Die Abenteuer eines Mönchs - Hans-Dieter Konrad - E-Book

Die Abenteuer eines Mönchs E-Book

Hans-Dieter Konrad

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Beschreibung

Dieses Buch nimmt Sie mit auf eine abenteuerliche Reise von der ostdeutschen Ostseeküste bis ins mystische Indien. Es beschreibt eine faszinierende „Seelenwanderung“ durch eine geschichtsträchtige Zeitepoche. Begleiten Sie einen jungen Mann auf seiner Suche nach Erleuchtung.

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Seitenzahl: 307

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Hans-Dieter Konrad

DIE ABENTEUER EINES MÖNCHS

Engelsdorfer Verlag Leipzig 2023

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

Copyright (2023) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Titelbild © mitrarudra [Adobe Stock]

Tempel der Internationalen Gesellschaft für Krishna-Bewusstsein in Mayapur in der Nähe von Nabadwip, Westbengalen, Indien.

Es ist der Geburtsort von Chaitanya Mahaprabhu

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

Vorwort

Einleitung

Am Anfang war das Buch

Der schwarze Abt

Ungewöhnlicher Besuch

Erste Begegnung mit dem Meister

Ein leerstehendes Haus in Friedrichshagen

Eine ungewöhnliche Form Gottes

Der Umzug in die Hauptstadt

Humphry, Mumphry und Pumphry

Versteckspiel mit der Polizei

Hochzeit in Ungarn

Einweihung in eine spirituelle Tradition

Die Hymne des Schöpfers

Die schwarze Madonna von Czestochowa

Predigen im Osten

Reise in die Freiheit

Erfahrungen in einer anderen Welt

Leben in einem alten Schloss

Herzlich willkommen im richtigen Deutschland

Nächste Station: Skandinavien

Bergen in Norwegen

Die Reise ins Heilige Land

Kulturschock und Gelbsucht

Der Schutzpatron von Deutschland

Vyasa-puja

Drogen und Knast

Darwins Evolutionstheorie

Das Tausend-Kronen-Buch

Bröckelt die Fassade?

Njema Pandit

Überraschende Begegnung

Hold out your hand!

Heiraten oder Nichtheiraten?

Das Land der Nordlichter

Der Funke springt über

Zu Besuch in Krishnas Land

Tirslund Gartneri

Der Papst und die Bhagavad-gita

Flucht und Freiheit

Zurück in den Osten

Der dunkle Gott

Ich sehe keinen Sinn mehr im Leben

Shelter im Conne Island

Eine Pilgerreise im Heiligen Land

Der Herr des Universums

All glories to the sankirtana devotees!

Zurück in die Entsagung

Die Schmuggler

Umzug in den Bayerischen Wald

Die Reise über den großen Teich

Mit dem Ochsenkarren unterwegs

Besuch an der polnischen Ostsee

Ein heiliger Doppelgeburtstag

Seven habits of highly effective people

Des Gurus Privatsekretär

Der Anfang vom Ende

Nachwort

Glossar

Danksagung

VORWORT

Erlauben Sie mir mich vorzustellen. Ich bin eine der Personen im Buch, das Sie gerade im Begriff sind zu lesen. Der Autor hat mich gebeten ein kleines Vorwort zu schreiben. In den späten achtziger Jahren ließ ich all meine weltlichen Bemühungen hinter mir und wurde ein Hindu-Mönch in einem Ashram in Bayern. Der Ashram war voller außergewöhnlicher Personen, von denen jede eine eigene Geschichte ihres spirituellen Erwachens und der darauf folgenden Reise hatte. Die Geschichte, die Sie lesen werden, ist faszinierend.

Wie Sie lesen werden, habe ich Dasavatara zum ersten Mal in der DDR Anfang der neunziger Jahre getroffen. Sein Pragmatismus hat mich beeindruckt. Er und seine bessere Hälfte Ayati waren für mich eine entspannende Gesellschaft. Wir genossen es, weit weg von der manchmal bedrückenden Atmosphäre einer Organisation, gemeinsam zu lachen und zu essen. Zu dieser Zeit herrschte eine beispiellose geopolitische Situation in Deutschland, und wir teilten unsere Beobachtungen als Außenstehende. Ich, ein Australier, der den westdeutschen Wettlauf von Wohlstand, Sicherheit und Überfluss kannte, wurde plötzlich mit einem anderen Deutschland konfrontiert. Einem Deutschland, in dem die Menschen verwirrt waren und sich nach dem Glanz und Glitzer des Westens sehnten. Auf Grund von Selbstzweifel waren sie frustriert und ließen sich einfach treiben in einem Land mit scheinbar unnötiger Industrie, die drittklassige Produkte produzierte. Die „Ossis“ wurden von den „Wessis“ verachtet und belächelt. Der Gemeinschaftssinn, der mir begegnet war als ich die DDR kennenlernte, begann sich sichtbar zu zerstreuen und wurde nach der Wiedervereinigung durch zügellosen Konsum ersetzt, der das Land überflutete. Erstaunt beobachteten wir, wie die verzauberte Bevölkerung ihre lang gehegten Werte aufgab und einen selbstzentrierten Wettbewerb nach den Insignien des Erfolges umarmte. Dasavatara war ebenfalls ein „Außenseiter“ dieses Umbruchs, da er die zeitweiligen Ziele von sowohl kommunistischen als auch kapitalistischen Modellen zurückgewiesen hatte. Als ich ein regelmäßiger Besucher in ihrem Leipziger Bhakti-Yoga-Zentrum wurde, verband uns unsere Beobachtung einer sich schnell verändernden Gesellschaft.

