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Der direkte Kontakt zu politischen Parteien ist Josef Göbel nicht fremd. Als Fotograf und Werbefachmann besucht er jede politische Veranstaltung, um sich in´ s Geschäft zu bringen. Da das föderalistische System der BRD eine Vielzahl an Parlamenten aufweist, wahrhaftig ein Knochenjob. Beeinflusst durch die immerwährende Propaganda und verunsichert durch die mediale Berichterstattung, verliert Josef Göbel allmählich die Fähigkeit der eigenen Meinungsbildung. - Aufkeimende Ängste, innere Unzufriedenheit, eine vermutete Laktoseintoleranz, sowie ein selbstdiagnostizierter Burnout, führen bei Josef zu einer absurden Wahrnehmung. Vielleicht liegt es an der gewissen Ähnlichkeit seines Namens, zu einer eher unangenehmen Persönlichkeit, die ihm den Besucher beschert. Bis dahin sozusagen führerlos unterwegs,zumindest was seine Wahlentscheidung angeht; und das im Schicksalswahljahr 2017, wo es gilt, das christliche Abendland zu verteidigen, fasst er nun den Entschluss, selbst aktiv zu werden. Sämtliche Voraussetzungen, um erfolgreich politisch gestalten zu können, sind scheinbar vorhanden.
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Seitenzahl: 200
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Josef Göbel
Deutschland 20/17
Wein - Krampf
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Der halve Hahn
Einen Tag zuvor
Hauptsache was mit Fußball
Etwas später
Visionen
Erwachen
Impressum neobooks
Hallo, hier ist Raumzeit XXL. Aus der Unendlichkeit des Universums grüßt euer ALL - gegenwärtiges Informationsprogramm.
Die aktuelle Vorhersage: es bleibt weiterhin schwerelos; Gravitationen befinden sich im Normalzustand, somit ist gewohntes Abhängen möglich; zeitweilig ist mit starken Sonnenwinden zu rechnen, die in einigen Galaxien zu Beeinträchtigungen führen können.
Allgemeine Kollisionsgefahr: normal.
Soeben erreicht uns die Mitteilung unseres Kometenschweifs: Achtung, auf Grund des bevorstehenden Brückentages ist im beliebten Ausflugsgebiet Milky Way mit einer erhöhten Dichte zu rechen. Zwei transneptunische Objekte kollidierten bereits und gasen seitdem ziellos vor sich hin.
Uns liegt eine aktuelle Suchmeldung vor: Venus vermisst zwei ihrer unehelichen Kinder. Die Vermutung liegt nahe, dass sie sich in einem Schwarzen Loch versteckt halten.
Danger - Danger - Danger- Allgemeiner Warnhinweis:
Eine unansehliche Eisen-Nickel-Legierung, identifiziert als Nummer 88, hat seine ursprüngliche Laufbahn verlassen und geht gezielt auf Konfrontationskurs. Beachtet bitte, dass es sich bei 88 um ein hochkonzentriertes Aggressionsmaterial handelt. Haltet deshalb Abstand zu 88, und wir halten euch auf dem Laufen…..
Hallo, hier ist Raumzeit XXL, wir bitten, die zeitweilig aufgetretenen sphärischen Störungen zu entschuldigen. Von dem urplötzlichen Knall blieben auch wir leider nicht verschont.
Was jedoch ist zwischenzeitlich geschehen? - Der hässliche Zwerg 88 ist verschwunden und stattdessen können wir ein neues Planetenmitglied willkommen heißen.
Auf den ersten Blick hin, ein außergewöhnlich hübsches neues Mitglied. Lasst uns eure Meinung dazu hören.
Hier meldet sich schon ein Planet, der nicht genannt werden möchte; und, wie ist deine Meinung zu unserem Neuen? >der müllt uns den ganzen Raum voll<.
Hallo, hier ist Raumzeit XXL. Aus der Unendlichkeit des Universums grüßt euch euer ALL- gegenwärtiges Informationsprogramm. Wie die Lichtjahre doch vergehen. Zahllos gingen eure Meldungen zu dem neuen Planeten bei uns ein. Und, wenn ihr ehrlich seid, manchmal war auch etwas Eifersucht mit im Spiel.
