Dezember - Adventsgeschichte - Michaela Leicht - E-Book

Dezember - Adventsgeschichte E-Book

Michaela Leicht

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Beschreibung

Jessica hasst Weihnachten und entschließt sich, um den ganzen Stress zu entgehen, sich dieses Jahr eine Reise zu gönnen - eine Reise auf die Malediven. Nur wird das nicht von allen gut geheißen. Und das von allerhöchster Stelle. Von noch weiter, na noch weiter oben - ja, von ganz oben. So eine Einstellung wird nicht wirklich akzeptiert. Also wird etwas dagegen getan. Aber das weiß Jessica ja nicht. Und damit sie in die entsprechende Richtung geschubst wird, muss Räuber, ein ausgebildeter Engel-Liebes-Helfer-Hund, den Auftrag übernehmen und sie mit jemanden zusammenbringen, der ihr zeigt, dass alles nicht so schlimm ist. Dieser Jemand heißt Luke! Männlich, attraktiv und ein Kerl, nach dem man sich die Finger leckt. Allerdings hat der noch mehr Probleme und ab da kann man sich vorstellen, das selbst Räuber es nicht einfach haben wird.

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Seitenzahl: 309

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Eine Woche vor Dezember
1. Dezember Jessica
1. Dezember – Luke
Räuber
2. Dezember – Jessica
2. Dezember - Luke
3. Dezember - Jessica
3. Dezember – Luke
Räubers Plan
4. Dezember – Jessica
4. Dezember – Luke
Räuber in Mission
5. Dezember – Jessica
5. Dezember – Luke
Räuber in Action
6. Dezember – Nikolaustag – Jessica
6. Dezember – Nikolaustag – Luke
7. Dezember – Jessica
7. Dezember – Luke
8. Dezember- Jessica – Räuber – Luke
9. Dezember – Jessica
9. Dezember – Luke
10. Dezember – Jessica – Luke – Räuber
11. Dezember- Räuber – Lauser
11. Dezember Jessica – Luke
12. Dezember
13. Dezember
14. Dezember
15. Dezember
16. Dezember
17. Dezember
18. Dezember
19. Dezember
20. Dezember
21. Dezember - Jessica
21. Dezember - Luke
21. Dezember – Räuber
22. Dezember
23. Dezember – Luke
23. Dezember – Räuber
23. Dezember
24. Dezember
25. Dezember
Ende

Impressum neobooks

Dezember - Adventsgeschichte

Liebesgeschichte

Liebes-Engel-Helferhund

von Michaela Leicht

Buchbeschreibung:

Jessica hasst Weihnachten und entschließt sich, um den ganzen Stress zu entgehen, sich dieses Jahr eine Reise zu gönnen - eine Reise auf die Malediven.

Nur wird das nicht von allen gut geheißen.

Und das von allerhöchster Stelle. Von noch weiter, na noch weiter oben - ja, von ganz oben.

So eine Einstellung wird nicht wirklich akzeptiert. Also wird etwas dagegen getan.

Nur weiß Jessica das nicht.

Und damit sie in die entsprechende Richtung geschubst wird, muss Räuber, ein ausgebildeter Engel-Liebes-Helfer-Hund, den Auftrag übernehmen und sie mit jemanden zusammenbringen, der ihr zeigt, dass alles nicht so schlimm ist.

Und dieser Jemand heißt Luke! Allerdings hat der noch mehr Probleme und ab da kann man sich vorstellen, das selbst Räuber es nicht einfach haben wird.

Über den Autor:

Michaela Leicht schreibt Liebesromane, die aus dem Leben gegriffen sind. Etwas mehr mit Romantik und Liebe gemixt, ergeben die Geschichten herrliche Stunden Lesevergnügen. Am liebsten schreibt sie über Frauen, die nicht perfekt sind und Männer, die genau diese Frauen lieben. Mit ihrem Mann, den Kindern und einigen Hunden lebt sie in einem alten Fachwerkhaus in Thüringen. Unter einem Pseudonym veröffentlicht sie erotische Kurzgeschichten.

Dezember - Adventsgeschichte

Liebesgeschichte

Liebes-Engel-Helferhund

von Michaela Leicht

[email protected]

Für jeden einzelnen unserer Liebes-Engel in Form von Hunden, die uns treu ergeben sind.

1. Auflage, 2017

© Alle Rechte vorbehalten.

[email protected]

[email protected]

Danke sage ich hier meiner Familie, die in den letzten Monaten an Essensmangel, sauberer Wäsche und chaotischer Planung gelitten haben. Allerdings sind sie ein Stückchen mitgewachsen.

Hab euch lieb!

Eine Woche vor Dezember

Ein lauter Gong ertönte durch alle Sphären. Dumpf, wie ein Donnergrollen, rollte er durch jeden Winkel seiner Behausung.

Träge hob Räuber ein Augenlid, kaum das er die Kraft hatte, es ganz zu öffnen. Seinen Schlafplatz hatte er so kuschelig zurecht gescharrt, dass er in einer kleinen Kuhle ruhte. Zusammengerollt und noch tief im Schlaf gefangen, dröhnte der Gong in ihm nach.

Schwerfällig kämpfte er sich hoch, die Augen ließ er lieber nur einen Spalt offen. Erhob sich auf die Vorderbeine, dehnte dabei jeden einzelnen Muskel in seinem Körper. Krümmte das Kreuz, um gemächlich die Hinterbeine lang von sich zu strecken. Schüttelte sich kurz, damit sein wunderschönes weiches Fell, wieder in Form fiel. Seelenruhig trottete er zu der kleinen Vertiefung weiter hinten im Raum, um schnell einen Schluck Wasser zu saufen. Den Kopf bereits über das Getränk gebeugt, dröhnte dieser verflixte Gong erneut.

Ach Mist – ausgerechnet heute stresste der Boss auch wieder. Das Meeting wurde auch jeden Tag eher angesetzt. Grrrr, so ein Mist – ehrlich –, sein Date gestern mit Chloe verlief dermaßen vielversprechend, dass er völlig die Zeit vergessen hatte und sehr spät den Weg hierher fand. Dementsprechend müde war er noch. Wenn das so weiterginge, müsste er tatsächlich kürzertreten und mehr auf seine Gesundheit achten.

