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Von Diäten und Diamanten, Liebe und Zucchinipuffer: Jana ist Mitte Dreißig, lebt in einer Kleinstadt nördlich von München und hat von Männern die Nase voll. „Da ist mir zuviel Leid in Leidenschaft“, hat sie einmal zu ihrer Freundin Juli gesagt. Sie arbeitet neben ihrem Beruf als Hobbygärtner-Beraterin lieber daran, ihre Träume wahr zu machen: Eine erfolgreiche Autorin möchte sie werden und ihren Computer beherrschen lernen. Na ja, und 20 Kilogramm Übergewicht will sie auch noch abwerfen. Jedenfalls, kein Mann und keine Liebeswirren stören sie dabei und so sollte es bleiben, wenn es nach Jana ginge. Doch dann wird eine Frau in ihrem Büro ermordet und der etwas verwahrloste Kriminalhauptkommissar Bergmeister tritt in ihr Leben. DIÄTEN UND DIAMANTEN ist spannender Krimigenuss, pikant gewürzt mit Romantik und schlanken Rezepten. (Überarbeitete Neuauflage 2015. Erste Veröffentlichung 2003 unter dem Titel "Die letzte Diät")
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Seitenzahl: 308
Veröffentlichungsjahr: 2015
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[…] Jana stand starr vor Angst hinter der aufgestoßenen Bürotür. Von der ihr gegenüberliegenden Seite des Raumes blickten sie die leblosen Augen ihrer Besucherin unter halb geöffneten Lidern an. Das Rot des Blutes hob sich scharf vom strahlenden Weiß ihrer perfekt gebügelten Bluse ab. Neben sich, auf der anderen Seite der Tür, hörte Jana den Mörder atmen. Sie drückte sich tiefer nach hinten ins Regal. Dann sah sie eine Hand in einem Lederhandschuh nach vorne greifen. […]
Jana ist Mitte Dreißig, lebt in einer Kleinstadt nördlich von München und hat von Männern die Nase voll. „Da ist mir zuviel Leid in Leidenschaft“, hat sie einmal zu ihrer Freundin Juli gesagt. Sie arbeitet neben ihrem Beruf als Hobbygärtner-Beraterin lieber daran, ihre Träume wahr zu machen: Eine erfolgreiche Autorin möchte sie werden und ihren Computer beherrschen lernen. Na ja, und 20 Kilogramm Übergewicht will sie auch noch abwerfen. Jedenfalls, kein Mann und keine Liebeswirren stören sie dabei und so sollte es bleiben, wenn es nach Jana ginge. Doch dann wird eine Frau in ihrem Büro ermordet und der etwas verwahrloste Kriminalhauptkommissar Bergmeister tritt in ihr Leben.
DIÄTEN UND DIAMANTEN ist spannender Krimigenuss, pikant gewürzt mit Romantik und schlanken Rezepten.
Eva B. Gardener lebt in einer bayerischen Kleinstadt in der Nähe von München. Wie ihre Hauptfigur Jana in DIÄTEN UND DIAMANTEN ist sie Gartenexpertin, Autorin und computerbegeistert. Sie reist, schreibt und fotografiert gerne und teilt ihre Erfahrungen in Büchern, Zeitschriften und im Internet. www.evabgardener.de
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Epilog
Erschöpft vom Graben mit den bloßen Händen und von den Stunden voller Angst, die ihn zu übermenschlichen Anstrengungen getrieben hatte, wischte sich Eduardo Joaquim Machado mit dem Ärmel seines verwaschenen, blauen Hemdes über die Stirn. Er war am Ende seiner Kräfte angelangt, sein Hemd klebte schweißnass und schmutzig an dem ausgemergelten Körper.
Aber er hatte keine Zeit sich auszuruhen, er musste hier weg, so schnell es ging. Er durfte nicht an diesem Ort gesehen werden, an der letzten Ruhestätte seines Cousins. Des Cousins, den er jetzt dafür hasste, dass er ihn in diese krumme Sache hineingezogen hatte, auch wenn der dafür bereits mit seinem Leben bezahlt hatte und vergraben im Boden zu seinen Füßen lag, sorgfältig unter Zweigen und Laub verborgen.
Der Schweiß brannte Eduardo in den Augen. Er presste die Fäuste gegen den pochenden Schmerz in seinem Kopf, aber auch das half nichts. Als er ein Geräusch hinter sich hörte, drehte er sich erschreckt um. Aber es war nur ein Vogel, der da im Laub hüpfte. Man war ihm noch nicht auf der Spur.
„Heilige Mutter Maria, lass mich das überleben“, betete Eduardo und machte sich auf den Weg, „nicht um meinet-, sondern um meiner Familie willen, bitte, lass mich das überleben.“
Ja, hätte er, Eduardo, sich bloß nicht locken lassen von den Geschichten über schnellen Reichtum, die ihm sein Cousin und dessen narbengesichtiger Kumpane erzählt hatten. Hätte er sich doch nicht den Träumen eines sorgenfreien Lebens hingegeben, das ihm einfach so in den Schoß fallen sollte. Aber das Leben war so verdammt hart gewesen, seit er und seine Familie sich mit dem Geld eines Kredithaies ihre kleine Fazenda in den Bergen von Treze Minas gekauft hatten. Mit dem, was er erwirtschaftete, konnte er kaum die Zinsen bezahlen, geschweige denn Schulden tilgen oder seine Familie anständig ernähren.
Das Geld, das sie für die geraubten Diamanten bekämen, würde ihn von allen seinen Sorgen befreien, hatte der Cousin versprochen. Aber nun lag dieser in einem fauligen Erdloch mitsamt all dem Reichtum, dachte Eduardo.
Dabei hatte doch alles so einfach geschienen.
Der Cousin hatte ein Gespräch belauscht und erfahren, dass der stellvertretende Direktor der Minengesellschaft die Ausbeute der letzten Wochen unter Vortäuschung eines Erkundungsrittes mit nur zwei Mann Begleitung zur nächsten Handelsstation bringen würde. Die Rohdiamanten würden in seiner Weste eingenäht sein. Weil Gerüchte von neuen Funden in Indien aufgetaucht waren und sie schnell handeln wollten, bevor die Preise fielen, wurde auf die übliche schwer bewaffnete Eskorte und andere Sicherheitsmaßnahmen verzichtet. Es war die Chance ihres Lebens, hatte sein Vetter gesagt.
