Dicke Mädchen - Kirill Kisch - E-Book

Dicke Mädchen E-Book

Kirill Kisch

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Beschreibung

Ein Endzwanziger erliegt dem Drang, auszubrechen und befreit sich von seiner langjährigen Beziehung, von seinen Habseligkeiten und den Erwartungen der anderen. Fasziniert vom Reiz wechselnder Bekanntschaften seziert er das Singlesein, Dating, die Zuneigung kurviger Frauen, die ihn anziehen, und wird sich der zerstörerischen Kraft eines solchen Lebensstils bewusst. "Der Anfang ist am besten. Diese Phase, in der alles noch neu ist, in der alles zum ersten Mal erlebt werden kann. Wenn jede Geschichte zum ersten Mal erzählt und jeder Name zum ersten Mal genannt wird. Die Vorstellung, dass alles, was geschehen kann, noch vor einem liegt, ist entfesselnd und flüchtig wie Äther. Danach kann man süchtig werden."

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Seitenzahl: 101

Veröffentlichungsjahr: 2022

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You win some lose some All the same to me The pleasure is to play

Motörhead

Kathi lerne ich kennen, als wir einen kleinen Vogel retten, der sich in den Automatenraum einer Bank verirrt hat. Es ist Sonntagabend und wir erreichen niemanden bei den Tierheimen und der Tiernotrettung, deshalb fahren wir zur Polizei. In meinen Händen, die ich um den Vogel, einen Spatz, geschlossen habe, fühlt er sich wie ein zerknülltes Taschentuch an. Als ich sie einen Spalt weit öffne, um hineinzusehen, schaut mich ein winziges schwarzes Knopfauge daraus an. Kathi gluckst hinter ihrem Steuer, sowas Verrücktes habe sie noch nie vorher gemacht.

Diese zwölf Ziffern ihrer Telefonnummer sind für mich wie magische Zauberzahlen.

Der Anfang ist am besten. Diese Phase, in der alles noch neu ist, in der alles zum ersten Mal erlebt werden kann. Wenn jede Geschichte zum ersten Mal erzählt und jeder Name zum ersten Mal genannt wird. Die Vorstellung, dass alles, was geschehen kann, noch vor einem liegt, ist entfesselnd und flüchtig wie Äther. Danach kann man süchtig werden.

Ich fertige einen Zettel mit Stichworten an, um meinen Anruf noch hinauszuzögern. Dann tigere ich in meiner Wohnung auf und ab, während es piept. Dass Kathi erstaunt reagiert, als ich mich ihr wieder in's Gedächtnis rufe, verleiht mir Sicherheit.

Dunkle Hose, heller Pullover und ein Lockenkopf, schreibt sie mir, woran ich sie wiedererkenne am Treffpunkt.

Wir trinken und reden, zwischendurch wechseln wir das Lokal. Unter einer S-Bahn-Brücke dränge ich Kathi gegen eine Wand und küsse sie. Drei eindeutige Gelegenheiten habe ich bis hierhin verstreichen lassen.

Dieses Knistern, wenn man nebeneinander geht, die Ellbogen berühren sich nur leicht. Eine Hand gleitet zu ihrem Rücken, verursacht ein Lächeln in ihrem Gesicht. Vielleicht entstehen kleine Grübchen an ihren Mundwinkeln, vielleicht hebt sie die Brauen dabei. Diese kleinen Eigenheiten. Es ist, als hätte man eine Tür aufgestoßen, hinter der sie lauern.

Ich wundere mich, wie einfach das gehen kann. Als lege man Schalter um. Ein Mechanismus, den man nicht sieht und den man nicht erläutern könnte.

Es ist ein Spiel.

Kathi stellt Fragen augenzwinkernd. Sie reagiert auf Antworten lippenkräuselnd. Manches lässt sie bloß unkommentiert stehen.

Händchenhalten beim Wiedersehen. Dieses Gefühl, wenn fremde Menschen einen wahrnehmen, anstarren. Einander zeigen, wie man lebt. Vielleicht eine nüchterne Wohnungseinrichtung, vielleicht eine bunte, farbenfrohe. Aber wie leicht es am Anfang noch fällt, sowas nicht zu bewerten.