Zwei Schlecker aus dem Wasser genascht, nochmal aufgeschüttelt, dann rannte er aber los.

Die vielen Gänge, Winkel und Etagen überwand er in einer Gedankenschnelligkeit. Vor einer gewaltigen weißen Wand stoppte er und wie durch Zauberhand, öffnete sich eine kleine Tür in seiner Größe.

Mit Schwung schlitterte er durch die Tür und rutschte auf dem glatten Boden mehrere Meter weit in den Raum hinein. Zum Glück standen schon jede Menge Mitarbeiter da, die bremsten ihn mit ihren Körpern, knurrten ihn aber zurechtweisend an.

„Fein – sind wir jetzt vollzählig?“ Die tiefe dunkle Stimme war mehr als respekteinflößend. Wenn ihn dann auch noch der durchdringende Blick traf, kam sich Räuber absolut klein und unbedeutend vor.

„Kommst du jemals pünktlich? Du bist der Einzige, der ständig zwei Aufforderungen bedarf ...“, dann senkte sich die Stimme noch deutlicher und ein vorwurfsvolles „Räuber?“, wurde in den Raum geworfen.

Mit seinen hellen klug und treu schauenden Augen, die er weit aufriss, damit sie kugelrund wirkten, mit leicht angehobenen Brauen, schaute er vertrauensvoll in Richtung des „Boss“. Er wusste, dass dieser Blick unwiderstehlich war, keiner konnte sich dem entziehen. Nicht einmal sein großer und über allem stehender Chef.

Ein leises Brummen ertönte und der Boss rief die Tagesordnung aus.

„So meine Strolche, Räuber, Halunken, Schlitzohren, Schlawiner und welche Namen ihr auch tragen mögt, es ist wieder soweit – wir haben die arbeitsreichste Zeit des Jahres vor uns liegen. Das heißt, wir haben Doppelschichten, Überstunden und wahnsinnig viel Mehrarbeit. Urlaub ist gestrichen, Frei – wagt nicht einmal, danach zu fragen. Die Listen liegen bei den Damen im Verteilungsbüro aus. Ich wünsche euch viel Erfolg – bedenkt bitte immer die Konsequenzen, wenn ich merke, dass ihr nicht mit tausend Prozent bei der Sache seid.“ Mit einer großzügigen Handbewegung entließ er seine Angestellten.

Alle anwesenden Hunde tummelten sich schnell zum Ausgang, die kahle dunstfarbene Wand war verschwunden und der Blick auf eine lange Reihe leicht erhöhter Schreibtischen frei. Wie man es aus den klischeebehafteten Zeichentricksendungen kannte, saßen im Abstand von etwa einem Meter Hunde-Bürodamen. Einige schrecklich schick gestylt andere bieder und mit dicker Hornbrille. Vor den Damen bildeten sich lange Reihen von Mitarbeitern, jeder Hund musste seine Mitarbeiternummer angeben, bekam dann einen Zettel mit dem Einsatzgebiet und den Namen ihrer Schützlinge. Ab und zu war ein erstauntes „Oha“ zu hören oder auch ein enttäuschtes Knurren.

Räuber war wieder einer der Letzten, der den Versammlungsplatz verließ, er trödelte hier und da, schnupperte an fiktiven Punkten. Er hatte es nicht eilig, immerhin würde er so oder so seinen Auftrag erhalten. War ja nicht so, dass nicht genug davon vorhanden wären.

Mit einer geschmeidigen Leichtfüßigkeit setzte er sich in Bewegung, da hielt ihn ein tiefer brummender Laut auf.

„Warte“, oh je, abrupt verhielt Räuber im Schritt.

„Komm schon her, ich muss dir deinen Auftrag etwas näher erläutern.“ In der Stimme seines Chefs lag heute ein seltsamer Unterton. Er arbeitete nun einige Jahre bei ihm, aber in so einer Stimmung hatte er ihn selten erlebt.

Halbherzig drehte er sich um, er ahnte bereits, dass das was jetzt kam, wiedermal nicht so ein Null-Acht-fünfzehn-Ding werden würde. Mist.

„Gibt es ein Problem?“ Räuber ließ sich nicht gern irreführen. Lieber behielt er die Oberhand und den Durchblick.

Die riesenhafte dunstartige Wolkengestalt formte sich zu einem Bernhardiner. Räuber bewunderte ihn dafür immer, er mimte bei solchen Gesprächen nie den Überboss. Natürlich war er ständig „größer“, ups, jetzt wäre ihm doch fast „menschlich“ im Kopf herumgeschwirrt.

Er hoffte, dass ER zu abgelenkt war, um seine Gedanken aufzuschnappen, zuzuordnen.

„Einige“, kam eine missgelaunte Antwort aus dem Bernhardiner.

Räuber fand, dass es jetzt an der Zeit war, endlich die Karten auf den Tisch zu legen, immerhin wollte er noch mit Chloe ausgehen.

„Du bearbeitest einen etwas komplizierteren Auftrag!“ Zugegeben allein bei diesen Worten musste Räuber innerlich stöhnen. Geflissentlich unterließ er jeden Kommentar. Bei allem, was recht ist – „Nicht schon wieder“, lag ihm jedoch auf der Zunge.

Vor einigen Jahren zum Beispiel konnten nur eine Verlängerung der Frist sowie eine zweite Chance für ihn und seine Schutzbefohlenen eine Katastrophe vermeiden. In letzter Minute haben die beiden Schützlinge ihre Liebe doch noch entdeckt und in den jeweils anderen gefunden.

Dann etwas später, ein oder zwei Jahre nach bereits erwähnten Vorfall, haben sich seine Schützlinge in total unvorhergesehene Kandidaten verliebt. Es kam, als das „Jahr von Räubers Katastrophe“, in die Geschichtsbücher der Abteilung. Über dieses Jahr sprach er verdammt ungern, am liebsten gar nicht.