Für mich als Mönch waren sowohl Abgrenzung als auch Abstinenz hilfreich bei meinem Versuch die Vorstellung des sexualisierten Objekts „Frau“ umzukehren, die sich seit meiner Kindheit in meinem Gehirn festgesetzt hatten. Aber nach dieser wenigstens theoretischen Entflechtung war ich offen für Freundschaften mit Frauen, basierend auf positiven, spirituellen Werten. So eine Freundschaft entstand, als ich Dasavataras bessere Hälfte Ayati kennenlernte. Zu dritt faulenzten wir auf dem Fußboden ihres großzügigen, hell beleuchteten Raumes im Zentrum von Leipzig und lachten wie Betrunkene, nachdem wir wieder einmal eine von Ayatis erstaunlichen, berauschenden kulinarischen Extravaganzen zu uns genommen hatten. Manchmal unterhielten wir uns über Nebensächlichkeiten und schon im nächsten Moment über tiefe, philosophische Konzepte. Abseits einer starren Institution waren wir frei, die weibliche Perspektive auf soziale Themen innerhalb einer Organisation basierend auf dem Geschlecht zu erforschen. Auch sprachen wir über die Übel der Unterdrückung im Vergleich zur Freiheit von Selbstkontrolle. Beide waren etwas älter als ich und hatten mehr Erfahrung auf der spirituellen Reise. Manchmal fühlte ich mich wie ein Adoptivsohn und manchmal wie ein jüngerer Bruder. Es war eine Freundschaft, die sich im Laufe der Jahre noch weiter vertiefte.

Wir teilten ein gemeinsames Misstrauen gegen „Institutionalismus“. Ich, auf Grund meiner Anti-Establishment-Geschichte und Dasavatara und Ayati auf Grund ihrer Erfahrungen mit der ideologisch basierten, autoritären Bürokratie des Ostblocks. Jede Institution, die aus Menschen besteht, ist behaftet mit menschlichen Schwächen – Lust, Völlerei, Gier, Trägheit, Zorn, Neid und Stolz. Religiöse Organisationen, die auf höheren Werten und Idealen basieren und die spirituelle Transzendenz anstreben, sind sicherlich nicht frei von diesen Schwächen. Möglicherweise sind sie noch anfälliger, weil sie oft von Eitelkeit und purem Idealismus geprägt sind. Dabei fallen menschliche Schwächen und Probleme in solchen Organisationen besonders auf, wenn sie der Öffentlichkeit bewusstwerden. Statt inspirierender Ideen spiegeln sie jedoch die menschlichen Unzulänglichkeiten wider. Die Öffentlichkeit nimmt dies als religiöse Heuchelei wahr.

Wenn ein erhabenes kollektives wie persönliches Streben durch die Realität der Fehlbarkeit durchkreuzt wird, werden Menschen anfällig für eine Reihe von Mechanismen, die mit der erkennbaren Dissonanz entstehen. Völlige Ablehnung ist sehr verbreitet. Philosophische und theologische Rationalisierung ist eine weitere Vermeidungsstrategie der Menschen, die täglich versuchen das Mysterium des Lebens zu erklären. Dasavatara und ich verstanden uns als Realisten, die oft ihre inneren Gedanken über einen spirituellen Kampf austauschten. Auch machten wir uns Gedanken darüber, wie man die Fehler einer jungen Organisation mit dem Anspruch auf Perfektion, der sowohl innerhalb der Bewegung als auch außerhalb präsentiert wurde, versöhnen könnte. Während wir in den neunziger Jahren gemeinsam durch Süddeutschland reisten, um spirituell Interessierte zu besuchen, war es uns wichtig ihre Erwartungen an spirituellen Fortschritt immer in Beziehung zu ihrem eigenen Pfad, ihren Zielen und Herausforderungen zu setzen. Wir sprachen mit ihnen auch über die Fehlbarkeit anderer Personen auf ihrer spirituellen Reise.

Dasvataras Geschichte zeichnet drei Reisen nach: seine eigene spirituelle Entwicklung, die Umwandlung Deutschlands durch die Wiedervereinigung mit seinem „amputierten“ Teil – der DDR – und das Wachstum einer spirituellen Bewegung nach dem Verlust seines spirituellen Gründers und Lehrers: das Navigieren durch viele Rückschläge und Herausforderungen. Diese verflochtenen Erzählungen bilden den Hintergrund der Geschichte eines jungen Mannes aus einer Grenzregion-Ortschaft in einem Hinterwäldler-Land, der sich von familiären und sozialen Beschränkungen und Erwartungen befreit und einen besonderen Pfad beschreitet. Trotz der exotischen Orte und turbulenten Verschiebungen, von der DDR in den Westen, zum entlegenen Skandinavien, nach Indien, wie auch einige der chaotischen Zustände in der „Hare-Krishna-Bewegung“, erzählt Dasavatara beiläufig seine Geschichte mit selbstverleugnender Zurückhaltung und durchtränkt von preußischen Tugenden wie Aufrichtigkeit, Bescheidenheit, Geradlinigkeit und vor allem fleißiger Ehrlichkeit.

Ich hoffe Dasavataras Geschichte wird dich auf deiner eigenen Reise inspirieren, denn ob du es wahrhaben willst oder nicht, ob wir es wissen oder nicht, alle von uns befinden sich auf einer Reise der Seele. So wie sich unser Körper vom Kind zum Erwachsenen verändert, so sollte sich auch unser Bewusstsein wandeln von der Beschäftigung mit den Spielsachen im Laufstall hin zu tieferen Gedanken, die unsere Werte und Ziele hinterfragen – sozial, individuell und letztendlich ideologisch. Die meisten von uns würden die Vorstellung sich in ein Auto zu setzen und ziellos durch die Gegend zu fahren als eine dumme Verschwendung von Zeit und Ressourcen betrachten. In ähnlicher Weise ist es eine Verschwendung unseres Denkvermögens, wenn wir uns in dieser Welt verkörpert finden und von einer Situation in die nächste „fahren“ ohne das letztendliche Ziel zu kennen.

Dasvatara hat sein Ziel schon früh ausgemacht. Er akzeptierte die Weisheitstradition des indischen Subkontinenten als die Verkörperung der Weisheit und des Glaubens seiner eigenen Kultur. Auf Grund des politischen Gepäcks und der ideologischen Verwässerung fiel es ihm allerdings schwer die unverfälschte Essenz zu lokalisieren. Diese Geschichte erzählt von seiner Entwicklung während er einen Weg ins Innere durchläuft. Ich bin zuversichtlich, wenn du ihn auf dieser Reise begleitest, wirst du nicht nur gut unterhalten, sondern auch inspiriert vorankommen auf deiner eigenen spirituellen Reise.

