.
»Und du muasst jetzt wirkli gar nimmer in d’Schul, Kathi?«, fragte er gerade ’raus.
»Na, Hansl, in die Schul’ muss ich nimmer.«
»Auch nicht nach der Vakanz?«
»Na, Hansl, auch nicht nach der Vakanz. Halt wirklich gar nimmer.«
»Mei, des is’ fei blöd. Na muass i ja allein gehen.«
»Freili’ ja – wirst es auch langsam können, bist ja scho’ zehne.«
»I gang abba lieba mit dir! Und überhaupts: wos machsd denn du dann?«
»Joa mei, was halt alle Dirndl nach der Schul’ machen– ich werd’ halt bei einer Herrschaft in Dienst gehen.«
»Und was tuast dann do im Dienst?«
»Jetzt du kannst aber fragen – mei, halt saubermachen, in der Kuchl helfen, auf die kleinen Kinder aufpassen, halt alles, was die Gnädige will«
»Na kannsd aa beim Schorschi und bei mir bleiben!«
»Geh du!« seufzte Kathi und sagte nichts mehr. Mit dem Hansl hätte sie jetzt noch stundenlang darüber diskutieren können, ihm wäre schon noch etwas eingefallen. Also schwieg sie lieber und streichelte dem Bruder nur fahrig über den Schopf. Dann seufzte sie nochmals und dachte, eigentlich wäre es schon schön, wenn sie jetzt ein bisschen jünger oder ein bisschen älter wäre. Im Moment blieb eigentlich nur der Traum, eine Anstellung bei einer vornehmen Herrschaft zu bekommen.
»Also i«, sann Hansl weiter, »i wenn oamoal aus d’r Schul’ komm, i wer amoi viel Diridari macha1!«
»Freilich ja, bist halt auch ein Bursch«, bestärkte Kathi ihn und seufzte noch einmal. Manchmal wäre sie auch lieber ein fester, starker Bursche gewesen, denn dann hätte sie jetzt in die Fabrik gehen und sich vom Verdienst schöne Kleider kaufen können und wie die vornehmen Damen im Kaffeehaus sitzen. Dass das nicht so ganz zusammenpasste, unter der Woche als junger Mann in der Fabrik Geld zu verdienen und dann am Sonntag als Dame im schönen Kleid im Kaffeehaus zu sitzen, das störte Kathi nicht.Wenn sie so durch die Straßen ging und die vornehmen Damen in schöner Garderobe sah, dann wollte sie halt auch sehr gerne so eine Dame sein.
Aber als Dienstmädel bekam man im höchsten Fall mal ein abgelegtes Kleid der Gnädigen, wenn überhaupt. Oder man hätte einen Verehrer haben müssen, am besten einen, der einem alles kaufen konnte. Aber irgendwie redeten der Pfarrer und auch die Eltern davon, dass die reichen jungen Männer die jungen Frauen immer nur ins Unglück stoßen würden. So ganz hatte Kathi das noch nicht verstanden.
»Da schau amoi«, riss Hans die Kathi aus ihren Gedanken, »So einen Lastwagen kauf’ ich mir einmal, dann fahr ich den Leut’ für Geld alle schweren Sachen«. Und mit leuchtenden Augen zeigte er auf eines der modernen Lastautomobile.