Und wieder durfte er so einen vertrackten Auftrag ausführen. Irgendjemand schien ihn sehr zu hassen oder besonders zu mögen. Keine Ahnung. Aber mittlerweile fiel es auf.

Ein lauter Hüsteln drang durch seine Gedankengänge. Scheinbar waren hier nicht einmal die Gedanken privat, denn sein Boss sah ihn mit zusammengekniffenen Augen und hochgezogener Augenbraue an (sofern man bei Hunden von Augenbrauen spricht).

OH – ups ... schnell dachte er an eine weite Wiese, wo er genüsslich an einen Baum pinkelt.

Na, der Gedanke schien dem Boss auch nicht zu gefallen, denn ein vorwurfsvolles „Muss das sein?“, schlich sich in seinen Kopf, flog wie kleine Sprechblasen über die weite grüne Fläche, auf die er eben noch so genussvoll gepinkelt hatte.

Kann ein Hund rot werden?

„Räuber, jetzt im Ernst! Du bekommst zwei sehr nette und, jeder für sich, auch händelbare Schützlinge – sie passen perfekt zueinander – nur wissen sie es halt noch nicht. Und da kommst du wieder ins Spiel.“

Sein Boss setzte sich auf die große zottelige Kehrseite, nahm eins der langen behaarten Hinterbeine und kratzte sich genießerisch hinter dem Ohr.

„Und was ist, wenn sie aufeinandertreffen? Ein bisschen himmlisches Pfefferspray? Schon schauen sie sich verliebt in die Augen ... Lieben sich ein Leben lang, schwören ewige Treue, sehen nie wieder andere an ....“, leise grummelte er in seinen Bart „... so eine Verschwendung ...“

Fast sah es so aus, als würde sich der große Hund vor ihm verlegen am Kopf kratzen.

„Naja, so einfach wird es leider nicht ... Tu mir einen Gefallen – lerne sie kennen, beobachte sie jetzt die nächsten Tage und mach dir einen Plan! Aber einen – der dieses Mal funktioniert!“ Pfatsch – autsch – da war er – der Seitenhieb. Etwas bedröppelt starrte er auf den Boden, ja, er hatte doch recht ... Aber er würde es überleben.

„Habe ich eine Deadline?“ Er war einfach doch professionell, ließ sich nichts von dem kleinen Schwachpunkt anmerken.

„Natürlich – der 24.12. - gibt es da Fragen? Sie müssen zusammen an einem Weihnachtsbaum sitzen! Und es muss dieses Jahr funktionieren – wir verlieren sonst unsere Glaubwürdigkeit!“

„Wir?“ Räubers Einwurf war frech. Sehr frech, denn ein Knurren, tief und nicht freundlich, drang aus dem Bernhardiner.

„Natürlich wir! Denkst du, wir leiden nicht auch unter Budgetkürzungen“, seine Stimme nahm einen resignierten Klang an. Der Boss stieß ein gefrustetes Prusten aus.

„Halt dich ran, ich weiß, dass du das kannst!“

Na prima, welch Motivation. Schon bei dem Gedanken verwandelte sich der große Hund vor ihm, wieder in eine ätherische, von innen leuchtende, körperlose Lichtgestalt.

Räuber schüttelte sich kurz, kratzte sich mit der Vorderpfote über die Augen und trotte zu dem letzten noch offenen freien Schalter.

„Chloe – mein Schatz, wie sieht es mit unserem Date aus?“ Die hübsche Hündin hinter dem Tresen blinzelte ihm verlockend zu. Und mit einem Schlag waren die Worte des Vorgesetzten in Vergessenheit geraten.

1. Dezember Jessica

Irgendwo in einer mittleren Großstadt in Deutschland

Oh man! Jedes Jahr das Gleiche. Weihnachten kommt doch immer so unverhofft.

Nun, wenn man ehrlich zu sich selbst ist, natürlich nicht.

Nur als Jessica heute früh die Augen aufgemacht hatte und der Radiowecker ihr ein fröhliches Weihnachtslied in die Ohren schrie, wollte sie sich am liebsten die Decke zurück über den Kopf ziehen und sich verkriechen. Boar – musste es schon wieder soweit sein.

Zu allem Überfluss wurde der Tag auch nicht besser. Im Büro lief ein Rundschreiben ein, eine Erinnerung an die so sehr beliebte Weihnachtsfeier. In jeder Kaffeepause sprachen die Kolleginnen nur noch von dem Fest. Was sie anziehen wollten und wer, wen zum Wichteln gezogen hatte.

Das, fand Jessica, war der perfekte Zeitpunkt, um sich still und heimlich aus dem Raum fortzustehlen. Ihr war es gelungen, sich erfolgreich vor dem Griff in den Lostopf zu drücken. So konnte sie auch der Feier ungehindert fernbleiben. Ein genialer Schachzug.

Leider nicht genial genug.

In ihrem Büro räumte sie ihre Unterlagen gerade zusammen, um sie zum Abheften und Katalogisieren zu schaffen. Den Stapel Akten in der Hand ging sie auf die Tür zu, griff nach der Klinke.

Die Türklinke schon berührt, wurde sie ihr mit elanvollem Schwung aus der Hand gerissen. Reflexartig wollte sie doch noch nach ihr greifen, da fielen ihr, ihre gesamten Unterlagen zu Boden. Dutzende von Zetteln landeten weit verteilt auf dem weichen Teppich.

„Huch“, das erschreckte Wort rutschte ihrer Teamkollegin Sabine heraus. Sie sah auf die verstreuten Belege und verzog entschuldigend ihr Gesicht.

„Oh – Jessica, das tut mir leid!“ Gleichzeitig bückten sie sich, stießen beinahe noch mit den Köpfen zusammen, und begannen die Zettel aufzusammeln.

„Halb so wild! Das kann schon mal passieren. Was kann ich für dich tun?“ Damit kniete sie sich zu ihr und sie sammelten alles ein.

Fein säuberlich gestapelt überreichte Sabine ihr die Unterlagen.

