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Um auf einem neu entdeckten Planeten Menschen anzusiedeln, wollen Wissenschaftler 20 Kleinkinder auf die Reise dorthin schicken. Davon, wie die Kinder und deren Eltern für den Fortschritt missbraucht und manipuliert werden und vom Alltag der jungen Astronauten handelt die Geschichte. Beatrix – genannt Trixi – ist eine der „20 Auserwählten“. Ihre Mutter merkt, dass Trixi ihrer Einflussnahme nach und nach entgleitet. Die Argumente der IAO, die das weltweit organisierte Besiedlungsprojekt geschickt als Bildungsstudie tarnt, zerstreuen jedoch ihr ungutes Bauchgefühl. Dann aber stürzt auf einem Ausflug das Flugzeug mit den „20 Auserwählten“ ab. Doch der Absturz war von der IAO nur fingiert. Die Kinder sind nun ganz zum Spielball der Organisation geworden. Als das Raumschiff längst auf seiner Mission unterwegs ist, entdeckt Trixis Bruder Inas durch einen Zufall, dass seine Schwester noch lebt. Verzweifelt versucht er herauszufinden, was wirklich passiert ist, und bringt sich und alle um ihn herum damit in größte Gefahr. Wenig später werden er, seine Eltern und seine beste Freundin Laura auf dem Stützpunkt der IAO in Nevada festgesetzt. Unterdessen hat die IAO den Funkkontakt zum Raumschiff verloren. Die IAO sieht nur eine Chance, den Kontakt wieder herzustellen: Das letzte Versorgungschiff soll bemannt werden. So werden kurzerhand Inas und Laura auf dieses Himmelfahrtskommando geschickt. Eine weitere Hauptperson des Romans ist die Psychologin Greta. Sie begleitet die Alpha-Kinder von ihrem Eintritt in den Kindergarten an bis zu ihrer Zeit als Astronauten. Ihr Gewissen rumort schon von Beginn des Projekts an, aber als sie erkennt, dass Inas und Laura ihre Mission nicht überleben sollen, bricht sie endgültig mit dem Projekt. Sie hilft den Eltern von Inas, durch eine waghalsige Flucht die Machenschaften der IAO an die Öffentlichkeit zu bringen. So gelingt es ihnen zwar, das Leben von Inas und Laura zu retten, doch die Reise der Kinder geht weiter.
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Seitenzahl: 1095
Veröffentlichungsjahr: 2015
Heidi Bsoul
Die 20 Auserwählten
Roman
© 2015 Heidi Bsoul
Cover: Carolin Liepins
Lektorat, Korrektorat: Dr. Thomas Melerowicz
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-7323-3128-4
Hardcover
978-3-7323-3129-1
e-Book
978-3-7323-3130-7
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Inhaltsverzeichnis
Buch 1
Kapitel 1 - Familie Saleh
Kapitel 2 - Greta
Kapitel 3 - Die Konferenz
Kapitel 4 - Schöne Zeiten
Kapitel 5 - Prägende Vergangenheit
Kapitel 6 - Die zwei Phasen
Kapitel 7 - Nevada
Kapitel 8 - Ein neues Zuhause
Kapitel 9 - Alltag kehrt ein
Buch 2
Kapitel 10 - Inas
Kapitel 11 - Inas in Berlin
Kapitel 12 - Inas holt sich Beistand
Kapitel 13 - Das verlorene Zuhause
Kapitel 14 - Die Trennung
Kapitel 15 - Ausgeliefert
Kapitel 16 - Auf Etco
Kapitel 17 - Ein Freund
Kapitel 18 - Zu spät
Buch 3
Kapitel 19 - Eine neue Freiheit
Kapitel 20 - Bittere Erkenntnisse
Kapitel 21 - Überzeugungsarbeit
Kapitel 22 - Die Flucht
Kapitel 23 - Ein Bangen für alle
Kapitel 24 - Veränderungen
Kapitel 25 - Der Fall
Kapitel 26 - Wie gewonnen, so zerronnen
Kapitel 27 - Ankunft
Buch 1
Kapitel 1 - Familie Saleh
25. Oktober 2000, 13 Uhr. Die Sonne schien an diesem Tag von einem strahlend blauen Himmel herab und bis auf einen weißen Kondensstreifen am Horizont deutete nichts auf die kommenden Ereignisse hin. Das helle Licht blendete Helga Saleh, als sie ihrer Tochter Trixi die Haustür öffnete.
„Hallo mein Schatz, na wie war’s denn heute?“
„Weißt du, was heute in der Schule los war?“, fragte die 7-jährige Trixi aufgeregt und ohne die Antwort ihrer Mutter abzuwarten, plapperte sie drauf los: „Herr Werkmann hat Felix am Ohr gezogen. Aber wie! Und Felix hat immer ,au, au‘ gejault und Herr Werkmann hat geschimpft: ‚Musst du denn immer Ärger machen? Musst du denn immer Ärger machen? Kannst du denn nicht einmal Frieden halten?‘. Und die ganze Schule schaute zu! Und Herr Werkmann wurde ganz rot im Gesicht vor lauter Wut.“
Bei ihren lebhaften Ausführungen gerieten Trixis braune, etwas dünn geratene Haare, die zu einem wirren, mageren Pferdeschwanz zusammengebunden waren, völlig durcheinander. Dem Scherz ihrer Mutter, dass sie ihren arabischen Mann, Kasem, nur geheiratet hatte, um einmal eine Tochter mit langen schwarzen Locken zu bekommen, konnte Trixi nichts Lustiges abgewinnen. Da sie jedoch mit ihrem braunen Teint und ihren großen, braunen Kugelaugen ansonsten ein bildhübsches und gut gewachsenes Mädchen war, störte ihre Mutter die fehlende Lockenpracht nicht im Geringsten.
Während Trixi erzählte, ging ihre Mutter zurück in die Küche, um das Mittagessen fertig zuzubereiten. Dabei fragte sie ihre Tochter: „Und Inas, war Inas auch dabei? Er müsste schon längst hier sein.“
„Ja, der war auch dabei und lachte sich halb kaputt“, antwortete Trixi. Dabei schleuderte sie ihren Schulranzen mitten in den Flur, genau so, wie sie es immer bei ihrem großen Bruder gesehen hatte. Ihre Schuhe und die Jacke, die sie danach auszog, räumte sie jedoch ordentlich weg. „Es waren alle dabei, Mama, alle! Du hast keine Ahnung, was da abging!“ Währenddessen klingelte es aufs Neue. „Ich mach auf!“, rief Trixi, öffnete ihrem großen Bruder Inas und lugte dabei keck hinter der Eingangstür hervor.
Inas war für seine fast zehn Jahre schon sehr groß, sein Haar war aschblond und gelockt und die riesigen, dunkelschwarzen Augen hatte er von seinem Papa geerbt. Das attraktive Äußere hatten beide Kinder wahrscheinlich der Mischehe ihrer Eltern zu verdanken.
„Hallo“, sagte Inas kurz.
„Hallo“, kam es aus der Küche zurück und bevor seine Mutter etwas fragen konnte, legte das Energiebündel Trixi schon wieder los: „Hallo Inas, ich habe Mama schon erzählt, was heute in der Schule los war. Mensch, junger Vadder, war das ein Ding!“
Inas zog langsam seine Schuhe aus, den Schulranzen ließ er einfach von seinen Schultern gleiten, ging in die Küche und ließ sich müde auf einen Stuhl fallen. „Der Felix spinnt immer mehr“, meinte er, „aber den Herrn Werkmann hab‘ ich noch nie so durchgeknallt gesehen, ein Comic ist ein Dreck dagegen! Jetzt musste ich bei der blöden Frau Reich noch eine Stunde Arrest absitzen und eine Strafarbeit hat sie mir auch noch aufgebrummt, weil ich anscheinend den Herrn Werkmann ausgelacht hab‘. Aber der ist doch selber schuld, wenn der sich wie ein Clown aufführt.“
Die turbulente Klasse 4a von Inas brachte nicht nur Herrn Werkmann, den äußerlich unscheinbaren Schuldirektor, sondern die gesamte Lehrerschaft der Grundschule immer wieder aus der Fassung – und Inas war stets daran beteiligt.
„Deswegen kommst du so spät! Und was ist das für eine Strafarbeit?“, wollte Helga wissen.
„Nicht viel. Muss nur drei Seiten schreiben, dass man den Direktor der Schule nicht auslachen darf.“ Dabei hatte Inas schon wieder sein verschmitztes Grinsen im Gesicht, das Helga nicht entging.
„Mach bloß keinen Blödsinn, ich habe keine Lust, mich schon wieder mit Herrn Werkmann auseinanderzusetzen! Du zeigst mir natürlich nachher, was du geschrieben hast!“, mahnte sie ihn und verteilte das Essen auf den Tellern.
„Ich kann auch schon lesen und schreiben“, tat sich Trixi wichtig.
„Ja, du bist unser super Mädchen“, lachte Helga und streichelte ihrer Tochter zärtlich über den Kopf.
Die beiden Geschwister kämpften ständig als Rivalen um die Gunst ihrer Mutter. Trixi störte es, dass Inas immer alles besser konnte als sie: besser schreiben, rechnen, Fahrrad fahren, Fußball spielen, frech sein und jetzt auch noch Gitarre spielen. Es interessierte sie nicht im Geringsten, dass Inas drei Jahre älter und einen Kopf größer war als sie. Nun nahm sie die Gelegenheit wahr, das Interesse weiter auf sich zu lenken: „Heute haben wir einen Zettel mitbekommen, für den Elternabend, und für Disneyland.“ Tatsächlich, mit dem Rundschreiben von der Schule konnte Trixi bei ihrer Mutter punkten. Endlich hatte sie Inas etwas voraus.
„Ach ja“, erinnerte sich Helga, „bestimmt für diesen speziellen Elternabend, den deine Lehrerin schon angekündigt hatte“.