Das gestand sie dem Bruder gerne zu, dass sie sich das auch schon gefallen lassen würde, wenn er viel Geld verdiene. Dann könne er ihr ja ein bisschen etwas abgeben und sie könne sich ein schönes Kleid oder gar einen Hut kaufen. »Aber weißt,« resümierte sie dann, »da müsstest halt erst einmal so ein Lastautomobil haben, und das kost’ halt auch wieder ein Geld.«
»Irgendwie dapack’ i’s scho’!« Dem Hansl wenigstens war sein kindlicher Optimismus noch nicht abhandengekommen. Aber die Kathi, die hatte das schon begriffen: Wenn man etwas gerne hätte, dann müsste man es sich halt selber kaufen können. Aber um etwas kaufen zu können, dazu bräuchte man halt Geld. Und weil sie keins hatte, so musste sie es eben verdienen. Wie der Vater, der als Stallknecht zum Kohlenhändler ging und abends noch Schuhe für fremde Leute nagelte. Oder die Mutter, die zu besseren Leuten zum Kochen ging, wenn die Herrschaften Gäste hatten. Dann musste die Kathi auf den Hans und auf den anderen Bruder, den kleinen Schorsch, aufpassen und wenn sie Glück hatte, dann brachte ihr die Mutter von der übriggebliebenen Torte ein Stück mit. Aber nur, wenn die Herrschaften, bei denen die Mutter ausgeholfen hatte, generös waren. Doch meist half halt die Mutter da aus, wo sich die Herrschaften noch keine festen Dienstboten leisten konnten, aber trotzdem einmal vornehm sein wollten.
Und weil die Mutter so halt nicht zu den ganz vornehmen Herrschaften kam, deshalb hatte die Kathi bis jetzt noch nicht einmal eine Anstellung als Hausmädchen.
Hans hatte inzwischen eine neue Idee: Mit einer Motordroschke könne er die Leute dorthin fahren, wo sie hinwollten, und die Leute müssten ihm dafür Geld geben und er werde reich.
»Auch nicht schlecht«, lachte Kathi, »so eine Motordroschken ist nicht ganz so groß wie ein Lastautomobil, dann wird es auch nicht so viel kosten. Aber für dich und mich wird es noch immer zu teuer sein.«
»Woast, i bin halt a Bursch’«, klärte Hans sie auf, »mir braucha net so viel G’wand und Schuh wie ihr Weiberleut. Wenn i’ all’ des Geld spar, na langt’s mir scho’ a Motordroschke – oder gar doch ein Lastautomobil!«
»Aber ein vornehmes Kleid ist halt doch etwas Schöneres als so ein knatterndes und stinkendes Automobil«. Kathi hätte es fürs erste ein schönes neues Kleid getan. Und beim Gedanken an schön angezogene Damen kam ihr wieder die Erinnerung an den 14. April, an den Tag, als der österreichische Thronfolger Franz-Ferdinand den bayerischen König in München besucht hatte. Der Herr Lehrer hatte gesagt, weil sie die Abschlussklasse seien, würden sie statt des Unterrichts auf die Straße gehen, über die der König und der Thronfolger gefahren kommen, damit sie alle auch einmal sähen, wie der bayerische König mit den höchsten Herren weit und breit verkehre. Was war das für ein Tag gewesen! Und was standen da Frauen in schönen Kleidern am Straßenrand und hatten den hohen Herrschaften zugejubelt! Ach, was hatte es da schöne Trachten und Dirndl gegeben – aber noch viel besser hatten der Kathi die Kleider gefallen, die aus einfarbigem Stoff waren und ohne Schürze davor getragen wurden.
Und wie sie an jenen Tag zurückdachte, da fiel ihr auch der Großherzog Franz-Ferdinand ein und da musste sie natürlich daran denken, dass man den armen Mann und seine Gemahlin vor drei Wochen erschossen hatte. Aber das war ja im fernen Sarajewo und ein deutscher oder gar ein bayerischer Prinz war er auch nicht. Also, dachte sich die Kathi, wenn’s gleich auch schlimm ist, was geht es mich an? Sarajewo ist ja nicht München und in München schießt man Gott sei Dank nicht auf der Straße herum – wenn das in diesem Sarajewo, wo das auch immer sein mag, anders ist, warum muss dann der Großherzog auch dahinfahren? Soll er halt lieber wieder nach München auf Besuch kommen, da passieren solche Sachen nicht.