„Ich wollte dich an die Weihnachtsfeier erinnern!“ Die ausgestreckten Hände von Jessica begannen leicht zu zittern. Hätte sie doch vorhin nicht daran gedacht. Sie schien es heraufzubeschwören oder zumindest anzuziehen.

Dieses Getue um die Weihnachtszeit.

Scheinbar dachten alle, jeder muss ständig Weihnachtslieder singen und lustige kleine Hüte tragen wollen. Die nächsten Worte ließen sie frösteln. „... und dich noch in den Lostopf greifen lassen! Das hätten wir beinahe verschwitzt!“ Innerlich stöhnend, verzog sie ihr Gesicht zu einer, sie hoffte wirklich freundlichen Grimasse.

„Ähm – wie nett!“ Ihre Stimme tropfte vor Sarkasmus. Gleich musste sie wieder intensiv lächeln. Zu freundlich und gezwungen wie nötig.

„Stimmt etwas nicht?“ Oh je, vielleicht war es doch eine Spur zu viel gewesen. Ihr leicht dahingeworfenes „Warum?“, schien Sabine aufhorchen zu lassen. „So viel Zynismus?“, fragte sie nach.

„Ach nur so!“ Jessica erhob sich und winkte mit der freien Hand abwertend. Sorgsam und bedacht legte sie die Blätter übereinander.

„Komm schon, hast du Angst, du könntest jemanden ziehen, bei dem dir nichts zum Wichteln einfällt?“ Entweder hatte Sabine eine unheimliche Gabe, Dinge zu übergehen, die peinlich sind. Oder sie bemerkte es nicht.

„Muss ich denn überhaupt ziehen?“

„Sei kein Spielverderber – natürlich musst du!“

Auffordernd hielt ihr Sabine eine kleine, oben offene, Glaskugel hin und nickte ihr einladend zu, damit sie doch endlich hineingreife.

Sie stand Sabine gegenüber, ihre Hände ballte sie leicht zu Fäusten und öffnete sie wieder – das mehrmals hintereinander. Es schien, als würde ein Kraftfeld die Glaskugel umgeben. Ihr Blut fing an, schneller durch ihre Bahnen zu rauschen. Ihr Puls pochte in ihren Ohren. Fast unmenschliche Überwindungskraft musste sie aufbringen, als sich ihre Finger vorsichtig in die Öffnung wagten und die kleinen Zettel berührten.

Einmal kurz tief durchatmen, die Augen schließen und durch. Der Zettel klemmte zwischen ihren spitzen Fingern. Sie lächelte gezwungen, nickte dabei ergeben mit dem Kopf.

Scheiß Weihnachten.

1. Dezember – Luke

Irgendwo in einer kleinen sehr ländlichen Stadt

„Mutter – bitte lass mich doch einmal zu Wort kommen!“ Luke verdrehte verzweifelt die Augen. Wie sollte er seiner Mutter begreiflich machen, dass er sich nicht so von ihr manipulieren lassen wollte. Natürlich, würde er – als guter Sohn – versuchen, ihre Wünsche über die Seinen zu stellen, Aber musste das ausgerechnet so ein Wunsch sein?

„Du weißt doch gar nicht, was alles auf dich zukommt, du wärst dann ganz alleine! Und ich weiß doch, dass du dich nicht um dich selber genug kümmerst! ... Du kannst doch ...“, in dem Moment schaltete er auf Durchzug.

Er kann nicht auf sich selbst achten? Wo lebte denn seine Mutter? Seit Jahren kümmerte er sich um seine Firma und um die Familie, um sie, seine jüngere Schwester und die Großeltern. Warum verlangte sie so einen Schwachsinn?

„Hörst du mir eigentlich zu?“ So missmutig, wie sie sich anhörte, hatte er sie lange nicht mehr erlebt. „Aber sicher doch ...“, war seine noch brummigere Antwort.

„Mein Großer, so versteh mich doch!“ Seine Mutter rappelte sich derweil aus ihrem bequemen Sessel auf, den sie seit ihrer Diagnose, vor ungefähr acht Wochen, kaum noch verließ. Erste Anzeichen waren diese ständige Müdigkeit, die immer schlechter heilenden kleinen Wunden, der schnelle extreme Gewichtsverlust, bis er sie endlich soweit hatte, zu einem Arzt zu gehen, war es auch schon zu spät. Das Untersuchungsergebnis war niederschmetternd. Ihr Arzt wollte umgehend eine Therapie veranlassen, eine Chemotherapie beginnen und sie in eine Klinik einweisen lassen.

Doch mit der Antwort seiner Mutter hatten beide nicht gerechnet, er nicht und auch nicht der Arzt.

„Nein!“ War alles, was sie in den Raum warf. Keiner der beiden Männer nahm es für voll, sie diskutieren, wo und wann der beste Termin war und achteten überhaupt nicht auf sie – bis sie sich aus ihrem Stuhl erhob und mit den Händen auf den Tisch schlug.

Verdattert sahen die beiden Männer sie an.

„NEIN!“ Wiederholte sie laut, fest und deutlich.

„Aber Mutter!“ Sein Ausruf war mehr wie irritiert und entsetzt. Er wusste in diesem Augenblick nicht, was ihn mehr verunsicherte. Die Diagnose oder ihre Weigerung, sich helfen zu lassen.

„Nichts - aber Mutter! Deine Empörung kannst du dir sparen!“ Mit all ihrer Würde stand sie vor den beiden Männern. „Es ist mein Leben. Ich hatte ein schönes Leben, darum bin ich nicht traurig, wenn es zu Ende geht. Ich vermisse deinen Vater.“ Ein sehnsüchtiger Blick richtete sich kurz aus dem Zimmerfenster. Dann wieder auf Luke. „Bitte akzeptiert das so. Ihr beide!“

Die Stille in dem Raum war gruselig. Jeder konnte den Atem der anderen hören. Tief atmete dann der Arzt durch und räusperte sich verlegen.