An der Strasse im Gebüsch versteckt hatten sie dem Minendirektor und seinen Begleitern aufgelauert. Die Straße selbst war kaum mehr als eine grobe Schneise, die man durch den Wald geschlagen hatte – rote, nackte Erde, steinig und staubig.
Stundenlang hatten sie ausgeharrt, Eduardo, der Cousin und sein Kumpane. Sie hatten kaum gewagt, zu sprechen, nur den Lauten der Wildnis gelauscht.
Dann endlich war es soweit gewesen. Plötzlich hatten sich die Geräusche des Waldes verändert. Vögel waren aufgeflattert, ein Affe hatte seine Artgenossen durch Schreie gewarnt. Kurz darauf waren Hufschläge gedämpft vom Staub der Straße zu hören gewesen.
Eduardo hatte die Reiter von seinem Platz zwischen Sträuchern am Straßenrand aus kommen sehen. Es waren drei Reiter im leichten Galopp, die aus der Kurve heraus in seine Richtung ritten: der stellvertretende Minendirektor und zwei weitere Männer.
Als sie fast bei ihm waren, hatte er wie verabredet das Seil straff gezogen, das sie vorher im rötlichen Straßenstaub verborgen hatten, und das auf der anderen Straßenseite an einem Baum befestigt war. Schnell wickelte er sein Ende um den Baum, den er sich vorher dafür auserkoren hatte, sodass sich das Seil nun in Brusthöhe der Pferde über die Straße spannte. Es war ein Handgriff, den sie vorher Hunderte Male geübt hatten, damit sie ihn in Sekundenschnelle ausführen konnten.
Die Reiter hatten sofort die Pferde zurückgerissen und ihre Waffen gezogen. Doch sie hatten keine Chance. Hinter ihnen hatte der Cousin ebenfalls ein Seil gespannt, sodass die Pferde nicht vor und nicht zurück konnten. Verabredungsgemäß schleuderte Eduardo drei Giftnattern, die sie gefangen und in einem Korb aufbewahrt hatten, zwischen die Hufe der Pferde, die sich sofort hoch aufbäumten und angstvoll schnaubten. Eine der Schlangen wurde von einem Huf getroffen, die anderen beiden schlängelten lautlos zurück in den Wald. Um die Angst der Pferde noch mehr anzuheizen, war verabredet gewesen, dass der Cousin und der Komplize zusätzlich ein paar Schüsse in die Luft abgeben würden. Eduardo hatte sich also nicht gewundert, als die Schüsse durch die Luft gepeitscht waren.
Der stellvertretende Direktor war als Erster vom Pferd gefallen, dann auch die beiden anderen. Entsetzt hatte Eduardo das Blut nass und dunkel aus den Schusswunden hervorquellen sehen, dort wo die Kugeln gerade ihr Fleisch und die Knochen zerfetzt hatten. Der stellvertretende Direktor war in den Kopf, die anderen beiden jeweils ins Herz getroffen worden.
Das war so nicht verabredet gewesen. Sie würden nicht auf die Männer schießen, hatten sie ihm vorher gesagt. Aber sie fuhren Eduardo als Antwort auf seine Fragen nur ungeduldig an, während sie die verstörten Pferde einfingen und an einen Baum banden.
Eduardo war starr vor Entsetzen dagestanden. Sein Cousin riss die Jacke des stellvertretenden Direktors auf. Er fand darunter wie erwartet eine Weste, in welche die Diamanten eingenäht waren. Er streifte dem Toten die Weste ab und zog sie sich selbst an, dann seine Jacke darüber.
Dann war passiert, womit sie nicht gerechnet hatten. Ein vierter Reiter kam plötzlich in wildem Galopp angeritten und feuerte auf sie. Sie selbst hatten ihre Waffen nicht mehr nachgeladen, nun konnten sie nicht schnell genug reagieren. Der vierte Reiter war ein guter Schütze. Der Kumpane des Cousins wurde getroffen und war auf der Stelle tot. Auch der Cousin bekam eine Kugel ab, Eduardo musste den Vetter stützen, der im Rückzug dann den vierten Reiter mit einem Schuss aus seiner inzwischen nachgeladenen Waffe außer Gefecht setzte.
Eduardo hatte den stöhnenden Vetter tiefer in den Wald geschleppt, zuerst einfach senkrecht von der Straße weg, dann nach einer Weile änderten sie die Richtung. Sie wollten zum äußersten Winkel von Eduardos Fazenda, dort wo das Land noch nicht beackert war, sondern Wildnis vorherrschte. Dort, wo nie jemand hinkam und wo sie sich verstecken und ausruhen konnten.
Nach drei endlosen Stunden durch Gestrüpp bergauf und bergab hatten sie ihr Ziel erreicht, obwohl Eduardo oft geglaubt hatte, die Richtung verloren zu haben. Der Vetter war zunehmend schwächer geworden, die letzte Stunde hatte er ihn getragen. Eduardo ließ den Vetter zu Boden gleiten. Auch er wurde von der Erschöpfung zu Boden gedrückt, er legte sich nieder und schnappte nach Luft. Seine Lungen brannten, er versuchte zu begreifen. Waren sie jetzt in Sicherheit?
Als Eduardo sich schließlich zu dem Cousin umgedreht hatte, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen, reagierte der nicht mehr, er war tot.
Er hatte es nicht fassen können. Er hatte an dem Vetter gerüttelt, der im Tod seine gelben Schneidezähne in einem blöden Grinsen entblößte.
Angst war ihm kalt den Nacken hinauf gekrochen, er versuchte seine Lage zu begreifen. Er lag hier mit seinem toten Cousin und den geraubten Diamanten. Was sollte er tun? Die Diamanten könnten ihn zu einem reichen Mann machen, aber auch ganz schnell zu einem Kadaver für die Geier, denn die Häscher der Minengesellschaft würden keine Gnade kennen. Und wie sollte er die Diamanten überhaupt verkaufen, dafür war doch der Vetter zuständig gewesen.