Man kann nie alles haben, oder?

Es gibt eine Karikatur, von der ich gerne erzähle: In der linken unteren Bildecke sieht man einen einzelnen Mann mit einer Frau am Arm entlanggehen. Während die Frau zufrieden wirkt, schaut der Mann unglücklich und besorgt. In der rechten oberen Bildecke steht ein anderer einzelner Mann und wird von einer Handvoll Frauen umringt. Während sie angeregt und interessiert auf ihn einreden, wirkt er bedrängt und überfordert. Die Blicke der beiden Männer treffen sich und sie teilen sich eine Denkblase: Der Glückspilz!

Kathi teilt sich eine Wohnung mit ihrer Vermieterin, die an diesem Wochenende in Berlin bei ihrem Freund ist. Das dunkelrote Parkett ist hart und kalt unter meinen nackten Füßen und das dünne Lammfell vermag sie nicht zu wärmen. Kathi hat feste Brüste mit kleinen Nippeln und ihre Scheide schmeckt metallisch. Ich lege mein Kinn auf ihren glattrasierten Schamhügel und schaue sie an. Ich glaube, ich habe zu viel getrunken heute Nacht, sage ich.

Vertrauen erwächst mit der Zeit, ein Gefühl von tiefer Verbundenheit, die Grundlage für alles, das später kommen mag. Aber einen ersten Kuss hat man kein zweites Mal. Die Versöhnung nach einem ersten Streit, die Erleichterung, nachdem man sich das erste Mal nach einer längeren Zeit wiedersieht. So lange sich alles leichtfüßig anfühlt. So lange es nicht den ersten Funken von Gewohnheit gibt.

Maureen, meine erste Freundin, müssen unsere Nachbarn wirklich gehasst haben. In der Nacht unserer Wohnungseinweihung stand irgendwann dieser Mann vor der Tür und verriet uns, die Wände und Böden in diesem alten Nazi-Bau seien sehr dünn und man höre jedes Geräusch aus den anderen Wohnungen. Ich vermute, wir hätten höflich sein und vorsorglich auch ihn und alle anderen Mieter zur Einweihung einladen sollen, anstatt nur unsere Freunde und Mitstudenten. Wir gewöhnten uns an, jede weitere Party durch einen Aushang im Treppenhaus anzukündigen, aber das hielt die Nachbarn nicht davon ab, sogar die Polizei zu rufen. Sie beschwerten sich über unsere Mülltüten, die wir manchmal erst ein, zwei Tage im Hausflur stehen ließen, ehe wir sie zu den Containern brachten. Ein Mal muss in einer Tüte ein Loch gewesen sein. Das ganze Treppenhaus hatte diesen sauren, stechenden Geruch. Vom Hauseingang konnte man einer zuerst nur sehr dünnen und mit jedem Stockwerk dicker werdenden Spur gelblicher Tröpfchen hinauf zu unserer Wohnungstür folgen.

Nachdem Maureen auszog, hörten die Feindseligkeiten plötzlich auf und die Nachbarn grüßten mich sogar auf der Straße.

In dem knappen Oberteil wirken die Brüste der Kellnerin noch gewaltiger. Ihre Hose muss ein, zwei Nummern zu klein sein, oberhalb des Bundes drängt ein bißchen Hüftspeck heraus, und es sieht aus, als hätte sie keinen Hintern. Sie wirft mir einen Blick über ihre breite Schulter zu, als sie mein Getränk holen geht.

Das Klischee der Bedienung, die gerne Männer kennenlernt, und eigentlich ist sie bloß nett zu uns.

Von älteren Brüdern wurde uns erklärt, wie es funktioniert: Man spricht ein Mädchen an, und wenn es kein Interesse hat, spricht man halt‘ das nächste an. Die Sorge vor einer Abfuhr muss sich damals eingestanzt haben in mein Gedächtnis, deshalb ist die Sensation heute noch immer jedes Mal sehr überwältigend, wenn ich "gut ankomme" und "landen" kann. Dabei sind Frauen ohnehin meistens höflich und rücksichtsvoll und erniedrigen einen nicht. Zumindest die Frauen nicht, die ich anspreche. Es ist die eigene Courage, die einen verunsichert.