Heute wollen wir jedoch nicht weitere Meinungen von euch zu dem Planeten hören, sondern wir wollen euch über Planet Erde, wie er sich selbst nennt, informieren:
Das damals konzentrierte Ausgangsmaterial von 88, glaubte die Raumkommission auf Grund der gewaltigen Kollision, als zerstört. Wie sich jedoch herausstellte, lag es jedoch nur
verborgen und wurde, nach Erdzeit, im Jahre 1889 bei Ausgrabungen in Braunau am Inn freigesetzt. Dieses braune Aggressionsmaterial, wissenschaftliche Bezeichnung BA88, infizierte nicht nur einen an den Ausgrabungen Beteiligten massiv, sondern sorgt seitdem als Virus für erdumspannende Verbreitung. Daher der Rat an unsere Zuhörer: umkreist die Laufbahn unseres neuen Planeten mit gehörigem Abstand, denn es kann jederzeit zu einer gewaltigen Verpuffung kommen.
Guten Tag,
du befindest dich auf Asone´, deinem asozialen Netzwerk. Für den Zugang zu der geschlossenen Benutzergruppe >angewandte Kriminalität<, benötigen wir dein Passwort und deine Kontonummer. Nenne vorab deine Wunschsparte; du hast folgende Auswahlmöglichkeiten: Politik, Religion, andere kriminelle Vereinigungen.
Danke für deine Auswahl. Du hast Politik gewählt. Zu diesem Thema können wir dir Zweimillionen- siebenhundertfünfundachtzigtausend-Sechshundertvierundzwanzig weitere Auswahlmöglichkeiten anbieten. Bitte entscheide dich jetzt.
Danke, du hast dich für -Ersatzmutti gesucht - entschieden.
Bis die fällige Gebühr, für deine späteren Abfragen, auf unserem Konto eingegangen ist,
unterhalten wir dich mit einem Werbeblock unseres Hauptsponsors, den Vereinigten Chemie-und Großkonzernen, kurz: Kotz-Ko. Du hast jederzeit die Möglichkeit, den Werbeblock durch eine Bestellung zu unterbrechen.
Hallo - hier ist Kotz-Ko - wir bringen Gesunde in´s Schleudern. - Durch die Platzierung unseres neuen Mittels am Markt, können wir nun den Krankheitszustand ganzer Bevölkerungsgruppen gezielt steuern. Glyph-Orange, die Allzweckwaffe. Nutze die Chance zum Erwerb eines Aktienpaketes. Wenn….
Hallo, hier ist Asone´, dein asoziales Netzwerk. Dein Passwort wurde zwischenzeitlich
identifiziert: Guten Tag, mein Führer
Zwischen deiner ersten Anmeldung und dem heutigen Anfrageversuch liegen:
-Null weitere Anfragen und zwei Währungsreformen-
Leider war es uns bislang nicht möglich, die erforderliche Gebühr einzuziehen.
Angezeigte Fehlermeldung: Reichsmark blockieren die Leitungen.
Wir versuchen nun erneut, den Betrag von 500 Euro unserem Konto gutschreiben zu lassen.
Bis dahin unterhalten wir dich mit….
Hallo, hier ist Kotz-Ko; nur wir haben bereits heute die Medikamente, für die es noch keine
Krankheit gibt. Vorbeugen ist allemal besser als gesund bleiben.
Hallo, mein Führer, hier ist Asone´, dein asoziales Netzwerk. Der Betrag von 500 Euro wurde unserem Konto gutgeschrieben. Wähle nun aus der strengvertraulichen Liste der
nachstehenden Identifikationsnummern deinen Kandidaten.