Helga war mit ihren vierzig Jahren keine junge Mutter mehr, aber trotzdem für jede Neuheit oder Änderung aufgeschlossen. Ihr Denken war immer noch von ihrem ehemals ausgeübten Beruf als Designerin geprägt und weltoffen. Äußerlich hatte sie sich allerdings sehr an ihre Mutterrolle angepasst und mit den Pfunden, die sie sich inzwischen zugelegt hatte, war sie äußerst unzufrieden, selbst wenn Kasem immer wieder betonte, wie schön ihre blauen Augen und ihr blondes Haar seien. Ihre Aufgabe als Mutter nahm Helga sehr ernst, trotzdem füllten sie der Haushalt und die Pflege ihres kleinen, aber geschmackvoll eingerichteten Häuschens, welches sie erst seit drei Jahren bewohnten, nicht aus.
Sie hatte ihren Mann auf einer Geschäftsreise in Dubai kennen gelernt und durch seine guten Beziehungen schnell eine Anstellung in einer der angesagtesten Modeagenturen der Stadt bekommen.
Erst mit dem Umzug nach Deutschland einigte sie sich mit ihrem Mann darauf, dass er alleine für den Familienunterhalt sorgen sollte, damit sie sich ganz den zwei kleinen Kindern widmen konnte. Das extrem lukrative Angebot an ihren Mann, eine Praxis in Stuttgart für arabisch sprechende Patienten zu betreuen, machte ihnen diese Entscheidung leicht. Dass ihnen dann noch dieses Haus in Ottenberg zu einem Schnäppchen-Preis angeboten wurde, rundete vor drei Jahren ihre finanzielle Glückssträhne vollends ab.
Als Helga im Frühjahr die ersten Informationen über die internationale Ausbildungsorganisation bekam, hatte sie sich geistig endlich wieder etwas gefordert gefühlt. Die zukünftige Schulklasse von Trixi war durch viele verschiedene Nationalitäten geprägt und dadurch für diese Organisation – sie nannte sich kurz IAO – interessant geworden. Die IAO befand die Vorschulklasse als geeignet, an einem Test für ein internationales Schülerlernprogramm teilzunehmen. Die Eltern mussten jedoch, kurz nachdem sie darüber informiert wurden, ihre Zustimmung geben, ihre Kinder von Psychologen einzeln befragen und testen und von Ärzten untersuchen zu lassen.
Doch von einer wirklichen Mitbestimmung der Eltern konnte man eigentlich nicht reden. Die Eltern hätten nur die Alternative gehabt, ihre Kinder auf eine andere Schule zu schicken, und das wäre für die Kinder undenkbar gewesen. Alle Kinder dieser Vorschulklasse hatten ein extrem inniges Verhältnis zueinander und die Gruppe, in der sie sich schon seit drei Jahren befanden, war für sie zu einer zweiten Familie geworden.
Die enge Bindung zwischen den Kindern hatte ihre Ursache letztlich darin, dass der internationale Konzern Herdoring seine Niederlassung hier in dem eher unscheinbaren Ort Ottenberg um eine weitere Abteilung vergrößerte. Einige Fachkräfte aus dem Inland und sehr viele aus dem Ausland wurden eingestellt. Wie es der Zufall wollte, hatten die zugezogenen Familien alle jeweils ein Kind im Alter von drei oder vier Jahren, also beschloss man, die Kinder in einer zusätzlichen Kindergartengruppe zusammenzufassen. Da die Familie Saleh zur gleichen Zeit von Dubai nach Ottenberg gezogen war, rutschte auch Trixi dort mit hinein. Die neue Gruppe genoss wesentlich mehr Privilegien als die anderen, sehr zum Verdruss der Eltern der einheimischen Kinder. Mit den privilegierten Kindern unternahmen die Erzieher zum Beispiel ständig von der Gemeinde bezahlte Ausflüge, deren Länge sich in den letzten zwei Jahren stetig steigerte. Zuerst waren es auf die Art nur Stunden, die die Kinder zusätzlich gemeinsam verbrachten, aber nach einem Jahr durften diejenigen, die wollten, immer häufiger sogar im Kindergarten übernachten. Trixi war natürlich immer mit dabei, aber selbst die schüchternsten Kinder überwanden nach einiger Zeit ihre Schüchternheit und kampierten wie die anderen im Kindergarten. Dann unternahm die Gruppe die ersten Zweitagesausflüge an die verschiedensten Badeorte in der Umgebung. Bis nach der Untersuchung im Frühjahr dehnten sich die Ausflüge auf noch mehr Tage aus. Nicht nur, dass die Kinder dadurch perfekt schwimmen lernten, sie bekamen auch noch eine derartig innige Verbindung zueinander, als wären sie Geschwister.
Gegenüber den Eltern der benachteiligten anderen Gruppen rechtfertigten sich die Erzieher damit, dass die Kinder der neuen Gruppe besonders unter der Ausländerfeindlichkeit zu leiden hätten und für sie der Halt in der Kindergartengruppe sehr wichtig sei. Durch die Ausflüge bekämen die Kinder die Möglichkeit, zu einer Einheit zusammenzuwachsen und gegen die Anfeindungen der Dorfbewohner, die sich besonders gegen die dunkelhäutigen Kinder richteten, gewappnet zu sein.
Es wäre also nicht einfach gewesen, ein Kind aus dieser Gruppe zu lösen. Im Endeffekt war es dann nur ein holländisches Elternpaar, das mit dem Gedanken spielte, ihr alternativ erzogenes Mädchen auf eine Waldorfschule zu schicken, doch auch sie wollten damit noch etwas warten.
Wie die meisten Eltern waren sie gar nicht so abgeneigt, diese Tests an ihren Kindern durchführen zu lassen, denn sie waren neugierig, wie ihre Kinder dabei abschneiden würden. Zudem wurde ihnen versichert, dass die Ärzte unter absoluter Schweigepflicht stünden und die Eltern bei den Untersuchungen anwesend sein dürften.
Natürlich hatte sich auch Helga vorgenommen, unbedingt den Tests beizuwohnen. Das war eine willkommene Abwechslung in ihrem Alltag. Es interessierte sie, was die Kinderpsychologen von einem 6-jährigen Mädchen wissen wollten, wie bei einem so jungen Kind ein Intelligenztest aussieht und wie die Testergebnisse bei ihrer Tochter ausfallen würden.
Wie sich aber zeigte, waren die fünf Tage, in denen Psychologen und Ärzte sich mit Trixi beschäftigten, gar nicht so aufregend: Sie fragten, was ihr am meisten Spaß machte, auf welche Fächer sie sich in der Schule freute, erkundigten sich nach ihrem Berufswunsch und dem Beruf, den die Eltern sich für sie vorstellten, und nach vielen ähnlichen Dingen. Der Geschicklichkeits- und der Intelligenztest boten ebenfalls nichts Außergewöhnliches. Trixi musste Seil hüpfen, Bälle fangen, nach Zeit Puzzles zusammensetzen, verschiedene Bilder deuten, kleine Zahlenrätsel lösen, zusammen mit Helga mehrere Fragebögen ausfüllen und und und…
Helga lernte in dieser Zeit die hübsche Psychologin Frau Dr. Roberts etwas besser kennen. Vorher hatte sie nur ab und zu im Kindergarten mit ihr gesprochen, um sich über die Entwicklung von Trixi auf dem Laufenden zu halten. Als Helga erfuhr, dass die Psychologin die Kinder auf ihrem geplanten mehrtägigen Ausflug in den Schwarzwald, dem Abschluss der Kindergartenzeit, begleiten würde, fragte sie ihre Tochter: „Was will die denn dabei?“
Trixi antwortete nur: „Die meinen, zwei Kindergarten-Tanten wären zu wenig für uns alle.“
Frau Dr. Roberts selbst begründete Helga gegenüber ihre Begleitung damit, das Gesamtbild der einzelnen Kinder so besser abrunden zu können.
Große Diskussionen bei den Eltern lösten die medizinischen Untersuchungen aus, die bei den Kindern gemacht wurden. Neben dem Blutbild wurden Haltung und körperliche Mängel untersucht. Sogar ein Zahnarzt war vor Ort und machte die Eltern auf Kieferprobleme aufmerksam, die sich bei ihren Kindern eventuell später zeigen würden. Helga konnte dies überhaupt nicht verstehen und lästerte mit den anderen Müttern: „Und das bei 6-7-Jährigen! Die meisten haben doch noch Zahnlücken und Milchzähne!“ Die Kinder, bei denen solche Probleme wahrscheinlich waren, mussten einige Male zum Kieferorthopäden und sich auf eine Kieferregulierung einlassen.
Glücklicherweise blieb Trixi das erspart. Helga hatte nichts anderes erwartet. Von den letzten Kontrolluntersuchungen her wusste sie, dass ihre Tochter kerngesund war. Außerdem hatte Trixi einen Arzt als Vater. Trotzdem hatten Helga und ihr Mann der Blutabnahme und dem medizinischen Check im Frühjahr zugestimmt. Die Organisation bestand darauf, die Tests selbst durchzuführen, und da Trixi unbedingt diese Gesundheitskontrollen zusammen mit ihren Klassenkameraden absolvieren wollte, erklärten sich Helga und Kasem schließlich damit einverstanden. Dadurch bekam Helga mehr und mehr den Eindruck, die IAO würde ihre Interessen immer irgendwie so verkaufen, dass diese Leute genau das bekamen, was sie wollten. Sie fragte sich, wie die IAO eigentlich dazu kam, solche privaten Entscheidungen wie die zu den medizinischen Tests derart massiv zu beeinflussen. Egal, was für die verschiedenen Eltern dagegen sprach, zum Schluss machten sie doch genau das, was die IAO von ihnen erwartete.