Cindy hat in den nächsten beiden Wochen Spätschichten, aber ich könne sie nach Feierabend besuchen. Sie sei dann bloß fettig und verschwitzt, sagt sie. Ich schaue ihr dabei zu, wie sie ein Pastagericht mit viel Knoblauch isst. Mich stört weder Schweiß noch Knoblauch, und Cindys derbe, dominante Art ist eine Erleichterung. Es lässt sie nicht vorsichtig und zögerlich erscheinen.

Oh bitte, oh bitte, fleht sie, als ich sie lecke.

Bitte nicht, rufe ich in einem Anflug aus Besorgnis aus, als ich in ihrer Nachricht lese, sie hätte plötzlich Bedenken, was sie und mich betrifft.

Sie alle waren mal mit Männern zusammen, und als ich diese Frauen kennenlerne, sind sie es gerade nicht mehr. Sie sind "bereit", jemand neues kennenzulernen. Bei manchen sind die Hürden höher, ihr Misstrauen abzulegen, da wirkt es, als seien sie in Wirklichkeit noch gar nicht so weit, bei anderen scheinen die Erwartungen so oft enttäuscht worden zu sein, dass sie sich eine Gleichgültigkeit angeeignet haben, die sie noch vor der kleinsten Hoffnung rigoros abschirmt. Die Männer in ihren Schilderungen könnten Männer aus meinem Bekanntenkreis sein. Es fällt mir trotzdem schwer, sie mir genauer vorzustellen, sie sind bloß Schemen. Mich an ihre Stelle zu setzen und mich zum "Ex" zu erklären, über den wiederum einer von ihnen nachdenkt, wenn er gerade mit meiner ersten Freundin zusammen ist, fällt mir ähnlich schwer. Welche meiner Eigenschaften und welche meiner Taten prägen das Bild, das ein anderer von mir hat, der mir nie begegnet ist?

Ich stellte mir Maureen mit diesem Mitstudenten vor, mit dem sie sich mehrfach traf, um eine Präsentation auszuarbeiten. Ein Mal telefonierte sie in meiner Gegenwart mit ihm, sie tauschten Ideen aus, er schien nett zu sein. Ich stellte mir vor, wie er Maureen in der Vorlesung einen Platz neben sich frei hielt, wie sie in der Mittagspause zusammen essen gingen und sie sich nach Unterrichtsschluss am Hauptbahnhof zum Abschied umarmten. Sie sprach nicht viel über ihre Fortschritte und ich erkundigte mich nicht danach, nahm ihre Abwesenheit zunächst zur Kenntnis und begann sogar, die Tage zu genießen, an denen Maureen später von der Uni heimkehrte. Ich stellte mir vor, wie sie einander näher kamen, in einem Moment, den keiner von ihnen verursacht hat, aber beide herbeigesehnt haben, stellte mir vor, wie er sich an ihrer Kleidung zu schaffen machte und sie es auch wollte, ein lustvolles Beben in ihrem unruhigen Atem kurz vor dem Kontrollverlust. Ich spürte den Wunsch in mir, von ihr verlassen zu werden.

Bei Cindy ist es ein Mann aus Offenbach, der noch immer durch ihr Unterbewusstsein geistert, dabei kannten sie sich kaum mehr als zwei, drei Wochen und hatten sich auch nur ein Mal gesehen. Offenbar weckt unser noch sehr frischer Kontakt Erinnerungen an "den aus Offenbach". Sie schreibt, es mache ihr Angst, wie gut es ihr bereits jetzt mit mir gefalle.

Später am selben Abend hat sie es sich wieder anders überlegt und schreibt in einem ungewohnt mädchenhaften Ton, sie wolle doch nochmal Sex mit mir.

Bei Marie war es umgekehrt. Sie lebte jahrelang mit einem ausgesprochen schönen und attraktiven Mann zusammen, bis er heiraten und Kinder haben wollte, dann trennte sie sich von ihm. Ein gemeinsamer Hund war ihm nicht mehr genug.