1Geld verdienen
Als sie nach Haus gekommen war, hing ein Zettel an der Tür, sie solle den Schorschi und den Schlüssel bei der Witwe Pfaunsberger abholen; die Mutter sei zum Plätten gerufen worden und käme erst am Abend wieder.
Die Pfaunsbergerin war froh, dass Kathi den kleinen Bruder abholte: »Das ist aber Recht, dass du jetzt nimmer zur Schul’ musst. Ich kann’s halt gar nicht mehr, auf den Schorschi aufpassen. Der krabbelt mir immer davon, mit meinem Stock komm ich dem nimmer hinterher.«
Kathi mochte die alte, hilfsbereite Nachbarin eigentlich ganz gern und dachte immer daran, wenn sie zum Kaufmann ging, auch für die gutmütige alte Frau die Besorgungen mitzumachen. Denn es war nicht zu übersehen, dass der Witwe das Alter zusetzte und das Gehen trotz des Stocks für sie immer beschwerlicher wurde. Es war ein kleiner Dank, ein gewisser Ausgleich dafür, dass die Pfaunsbergerin so manches Mal den kleinen Schorschi hütete. Für diesen Tag befreite Kathi die Nachbarin von dem immer quirliger werdenden kleinen Kerl und ging mit den Brüdern hinauf in die elterliche Wohnung, briet die am Abend zuvor gekochten Kartoffeln und gab auf jeden Teller zu den Kartoffeln noch einen Schlag dicke saure Milch dazu.
Am Abend kamen der Vater und die Mutter heim; die Mutter streichelte ihr über das Haar und lobte ihr Abschlusszeugnis, auch wenn die Noten eigentlich gar nicht so besonders waren. Aber was zählte bei einem Mädel schon ein Zeugnis, zum Einkaufszettel schreiben würde es immer noch ausreichen und für die Mutter war es hilfreicher und wichtiger gewesen, dass Kathi auf die Buben aufgepasst hatte, auch wenn dabei die Schulbücher vielleicht zu kurz gekommen waren. Der Vater indes sah sie fest an und sagte: »Jetzt hast die Schul g’schafft, jetzt kannst dann im Leben zupacken.« Und deshalb stritten sich die Eltern dann sogar ein bisschen, was nun aus der Kathi werden solle? Der Vater meinte, er werde in der Korbfabrik Weiden holen, dann könne die Kathi zu Haus Körbe flechten und dabei auf den Schorschi aufpassen, die Pfaunsbergerin sei ja unwillig geworden. Die Mutter hingegen wandte ein, sie wolle nochmals bei der Frau Amtsrat Schrebenhauer fragen, ob sie die Kathi nicht doch als Hausmädchen nehmen wolle; erst letzte Woche habe sie wieder geklagt, dass sie mit ihrer Afra gar nicht mehr zufrieden sei; die Afra gäbe immer so g’scherte Antworten und würde auch das Silber gar nicht ordentlich polieren. Das schmeckte aber dem Vater gar nicht: ja, und was werde dann aus Hans und dem kleinen Georg, hatte er gefragt, wenn die Kathi nicht mehr im Haus sei?
Alles Bitten und Betteln, die Mutter möge doch bei der Frau Amtsrat fragen, nützte nichts – sooft die Kathi auch noch beteuerte, sie täte doch so gern ein Hausmädel werden! Aber es war vergebens, der Vater setzte sich durch: »Und jetzt denkt’s einmal daran, dass heut die Afra das Silberzeug der Frau Amtsrat nicht schön genug putzt und deshalb davongejagt wird, und morgen wienert unsere Kathi die Schuh nicht gehörig und dann wird sie aus dem Dienst gewiesen. Und überhaupts«, sagte er noch, als er aufstand und zum offenen Fenster trat, um – in den gewittrig schwülen Sommerabend hinaussehend – aus der Zeit zwischen den Blitzen über den östlichen Stadtteilen und dem darauf folgenden Donnergrollen abzuschätzen, wie nah das Unwetter schon sei, »und überhaupts, wenn die Österreicher die Serben weiterhin tratzen2 und die Russen nicht stad3 halten, dann ist’s recht bald vorbei mit dem Vornehm’ tun und weiße Schürzerln umhaben. Dann werden wir Männer bald nicht mehr da sein und alle Weiberleut’ in die Fabrik gehen müssen. Und dann – dann werden wir froh sein, wenn die Kathi bei den Buben ist!«
»Moanst es werd wirkli’ soweit kemma«, fragte da die Mutter leise mit sanft bebender Stimme.
