Die Abrechnung - Chris Pavone - E-Book

Die Abrechnung E-Book

Chris Pavone

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Beschreibung

Ein Attentäter vor dem Louvre. Eine Stadt in Aufruhr. Eine Angst, die jeder kennt.

Paris, 9 Uhr morgens, zur Rush Hour: eine Bombendrohung und ein herrenloses Gepäckstück am Gare de Lyon, den die Polizei sofort evakuiert. Verdächtige Gegenstände tauchen an den Sehenswürdigkeiten der Stadt auf. Und auf dem Vorplatz des Louvre steht plötzlich ein Mann – er trägt eine Sprengstoffweste am Körper, und einen Koffer in der Hand.

Während die Menschen in der Stadt in Panik geraten und sich Scharfschützen auf den Dächern des Museums platzieren, ahnt die Amerikanerin Kate Moore, dass der Ausnahmezustand mit ihr zu tun hat. Mit ihrem stillgelegten Leben als Geheimagentin. Und mit ihrer Familie, die sie um jeden Preis beschützen muss.

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Seitenzahl: 578

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Chris Pavone arbeitete viele Jahre als Lektor und lebt heute mit seiner Familie in New York City. Bereits sein Debüt Die Frau, die niemand kannte erntete begeisterte Pressestimmen, wurde mit dem Edgar Award ausgezeichnet und in zwanzig Sprachen übersetzt. Mit Die Abrechnung knüpft er an die Erfolgsgeschichte an. Bei Penguin erschien 2017 zuletzt Der Informant.

Die Abrechnung in der Presse:

»Der cleverste Plot Twist des Jahres.« Washington Post

»Ein Fullspeed-Thriller!« Ken Follett

Außerdem von Chris Pavone lieferbar:

Der Informant

Ein Attentäter vor dem Louvre. Eine Stadt in Aufruhr. Eine Angst, die jeder kennt.

Paris, 9 Uhr morgens, zur Rushhour: eine Bombendrohung und ein herrenloses Gepäckstück am Gare de Lyon, den die Polizei sofort evakuiert. Verdächtige Gegenstände tauchen an den Sehenswürdigkeiten der Stadt auf. Und auf dem Vorplatz des Louvre steht plötzlich ein Mann – er trägt eine Sprengstoffweste am Körper und einen Koffer in der Hand.

Während die Menschen in der Stadt in Panik geraten und sich Scharfschützen auf den Dächern des Museums platzieren, ahnt die Amerikanerin Kate Moore, dass der Ausnahmezustand mit ihr zu tun hat. Mit ihrem stillgelegten Leben als Geheimagentin. Und mit ihrer Familie, die sie um jeden Preis beschützen muss.

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CHRIS PAVONE

DIE ABRECHNUNG

THRILLER

Aus dem Amerikanischen von Cathrin Claußen

Die Originalausgabe erschien 2019

unter dem Titel The Paris Diversion

bei Ballantine Books, New York.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Copyright © 2019 der Originalausgabe by Christopher Pavone

Copyright © 2021 der deutschsprachigen Ausgabe by Penguin Verlag

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Hanne Reinhardt

Covergestaltung: Hafen Werbeagentur, Hamburg

Covermotiv: © Tim Robinson / Trevillion Images; © Beau Wade from New York, NY, United States / Wikimedia; DGP&C / Getty Images; © Pyramide du Louvre, arch. I. M. Pei, musée du Louvre

Satz: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-641-25783-5V001

www.penguin-verlag.de

Was die Augen sehen und die Ohren hören, glaubt der Verstand.

Harry Houdini

1.

TEIL

LOUVRE

1

Paris, 8 Uhr 44

Eine Sirene heult, weit weg.

Kate Moore wartet vor der Schule – ihre tägliche Dosis Herumstehen auf dem Gehweg in einem Meer von Expat-Müttern, Klatsch und Tratsch und einem schwindelerregenden Pingpong von Küssen. Normalerweise werden sie auf beide Wangen gedrückt, manchmal sind es auch drei Schmatzer oder für einige ganz Verrückte sogar vier einzelne Küsse.

Das hier ist eine internationale Schule. Alle Eltern sind aus Dutzenden verschiedener Länder hierher verpflanzt worden, mit unterschiedlichen Vorstellungen von angemessener Kussdauer und – reihenfolge. Das reinste Minenfeld der Etikette. Und Etikette hat noch nie zu Kates Stärken gehört.

Sie neigt den Kopf und versucht zu hören, ob die Sirene näher kommt oder sich entfernt, eine instinktive Angewohnheit – eine professionelle Pflicht –, um den Grad der möglichen Gefahr einzuschätzen. Hier in Paris, zu dieser Stunde, sind Sirenen ungewöhnlich. In dieser Stadt ist es weniger laut als in anderen Weltstädten, London oder New York, Mumbai oder Hongkong. Und noch weniger dort, wo Kate vorher gelebt hat: in Luxemburg, wahrscheinlich der am wenigsten lauten Hauptstadt der Welt; und in Washington, das es noch nicht einmal unter die zwanzig einwohnerstärksten US-Städte schafft.

Aber Kate ist viel gereist. Wegen ihres Jobs, der sie zu entlegenen Zielen in Südamerika und Europa geführt hat. Und in den letzten Jahren wegen des Abenteuers, mit ihrem altersschwachen Kombi, dem europäischen Führerschein und zweisprachigen Kindern auf dem Kontinent umherzureisen.

Andere Metropolen sind ihr alle als viel aggressivere Angriffe auf das Gehör vorgekommen als Paris: häufigeres und penetranteres Gehupe, mehr Lastwagen im Leerlauf und Motorräder ohne Schalldämpfer, Presslufthämmer, Pfahlrammen und Heavy-Metal-Musik aus frisierten Stereoanlagen, Feuerwehren, Krankenwagen und Polizeiautos bei heißen Verfolgungsjagden – die unverkennbar städtischen Geräusche von Dringlichkeit und Notfall.

Gerade morgens macht Paris einen fast schüchternen Eindruck, und besonders dieses Stück des siebten Arrondissement mit seinen verschlafenen Cafés an den ruhigen Ecken der engen Straßen, den gut gekleideten Frauen, die ihre wohlfrisierten Kinder an der hohen grünen Tür in der festungsartigen Fassade der Schule absetzen; abweisende Steinmauern, durch die kein Laut nach außen dringt, geschweige denn ein Kind.

Die Sirene wird lauter, kommt näher.

Eine Absperrung an der Bordsteinkante hindert die Kinder daran, auf die Straße zu laufen und überfahren zu werden. Solche Absperrungen säumen die Gehwege vor jeder Schule, geschmückt mit angeschlossenen Fahrrädern und Rollern voller Aufkleber von Fußballvereinen und Popstars oder in Form von Blütenblättern.

Die Kinder sind dort vollkommen sicher.

*

Nach dem Charlie-Hebdo-Massaker haben Sirenen eine neue Bedeutung erlangt, lösen grundlegendere Sorgen aus. Die Novemberanschläge haben die Spannung weiter erhöht, und dann die Schießerei auf den Champs-Élysées, diese Ereignisse haben eine ständige Neigung zur pauschalen Panik bewirkt.

Bei Sirenen denkt man nun nicht mehr länger an eine Massenkarambolage auf der Périphérique-Autobahn oder an eine Bandenschießerei in St. Denis – Probleme von anderen, irgendwo anders. Heutzutage können Sirenen auf eine Schießerei in einem Nachtclub hinweisen, eine Geiselnahme in einem Supermarkt, einen Verrückten in einem Museum. Sirenen könnten bedeuten, dass Kate in die Schule stürmen, ihre Kinder hinausschleifen, einen ihrer Notfallpläne einleiten, die stets gepackten Koffer aus der Abstellkammer und das immer vollgetankte Auto aus der Garage holen sollte, um so schnell wie möglich aus der Stadt zu dem geheimen Bauernhaus in den Ardennen oder zum Militärflugplatz im Ruhrgebiet oder woandershin zu fahren, egal wohin.

Heutzutage können Sirenen alles bedeuten.

Alle sprechen darüber, die Laden-, Restaurant- und Hotelbesitzer. Der Tourismus ist am Ende. Die Einheimischen sind wachsam, Kunden rar. Soldaten und Polizei patrouillieren in Dreier- und Viererreihen auf der Straße, schwer bewaffnet und in Splitterschutzwesten. Nicht nur in der Nähe der Ministerien und Botschaften, auf den belebten Geschäftsstraßen und bei den berühmten Denkmälern, sondern überall; sogar hier in den ruhigen Wohnstraßen lungern Soldaten herum.

Das Militär ist zu einer permanenten Präsenz geworden, zur neuen Normalität. Scharfschützen haben im Gerüst des Eiffelturms, im Strebwerk von Notre-Dame, auf dem neoklassizistischen Dach des Triumphbogens Position bezogen. Man gewöhnt sich daran.

So fängt ein Polizeistaat an, oder? Eine Notsituation, die nie vergeht. Alles wird immer schlimmer, und dann tritt die extreme Rechte auf und verspricht umfassende Lösungen – die Steuern, die Arbeitslosigkeit, die Armut, die Immigration und die erschreckende Gewalt in den Banlieues, die Waffenschieber vom Balkan, die albanischen Drogendealer und die korsischen Gangster.

Die Polizei steht bereit und weicht nicht.

Die Leute reden davon, die Stadt zu verlassen und ein verfallenes Schloss auf dem Land zu kaufen, ein biodynamisches Weingut oder ein umweltfreundliches Bed and Breakfast zu eröffnen. Oder, zur Hölle damit, Frankreich einfach ganz den Rücken zu kehren, nach Zürich, Helsinki, Lissabon oder Edinburgh zu ziehen, an Orte, die immun sind oder zu sein scheinen.

Kate hört eine zweite Sirene, die aus einer anderen Richtung kommt.