Jetzt kümmert er sich alleine um das Tier.

Marie rümpft die Nase und rückt ein Stückchen vom Tisch weg, als ich das Thema Kinder anschneide. Oh nein, keine Angst, lache ich, überrumpelt von ihrer Reaktion, und rudere mit den Händen. Ich bin nur neugierig.

Was hältst du davon, wenn wir bezahlen, vor der Tür über einander her fallen und uns leidenschaftlich küssen?

Maries Sommersprossen haben die gleiche Farbe wie das Haar, das ihr nachdenkliches Gesicht umrahmt, und die kleinen Fältchen an ihren Augen sehen aus wie gemalt. Leider übersteht unser Überschwang nichtmal die kurze Bahnfahrt. Die Matratze, die sie damals bei ihrem panischen Auszug mitgenommen hat, deprimiert mich.

Ich stelle mir vor, wie irgendwo in dieser Stadt eine andere einzelne Matratze in einem Doppelbett liegt.

Schnell kann es auch wieder vorbei sein, wenn der euphorische erste Taumel sich legt. Dann reicht manchmal schon ein Spleen aus oder ein Humor, der sich nicht ignorieren lässt. Oder beide kochen mit unterschiedlichen Temperaturen; während einer darauf besteht, das Flämmchen in konzentrierter Kleinstarbeit zu einem stabilen Feuer anzufachen, will der andere jetzt und sofort eine Explosion erzeugen, bildlich gesprochen. Aber meistens ist da nichtmal ein Funke. Jemanden zu finden, bei dem der Funke obendrein überspringt, ist höllisch schwer. Oder es nimmt gar eine ganz heikle Wendung. Ein Anruf von einem wütenden Exfreund etwa, der sich als gehörnter Ehemann herausstellt. Schwere traumatische Erlebnisse. Oder ungesunde freundschaftliche Bindungen, in denen sich die Beteiligten suhlen wie Maden in einem Kadaver. Dann will man die ganze Bekanntschaft nur noch ungeschehen machen.

Ab wann fängt eine Frau an, einen Mann seltsam zu finden?

Cindy macht mir am Telefon Vorwürfe dafür, dass ich mich ein paar Tage lang nicht bei ihr gemeldet habe, und plötzlich grusele ich mich vor ihr. Dieses Brodeln, das ich unter ihrer Oberfläche immer erahnt hatte, ist also eine tiefsitzende Wut, und sie kocht höher, je erfolgloser ich darin bin, sie zu beruhigen, ohne dafür irgendeine Schuld einzugestehen. Nachdem wir auflegen, schalte ich mein Handy auf lautlos und lege es ganz weit nach hinten in die tiefste Schublade, als ließe sich damit verhindern, dass es Klauen entwickelt und mich im Schlaf erwürgt.

Maureen und ich müssen wie Geschwister gewirkt haben, wenn unsere Nachbarn uns aus ihren Wohnungen beobachteten. Händchen hielten wir nicht mehr, ich nahm sie nicht mehr in den Arm und sie küsste mich nicht mehr. Ich stelle mir vor, wie unsere Nachbarn vor Schadenfreude strahlten, wenn wir uns stritten, und wie sie sich wunderten, dass sie uns durch die dünnen Nazi-Wände nie beim Sex hörten. Als Paar fanden wir nicht statt. Ich erwischte mich dabei, wie ich mit Maureens Freundinnen flirtete, wenn sie uns besuchen kamen oder wenn Maureen welche von der Uni mitbrachte. Im Unterricht fing ich den gelangweilten Blick einer Teilnehmerin auf. Es hatte etwas Aufforderndes, wie sie leicht zur Seite geneigt da saß, einen tiefen Busen in ihrem wieten V-Ausschnitt. Als ich an diesem Tag heimkam, saß Maureen vor dem Fernseher, in ihren lotterigen Klamotten und unbeteiligt, als hätte sie die ganze Zeit auf mich gewartet. Mutter und Tochter schrien sich im Fernseher an und ich war so fassungslos, dass ich selber nicht verstand, was mich so fassungslos machte.