»I fürcht’ fast gar, dass es«, begann da der Vater – aber man verstand nicht mehr, was er fürchtete, denn das nahende Gewitter übertönte mit einem gewaltigen Donnerschlag den einfachen Mann.
Eine Windboe zwängte sich in den engen Hinterhof und der Vater schloss rasch das Küchenfenster. Als er sich umdrehte, sah er die Tränen in Kathis Augen. »Mei o mei«, begann er fast gar wie eine der alten Marktfrauen zu jammern, zog den alten Küchenstuhl, von dem die weiße Farbe abblätterte, heran, setzte sich und zog die Kathi zu sich auf den Schoß wie ein kleines Mädchen. Kathi mochte das nicht, sie war ja eine Große; doch ihr Stiefvater hielt sie mit starkem Arm fest, sodass es kein Entrinnen gab, und bat die Mutter, sie solle Hans den großen Krug und Geld geben, damit der Hans vom Wirt Bier hole, bevor der Regen einsetze.
»Mei, der große Krug und der kloane’ Hanserl!«
»Red’ nicht«, bekam sie zu hören, »’s Katherl kann nicht gehn, der muss ich jetzt etwas erklären.«
Katherl hatte er sie genannt! Und auf den Schoß gezogen wie ein kleines Kind! Sie hatte als Vater nur ihn kennen gelernt – und er war auch nicht anders als die Väter ihrer Schulfreundinnen. Und dennoch mochte sie ihn manchmal nicht, so wie jetzt, als er sie wie ein kleines Kind behandelte – sie, die doch jetzt aus der Schule gekommen war! War da doch etwas an den Märchen, die man Kindern erzählte, von bösen Stiefmüttern? Warum kamen eigentlich nie Stiefväter in den Geschichten vor?
Weiter kam sie nicht in ihren Gedanken, denn jetzt sprach er wieder, der Mann, der nicht zulassen wollte, dass sie in die Welt der vornehmen Leute käme, wenn auch nur als Dienstmädchen: »Gell, jetzt bist du traurig«, musste sie ihn sagen hören und es kam ihr falsch und schal vor, »aber darfst mir bitte nicht bös’ sein derhalben. Schau, wenn ich beim Kohlenhändler bin, dann kann der mich herum jagen, wie er mag, kann mit mir schimpfen, auch wenn ich meine Arbeit recht mach’ und die Ross’ gut da stehen und das Geschirr gerade so blitzt. Wenn er schlechte Laune hat, dann darf der das, der reiche Herr Kohlenhändler, und ich bin bloß sein Handlanger, der alles tun muss, kein Widerwort geben darf, auch wenn’s dreimal angebracht wäre. Schlucken muss ich es, weil ich ’s Geld brauch’ für die Mutter, für den Schorschi, für ’n Hansl und auch für dich. Und weil’s bei einem andern Dienstherrn auch nicht besser wär’. Aber wenn ich Schuh’ nagel und die Leute kommen und holen sie ab, dann werd’ ich gelobt, wenn ich sauber gearbeitet hab’. Verstehst’ mich?«
»Naa«, sagte da Kathi ganz ehrlich.