Bret Townsend

EINLEITUNG

Dieses Buch beschreibt die Geschichte meiner Sehnsucht nach Erleuchtung. Zwar wusste ich am Anfang nicht genau, wonach ich eigentlich suchte, hatte aber doch das Gefühl, dass es etwas geben musste, wofür es sich lohnt zu leben. Dieses ursprüngliche Bedürfnis ist in uns allen schlummernd vorhanden. Die Suche nach Selbsterkenntnis ist ein grundlegender Bestandteil des menschlichen Lebens. Irgendwann in unserer Existenz werden wir alle mit diesen wichtigen Fragen konfrontiert. Wer bin ich eigentlich? Wo komme ich her? Gibt es die Ewigkeit? Die meisten Dinge, für die es einen Namen gibt, existieren. Obwohl es zweifellos schwierig ist, sich etwas Ewiges vorzustellen, so kennen wir doch alle die Faszination für längst vergangene Zeiten. Haben wir etwa eine Ahnung irgendwie dabei gewesen zu sein? Jeder von uns hat ein Verlangen mehr über die Vergangenheit zu erfahren. Warum? Was kümmert es uns, es ist vorbei und kann nicht zurückgeholt werden. Wieso forschen wir in der Geschichte? Sind wir etwa auf der Suche nach uns selber? Warum kommen uns manche Dinge bekannter vor als andere und vermitteln uns ein Gefühl der Vertrautheit?

Seit Menschengedenken haben sich unzählige Personen mit diesen interessanten Phänomenen beschäftigt. Es ist Teil unserer Natur, Hintergründe und Zusammenhänge verstehen zu wollen. Diese Neugier begleitet uns vom ersten Tag unseres Lebens an. Wir alle kennen diesen Wunsch, die Welt entdecken zu wollen. Wir alle wollen uns entwickeln. Zu Beginn unseres Lebens sind wir bedeckt von verschiedenen Schleiern, umhüllt von Dunkelheit und Unwissenheit. Im Laufe der Zeit entfernen wir die Decken, die uns davon abhalten in direkten Kontakt mit Objekten zu kommen, die wir fühlen und wahrnehmen wollen. Wir entdecken die Welt und beginnen sie zu verstehen. Die undurchsichtigen Wickel, die uns umgeben, entfernen wir nach und nach. Wir entwickeln uns. Ereignisse und Personen, Erfahrungen und Berührungen, Wahrnehmungen und Verwirklichungen, all diese Dinge helfen uns dabei, der Wahrheit ein Stück näher zu kommen.

Jeder von uns hat seine eigene, individuelle Geschichte. In diesem Buch wird meine beschrieben. Ich glaube nicht an Zufälle, und deshalb vermute ich, dass alles was mir widerfahren ist, genauso sein sollte, und die Antwort auf meine Frage nach dem Sinn des menschlichen Lebens ist. Als ich mich vor einigen Jahrzehnten eines Abends mit Freunden traf, konnte ich nicht ahnen, dass dieses Treffen ein Wendepunkt in meinem bisherigen Leben sein würde. Ich hatte keine Vorstellung davon wie sehr eine ehemalige Schulkameradin meiner Schwester mein Dasein in eine hoch spannende Richtung lenkte, die den Rest meines Lebens nachhaltig beeinflussen würde. Eine Reise nach Ostberlin sollte wegweisend werden und mein Leben für immer verändern.

AM ANFANG WAR DAS BUCH

Alles begann an einem Samstagabend im Sommer. Diesmal trafen wir uns bei Körner in der August-Bebel-Straße. Damals arbeitete er noch nicht für Coca-Cola, denn es war viele Jahre vor der Wende. Wir waren eine kleine Gruppe von Jugendlichen, die sich fast jedes Wochenende irgendwo trafen. Was uns verband, war der Wunsch gute Musik zu hören. Am liebsten wären wir jedes Wochenende zu einem Konzert gefahren und hätten uns einige unser Lieblingsbands angehört. Da dies für uns in der DDR aber leider nicht möglich war, begnügten wir uns damit, diese Musik vom Tonbandgerät oder Plattenspieler in der Gemeinschaft einiger Freunde anzuhören. Wenn wir zusammenkamen, hörten wir meistens gute Musik, tranken etwas und redeten.

Roland war an diesem Abend auch gekommen und hatte ungewöhnliche Bücher mitgebracht, die ihm seine Ex-Freundin Pita während eines Besuches vor kurzem dagelassen hatte. Er erzählte uns, dass sie seit einiger Zeit in Berlin wohne und sich mit Yoga beschäftige. Die Bücher wurden herumgereicht und er meinte, wir könnten sie kaufen, wenn wir uns dafür interessieren. Er selber fand sie weniger interessant, hatte Pita aber versprochen, dass er ihr helfen würde, sie zu verkaufen. Ich schaute mir die Bücher an und eines von ihnen faszinierte mich besonders. Es hatte hunderte von Seiten und außergewöhnliche Bilder. Der Titel lautete: Shrimad-Bhagavatam, Erster Canto. Da mich diese Bilder sehr in ihren Bann zogen, schaute ich sie mir wieder und wieder an. So vertieft war ich im Betrachten dieser Bilder, dass ich von dem, was an diesem Abend um mich herum passierte, nicht viel mitbekam. Ein Bild hatte es mir besonders angetan. Auf ihm war ein Mann in fremdartiger Kleidung zu sehen, der durch die Luft zu schweben schien, während er auf einem Saiteninstrument spielte und dazu sang.