„Frau Maier, natürlich dürfen Sie das selbst entscheiden. Nur tun Sie mir bitte einen Gefallen. Bedenken Sie ihre Entscheidung noch einmal. Wenn Sie zu einem anderen Ergebnis gekommen sind, teilen Sie es mir umgehend mit. Lassen Sie sich nur nicht allzu viel Zeit dafür. Bis dahin kann ich sie unter Schmerzmittel stellen.“ Frau Maier nickte nur zustimmend mit dem Kopf.

Seit diesem Tag waren zwei Monate verstrichen, in denen seine Mutter die Entscheidung nicht revidierte. Nein, sie organisierte schon alles für ihre Beerdigung. Luke fand das mehr als makaber.

Und heute war wieder so ein Tag, wo sie ihm in den Ohren lag, sich endlich um sich selbst zu kümmern. Sich endlich eine Frau zu suchen. Endlich zu heiraten.

„Du hast vor acht Wochen deine Entscheidung getroffen – warum lässt du mir nicht meine!“ Erbost erhob er sich, verließ den Raum und ließ sie stehen.

Räuber

Eine lange geschmeidige Zunge leckte über seine Nase, hinauf zu seinen Augen, leckte genüsslich über die Augenwinkel und dann weiter zu seinem Ohr, dort wurde plötzlich ein Luftstoß durch die andere Nase gegeben und reflexartig musste er mit dem Kopf schütteln. Um Himmelswillen, wie konnte man nur so geweckt werden. Mit leichtem Schwung drehte er sich auf den Rücken und bot sich der schnüffelnden Nase komplett an. Doch leider hörte da wohl der Spaß auf, denn anstatt die geschmeidige Zunge weiter seinen Körper massierte, bekam er einen unfreundlichen Stups in die Seite.

Den Kopf leicht zur Seite gebogen versuchte er, die Augen zu öffnen. Für ihn ein heroischer Kraftakt. Stück für Stück und im Zeitlupentempo begann er die Lider zu heben.

„Mon cher mon coeur - vous devez vous lever ... Olala, mon dieu ... mein Lieber – s´il vous plait – du musst aufsteeeen.“

„O ma cherie ... noch lange niischt.“ Damit rollte er sich wieder auf den Bauch, schlug seine Vorderbeine über einander und blickte tief in Chloes Augen.

Von allmächtiger Entzückung war dort allerdings nichts mehr zu sehen.

„Chloe, ma cherie – was hast du?“ Sein Blick folgte ihren, sie drehte den Kopf in Richtung der kleinen Ablage nahe dem Eingang.

Kaltes Wasser der Erkenntnis rannen durch seinen Körper.

Mist, nur der Boss verteilte auf diese Art – Mitteilungen. Auf der kleinen Erhebung lag eine Rolle, mit braunen Bast umwickelt. Er ging in sich, was hatte er vergessen? Immer noch lag er in der gemütlichen Kuhle. Träge setzten sich seine Gedanken in Gang. Was auch dringend notwendig war, denn Chloe hatte ihn in den letzten Tagen ganz schön gefordert. Sie ist aber auch eine Sahneschnitte.

„Isch weerde jetzt gehen ... mon amour, isch glaubee, du ´ast zu tun.“ Die süße kleine französische Pudeldame streckte ihren wunderbaren schlanken Körper und dehnte jede Faser. Dann schüttelte sie sich ihr Fell zurecht und blickte ihn über die Schulter an. „Bis bald – ma cherie.“ Damit entschwand sie seinen Blicken.

Räuber atmete tief aus und kullerte sich zurück auf sein Kissen, drehte sich zurück auf seinen Rücken und streckte alle vier Pfoten von sich. Er musste unbedingt herausfinden, was er vergessen hat, um vom Boss so eine Erinnerung zu erhalten.

So langsam krochen die letzten Tage wieder in sein Gehirn. Da war doch die Mitarbeiterversammlung am 1. Advent.

Ja, genau ... Und da gab es die Weihnachtsaufträge. Richtig ... Urplötzlich ging ein Ruck durch seinen Körper. Mit einem Satz war er aus der Kuhle gesprungen und landete auf seinen Beinen.

Verflixt – verflixt – verflixt.

Er sollte sich doch seine Schützlinge anschauen. Oh fuck ... (gleich entschuldigte er sich für diesen Gedanken).

Wie von der Tarantel gestochen machte er sich auf den Weg zu dem genannten Einsatzort.

2. Dezember – Jessica

Irgendwo in einer mittleren Großstadt in Deutschland

Manchmal fühlte sie sich wie der sprichwörtliche Grinch. Die Weihnachtsmusik, die übertriebene Dekoration und der Glühwein an jeder Ecke nervten sie furchtbar.

Der gestrige Tag war fast noch in einer Katastrophe geendet. Musste sie ausgerechnet Tanja ziehen? Die perfekte, überaus nette, selbstsichere Tanja, die von allen geliebt und jeden bewundert wurde. Wie um alles in der Welt sollte sie sich für ebendiese Tanja ein Geschenk einfallen lassen. Ihr Dauerzustand, schien sich auf gefrustet zu fixieren.

Völlig zerschlagen, die Kaffeetasse in der Hand stand sie übermüdet und schlecht gelaunt an ihrem Schreibtisch. Den ganzen Abend hatte sie sich den Kopf zerbrochen, was sie Tanja in ihr Wichtelpäckchen packen könnte. Dass dieses Problem auch noch ihren Tag belastet, machte sie fast biestig.

Tief in ihren Inneren würde sie jetzt ihre Kaffeetasse an die Wand werfen und den ganzen Scheiß Papierkram hinterher. Sie hatte es so satt.

Sabine hatte ihr doch tatsächlich noch die Einladung für die Firmenweihnachtsfeier zukommen lassen. Boar ... Am liebsten hätte sie sie einfach zerrissen und ihr hinterhergeworfen.

Aber nein ... Immer freundlich lächeln, freundlich nicken und „.... yeeaah ... wie bin ich doch happy“, rufen.

Jessica – reiß dich zusammen.

Sie brauchte hin und wieder solche kleinen seelischen Ausfälle. Was sollte es. Sie würde auch dieses Weihnachten überleben, genau wie die anderen davor ... Vielleicht werden die nächsten Jahre einfacher.