Als Helga darüber nachdachte, fiel ihr ein merkwürdiger Anruf im letzten Sommer ein. Frau Nambe, die Mutter eines der Kinder in Trixis Gruppe, wollte unbedingt mit Kasem sprechen und als Helga sie fragte, worum es gehe, fing sie bitterlich an zu schluchzen. Dazu kam noch ihr gebrochenes Deutsch. Helga verstand kaum ein Wort und die Sätze ergaben keinen Sinn: Sie müssten zurück nach Afrika, es gebe keine Möglichkeit, Terkaa in eine andere Schule zu geben und Terkaa möchte nicht mehr zu dem Zahnarzt. Helga versuchte, Frau Nambe zu beruhigen und den eigentlichen Sinn des Telefonats herauszufinden, doch da legte Terkaas Mutter einfach auf. Als Helga am Abend ihren Mann bat, noch einmal bei der Familie Nambe anzurufen, konnte Frau Nambe sich nicht an einen Anruf bei Helga erinnern und meinte, dies sei bestimmt ein Streich von irgendjemandem gewesen. Zudem behauptete sie auch, sie könne nie gesagt haben, was Helga ihr unterstelle. Terkaa freue sich über die Behandlung beim Zahnarzt sehr, da dies für seine zukünftige Gesundheit sehr wichtig wäre und die IAO für alle Kosten aufkäme. Überhaupt keinen Reim konnte sich Helga mehr auf das Telefonat machen, als Trixi am nächsten Tag auch noch berichtete, wie Terkaa den ganzen Tag über so sehr gestrahlt habe, dass sogar ihre Klassenlehrerin fragte, was ihm denn so viel Freude bereiten würde. Er antwortete jedoch nur, das sei ein Geheimnis, aber es habe etwas mit seinem baldigen Geburtstag zu tun!
„Wenn hier jemand ins „Disneyland“ geht, ist das wohl unsere Klasse, wir sind die Älteren“, riss Inas Helga aus ihren Gedanken, erfreut über die Gelegenheit, Trixi zu ärgern. Er litt unter der ständigen Bevorzugung seiner Schwester, doch seine Eltern sagten immer nur: „Lass sie, sie ist doch die Kleine“, aber dass Trixi überall die besseren Karten erhielt, interessierte sie nicht. Schon im Kindergarten machte ihre Kindergartengruppe immer die schönsten Ausflüge. Sie hatte so viele Freunde, während er mit den wenigsten Klassenkameraden zurechtkam. Und jetzt sollte Trixis Klasse auch noch nach Disney dürfen, obwohl er doch der Ältere war! Das Mädchen musste man einfach ärgern!
Trixi grunzte mit vollem Mund: „Neeee, wir dürfen!“
Helga schaute die beiden mahnend an und versuchte abzulenken: „Reich mir doch mal das Schreiben von deiner Schule, wenn du mit dem Essen fertig bist.“
Während sie das Schreiben nahm, verzogen sich die Kinder nach oben in ihre Zimmer, wobei sie weiter darüber zankten, wer nun nach Disney gehen dürfe und wer nicht. Helga konnte ihnen nur noch nachrufen: „Aber erst die Hausaufgaben machen, und Inas, bring mir deine Strafarbeit, wenn du sie fertig hast. Und hört endlich auf zu streiten!“
Sie ging zum Radio, um das Gekreische ihrer Kinder mit etwas Musik zu übertönen, doch es kamen nur Nachrichten: „…die Vermutungen, dass die Vulkane auf den Osterinseln im Frühjahr 1997 wegen geheimer Nuklearversuche ausgebrochen sind, wurden nun bestätigt. Somit sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass die Inseln jemals wieder bewohnbar werden …“ Die Worte des Nachrichtensprechers lenkten sie zu sehr ab und um das Schreiben endlich in Ruhe durchlesen zu können, schaltete sie das Radio wieder aus:
Liebe Eltern der Klasse 1b!
Hiermit möchten wir sie zu dem schon angekündigten Elternabend am Donnertag, den 09.11.2000 um 20 Uhr in die Räumlichkeiten der Grundschule in Ottenberg einladen.
Wie Ihnen bekannt ist, haben wir im Frühjahr eine psychologische und körperliche Untersuchung bei den Kindern der Vorschulklassen vorgenommen.
Auffällig in der Klasse 1b sind die vielen verschiedenen Nationalitäten und der besonders gute gesundheitliche Zustand der Kinder. Auf Grund dieser Faktoren hat sich die Klasse dafür qualifiziert, an dem angekündigten Schülerlernprogramm, das von der IAO auf internationaler Ebene durchgeführt wird, teilzunehmen.
Um den weiteren Ablauf genauer zu besprechen und Ihnen die Auswertungsergebnisse der Untersuchungen vom Frühjahr zu übergeben, ist es notwendig, dass Sie zu dem angegebenen Datum vollzählig erscheinen.
Durch das Experiment mit dem Schülerlernprogramm hätten Ihre Kinder die einmalige Chance, einen von der IAO finanzierten Ausbildungsplatz nach eigener Wahl zu erhalten.
Und noch ein kleines Zuckerchen für die Kinder: Sie dürfen nach Abschluss des Lehrganges für ein Wochenende nach Disneyland in Paris fahren.
Anwesend sein werden:
1. Schulrat: Herr Dr. Winter
2. Schuldirektor: Herr Werkmann
3. Klassenlehrerin: Frau Banner
4. Psychologin: Frau Dr. Roberts
5. Projektleiterin: Frau Barmer
6. Herr Prof. Dr. Johnson Vorsitzender der IAO
(Internationale Ausbildungsorganisation)
Wir freuen uns, Sie an dem Abend vollzählig zu begrüßen.
Mit freundlichen Grüßen
Herr Werkmann
Irgendwie ärgerte sich Helga über den Elternbrief. Es gefiel ihr nicht, mit welcher Selbstverständlichkeit die IAO annahm, sie könnten sich eine Ausbildung für ihre Tochter nicht selber leisten.
Natürlich war ihr klar, dass dies eine große Chance für die Grundschule war, international bekannt zu werden. Für das Lehrergremium ergaben sich dadurch möglicherweise berufliche Aufstiegsmöglichkeiten oder bessere Fördermittel. Na, vielleicht steckt da auch der Konzern Herdoring dahinter, überlegte sie, die meisten Eltern arbeiten ja dort, deshalb wird die Grundschule enorm unterstützt. Bestimmt wurde die Grundschule für diesen Wettkampf von der Firma vorgeschlagen. Solch eine indirekte Werbung war sicher billiger und effektiver als teure Werbekampagnen.
Doch sie konnte sich über den Wettbewerb noch so viele Gedanken machen, etwas Nachteiliges für ihre Tochter hatte sie bis jetzt noch nicht entdeckt.
Helga legte den Elternbrief beiseite, schaltete aufs Neue das Radio ein und diesmal hatte sie Glück. Bon Jovi sang „…it’s my life…“ Sie widmete sich wieder ihrer Arbeit und beschloss, zum Elternabend zu gehen. Erst danach konnten sie und ihr Mann entscheiden, ob auch ihre Tochter aus dem internationalen Schülerlernprogramm Nutzen ziehen würde oder nur die Schule und die IAO. Kasem, ihr Ehemann, hatte sicher keine Einwände und würde sich auf den Abend freuen, da war Helga sich sicher. Sie wusste, dass er sehr stolz auf seine Kinder war und sich gerne in der Öffentlichkeit mit ihnen brüstete.
Trixi stand schon ein paar Minuten vor ihrer in Gedanken versunkenen Mutter und wartete geduldig, bis diese sie endlich bemerkte: „Schau mal, ich hab dir einen Brief geschrieben!“, sagte sie. Jetzt erst sah Helga den zusammengefalteten Zettel, den Trixi ihr hin hielt. Vier Herzchen in jeder Ecke und eine Sonne in der Mitte schmückten das Stück Papier. Helga öffnete den kleinen, liebevoll bemalten Brief und las:
„Liebe Mama,
Ottenberg, den 25.10.2000
das ist ein Brief für dich.
Ich hab dich lieb.
Beatrix
Helga freute sich über die nette Aufmerksamkeit ihrer Tochter und meinte: „Sag mal, sogar das Datum hast du perfekt platziert, das freut mich aber! Ich werde den Brief zu deinen restlichen Zeichnungen hängen!“ Sie stand auf und suchte nach einem freien Platz an der Küchentür, an der schon dutzende Bildchen und kleine Briefchen von ihrer Tochter klebten. Trixi sagte ganz stolz: „Das mit dem Datum habe ich bei Inas abgeschaut! Der schreibt doch gerade die Strafarbeiten.“
Helga stutzte: „Wieso Strafarbeiten? Ich dachte, er hätte nur eine!“
Trixi riss ihre Augen auf und wurde ganz verlegen. Irgendwie hatte Helga das Gefühl, ihre Tochter wolle sie ablenken, als diese antwortete: „Inas hat gesagt, man muss immer zum Datum rechts im Brief da oben den Ort hinschreiben, in dem man ist.“
09. November 2000, 20 Uhr
Das Ehepaar Saleh war wieder einmal zu spät dran, aber sie waren nicht die einzigen. Ihre besten Freunde, die Grubniks, beide Mitvierziger, waren ebenfalls unpünktlich. Die Grubniks waren vor vier Jahren von Russland nach Deutschland ausgewandert. Wanja, dessen Stimme immer ein bisschen lauter war als die der anderen, stolzierte mit seinem runden, hocherhobenen Kopf durch die Aula. Seine breiten O-Beine fielen auf, trotz des Kaschmirmantels, der bis knapp über seine Knie reichte. Ulita, seine Frau, achtete sehr sowohl auf sein als auch ihr Äußeres. Ihr blondiertes, halblanges Haar war immer perfekt toupiert, zudem hatte sie kein Gramm zu viel auf ihren Rippen. Ihr war es auch sehr wichtig, allen zu zeigen, dass sie zu den besser Verdienenden gehörten, und das versuchte sie mit überkandideltem Gehabe, durchaus geschmackvoller Kleidung und immer etwas zu viel aufgelegtem Schmuck. Im Volksmund hätte man sie wohl als Neureiche bezeichnet. Auch heute hatte sie schon ihre Pelzstola übergeworfen, obwohl die Temperaturen für den November noch ziemlich mild waren.