Bevor ich mich auf den Nachhauseweg machte, fragte ich Roland, wie viel er für dieses Buch haben möchte. Er meinte es kostet vierzig Mark. Zu dieser Zeit absolvierte ich gerade eine Kochlehre und verdiente hundertfünfzig Mark im Monat. Obwohl ich nicht sicher war, ob ich dieses Buch je lesen würde, kaufte ich es dennoch zusammen mit drei Taschenbüchern für insgesamt fünfzig Mark. In den folgenden Wochen schaute ich mir die Bilder in dem dicken Buch immer wieder an und begann eines Tages sogar das Bild mit der singenden Person abzumalen. Diese Bilder verzauberten mich und weckten in mir eine Sehnsucht nach einer anderen Welt. Obwohl ich nicht genau verstehen konnte, warum diese Bilder mich magisch anzogen, so verspürte ich doch den Wunsch, das Geheimnis zu lüften. Ich rätselte für lange Zeit, konnte aber nicht herausfinden, was es mit diesen Bildern auf sich hatte. Dass ich mit diesen Bildern gerade zu dieser Zeit in Berührung gekommen war, schien kein Zufall zu sein und nährte die Hoffnung, endlich Antworten auf Fragen zu bekommen, die ich mir schon seit einiger Zeit stellte.

Wie aus heiterem Himmel fragte mich meine Schwester Inge eines Nachmittags, ob ich mit ihr nach Berlin fahren möchte. Sie erzählte mir, dass sie einen Brief von ihrer ehemaligen Klassenkameradin, Pita, bekommen hatte. Pita wohnte in einer Wohngemeinschaft und lud sie ein, nach Berlin zu kommen. Gerne würde sie ihr etwas über ihre neue Lebensweise und die spannenden Ereignisse der letzten Monate erzählen. Meine Schwester war neugierig geworden und wollte sie besuchen, hatte jedoch Angst alleine zu fahren, da sie sich in Berlin nicht auskannte. Ich hingegen war schon des Öfteren in Berlin gewesen, und da sie mir anbot, meine Fahrkarte zu bezahlen, sagte ich zu. Ich nahm mir also frei, und gemeinsam fuhren wir nach Berlin. Insgeheim hoffte ich, dass mir dieser Besuch dabei helfen würde, das Mysterium der letzten Wochen zu entschlüsseln. In Berlin angekommen, nahmen wir die S-Bahn nach Köpenick. Von dort war es noch ein gutes Stück zu Fuß bis in eine Gartenkolonie. Wir gingen zum Mayschweg und kamen schließlich zur Nummer dreißig. Dort fanden wir ein großes Gartenhaus in einem kleinen Garten. Wir waren sicher, das richtige Haus gefunden zu haben, da in einem der Fenster ein Bild hing, welches denen im Buch, das ich Wochen vorher von Roland gekauft hatte, ähnelte. Leider standen wir vor verschlossener Tür, und niemand reagierte auf unser Klopfen. Enttäuscht und frierend verließen wir den Garten wieder, und da es schon dunkel wurde, entschlossen wir uns, bei einem meiner Bekannten zu übernachten.

Wir wollten so schnell nicht aufgeben und fuhren deshalb am nächsten Tag erneut in die Gartenkolonie. Etwas verunsichert klopften wir an die Tür und tatsächlich öffnete jemand. Pita empfing uns mit einem einladenden Lächeln. Schon beim Eintreten verfestigte sich mein Gefühl, auf der richtigen Spur zu sein. Wir betraten die Küche und wurden von einem orientalischen Geruch begrüßt. Dann gingen wir ins nächste Zimmer und erblickten direkt gegenüber vom Eingang ein großes Bild von einer vierarmigen göttlichen Gestalt. Im Hintergrund spielte fremdartige Musik, die mit der Rockmusik, die ich mir normalerweise anhörte, nichts zu tun hatte. Das Zusammenspiel der angenehmen Gerüche, der wohltuenden Klänge und der Anblick dieser wunderschönen, lächelnden Person verzauberte uns und gewährte Eintritt in eine für uns neue, mystische Welt. Die Person auf dem Bild schien uns einzuladen und fesselte uns so sehr, dass wir für einen Augenblick Ort und Zeit vergaßen. Wir hatten das Gefühl endlich angekommen zu sein und wurden überwältigt von der Schönheit dieser majestätischen Persönlichkeit.

Der größte Raum des Hauses war einfach eingerichtet. Es gab kaum Möbel, dafür aber jede Menge Sitzgelegenheiten. Ich bemerkte ein Grundig Tonbandgerät, das aufrecht stand und sehr viel hochwertiger wirkte als das B100 von Tesla, welches sich in meinem Zimmer befand. Pita stellte uns ihre Mitbewohner vor. Zunächst war da Eberhard, ihm gehörte die Laube, und er arbeitete beim Theater. Dann war da noch Herbert. Er war ein magerer, junger Mann, der etwas schüchtern wirkte. Pita lud uns ein, einige Tage zu bleiben. Die anderen schienen nichts dagegen zu haben.

Wir nahmen Platz, und Pita brachte uns etwas zu Essen. Auch das Essen und die Getränke, die Pita uns anbot, waren uns nicht vertraut. Der Geschmack war so ungewöhnlich, dass ich beim besten Willen nicht feststellen konnte, welche Gewürze sie beim Kochen verwendete. Während meiner Kochlehre hatte ich nichts Ähnliches kennengelernt.

Nach dem Essen erzählte sie uns, wie sie hierher gekommen war. Als sie nach Berlin zog wohnte sie zunächst in einer Kellerwohnung bei einem alten Mann – Alfred. Gegenüber von Alfreds Haus wohnte einer seiner Freunde mit Namen Ernst. Ernst war Vegetarier und beschäftigte sich mit verschiedenen spirituellen Strömungen. In der Nähe von Pitas Zimmer befand sich ein Raum, in dem gelegentlich Veranstaltungen über alternative Lebensweisen abgehalten wurden. Diese Zusammenkünfte waren meist sehr geheim, da man immer Angst haben musste, dass die Stasi davon erfahren könnte. Ernst besuchte Pita oft, und sie sprachen viel über spirituelle Erfahrungen. Pita hatte in einem Buch über einen Mann gelesen, der durch Russland reiste und regelmäßig ein Jesusgebet sprach. Sie war neugierig geworden und begann ebenfalls dieses Gebet zu wiederholen.