Die Mütter um sie herum scheinen das Geräusch nicht wahrzunehmen, quasseln weiter über nichts. Kate blendet sie aus, überfliegt die Pinnwand neben sich, voller Angebote von Aktivitäten für Kinder, Gemeindetreffen, Babysitter, Ferien, der Mittagsmenüplan der Woche – mit Symbolen für biologisch, lokal, vegetarisch – neben der Liste der Allergien aller Kinder, gleich hier am Gehweg, wo jeder sie sehen kann.

Das Verabschieden beginnt. Mit der ganzen Küsserei dauert es ewig, sich zu begrüßen und zu verabschieden. Als völlig neue Kategorie täglicher Aufgaben muss man nun auch noch jeden Morgen ein Shirt bügeln und den Küchenboden wischen.

»Wann passt es dir heute Abend?«, fragt Hashtag-Mutti. »Und was sollen wir mitbringen?« Hashtag-Mutti hat nie irgendwo anders als in New Jersey gelebt, bis sie einunddreißig wurde und mit ihrem Global-Banker-Ehemann nach London, dann nach Singapur und dann nach Paris gezogen ist. Irgendwo auf dem Weg hat sie wohl angefangen so zu tun, als sei sie Britin.

»Nichts«, sagt Kate, »nur gute Laune. Es kommen alle um sieben.«

»Wunderbar.« Hashtag-Mutti beugt sich vor für ihren finalen Luftkuss. Für Hashtag-Mutti ist alles immer hashtag-wunderbar.

So viel Zeit Kate mit der Küsserei dieser ganzen Frauen verbringt, so wenig willkommen sind ihre Küsse inzwischen bei ihren eigenen Kindern, nicht in der Öffentlichkeit, besonders nicht bei dem schamvollen Älteren. Sie ist allerdings zuversichtlich, dass ihr jüngerer Sohn diese Pose nur mitmacht, weil jüngere Geschwister das eben so machen; sie weiß, dass Ben die Küsse seiner Mutter immer noch gern hat. Und deshalb drückt sie sie ihm heimlich auf den Kopf, wenn Jake gerade nicht guckt, ein offenes Geheimnis mitten in der Menge.

Die Sirenen kommen noch näher.

Nun endlich reagieren auch andere Menschen darauf, drehen die Köpfe, blicken in die Richtung, suchen nach einer möglichen Bedrohung, welche die Polizei herbeigerufen haben könnte.

Vorsichtige Vermutungen werden geäußert, Dinge, die man eben so gehört hat: der Geruch, der sich als defekte Gasleitung herausstellt, die Infektion, die übers Wochenende zu einem amputierten Bein führt. Lektionen in Wachsamkeit, was du hättest tun können, tun sollen, wenn du nur besorgt genug, wenn du nicht so faul, so selbstsüchtig gewesen wärst, wenn du nur den Mut gehabt hättest, deiner Angst von Anfang an zu folgen. Aber nur im Nachhinein siehst du es klar: Das war einer dieser Momente.

Alle drehen sich gleichzeitig in die Richtung, in der die enge Straße auf einem breiten Boulevard endet, erhaschen durch die Lücke einen Blick auf einen vorbeifahrenden Konvoi: Motorräder gefolgt von Streifenwagen, gefolgt von Panzerwagen, dann bilden noch mehr Motorräder den Schluss, lauter dunkelblaue Fahrzeuge mit Blaulicht, eine donnernde Herde, die Richtung Fluss galoppiert, zu den Museen, dem Präsidentenpalast, das alles ist dort hinten, nur einen Steinwurf entfernt.

In Schussnähe.

Entsetzen macht sich in Kate breit, ein Gefühl, dass etwas ganz falsch ist.

Vielleicht ist sie nun da: die Rache für ihre sämtlichen Fehler. Ihre Fehler als Mutter und als Kind, ihre Arbeitsfehler, Ehefehler, für alles, was sie in irgendeinem Bereich ihres Lebens falsch gemacht hat. Jeden einzelnen Morgen wacht sie auf und ist darauf vorbereitet, dass es passiert, dass ihr Leben zerstört wird.

Vielleicht ist es heute so weit.

2

Paris, 8 Uhr 47

Das größte Problem ist die Sicherheit. Weit dahinter kommt die Geheimhaltung. Aber wenn du dich weder um eine unbeabsichtigte Detonation sorgst noch darum, ob man dich entdecken könnte, steigen deine Möglichkeiten immens.

Es gibt so viele Arten, eine Bombe zu bauen.

Mahmoud hat sich hin und wieder gefragt, ob er sich die ganze Sache nicht vielleicht eingebildet hat, die letzten zwei Jahre, alles. Zwar scheint es real, aber ist das nicht immer so, wenn Leute halluzinieren?

Die Bombe, die Mahmoud unter seiner Windjacke trägt, kann leicht von jedem Laien identifiziert werden, auf den ersten Blick: ein paar Blöcke Plastiksprengstoff und ein batteriebetriebener Zünder, der mit Kabeln mit einem Klapphandy verbunden ist, alles mit Klebeband an einer Leinenweste befestigt, leicht zu sehen. Jeder Mensch weiß, was das ist. Das ist der Sinn der Sache.

Diese Bombe kann zu Fuß gebracht und dann aus der Entfernung gezündet werden, sogar wenn das Liefersystem nicht mehr funktioniert.

Die Welt hat sich an solche Vorkommnisse gewöhnt, an Orten, die logisch erscheinen. Orten wie diesem.

Mahmoud ist das Liefersystem.

Dieser Bombentyp ist so idiotensicher wie möglich. Der einzige Haken: Eine Person muss bereit sein zu sterben. Aber was ist schon ein Tod? Hunderte Millionen Menschen sterben jedes Jahr. Wir alle sterben, völlig klar. Fast alle, bevor wir glauben, unsere Zeit sei gekommen, viele unerwartet. Eigentlich ist es ein Luxus zu wissen, wann genau.

Mahmoud wird auch noch einen zweiten Apparat tragen, einen weniger leicht erkennbaren. Die Polizei wird ihre Theorien dazu haben: Warum sollte ein Mann, der eine Sprengstoffweste trägt, einen Aktenkoffer bei sich haben? Was könnte es mit dem Gepäckstück auf sich haben? Sie werden auf verschiedene Möglichkeiten vorbereitet sein, werden Detektoren, Sensoren, ein mobiles Labor dabeihaben. Nur durch Mahmouds Körpersprache und seinen Standort werden sie erraten, was das wahrscheinlichste Szenario ist. Sie werden ihre Ausrüstung benutzen, um Messungen vorzunehmen. Dann werden sie sicher sein.

*

Er sitzt hinten im Van, auf der schmuddeligen Seitentür steht Goupil et Frères électriciens.

Nach Monaten der Planung sind die letzten Vorkehrungen hastig getroffen worden. Mahmoud versteht nicht alle Faktoren, vielleicht sogar keinen einzigen; es steckt viel mehr dahinter, als man ihm erzählt. Alles, was er weiß, ist, dass man ihn immer wieder angelogen hat, eigentlich ununterbrochen, in allem.

In fast allem. Von manchen Dingen weiß er, dass sie wahr sind. Er hat Beweise gesehen.

Das Problem mit dem Wagen – wenn auch letztendlich nicht Mahmouds Problem – ist, dass die Polizei Zugang zu jeder Menge Filmmaterial der Überwachungskameras haben wird, weil das Ereignis in einer gut bewachten Gegend stattfinden wird. Es wird nur Minuten dauern, sich das Video zu beschaffen, auf dem Mahmoud aus dem Fahrzeug steigt, dann die Spuren des Vans anhand der verschiedenen staatlichen Überwachungskameras zurückzuverfolgen, die an Mauern, Straßenlaternen und Ampeln angebracht sind, genauso wie die privaten Kameras der Juweliere, Banken, Hotels und Ministerien. Jeden Tag werden neue montiert, billig und leicht zu installieren und zu vernetzen. Einen bestimmten Zeitraum zu identifizieren, die Datei zu komprimieren und den Ermittelnden zu mailen wird immer einfacher.

Es gibt keinen Weg, der Überwachung zu entkommen.

Deshalb war eine sehr komplexe Logistik nötig, nur um Mahmoud in das Fahrzeug zu bekommen. Ein System, dessen einziger Zweck es war, einen bestimmten Mann aus einem bestimmten Grund an einen bestimmten Ort zu bringen.

Ihn, hierher, jetzt.

*

Dieser Handwerker-Van ist handbeschriftet mit einer nicht existierenden Adresse, einer ausgedachten Telefonnummer, es gibt keinen Goupil in Paris, der zusammen mit seinen Brüdern als Elektriker arbeitet. Im hinteren Teil des Wagens sind keine Werkzeuge, keine Vorräte, keine anderen Passagiere. Der Stahlboden ist hart, die Stoßdämpfer sind wirkungslos. Mahmoud spürt jede Unebenheit, jedes Schlagloch in seinem Steißbein, seiner Wirbelsäule und sogar in seinem Hinterkopf, der immer wieder gegen die Seite donnert, was er nicht groß zu verhindern versucht, in gewisser Weise sogar genießt.

In letzter Zeit haben Vorstellungen von Schmerz und Tod seine Gedanken beherrscht, besonders spät in der Nacht, wenn er seine Hand zur anderen Bettseite ausgestreckt hat. Sie hat immer ins Leere gegriffen.

Hinten gibt es keine Fenster. Durch die Windschutzscheibe auf der anderen Seite der hochlehnigen Sitze dringt schwaches Licht. Aus seiner Perspektive kann Mahmoud nur große Umrisse erkennen oder solche, die dicht dran sind, und selbst die sind im Strudel des Vorbeirasens vor dem schmalen Streifen Himmel schwer auszumachen.