Doch Helga und Kasem hatten die beiden in ihr Herz geschlossen. Bei ihnen wussten sie genau, woran sie waren. Es gab keine Scheinheiligkeit bei ihnen, denn sie sagten immer, was sie dachten. Allerdings waren Helga und ihrem Mann die Peinlichkeiten, die sie durch das Ehepaar Grubnik erlebten, manchmal zu viel. So auch an diesem Elternabend.
„Auf, los, macht mal ein bisschen hinne“, dröhnte Wanja durch die Aula der Grundschule und wartete an der geöffneten Klassentür, hinter der alle anderen Eltern schon auf den unbequemen Kinderstühlchen saßen und neugierig nach den zu spät Kommenden schauten. „Ach Gott, ist mir das peinlich, muss der denn so rumschreien, hätten wir uns nicht leise in den Saal schleichen können?“, schimpfte Helga.
Ulita schaute in ihrer überlegenen Art nur böse zu ihrem Mann und quälte sich dann mit ihm und ihrer störenden Stola zwischen den Sitzenden hindurch zu zwei noch freien Kinderstühlchen in der Mitte. Das Ehepaar Saleh schlich sich dagegen zu einer Ecke an der Rückwand des Raums und blieb dort stehen. Kasem wirkte wie immer sehr elegant, er trug zu jeder Gelegenheit eine Krawatte und fast immer einen Anzug. Seine arabische Herkunft konnte er nicht verleugnen, die pechschwarzen gelockten Haare trug er bis in den Nacken, dazu einen kurz gehaltenen und perfekt geschnittenen Vollbart. Helga war stolz auf ihren gut aussehenden Mann neben sich.
Vor den Eltern standen anstelle des Pultes der Klassenlehrerin sechs Stühle für Erwachsene. Auf denen thronten, einer wichtiger als der andere: der Schulrat, Schuldirektor Werkmann, die Klassenlehrerin von Trixi, und dann die Mitglieder der IAO: Projektleiterin Frau Barmer, Herr Prof. Dr. Johnson – Vorsitzender der IAO, und die Psychologin Frau Dr. Roberts, die als einzige in der Runde etwas abwesend wirkte.
Der Abend verlief anfänglich relativ ruhig. Erst begrüßte Herr Werkmann die Eltern. Er betonte noch einmal genau das, was sich die Eltern schon gedacht hatten: Die Schule hätte sehr viele Vorteile durch die Auszeichnung und wie stolz sie wären auf so eine Klasse, die einem Gremium der IAO derartig positiv aufgefallen war. Als einzelne Eltern Fragen stellen wollten, verwies er sie auf Prof. Dr. Johnson, der die Fragen nach seinem Vortrag gerne beantworten würde.
Der Schulrat des hiesigen Kreises hatte es sich ebenfalls nicht nehmen lassen, sich und seinen viel zu großen Bauch zu präsentieren. Nach Schätzung der Schüler war er höchstens ein Meter dreißig groß, das war natürlich weit untertrieben. Die bis auf Fingerbreite abrasierten Kopfhaare trugen nicht dazu bei, sein Äußeres zu verbessern. In seiner Rede beschränkte er sich darauf, das von Herrn Werkmann Gesagte mit anderen Worten zu wiederholen. Dann stellte er die nachfolgenden Referenten mit einer schon ans Peinliche grenzenden Unterwürfigkeit vor: „Nun möchte ich Ihnen die drei Personen präsentieren, die das Projekt leiten. Sie sind eigens von der UNESCO in Bonn für dieses globale Vorhaben auserwählt worden. Durch ihre langjährige Erfahrung mit Kindern in der dritten Welt und den Kindern der Industriestaaten sind sie die Kapazitäten schlechthin und wir dürfen uns glücklich schätzen, sie hier in unserer Mitte in unserem unscheinbaren kleinen Dorf Ottenberg begrüßen zu dürfen.“ Dabei strahlte er wie ein Honigkuchenpferd. Er war sich wahrscheinlich gar nicht im Klaren darüber, dass die eine Hälfte der Eltern überhaupt nicht verstanden hatte, wer das nun sein sollte, und die andere Hälfte bestimmt genauso große Kapazitäten in ihrem Fachgebiet waren wie die Superhelden der IAO.
Genau das war für dieses Dorf inzwischen so typisch geworden. Hier war vom einfältigen Fließbandarbeiter bis hin zum Multimillionär alles vertreten, und das aus allen möglichen Nationalitäten.
Während der Schulrat begeistert klatschte und auf die angesprochenen Personen deutete, nickten diese wichtig: „Herr Prof. Dr. Johnson, seit Jahren engagiert in Bildungsprojekten der dritten Welt, der Projektleiter Frau Dr. Roberts, die sie ja schon kennen, Kinderpsychologin an der UNESCO in Bonn, und Frau Barmen, ebenfalls tätig für die UNESCO in Bonn, in der Abteilung Kinder in Not.“
Die Eltern klatschten nur zaghaft mit, denn statt sich von der Begeisterung des Schulrates mitreißen zu lassen, wollten sie endlich konkrete Antworten auf ihre Fragen und die Geräuschkulisse wurde immer lauter. Warum sie so lange auf die Auswertung der Untersuchungen im Frühjahr warten mussten … warum die verschiedenen Nationalitäten so wichtig sein sollten … was es mit der Finanzierung der Berufsausbildung der Kinder auf sich hatte … und welche Vorteile sich für den einzelnen Schüler daraus ergaben?
Schließlich nahm Prof. Dr. Johnson das Wort: „Meine sehr verehrten Eltern, ich freue mich sehr, Sie kennen zu lernen und hoffe, Sie mit meinen Ausführungen beruhigen zu können. Mir ist bewusst, dass einige Fragen zu diesem Projekt offen geblieben sind, doch bevor Sie nun wahllos Fragen an mich stellen, würde ich vorschlagen, dass ich Sie noch etwas ausführlicher über das Projekt informiere. Vielleicht werden dann schon vorab etwaige Unklarheiten beseitigt. Natürlich können Sie dann gerne noch Fragen an mich stellen.“
Durch seine klare und eindringliche Stimme gelang es dem Professor, die Eltern wieder zu beruhigen. Seine überlegene Art wurde durch sein angenehmes Äußeres unterstützt. Die stattliche Größe und das leicht angegraute Haar, dazu die seriöse und gepflegte Kleidung verliehen ihm eine gewisse Dominanz. Ohne die Zustimmung der Eltern abzuwarten, fuhr Prof. Dr. Johnson fort: „Die Grundidee der IAO besteht darin, den sozial schwachen Ländern die Möglichkeit zu bieten, sich an die sozial starken Länder anzupassen. Wir möchten weltweit ein internationales Schülerlernprogramm entwickeln. Damit wollen wir herausfinden, wie die sozial schwächeren an die sozial stärkeren Staaten in ihrer kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung angeglichen werden können.
Dazu benötigen wir Schulklassen, die aus einer Mischung verschiedener Rassen bestehen, vertreten durch Kinder, die alle einen überdurchschnittlichen Intelligenzquotienten haben. Ebenso wichtig sind natürlich die körperliche und seelische Verfassung.“
„Warum eine ganze Schulklasse, warum werden die Kinder nicht individuell ausgesucht?“, wurde er von Herrn Tarango mit seinem amerikanischen Dialekt unterbrochen.
„Schulklassen sollten es sein, da die Kinder sich dann schon kennen, miteinander gearbeitet haben und die gleiche Sprache sprechen“, erklärte der Professor etwas herablassend und fuhr mit seinen Ausführungen fort: „Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung der Industriestaaten sowie die globale Kultusministerkonferenz haben der IAO die Aufgabe erteilt, die Ergebnisse dieser Studie als Ausbildungsplan für Kleinkinder aller Schulen in der Dritten Welt einzusetzen. Dadurch sollen diese Länder weitere Möglichkeiten erhalten, sich durch gezielte Bildung langsam den Industrieländern anzupassen. Deshalb auch die unterschiedlichen Rassen, damit wir diese Studie den verschiedenen Staaten auch wirksam präsentieren können.“ Bei diesem Satz schaute er die gertenschlanke, immer etwas fahrig wirkende Frau Schubert scharf an.
Frau Schubert, Mutter einer Klassenkameradin von Beatrix, wurde nervös. Sie rutschte auf ihrem Stuhl hin und her und konnte seinem Blick nicht standhalten.