Danke, Mein Führer. Deine Auswahl war erfolgreich, die Identifikationsnummer konnte
zugeordnet werden. Du kannst nun mit deiner Abfrage beginnen:
Wie ist sein Name? --Josef Göbel;
Was für ein Jahrgang? --1968;
Welchen Schulabschluss? --Realschule;
Sein Bildungsstand? --nach heutigem Maßstab hochbegabt;
Wo ist sein Wohnort? --nahe rheinischer Großstadt;
Was ist sein Beruf? --Fotograf und Werbefachmann;
Der Familienstand? --soeben geschieden;
Kinder? --Zwillinge, Tim und Jonas, 18 Jahre alt, Abiturienten;
Wie hoch ist sein Jahreseinkommen-netto? --etwa achtzigtausend Euro;
Sind weitere Vermögenswerte vorhanden? --bezahlte Eigentumswohnung von 150 qm;
Auslandskonten? --negativ, keine Meldung über Steuerflucht;
Wie ist sein betriebswirtschaftlicher Bildungsstand? --gering, kommt allen gesetzlichen Auflagen nach;
Welche asoziale Schröpfungsprognose steht an? --da ist noch Einiges zu holen;
Welchen Hobbys geht er nach? --Scheidungsgrund >Pussymuschi<;
Sind Schwächen sichtbar? --latente Abstiegsängste, sowie ausgeprägte Bügelphobie;
Wie lautet sein Lieblingssatz? --wenn ich was zu sagen hätte;
Die politische Gesinnung? --nicht identifizierbar; unterliegt starken Wechselgefühlen, je nach Informationslage;
Mit welcher Tendenz? --extrem rechts, bis hin zu extrem links, wobei extrem mittig dominiert;
Allg. soziale Einstufung? --normale Stimmungsschwankungen eines gutmütigen Wutbürgers, nutzt das Recht der freien Meinungsäußerung ;
Hallo, Mein Führer. Hier ist Asone´, dein asoziales Netzwerk. Wir hoffen, deine Anfragen
ausreichend beantwortet zu haben. Zwischenzeitlich liegt uns von Kotz-Ko die Antwort zu
deiner getätigten Bestellung vor: >Für die ermittelte Altersgruppe steht Viagra leider erst im
Jahre 2525 zur Verfügung. Eine erneute Bestellung bitten wir zeitnah aufzugeben<.
Wir danken für deinen Besuch auf Asone´, dem asozialen Netzwerk.
„Werbeagentur Göbel Experience, guten Tag, was kann ich für sie tun? - Hallo! - Hallo! - Ist da
jemand?“
„Joseph, bist du es?“
„Ja, hier ist die Werbeagentur von Josef Göbel; mit wem spreche ich denn bitte?“
„Ach so, doch nicht. Hätte mich auch gewundert“, dringt eine überaus markante Stimme aus
dem Hörer.
„Ich denke, ich weiß mit wem ich spreche, habe Ihre Stimme erst kürzlich gehört“, entgegnet
Josef Göbel. „Es scheint jedoch, dass sie mich verwechseln. Ich schreibe mich nämlich nicht mit
„ph“, sondern nur mit einem „f“. Auch mein Nachname schreibt sich etwas anders“, versucht
er den Irrtum aufzuklären.
„Ja-ja, mein Feldtelefon ist ein älteres Modell, da sind derartige Nuancen nicht sehr gut
herauszuhören.“
„Wie dem auch sei, zunächst einmal guten Tag Herr ….“, bemüht sich Josef das Gespräch zu
ordnen.
„Keine Namen bitte, wir wissen nicht, wer alles zuhört“, unterbricht die markante Stimme
jedoch. „Begrüßen sie mich einfach mit HH, dann wissen wir wer gemeint ist.“
„Haha, das ist gut“, kann Josef sein Lachen nur schwer unterdrücken.
„Was für eine überflüssige Bemerkung; natürlich ist das gut, ein ganzes Volk fand das gut.“
„Sie verstehen mich miss, HH, äh, Herr H. Ich wollte mit meinem haha lediglich kundtun, dass
ich lache.“
„Wenn sie meinen, dass eine anständige deutsche Begrüßung und somit das mir gewidmete
HH zum Lachen ist, dann werde ich persönlich dafür Sorge tragen, dass Ihnen in Zukunft das
Lachen vergeht.“
„Nun verstehen sie mich abermals miss, Herr H.“, entgegnet Josef rasch, um Friedfertigkeit
bemüht, „Ich wollte mit meinem haha lediglich freundlich aussagen, dass ich HH gut finde;
und haha deshalb in der Form nur, weil ich nicht annehme, dass unser Gespräch belauscht
wird und Ihre Sorge somit unbegründet ist“ stammelt er unbeholfen dahin.
„So so, dann will ich ihnen mal abnehmen, dass ihr haha nicht auf mein HH bezogen war. Aber,
Herr Goebbels, sind sie…“
„Göbel“, verbessert Josef rasch, „Göbel, Herr H; einfach nur Göbel, mit „ö“, einem einfachen B
und stets ohne S“.
„Ohne S S“, wiederholt die raue Stimme zweimal den von Josef erwähnten Buchstaben, „kann
ich mir kaum vorstellen; aber sie werden ja wissen, wie sie heißen. Doch, lassen sie mich
fortfahren und unterbrechen sie mich nicht wieder, ich vergesse die letze Zeit immer recht
schnell.“
„Sie haben die zurückliegende Zeit vergessen?“, fragt Josef ungläubig nach und beißt sich im
gleichen Moment auf die Lippen, da er wieder unterbrochen hat.