Mahmoud kann nicht sagen, in welche Richtung der Wagen fährt, kann sich nicht merken, wie oft sie abgebogen sind. Sogar das Vergehen der Zeit abzuschätzen, ist schwer geworden. Das genaue Ziel kennt er nicht, aber er weiß, dass es im Zentrum von Paris liegt. Ihm ist das einerlei. Nur ein paar Jahre hat er hier gelebt, doch das war lang genug, um diese ganze hübsche Stadt hassen zu lernen.

*

Der Van nimmt eine Kurve, viel zu schnell, sodass Mahmoud in die Ecke rutscht.

Er versucht, seine enge Gummiunterhose zurechtzuzupfen. Ein sehr unbequemes Kleidungsstück, doch er versteht dessen Notwendigkeit. Tatsächlich hat er sogar darum gebeten.

Mahmoud erhascht durch die Windschutzscheibe einen Blick auf etwas, eine hohe, dicke Säule, auf beiden Seiten nichts daneben, nur der leuchtend blaue Himmel, durchstochen von dieser grünspanigen Bronzestatue. Er erkennt die Umrisse, das ist … er kennt das …?

Es gibt so viele Monumente hier, Statuen, Obelisken, Springbrunnen, die Franzosen sind ganz verrückt danach, zu gedenken, feiern sich gern. Wie heißt dies hier noch mal …?

Als sie gerade hierhergezogen waren, hatte Mahmoud viele der Sehenswürdigkeiten besucht, pflichtbewusst eine Touristenattraktion nach der anderen abgeklappert. Er nahm die Blicke wahr, die er auf sich zog, bemerkte die Wachen, viele von ihnen Nordafrikaner genau wie er, aus dem Mittleren Osten, dunkelhäutige Männer, denen man Uniformen, Namensschilder und Walkie-Talkies gegeben und befohlen hatte, ein Auge auf all jene zu haben, die aussahen wie sie selbst. Jobs, um die Miete zu bezahlen, die Familie zu ernähren, die Dinge zu kaufen, die man brauchte, manchmal vielleicht auch solche, die man einfach haben wollte.

Der Fahrer legt die Parkstellung ein, springt aus dem Wagen, dann Sekunden später wieder rein.

Mahmoud hatte sich gefragt, ob diese Wachen noch schlafen konnten oder ob sie von Schuldgefühlen darüber geplagt wurden, wie sie ihren Lebensunterhalt verdienten, darüber, was für Menschen aus ihnen geworden waren, Männer, die selbst einmal den gleichen Ungerechtigkeiten, Tricks und misstrauischen Blicken unterworfen gewesen waren, alles verlässliche Konstanten wie die grauen Wolken. Nur ihre Abwesenheit verwundert – ein sonniger Tag, wie schön.

Heute ist ein sonniger Tag.

Ah! Nun erinnert er sich an den Namen dieses Ortes, das ist dieser Platz mit der Säule in der Mitte, gesäumt von den teuersten Juwelieren und schicksten Hotels: der Place Vendôme.

Es ist eine Erleichterung, dass er noch nicht alles vergessen hat. Andererseits, was spielt das schon für eine Rolle?

Nicht Mahmoud hatte nach Frankreich ziehen wollen. Das war Neelas Wunsch gewesen, ihr Traum. Er hatte sich von ihrer Leidenschaft, ihrer Überzeugung anstecken lassen. Für die Kinder, sagte sie. Für mich.

Und wohin hat das geführt? Was haben sie ihr angetan?

3

Paris, 8 Uhr 54

Hunter Forsyth registriert das Geräusch der Sirene nicht.

Später, als er seine Entscheidungen überdenkt, wird er wissen, dass er diese ersten Sirenen sehr wohl gehört, sie aber nicht wahrgenommen hat, als er auf dem Balkon stand, der vom offiziellen Esszimmer abgeht, welches während des Jahres, in dem ihm diese Wohnung gehört, niemals, nicht ein einziges Mal, für ein offizielles Dinner benutzt worden ist. Zugunsten des ordinären kleinen Bildschirms in seiner Hand ignoriert er den spektakulären Anblick des Eiffelturms, sein Zeigefinger wischt und wischt, er liest die eine Nachricht, lehnt die nächste ab, löscht, löscht, tippt einsilbige Antworten, ja, nein, versucht nicht nur seine generelle Wichtigkeit zu vermitteln, sondern auch seine besondere Ungeduld, was Angelegenheiten angeht, die unterhalb seiner Zuständigkeit liegen, Entscheidungen, die Menschen treffen sollten, ohne ihn zu konsultieren, Probleme, die sie allein lösen sollten.

Ausgerechnet heute von Nichtigkeiten zu Tode geplagt werden. Es ist wichtig, sich zu wehren. Kontrollierte Grobheit kann ein effektives Werkzeug sein.

Hunter hört ein Auto anspringen und sieht den Streifenwagen von seinem Dauerparkplatz fahren. Während er beschleunigt, geht das Blaulicht an, dann schießt der Sedan um die Kurve.

Dieses Penthaus ist wirklich spektakulär – hohe Decken und große Fenster, Fischgrät-Fußböden und marmorne Kamine, das romantische Ideal eines Pariser Zuhauses. Andererseits ist es ganz in der Nähe der Champs-Élysées, wo der Pöbel wartet, und wer zum Teufel will das schon? Hunter nicht. Aber als er etwas kaufen wollte, musste er feststellen, dass immer nur eine Handvoll hochwertige Wohnungen für Leute wie ihn zur Verfügung standen – für amerikanische Geschäftsmänner ohne Titel oder adelige Herkunft, ohne Top-Filmstar-Nachweise.

Man muss Kompromisse machen. Diese Wohnung ist nur ein paar Minuten vom Büro im Zentrum entfernt, dem europäischen Hauptquartier von Hunters multinationalem Konzern. Es gibt noch ein weiteres Büro in Paris mit viel mehr Angestellten, weit draußen in La Défense, das er wesentlich seltener besucht. Er ist nicht gerne dort.

Bei den vielen Langstreckenreisen versucht Hunter zumindest seinen Arbeitsweg kurz zu halten. Den Monat mit Unterbrechungen, den er hier jedes Jahr verbringt, wäre er viel lieber woanders, vielleicht draußen in Passy zwischen dem ganzen Art Nouveau und den verknöcherten alten Ladys, oder an der Rive Gauche, wo es inzwischen gar nicht mehr so pseudokünstlerisch ist, vielleicht sind mittlerweile sogar Leute wie er dort willkommen, Leute, die die örtliche Polizei dazu bringen können, als privater Sicherheitsdienst zu fungieren.

Wieso also ist der Streifenwagen gerade weggefahren?

*

»Colette?«

Hunters effiziente und beflissene Assistentin kommt mit klappernden Absätzen aus der Küche geeilt. Colette trägt monströs hochhackige Schuhe, die ihre Beine – ihre ganze Erscheinung – spektakulär wirken lassen. Es scheint unmöglich, in solchen Schuhen zu gehen, aber sie tut es mit unerschütterlicher Vehemenz, wie alles. Colette ist der kompetenteste Mensch, den Hunter je getroffen hat. Das ist einer der Gründe – einer von vielen – warum er vollkommen und hoffnungslos in sie verliebt ist.

»Oui, Monsieur?« Mit dem Telefon in der Hand, bereit, jede seiner Fragen zu beantworten, jede Marotte zu befriedigen, jedes Problem zu lösen, sieht sie ihn aus diesen großen haselnussbraunen Augen erwartungsvoll an. Erst letztes Jahr ist ihm aufgefallen, wie wunderschön Colette ist, und seitdem hat er nicht aufgehört, sich dafür zu schelten, dass das so lange gedauert hat.

»Wissen Sie, warum unser Polizist gerade weggefahren ist?«

»Ich finde es heraus«, sagt sie, wie sie es immer sagt und immer tut.

In jedem anderen Bereich seines Lebens ist Hunter überaus selbstbewusst. Aber bei Colette fühlt er sich wie ein schlaksiger Zehntklässler, der auf die Abschlussballkönigin steht: nervös und hoffnungslos. Je mehr er von ihrer Perfektion überzeugt ist, desto mehr malt er sich aus, was alles schiefgehen könnte. Angefangen damit, dass seine Frau es vorzeitig herausfinden könnte. Oder Colettes Ehemann.

Sie drückt eine Taste auf ihrem Telefon, die sie mit der Frau draußen in La Défense verbindet, deren Job es ist, Antworten für andere Leute zu finden.

Hunter tritt wieder hinaus auf den Balkon und sieht gerade noch, wie ein neues Auto mit blinkendem Blaulicht auf dem Dach vorfährt. Beide Vordertüren öffnen sich, zwei uniformierte Polizisten steigen aus dem Zivilfahrzeug und sehen sich um.

»Colette?«

»Oui, Monsieur?«

Von allen Fehlern, die er heute noch machen wird, ist dies wahrscheinlich der dümmste mit dem unverantwortlichsten Grund: Er will Colette die Mühe ersparen, das Büro anzurufen, danach die Polizeiwache, dann mit der Zentrale verbunden zu werden, dann mit dem Vorgesetzten, dann mit welcher Person auch immer, die sich um Hunters nicht ganz legale Sicherheitssache kümmert … Er will ihr dieses halbe Duzend Gespräche ersparen. Warum? Weil er nicht aufhören kann, an sie als seine wahre Liebe zu denken, statt als an eine seiner fünf Assistentinnen. Er stellt Colettes Interessen über seine eigenen, eine Umkehrung ihrer professionellen Beziehung.

»Vergessen Sie es«, sagt er. »Gerade ist ein neuer Polizeiwagen vorgefahren.«

»Parfait.«

Sie tippt in ihr Gerät – mit fliegenden Fingern schmiert sie die verschiedenen Rädchen des Lebens ihres Bosses – während sie zurück zu ihrem Platz am Küchentresen geht.

Dann hört er sie nach Luft schnappen.

*

Der kleine Fernseher auf dem Tresen zeigt einen Haufen von Polizeiwagen vor einem Bahnhof, MENACE À LAGARE steht in großen roten Lettern quer über den Bildschirm.