„Es sind außer dieser noch zwei weitere Klassen in den reichsten Industrieländern nach einem Ausschlussverfahren ausgesucht worden: Das erste Kriterium war das Alter. Die Kinder sollten nicht jünger als sechs Jahre sein, damit wir mit ihnen arbeiten können. Sie sollten jedoch auch nicht älter als sieben Jahre sein, damit wir sie noch so gut wie möglich beeinflussen können.“
Da sprang Wanja auf und nörgelte, während er versuchte sich durch die Reihen der Stühle zu quetschen: „Ich mache aus meinem Sohn doch kein Versuchskaninchen! Und ich möchte auch nicht, dass er von irgendjemandem beeinflusst wird, egal wie!“
Doch der Schulrat und Frau Barmer waren zeitgleich mit Wanja ebenfalls aufgesprungen. Wahrscheinlich hatten sie Wanja schon ein Weilchen beobachtet, wie er bei jedem Satz des Professors vor sich hin schnaubte und ständig mit seiner Frau hitzig diskutierte. Frau Barmer war 45 Jahre alt und strahlte durch ihr sehr maskulines Äußeres, das durch den kurzen Haarschnitt betont wurde, wie der Professor Dominanz aus. Sie rief dem hitzköpfigen Mann zu: „Herr Grubnik, beruhigen Sie sich doch! Warten Sie doch erst mal ab, wie dieser Lehrgang sich für Ihren Sohn gestaltet. Wir versprechen Ihnen, Sie werden über alles vorher aufgeklärt und nach diesem Abend werden Sie ganz sicher mehr Vorteile für Ihren Jungen erkennen als Nachteile. Und die Beeinflussung der Kinder bezieht sich nur auf das Wissen, das wir ihnen vermitteln wollen!“
Ulita mischte sich ein. An ihren Mann gewandt, sagte sie: „Was soll das denn jetzt? Du kannst doch erst mal zuhören und dann entscheiden! Das musst du sicherlich nicht sofort, oder?“
Dann ergriff Frau Barmer, die sich in ihrem braunen Hosenanzug nicht allzu sehr von den Herren unterschied, in scharfem Ton wieder das Wort und Wanja setzte sich wie ein trotziges Kind. „Natürlich müssen Sie sich nicht heute entscheiden, doch müssten wir bis Ende der Woche alle Unterschriften zusammen haben, um nicht aus dem Projekt auszuscheiden. Zudem möchten wir jetzt für immer alle Unklarheiten beseitigen, damit wir das Projekt in Ruhe und mit Ihrer Unterstützung angehen können. Ohne nicht von allen Beteiligten die volle Unterstützung zu haben, können wir dies nicht. Wenn wir mit dieser Klasse arbeiten, müssen wir uns auf alle Eltern zu 100 Prozent verlassen können. Wir werden ganz sicher für dieses kostspielige Projekt, das für die Bildung der Menschen in der dritten Welt ausschlaggebend sein wird, keine Schulklasse auswählen, bei der wir das kleinste Risiko eines Scheiterns sehen. Da steht zu viel auf dem Spiel! Vor allem stehen noch weitere Klassen zur Auswahl, die alles darum geben würden, das Angebot, welches wir Ihnen noch nicht unterbreiten konnten, für sich in Anspruch zu nehmen. Deshalb schlage ich vor, Herr Prof. Dr. Johnson nun seinen Bericht vollends ausführen zu lassen.“
Mit der Drohung, die Klasse aus dem Projekt zu nehmen, traf Frau Barmer die aufgebrachten Eltern in ihrem Ehrgeiz. Wer würde denn zulassen, wie anderer Leute Kinder ihnen die Butter vom Brot nähmen? Sofort beruhigten sich alle wieder. Selbst Wanja schaute nicht mehr so grimmig drein und der Herr Professor konnte fortfahren:
„Danke, Frau Barmer. Um nun unsere knapp bemessene Zeit sinnvoll auszunützen, schlage ich vor, dass ich Ihnen nur noch das für Sie wahrscheinlich Wesentlichste erläutere, und zwar, welche Vorteile dieses Projekt für den einzelnen Schüler hat. Frau Barmer wird Ihnen danach den vorgesehenen Ablauf des Konzepts genauestens schildern. Im Großen und Ganzen habe ich Ihnen den Grund des Vorhabens schon erklärt und wir können uns die Einzelheiten hierfür ersparen.“
Der Professor fuhr mit seinen Ausführungen nun etwas schneller fort: „Wie Sie wissen, sind die 26 Kinder im Frühjahr einem psychologischen und körperlichen Test unterzogen worden, bei dem wir feststellten, dass die meisten Ihrer Kinder in einem medizinisch und seelisch außergewöhnlich guten Zustand sind. Über die wenigen kleinen Makel habe ich schon im Sommer mit den Eltern gesprochen und sie wurden unproblematisch behoben. Zudem sind bei den allgemeinen Untersuchungen im Frühjahr ebenfalls schon die Grundneigungen ihrer Kinder deutlich zum Vorschein gekommen. Diese wollen wir noch etwas deutlicher ausarbeiten und hervorheben, damit wir jedes Kind speziellen Leistungsanforderungen aussetzen können. Ihre Kinder ziehen folgende Vorteile daraus:
1. Die Eltern erfahren jetzt schon, welche Ausbildungsrichtung für ihre 7jährigen Kinder mit ihren ganz persönlichen Fähigkeiten optimal ist.
2. Die Kinder erhalten vom Grundschulalter an eine so fundierte Ausbildung, dass sie nach diesem Projekt zwei Jahre ihrer Schulzeit überspringen können.
3. Weiterhin werden die Kinder bis zum Ende ihrer Ausbildung besonders gefördert, betreut und finanziert, da man natürlich das Projekt langjährig begleiten und beobachten möchte. Falls Sie sich Sorgen wegen einer extremen Lernbelastung machen, können wir Sie beruhigen. Diese relativiert sich für jedes Kind, da wir von ihnen keine Leistungen in Gebieten, die ihnen nicht liegen, erzwingen wollen. Wir wollen keine Fachidioten heranziehen, jedoch die Kinder in ihren Talenten besonders stärken.“
Im Klassenraum war ständig Geflüster von Eltern zu hören. Wanjas brummige Stimme hob sich deutlich von den anderen ab, obwohl er bemüht war, nicht schon wieder in eine offene Konfrontation mit dem Professor zu geraten. Dieser sah während seiner Rede immer wieder zu den Grubniks hin. Wahrscheinlich wollte er nicht, dass Wanja die allmählich positiver gestimmten Eltern erneut mit seinem Missmut ansteckte.
„Diese Chance bietet sich nur einmal für Ihr Kind! Natürlich machen Sie sich Sorgen, da Sie einfach noch keinen Einblick in das ganze Geschehen haben, Herr Grubnik“, sprach er Wanja plötzlich direkt an, „überlegen Sie, was kann denn schief gehen? Im schlimmsten Fall kommen Ihre Kinder nach einer Pause von drei Monaten wieder in ihre Klassen zurück und haben ein Wochenende in Disney verbracht.“
In der Stimme des Professors lag so viel Überzeugungskraft, dass Wanja sich davon endlich besänftigen ließ und etwas entspannter drein schaute.
„Doch bin ich mir ganz sicher“, fuhr der Professor fort, „Sie werden es nicht bereuen. Die Kinder, mit denen wir die verschiedenen Lernsituationen schon ausprobiert haben, hatten so eine Freude daran, dass sogar lernschwache Kinder sich lieber mit dem Projekt beschäftigten als dass sie vor dem Fernseher saßen.
So, und nun wird Ihnen Frau Barmer den genauen Ablauf erklären. Die Projektleiterin hat das Wort.“
Anscheinend hatte niemand mehr eine Frage. Die gezähmten Eltern überließen das Wort ohne Kommentar der Projektleiterin. Und Frau Barmer schilderte im Einzelnen, was die IAO mit den jungen Menschen vorhatte. Geplant war, dass sie als Projektleiterin und Frau Dr. Roberts mit ihren zwei Assistenten und noch weiteren Helfern, die eigens für das Projekt geschult worden waren, ab 08.01.2001 für drei Wochen nach Ottenberg kommen würden, um mit der Klasse zu arbeiten. Die Kinder würden in der ersten Woche nur vormittags, in der zweiten und dritten Woche aber auch den Nachmittag über betreut werden. So könnten sie sich langsam an die Lehrkräfte gewöhnen und die Eltern würden erleben, wie gerne die Kinder an diesem Projekt mitarbeiten. Bevor die Eltern dazu kamen, ihre Befürchtungen laut zu äußern, fügte sie auch schon hinzu:
„Ich bin mir sicher, dass einige Eltern Bedenken haben, ihre Kinder würden das nicht so lange aushalten. Doch weiß ich aus anderen Projekten, wenn Sie als Eltern das Vorhaben positiv aufnehmen, wenn Sie ihren Kindern kein schlechtes Gewissen einreden, weil sie sich lieber in der Schule oder später an ihren Ausbildungsplätzen aufhalten als zuhause, dann werden Sie erstaunt sein, wie schnell Ihre Kinder sich in das Projekt einarbeiten. Natürlich wird bei Ihnen auch etwas Eifersucht aufkommen, aber halten Sie sich dann immer vor Augen: Es ist nur für eine kurze Zeit. Deshalb hoffe ich auf vollständige Unterstützung von Ihnen! Zudem habe ich gehört, dass Ihre Kinder schon in der Kindergartenzeit öfters für mehrere Tage von zu Hause weg waren und es von Seiten der Kinder nie Probleme gegeben hatte. Wenn es nun tatsächlich vorkommen sollte, dass das eine oder andere Kind nicht mitmachen möchte, können wir den Vertrag, den wir mit Ihnen noch schließen werden, aufheben und das Kind kann selbstverständlich zu jeder Zeit in eine andere Schule wechseln.“
Die ganze Zeit über hatte das Ehepaar Saleh die Vorträge und die Einwände der Eltern auf sich einwirken lassen. Ihnen ging es wie allen anderen: Einerseits wollten auch sie einer besseren Zukunft ihrer Trixi nicht im Wege stehen und andererseits kamen sie sich bei jeder anstehenden Entscheidung hilflos und ausgeschlossen vor. Sie hatten ja gar keine Chance, nein zu sagen. Der Gruppenzwang überforderte Helga wie die anderen Eltern. Nie im Leben würde Trixi in eine andere Schule, geschweige denn in eine andere Klasse gehen wollen. Wie sehr hatte sie sich auf diese Zeit zusammen mit ihren Schulkameraden gefreut. Dafür würde sie eine ganze Menge in Kauf nehmen, egal wie schlecht sie sich dabei fühlte. Bei diesen Gedanken wurde Helga immer unsicherer. Sie hörte Frau Barmers unerbittlichen Worten mit wachsender Panik weiter zu:
„Die einzelnen Kinder wurden durch den Test im Frühjahr schon auf ihre persönlichen Fähigkeiten hin geprüft. In dieser ersten Phase bekommt jedes Kind ganz individuell und natürlich altersgerecht einen bestimmten Aufgabenbereich zugewiesen, in dem nur zwei Kinder, die ein Team bilden, sich auskennen werden.