Als wieder einmal eine spirituelle Zusammenkunft stattfand, war auch ein kleiner Amerikaner gekommen, der auf einem Instrument spielte und verschiedene Mantren sang. Er hatte etwas zu essen mitgebracht und lud alle Anwesenden zu einem kleinen Festival nach Köpenick ein. Im März fuhr Pita mit Ernst nach Köpenick, um an diesem Festival teilzunehmen. Zwei Männer waren eigens aus Westberlin gekommen, um über eine alte spirituelle Kultur aus Indien zu berichten. Während des Treffens sangen sie Mantren. Nach einer Präsentation über die Lebensweise, wurden vegetarische Köstlichkeiten verteilt. Es gab Gelegenheit, Fragen zu stellen, und diejenigen, die mehr erfahren wollten, konnten Bücher über Reinkarnation und Karma kaufen. Abschließend ermutigten die Gottgeweihten oder Devotees, wie sie sich nannten, alle Besucher das wiederholte Sprechen des Hare Krishna Mantras auszuprobieren.

Zurück in ihrer Kellerwohnung sprach Pita also manchmal das Jesusgebet und manchmal das Hare Krishna Mantra. Sie wollte mögliche Unterschiede herausfinden und feststellen, ob durch beide Gebete spirituelle Erfahrungen gemacht werden können. Pita und Ernst fuhren in den nächsten Wochen immer wieder nach Köpenick, um mehr über die Lebensweise der Gottgeweihten zu erfahren. Nachdem die jungen Männer die beiden näher kennengelernt hatten, boten sie ihnen an, Teil der Gemeinschaft zu werden. Ernst fand das Angebot weniger interessant, ermutigte Pita aber, es anzunehmen. Kurze Zeit später zog Pita ein. Zusammen mit ihren Mitbewohnern stand sie früh auf und praktizierte Mantra-Meditation. Dazu benutzte sie eine selbstgebastelte Perlenkette mit hundertacht Holzperlen. Tagsüber ging dann jeder seiner Beschäftigung nach. Eberhard fuhr zum Theater, Herbert war mit Übersetzungsarbeiten beschäftigt und Pita fuhr zur Kunsthochschule, wo sie Modell stand. Regelmäßig bekamen sie Besuch von den Gottgeweihten aus Westberlin und erfuhren so immer mehr über die vedische Kultur in dessen Mittelpunkt Krishna steht.

Es war interessant, Pita zuzuhören. Sie erzählte mit großer Begeisterung und konnte kein Ende finden. Alles was sie sagte, saugte ich auf wie ein Schwamm. Es wurde immer interessanter, und ich hoffte, sie würde nie aufhören. Während sie erzählte, betrachtete ich das Bild von der vierarmigen Person mit der unglaublichen Ausstrahlung immer wieder. Sie vermittelte mir ein Gefühl von Geborgenheit, und ihre anziehende Persönlichkeit sorgte für ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Bis wir uns schlafen legten, war es schon sehr spät. Die Männer schliefen in einem Raum, die Frauen in einem anderen, aber alle schliefen auf dem Fußboden, denn Betten gab es nicht.

Am nächsten Tag bekamen wir weitere Eindrücke vom Leben in so einer Gemeinschaft. Es wurde nicht nur über Philosophie gesprochen, sondern auch über ganz praktische Aspekte des Lebens. Was mich besonders faszinierte, war die Beschreibung, wie man nach dem Toilettenbesuch seinen Allerwertesten nicht nur mit Papier reinigt, sondern ihn gründlich mit Wasser säubert. Dazu benutzte man die linke Hand, weil die rechte zur Mantrameditation oder dem Chanten gebraucht wurde, und man sie nicht verunreinigen wollte. Für alle Tätigkeiten schien es einen guten Grund und eine Erklärung zu geben.

Am zweiten Tag erzählte uns Pita, dass alle drei Ende August in Wroclaw in Polen waren und während einer Zeremonie neue Namen erhielten. Die Namen sollten den Beginn einer spirituellen Reise markieren und kamen aus dem Sanskrit. Sanskrit ist die älteste Sprache der Welt und wird nirgendwo mehr gesprochen. Auch ein Priester war anwesend, und alle Teilnehmer trugen traditionelle indische Kleidung, im Falle von Männern einen Dhoti, für Frauen ein Sari. Die Kleidung hatten die Devotees aus dem Westen mitgebracht. Außer Herbert und Eberhard waren auch einige polnische Männer anwesend, die ebenfalls an diesem Ritual teilnahmen.

Pita war die einzige Frau, die eingeweiht werden sollte, und man hatte vergessen, ihr einen Sari mitzubringen. Kurz entschlossen wurden zwei Bettlacken zusammengenäht. Da alle Besucher aus dem Westen männlich waren, konnte ihr allerdings auch niemand zeigen, wie man so ein Gewand anlegt. Irgendwie wickelte sie sich in diesem viel zu großem Stück Stoff ein und fühlte sich unwohl und sehr unbeweglich. Erst nachdem ihr versichert wurde, dass niemand sie auslachen würde, betrat sie den Raum, in dem die Zeremonie stattfinden sollte.