»Eine Bombe«, erklärt Colette. »Am Gare de Lyon.«

Er denkt sofort darüber nach, was das für Auswirkungen auf ihn haben wird, auf seinen heutigen Tag, auf den morgigen, wenn er nach Hongkong fliegt. Eine Bombe auf einem Bahnhof am anderen Ende von Paris ist nicht sein Problem. Nicht mit der vor seinem Haus stationierten Polizei, seinem Leibwächter im Flur, in einem Wohngebiet, in dem es von Militär, Polizei, Präsidentenpalast und US-Botschaft wimmelt. Er ist sicher.

Der Flug morgen wird brutal werden. Was Hunter braucht – völlig klar –, ist ein eigenes Flugzeug. Nicht so einen winzigen Privatjet für kurze Flüge in Urlaubsgebiete, sondern einen großen Jumbo, der ihn von jedem Ort dieses Planeten überall anders hin bringen kann.

Nach dem heutigen Tag wird er sich so ein Flugzeug kaufen können. Alles wird er sich kaufen können. Alles haben können. Vielleicht sogar Colette.

4

Paris, 8 Uhr 58

Kate sieht zwei weitere Polizeiwagen über die Kreuzung schießen und den Frieden in der Rue du Cherche-Midi stören, wo die Menschen gerade erst zu einem neuen Arbeitstag aufwachen, Türen werden aufgeschlossen, Schilder auf OUVERT gedreht.

Heutzutage passiert es leicht, dass man sich unwohl fühlt, ständig liegt so eine böse Vorahnung in der Luft, und dann ist da noch Kates ganz spezielle Furcht: das Schreckgespenst, ihre Karriere könnte platzen. Immer weiter hofft sie, dass sie es schafft, das zu verdrängen, und aufhört, es morgens um vier ganz deutlich vor sich zu sehen.

Blitze jagen ihr durch den Kopf, all ihre schlimmsten Erinnerungen ziehen vorbei. Santibanez, aus dessen Augen das Leben schwindet, zusammengesunken am Stamm eines Baums im dunklen Park von Oaxaca. Die Überraschung im Gesicht einer flehenden Frau in New York, ihr Blut wie eine aufblühende Blume auf dem Teppich. Julia, mit hasserfülltem, entschlossenem Blick, klitschnass vom starken Regen oben auf der mittelalterlichen Mauer von Luxemburg, die Mündung ihrer Waffe nur ein paar Zentimeter von Kates Stirn entfernt.

Das scheint so lange her, damals waren sie noch ganz neu in Europa.

Bis sie nach Luxemburg gezogen war, hatte Kate keinerlei Erfahrung mit dieser Vielfalt von Hauptstraßen-Einzelhändlern, bei denen die gleichen Angestellten jahrelang zu den gleichen Zeiten arbeiteten, ihr Leben lang, die mittags schlossen und einen ganzen Monat lang während der Fermetures annuelles; die eine Hälfte der Leute ist im August weg, die andere im Juli. In D.C. hat Kate ihre Einkäufe in Supermärkten und Kaufhäusern erledigt, ein verschwommener Nebel aus Samstagvormittagen, an denen sie im Regen von einem Parkplatz zum nächsten fuhr, mit anderen vernünftigen Autofahrern in Linksabbieger-Fahrspuren wartete. Der Haushalt war ein halbherziger Nebengedanke, nach unaufmerksamer Elternschaft, automatischer Ehe und einer absteigenden Karriere, die einst lohnenswert, aufregend und belebend, in letzter Zeit aber frustrierend, beängstigend und schließlich untragbar geworden war.

Eines Tages kam Dexter nach einem weiteren entmutigenden Tag in Washington, D.C., nach Hause und fragte: »Was würdest du davon halten, in Luxemburg zu leben?«

Einfach so: ein völlig anderes Leben. Expats.

Es gibt sogar Namen für jene Traditionalisten, die im August Ferien machen, und einen anderen für die Emporkömmlinge, die den Juli bevorzugen. Aoûtiens versus Juillettistes.

Gleich um die Ecke von ihrem Zuhause ist ein blitzsauberer, hell erleuchteter Supermarkt, aber Kate bevorzugt es, auf die traditionelle Art einzukaufen, auf dem Markt an einem schattigen Abzweiger eines Boulevards anzufangen, beim Fischmann und der Obstfrau zu halten, dem Zwiebelstand, den Kartoffeln, den Oliven, dem Grillfleisch, dem Schlachter mit den gelben Hühnchen und den geviertelten Kaninchen Besuche abzustatten. Gerade kauft Kate einen Armvoll Blumen, als die Menschen innehalten, um einer dichten Karawane von Räumfahrzeugen der Gendarmerie nachzusehen, große blaue Busse mit rot-weiß-gestreiften Aufdrucken, Blaulicht, in jedem zehn französische Polizisten, Flics, bereit herauszuspringen, in Kampfausrüstung und mit Sturmgewehren über ihren Schultern sowie Maschinenpistolen in ihren Holstern, viel Montur, viele Waffen.

Ihr Telefon schlägt Alarm, eine Erklärung für den ganzen Trubel: eine Bombendrohung am Gare de Lyon.

Ein neuer Tag, eine neue Bedrohung.

Sie dreht weiter ihre Runde in der Einkaufsstraße, alles da, was man braucht: Apotheke und Haushaltswaren, Fromagerie und Boucherie, eine wahre Explosion von Naturkostläden, bio dies und natürlich das und dazu frisch gepresste Säfte, die alle Ingwer oder Echinacea enthalten. Mit den Leihrädern, dem Rauchverbot und den Aufladestationen für Elektroautos kommt man sich vor wie in Kalifornien, sogar eine Schwemme von Burgerläden gibt es, die Art von Modeerscheinung, die Kate für ein amerikanisches Phänomen gehalten hatte, eine Leidenschaft für Grubengrills, für Craft-Bier, dafür, Enten in Truthähne und dann in Kessel mit Frittieröl zu stopfen.

Je länger sie nicht mehr in Amerika lebt – ist das wirklich schon fünf Jahre her? –, desto weniger identifiziert sie sich mit ihrer immer fremder werdenden Heimat. Desto weniger kann sie sich vorstellen, ihr ganzes Leben lang für die amerikanische Regierung zu arbeiten. Das war anders, als sie noch fest an das System geglaubt hat, an seine Vorgehensweise bei der Auswahl von Anführern, von Leuten, die mit dem Privileg – der Verantwortung – betraut sind, Entscheidungen zu treffen. Aber die jüngsten Vorkommnisse lassen institutionelles Versagen von enormem Ausmaß vermuten.

Und doch bleibt sie hier und befolgt die Befehle von dort. Noch immer weiß sie nicht, wer ihr die letztendlich erteilt. Sie fühlt sich zunehmend unwohler.

Was Kate weiß, ist, dass ihre Lage von Tag zu Tag prekärer wird, da ihre vergangenen Fehltritte nicht von neuen Erfolgen aufgewogen werden. Da Hayden weiterhin verschwunden ist. Peter auch. Da das Ende ihrer Karriere jeden Tag wahrscheinlicher wird und nur niemand sich bisher die Mühe gemacht hat, es ihr zu sagen.

Sie stellt sich in die Schlange der Frauen in der Boulangerie und erhascht einen Blick auf ihr Spiegelbild im Ladenfenster. Sie ist eine ansehnliche Frau Anfang des mittleren Alters, eine arbeitende Mutter, die dem unvermeidlichen Kurzhaarschnitt, den französische Frauen anscheinend alle irgendwann in ihren Vierzigern tragen, bisher noch nicht nachgegeben hat. Dieser Haarschnitt ist nichts, was sie sich über sich selbst eingestehen will, noch nicht.

Kate will anderen gegenüber so wirken, wie sie sich selbst sieht. Sie fragt sich, ob das jemals einem Menschen gelungen ist.

Vielleicht findet sie ja morgen etwas anderes, womit sie ihr Geld verdienen kann. Vielleicht wird sie das morgen müssen.

*

Kates Arbeit fängt morgens damit an, eine Handvoll Personen von Interesse zu überprüfen, die über Europa verteilt leben, deren Häuser unter Beobachtung stehen, deren Geräte gehackt und in deren Computernetzwerke eingedrungen wurde. Die Updates dazu überfliegt sie schon, bevor sie überhaupt aufsteht.

Dann macht sie den Kindern Frühstück, hilft ihnen beim Anziehen und begleitet sie zur Schule. Wie viele Stunden sie am Ende des Tages arbeiten muss, lässt sich nicht vorhersagen: Treffen mit Spionen, mit Quellen, die einen Drink ausgegeben haben wollen, mit Spitzeln, die Bargeld brauchen. Diese Verpflichtungen entwickeln sich üblicherweise am späten Nachmittag; niemand stolpert im Schlaf über nützliche Informationen.

Ihre Vormittage sind also frei für den Haushalt, um ihre bonnes adresses abzuklappern und ihren Mann im Café zu treffen, was eine wichtige Komponente ihres Eherehabilitationsprogramms ist. Nach Dexters Betrügereien und ihrem eigenen Verhalten ist Kate klar geworden, dass sie nicht weiterhin passive Teilnehmerin ihrer Ehe sein kann. Sie kann nicht mehr annehmen, dass schon alles gutgehen würde, als wäre die Ehe eine perfekt konstruierte Maschine, die durch die unendlichen Weiten des Alls rast, ohne Spannungen, ohne Widerstand, ohne Grund, langsamer zu werden, vom Kurs abzuweichen, abzustürzen oder zu verbrennen.

Es gibt reichlich Spannungen. Dazu jede Menge fremde Körper, die ihre eigene Schwerkraft besitzen, magnetische Anziehung ausüben, Rückstöße verursachen.