Ihm war nur ein Ausweg eingefallen. So hatte er den Cousin samt der kostbaren, Unglück bringenden Weste an Ort und Stelle auf seinem Grund vergraben, ihn mit Erde, vermoderndem Laub und Zweigen bedeckt. Er hoffte dadurch, das Unglück von seiner Familie fernzuhalten. Er war sich ganz sicher, dass er diese Diamanten niemals wieder ausgraben würde.
Eduardo erhob sich nur mit Mühe, jede Faser seines Körpers schmerzte. Stöhnend begann er in Richtung seiner Fazenda mehr zu torkeln als zu gehen. Wenn er doch nur schon daheim wäre.
Als ein Zweig unter seinen Füßen knackte, hielt er inne. Es würde besser sein, wenn er nicht auf direktem Wege quer über sein eigenes Land nach Hause liefe.
Er änderte die Richtung und lief nun auf die Straße nach Ouro Perigoso zu. Er würde der Straße ein Stück weit folgen und seinen Grund und Boden erst in Höhe des frischbestellten Feldes erneut betreten.
Bald war er der Straße so nah, dass er den abendroten Himmel durch die Schneise leuchten sah. Sein Herz schmerzte, so sehr wünschte er sich, zuhause zu sein. Er hoffte auf den Trost des Alltags, der ihn mit der Zeit vielleicht vergessen lassen würde.
Und in Zukunft würde er noch härter arbeiten, noch länger auf dem Feld sein altes Zugpferd antreiben. Dann würde schon alles gut werden, spornte er sich an. Bald würde er es geschafft haben. Bald wäre er in Sicherheit.
Plötzlich war da ein Rascheln hinter ihm. Noch während er sich umdrehte, um die Ursache des Geräusches festzustellen, fiel ein Schuss.
Eduardo sank ohne einen Laut tot zu Boden.
Es war Juni, es war Montag, und es herrschte verdammt miese Stimmung in Janas Büro. Und das, obwohl sie alleine darin saß!
Seit sie wieder auf Diät war, hielt sich Jana manchmal selbst kaum aus. Aber das war ja auch kein Wunder, da sie laut Plan gerade mal drei Diätdrinks und einen Apfel pro Tag zu sich nehmen durfte. Sonst nichts. KEIN MENSCH konnte dabei seine gute Laune behalten.
Jana brauchte jetzt einen Cappuccino, und zwar sofort. Sie wusste zwar, dass sie damit schummelte, denn in dem Fertigpulver, das sie mit heißem Wasser zusammenrührte, war auch Zucker enthalten, aber ohne die kleine Kalorienspritze würde sie beim nächsten Anrufer die Wände hochgehen.
Schon nach den ersten Schlucken des heißen, süßen Gebräus entspannte sie sich. Es war fast wie der Flash eines Heroinsüchtigen, endlich wohlige Entspannung.
Jana sah auf die Uhr. Erst kurz vor zwölf. Der Anfang der Arbeitswoche zog sich wieder so zäh hin wie die Zeit im Wartezimmer beim Zahnarzt. Hier wie da hätte sie am liebsten die Flucht ergriffen.
Hätte sie das doch getan, würde sie später sagen. Hätte sie doch Überstunden genommen und wäre nach Hause gegangen an diesem schrecklichen Montag, dann würde Angelika Jordan noch leben.
Du hast doch einen schönen Job, motivierte sie sich stattdessen, während sie einige Plastiktütchen, in denen Blattläuse ziemlich munter zwischen Pflanzenteilen krabbelten, verschloss und in den Abfalleimer warf. Und vor seiner eigenen Laune kann man sowieso nicht davonlaufen. Aber jetzt zu Hause an ihrem eigenen Computer und ihrem eigenen Buchprojekt zu arbeiten, würde sie bestimmt besser von ihrem Hunger ablenken, als hier für die Versuchsanstalt Hobbygärtner zu beraten.
Dysaphis plantaginea, Mehlige Apfelblattlaus, und Aphis fabae, Schwarze Kohlblattlaus, hatte sie der grauhaarigen, korpulenten Dame diagnostiziert, die ihr die Tüten mit den Blattläusen gebracht hatte, und die dann wie eine beleidigte Matrone abgezogen war, als sie ihr verboten hatte, hier in ihrem Büro vor ihren Augen Schokoladenbonbons zu essen. Jetzt tat es ihr ein bisschen leid, so harsch gewesen zu sein.
Jana ging zum Waschbecken, das sich in einem kleinen Nebenraum befand, um sich ein paar entflohene Blattläuse von den Armen abzuwaschen.
Das kalte Wasser auf ihren Armen war wohltuend und erfrischend. Sie konnte es brauchen, denn die letzte Nacht war mal wieder zu kurz für ausreichenden Schlaf gewesen. Zuerst hatte sie lange an ihrem Gartenbuch gearbeitet und später noch einen Krimi im Fernsehen angeschaut: Mord im Orient-Express.
Jana mochte die alten Agatha-Christie-Filme. In diesem wird ein Mann während einer Zugfahrt mit dem Orient-Express getötet. Hercule Poirot deckt auf, dass das Mordopfer zu Lebzeiten ein Kindesentführer und -Mörder gewesen war, dessen Taten viele Leben zerstört hatten. Vor Gericht war der Mörder freigekommen, aber zwölf seiner Opfer hatten sich in diesem Zug zu einer Hinrichtung verabredet. Poirot ließ sie laufen.
Manche Verbrechen sind so schlimm, da sollte das Opfer das Recht haben, den Täter zu töten, fand auch Jana und dachte an Kinderschänder, Mörder und Vergewaltiger. Nur so könnte sich das Opfer einer solchen Tat wieder frei fühlen, oder?
Immerhin der halbe Montag war geschafft. Jana trocknete sich die Hände an dem Frotteehandtuch, pickte vorsichtig die letzten Blattläuse von ihrer weißen Bluse und klopfte die verwaschene Jeans vorsichtig ab. Dann warf sie ihr honigblondes Haar nach hinten, das ihr in Wellen weit über die Schulter fiel, und ging zurück in ihr Büro.