Das Ritual war sehr farbenfroh, und während vom Priester ein Feuer im Wohnzimmer entfacht wurde und er viele Mantren rezitierte, verbrannte man unter anderem auch Äpfel. Normalerweise werden am Ende so einer Zeremonie Bananen ins Feuer gelegt, die symbolisieren sollen, dass damit alle Reaktionen auf sündhafte Tätigkeiten verbrannt werden. Da es aber nicht möglich war, Bananen zu bekommen, wurden sie durch Äpfel ersetzt. Und endlich war es dann soweit, dass alle Einzuweihenden ihre neuen Namen erhalten sollten. Jede Person wurde einzeln aufgerufen und ging zum Priester. Bevor die Person ihren Namen bekam, bekundete sie ihren Respekt, indem sie sich flach auf den Boden legte. Als alle Männer ihre Namen bekommen hatten, war Pita an der Reihe. Auch sie ging zum Priester und legte sich ebenfalls flach auf den Boden. Niemand hatte ihr erklärt, dass diese Art des Verneigens nur für Männer bestimmt war. Als sie dann versuchte sich vom Boden zu erheben, war dies mit großen Schwierigkeiten verbunden. Da lag sie nun wie ein verschnürtes Paket und wusste nicht, wie sie aufstehen sollte. Diese Situation sorgte unter allen Anwesenden für Belustigung und war ihr sehr unangenehm. Dann endlich erhielt auch sie ihren spirituellen Namen – Prema Bhakti. Aus Eberhard wurde Ishavasyam, Herbert wurde zu Haladhara, und die beiden polnischen Männer bekamen die Namen Uttama Bhakti und Kapila Muni. Als frisch eingeweihte Mitglieder der Vaishnava-Tradition versprachen alle von nun an, den Säulen des sündhaften Lebens zu entsagen. Kein Essen von Fleisch, Fisch und Eiern, keinen Alkohol- und Drogenkonsum, keine Glücksspiele und keine sexuellen Beziehungen außerhalb der Ehe.

Ich war fasziniert von dem, was sie uns erzählte und hatte das Gefühl mit dabei gewesen zu sein. Es klang alles sehr abenteuerlich und verstärkte meinen Wunsch mehr über diese Tradition zu erfahren und möglicherweise sogar Teil davon zu werden. Als junger Koch interessierte ich mich auch sehr für die Art und Weise, wie gekocht wurde. Nicht nur benutzten die Gottgeweihten mir bis dahin unbekannte Gewürze, sondern sie probierten das Essen auch während des Kochens nicht. Vor dem Verzehr opferten sie die zubereiteten Speisen zunächst auf dem Hausaltar, um es Karma frei zu machen. Nun wurde es als Prasadam, Gottes Barmherzigkeit, bezeichnet. Natürlich war es nicht möglich, in wenigen Tagen alle Fragen, die sich ergaben, beantwortet zu bekommen. Prema Bhakti lud uns deshalb ein wiederzukommen und ermutigte uns in den Büchern zu lesen, die wir zuhause hatten. Ursprünglich wollten wir nur übers Wochenende bleiben, nun war schon eine ganze Woche vergangen bevor wir uns verabschiedeten und nach Boltenhagen zurückfuhren.

Als wir im Zug saßen, konnten wir kaum glauben, was wir in den letzten Tagen erlebt hatten. Es war ein Ausflug in eine völlig andere Welt. In meinen kühnsten Träumen hätte ich mir nicht vorstellen können, dass es so etwas gibt. Ich unterhielt mich mit meiner Schwester im Zug darüber, was wir gerade erlebt hatten. Wir wussten gar nicht, wo wir beginnen sollten. Es waren zu viele Informationen in so kurzer Zeit. Unsere Stimmung war allerdings geprägt von Hoffnung. Für viele der Fragen, die wir uns schon seit Jahren gestellt hatten und die uns niemand zufriedenstellend beantworten konnte, gab es plötzlich Antworten und Erklärungen. Die Zugreise nach Boltenhagen war zu kurz, um über alles zu sprechen. Wir hatten genug Gesprächsstoff für mehrere Tage. Es war schwierig, einfach so zum normalen Alltag überzugehen.

Meine Kochlehre hatte ich inzwischen beendet und nun arbeitete ich im Fritz-Reuter-Heim als Kellner. Nach all dem was ich über schlechtes Karma und Reinkarnation erfahren hatte, konnte ich nicht mehr als Koch arbeiten und war drauf und dran Vegetarier zu werden. Eines Tages kam ein Kollege zu mir und meinte, ich solle zum Telefon kommen, es gäbe ein Ferngespräch für mich. Als ich voller Erwartung den Hörer an mein Ohr hielt und meinen Namen nannte, hörte ich am anderen Ende Prema Bhaktis Stimme. Sie wollte wissen, wie es mir geht und fragte ob ich Zeit hätte, nach Berlin zu kommen. Gottgeweihte vom Schloss Rettershof aus dem Taunus hatten sich angekündigt und wollten einen tieferen Einblick in die spirituellen Geheimnisse des alten Indien vermitteln. Auch würde es wieder leckeres Essen geben. Ich lehnte ab und vertröstete sie auf nächstes Mal, dachte allerdings nicht, dass sie noch mal anrufen würde. Kurz nachdem ich aufgelegt hatte, wunderte ich mich über mein Verhalten. Warum wollte ich diese seltene Gelegenheit nicht nutzen? Hatte ich etwa Angst mein bisheriges Leben aufgeben zu müssen, um etwas Besseres zu bekommen? Auf der einen Seite faszinierte mich diese Lebensweise, auf der anderen Seite wurde mir irgendwie bewusst, dass ich etwas in meinem Leben ändern müsste. Dies verunsicherte mich so sehr, dass ich beschloss, mich noch nicht darauf einzulassen.