»Jetzt denk’ einmal: Heut jagt die Frau Amtsrat die Afra fort, vielleicht weil sie das Silberzeug wirklich nicht sauber putzt oder eine Gosch’n hat, vielleicht auch bloß, weil das Madel dem Herrn Amtsrat zu gut gefällt. Wenn du zur Frau Amtsrat gehst, dann kann’s dir genauso gehen. Wenn du aber Körb’ flechten tust, dann sitzt du daheim in der Küch’, arbeitest so schnell wie du magst, und wenn du fleißig bist und geschickt, dann wirst bei der Abgabe von deinen Körben gelobt wie ich für die genagelten Schuah.«
»Stimmt das, was der Vater sagt?«
»Da hat er g’wiss ned unrecht«, stimmte die Mutter zu. Ob sie wirklich auch nicht daran dachte, dass bei der Abgabe der Korbhändler nach jedem kleinen Fehler suchen würde, um den Lohn zu drücken, oder ob ihr am Ende doch das Argument mit der Aufsicht für die Buben eingeleuchtet hat – wer weiß das schon? Vielleicht hatte ihr einfach auch die Angst, die ihr Mann mit seinem Gerede über den Krieg verbreitet hatte, die Fragen nach der Zukunft ihrer Tochter unwichtig werden lassen.
Dann kam der Hans mit dem Bier, gerade noch rechtzeitig, um nicht nass zu werden, denn jetzt schlugen schon die ersten Tropfen schwer gegen das Küchenfenster und der Donner folgte nun unmittelbar auf den Blitz.
»Hab’ ich’s nicht gesagt, dass es ein rechtes Wetter heut’ noch gibt«, bemerkte der Vater und er stand auf, gab die Kathi endlich frei, nahm drei Bierkrüge vom Regal an der Wand – keine zwei sondern drei – und stellte den dritten Krug vor seine Stieftochter.
»Geh’, Johann, doch koa Bier für des Madl!«
»Lass gut sein, Mutter, wenn sie schon kein Dienstmädl werden darf, dann darf’s heut’ wenigstens feiern, dass’s den Tintenfässern und Rohrstöck’ und den ganzen Schulhäusern entkommen ist.«
Dann holte der Vater sogar das Geselchte hervor – wie sonst nur am Sonntag – und schnitt auch für die Kathi und sogar für den Hansl ein kleines Stück herunter. Wie sie dann so um den Tisch saßen, waren doch alle fröhlich oder haben zumindest so getan – wie die Kathi, die noch immer traurig war und der das Bier daher gar nicht schmeckte; aber sie war ja eine Große und da trank man doch wohl Bier. Also trank sie die fünf Schluck, die ihr der Vater in ihren Krug geschenkt hatte, tapfer aus.
Nur dem Hansl, dem war es recht kommod, trotz Blitz und Donner um das Haus. Der freute sich an seinem Trumm Speck und stieß die Kathi in die Seite: »Geh’zu, jetzt freu’ dich halt, dann san’ mir doch die nächsten paar Wochen z’samm. Du, i flecht’ auch Körb’, dann spar ich scho’ amoi für mei’ Lastautomobil.«
»Geh’, du immer«, brummte die Kathi. Eigentlich mochte sie ja ihre Brüder, aber an dem Abend konnte sie nichts so richtig trösten und sie ging dann recht bald schlafen.
2ärgern, reizen
3still
So saß Kathi dann in der Küche und ließ sich von der Mutter das Korbmachen erklären. Sie plagte sich recht mit den Weiden und immer öfter massierte sie sich die schmerzenden Hände. Wenn die Mutter bei fremden Leuten zum Plätten oder zum Waschtag war, dann versorgte sie zwischendrin den Schorschi und den Hansl und holte auch beim Krämer das ein oder andere ein.
Der neunjährige Hans saß schon so manches Mal bei der Kathi in der Küche, aber mit dem Helfen oder gar selber Körbe machen, um Geld für ein Lastautomobil zu verdienen, war es – auch wenn er zugegebener Maßen die eine oder andere Handreichung der Kathi gab – nicht ganz so weit her. Doch zuhören tat er der Kathi ganz gern, wenn sie ihm etwas erzählte, zumeist Geschichten, die sie noch aus dem Schullesebuch kannte.