Janas Büro war klein und, obwohl es vollgestopft war, wirkte es freundlich und einladend. In der Mitte des Raumes prangte ein naturholzfarbener Schreibtisch. Davor standen zwei Stühle für Besucher und auf der anderen Seite Janas knallblauer Bürostuhl. Hinter dem Bürostuhl lehnte ein Computertisch samt Rechner und Monitor an der Wand. Ansonsten war der Raum von hohen Holzregalen gesäumt, die bis unter die Decke mit Ordnern, Dia- und Fotokisten, Schildern und Informationsmaterial vollgepackt waren. Auf der Fensterbank vor dem breiten Fenster standen ein pinkrosa und ein blassblaues Usambaraveilchen, ein gelbgrün gefleckter Kroton und eine ausgefallene Begonienart; Pflanzen, die bei Versuchen übrig geblieben waren und die Jana aus Mitleid pflegte. Ihr gefielen sie zwar auch nicht besonders, aber was sollte sie machen, niemand sonst wollte sie haben und sie konnte sie doch nicht einfach wegwerfen.
Jana aktivierte den Anrufbeantworter, der nun darüber informierte, wann die nächste Sprechstunde für Hobbygärtner stattfinden würde. Sie schulterte ihren karierten Stoffrucksack, der unter anderem ihren mittäglichen Diätdrink enthielt, und wollte das Büro verlassen, als ihr einfiel, dass sie noch Bilder von blühenden Rhododendren für eine Pressemitteilung brauchte.
Also hing sie sich die Tasche mit der schweren Spiegelreflexkamera um und wandte sich zum Gehen. Im Hinausgehen streifte ihr Blick eine Postkarte, die sie mit Klebeband an der Tür befestigt hatte. Die Karte zeigte üppig bewachsene Hänge mit Wasserfällen und eine riesige Hibiskusblüte. Die Karte hatten ihr Freunde aus Hawaii geschickt, die sie letzten Winter dort kennengelernt hatte. Rose, Carole, Kenny, Mick, alle hatten sie unterschrieben, sogar Eduardo, der andere Gärtner.
Ja, Hawaii war schön gewesen, seufzte Jana, die Landschaft, die Pflanzen, das Meer. Sie hatte letzten Winter ihre Überstunden und den Jahresurlaub zusammengelegt und in Hawaii drei Monate Urlaub gemacht. Um ihre Urlaubskasse etwas aufzubessern, hatte sie halbtags als Gärtnerin in einer Ferienanlage gejobbt. Sie hatte dort eine tolle Zeit verbracht mit interessanten Leuten aus aller Welt, deren Wege sich zufällig an diesem Ort gekreuzt hatten. Trotzdem, sie hatte manchmal ein bisschen Heimweh nach ihrer Wahlheimatstadt Freising verspürt, nach Kultur und Tradition, wie sie die kleine, an der Isar gelegene Stadt im Norden von München mit ihrem altehrwürdigen Domberg, den winkeligen Gässchen der Altstadt, den Kirchen und Kulturdenkmälern ausstrahlte. Aber vor allem hatte ihr die Arbeit an ihrem Buch gefehlt, denn ihren Notebook-Computer hatte sie wegen der salzigen Luft lieber zu Hause gelassen.
Aber so wie sie in Hawaii leichtes Heimweh gehabt hatte, war ihr Herz nun schon wieder voller Fernweh. Jedes Mal, wenn sie die Flugzeuge starten und landen sah, verspürte sie dieses Ziehen. Die Nähe des neuen Münchner Flughafen machte die Ferne so greifbar nah. Doch was genau sie an der Ferne lockte, wusste sie nicht. Abenteuer? Sehnsüchte? Aber nach was?
Jana gab sich einen Ruck, verschloss ihr Büro und machte sich auf den Weg zum Pflanzenlehrgarten gleich um die Ecke. Ein herrlicher Tag, fand sie. Wie so oft in Oberbayern hatte sich das Wetter innerhalb eines Tages vom nasskalten Schmuddelwetter zum strahlend schönen Hochsommertag gewandelt. Der Himmel war tiefstes bayerisches Blau und die Vögel in den Bäumen flöteten sich Lieder und geheime Botschaften zu.
Sie nahm die Abkürzung über den weichen, vermoosten Rasen neben dem Nachbargebäude, der von zwei mächtigen Linden beschattet wurde, und durchschritt die alten, gemauerten Eingangspforten des Lehrgartens, die schmiedeeiserne Tür war, wie immer zu den Besuchszeiten, weit geöffnet.
Jana folgte dem betonierten, von Bäumen beschatteten Weg des Eingangsbereiches ein kurzes Stück, dann schwenkte sie in einen Kiesweg ein und folgte ihm bis zur Rhododendrengruppe. Die Sonne spiegelte sich in der kleinen Wassergartenanlage daneben, die Sträucher leuchteten dank ihres Blütenreichtums in allen Farben, wie Wolken in Weiß, Rot- und Orangetönen.
Nachdem Jana die kleine Idylle fotografiert hatte, setzte sie ihren Weg auf dem Hauptweg fort. Der Kies knirschte unter ihren Füßen, ein Duftpotpourri von süßem Rosenduft, schwerem Flieder und blumigem Lavendel lag über der Gartenanlage.
Hier im vorderen Teil des Gartens waren wie immer Studenten und Gartenliebhaber unterwegs, die die auffälligen Prachtstaudenbeete bewunderten. Jana umging eine Gruppe von Kleingärtnern, die sich gerade den Pfingstrosen widmete, schwere rosa, rote und weiße Blütenköpfe lachten über kräftigem, dunklen Laub. Dann verließ sie den Kiesweg und wechselte auf einen gepflegten Rasenweg. Sie strebte dem hinteren, parkähnlichen Bereich des Gartens zu. Dort gab es Farne, Waldanemonen, Akelei, Tränendes Herz, die Blüten wie hingehauchte Farbtupfen im lichten oder tieferen Schatten von Bäumen und Sträuchern. Und im Schatten einiger alter Birken standen dort auch eine hölzerne Bank und ein Tisch. Ihr Lieblingsplatz.