„Quatsch“, dringt mir die herrische Stimme aus dem Hörer an´s Ohr, „wie könnte ich die beste
Zeit meines Lebens vergessen haben. Aber, was wollte ich eigentlich sagen? Ach ja, glauben sie
ernsthaft, unser Gespräch wird nicht abgehört? Auch wenn die meisten Mitarbeiter der
bekannten Dienste durchaus noch auf meiner Seite sind, bin ich mir da nicht gänzlich sicher.
Deshalb sitze ich auf der Toilette im ICE und telefoniere mit ihnen.“
„Sie sind in einem Zug? Daher das seltsame Geräusch im Hintergrund“ stellt Josef fest.
„Ja, sie können sich allerdings kein Bild davon machen, wie mir die teils sinnlose Hin- und
Herfahrerei auf das Gemüt schlägt. Ständig befinde ich mich an Orten, wo ich eigentlich nicht
hin will. Aber die Technik dieser Züge, einfach hervorragend. Soetwas hätte mir zu meiner
aktiven Zeit zur Verfügung stehen müssen.“
„Damit Sie ungestört telefonieren können?“, kann Josef sein aufkommendes Lachen nur
schwer unterdrücken.
„Blödsinn, Goebbels, wegen der Transporte natürlich. Stellen Sie sich nur vor, so ein Zug, dann
bei hochsommerlichen Temperaturen ab gen Osten. Da hätte man sich hinterher mal ganz
schön bei der Bahn oder bei Siemens beschweren können, aber nicht bei mir,wenn Sie
verstehen, was ich meine.“
„Ich verstehe was Sie meinen, möchte derartige Bemerkungen aber überhaupt nicht hören.“
„Was, Sie können mich nicht hören? Dann werde ich die Toilette mal verlassen; aber mir
schauen die Leute immer so nach, stets fühle ich die Blicke auf mich gerichtet; das nervt.“
„Naja, Herr H., dass Ihnen die Leute nachschauen, ist nicht gerade verwunderlich, sie sind kein
alltäglicher Anblick.“
„Dabei erkennt mich doch niemand“, widerspricht der knarzige Ton; dem Josef sogleich mit
einem „kaum vorstellbar“, wiederum widerspricht.
„Aber, Herr H., wie kommen sie zu der Annahme, dass ausgerechnet die Toiletten des ICE
abhörsicher sind?“
„Für sicheres Abhören ist doch der Ronald zuständig. War gut, ihn bei der Bahn unterzubringen.“
„Das war Ihr Werk? Weshalb ausgerechnet dieser Typ einen hochdotierten Job bei dem
Unternehmen bekommen hat, frage ich mich beinahe täglich. Muss ja ein besonders
hervorragend ausgebildeter Weichensteller sein.“
„Strippenzieher, Göbel, Strippenzieher trifft es besser. So ist das in der Politik. Sie müssen
einfach vorausschauend agieren, um erfolgreich zu sein.“
„Erfolgreich? Welchen Vorteil konnte denn das Volk daraus für sich ableiten?“
„Das Volk; wie sind Sie denn drauf? In die Politik geht nur, wer einen gesunden Egoismus mit
sich herumschleppt. Glauben Sie denn ernsthaft, der Koch hat den Job bei Bilfinger
bekommen, weil er sich mit Mörtel auskennt, oder Schröder die Stelle bei Putin, weil er der
schnellste Gasableser ist?“
„Ach, der ist Gasableser? Ich war wirklich im Glauben, der ist Modell für Haarfärbemittel.“
„Darum geht es doch gar nicht, Goebbels“, faucht die knarzige Stimme durch den Hörer.
„Göbel, Herr H.; aber ungeachtet dessen, wie kann ich ihnen denn nun behilflich sein?“
„Was für eine alberne und überflüssige Frage. Sie haben doch Ihre Visitenkarten ausgelegt.
Nun brauche ich eben eine gute Werbeagentur für mein, wie sagt man heute, für mein come
back.“
Josef schluckt mehrmals hörbar, bevor es ihm gelingt darauf einzugehen. „Sie wollen wirklich
zurück in die Politik?“, bringt er ungläubig hervor. „Haha, das ist gut.“
„Ich sehe, bei ihnen bin ich an der richtigen Stelle. Das HH kommt schon deutlich flüssiger über
ihre Lippen“ interpretiert der Gesprächspartner das Haha wieder mal falsch. „Das Weitere
werde ich aber lieber mit ihnen persönlich besprechen. Ich bin bereits auf dem Weg zu Ihnen.“
„Sie sind auf dem Weg zu mir? Wann werden Sie da sein?“
„Die Dreißigerjahre des vergangenen Jahrhunderts sind vorbei, guter Mann, wie soll ich Ihnen
jetzt noch genaue Zeiten nennen können; schließlich reise ich mit der Bahn.