Einige Minuten tief Luft holen, um sich zu sammeln, dann konnte sie sich wieder auf ihre Arbeit konzentrieren.

Zwei Stunden später wurde ihr Tür erneut aufgerissen, es schien zur Gewohnheit zu werden. Keiner klopft mehr, keiner .... ach ja ... sie vergaß - wer würde schon in der Weihnachtszeit sich darüber einen Kopf machen.

„Jessica, stell dir vor ...“, aufgeregt, wie ein kleiner Kolibri, stürmte Sabine in den Raum. Lief im Zimmer umher und suchte nach Worten.

„Sabine?“ Sie fühlte sich gestört, hatte das mit dem Konzentrieren doch gerade geklappt.

„Oh, ich bin doch so aufgeregt!“ Abrupt blieb sie vor dem Schreibtisch stehen. Jessica starrte sie weiterhin direkt an. Hob leicht die Hände und zuckte nebenbei mit den Schultern, nach dem Motto – nun sag endlich!

„Am Nikolaustag findet doch die Weihnachtsfeier statt ...“, sie schaute Jessica bestätigungsheischend an. Sie murmelte etwas Unverständliches in ihren, nicht vorhandenen, Bart, gestikulierte Sabine aber, weiter zu sprechen.

„Unser Chef hat, da dieses Jahr ein Jubiläum ist – oh, ich habe es schon wieder vergessen ...“, zu theatralisch schlug sie sich an die Stirn.

„Sabine – was hat er ...?“ Jessica überlegte, was es für Mord gab. Oder Totschlag im Affekt – bei nervenden Arbeitskollegen.

„Oh, entschuldige ... Ich verliere zurzeit öfters mal den Faden ... also ... er hat eine unglaublich berühmte Band eingeladen. Dazu noch ein Dutzend wichtiger Bänker, Industrielle und was weiß ich, noch alles. Weißt du was das heißt?“ Voller Vorfreude, mit erhitzten Wangen und hochrotem Gesicht stand sie so da und Jessica nahm ihre Mordgedanken etwas zurück.

„Na sag schon ...“

„Das heißt, wir lernen richtig wichtige Leute kennen! Wir treffen CEOs!“

„Ah ja ... das ist wirklich fantastisch. Wow!“

In Sabines Augen stand jetzt absoluter Unglauben.

„Hast du mir nicht richtig zugehört? Wir treffen wichtige und absolut reiche M ä n n e r!“ Die freudige Erregung ersetzten die ungläubigen Blicke.

Ein mitleidiges kleines Lächeln huschte über ihren Mund.

„Männer ...“, für Frauen war doch eigentlich dieses eine Wort ausschlaggebend. „... wie nett.“

„Oh, Mensch Jessica, nun freu dich schon. Du bekommst nicht nur einen gefüllten Nikolausstiefel, sondern auch noch einen Einblick beziehungsweise Ausblick auf Elitemänner!“

Jessica konnte Sabrinas Laune nicht verderben. Sie war einfach zu berauscht, von der Vorstellung, wichtige Persönlichkeiten aus der Wirtschaft zu treffen. Na fein. Dann sollte sie doch darin schwelgen. Hoffentlich vergaß sie nicht – das die Männer in solchen Positionen niemals treu waren.

Verflixt, sie musste damit aufhören sich darüber Gedanken zu machen. Sie brauchte eine grandiose Idee für ihr anderes Problem. Das da hieß Tanja und Wichtelpäckchen.

2. Dezember - Luke

Irgendwo in einer kleinen sehr ländlichen Stadt

Die ergebnislose Auseinandersetzung mit seiner Mutter gestern, hatte ihn doch mehr mitgenommen, als gut für ihn war. Seine Flucht führte ihn zu seinem Großvater, der wie immer in der Stube auf seinem Schemel saß und an einem kleinen Holzstück schnitzte. Er brauchte nichts zu sagen, der alte Mann verstand ihn ganz ohne Worte, er wies auf den Stuhl neben sich, zeigte auf einen Stapel Hölzer und konzentrierte sich wieder auf seine Arbeit.

Luke nahm sich sein Messer aus der Hosentasche, suchte sich ein sehr schön gemasertes Stück aus und begann in gleichmäßigen ruhigen Zügen, die Holzspäne nach einander abzuschälen. Bewegung für Bewegung wurde er ruhiger.

„Lass gut sein – Junge“, wie sein Großvater so unverhofft das Wort an ihn richtete, ließ ihn zusammenzucken.

„Wie soll ich denn dem gerecht werden? Sie gibt mir nur bis Weihnachten Zeit! Als ob sie gleich nach den Feiertagen sterben, wöllte!“ Er schnaufte.

„Sie hat Angst!“ Er war wirklich ein weißer Mann, sein Großvater.

„Natürlich hat sie Angst – hätte ich auch, aber muss sie mir solche Aufgaben aufzwingen?“ Er hielt in der Bewegung inne. Jammerte er? Beschwerte er sich? Er konnte es nicht fassen – er hörte sich an, wie ein nörgelnder Teenager an?

„Junge – das ist ihr letzter Wunsch.“ Sachlich richtig. Sie hatte es sich gewünscht. Nicht befohlen. Aber wer schlägt schon einer Todkranken einen Wunsch ab? Er sicherlich nicht. Auch wenn er dafür .... ja, was? Wo sollte er bis Weihnachten eine Frau auftreiben, die ihn auch noch heiraten wollte?

Freilich, er war nicht hässlich – aber mit den heutigen Vorstellungen, von einem attraktiven Mann, konnte er nicht mithalten. Groß – ja, breitschultrig – ja, na und da hörten die Vorzüge auch schon auf. Der Rest war eher Mittelklasse bis unscheinbar. Mit seinem kleinen Bauch hatte er sich mittlerweile angefreundet. Wenigstens der blieb treu. Weder seine körperliche Arbeit, noch hartes Training konnten in bezwingen. Also musste er bleiben.