Auf halber Strecke unterbrach sie ihren Marsch, als sie seitlich des Pfades auf einer kleinen Freifläche umrahmt von Stauden, Rosenbüschen und Kletterpflanzen ein Brautpaar bemerkte, das für einen Fotografen posierte. Die Braut strahlte in ihrem langen, weißen Seidenkleid vor einer üppig rankenden Waldrebe mit handtellergroßen, hellblauen Blütensternen. Der Fotograf stand mit seiner Kamera und einem Stativ in einigen Metern Entfernung, sein Assistent hantierte mit einem Reflektorschirm.
Gott, sieht diese Frau gut aus, dachte Jana bewundernd. Das Brautkleid war einfach und schmal geschnitten und betonte die schlanke Figur. Um den Kopf trug sie ein Kränzchen aus weißen Stoffblüten, von dem aus ein zarter Schleier vom Hinterkopf über ihre lockigen, dunklen Haare bis auf den Boden fiel.
Wann würde sie selbst endlich ihr Wunschgewicht erreichen, fragte sich Jana. Zwanzig Kilo trennten sie von diesem Zustand der Glückseligkeit. Jedenfalls stellte sie sich das so vor. Seit ihrem dreizehnten Lebensjahr quälte sie sich von einer Diät zur anderen, alle funktionierten kurzfristig, aber jedes Mal nahm sie hinterher mehr wieder zu, als sie abgenommen hatte. Trotzdem hatte sie vor drei Tagen wieder mit einem Abnehmprogramm angefangen, nachdem sie von diesen neuen Wunderdrinks gelesen hatte. Aber wundersam war bisher nur gewesen, wie schnell ihr Geld in der Tasche des Verkäufers verschwunden war und wie miesgelaunt sie vom ersten Tag an war.
Wenn sie schlank wäre, dann würde sie sich auch mal ein weißes Kleid kaufen, überlegte Jana. Aber natürlich kein Brautkleid, denn keinesfalls wollte sie einen Mann im schwarzen Anzug neben und einen Pfarrer vor sich stehen haben. Von Liebe und Leidenschaft habe ich die Nase voll, hatte sie einmal zu ihrer Freundin Juli gesagt. Da ist mir zuviel Leid in Leidenschaft.
Jana fragte, ob sie auch ein paar Fotos von der Braut für sich als Anregung machen dürfe. Die Braut freute sich, der Fotograf war weniger begeistert. Jana plante, sich das schönste Bild als schlankes Vorbild an die Kühlschranktür zu heften. Als sie gerade ein Bild in der Diagonalen schießen wollte und den Autofokus durch leichtes Andrücken des Auslösers scharf stellte, nahm sie im Hintergrund eine undeutliche Bewegung wahr. Sie drückte den Auslöser durch, um das Foto von der Braut zu machen, dann nahm sie den Apparat vom Gesicht.
Durch die Zweige hinter der Braut sah sie eine schlanke Frau mit einem rotblonden Pagenkopf davoneilen. Sie wirkte sportlich und gleichzeitig elegant in einem beigefarbenen, passgenauen Jogginganzug mit seitlichen Streifen und der auf den Kopf gesteckten Sonnenbrille. Wie schuldbewusst prüfend, ob sie entdeckt worden war, drehte die Frau sich im Gehen um.
Etwa eine Verehrerin des Bräutigams?, fragte sich Jana. Aber ein Blick auf den langweiligen, aschblonden Lulatsch im zu großen schwarzen Anzug verscheuchte die Idee. Andererseits, vielleicht hat er ja andere Qualitäten. Ihrer Männerkenntnis hatte sie längst aufgehört zu trauen.
Jana packte die Kamera weg. Sie winkte der Gruppe zum Abschied lächelnd zu, obwohl ihr der Blick des Fotografen sagte, dass er sie für eine Stümperin hielt. Sie hätte ihm am liebsten den Finger gezeigt, aber sie verkniff es sich und setzte den Weg zu ihrem Lieblingsplatz fort.
Unterwegs kam sie an einer vereinsamten Schubkarre vorbei, an die eine Unkrauthacke lehnte, die Gärtnerin oder der Gärtner waren wahrscheinlich in der Mittagspause.
An ihrer Bank und dem Tisch angekommen, setzte sie sich und packte den Rucksack aus. Sie war hungrig, aber als sie ihre Diätmahlzeit sah, verging ihr der Appetit. Schon wieder Vanille-Shake. Sie öffnete den Verschluss und sofort strömte ihr der süßliche Geruch entgegen. Ihr wurde übel.
Jana hielt sich beim Trinken die Nase zu und goss anschließend reichlich Früchtetee aus ihrer Thermoskanne nach. Erleichtert warf sie die leere Verpackung des Diätgetränks in den Papierkorb neben der Bank.
Jana genoss die milde Luft, das von Birkenblättern gedämpfte Licht und die Ruhe, die nur von Vogelzwitschern und ab und zu von einem in der Ferne fahrenden Auto unterbrochen wurde.
Kann es mir besser gehen?, fragte sie sich. Nein, wenn man von der Diät und deren Nebenwirkungen absah, entschied sie. Seit sie nicht mehr auf Männersuche war, ging es ihr richtig gut. Sie war durch die Suche nach ihren Fähigkeiten stärker geworden. Und endlich gab es keinen Stress und keinen Streit mehr, keine schmerzliche Sehnsucht und keine enttäuschten Erwartungen. Aber auch keine Küsse. Egal, lieber wollte sie auf die Küsse verzichten, als noch einmal durch den Beziehungswolf gedreht zu werden.
Sie packte die Thermoskanne ein, schulterte den Rucksack und machte sich langsam auf den Rückweg.
Sie ging auf dem Rasen, weil es sich so angenehm weich unter den Sohlen anfühlte. Sie kam wieder an der Schubkarre und der Unkrauthacke vorbei. Der Gärtner war noch nicht zurück.