„Gut, ich werde einfach warten.“
Doch kaum ist das Gespräch beendet, da läutet es bereits an der Wohnungstür. Ohne die
Wechselsprechanlage zu nutzen, ermöglicht Josef mit einem Fingerdruck den Zugang zu dem
gepflegten Hochbau.
>Die Kinder werden etwas vergessen haben<, denkt Josef und lauscht dem schwach zu
vernehmendem Geräusch des Aufzugs. Als es wenige Augenblicke später erneut klingelt, ist er
rasch an der Tür, öffnet sie und weicht zunächst erschreckt zurück, bevor er dann auf die
Restbestände des vor Jahren erlernten Schulenglischs zurückgreift:
„Sorry, Madam, I think you have take the wrong way, the Diakonie ist dort drüben“, zeigt er
mit der Hand die Richtung an. „The second street from hier“, erklärt er der
gegenüberstehenden Person, die in eine orientalische Ganzkörperbekleidung gehüllt ist.
„Oettinger?“, knarzt es unter der Verschleierung hervor, „ist Goebbels nicht daheim, wir sind
verabredet?“
„Ich bin Goebbels, äh Göbel“, stammelt Josef völlig perplex und gibt den Weg in´s
Wohnungsinnere frei.
„Natürlich, der Günther war mir auch ganz anders in Erinnerung, aber mit dem Englisch hätten
Sie mich beinahe in die Irre geführt“, dringt die unverkennbare Stimme wieder unter dem
Sichtschutz hervor.
Wer bis dahin nie Verstand, was sich hinter dem Wort Ungläubiger eigentlich verbirgt, der
hätte getrost einen Blick auf Josef Göbel werfen könne, um Klarheit zu erhalten.
„Treten sie bitte näher“, bringt er überflüssigerweise hervor, lässt den Besucher an sich
vorbeigehen und wirft selbst noch rasch einen Blick auf den Flur, um sicherzugehen, dass kein
Nachbar dieses Intermezzo mitbekommen hat.
Noch bevor sich eine unverfängliche Konversation aufbauen kann, blafft der Neuankömmling
los: „Wenn wir in Zukunft im großen geschäftlichen Rahmen zusammenarbeiten wollen, ist
eine standesgemäße Begrüßung das Mindeste, was ich von ihnen erwarte.“
Wieder einigermaßen gefasst, antwortet Josef „Haha“, mit einem breiten Grinsen auf dem
Gesicht, denn das Bild der Burka mit der darunter vermuteten Person, lässt einfach kein
anderes Gesicht zu. Aber ein Blick in die kalten Augen ruft ihn stumm zur Ordnung, und
ungewollt entfährt ihm ein HH, wobei sich seine Körperhaltung sichtlich strafft.
Die Augen des Gegenübers blicken nun wohlwollender, wobei er stumm den rechten Arm
hebt. Nein, nicht wie bei Leibesübungen üblich, gestreckt, um einen möglichst großen
Dehneffekt zu erlagen, sondern eher kurz, wobei der Unterarm und die offene Handfläche
nach oben deuten. Nur kurz währt diese Haltung; während er mit der Linken den Kopf von dem
Sichtschutz befreit und somit den Blick auf sein schönes fettiges und strähniges Haar freigibt,
welches nun in elektrisierenden Fäden gen Himmel strebt. Beinahe verlegen streicht er jetzt
mit der rechten Hand, die sich nahe an seinem Ohr befindet, eine fettige Strähne aus der Stirn.
Zwanghaft, ohne dass Josef weiter darüber nachdenkt oder Einfluss darauf nehmen kann, hebt
sich sein Arm ebenfalls.