Das vermittelt den Kindern ein außergewöhnlich großes Selbstvertrauen. Sie werden an diesen Aufgaben wachsen und bei deren Erfüllung eine riesige Freude entwickeln. Denn sie erfahren dabei, dass nur sie sich in ihren speziellen Gebieten auskennen. Natürlich wird die erste Phase auch noch genützt, um eventuelle Korrekturen bei der Begabungszuordnung vorzunehmen. Mehr kann ich über den Inhalt des Projektes jedoch nicht preisgeben, denn die Details werden erst nach den Auswertungen am Ende der Studien veröffentlicht.“
„Das Ganze hört sich doch recht logisch an, das würde mir auch Spaß machen“, flüsterte Kasem seiner Frau Helga zu, die sich trotz ihrer Unsicherheit eingestehen musste, dass ihr Mann recht hatte. Das Gefühl, ihr würde Trixi langsam aus der Hand genommen werden, blieb jedoch.
„Nach den ersten drei Wochen entscheidet sich dann, ob die Klasse wirklich für das Projekt geeignet ist“, stellte die resolute Projektleiterin das Programm noch einmal in Frage. „Doch die Untersuchungen im Frühjahr sprechen deutlich für diese Schulklasse hier in Deutschland. Wie Herr Professor Dr. Johnson schon erwähnt hat, kommen außerdem noch zwei weitere Klassen für den Test unserer Lehrmethoden in Frage. Eine davon befindet sich in Paraguay und die andere in Boston. Somit hätte diese Klasse schon wegen der deutschen Sprache einen Vorteil, das würde für uns als deutsch sprechende Leitung natürlich einiges vereinfachen.
Die zweite Phase würde sich dann gleich an die drei Wochen in Ottenberg anschließen, immer vorausgesetzt, dass die Klasse nominiert wird. Wir können leider nicht das ganze Vorhaben hier in der Grundschule durchführen. Deshalb würden wir in der zweiten Phase, die sich über zwei Wochen erstrecken wird, die Kinder morgens vor dem Frühstück an der Schule abholen und zum Max-Plank-Institut nach Stuttgart bringen. Ach apropos, das Frühstück während dieser Zeit werden wir mit Ihnen absprechen. Es soll doch alles stimmen! Gibt es bis hierher irgendwelche Unklarheiten?“
Frau Barmer schaute sich in der staunenden Runde der Eltern fragend um. Doch alle waren so perplex über das Ausmaß des Vorhabens und dessen Bedeutung, dass sich zunächst niemand meldete. Sie hatten am Anfang des Abends an einen kleinen Test gedacht, der sich im Beisein der Eltern vielleicht ein bis zwei Wochen hinzöge. Aber dass die ganze Welt auf sie und ihre Kinder blicken würde, war ihnen jetzt erst bewusst geworden. Trotz des Schocks überwand sich Helga schließlich und fragte beklommen, welche Erholungsmöglichkeiten die Kinder in dieser Zeit hätten? Den ganzen Tag Leistung zu bringen, wäre ja bestimmt sehr anstrengend! Doch auch hier hatte die energische Frau Barmer beruhigende Worte für die Eltern parat: „Es ist doch ganz klar Frau…?“ Sie schaute Helga fragend an.
„Saleh“, sagte Helga kurz.
„Also, es ist doch selbstverständlich, dass wir alles ganz kind- und altersgerecht einrichten. Darauf sind wir spezialisiert. Wir haben das Programm genau auf das Alter der Kinder zugeschnitten und werden in den ersten Wochen herausfinden, was jedes Kind benötigt, um glücklich zu sein. Ach, da möchte ich auch noch darauf hinweisen, dass wir genau dafür Fragebogen für die Eltern ausgelegt haben.“ Frau Barmer deutete auf ein Pult mit Papieren und redete sofort weiter: „Bitte nehmen Sie diese Fragebogen heute Abend zusammen mit dem Vertrag mit nachhause und bringen Sie uns beides am Mittwoch ausgefüllt und von beiden Elternteilen unterschrieben zurück. So haben wir auch von Ihnen noch die verschiedensten Informationen und können ganz auf Ihre Kinder eingehen. Natürlich werden auch Ruhestätten eingerichtet. Aber verlassen Sie sich einfach auf unsere Erfahrung.“
„Also nach den zwei Wochen im Max-Plank-Institut werden unsere Kinder wieder hier in Ottenberg in die Schule gehen?“, fragte Herr Hövell dazwischen, ein holländischer Vater, der mit seinen roten krausen Haaren immer eine gewisse Komik ausstrahlte.
„Nein, denn danach folgt noch die letzte und dritte Phase“, entgegnete Frau Barmer ungerührt. „Die Kinder werden dann für zwei Wochen nach London mitgenommen.“
Helga konnte nicht fassen, warum niemand protestierte, dass die Kinder zwei Wochen von zuhause weg sein sollten. Sie flüsterte Kasem zu: „Wir können doch nicht zulassen, unsere Trixi vierzehn Tage fremden Menschen zu überlassen, egal wie toll diese Studie ist!“
Doch bevor Kasem antworten konnte, richtete Frau Barmer das Wort schon an Helga: „Frau Saleh, Sie haben Bedenken, Ihr Kind für zwei Wochen in unsere Obhut zu geben? Das kann ich nicht ganz nachvollziehen, denn erstens sind die Kinder von klein an daran gewöhnt, miteinander zu verreisen und zweitens werden sie in den ersten Wochen ihre Betreuer sehr gut kennen lernen und können danach freiwillig entscheiden, ob sie in den letzten zwei Wochen auch mit gehen möchten. Zudem können die Kleinen zu jeder Zeit den Unterricht abbrechen und zu ihrer Familie zurückkehren. Aber seien Sie sicher: Die Kinder wollen bleiben!
Das wäre dann von unserer Seite schon alles, bis auf die Belohnung der Kinder natürlich. Sie dürfen zum Abschluss ein Wochenende in Paris in Disneyland verbringen.
Der weitere Verlauf nach den drei genannten Phasen wird Ihnen dann schriftlich zugesandt werden. Für jedes Kind wird nach der Auswertung dieser sieben Wochen in der IAO ein spezielles Berufsausbildungsprogramm entwickelt, welches individuell auf die Kinder ausgerichtet ist und anschließend beginnt!
Bevor ich nun den Elternabend abschließe, möchte ich noch kurz auf die Veröffentlichung dieser Studie durch die IAO eingehen: Erst nächsten Sommer werden Sie in den Medien von der Organisation und ihren Auswertungen hören. Denn das Projekt ist ein Experiment und die Publikation wird von dem Erfolg des Projektes abhängig gemacht. Also erwarten Sie nicht, dass in nächster Zeit etwas darüber in den Medien berichtet wird, oder dass Sie irgendwelche Informationen über den Inhalt der Testwochen finden. Die sind nämlich bis zur Auswertung noch nicht öffentlich. Der eigentliche Erfolg wird sich natürlich erst nach ein paar Jahren in den verschiedenen Entwicklungsländern bemerkbar machen können.
So, meine Damen und Herren, nun werde ich Sie endlich entlassen und verabschiede mich hiermit. Bitte vergessen Sie nicht, den Vertrag und die Fragebogen mitzunehmen, denn ohne Ihr Einverständnis können wir nicht loslegen.“
Ganz benommen und von ihren Gefühlen hin und her gerissen fragte sich Helga, warum die Psychologin eigentlich hier war. Sie hatte den ganzen Abend über ziemlich abwesend gewirkt und zu sagen hatte sie unter zwei solchen Koryphäen wie dem Professors und Frau Barmer wahrscheinlich sowieso nichts. Ihr fiel ein, wie abwertend die Projektleiterin Frau Dr. Roberts immer wieder gemustert hatte, und sie fand das im Nachhinein recht merkwürdig. Doch das konnte Helga eigentlich egal sein. Sie schnappte sich die zwei Vordrucke mit dem Vertrag und den Fragen an die Eltern, während ihr Mann mit den Grubniks bereits den Saal verließ.
Kapitel 2 - Greta
Greta Roberts verließ das Schulgebäude. Es war spät geworden und die Nacht hatte die milde Novemberluft bereits ziemlich abgekühlt. Sie zog ihren Mantel enger um ihren Körper, aber das half nicht viel. Die Kälte schlich sich an ihren schlanken, nur mit Nylonstrümpfen bekleideten Beinen empor und trieb sie dazu an, in ihren hohen Pumps gefährlich schnell über die Pflastersteine zu laufen.
Greta war mit ihren zweiunddreißig Jahren eine der jüngsten Mitarbeiterinnen im eingeweihten Führungskreis der IAO. Trotzdem konnte sie schon auf sechs Jahre Berufserfahrung zurück blicken. Die letzten fünf davon hatte sie bei der IAO verbracht. Ihren Doktortitel hatte sie schon mit sechsundzwanzig Jahren in der Tasche gehabt.
Dass ihre Kariere so schnell vorangeschritten war, hatte sie sicherlich auch ihrem modelhaften Erscheinungsbild zu verdanken. Ihre kurzen schwarzen Haare und ihre klaren braunen Augen verliehen ihr das Aussehen eines unschuldigen Rehs, was bei den Männern, mit denen sie beruflich zu tun hatte, Beschützerinstinkte weckte. Intelligent, wie Greta war, hatte sie das stets zu ihrem Vorteil zu nutzen gewusst.