DER SCHWARZE ABT

Zwar hatte ich das Shrimad-Bhagavatam immer noch nicht gelesen – die Sanskritzeichen schreckten mich ab – das dünne Taschenbuch „Jenseits von Raum und Zeit“ hatte ich aber schon wiederholt gelesen. Einige Stellen aus dem Buch gefielen mir besonders gut, und ich zitierte sie in Briefen, die ich zu dieser Zeit schrieb. Auch fragte ich meine Briefpartner nach ihrer Meinung zu diesen Textstellen. Mir hatte sich eine neue Welt aufgetan. Die Eindrücke aus Berlin, das Gelesene und die Gespräche mit meiner Schwester und anderen hatten mein Leben verändert und bereichert. In unserer Jugend war es keine Seltenheit, dass meine Schwester und ich nachts stundenlang über den Sinn des Lebens und die Existenz Gottes sprachen und irgendwann heulend einschliefen, weil wir keine Antworten finden konnten. Als ich vierzehn Jahre alt war, lud mich unser Pastor zu einem Konfirmationsgespräch unter vier Augen ein. In diesem Gespräch wollte er mir etwas fürs Leben mitgeben. Ich fragte ihn, wie ich Gott näher kommen könnte, und seine Antwort überraschte mich sehr. Er meinte: „Weißt Du, manchmal bin ich selber nicht sicher, ob es Gott überhaupt gibt.“ Seine Tochter war vor kurzem gestorben, und dies veranlasste ihn offensichtlich an der Existenz Gottes zu zweifeln. Da mein Interesse an spirituellen Themen allgemein bekannt war, wurde ich in meinem Bekanntenkreis scherzhaft „der schwarze Abt“ genannt. Bei den Gesprächen während unserer Wochenendtreffen ging es immer wieder um Vegetarismus und das Leben nach dem Tod.

Der Einzige, der sich aus meinem Bekanntenkreis für solche Themen interessierte, war mein ehemaliger Klassenkamerad und Freund Alex. Alex war nach der zehnten Klasse nach Greifswald gegangen, um eine Lehre als Werkzeugmacher zu absolvieren. Während dieser Zeit konnten wir auf Grund der Entfernung nicht sehr viel miteinander unternehmen und hatten uns ein wenig auseinandergelebt. Nun hatte Alex seine Lehre beendet und war wieder öfters in Boltenhagen und nahm auch wieder an unseren Treffen teil. Während der Schulzeit verstanden wir uns gut und waren auch wiederholt nach Berlin gefahren, um das Leben in der großen Stadt kennenzulernen. Schon damals hatten wir uns des öfteren Gedanken darüber gemacht, warum wir ausgerechnet in der DDR geboren wurden. Wir fühlten uns geographisch und gedanklich eingeschränkt, und dies führte zu einer innerlichen Unzufriedenheit, die wir mit vielen anderen teilten. Durch das neu erworbene Gedankengut sahen wir Hoffnung und eine Möglichkeit, endlich Antworten auf viele offene Fragen zu bekommen. Als ich Alex von unserem Besuch in Berlin erzählte, wurde er neugierig, diese Leute kennenzulernen, und so entschlossen wir uns, bei unserem nächsten Berlin-Aufenthalt in der Gartenkolonie im Mayschweg vorbeizuschauen.

Als wir dann nach Berlin fuhren, um seinen Vater zu besuchen, der sich vor kurzem von seiner Mutter getrennt hatte und nun in Berlin wohnte, nutzten wir die Gelegenheit, auch den Devotees einen Besuch abzustatten. Während unseres Besuches unterhielten wir uns mit ihnen sehr angeregt über viele Themen. Zu einem heftigen Streit kam es jedoch, als Haladhara behauptete, dass der Mond weiter von der Erde entfernt sei als die Sonne. Swami Prabhupada, derjenige, der die originalen Sanskrittexte ins Englische übersetzt hatte, behauptete, dass die Mondlandung nichts als Betrug sei. Laut der vedischen Schriften sei der Mond ein himmlischer Planet, zudem wir Menschen keinen Zutritt hätten. Alex konnte das nicht akzeptieren, da er großes Vertrauen in die Wissenschaftler hatte. Für mich hingegen klang diese Erklärung irgendwie logisch und nachvollziehbar. Ich hatte mich wiederholt darüber gewundert, warum es bei diesem einen Besuch auf dem Mond geblieben war. Wenn die Mondlandung doch so erfolgreich war, warum wurden solche Flüge dann nicht wiederholt? Was die Gottgeweihten behaupteten, schien eine mögliche Erklärung zu sein.

Bei diesem Besuch erzählten uns die Devotees auch, dass Swami Prabhupada sie in Ostberlin besuchen wollte, und die Vorbereitungen dafür bereits in Gange waren. Einer seiner Schüler hatte über die indische Botschaft eine Einreise des charismatischen Gurus in die DDR in die Wege geleitet, und die Gottgeweihten warteten nun auf Antwort. Wenn der Termin feststeht, würden sie uns einladen, damit wir Prabhupada persönlich kennenlernen können. Er sei eine sehr beeindruckende Persönlichkeit, und alleine durch seine Gemeinschaft könne man das eigene Dasein läutern und spirituelle Themen besser verstehen. Ich war furchtbar aufgeregt und konnte den Zeitpunkt seiner Ankunft kaum erwarten. Irgendwie spürte ich, dass dieses Treffen einen Wendepunkt in meinem bisherigen Leben bedeuten würde. Wir verließen die Gartenkolonie und ich malte mir aus wie er wohl sein würde. Ich hatte schon in seinen Büchern gelesen und einige Dinge über ihn erfahren. Auch bat mich Prema Bhakti, meine Schwester zu diesem außergewöhnlichen Ereignis mitzubringen.

Im November kam dann der nächste Anruf aus Berlin. Wieder rief mich Prema Bhakti in der Arbeit an, da wir zuhause kein Telefon hatten. Sie war sehr aufgeregt und drängte darauf, dass meine Schwester und ich unbedingt am kommenden Wochenende nach Berlin kommen sollen. Sie wollte am Telefon nicht sagen, worum es ging, meinte aber, es sei etwas Schreckliches passiert. Also fuhr ich mit meiner Schwester übers Wochenende nach Berlin. Im Mayschweg angekommen herrschte eine sehr bedrückte Stimmung. Zwei Devotees vom Schloss Rettershof, des Hare Krishna Hauptquartiers in der Nähe von Frankfurt, waren gekommen, und es liefen Vorbereitungen für eine Zeremonie. Sollte jemand eingeweiht werden? Nein. Swami Prabhupada war gestorben oder, wie die Devotees sagten, er hatte den Planeten verlassen. Das war ein großer Schock. Hatten wir doch gehofft, ihn demnächst persönlich kennenzulernen. Es erfüllte mich mit Trauer, Prabhupada nicht getroffen zu haben. Ich hatte mir so viel von diesem Treffen erhofft. Nun waren alle meine Erwartungen zerschlagen und ließen mich verwirrt und orientierungslos zurück.