Durch die viele Arbeit im Freien hatte er auch keine glatte und zarte Haut – er trug einen Dreitagebart und „Creme a la Leder“. Da half auch keine noch so intensive Feuchtigkeitscreme. Und über seine Haare brauchte er gar nicht erst zu reden. Was er an Härte im Gesicht hatte, umso weicher waren seine Haare. Locken die ihn immer lausbubenhaft wirken ließen.

Es mangelte ihn nicht an flüchtigen Bekanntschaften und hier und da eine kleine kurze Liebelei, mehr wollten die Frauen aber auch nicht von ihm. Und er hatte noch keine gefunden, die er für würdig hielt, sie darum zu bitten, bei ihm zu bleiben.

Blöde Situation.

Er hielt das Stück Holz in der Hand und betrachtete es ungläubig! Was um alles in der Welt hat er hier geschnitzt?

Auf seinem großen Handteller lag ein wunderschöner kleiner Hund. Mit welligen Haar und einem entzückenden Halsband. Über sich selbst erstaunt schüttelte er nur den Kopf und steckte die zarte filigrane Figur in seine Jackentasche.

3. Dezember - Jessica

Irgendwo in einer mittleren Großstadt in Deutschland

Sabine hatte ihr wirklich keine Freude mit der Tatsache gemacht, dass die Weihnachtsfeier eine Pflichtveranstaltung war. Schon gar nicht mit der Wichtelei.

Zwei Stunden hatte sie dafür gestern Abend geopfert und sich durch verschiedene Seiten im Internet gekämpft. Manche Seiten haben sie beinahe zum Erbrechen gebracht – so viel Schnulzerei.

Eine glorreiche Idee hatte sie natürlich nicht gefunden. Ärgerliche Zeitverschwendung.

Sie hatte absolut keinen Plan, was sie in das Päckchen stecken sollte. So unangenehm, es war, sie musste unbedingt nochmal mit Sabine darüber sprechen.

Für ihre Eltern gab es seit Ewigkeiten Standardweihnachtsgeschenke. Ihre Mutter bekam einen Online-Gutschein für ihren E-Book-Reader, Vater ein Gutschein für den Baumarkt nahe ihres Wohnortes und ihre Brüder jeweils die Verlängerung von den so geliebten Stadionkarten. Einzig und allein für ihre kleinen Lieblingszwerge kaufte sie individuelle, meist lehrreiche und teure Geschenke. Sie mochte ihre Nichten, Resi und ganz frisch Paula, und Neffen, Steffen und Max.

Jetzt saß sie wieder hier in ihrem Büro und versuchte krampfhaft, sich auf die Blätter und Zahlen vor sich zu konzentrieren. Es war ihr erstes Jahr hier in der Firma, das hieß, in der Weihnachtszeit, Wochenenddienst. Zum Jahresende drehten die Firmen mit ihren Abrechnungen leicht am Rad. Es gab aber einen netten Bonus dafür, deshalb war das nicht unbedingt ein Problem.

Ständig schlich sich jedoch dieses dumpfe Gefühl in ihren Kopf. Es machte sie auf unerklärliche Weise sehr traurig. Schwammige Gedankengänge, lose Fetzen, die nicht immer einen Sinn ergaben. Verschiedene Weihnachtsfeste liefen wie auf einer Kinoleinwand wieder und wieder ab. Ihre Familie fröhlich miteinander vereint. Einige Szenen aus ihrer Kindheit, wo die Welt um sie noch in Ordnung war, dann welche aus ihrer Jugend, wo sie ab und an leicht rebellierte. Und dann die Feste aus den letzten Jahren. Die, wo sie alleine am Tisch saß, wehmütig aus dem Fenster stierte und sich meilenweit wegwünschte.

Tief atmete sie ein, auf so einen Scheiß hatte sie jetzt absolut keinen Bock.

Energisch schüttelte sie den Kopf und hoffte so, all die unmöglichen Gedanken loszuwerden.

„Ich hoffe, du schüttelst nicht über deine Abrechnungen den Kopf. Wir bekommen sonst echt Probleme, wenn die bis Nikolaus nicht stimmen!“ Ohne das Jessica es bemerkt hatte, stand Sabine in der offenen Tür.

Es war wirklich an der Zeit, etwas zu ändern, sich etwas einfallen zu lassen. So konnte es definitiv nicht weitergehen. War sie schon so verpeilt, dass sie es nicht bemerkte, wenn jemand in den Raum kam? Also wirklich ...!

„Das würde mir jetzt noch fehlen .... Nein, ich wollte ...“, sie kam gar nicht erst dazu, ihren Satz zu beenden.

„Puh – Glück gehabt! Denn denke dran, lauter wichtige Männer!“ Verschwörerisch wurde ihr zugezwinkert.

Jessica gab sich große Mühe, ihr Grinsen nicht zu einer Grimasse verkommen zu lassen. Als ob das ihre maßgeblichen Gedanken gewesen wären. Innerlich verdrehte sie die Augen. Ein kleines „Weiber“ durchkreuzte ihr Denken und ließ sie schmunzeln. Konnte sie nicht froh sein, nicht zu dieser Gattung zu gehören? Ein Hauch eines spöttischen Lächelns huscht über ihr Gesicht.

„Nein – keine Angst, die Abrechnungen sind korrekt und fast alle durchgearbeitet. Ich wollte dich eigentlich, um einen anderen Gefallen bitten.“ Über den Schreibtisch hinweg schaute sie Sabine an.

Jetzt war es an Sabine aufzuhorchen, kam näher an den Tisch. Neugierig blitzen ihre Augen auf. Die zurückhaltende Jessica hatte sie bisher noch nie um etwas gebeten.

„Wie kann ich dir helfen?“ Neugierde und Spannung standen in ihrem puppengleichen Gesicht.

„Du weißt, doch – ich habe bei dem Wichtellos Tanja gezogen. Aber ich habe nicht die blasseste Ahnung, was ich ihr in das Päckchen legen soll.“ Eine hilflose Geste begleitete diese Aussage.