Als sie beinahe an der Stelle angelangt war, an der sie vorher die schöne Braut fotografiert hatte, entdeckte sie verblüfft an der gleichen Stelle wie vorher die Frau mit dem Pagenkopf und dem Jogginganzug, die vorhin davongeeilt war.
Jana kam diesmal von der anderen Seite und näherte sich ihr daher von hinten. Als sie noch etwa zwanzig Meter entfernt war, sah sie, wie die Frau sich bückte und sich im Beet zu schaffen machte.
Verdammt, was macht die denn da?, fluchte Jana. Oft genug zerstörten Unbekannte die Arbeit ihrer Kollegen vom Pflanzenlehrgarten, indem sie Pflanzen ausbuddelten und mitnahmen.
Janas Schritte wurden schneller. Sie eilte auf die Frau zu, dabei verließ sie den Rasen und wechselte auf den Kies. Die Frau zuckte zusammen, als sie plötzlich die Schritte hinter sich hörte, und drehte sich um. Jana konnte einen Augenblick lang ihr Gesicht sehen: braune, flinke Augen tief in den Höhlen, der kleine Mund wirkte entschlossen unter einer langen geraden Nase. Dann ergriff die Frau die Flucht.
Jana wurde wütend, sie wollte die Fremde zur Rede stellen, aber die begann jetzt zu rennen.
Mit Rucksack und Kamera bepackt hatte Jana keine Chance, die Fremde einzuholen. „Hallo Sie“, schnaubte sie ihr hinterher. „Was fällt Ihnen ein. Man darf hier nichts aus den Beeten mitnehmen. Machen Sie das nie wieder! Ich werde mir Ihr Gesicht merken, verlassen Sie sich darauf!“
Die Frau lief weiter, sie blickte nicht mehr zurück.
Noch verärgert kehrte Jana zu ihrem Büro zurück. Sie öffnete die Tür mit dem Schlüssel, den sie aus der Seitentasche des Rucksacks hervorkramte, und betrat den kleinen, vertrauten Raum. Jana verstaute ihren Rucksack hinter dem Schreibtisch und stellte die Kameratasche auf den Tisch. Sie nahm die Kamera heraus und wechselte mit geübten Händen den Film. Die vollgeknipste Filmrolle warf sie in die oberste Schublade des Schreibtisches.
Eigentlich könnte sie vor der Hobbygärtnersprechstunde noch schnell diese fett gewordenen Usambaraveilchen auf der Fensterbank fotografieren, dachte Jana, denn entgegen ihren eigenen, anderslautenden Äußerungen war sie stolz auf das gute Gedeihen ihrer Adoptivpflanzen. Und die Bilder würde sie vielleicht mal für eine Pressemitteilung verwenden können.
Jana hatte gerade fünf Bilder mit und ohne Blitz gemacht, als es an der Tür klopfte.
„Herein.“
Sie verschloss das Objektiv mit dem Deckel und legte die Kamera kopfüber in die gepolsterte Kameratasche auf ihrem Tisch.
Als Jana aufschaute, stand in der geöffneten Tür eine zierliche Frau Ende dreißig. Ihr nervöses Lächeln konnte die eingegrabene Bitterkeit nicht aus ihrem blassen Gesicht wischen. Sie trug eine weiße, gestärkte Bluse über einem grünen, altmodischen Lodenrock, über der Schulter hing ihr eine braune Handtasche. Ihre hellbraunen, gewellten Haare wirkten gepflegt aber farblos. Sie hatte sie mit kleinen Kämmen an den Seiten festgesteckt. Eine kleine Strähne hatte sich vorne gelöst, und sie versuchte, sie hinter das Ohr zu klemmen. Jana fielen die groben Hände an der ansonsten eher zarten Frau auf.
„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte Jana die Frau mit einem ermunternden Lächeln.
„Ja, wenn Sie jetzt schon für mich Zeit hätten.“ Die Stimme der Frau war hell und zaghaft, der singende Tonfall wirkte übertrieben dankbar.
„Klar. Kommen Sie doch herein.“
Die Frau trat schnell in den Raum und schloss die Tür hinter sich, als fürchtete sie, Jana könnte es sich anders überlegen.
Jana bot ihr an, Platz zu nehmen.
Während die blassgesichtige Frau ihr Leid klagte, nämlich dass ihre Tomatenpflanzen und -früchte im letzten Jahr alle braun geworden waren, wurde sie plötzlich noch blasser und ihre Hände krallten sich am Schreibtisch fest.
„Ist Ihnen nicht gut? Soll ich das Fenster öffnen?“
„Nein, nein. Das geht gleich wieder vorbei.“
Jana sah die Frau skeptisch an.
„Das kommt nur von der Diät, die ich gerade mache“, wiegelte die Frau ab. „Das dauert nur ein paar Sekunden.“
Jana war gar nicht beruhigt, die Frau sah aus, als wenn sie gleich vom Stuhl sinken würde.
„Sie haben eine Abmagerungskur doch gar nicht nötig, so schlank, wie Sie sind“, versuchte sie die Frau aufzumuntern.
Die Frau lächelte schwach.
„Doch, ich muss abnehmen. So wie ich jetzt bin, bin ich nicht glücklich.“
Jana konnte sich nicht vorstellen, wo an diesem schlanken Körper etwas sein könnte, das sich weghungern ließe.
„Soll ich Ihnen ein Glas Wasser oder Saft holen? Saft wäre gut bei Unterzucker.“
„Nein danke. Mir ist schon wieder besser. Was wollten Sie mir gerade zu den Tomaten sagen?“
Die Frau wollte offensichtlich nicht weiter auf ihr Befinden eingehen.
„Die beste Vorbeugungsmaßnahme gegen die Braunfäule an Tomaten ist der vor Regen geschützte Anbau, beispielsweise unter einer lichtdurchlässigen Überdachung. Wenn Sie möchten, suche ich Ihnen unser Informationsblatt zu der Krankheit heraus. Dann können Sie die Einzelheiten zu Hause noch einmal nachlesen.“
„Das wäre ja so nett von Ihnen. Dürfte ich vielleicht in der Zwischenzeit von Ihrem Telefon aus meinen Mann anrufen? Es ist nur ein Ortsgespräch nach Brucking.“
„Ja klar.“ Sie wünschte, die Frau hätte nicht diesen winselnden Tonfall, wenn sie sie um einen Gefallen bat.