Wenn Kathi über die Straße ging zum Krämer oder zum Wirt, um dem Vater am Abend einen Krug Bier zu holen, dann war das nur ein kurzer Weg. Bis zur Hauptstraße oder gar bis zu einem belebten Platz kam sie eigentlich nie und daher war es auch nicht verwunderlich, dass ihr in diesen Tagen die zahlreichen aufgeregten Burschen mit ihren lauten Rufen »Extrablatt, Extrablatt« entgingen.
Beim Krämer traf Kathi meist nur Frauen und Kinder; da war kaum ein Wort vom Krieg zu hören. Und wenn doch einmal, dann tat der Krämer das großspurig mit den Worten ab, dem Franzmann habe man es 70 auf 71 ja auch ordentlich gezeigt und es sei wohl an der Zeit, sich wieder Respekt in der Welt zu verschaffen, und wenn es die anderen nicht anders wollten, dann eben mit der Waffe in der Hand.
Wenn sie aber am Abend zum Wirt um Bier geschickt wurde, dann klang das ganz anders. In der Gaststube ging es oft hoch her bei den jungen Burschen, die schon mit dem Feierabendbier an den Tischen saßen. »Den Serben g’hört a Lektion erteilt«, war da zu hören und: »Bis Weihnachten sitz’ mer wieder alle g’mütli unterm Baum«. Und dann stießen die Burschen mit den Krügen an: »Geh, Sepp, du hast’s guat, du bist bei der Reserv’, du kannst es dem Russen gleich zeigen.« »Ja hoffentlich kneift der Russ’ am End ned gar, sonst ist des bisserl Krieg gegen die Serben vorbei, bevor mir überhaupt an d’Front kemma!«
Wenn Kathi die Burschen so reden hörte, dann erinnerte sie sich, was der Lehrer am Sedanstag immer erzählt hatte: Dass anno 1870/71 erstmals alle Deutschen gemeinsam in den Krieg gezogen seien und dass es fast gar bloß ein Spaziergang nach Paris gewesen wäre und dass seitdem Elsass und Lothringen zum schönen deutschen Vaterland gehöre.
Und dann kam der Tag, an dem der Vater am Abend nach Hause kam und sagte: »Kinder, wir haben Krieg!«
»Geh, Johann, erschreck die Kinder doch nicht so! Die Leut’ sagen doch alle, in ein paar Wochen wär’ alles vorbei.«
»Gott geb’s«, war des Vaters Antwort.
Zwei Tage später traf Kathi vor dem Krämer ihre ehemalige Banknachbarin, die Mariann’. »Mei’ Bruder«, rief die Mariann’ ganz aufgeregt, stolz mit einem Blumenstrauß wedelnd, »zieht ins Feld! Komm, geh’ mit, die ruck’n gleich aus der Kasern’ aus.«
Kathi wusste nicht so recht, ob sie das denn dürfe. Zwar war die Mutter bei den Buben, weil in jenen aufgeregten Tagen offenbar die Leute nichts zum Waschen oder Plätten hatten, aber so einfach nicht zu ihren Körben zurückgehen?