Jemand muss aktiv dafür sorgen, diese Ehe am Laufen und auf Kurs zu halten. Kate hat lange genug mit Dexter zusammengelebt, um zu wissen, dass er nicht der Pilot sein wird. Also hat sie diese mehr oder weniger regelmäßigen morgendlichen Treffen eingeführt, geschickt in ihre Tagesabläufe eingebaut, eine nette Einladung nach der anderen, bis es zur Gewohnheit geworden ist.

Kate ist die Pilotin.

*

Sie wirft einen Blick auf ihre Uhr, ein schuldbeladenes Jubiläumsgeschenk von Dexter. Sind alle Männer so leicht zu durchschauen? Oder nur ihr eigener schwacher Gatte?

Der vor ihr liegende Arbeitstag wird vermutlich ereignislos sein – wenn nicht sogar nutzlos. Anders als ihre Dinnerparty am Abend. Es gibt einen Grund für diese Beziehungen, dafür, an ihnen zu arbeiten. Kate ist schon eine Weile an der Reihe, Gastgeberin zu sein, eine Verantwortung, der sie zu lange ausgewichen ist. Die Gäste werden Paare aus der Schule sein: die unvermeidbare Hashtag-Mutti und ihr Hashtag-Ehemann, das charmante holländische Paar, das aussieht wie Geschwister, der ruhige Banker aus Norwegen, dessen geschwätzige Frau einmal betrunken erzählte, dass er einen riesigen Penis hat – sie hatte es mit den Händen gezeigt, sie unglaublich weit auseinander gehalten –, und nun kommt das Thema alle paar Monate auf, im Lauf eines Mädelsabends, an dem jedes Mal eine von ihnen eine kleine Tändelei zugibt, ein unschuldiges Schwärmen für den Mathelehrer, ein nicht so unschuldiges Rendezvous mit dem Barkeeper, Blowjobs im Hinterzimmer und die kurze Befürchtung einer Schwangerschaft – Kates Fehltritt allerdings nie, der kommt nie zur Sprache, bei niemandem, niemals –, und früher oder später wird eine von ihnen, ohne eine Miene zu verziehen, fragen: »Und, hat jemand in letzter Zeit Olafs Schwanz gesehen?«, und alle werden platzen, sich vor Lachen krümmen und verzweifelt versuchen, den Weinbar-Pinot-Noir nicht aus den Nasenlöchern zu prusten.

Kein schlechtes Leben.

5

Paris, 9 Uhr 1

Dexter Moore hört Sirenen, irgendwo in der Ferne.

Er sieht auf seine Armbanduhr: kurz nach neun. Blickt über seine Schulter: Wieder wartet niemand. Früher standen Menschenmassen für dieses halbe Dutzend Tennisplätze an, alle trugen Weiß, schlürften Kaffee, blätterten durch Zeitungen und unterhielten sich.

Nicht heute.

Dexter hat an diesem Morgen schlecht gespielt, er war abgelenkt, seine Gedanken drehten sich unproduktiv um unangenehme Themen, bauten Anspannung auf, verschlechterten sein Spiel, ein Teufelskreis.

Er nimmt an, dass die Nähe der Plätze zum Senat der Grund ist, warum sie unbeliebt geworden sind. Niemand will hier Tennis spielen, wenn dort eine Bombe hochgeht, womöglich tödlich und, schlimmer noch, abgrundtief peinlich, wenn deine Lacoste-Leiche unter einem Linienrichterstuhl gefunden würde, mit Schweißband ums Handgelenk. Unerträglich.

»Bon match«, sagt er zu Luc mit einem, wie er weiß, armseligen Akzent. Dexter lebt nun seit einer halben Dekade in französischsprachigen Ländern, und er hat wirklich sein Bestes versucht – Privatstunden, Vokabeln lernen, Übungen zum Konjugieren von Verben –, mit begrenztem Erfolg. Was nichts anderes heißt als: Scheitern.

»Bist du sicher, dass du heute Abend nicht kommen willst?«

Luc sieht von seinem Knie auf, von dem er gerade die Bandage abwickelt. »Es kommen vier verheiratete Paare?«

»Richtig.«

Wahrscheinlich gibt es für einen Typen wie Luc keine größere Zeitverschwendung, geschieden und immer auf der Suche, sich jeder Frau ohne Ehering im näheren Umkreis hyperbewusst. Wer ist am attraktivsten, wer am ehesten bereit, mit ihm zu schlafen? Luc sammelt immer noch Telefonnummern und Verabredungen und Kerben in seinem Gürtel sowie die Reue am Morgen danach, die Enttäuschung und die Exfrauen. Seine Kinder sieht er nur an Sonntagen, nachdem er seine Samstagabendverabredung rausgeschmissen und die Kondomverpackungen tief im Mülleimer vergraben hat, damit die Kinder sie nicht sehen, wenn sie das Einwickelpapier ihrer Bestechungsschokolade wegwerfen. Er erfüllt jedes Klischee eines geschiedenen Vaters.

»Merci«, sagt er milde lächelnd, »mais non, merci.«

Dexter erwartet nicht, dass Luc zusagt. Aber die Einladung, die sich auf den einsamen Menschen ausdehnt, ist das Schöne, nicht das Ereignis an sich. Eigentlich will Dexter selbst nicht zu seiner eigenen Dinnerparty gehen, die Leute aus der Schule mag er nicht besonders. Und heute ganz sicher nicht, wo so viel auf dem Spiel steht. Er hat Glück, wenn er den Nachmittag übersteht, ohne sich zu übergeben.

»Bist du bereit für heute, Dexter?«

»Ja, ich denke schon.« Er schaut von seiner Tennistasche auf, dunkelblaues Leinen, der Griff seines Schlägers guckt raus. »Ich hoffe es. Danke noch mal für den Tipp.«

Der Franzose lacht. »Dank mir jetzt noch nicht, mon frère. Ich verspreche nichts!« Luc ist ebenfalls selbstständiger Investor. Sie haben sich online in einem Forum kennengelernt, dann persönlich bei einem Freelancer-in-Finanzen-Meeting in einer Bar in Oberkampf, wo alle zu jung waren, in der ganzen Gegend sind alle zu jung. »Darf ich fragen, welche Summe du angelegt hast?«

»Genug, damit es sich lohnt.« Dexter lächelt, setzt ein Gesicht auf, das hoffentlich leichtherzig wirkt, unbesorgt. »Nicht so viel, dass es mir das Genick brechen könnte.«

Wenn das nur wahr wäre.

Es gibt so viele Menschen auf der Welt, die den größten Teil ihrer Wachzeit – vielleicht sogar auch ihrer Schlafenszeit – damit verbringen, über Geld nachzudenken, über Margen, Währungen, Kredite, Kapital, Schulden, Marktanteile und Kostenverhältnisse; verschiedene Wege, relative Werte zu bestimmen. Dexter hätte nie gedacht, dass er einer von ihnen werden könnte.

Sein Weg ist nicht gerade verlaufen. Da war der eigentlich enttäuschende Aufenthalt in Silicon Valley, die etwas befriedigenderen Jahre in D.C., der komplizierte Umweg über Luxemburg. Er fragt sich, ob Paris die längste Etappe sein wird. Mit den Kindern in ihrer kosmopolitischen Schule, Dexter, der in seinem Homeoffice Börsenhandel betreibt, seiner Frau, die … was eigentlich macht …?

Die tut, was zum Teufel Kate eben tut.

Dexter ist gezwungen gewesen zu akzeptieren, dass sie ein Recht auf ihre Geheimnisse hat. Er hat selbst genug.

*

Sein Tag: erst Tennis, jetzt Kaffee mit seiner Frau, dann an seinen Computer, wenn die Londoner Börse öffnet, ein paar Stunden Handel vor dem Mittagessen, dann läutet die Glocke in New York, gefolgt von einem angespannten Nachmittag, später holt er die Kinder von der Schule ab, und irgendwann zwischendurch muss er die Stadt nach einem Geburtstagsgeschenk für Ben durchsuchen – er hätte es schon vor Wochen kaufen sollen, hat er aber nicht – und zum Schluss die Dinnerparty.

Ein normaler Tag, nur ein bisschen arbeitsreicher. Und hoffentlich ein bisschen lukrativer.

Nein, falsch: hammermäßig viel lukrativer.

Für Dexter hängt zu viel von dem heutigen Ausgang ab, im rationalen Teil seines Gehirns versteht er das, weiß, dass diese Investition keine vernünftige Lösung für seine sehr großen und weiter wachsenden finanziellen Probleme und die damit nicht unzusammenhängenden persönlichen ist. Auch vor sich selbst gibt er das Ausmaß des Problems nur widerwillig zu, nicht bereit, seine falschen Entscheidungen anzuerkennen, Situationen, die sich fast täglich weiter verschlechtern …

Er kämpft gegen das Gefühl des Untergangs, den Tsunami, den Hurrikan, die unkontrollierbare Gewalt, die alles bedroht …

Es ist nicht unkontrollierbar, sagt er sich. Es ist nicht der Untergang.

Alles wird gut.

Gut.

Er betrachtet die manikürten Bäume und Büsche, die gepflegten hellbraunen Kieswege, die gedankenvolle Ordnung in allem. Als sie neu nach Paris gezogen waren, war dieser Park für die Kinder der beste Ort der Welt, sie stellten sich an der Seilbahn an, kletterten auf die Tau-Pyramide, hielten beim Café, um sich Saft, Süßigkeiten, Eis zu holen. Dexter kaufte die Spielplatztickets im Zehnerpack und bekam einen winzigen Mengenrabatt. In Frankreich liebt man Rabatte nicht, jede Art von Preisnachlass ist generell illegal, außer in genau festgelegten Zeiträumen – les soldes – wenn Unmengen von Werbeplakaten so mäßige Prozente verkünden, dass amerikanische Kunden auf ihrem Weg zum Walmart-Supermarkt nicht mal die Geschwindigkeit drosseln würden.