Die Schnur des Telefons war zu kurz, um es auf die andere Seite des Schreibtisches zu schieben, deshalb winkte Jana der Frau, hinter ihren Schreibtisch zum Apparat zu kommen. Beim Aufstehen taumelte die Frau und musste sich festhalten, sie versuchte, ihr Unwohlsein hinter einem Lächeln zu verbergen. Jana war sofort voller Mitgefühl, sie wusste, wie beschissen es einem auf Diät gehen konnte.
Als die Frau bei ihr hinter dem Schreibtisch stand, erklärte ihr Jana, dass sie zunächst mit der 9 ein Amt bekäme und danach ganz normal die Nummer wählen könne. Dann überließ sie ihr Schreibtisch und Telefon und ging zu dem Regal links neben der Tür, um das Tomaten-Informationsblatt herauszusuchen.
Hinter sich hörte sie die Frau telefonieren. Sie wollte eigentlich nicht lauschen, aber bald war sie von den Worten der Frau gefesselt. Dass sie zur Polizei gehen werde, sagte die Frau zu ihrem Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung. Weil sie es nicht mehr aushielte. Und dass er die Schweine heute alleine füttern müsse, denn sie wisse nicht, wann sie zurückkäme. Sie müsse das Füttern ja auch oft genug alleine machen, wenn er nicht heimkäme von seiner Hure. Dann legte die Frau auf.
Jana wunderte sich noch über den letzten Satz, der so gar nicht zu dieser zierlichen Frau zu passen schien, als plötzlich die Tür mit einer derartigen Wucht aufgestoßen wurde, dass sie fast in das Regal flog. Sie hörte zweimal ein Geräusch wie ein kurzes metallisches Sirren.
Erschrocken drehte Jana sich um und sah, wie die Frau, die hinter ihrem Schreibtisch stand und eben noch telefoniert hatte, mit einem erstaunten Blick in ihren graublauen Augen zuerst vornüber fiel und dann nach hinten wegsackte, bis sie an den Computertisch gelehnt auf dem Boden sitzen blieb.
Im ersten Moment dachte Jana, die Frau habe einen Schwächeanfall und wollte ihr zu Hilfe eilen. Aber sie erstarrte in ihrer Bewegung, als sie sah, wie sich auf der Bluse der Frau ein roter Fleck rasch ausbreitete. Sie hatte dies oft genug in Kriminalfilmen gesehen und wusste, was es bedeutete.
Jana stand starr vor Angst hinter der aufgestoßenen Bürotür. Von der ihr gegenüberliegenden Seite des Raumes blickten sie die leblosen Augen ihrer Besucherin unter halb geöffneten Lidern an. Das Rot des Blutes hob sich scharf vom strahlenden Weiß ihrer perfekt gebügelten Bluse ab. Neben sich, auf der anderen Seite der Tür, hörte Jana den Mörder atmen. Sie drückte sich tiefer nach hinten ins Regal. Dann sah sie eine Hand, die in einem Lederhandschuh steckte, nach vorne greifen.
Der Vorplatz um Janas Büro herum war bereits mit einem rot-weiß-schraffierten Band markiert und abgesperrt, als Kriminalhauptkommissar Jürgen Bergmeister, von seinen Kollegen Jay genannt, mit seinem nachtblauen, schon etwas alterschwachen BMW auf den Parkplatz vor dem Büro der Hobbygärtner-Beratungsstelle in Freising fuhr.
Heute war eigentlich sein erster Urlaubstag und er hatte geplant, in dieser freien Woche seine neue Wohnung einzurichten. Am Morgen hatte er sich im Baumarkt die neuesten Werkzeuge besorgt, damit er heute Nachmittag loslegen konnte. Es war kurz nach Mittag und er war gerade dabei gewesen, ein Leberwurstbrot zu schmieren, als sein Chef ihn anrief. Er müsse ihn wegen eines Mordfalls in Freising-Weihenstephan aus dem Urlaub holen, alle Kollegen seien schon wegen anderer Einsätze unterwegs.
So hatte der Kommissar den Werkzeuggürtel gegen den Gurt mit der Dienstwaffe getauscht, seine Jacke übergeworfen und war mit dem Wurstbrot in der Hand zu seinem Auto gelaufen. Wirklich traurig war er nicht, dass er davon abgehalten wurde, sein neues Zuhause zu gestalten. Zuhause bedeutete ihm schon lange nichts mehr. Zuhause war seit fünf Jahren seine Arbeit und sein Boot.
Den Weg nach Freising kannte er auswendig, denn er war schon mehrmals zu Ermittlungen dort gewesen. Er mochte die Stadt mit den renovierten Fassaden der Bürgerhäuser entlang der Hauptstraße, die Brunnen, die grünen Parkstreifen entlang der Moosach, die die Stadt mit ihren Wasserarmen durchzog. Schwieriger war es gewesen, sich in dem riesigen Areal aus gartenbaulichen und landwirtschaftlichen Instituten und Versuchsflächen am westlichen Rande der Stadt zurechtzufinden. Aber schließlich hatte er die Beratungsstelle für Hobbygärtner gefunden.
Noch im Auto registrierte der Kommissar mit geübtem Auge jedes Detail der Umgebung - da waren zwei rechtwinklig um den Parkplatz angeordnete flache Gebäude. In dem einen, parallel zur Straße, befand sich die Beratungsstelle für Hobbygärtner, was er an einem Schild über der Tür erkannte. In dem anderen Gebäude waren zwei Institute, Freilandzierpflanzen und Gemüsebau, untergebracht, jedes Institut hatte seinen eigenen Eingang. An der zur Straße hingewandten Seite des Gebäudes erstreckte sich ein Rasenstück mit zwei großen, alten Linden. Unterhalb davon war der Eingang zu einem Pflanzenlehrgarten. Auch der Parkplatz und die Zufahrtsstraße waren von Bäumen und Sträuchern gesäumt, die jungen Eichen erkannte er als solche, aber viel weiter reichten seine Botanikkenntnisse nicht.