Doch das Marianderl4 hatte sie schon untergehakt und zog sie mit sich fort auf die belebteren Straßen Münchens. Die Menschen strömten wie verabredet alle in eine Richtung und je langsamer sie in der Menschenmasse vorwärts kamen, desto mehr spornte die Mariann’ sie an: »schnella, schnella, sonst kemma ma z’spat!«
Die Kathi ließ sich mit fortziehen bis zu einer Straße, an deren Rand die Menschen dicht gedrängt stehen geblieben waren. Dann hörte sie flotte Marschmusik und tatsächlich kam von links eine Militärkapelle die Straße herunter. Die Menschen um sie herum fingen an zu jubeln und zu winken und die Kapelle marschierte vorbei und dahinter im Gleichschritt die Soldaten: stramm, in sauberer Uniform, die Pickelhaube auf dem Kopf, den Tornister auf dem Rücken und das Gewehr über der Schulter. Die Mariann’ war auch wie von Sinnen und rief manchmal »Veit« – nur um danach zu murmeln: »Des war er ja gar ned.«
Und dann auf einmal noch viel lauter »Veit!« und zugleich flog der Blumenstrauß – kraftvoll geworfen in den Zug der strammen jungen Soldaten – auf einen blassen jungen Mann zu, dem der Schweiß auf der Stirn stand und in den Nacken floss. Trotz all’ des Getöses und Gejubels schien der Blasse den Schrei der Mariann’ gehört zu haben – er wandte kurz den Kopf und da erkannte auch die Kathi den Veit.
»Mei, bin i stolz!«, schrie Marianne Kathi ins Ohr.
Als Kathi sechs Wochen später die Schulfreundin wieder traf, trug das Marianderl schwarz und hatte verheulte Augen.
4Koseform von Marianne
Im ehrwürdigen Hotel zur Alten Post mitten in Holzkirchen herrschte dicke Luft!
»Ja Himmi Herrgott sakradi ausg’rechnet heit muass d’ Fanni mit a’m dicken Haxn malad5 sei’. Was muass a des Weiberleut no im Dunkeln auf’m Heubod’n umanander kraxeln!«
Der ehrwürdige Wirt vom Hotel zur Post in Holzkirchen versuchte seinem Grant6 Luft zu schaffen.
»Und am End’ hat sie nicht einmal ’was zu arbeiten g’habt«, feixte die alte Wab’n7,»’s hat scho’ manche was anders im Heu g’funda!«
Sie solle nicht so daherreden, schnauzte der Wirt das alte Frauenzimmer an, sondern lieber schauen, dass sie mit dem Fußboden Scheuern fertig würde. In einer halben Stunde kämen die Gäste zur Übergabe der Medaille an den Bürgermeister Marxbauer und niemand sei da, um all’ die Maßkrüge schnell zu den durstigen Gästen zu bringen.
»Sind ja d’Zenz’und ich auch noch da«, warf die Posthalterin ein.
»Beim Postwirt müssen d’Honoratioren fei ned auf’s Bier warten. Und so darenne könnt’s ihr zwoi eich ja gar ned.«
Man könne das Bier ja vorzapfen, traute sich die Wirtin vorzuschlagen.
Doch das war ihrem erzürnten Ehegemahl erst recht zuwider: Bei ihm gäbe es keine abgestandene Maß, ereiferte er sich weiter, das verbiete sich von selbst und das verbiete er auch jedem hier im Hause! Im Hotel zur Post sei jede Maß frisch gezapft!
Dann müsse eben der Halterbub mithelfen, wollte die Wirtin ihren Mann besänftigen. Aber mit dem Vorschlag kam sie gerade an den Richtigen!
»Jo pfei g’rad da Halterbua! Mit seine Pusteln im G’sicht! Der soll heit lieber im Stall blei’m! So vornehme Herrschaften wollen ihr Bier scho’ von jemand sauber’n bracht kriag’n!«, brüllte der Herr des Hauses und seine Wangen nahmen allmählich eine hochrote Farbe an. Dann drehte er sich um, wollte zur Küche hinauslaufen und stieß mit der Kathi, die mit einer Steig Eier vom Hof kam, zusammen.
»Und du pass’ gefälligst auf d’ Eier auf«, brüllte er sie an. »Wer bist’n überhaupts? Und wos wuist denn do herin?«
»Die Kathi bin ich«, stammelte das Mädchen leise, »und zum Helfen ...«
»Ja malefitz, muass jetzt da Postwirt schon mit solche kloane Drudschala8 auskemma?«
»Jetzt schimpf nicht alleweil«, fuhr ihm da die Wirtin in die Parade und zupfte am Schultertuch herum, wie sie es immer machte, wenn sie sich ernsthaft über ihren Wirt zu ärgern begann. »S’schimpfen hilft nämlich aa nix, und die Kathi ist von den Besenbinderleut’ und hilft beim Spülen. Und das macht’s ganz brav, gell Kathi.«
»Ja, schon, ich tät aber gern aa mehra machen«, wurde die Kathi mutig.