Dann ganz plötzlich hörten die Kinder auf zu fragen: »Können wir in den Park gehen? Bitte? Bitte?« Einfach so. Durch, nicht nur mit diesem bestimmen Spielplatz, sondern mit allen, mit Rutschen und Schaukeln, Wippen und Sandkisten, dieser ganze Lebensabschnitt war zu Ende; aus und vorbei, ohne Sentimentalität.

Dexter beschleunigt seine Schritte als er durch das hohe schmiedeeiserne Tor geht, sieht einem Polizeiauto nach, das ungewöhnlich schnell vorbeirast, erschreckend schnell, und stößt seitlich mit einer Frau zusammen, als er sich wieder umdreht – wo zum Teufel kommt die her? –, ihre Einkäufe kippen aus, Äpfel kullern, ebenso Kartoffeln, sogar ihr Käse ist rund, alles aus ihrer Tasche scheint in unterschiedliche Richtungen über den Gehweg zu rollen, Dexter entschuldigt sich übermäßig, lässt seine Tennistasche fallen und hechtet den verstreuten Sachen hinterher.

»Je suis désolé«, sagt er und legt die Grapefruit zurück in ihre Tasche, eine von diesen großen, stabilen Recyclingtaschen. Niemand benutzt noch Plastiktüten.

»C’est pas grave.«

»Ça va?«, fragt er. »Sûr, ça va?«

An den meisten Vormittagen hat Dexter mit niemandem Kontakt außer mit seiner Familie, er ist mit seinem Computer allein und abgeschieden in der Wohnung. Aber heute hat schon Luc mit ihm geredet, und dann hat ihn dieser alte Mann an der Ampel angesprochen und nun diese Frau, die jetzt aufsteht, die Hände voller runder Früchte.

»Oui, Monsieur.« Sie lächelt ihn an. »Merci bien.«

Es ist ein nettes Lächeln. Sie ist eine attraktive Frau, tatsächlich ist sie sogar wunderschön, und Dexter hat eine vage Ahnung, dass er sie schon mal gesehen hat, auch wenn er nicht zuordnen kann, wo, und er merkt, dass er zu sehr versucht, sich daran zu erinnern.

6

Paris, 9 Uhr 17

Der Van hält wieder an. Diesmal, vermutet Mahmoud, ist es das letzte Mal. Diesmal ist es sein Stopp.

Sie haben Mahmoud nie das endgültige Ziel verraten, und er hat sich nicht darüber beschwert, darüber im Dunkeln gelassen zu werden. Aber in den Minuten, seit er den Place Vendôme erkannt hat, hat er versucht zu raten, wo er wohl enden wird.

Er hat keine Ahnung, welche anderen Elemente mit einbezogen sind, welche anderen Menschen in welchen anderen Gegenden der Stadt, Europas, der Welt. Er könnte ein Teil eines immens großen Puzzles sein, oder ein Einzeltäter. Am Ende macht das keinen Unterschied, nicht für ihn.

Der Fahrer ist angezogen wie jeder andere Franzose, mit der Art von Outfit, mit dem man aus einem Van steigen und sich in den Strom der Fußgänger mischen kann, anonym, unbemerkt. Mahmoud kennt nicht einmal seinen Namen.

Der Mann dreht sich um. »Nous sommes arrivés.«

*

Mahmoud ist erzählt worden, dass es eine gewohnte Form sein würde, etwas, das alle kennen und ihm sogar noch vertrauter sei als vielen anderen. Wie ein Rätsel. Er hat sich Sorgen gemacht, dass er dieses Rätsel nicht versteht, dass diese Leute die Breite seines Wissens überschätzt haben, seine Schlussfolgerungsfähigkeiten, seine allgemeine Intelligenz.

»Là-bas« – der Fahrer zeigt auf den Fußgängerdurchgang, der durch das stämmige Gebäude führt. »Kennst du es?«

Mahmoud nickt, natürlich kennt er es, jeder kennt es. Nun, wo er hier ist, ist es vollkommen offensichtlich, und er kann nicht glauben, dass er nicht vorher darauf gekommen ist. Vielleicht ist er ja wirklich ein Idiot, so wie sein Vater es immer gebrüllt hat.

»Bonne chance.«

So etwas sagt dieser Typ zu ihm? Viel Glück?

Als er den Fahrer heute Morgen zum ersten Mal getroffen hat, war Mahmoud überrascht, dass er nicht aus dem Mittleren Osten kam, auch nicht aus Afrika oder Asien. Tatsächlich scheint er Amerikaner zu sein; spricht auch Französisch wie einer. Und er ist nicht der einzige beteiligte Amerikaner. Bei einer Mission, die wirklich nicht besonders amerikanisch wirkt.

Mahmoud weiß nicht, wie er auf die Glückwünsche des Mannes reagieren soll. Danke? Er dreht sich einfach um.

»Hey!«

Mahmoud blickt zurück. Der Fahrer sieht nun in die andere Richtung, greift auf den Beifahrersitz, dann nach hinten und reicht etwas aus dem Fenster –

Ah, natürlich! Wie konnte er das vergessen?

Dieser schwere, verstärkte Stahlaktenkoffer ist wahrscheinlich das Einzige, das Mahmoud die Chance gibt, die nächsten Minuten zu überleben.

Er langt nach oben und greift nach dem glatten Griff des glänzenden Koffers. Seine Handfläche ist verschwitzt, nass – er wird mit jeder Sekunde nervöser – und so rutscht ihm der Metallgriff durch die schmierigen Finger, und beide Männer keuchen, als das Ding herunterfällt, auf den Gehweg scheppert …

Eine Sekunde …

Zwei …

Drei …

Nichts passiert.

Beide atmen aus.

*

Vom Van sind es nur ein paar Schritte zu den goldenen Spitzen des Tors zur Passage für die Fußgänger, wo es kalt, dunkel und feucht ist. Man hört das Echo von Schritten, die plötzlich verstummen, als ein Stadtbus in einen der Fahrbahntunnel einfährt und den Raum mit Dröhnen füllt.

Auf der anderen Seite tritt er ins helle Licht des weiten Ausblicks, der kleine Bogen, das Karussell, die Bäume und Blumen, alles unter einem gigantischen Himmel, der Eiffelturm am fernen Horizont. In Paris kann man häufig den Himmel sehen, es gibt viele offene Plätze, die Gebäude sind nicht hoch. Zu schade, dass er oft so grau ist.

Jemand hat mal versucht, ihm das Wetter in Nordeuropa zu erklären, aber er konnte es sich nicht vorstellen, nicht bevor er nicht selbst hier lebte.

Große marmorne Felder begrenzen den Gehweg, außerdem gibt es quadratische Betonblöcke als Schutz gegen Anschläge mit Autos oder Lastwagen. Aber es gibt keine geschlossenen Zäune, keine Polizei, keine Wachen, nichts, was das Vorankommen eines Fußgängers auf diesem Weg behindert.

Mahmoud bleibt bei dem beweglichen Leichtgewichtzaun stehen. Das ist seine letzte Chance umzudrehen, zurück in das Gedränge der Verkäufer aus Afrika zu waten, die Eiffelturm-Schlüsselanhänger, Wasser und Selfiesticks verkaufen, zu den Fahrradtaxis und Guides und jeder Spezies von Gaunern, die die mit ihren Reiseführern und Telefonen beschäftigten Touristen beklauen, welche wiederum unablässig auf die Uhr sehen und sich wundern, warum die Schlange so lang ist.

Mahmoud weiß: Die Schlange dient der Sicherheit, die dieser Tage überall sehr ernst genommen wird nach allem, was in Paris, in Frankreich, im Rest der Welt passiert ist.

Es ist eine lebensgefährliche Zeit.

In Wahrheit ist jede Zeit lebensgefährlich. Nun ist sie aber auch gefährlich für Menschen aus Westeuropa und Amerika, nicht nur für die überwältigende Masse der Weltbevölkerung, die überall auf der Erde lebt und stirbt, an Orten, die so gut wie immer gefährlich sind, Orte, an denen beträchtliche Bevölkerungsgruppen in Genoziden ausgelöscht werden, durch Hungerkatastrophen und Epidemien, bei Überschwemmungen, Erdbeben und Hurrikans, in Bürgerkriegen, Konterrevolutionen, durch politische Säuberungen, Stammesfehden und tief sitzende religiöse Konflikte, die seit Jahrzehnten andauern, Jahrhunderten, Jahrtausenden.

Ja, durch diese Metalldetektoren fühlen sich die Menschen sicherer. Aber das ist nur ein Gefühl, keine Tatsache. In Wahrheit ist keiner dieser Menschen sicher. So etwas wie Sicherheit gibt es für niemanden, nirgends. Nicht mehr.

7

Paris, 9 Uhr 18

Ihre Arme werden langsam müde von diesem Riesenstrauß Blumen und der Tasche, die mit einem schweren Brotlaib und einer Schachtel gemischter Gâteaux apéritifs für die obligatorische Cocktailstunde sowie mit frischen Früchten, reifem Käse und einer Flasche Armagnac gefüllt ist. Pflichtbewusst hat sie das Hühnchen in Rotwein mariniert und am Abend zuvor gedämpft, zum Aufwärmen bereit.

Kate kocht, das tut sie nun, sie besitzt sogar eine Schürze, ein Geburtstagsgeschenk, angeblich von den Kindern ausgesucht, auch wenn es wahrscheinlich eine wenig subtile Geste von Dexter war; Kate hat so getan, als freute sie sich wahnsinnig. Sie hat sogar angefangen, den Jungs ein bisschen was beizubringen, das sie allein hinkriegen können, nichts Kompliziertes, keine mit dem Gemüsehobel abgeschnittenen Fingerkuppen oder von heißem Öl verbrühten Unterarme. Nur Soßen, überbackene Käsesandwiches, solche Sachen.

