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Ein junger Mann kommt an die Akademie und in die Große Stadt zum Studium der Freien Kunst. »Die Geschichte entführt uns an den Nabel der kulturellen Produktion. In der Küche des Departements 'Kunst und Stadt' wird gegessen und geraucht, kritisch debattiert und mit Leidenschaft gezweifelt. Es ist ein bitterernstes Spiel, das dort getrieben wird, und rührend ist es teilzunehmen« (Die Zeiten)
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Seitenzahl: 88
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Adrian Fergg
Die Akademie
Novelle
2018
Bibliothek Ribulonien
I
II
III
IV
V
Von der wie immer raschen Fahrradfahrt und dem ebenso raschen Anstieg der Treppen in den dritten Stock war er ein wenig erhitzt und atmete mit kräftigen, nachholenden Zügen, als er noch mit dem Schwung seiner Reisegeschwindigkeit in die Küche trat. Hier fand er sich in ein so ungesundes Klima versetzt, dass er augenblicklich den Atem unterdrücken musste, bis er das Fenster erreicht und alle Flügel geöffnet hatte. Der Heizkörper unter dem Fenstersims war auf die höchste Stufe gedreht, es war heiss und stank nach Speiseresten und Schimmel. Der ebenfalls anwesende Kippengeruch, den er in dieser Kombination als das angenehmste empfand, stand so machtlos im Hintergrund, dass er seine neutralisierende Wirkung nicht im Ansatz entfalten konnte. Während Tristan Trübach – das ist der Name des jungen Mannes, der gerade besagte Küche betreten hat und um dessen Geschichte es hier geht –, während Tristan also möglichst weit zum Fenster hinausgelehnt tiefe Züge der frischen Luft nahm, fragte er sich, ob die gesellschaftliche Akzeptanz des Rauchens nicht auch deshalb schwinde, weil alles immer sauberer und steriler geworden sei, man also des Rauches nicht mehr bedürfe, um all die üblen Gerüche zu überdecken, besonders die unserer verschiedenen Sekrete und Exkremente, wobei solche im vorliegenden Fall nicht einmal im Spiel waren.
Immer noch am Fenster stehend, jedoch jetzt halb nach innen gewandt über seine Schulter schauend, überblickte er die Küche, um zu registrieren, was hier olfaktorisch seine Wirkung tat. Das Spülbecken und sein Rand waren dicht zugestellt mit dreckigem Geschirr, das sich im Bereich um das Abtropfgestell herum mit solchem vermischte, das vielleicht abgespült war. Auf der Arbeitsfläche zwischen Herdplatten, Kaffeemaschine und Toaster verloren sich nur einige Gläser und Tassen mit braunem Bodensatz, auf dem Tisch wiederum lagen vertrocknete Abbisse eines Brötchens auf einer Papiertüte, dann, ebenfalls auf ihrer Originalverpackung liegend, drei Scheiben Aufschnitt aus Sojabrät mit vertrocknetem, aufgebogenem Rand, ein Becher eines paprikaroten Frischkäses, dessen halb geöffneter Aludeckel den Blick auf die Entwicklungen im Inneren versperrte, und als sichtbarer Botschafter der Belebtheit dieser Szenerie kreiste ein Schwarm Fruchtfliegen um den Rand einer Flasche roten Weins und zwei zugehörige Gläser, die noch nicht ganz trockengefallen waren, – kurz: die Reste einer klassischen Kunststudentinnenmahlzeit, die wohl plötzlich für Wichtigeres verlassen werden musste und dann gänzlich vergessen gegangen war, wobei eigentlich erst das Für-Wichtigeres-Verlassen die Klassik im engeren Sinne begründete. Auf der