»Ja am End gar no Maßkriag schleppa!« polterte der Wirt weiter. »Wenn du überhaupt fünfe in d’Höh’ kriagst, du Fratz9, du!«
Und der Wirt schob die Kathi auf die Seite und wollte vorbei. Aber so scheu war die Kathi dann auch wieder nicht. »An Fratzen lass ich mich fei ned schimpfa! Ich spül fei für die paar Kreuzerl sauber, da lass’ i mir nix nachsagen!«
So durfte man dem erzürnten Postwirt aber schon gleich gar nicht kommen – er blieb stehen und hob die Hand, die Kathi duckte sich – aber der Wirt ließ die Hand wieder sinken.
»Scho’ recht«, brummte er. Dann fasste er ihr unters Kinn und hob den Kopf von der Kathi ein wenig an.
»Sauber. Aba a bisserl kloa halt! Und du datst dir’s zutrau’n, fünf Masskriag zu heben?«
Wie der große Wirt so vor ihr stand wurde es der Kathi schon ein wenig mulmig. Fünf volle Maßkrüg’ zu tragen, das traute sie sich schon das eine oder andere Mal zu – aber ein- oder zweimal ist doch etwas anderes wie einen ganzen Abend lang, dachte sie sich. Aber zurückstecken wollte sie nicht und so nahm sie ihren Mut zusammen und sagte »Freilich, lassen müsst’ man mich halt einmal.«
»No loss i di halt! Besser wie koana bist wohl allemol. Dass du mir’s aba a gscheid’ machsd, gell.« Er wusste selbst nicht, warum sein Geschimpfe jetzt so einen väterlichen Unterton bekam.
»Ja aber in dem G’wand!«, warf die Wirtin ein.
»Na schau halt, dass du ihr an anderen Fetz’n gibst!« Und der Wirt war froh, dass er wieder laut und herrisch werden konnte und verließ die Küche endgültig.
»Was mach ich jetzt mit dir?« Die Wirtin schaute unzufrieden zur Kathi: »Lasst die uns mit ’m dreckaten G’schirr sitzen und will bedienen! Und a gscheits G’wand hat’s auch nicht!« Und sie schaute der Kathi gerade in die Augen und sagte recht spitz und scharf: »Was hast dir jetzt dabei denkt, du Drudschala, ha? Da hast dir schon was zugemutet mit der Maßkrugschlepperei! Und überhaupts, wo nehm ich jetzt a G’wand für dich her? Kannst du mir des sag’n?«
Die Kathi schaute zur erbosten Wirtin, dann senkte sie ihren Blick und wollte wissen, ob sie denn nun alles falsch gemacht habe.
»Ja«, plärrte die Wirtin. Und wenn nun die Kathi heute nicht zur Zufriedenheit vom Wirt arbeite, dann bräuchte sie gar nicht mehr kommen, auch nicht zum Geschirr spülen! Sie hätte ja auch zufrieden sein können; die Mark, die sie für das Spülen jedes Mal bekommen hätte, das wäre doch eine großzügig bemessene Entlohnung gewesen. Aber da nütze nun kein Lamentieren mehr, jetzt solle sie in Gottes Namen mitkommen und hoffen, dass etwas Brauchbares für sie zum Anziehen zu finden sei.
Kleinlaut ging die Kathi mit der Wirtin und die fand dann tatsächlich auch etwas in ihren Truhen, was der Kathi einigermaßen passte und womit sie recht und schlecht als Kellnerin im feinem Wirtshaus zur Post gelten konnte.