„Na, geht doch“ erreicht ihn daraufhin ein Lob. „Allerdings sollten sie mehr darauf achten,
Streckung reinzubringen; die kurze, angewinkelte Version ist meine ganz persönliche Note.“
Bei seinen Worten ist der Besucher weiterhin damit befasst, sich aus dem orientalischen
Kleidungsutensil zu winden. Da dieser aus Kostengründen auf die Originalversion aus
ägyptischer Baumwolle verzichtete, sondern ein preiswerteres Modell aus heimischer
Chemiefaser bevorzugte, kommt es bei dieser Aktion unweigerlich zu einer weiteren
statischen Entladung. Dies wiederum lässt die zeitlose Frisur des Besuchers komplett zum
Himmel streben. So entsteht ein grotesk aussehendes Gesamtkunstwerk, was die nun sichtbar
werdenden blankgewichsten braunen Stiefel, die ebenfalls braune Uniform mit Koppel und die
Pistolentasche, in der sich ohne jeden Zweifel die Luger 08befindet, eindrucksvoll
unterstreichen.
Krampfhaft unterdrückt Josef den wiederaufkommenden Lachimpuls.
>Es ist das Gesicht, so wie ich es von zahlreichen Filmen und Bildern her kenne. Die Frisur, die
keine ist, der Schnauzbart, die stechend blickenden Augen, die unverwechselbare Stimme. Als
wäre die Zeit stehengeblieben. Die Jahre, die Jahrzehnte, scheinen spurlos an ihm
vorübergegangen zu sein; naja, beinahe spurlos<. Josef fühlt sich wie im Traum und kann den
Blick nicht abwenden.
„Sie können sich kein Bild davon machen, wie man angestarrt wird, wenn man in diesen
albernen Klamotten herumläuft, Goebbels“ dringt die unverkennbare Stimme wie durch einen
Nebel an Josefs Ohr.
„Göbel“, widerspricht Josef zaghaft und geht mit einem folgenden „doch, durchaus“, auf die
vorangegangenen Worte ein. Allerdings ist er sich nicht sicher, ob sie das Gleiche meinen.
„Bitte“, fordert er seinen Besucher auf, „nehmen sie doch Platz. Darf ich ihnen etwas zu
trinken anbieten?“
„Bohnenkaffee!“, vernimmt Josef den Befehl.
„Natürlich, sofort“, antwortet er gehemmt.
„Was heißt natürlich, guter Mann? Ich glaube nicht, dass sie sich vorstellen können, wie viele
Wochen, ja Monate ich ihm Bonker mit Muckefuck auskommen musste“, erfolgt sogleich die
Belehrung.
Hatte Josef bis hierhin auch nur noch den geringsten Zweifel, so ist dieser nun endgültig
beiseite gewischt. So, wie er gerade dass Bunker vernimmt, welches aus dem Mund des
Gastes wie ein Bonker klingt, bleibt nur die Erkenntnis, er ist es wahrhaftig.
Mit dem Aufsetzen des Kaffees, sowie dem Aufreißen der Gebäckschachtel, gewährt sich Josef
einen Moment, um zu sich selbst zu kommen. Mit klopfendem Herzen serviert er dann das
Heißgetränk und stellt die Knabbereien dazu. Dabei nimmt er wahr, wie sein Besucher immer
wieder den rechten Arm, wie schon zuvor erwähnt, hebt. Herr Hitler bemerkt den erstaunten
Blick.
„Ein altes Leiden, Goebbels. Ich muss ihn beweglich halten. Wenn sie sich mal überlegen, wie
oft ich den Arm derart bewegte; da bleibt es nicht aus, dass ich unter einem, nennen wir es
einmal einen royalen Winkearm, leide. Ich bin noch auf der Suche nach einem Double, welches
für mich einen anständigen Gruß ausführen kann. Zunächst dachte ich an Lutz. Ein guter Mann,
zumindest für das Grobe. Aber der ist verbrannt.“
„Meinen sie den Lutz, der wegen Einbruch, Diebstahl, Körperverletzung und Drogenhandel vor
Gericht stand?“
„Wen sonst, Goebbels, wen sonst. Sein Pech ist, dass er besser sein wollte als das Original.“
„Und der ist verbrannt? Bei einem Anschlag auf ein Asylantenheim ist er selbst Opfer
geworden? Ich habe davon überhaupt nichts in den Nachrichten gehört.“
„Unsinn, Goebbels, reden sie doch keinen Quatsch. Verbrannt lediglich in dem Sinne, dass zuviel
Verfassungsschutz an ihm dran ist. Kaum noch einsetzbar für meine Zwecke, der Mann.“
„Verzeihung, Herr H.?“, wagt Josef ich einen zaghaften Vorstoß. Ist es möglich, dass sie meinen
Namen korrekt aussprechen? Ich heiße einfach nur Göbel. Alles andere ist mir irgendwie
unangenehm.“
„Ihre Befangenheit merke ich ihnen durchaus an. Sie sollten sich jedoch nicht scheuen, den
einzigen wahren Führer, den dieses Land je hatte, beim Namen zu nennen. Sie haben somit die
Qual der Wahl; Mein Führer oder Herr Hitler, ist ihnen gestattet. Und dass ihnen der Name
Goebbels momentan noch Unbehagen bereitet, kann ich ebenfalls verstehen. Es ist eben ein
großes Paar Schuhe, in die sie zukünftig noch schlüpfen werden, Herr Göbel“, spricht er den Namen
korrekt, aber nicht unbedingt überaus freundlich aus.