Fensterbank stapelte sich ebenfalls dreckiges Geschirr, hier jedoch der besseren Verdichtung halber bereits geordnet ineinander gestellt je zu Türmen von Gläsern, Tassen und Tellern. Um sich in nützlicher Frist wieder freies Feld zu schaffen, hatte vor Wochen eine Kollegin dieses Zwischenlager etabliert. Stella Limpopo war es gewesen mit ihrer pragmatisch zupackenden Art, die sich nicht lähmen liess von westlich-bourgeoisen Empfindlichkeiten. Eine dankenswerte Einrichtung, die sich, wie Tristan fand, dadurch auszeichnete, dass man vor einem fest verglasten Fensterfeld bis in stattliche Höhe stapeln konnte, ohne die weit darüber beginnenden Fensterflügel zu versperren. Auch wenn das Zwischenlager über dem Heizkörper brütete, schienen von ihm kaum mehr Gerüche auszugehen, auch nicht von dem kurkumagelben Linseneintopf, dessen dicke Kruste mehrere Teller aneinandergebacken hatte. Alles Organische war schon eingetrocknet, auch, und das schmerzte Tristan, seine einst wohlgediehene Basilikumpflanze, die hier schon vor dem zwischengelagerten Geschirr ihren Platz hatte und von der er seither regelmässig stattliche Blätter geerntet hatte. Als er seinen Blick zurück in Richtung Türe streifen liess, bemerkte er, dass eine leere Milchpackung in der Deckelklappe des Mülleimers klemmte und so die schwefelig-süssen Faulgase von dort völlig ungehindert in den Raum entweichen konnten. Ausserdem entdeckte er nun beim zweiten Blick über die Arbeitsfläche, dass dort am Boden zweier hochwandiger Gläser samtig grüne Schimmelkulturen im Zenit ihrer Fruktifikation standen, was von der Angewohnheit einiger Kolleginnen herrührte, von ihrem milchigen Kaffee stets einen fingerbreiten Anstandsrest im Glas zu lassen, der gerade ein hinreichendes Reservoir für einen vollständigen Entwicklungszyklus des Aspergillus fumigatus lieferte.
Ganz im Gegensatz zu vielen seiner Kolleginnen hatte Tristan seine Jahre in Wohngemeinschaften hinter sich, er fühlte sich ihnen aber noch recht nahe und Sauberkeit war ihm kein allzu hohes Gut. Ordnung aber sehr wohl, und zwar in jedem erdenklichen Sinne, gerade auch solche allerhöchster Komplexität. Die wie beim Bombenalarm zurückgelassene Mahlzeit auf dem Tisch hatte in ihrer blanken Asozialität etwas Ordentliches, auch wenn sich Tristan vor der zeremoniellen Armut dieses offensichtlich zu zweit genossenen Mahls ekelte. Als recht böswilligen Angriff auf die Ordnung empfand er aber die Vermischung von sauberem und dreckigem Geschirr um das Abtropfgestell herum, eben wegen ihrer listig-irreführenden Wirkung, obwohl er genau wusste, dass auch das eigentlich nur das Ergebnis dummdreister Achtlosigkeit war. Und dann die eingeklemmte Milchpackung! Er fühlte abgrundtiefe Verachtung für die lahme Phlegmatikerin, die wohl mehr aus Gewohnheit als mit Willenskraft eine ordnende Aktion betrieben hatte, aber dann aufgrund mangelnden Ehrgeizes auf dem Feld der Motorik nicht zu einem sinnvollen Ende gelangte. Es gab eine Kollegin, die diese Unfähigkeit in praktischen und irdischen Dingen als Attitüde kultivierte. Er hasste dieses Kokettieren mit der eigenen Regression, diese Selbstverstümmelung der uns verliehenen Fähigkeiten. Seinen Dreck einfach liegen und fallen zu lassen, wo man gerade stand, nahm sich daneben auf eine tierische Art elegant aus.