Sie entdeckt Dexter auf der anderen Seite des Boulevards, bereits mit einem Espresso und Le Monde ausgestattet, immer noch in Tenniskleidung. Als er die Beine übereinanderschlägt, stößt er den Schläger um, den er an seinen Stuhl gelehnt hat, dann beugt er sich hinunter, um ihn aufzuheben und stößt sich den Kopf.

Mein Gott.

Sie kann nicht anders als zu lächeln. Wenn sie es nicht besser wüsste, würde sie glauben, es sei Show.

Seit ein paar Wochen befinden sie sich in einer schwelenden Fehde – nein, eigentlich seit Monaten, aber dieser Trip in die Champagne vor Kurzem hat ihr wirklich den Rest gegeben. Dexter hatte die Idee, sich die Kathedrale von Reims anzusehen und eine Weintour zu machen. Was erschreckend deutlich zeigte, wie wenig Ahnung er davon hat, auf welche Art seine Kinder gern einen Samstag verbringen. Dieser schlecht durchdachte Ausflug kam auch noch kurz nach dem Wiederauftreten eines gesundheitlichen Problems von Ben, was Kate mal wieder Dexters Unfähigkeit vor Augen führte, es zu mildern und sich darum zu kümmern. Und auch ihre Enttäuschung über sich selbst, weil sie nicht zu Hause war, um es zu verhindern. Und an den Grund dafür.

Aber Tag für Tag ist Kates Wut weiter abgeebbt. Sie ist wieder bereit, sich über ihren Mann zu amüsieren. Wenn auch noch nicht so weit, ihn das wissen zu lassen.

Die Ampel springt um. Kate tritt ohne besondere Vorsicht vom Gehweg auf die Straße –

Eine Gefahr blitzt auf, sie kommt schnell von links, es ist ein Lastwagen, der in ihre Richtung schlingert, auf die Rue de Rennes abbiegt und einer Kolonne Polizeiwagen den Weg frei macht, die mit Blaulicht, aber ohne Sirenen vorbeirasen, bestimmt ein Dutzend Stück. Kate springt zurück und wird nur knapp nicht vom Lastwagen erwischt, der auf den Übergang schlittert, bremst, jedoch nicht schnell genug, ein paar Leute fangen an zu schreien, als die Reifen quietschen und –

Kate lässt ihre Einkaufstasche und ihre Blumen fallen und rennt hin, bereit zu helfen, im Gedächtnis geht sie die Erste-Hilfe-Checkliste durch, bei Nacken- und Rückenverletzungen nicht bewegen, Pupillen untersuchen, pressen bei Fleischwunden, Druckverband …

Es ist ein Hund.

Ein braun-weißer Springer Spaniel, der noch an der Leine hängt, dessen anderes Ende eine flotte alte Dame hält, den Mund vor Entsetzen weit geöffnet.

Der Fahrer springt aus dem Lieferwagen, lässt die Tür offen und sieht sich um, als sei er nur als neugieriger Zuschauer auf die Szene gestoßen, nicht sein Problem.

Die alte Dame beginnt ihn anzuschreien.

Aus allen Richtungen laufen Leute zusammen. Eine junge Frau kniet sich neben den Hund, legt ihren Motorradhelm ab, sie trägt enge Jeans, hohe Stiefel und eine abgewetzte Lederjacke, eine Zigarette hängt in ihrem Mundwinkel. Sie untersucht den Hund, der ohne Vorwarnung wieder auf die Füße springt und sich schüttelt, mit dem ganzen Körper wie unter Strom, als sei er gerade aus einem kalten See aufgetaucht, oh, tat das gut.

Die alte Dame beugt sich vor und streichelt vorsichtig ihr Haustier, untersucht es nach Verletzungen, die Beine, die Pfoten, den Kopf. Sie blickt dem Hund tief in die Augen, als suche sie nach Zeichen einer Gehirnerschütterung, als bitte sie den Spaniel, von zehn rückwärts zu zählen, das heutige Datum zu nennen, zu sagen, wer Präsident sei.

Ein paar Leute haben angefangen, den Fahrer zu beschimpfen, und eine hysterische Frau telefoniert mit der Polizei. Aber der Hund wedelt nun mit dem Schwanz, begeistert von der ganzen Aufmerksamkeit der Fremden, wo die morgendlichen Spaziergänge doch normalerweise so ereignislos sind: Wir holen nur die Zeitung und gehen dann zurück in die Wohnung, legen uns vor die Tür und warten, dass etwas Lustiges passiert, vielleicht kommt heute ja die Putzfrau.

Kate hat Mitleid mit dem Fahrer, der versucht zu erklären, dass er den Schwarm von Polizeiwagen im Rückspiegel entdeckt habe und es seine Bürgerpflicht sei, den Weg frei zu machen, den Hund habe er da unten unmöglich sehen können …

Seine Argumente sind berechtigt; einige Leute nicken zustimmend, andere sind immer noch wütend. Ein Mann mittleren Alters mit einer furchterregend gebogenen gallischen Nase hat sich zum Moderator erklärt, er trägt eine magentarote Jeans und eine bauschige Weste über seinem Tweed-Jackett, das Outfit von jemandem, der seinen berechtigten Platz im Zentrum von allem sieht.

Kate ist hier fertig. Sie wird sich nicht in irgendwelche Polizeiberichte über einen unverletzten Hund verwickeln lassen.

*

»Was ist da denn los?« Dexter tauscht einen flüchtigen Kuss mit seiner Frau.

»Spaniel von Lastwagen angefahren. Hund wohlauf. Menschen in Aufruhr. Wie war’s beim Tennis?«

Er grunzt, dann wendet er sich wieder der Zeitung zu, pauken für einen weiteren Tag am Computer, in dieser seiner neuen Karriere, die eigentlich gar nicht so neu ist. Kate empfindet alles im letzten Jahrzehnt als neu – neu, Eltern zu sein, neu, in Europa zu leben, neu, dass Dexter an der Tagesbörse spekuliert. Das Internet ist neu. Handys.

»Hey«, sagt sie, »was ist das denn?« Sie zeigt auf seine neue Schirmmütze einer von französischen Outdoor-Liebhabern bevorzugten Marke, die notwendige Kopf-bis-Fuß-Ausstattung zum Faire de la rando in den Pyrenäen oder den Dolomiten. Diese Marke gehört nicht wirklich zu der Garderobe des Mannes, mit dem Kate verheiratet ist; Dexter wandert nicht, er ist kein Franzose, er ist nicht trendy. »Was ist mit deinem Tennis-Cap passiert?«

In Luxemburg war er in einem Club, der auf dem alten Gut einer adeligen Familie gebaut worden war, ein Ort, an dem sich jedes Jahr das ganze Dorf zur Jagd getroffen hatte, damals, als man solche Dinge noch tat. Das Land entwickelte sich irgendwann zu einem Vorstadt-Bauprojekt um einen Tennisclub herum, dessen Logo ein kniender Jäger ist, was ein ganz klein wenig Sinn ergibt, wenn man die Geschichte des Clubs kennt, ansonsten aber eher den Schluss nahelegt, es handele sich um einen Jagdclub.

»Das ist eine gute Frage«, sagt Dexter. »Ich kann es nicht finden.«

Kates Telefon vibriert. Sie will nicht gern eine Person sein, die bei jeder elektronischen Unterbrechung springt, aber wegen der vielen Polizei, die unterwegs ist, ist das heute etwas anderes. Etwas in der Art sagt sie sich häufig.

Es ist eine SMS von jemandem – in ihren Kontakten steht er als Pierre aus der Schlachterei –, der ihr etwas mitteilt, was sie schon weiß: Nicht detonierte Bombe am Gare de Lyon.

Der Typ heißt nicht wirklich Pierre. Er ist auch kein Schlachter.

8

Paris, 9 Uhr 19

Der Fahrer versucht auszusehen wie jeder andere Typ, der die Zeit in einem Lieferwagen totschlägt; heruntergekurbeltes Fenster, den Arm auf der Tür, wartend. Seine Anweisung lautet, eine volle Minute auszuharren, falls der andere Mann zurückkehren muss, aus einem nicht benannten Grund.

Er wirft einen Blick auf das Telefon, das auf dem Beifahrersitz liegt, neben der Tasche, die er manchmal herumtragen muss. Noch vierzig Sekunden.

Diese eine Minute ist riskant, wahrscheinlich die riskanteste. Er hört Sirenen, einen ganzen Chor davon, eilig irgendwohin unterwegs. Aber er weiß, dass es nicht hierher sein kann, noch nicht.

Tiefer Atemzug.

Denk an das Geld. Das sagt er sich immer und immer wieder, seit er sich für diese Operation verpflichtet hat. Unterschrieben hat er natürlich nichts. Kein Vertrag. Kein Nachweis egal welcher Art.

Es wird nur noch ein paar Stunden dauern. Dann wird er reich sein. Oder zumindest nicht länger pleite.

Sein Telefon piept: Die Minute ist vorbei. Schnell tippt er den nichtssagenden Text – Verlasse den Louvre – und legt dann den Gang ein. Er zwingt sich, nicht mit quietschenden Reifen loszubrettern, konzentriert sich darauf, erst langsam mehr und mehr Gas zu geben, mit Bedacht zu beschleunigen, sich in den Verkehr einzufädeln, ohne um zu langsame Fahrzeuge herumzukurven, mickrige Peugeots und schlappe Fiats, erbärmliche kleine Autos auf ihrem Weg nach nirgendwo, gefahren von lauter Niemanden, ohne Eile.

Er hat es aber eilig, zum Teufel.

Denk an das Geld, sagt er sich. Denk daran, warum du es brauchst.