Aber bei dieser Geschichte rebellierte ihr schlechtes Gewissen und sie konnte ihre Gefühle immer weniger unterdrücken. Schon vor einer Woche hatte ihr Chef sie zu sich bestellt und mit ihr über Loyalität gesprochen. Seither wurde sie beobachtet und wenn sie sich nicht in den Griff bekam, würde sie noch vor der ersten Phase von dem Projekt abgezogen werden. Besonders die Barmer, die es ohnehin von Anfang an auf sie abgesehen hatte, nutzte natürlich jede Möglichkeit, ihr eins auszuwischen. Greta brauchte bloß daran zu denken, wie sie sie kennen gelernt hatte, da kam es ihr schon hoch:
12. Februar 1996„Darf ich Ihnen Frau Dr. Roberts vorstellen. Sie w….“ Sam Lohrman kam nicht dazu, seinen Satz zu vollenden. Was machte die blöde Kuh? Schaute sie kurz von oben bis unten an und presste ein kurzes, kaltes „Hallo“ heraus, während sie sich bereits auf dem Absatz umdrehte und davon schoss. Gekleidet war sie in einen ihrer grässlichen braunen Hosenanzüge. „Was ist denn das für eine Zicke?“, rutschte es Greta heraus. Sam wurde ganz rot. Er stammelte etwas von Stress, den Frau Barmer in den letzten Tagen gehabt habe, und dass sie die Konferenz am nächsten Morgen noch vorbereiten müsse. Das ließ Sam sehr hilflos und unsicher erscheinen. Damals wusste Greta noch nicht, dass ihr Sam einmal so ans Herz wachsen würde.
Als Greta ihn etwa einen Monat vor der Konferenz kennen lernte, lud Sam sie in Amsterdam, wo sie damals wohnte, in ein kleines, kuscheliges, aber durchaus stilvolles Restaurant ein. Greta wartete wie abgemacht an der Bar und war sehr angenehm überrascht, als Sam mit seinen schlaksigen langen Beinen auf sie zu kam. Er hatte braune Haare, deren Schnitt etwas herausgewachsen war, und machte mit seiner braunen Cordsamthose und dem leger getragenen Pullover einen sportlich-saloppen Eindruck. Seine vom Schnee genässte Jacke und den modischen Schal, den er lässig um den Hals geschlungen hatte, ließ er an der Garderobe zurück. In der Hand hatte er nur eine Aktentasche, als er auf Greta zu ging. Sam wirkte trotz seiner 30 Jahre wie ein Erstsemester-Student. Die lachenden braunen Augen unterstrichen sein jugendliches Flair auf angenehme Weise.
An diesem Abend wurde Greta das erste Mal mit dem Vorhaben des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt konfrontiert. Als Sam sie eine Woche zuvor anrief und sie um dieses Treffen bat, wunderte sie sich zwar, was ihre Person mit Raumfahrt zu tun haben sollte, trotzdem zögerte sie keine Sekunde zuzustimmen. Um nein zu sagen, war sie viel zu neugierig, und beruflich stand schon länger eine Veränderung an.
Nach den ersten Höflichkeitsfloskeln und der Menüauswahl kam Sam schnell zur Sache: „Wir haben da was für Sie, Frau Dr. Roberts. Ihr Werdegang und Ihre Fähigkeiten sind uns bestens bekannt. Besonders an Ihren Forschungsarbeiten über das Entwicklungsverhalten bei Kindern sind wir sehr interessiert. Zudem wissen wir, dass Sie für neue Dinge offen sind. Also, kurzum, wir hätten gerne, dass Sie für uns arbeiten. Ihr Arbeitsplatz wäre in Berlin und Sie könnten an einem einmaligen Projekt teilhaben. Es wäre für Sie sehr lukrativ und das Projekt böte Ihnen einen festen, interessanten Job für die nächsten zehn Jahre.“
Greta hörte Sam interessiert zu, musste jedoch feststellen, dass Sam sehr vorsichtig mit seinen Informationen war. „Was für eine Aufgabe hätte ich denn?“, fragte sie nach, doch Sam antwortete mit einer diplomatischen Gegenfrage: „Wären Sie denn für eine langfristige berufliche Veränderung bereit?“
„Das wissen Sie doch schon!“ Langsam wurde Greta ungeduldig und sie fragte schroff: „Welche Funktion haben Sie eigentlich dabei?“
„Die gleiche wie Sie.“
Auf diese Spielchen hatte Greta keine Lust. „Herr Lohrman, wenn Sie die Katze nicht aus dem Sack lassen, werden Sie von mir keine Antwort erwarten können“, sagte sie.
Greta sah, wie Sam sich ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte. Er spürte wohl, dass sie vor Neugier ihr Temperament kaum noch zu zügeln vermochte. Doch während er aus seiner Aktentasche eine Dokumentenmappe mit der Aufschrift „Operation-IAO“ zog und auf den Tisch legte, wurde er wieder ernst: „Das Problem ist nur, die Geschichte ist mehr als geheim. Ich kann Ihnen nur einen kleinen Einblick geben. Wenn Sie danach eine Möglichkeit sehen, sich für dieses Projekt zu entscheiden, werden Sie umgehend über jedes Detail informiert. Nach eingehender Prüfung Ihrer Person sehen wir Sie als äußerst loyal an und …“
„Danke“, unterbrach Gerda ihn brüsk.
Sam ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. „Nun, könnten Sie sich vorstellen, Menschen bei einer Auswanderung zu begleiten, bei deren Auswahl Sie zuvor wesentlich beteiligt wären, und diese Personen handwerklich und seelisch darauf vorzubereiten? Dabei wären Ihre Forschungen, die Sie ja im Augenblick hauptsächlich auf privater Ebene betreiben, ein großer Teil ihrer beruflichen Arbeit.“
Greta war baff. Sie schaute Sam nur an, bis sie endlich das soeben Gehörte im Geist sortiert hatte. Wenn das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt sich mit Auswandern befasste… Ihre nächste Frage drängte sich ihr förmlich auf: „Wohin sollen die Personen denn auswandern?“.
Doch Sam reagierte sehr bedeckt und schien ihre Gedanken zu ahnen: „Was Sie sich zusammenreimen, ist Ihre Sache, doch mehr kann und darf ich Ihnen nicht verraten. Es ist natürlich wenig, doch wissen wir ebenfalls, dass Sie im Augenblick mit Ihrem derzeitigen Job unterfordert sind. Ich habe hier in dieser Mappe unser Angebot. Schauen Sie sich’s an.“ Er schob Greta ein Schriftstück mit einem Angebot zu, das ein Traumgehalt und alle nur denkbaren Vergünstigungen für sie enthielt, allerdings unter der Bedingung ihrer absoluten Loyalität für die nächsten zehn Jahre.
Greta musste ein paar Mal über den dunklen Parkplatz vor der Grundschule von Ottenberg gehen, bis sie endlich ihr Miet-Auto entdeckte. Überall standen heute kreuz und quer die Autos von Eltern, die sich noch im Foyer unterhielten. Nach langem Hin- und Hermanövrieren schaffte sie es, den überfüllten Parkplatz zu verlassen. Das Radio hatte sich mit dem Starten des Autos alleine eingeschaltet. Der Nachrichtensprecher berichtete über den Klimagipfel in Den Haag, das Hauptthema in den Medien zu dieser Zeit. Gereizt drehte Greta das Radio ab, sie konnte es nicht mehr hören! Dabei übermannten sie wieder die Erinnerungen von damals:
Sie entschied sich in nur wenigen Tagen für den neuen Arbeitsplatz im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DZLR). Der Job, den sie gerade machte, war für sie nur eine Notlösung nach ihrem Diplom. Da kam ihr das Angebot vor wie sechs Richtige im Lotto. Erstens war da die finanzielle Absicherung der nächsten Jahre. Dazu stellte Herr Lohrman ihr in Aussicht, dass sie ihre Forschungen, die sie schon während ihres Studiums begonnen hatte, in diesem Projekt weiterführen könnte. Doch vor allem hatte es ihr die privilegierte Stellung angetan, die sie innehaben würde. Sam Lohrman und noch eine weitere Psychologin wären ihre Assistenten und sie würde nur ihrem direkten Chef Herrn Dr. Dr. Michael Detmer und dem Gruppenleiter Prof. Dr. Johnson unterstellt sein.
Zusammen mit der Unterschrift unter dem Arbeitsvertrag musste sie schriftlich einen Eid ablegen, Sillschweigen über ihre Arbeit zu bewahren. Sie würde als Landesverräterin angeklagt und strafrechtlich verfolgt werden, wenn dritte Personen durch ihr Zutun etwas über das Projekt erführen, ob fahrlässig verursacht oder beabsichtigt. Das schreckte Greta jedoch nicht ab, sondern bestätigte ihr nur noch mehr die Bedeutung der Position, die sie innerhalb der DZLR haben würde. Warum gerade sie auserwählt wurde, sollte sie jedoch erst durch die Unterlagen erfahren, die sie im Anschluss an den Vertragsabschluss erhalten würde.
Greta unterschrieb den Vertrag, schickte ihn zurück und die Unterlagen trafen genau zwei Wochen vor der angekündigten Konferenz bei ihr ein. Ein Bote überbrachte ihr das große Kuvert, gerade als sie von ihrer Arbeit nach Hause kam. Sie musste sich mit ihrem Pass ausweisen, wobei der Bote einen Unterschriftenvergleich vornahm. Nachdem Greta das große, dicke Kuvert mit in ihre spartanisch aber gemütlich eingerichtete Zwei-Zimmer-Wohnung genommen hatte, riss sie das Siegel hektisch auf. Ihre Hände zitterten, so angespannt vor Neugier war sie, endlich zu erfahren, was genau in den nächsten Jahren auf sie zukommen würde.
Auf der ersten Seite erfuhr sie zuerst, warum man sie für dieses Projekt ausgesucht hatte. Unter anderem sprachen ihre Referenzen, die man von verschiedenen Professoren an ihrer alten Universität und von ihrer jetzigen Arbeitsstelle eingeholt hatte, für sie. Doch vor allem privilegierte sie ihr großes Fachwissen über das Entwicklungsverhalten von Kindern, das sie sich bei ihren Forschungsarbeiten erworben hatte, für die neue Aufgabe.
„Okay, okay, aber worum geht es jetzt eigentlich?“, murmelte sie beim Lesen und setzte sich bequemer auf ihrer durchgelegenen braunen Couch zurecht. Auf der nächsten Seite bestätigte sich der Verdacht, den sie seit ihrem ersten Gespräch mit Sam in dem Amsterdamer Lokal hegte.