„Herr Hitler“, ringt sich Josef durch, freundlich zu bleiben, „ich bin Fotograf und
Werbefachmann und eigentlich nicht daran interessiert in andere Schuhe zu schlüpfen, wie sie
es ausdrücken.“
„Sie sind doch an Aufträgen interessiert, lieber Göbel, dann sollten sie auch bereit sein, etwas
dafür zu leisten. Ich sagte Ihnen doch bereits während unseres Telefonats, dass große
Veränderungen anstehen. Hörten Sie meine Freunde nicht schon marschieren?“
„Oh, das habe ich wohl falsch zugeordnet, ich dachte, Sie fahren über Weichen.“
„Göbel sind Sie sicher, dass Sie mir noch folgen können?“
„Wohin?“
„Mann-oh-mann, Göbel. Aber was soll´s, es ist ja gerade Ihre Beschränktheit, die Sie für uns so
attraktiv macht. Ich sehe schon, da liegt eine noch eine Masse an Aufklärungsarbeit vor mir.
Der heutige Tag alleine wird dafür allerdings nicht ausreichen. Lassen Sie uns doch das schöne
Wetter draußen genießen, ich lade Sie zum Essen ein.“
„Gerne, etwas frische Luft wird mir sicherlich gut tun. Geben Sie mir zehn Minuten, Herr Hitler,
ich ziehe mir nur etwas anderes an.“
„Machen Sie nur, ich muss mir ja auch noch was überstreifen.“
Zeitgleich sind die beiden Herren ausgehbereit. Zunächst wirft Josef Göbel jedoch einen
prüfenden Blick in den Hausflur und wendet sich danach drängelnd an seinen Besucher:
„Rasch, zum Aufzug, Herr Hitler.“
„Nehmen wir nicht die Treppe?“
„Nein, wir fahren mit dem Aufzug; der geht gleich durch bis in die Tiefgarage.“
„Ach, und ich war der Annahme, wir würden hier, in der beschaulichen Umgebung etwas zu
uns nehmen.“
„Wir fahren nur fünfzehn Minuten, dann sind wir in Köln. Ich denke, im Großstadttrubel sind
wir weniger auffällig als hier, wo mich beinahe jeder kennt.“
„Hm, da haben Sie sich aber ein schönes Fahrzeug zugelegt“, lobt der Gast Josefs Auto,
nachdem er darin Platz genommen hat. „Erstaunlich, wirklich erstaunlich, wie sich die Technik
in den paar Jahren doch weiterentwickelt hat“, kann sich der Mann kaum beruhigen. „Ein
Diesel?“
„Ja“, antwortet Josef und schaltet stolz das Navi ein, um den Fahrgast weiter zu beeindrucken;
dennoch spart er unterschwellig nicht mit Kritik an dem Fahrzeug. „Der Kaffeevollautomat ist
an sich nicht schlecht, nur der Frischwassertank dafür ist mit einem halben Liter etwas klein
bemessen. Das Nachfolgemodell verfügt über einen Tank mit vier Litern.“
„Diesel?“
„Nein, Herr Hitler, Frischwasser; der Dieseltank fasst neunzig Liter.“
„Das wollte ich hören. Der andere Schnickschnack interessiert mich nicht weiter. Neunzig Liter
Fassungsvermögen, enorm; und mit extrem schädlichen Abgaswerten, wie ich der Presse
entnehmen konnte.“
„Leider; aber was sich die Leute da zurechtgewurschelt haben, kommt sie noch teuer zu
stehen.“
„Leider? Göbel, ich bin enttäuscht. Wer hat dieses Fahrzeugunternehmen denn zum
Leben erweckt? Und als Dank präsentiert man diese hervorragend schmutzige
Dieseltechnik erst Jahrzehnte nach meinem Wirken. Damals hätte ich durchaus meinen
Nutzen aus derartigen Fahrzeugen ziehen können. Ich darf gar nicht daran denken.“
„Sie sehen durchaus meine Bereitschaft, mich mit Ihnen zu unterhalten, Herr Hitler; aber bitte
nicht auf diesem Niveau!“, ereifert sich Josef Göbel.