„Ach ...“, war da eine leichte Enttäuschung in ihrer Stimme und etwas davon auch in ihrer Mimik zu lesen? Eine wegwerfende Handbewegung ausführend, drehte sie sich um. „Wenn das alles ist.“ Damit ging sie zur Tür, „... reden wir doch nachher in der Kaffeepause darüber.“ Und sie war zur Tür hinaus in den großen Flur verschwunden.

Jessica fühlte sich unvermittelt allein gelassen. Aus unerklärlichen Gründen wünschte sie sich, dass Sabine zurückkam, einen Kaffee in der Hand hielt und sie sich über das Thema Tanja unterhalten könnten. Oder jedes sonstige Problem.

Kurz wollten die schwammigen Gedanken wieder von ihr Besitz ergreifen. Schnell konzentrierte sie sich auf ihre Arbeit und ließ alle anderen ablenkenden Überlegungen außen vor.

3. Dezember – Luke

Irgendwo in einer kleinen sehr ländlichen Stadt

So wie es aussah, hatte sich seine Mutter nach ihrer etwas nervenaufreibenden Auseinandersetzung wieder beruhigt. Zumindest hatte sie ihn heute zum Brunch eingeladen. Im Stillen hoffte er, dass sie nicht dieselbe Angelegenheit ausdiskutieren wollte. Inständig wünschte er es sich.

Nicht genug, dass er sich die letzten zwei Tage wirklich darüber Gedanken gemacht hätte. Natürlich möchte er sie glücklich sehen, ihr ihren wichtigsten großen Wunsch erfüllen. Hatte er moralisch denn überhaupt eine Chance, „nein“ zu sagen? Sein Großvater musste ihn auch noch auf ihre Angst aufmerksam machen – klasse, genau was er gebraucht hatte. Schuldgefühle setzten sich in ihm fest. Er konnte seinem Opa nichts vorwerfen.

Über sein neustes Werkstück gebeugt führte er seine Werkzeuge sorgfältig über das Holz. Wie war es möglich, dass er nicht einmal auf den Plan blicken musste, das fertige Werk aber genau dem entsprach?

Er liebte seine Arbeit. Seine Gedanken flogen dahin, frei wie die Vögel, die in den Kronen der Bäume genistet hatten, bevor sie in seine Werkstatt kamen.

Wie ein Irrer versuchte er, auf eine Lösung zu kommen. Jegliche Szenarien stellte er sich vor. Sollte er ein Inserat aufgeben? Sollte er eine Agentur in Anspruch nehmen? Oder gar (er glaubte selbst nicht, dass er auf so eine Idee kam) eine Frau aus einem Katalog aussuchen?

Gott – nein!

Eigentlich wollte er mit diesen Ideen zu seiner Mutter gehen und sagen „Schau – wie weit du mich gebracht hast!“ Nur, als guter Sohn verwarf er augenblicklich dieses Vorgehen.

Während er so dasaß und über eine Lösung des Problems grübelte, klingelte sein Handy. Er brauchte kurz, um zu orten, wo er es hingelegt hatte, schob den Deckel zur Seite und stöhnte kurz auf. Nicht das auch noch. Wenn er nicht den Button von Rot auf Grün schieben würde, bräuchte er nicht mit ihr zu sprechen. Nach einem weiteren Klingeln ergab er sich dem Handy. Auf seinem Stuhl sackte er in sich zusammen, hob seine Hand, fingerte nach dem Telefon und schob den Button auf Grün.

„Schön, dass du auch mal an dein Handy gehst!“ Eine verschnupfte weibliche Stimme blaffte ihn an. Trotzdem konnte er ihr nicht böse sein.

„Süße, hin und wieder arbeite ich – schließlich muss einer dieses Geschäft am Laufen halten!“ Sein brummiger gutmütiger Ton schien die weibliche Stimme am anderen Ende nicht zu beruhigen.

„Warte – ich bedauere dich! Du armer großer Bruder, der allmächtige Arbeiter in deiner Firma .... Komm runter. Ich muss dringend mit dir reden!“ Nicht noch ein Weibsbild aus seiner Familie, dass ihn nicht in Ruhe lassen konnte. So lieb und gern er alle beide hatte - seine Mutter und seine Schwester - sie konnten ganz schön nerven.

„Dann los! Ich bin ja jetzt am Telefon!“

„Lieber würde ich mir dir persönlich reden ... Hast du nachher Zeit für mich?“

„Tut mir leid Süße, unsere Mutter hat mich schon zu sich befohlen – zum zweiten Frühstück.“

„Mist, ich habe nur heute Zeit!“

„Dann doch jetzt!“

„Orrh, na gut ... Du weißt doch von Franks Plan, Mutter zu Weihnachten so eine kleine Weltreise zu schenken?“

Ja, er hatte von diesem Plan erfahren. Was er davon hielt, behielt er lieber für sich. Natürlich sollte es eine große Geste sein, aber ... er wusste ziemlich genau, seine Mutter ging sicherlich nicht auf ein Schiff, um sich übers Wasser schibbern zu lassen. Definitiv nicht.

So schwieg er lieber und bestätigte ihr nur mit einem „Hmmmm“, dass er davon wusste.

„Ja, ich weiß, nicht die brillanteste Idee. Deshalb wollte ich ja auch mit dir reden ... Ich versuche, ihn von diesem Vorhaben abzubringen. Dafür wollte ich deine Unterstützung. Ich habe ihm gesagt, du hättest so eine gigantische Idee, da wäre es doch toll, wenn wir uns bei dir einklinken ...“

„Waaas?“ Vor Schreck ließ er beinahe das Handy fallen. „Wie kommst du denn auf so eine Idee?“ Schnell legte er sein Werkzeug zur Seite und wechselte das Telefon in die andere Hand.

„Wie konntest du denn sowas sagen!“

Statt der lauten, ihn anmotzenden Stimme hörte er jetzt eine kleine, fast weinerliche Frau am anderen Ende der Leitung.

„Ich ....“, jetzt schluchzte sie tatsächlich.

„Süße ...“, am liebsten hätte er sie in den Arm genommen. Ein kurzes Schniefen, dann ein Geräusch, wie wenn eine Nase geputzt würde. Dann noch ein Schniefen und ein tiefes Durchatmen.