*

Auch nach seiner Entlassung – vier lange Jahre in Afghanistan und im Irak – hat er den größten Teil seines Lebens weiterhin im Ausland verbracht, drei Monate hier, sechs dort, Ostafrika, Zentralasien, Orte, an denen seine Fähigkeiten bei privaten Sicherheitsdiensten hoch geschätzt wurden. Er wurde anständig entlohnt, und lange Zeit gab er sein ganzes Einkommen freigiebig aus. Verschwenderisch. Für einen aufgemotzten Hummer, den er fast nie Gelegenheit hatte zu fahren. Lange Wochenenden in Vegas und auf Mauritius; ganze Wochen auf Jamaica oder Bali. Jede neue Waffe, die ihm ins Auge fiel. Zu Amerikas Eine-Waffe-pro-Person-Durchschnitt trug er seinen Teil bei.

Er fädelt sich rechts in den dichten Berufsverkehr auf der Rue de Rivoli ein, danach wieder rechts, biegt dann die Erstmögliche ab.

Dann noch einmal und noch einmal. Er kennt die Strecke auswendig, beginnend an egal welchem Punkt der engen Straßen des ersten Arrondissement und von da in das zweite und dann in das neunte, schafft Distanz zwischen sich und dem Ort, an dem er den Araber abgesetzt hat, raus aus dem Einflussgebiet von Strafverfolgung und Militär, von Handykameras und Kabelfernsehreportern, von all den potenziellen Problemen dort beim Louvre und der ihn umgebenden Gegend, Schauplätze, an denen die Polizei stationiert und auch die Armee vertreten ist und nun jede Minute Straßensperren errichten wird, Kontrollpunkte, Abriegelungen.

Sie haben es geplant – sie haben alles bis zum Abwinken ausgetüftelt –, aber nun, wo es darauf ankommt, erscheint ihm die Route improvisiert, schlampig. Er bleibt auf kleinen Straßen, solchen, die nicht gesperrt werden würden. In Paris sind kleine Straßen nicht lang. Die direkte Strecke, die er versucht zu fahren, ist deshalb gar nicht so direkt, die schnelle Flucht nicht so wahnsinnig schnell.

Aber direkt ist nicht das Ziel. Schnell auch nicht. Unerkannt, das ist das Ziel. Ungehindert.

Die Brille lenkt ihn ab, sie greift von allen Richtungen in seine Sicht ein. Die Gläser haben keine Stärken, trotzdem fühlt es sich an, als hätte seine Sehkraft sich verändert. Um sich daran zu gewöhnen, hatte er sie ein paarmal in der Wohnung getragen und auch auf der Straße, sogar als er ein gestohlenes Auto genau diese Straße entlanggefahren, dieselben Abzweigungen genommen hat, zu genau dieser Tageszeit und auf dem Weg zum selben Ziel.

Aber Übung ist Übung. Jetzt, im Ernstfall, stresst ihn die Brille zu Tode. Alles stresst ihn zu Tode.

Die Brille war nicht das Einzige, was ihm aufgezwungen worden ist. Man hat ihn sorgfältig gekleidet, seine Haare penibel geschnitten und frisiert, alles anders, als er es selbst gewählt hätte.

Wyatt ist sich der Erscheinung, die er normalerweise abgibt, bewusst, durchtrainiert und muskulös und stark tätowiert, Kiefermuskeln, die in stoischer Härte zucken. Eine drahtige, fiese Kampfmaschine, eine Kraft, mit der man rechnen muss; er selbst denkt von sich in diesen Harte-Kerle-Metaphern, hat er schon immer. Aber dieser ganze Aufzug versteckt seine Anlagen, vertuscht, wer er ist, lässt ihn aussehen wie jede andere französische Schwuchtel.

Was wohl der Sinn der Sache ist.

Irrationalerweise macht er sich Sorgen, dass er Leuten begegnen könnte, die er kennt, einer heißen Tussi, die ihn mustern und fragen wird: »Scheiße, Alter, was ist denn mit dir passiert?«

Denk an das Geld.

*

Er hat getan, was er konnte. Hat seine Kasse geleert. Dies und das aufgelöst. Wenn dir Leute etwas verkaufen, erzählen sie dir von Werterhalt und Wiederverkaufsnachfrage; wenn sie dann aber zurückkaufen, geht es nur noch um Wertverlust, Überschussinventur, Marktrückgang, globale wirtschaftliche Umstände. Fünfzig Cent pro Dollar. Wenn du Glück hast.

Andererseits: Krankenhauskosten, Spezialisten, Medikamente – davon ist nichts ermäßigt. Lebensrettende Operationen sind nie im Angebot.

In einem Moment schwamm er noch darin – Autos und Waffen, Glücksspiel und Alkohol, Koks und hemmungsloser Gelegenheitssex – im nächsten: nichts mehr.

Verzweifelte Zeiten, der Abstieg ging rasant. So begann er, nach drastischen Maßnahmen Ausschau zu halten.

*

Der Job würde in Paris sein. Große europäische Städte sind nicht gerade die Art von Schauplätzen, mit denen Wyatt Einsatzerfahrung hatte, aber dank der Großeltern, die ihn aufgezogen haben, spricht er etwas Französisch, was eine der Voraussetzungen für den Job war. Und am Zahltag würde es eine irre Menge Asche geben für ein paar Wochen Training und Warterei und dann nur einen Tag wirklicher Arbeit.

Heute. Es wird ein langer und gefährlicher Tag werden, ohne Zweifel. Das ist es jetzt schon, und es ist gerade mal neun Uhr morgens. Aber er hat schon eine Menge lange gefährliche Tage in seinem Leben gearbeitet, und an jedem einzelnen davon hat er verdammt viel weniger Geld verdient.

Die erste Rate haben sie ihm schon bezahlt. Aber der Moment – als er den Beweis hatte, dass fünfzig Riesen auf sein Konto auf den Cayman-Inseln überwiesen worden waren – stellte sich als der traurigste seines Lebens heraus. Denn in dem Moment, als er den Betrag sah, traf ihn die Erkenntnis: Die einzige Möglichkeit, wie er aufhören könnte zu bezahlen – jemals – war, falls sein kleines Mädchen starb.

Und nein, nicht falls: wenn. Wenn sie starb.

In dieser Wohnung in Paris mit dem Laptop auf dem Schoß weinte er wie ein Baby, Tränen tropften auf das Trackpad, und er wischte sie mit dem Saum seines T-Shirts ab, bis sich ein Fenster auf seinem Bildschirm öffnete, das ihn informierte, dass er wegen Inaktivität aus seinem Konto ausgeloggt würde.

»Nein«, murmelte er. »Ich bin verdammt noch mal definitiv nicht inaktiv.«

9

Paris, 9 Uhr 20

Hunter sieht einen weiteren Sedan in Zivil halten, Blaulicht auf dem Dach. Aus dem ersten Wagen sind zwei uniformierte Streifenpolizisten gestiegen, und nun steigt ein Mann im Anzug aus dem zweiten, begrüßt die Polizisten. Alle drei drehen die Köpfe, suchen jede Richtung ab, in Alarmbereitschaft, nach etwas Ausschau haltend. Was? Ärger.

Sie drehen sich zeitgleich um und marschieren auf die Gebäudetür zu, die Köpfe immer noch schwenkend.

Auf Hunters Telefon ist ein Fenster aufgepoppt: Verbindung zum Server kann nicht hergestellt werden.

»Colette? Ich habe ein Problem mit meinem Telefon.«

Sie blickt nach unten, betrachtet ihr eigenes Gerät. »Moi aussi.« Enttäuscht schüttelt sie den Kopf; Colette nimmt solche Dinge persönlich. »Beide gehen nicht. Ich werde mich darum kümmern.«

»Und die Polizei scheint zu kommen.«

»Pardon? Wohin zu kommen? Ici? Maintenant?«

Hunter nickt. Er fürchtet, dass es einen Zusammenhang zwischen beidem gibt, dem Telefonproblem und der Ankunft der Polizei. Hoffentlich irrt er sich. Jede Telefonangelegenheit, die die Gesetzeshüter involviert, ist weit ernster, als den Router neu starten zu müssen. Er hat keine Zeit für ernste französische Probleme, telefonische oder andere.

In zehn Minuten hat er seinen ersten Telefontermin. Sein Plan ist, es diesen Morgen leicht, langsam, vorsichtig anzugehen. Sein Jetlag ist schlimm, seine Nerven liegen blank, er ist erschöpft. Deshalb wird er den ganzen Morgen hier sein, Telefonate außerhalb des Büros führen, sich die Zeit nehmen, sich auf die Gespräche zu konzentrieren, VIPs von den Neuigkeiten zu unterrichten. Versuchen, Ruhe zu bewahren.

Dann wird er ein leichtes Mittagessen zu sich nehmen und sich ins Büro aufmachen, wo die Pressekonferenz für fünfzehn Uhr angesetzt ist. Dreißig Minuten bevor die New Yorker Börse öffnet und während London noch handelt und der Rest von Europa arbeitet, wird er sich die Aufmerksamkeit aller Finanzinstitute und Medien der westlichen Hemisphäre sichern und damit das maximale Handelsvolumen.

Und den maximalen Gewinn. Hunter erwartet heute, sein Vermögen um Hunderte Millionen Dollar vergrößern zu können; heute ist der Tag, an dem er endlich Milliardär wird. Aber es wird ein harter Tag werden; er wird sich jeden Penny verdienen müssen. Tatsächlich hat er schon sein ganzes Leben lang all die Milliarden von Pennys verdient, aber erst jetzt wird er sie auch einsammeln können.

Über Hunters Imperium geht niemals die Sonne unter, er hat Tausende von Angestellten in einem Dutzend Länder, es gibt keine Zeit an keinem Tag, zu der er nicht geschäftlich aktiv ist.

Das ist etwas, was arme Leute – und die meisten Demokraten aus irgendwelchen sozialökonomischen Schichten – an extrem erfolgreichen Geschäftsmännern wie ihm nicht zu verstehen scheinen: So wohlhabend zu sein, heißt nicht, dass man sich entspannen kann. Im Gegenteil.

»Monsieur? Der Fernseher, er geht nun auch nicht mehr.« Colette sieht angewidert aus. »Alles ist en panne. Es tut mir leid, ich …«

Pling.

*