Während der Zeremonie am nächsten Tag brachten alle Anwesenden einem Bild von Prabhupada Blumen dar und verneigten sich davor, indem sie sich flach auf den Boden legten und ein Mantra sprachen. Später erklärten uns die Gottgeweihten, dass diese Art von Respekt-Bekundung „Dandavat“ genannt wird. Danach sprachen die zwei Besucher vom Schloss mit Namen Pavaneshana und Sucandra über Prabhupadas Leben. Wir erfuhren, dass er im Alter von neunundsechzig Jahren unter schwierigen Bedingungen mit einem Frachtschiff von Indien nach Amerika gereist war. Er war praktisch mittellos und hatte außer einer englischen Übersetzung des Saskritklassikers „Bhagavad-gita“ und der Aufforderung seines spirituellen Lehrers Bhakti-yoga, den Weg der Hingabe zu Krishna in der westlichen Welt zu verbreiten, nichts weiter im Gepäck. Etwa ein Jahr nach seiner Ankunft 1965 in Amerika gründete er die ISKCON – die Internationale Gesellschaft für das Krishna-Bewusstsein. Dem ersten Tempel in New York folgten bald weitere in San Francisco und anderen Städten in ganz Amerika. Als im Laufe der Zeit die Zahl der eingeweihten Schüler anwuchs, wurden Devotees auch in andere Länder geschickt. Einer von ihnen kam nach Hamburg, und damit begann die Geschichte der Hare Krishna Bewegung in Deutschland.

UNGEWÖHNLICHER BESUCH

Nach dem tristen Winter, der auch wegen Prabhupadas Verscheiden eine spürbare Ungewissheit mit sich brachte, erhielt ich im kommenden Frühling einen ermutigenden Brief von Prema Bhakti. Sie erzählte mir von ihren Plänen, mit einem amerikanischen Devotee Namens Krishna Kshetra nach Boltenhagen zu kommen. Prema Bhakti bot mir an, wenn ich möchte, kann dieser Gottgeweihte sogar bei mir übernachten. Da ich mit so etwas nicht gerechnet hatte, freute es mich umso mehr, und ich fieberte seinem Besuch entgegen. Ich erzählte ihr, dass ich mir nach dem letzten Besuch in Berlin eine Meditationskette gebastelt hatte und gerne wüsste, wie man sie benutzt.

Endlich kamen die beiden nach Boltenhagen, und wir trafen uns bei ihren Eltern. Krishna Kshetra war ein kleiner zurückhaltender Devotee mit guten Manieren. Er sprach deutsch mit einem sympathischen, amerikanischen Akzent. Wir unterhielten uns lange Zeit über das Chanten. Wenn die Gottgeweihten über Chanten sprachen, meinten sie damit das Sagen oder Singen der heiligen Namen Gottes. Krishna Kshetra erzählte auch, wie er die Devotees kennengelernt hatte und nach einiger Zeit ins Schloss Rettershof im Taunus einzog. Er meinte, es sei einfacher, spirituelles Leben in der Gemeinschaft Gleichgesinnter zu praktizieren. Diese Erfahrung hatte auch ich schon gemacht. Während ich mich in Berlin aufhielt, fiel es mir leicht, mich mit spirituellen Aktivitäten zu beschäftigen. Wenn ich dann wieder in Boltenhagen war, wurde ich sehr schnell durch andere Dinge abgelenkt.

Als es Abend wurde, ging ich mit Krishna Kshetra die drei Kilometer nach Redewisch zum Haus meiner Eltern, und wir legten uns schon bald schlafen. Am nächsten Morgen wachte ich, für meine Verhältnisse, früh auf und stellte fest, dass mein Gast schon mit Mantra-Meditation beschäftigt war. Er saß im Schneidersitz auf dem Fußboden, bewegte seine Finger über seine Mantra Kette und chantete leise immer wieder das Hare Krishna Mantra. Hare Krishna, Hare Krishna, Krishna Krishna, Hare Hare, Hare Rama, Hare Rama, Rama Rama, Hare Hare. Ich fühlte mich durch seine Gegenwart inspiriert, ebenfalls mit meiner neuen Kette zu meditieren, und so verbrachten wir die frühen Morgenstunden in meinem Zimmer. Nach der gemeinsamen Meditation sprach er viel über die Kraft von transzendentalem Klang und wie sich die Seele durch das Chanten des Mantras von materieller Verunreinigung läutern kann.

Wir gingen dann runter in die Küche, und ich beobachtete ihn, wie er das Frühstück zubereitete. Er kochte genug für die ganze Familie und war meiner Mutter gegenüber sehr höflich und freundlich. Nach dem Frühstück gingen wir zusammen nach Boltenhagen, um uns mit Prema Bhakti zu treffen. Ihr war nicht entgangen, dass die gemeinsame Zeit mit Krishna Kshetra etwas in mir bewirkt hatte, und sie freute sich sichtlich über die Veränderung. Wir unterhielten uns noch sehr ausgelassen für einige Zeit, und dann hieß es leider Abschied nehmen. Am liebsten wäre ich gleich mit nach Berlin gefahren.

Nach dem Besuch von Krishna Kshetra begann ich, regelmäßiger und mit größerer Aufmerksamkeit zu chanten. Viele Dinge, die er mir erzählte, regten mich zum Nachdenken an, und Beschreibungen, die ich in den Büchern gelesen hatte, wurden greifbarer für mich. Es ging nicht mehr nur um eine alte interessante Philosophie aus Indien, sondern mehr und mehr darum, wie ich dieses Wissen in meinem täglichen Leben anwenden konnte. Der Besuch dieses sympathischen Amerikaners hinterließ bleibende Eindrücke bei mir. Ich hatte das Gefühl, immer mehr interessante Menschen kennenzulernen, die mich auf meiner Suche nach dem Sinn des Lebens begleiteten.