„Von welchem Niveau reden Sie denn eigentlich? Ich habe lediglich die Vorzüge Ihres
Kraftwagens hervorgehoben. - Ach, schauen Sie nur, da drüben wird ein Parkplatz frei.“
Es ist wie immer in dieser rheinischen Großstadt. In regelmäßigen Abständen spucken die
Flusskreuzfahrtschiffe Besucher aus, die sich aufmachen, die Altstadt zu entdecken. Touristen
aus aller Welt mischen sich unter die Einheimischen und suchen, ebenso wie diese, nach freien
Plätzen, um der steten Hast mit einer Rast zu begegnen. Die oftmals kleinen Lokale haben ihr
Geschäftsfeld nach draußen verlagert, dorthin, wo die wärmenden Sonnenstrahlen des
Spätsommers den Wunsch nach einer kühlenden Erfrischung wecken. In dieser geschäftigen
Hektik lässt jeder jeden gewähren, niemand stört sich an dem, was der andere macht. Lediglich
zwei Personen wird etwas mehr Aufmerksamkeit zuteil.
„Gehe ich mal durch einen Straßenzug mit überwiegend muslimischer Bevölkerung, kann es
mir passieren, dass ich dumm angeschaut werde. Jetzt, mit Ihnen im Schlepptau, schauen mich
die Nichtmuslime dumm an. War es denn wirklich nötig, dass Sie sich in einem derartigen
Aufzug auf den Weg machen? - Ah, da vorne ist noch ein Tisch frei; rasch, es sind noch andere
daran interessiert.“
„Goebbels, Sie jammern und maulen nur rum. Auch wenn Sie uns gerade dadurch auffielen,
geht es mir im privaten Bereich doch gehörig auf den Keks“, knarzt es unter dem
allesverhüllenden Stoff hervor. „Ah, endlich wieder sitzen.“
„Göbel“, korrigiert der Angesprochene, „bitte belassen Sie es einfach bei Göbel. - Dennoch,
mein Herr, dass Sie ausgerechnet bei unserem Zusammensein eine Burka überstreifen müssen,
wo auch eine etwas typischere Kleidung ausgereicht hätte….“
„Sie schmeicheln mir, Goebbels; -mein Herr-, wo doch ein einfaches -Mein Führer- gereicht
hätte. Naja, im Grunde ist Beides auf der gleichen Ebene angesiedelt. Doch, um auf Ihre
Burkaphobie einzugehen; ich kann Sie durchaus ablegen, Sie wissen schließlich was ich
typischerweise darunter trage“, reckt sich die vermummte Gestalt und gibt einen kurzen Blick
auf die braunen, blankgewichsten Stiefel frei.
„Alles, blos das nicht“, kommt es beinahe flehentlich von Josef Göbel zurück, und er dabei
hängt noch eine Frage an: „Aber ist Ihre Burka nicht eigentlich ein Niqab?“
„Mann, hören Sie doch auf mit diesen albernen Wortspielereien, mit denen Politclowns
gemeinhin in diversen Talkshows ihre vermeintliche Intelligenz darstellen wollen.“
„Gut, dann ist Ihr Niqab eben eine Burka. Dennoch finde ich es nicht gut, dass Sie sich derart
bekleiden. Gerade hier und nach dem, was in Köln vorgefallen ist. Nebenbei bemerkt, von
Ihnen hätte ich am wenigsten erwartet, dass Sie ein derartiges Kleidungsstück gut finden,
geschweige denn, es gleich selbst überstreifen.“
„Jetzt bitte ich Sie aber; Sie können doch nicht bestreiten, dass mir dieses Ding im Moment
vortreffliche Dienste leistet. Wollen Sie mir den Verstand, dies zu nutzen, in Abrede stellen?
Zudem, Göbel, trage ich ernsthaft den Gedanken mit mir herum, dieses Utensil nach einer
erneuten Machtergreifung, als Pflichtbekleidung, und dies nicht nur für Frauen, einzuführen.
Über genaue Details müsste ich allerdings noch einmal nachdenken.“