Der Kommissar stieg aus dem Wagen.
Welch eine Idylle, dachte er, als er zum Eingang der Beratungsstelle ging. Die Vögel zwitscherten in den Bäumen und die Strahlen der Sonne blendeten ihn durch die Zweige, als er nach oben blickte. Alles um ihn herum wirkte wie eine in sich ruhende, heile Welt, wären da nicht die zwei Einsatzwagen der Polizeiinspektion Freising auf dem Parkplatz und das Absperrband.
In einem der Polizeiwagen war die Fahrerseite besetzt, der Kommissar nickte dem uniformierten Kollegen erfreut zu, der da gerade mit dem Sprechfunkgerät hantierte, sie kannten sich von einem früheren Einsatz.
An der rot-weißen Absperrung hatten sich ein paar Passanten angesammelt, es waren Mitarbeiter der umliegenden Institute. Ein uniformierter Beamter stand bei ihnen und befragte jeden, ob er etwas mitbekommen hätte von dem, was in der Beratungsstelle passiert war.
Der Kommissar zog einen Dienstausweis aus seiner Jackentasche hervor. Bevor er ihn dem Beamten an der Absperrung zeigte, wischte er die fettigen Krümel, die an dem Ausweis klebten, an seiner Hose ab. Jedenfalls wusste er jetzt, wo er sein Wurstbrot verstaut hatte, als er den Wagen aufsperrte.
Als Kommissar Bergmeister in das Büro der Hobbygärtnerberatung trat, erfasste er auch hier alles mit einem Blick. Das Büro war eng und vollgestopft, vor allem weil sich jetzt fünf Personen in dem kleinen Raum befanden, davon war eine tot. Wegen ihrer grotesken Haltung blieb sein Blick als Erstes an der weiblichen Leiche hängen: Halb lag sie, halb saß sie auf dem Boden an den Computertisch gelehnt. Dann wandte er sich den anderen Anwesenden zu. Das waren zwei senfgelb und grün uniformierte Polizeibeamte – ein älterer, freundlich dreinblickender Mann und eine füllige, etwa dreißigjährige Frau, die etwas unglücklich in ihrer zu engen Uniform wirkte - beide trugen dünne, weißliche Gummihandschuhe, wie der Kommissar zufrieden feststellte. Dann war da noch die Zeugin, die auf einem Stuhl vor dem Regal saß, flankiert von den beiden stehenden Polizisten, die links und rechts von ihr standen. Sie hatte den Kopf in den Händen vergraben gehalten, als er eintrat. Nun sah sie auf.
Eine hübsche Frau Anfang oder Mitte dreißig, registrierte Kommissar Bergmeister, als er sich die Zeugin mit den tief türkisgrünen Augen und dem seidigen, langen Haar genauer betrachtete. Sie war klein, das sah er an den kleinen, schlanken Händen, aber sonst eher üppig gebaut. Sie trug eine hellblaue Jeans und eine weiße Bluse lose darüber. Aus dem vollen Dekollete funkelte eine Modeschmuckkette, die Glasperlen waren mit Glitter besprenkelt. Die Frau zitterte und obwohl der Raum warm war, krümmten sich ihre Zehen mit den metallic-braunrosa lackierten Zehennägeln in den Sandalen nach innen, als wenn ihr kalt wäre.
Alle blickten jetzt erwartungsvoll auf ihn, den Neuankömmling. Sie musterten den großen, dunkelhaarigen Mann, der ihnen mit einem freundlichen Lächeln seinen Dienstausweis entgegenstreckte. Sein Gesicht war nicht rasiert und die kurzen Haare standen kreuz und quer. Er trug schwarze Jeans und eine verschlissene braune Lederjacke, an der mindestens ein Knopf fehlte. Wenn er sich bewegte, sah man unter seiner Jacke einen ledernen Waffengürtel über einem grauen, gerippten T-Shirt. Trotz der Aufmachung vermittelten seine aufrechte Haltung und seine breiten Schultern Entschlossenheit und Zuverlässigkeit.
„Kriminalhauptkommissar Jürgen Bergmeister von der Kripo Erding, Mordkommission“, stellte er sich vor.
Die weibliche Uniformierte nannte im Gegenzug ihren Rang und Namen, den ihres Kollegen und den Namen der Zeugin. Sie gab ihm den Totenschein, den der Notarzt eben für die Ermordete ausgestellt hatte, aber der sei schon wieder weg, weil er zu einem Unfall auf der Autobahn gerufen worden war.
Der Kommissar warf einen raschen Blick auf den Totenschein, dann faltete er ihn und steckte ihn in die Brusttasche. Er kritzelte die Namen der Beamten und der Zeugin auf einen kleinen Block, den er aus der Innentasche seiner Jacke hervorgezogen hatte.
„Frau Reissig, haben Sie die Polizei angerufen?“, wandte er sich an Jana.
Sie musste sich räuspern, um den Kloß aus ihrem Hals zu bekommen.
„Ja. Vom Nachbarbüro aus. Ich… ich konnte nicht über die Leiche steigen, um an das Telefon zu gelangen.“
Er war überrascht über ihre Stimme, die tiefer war, als er erwartet hatte.
„Das ist gut. Die Spurensicherung soll die Wahlwiederholung ausprobieren und die Nummer notieren“, ordnete er in Richtung der Polizeibeamten an.
„Sie arbeiten hier als Beraterin für Hobbygärtner?“
„Ja. Genauer gesagt mache ich Informations- und Öffentlichkeitsarbeit, dazu gehört auch die Gartenberatung.“
Er schaute sich im Raum um und sah die Kamera auf dem Tisch liegen, der Rückendeckel war geöffnet, es befand sich kein Film im Gerät.
„Ist das Ihre Kamera oder gehörte sie der Toten, Frau Reissig?“
„Sie gehört der Versuchsanstalt. Ich mache damit Bilder für Pressemitteilungen.“