Nun bekam sie endlich einen detaillierten Bericht, der ihr Klarheit verschaffte. Sam hatte ihr versprochen, dass sie bis auf die kleinste Kleinigkeit informiert werden sollte, und er hielt sein Wort. Sie las:
..… in einem anderen weit entfernten Sonnensystem wurde vor einem Jahr ein Planet entdeckt, der bis zu 99 % Ähnlichkeit mit der Erde aufweist. Deshalb erhielt er den Namen „Earth two“.
Gefunden wurde dieser blaue Planet mit Hilfe einer interstellare Raumsonde, die wie ein Ball in einem Flipperautomaten funktioniert. Vor Jahren wurden in die verschiedensten Milchstraßen acht solche „jumping ball Sonden“ abgeschossen. Jedes Mal, wenn eine dieser Sonden auf einen Planeten traf, sollte sie den Planeten fotografieren und dann zum nächsten Planeten weiter fliegen. Gegenüber herkömmlichen Sonden hatten sie eine ganz besondere Eigenschaft. Falls eine der Sonden einen Planeten vorfinden würde, der eine ähnliche Atmosphäre wie die Erde aufwies, würde sie ihn so lange umkreisen, bis er von allen Seiten und aus jedem Winkel fotografiert und vermessen worden wäre, ebenso das Umfeld des Planeten und das dazu gehörige Sonnensystem. Außerdem wurden diese Sonden so programmiert, dass sie nach solch einem Fund direkt zur Erde zurückkehren würden. Sonden mit einer so ungeheuer großen Geschwindigkeit fortzubewegen, wie es für diese Zwecke erforderlich war, ermöglichte dem DZLR ein deutsches Physikerteam. Es entwickelte das metallähnliche Material „Tutrium“, mit dessen Hilfe die Raumsonde mit einer Geschwindigkeit von fast 100 000 km/s, zu fliegen vermochte, ungeachtet der zahlreichen Probleme, die eine so hohe Geschwindigkeit normalerweise unmöglich machte. Nur deshalb konnten die einzigartigen „jumping ball Sonden“ entwickelt werden und ihre Reise unbeschadet überstehen.
Das bevorstehende Projekt war davon abhängig, dass die „jumping ball Sonden“ Erfolg hatten. Deshalb waren alle Beteiligten überaus glücklich, als sich vor einem Jahr eine der acht interplanetarischen Sonden zurück meldete.
Die Auswertungen der Fotografien und Messungen ergaben eine unglaubliche Ähnlichkeit des Planeten mit unserer Erde:
Der Durchmesser von 12. 821,4 km ist nur unwesentlich größer als der unserer Erde. Earth two besteht ebenfalls aus verschiedenen Platten, die wir hier Kontinente nennen … die Atmosphäre ist mit der unserer Erde identisch. Sie enthält 77% Stickstoff und 21% Sauerstoff… das Sonnensystem ist in seinem Aufbau ebenfalls fast identisch mit dem der Erde…
Greta interessierte sich in diesen spannenden Minuten nicht sonderlich für die technischen Daten und überlas, was ihr momentan unwichtig erschien:
..…die interessanteste Frage, ob menschliche Lebewesen dort existierten, konnte jedoch verneint werden. Außer Pflanzen, die sich gerade entwickelten, wurde kein Leben entdeckt.
Die Idee, diesen Planeten zu bevölkern, drängte sich geradezu auf, besonders, wenn man bedenkt, dass die Menschheit mit der Überbevölkerung, der Erderwärmung und der Gefahr ihrer Vernichtung durch Atomwaffen zu kämpfen hat und eine Lösung für all diese Probleme nicht abzusehen ist. Deshalb nahmen die maßgebenden internationalen Wissenschaftler die Alternative für unsere Erde begeistert an.
Allerdings gibt es dabei eine große Hürde: Bei unserem derzeitigen Entwicklungsstand besteht keine Möglichkeit, auch nur einen geringen Teil der Erdbevölkerung umzusiedeln, denn ein Flug mit einer für Menschen erträglichen Geschwindigkeit würde zu lange dauern.
Doch man wollte die vielen interessanten Arbeiten, die mit dieser Übersiedlung zusammenhingen, nicht einfach fallen lassen. Deshalb wurde Tag und Nacht daran gearbeitet, einen Weg zu finden, wie man „Earth two“ dennoch besiedeln könnte.
Nach einem Jahr intensivster Forschung und der daraus resultierenden Erfindung des „Tutriums“ sieht die DZLR nun endlich einen Weg. Um die Möglichkeiten genauestens zu analysieren, hat die DZLR ein Fachteam zusammengestellt, welches sich am 20. Februar 1996 um 10 Uhr zu einer zweitägigen Konferenz trifft. Während der Konferenz kann jeder Wissenschaftler seine Ideen einbringen, die genutzt werden sollen, um ein endgültiges Ablaufschema für diese Operation auszuarbeiten.
Grundvoraussetzung ist es, dass die Aussiedler Kinder sind. Sie hatten bei den verschiedensten Tests und nach den Forschungsergebnissen die beste Aussicht auf ein Überleben…
Und nun kam Greta ins Spiel. Sie sollte bei der Auswahl der Kinder mitentscheiden, zudem entsprechende Vorbereitungen treffen, damit die Kinder bis zum Flug und während des Fluges gut betreuen werden.
Greta war baff. Sie konnte erst keinen klaren Gedanken fassen. Dieses Vorhaben klang zu utopisch, als dass es real sein könnte. Fiel sie gerade auf einen Scherz der Versteckten Kamera herein? Nein, sie war in ihrer Wohnung ganz alleine. Vor Aufregung ging sie in dem kleinen Zimmer auf und ab. Dabei stellte sie fest, dass sie immer noch ihre Straßenkleider anhatte. Ohne einen klaren Gedanken fassen zu können, streifte sie ihre Stiefel ab, ging ins Bad und zog sich ihren bequemen Nickianzug und ein paar warme Socken an.
Greta sehnte sich danach, mit jemandem über all das zu sprechen, doch konnte sie niemanden von ihren Bekannten anrufen, hatte sie doch größte Geheimhaltung auferlegt bekommen. Aber je mehr sie darüber nachdachte, umso mehr reizte sie die Vorstellung, endlich zu zeigen, welches Wissen sie sich all die Jahre über mühsam angeeignet hatte. Jetzt bekam sie die Möglichkeit, genau ihre These - „Kinder, sollten den Verlust ihrer Eltern ohne psychischen Schaden durch Selbstständigkeit und Eigenverantwortung ausgleichen können“ – zu beweisen.
Die Gedanken schossen Greta nur so durch den Kopf: Darum also ich! Bis jetzt hat niemand meine Arbeit ernst genommen, Kinder für sich selber sorgen zu lassen! Alle meinten, es wäre nicht human genug, doch hier passt es wie die Faust aufs Auge. Kann das wirklich wahr sein?
Erste Ideen, wie sie das Ganze angehen sollte, und die Zweifel, ob dies alles real war, mischten sich in ihrem Kopf wie ein Cocktail. Sie zwang sich zur Ruhe und versuchte tief durchzuatmen. Sollte sie Lohrman anrufen? Aber nein, der sollte nicht mitbekommen, wie aufgeregt sie war! Also musste sie bis zur Konferenz mit der Sache alleine klar kommen. Wie sollte sie morgen arbeiten gehen? Sie konnte doch nicht alles einfach so vergessen und sich auf ihre langweilige Arbeit konzentrierten. Zudem blieb ihr nur eine Woche Zeit, sich auf diese Wahnsinns-Konferenz vorzubereiten. Also beschloss sie, gleich morgen früh ihr derzeitiges Arbeitsverhältnis fristlos zu kündigen, egal mit welchen Konsequenzen. Sie musste umziehen, fiel ihr zudem ein. Wie sollte sie das alles in einer Woche schaffen? Eins nach dem anderen und das Wichtigste zuerst, ermahnte sie sich. Die Vorbereitung auf die Konferenz hatte von den vielen Aufgaben, die auf sie zu kamen, die oberste Priorität. Dort musste sie zeigen, dass sie eine kompetente Psychologin war. Alles andere wie Umzug, Kündigung und so weiter war zweitrangig.
Am Abend brühte Greta sich zur Beruhigung einen Rooiboosch- Tee auf und verschob alle Grübeleien über ihre nächsten Schritte auf den nächsten Tag. Um sich abzulenken machte sie den Fernseher an. Ein Dokumentarfilm berichtete gerade über neuerliche kleine Erdbeben, die seit Tagen die Osterinseln erschütterten. „Wissenschaftler wundern sich, wie die tot geglaubten Vulkane plötzlich zu neuem Leben erwachen konnten…“
Das waren die letzten Worte, die Greta hörte, bevor sie einschlief.
Als Greta Roberts in dem Stammhotel der IAO, dem Millenium gleich neben dem Stuttgarter Flughafen, auf ihr Zimmer ging, bestellte sie schon an der Rezeption heißes Wasser. Rooiboosch-Teebeutel hatte sie immer in ihrem Reisegepäck. Der Tee hatte ihr damals beim Einschlafen geholfen und er würde ihr heute sicherlich auch helfen. Damals war sie jedoch aufgeregt gewesen, weil sie ihre neuen Aufgaben kaum erwarten konnte. Heute dagegen hatte sie Angst. Wenn sie sich nur die Personaldaten der Kinder anschaute, für die sie zurzeit die Auswahl traf, konnte sie kaum noch ohne Emotionen entscheiden. Sie wusste, dass sie in den nächsten Tagen für die meisten Kinder der Klasse die Weichen in ein anderes und unsicheres Leben stellte.
Sie versuchte sich zu erinnern, wann ihr bewusst wurde, wie schrecklich der Weg war, den sie eingeschlagen hatte. Greta dachte wieder an ihren ersten Besuch im Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt (DZLR). Nachdem Sam sie der Zicke Barmer vorgestellt hatte, lernte sie ihren obersten Chef Dr. Dr. Michael Detmer kennen…