Tristan gab sich einen Ruck und löste sich vom Fenster, um die offensichtlichen Geruchsquellen anzugehen. Ohne grosses Federlesen warf er alle Reste der Kunststudentinnenmahlzeit in den Abfall, und vorsichtig, seine Atemwege vor den Sporen schützend, liess er die Schimmelkulturen folgen, und zwar samt der Gläser, was ihm aber sogleich Leid tat, nicht weil er eine besonders sparsame Natur war, sondern weil er ganz allgemein an den Dingen hing. Um sich den nötigsten Platz bei den Herdplatten zu schaffen, stapelte er noch einige Tassen und Gläser von dort in das Zwischenlager, wobei er eine Flasche Mate-Limonade, ebenfalls mit Anstandsrest, zu Boden warf, aber glücklich mit dem Fuss abbremste und heil unter die Spüle umleitete, wo sie nach seinem Dafürhalten sehr gut lag. Diese fast leeren Flaschen der Mate-Limonade – oder besser: Mateade, denn um Limonen geht es dabei nicht – standen an allen möglichen und unmöglichen Orten auf dem Gelände der Akademie wie ein natürliches Sediment herum. Vor ihrer Ablagerung, im gefüllten Zustand, waren sie an den Händen einer bestimmten Sorte von Kunststudentin festgewachsen, ganz wie beim eingeborenen Volke die Dose Bier. – Endlich schaltete er die kleine der beiden Herdplatten an, lud die winzige Mokkamaschine, vom Kaliber Eins, mit departementseigenen Kaffee und setze sie auf.
Gestern hatte Tristan mit seinem Professor eine Besprechung abgehalten zwecks Findung des Themas seiner Abschlussarbeit und es war ihm da erstmals an der Akademie gehörig der Kopf gewaschen worden, wenn von Kopfwäsche überhaupt die Rede sein kann angesichts des gutmütigen Teddybär-Charakters von Professor Gintersberg, oder: Horst, denn gesiezt wurden an der Akademie nur der Hausmeister und die Raumpfleger. Kopfwäsche aber eben doch, denn das Gespräch hatte Tristan in eine heftige Erschütterung seiner Gefühle gestürzt, weil es zur grundlegenden Frage führte, warum er hier war, hier an der Akademie, und natürlich auch hier in der fremden Grossen Stadt, aber vor allem an der Akademie und in diesem seinen Departement, dem Departement ›Kunst und Stadt‹, in dessen versauter Küche er jetzt stand und wartete, bis die entsetzlich träge Herdplatte die notwendige Hitze für seinen Kaffee geliefert haben würde. Die Küchen – vielmehr die Teeküchen, die Pausenräume mit Mikrowelle und die beiläufigen Café-Tresen in den Korridoren, aber auch die eigentlichen Küchen mit einem Tisch darin, der immerhin zu einer bescheidenen Tafel werden konnte, wenn genügend Leute sich zum Essen daran setzten –, diese Küchen also, in denen er die Pausen seiner akademischen und beruflichen Laufbahn zugebracht hatte, schwammen jetzt an der Oberfläche seines Bewusstseins auf.
Da war zunächst die Küche, in der er während seiner Diplomarbeit die Pausen verbrachte und, als die Abgabe näher rückte, auch manches Mal zu Abend ass. Diese späten Arbeitsessen pflegte Tristan zu eröffnen mit einem ersten Glas Wein und einer Zigarette während des Kochens. Nach dem Essen folgte eine produktive Ruhepause, wieder mit Wein und Zigarette, nun aber vertieft in eine Skizze neben dem ausgegessenen Teller. Zum Schluss musste er die aufkommende Müdigkeit vertreiben, indem er sich beim Abwasch Bewegung verschaffte, und vermittels eines Kaffees, den er so spät nur trank, wenn ein anspruchsvolles Abendprogramm dies erforderte. Eine Küche, in der an ganz gewöhnlichen Werktagen spätabends gekocht, getrunken und geraucht wurde, bildete das absolute Gegenmodell zu den eigentlichen Räumen der Architekturabteilung, dieser vollklimatisierten Kunstlichtwelt hinter der Spiegelverglasung. Inmitten der unüberschaubaren Masse von Studenten hatte Tristan meist angestrengt auf das Ziel hin gearbeitet, die grenzenlosen Weiten dieser Grossraumbüros und den ganzen militärisch funktionalen Satelliten-Campus endlich verlassen zu dürfen. Besagte Küche befand sich eben nicht auf jenem Campus, sondern inmitten des Städtchens, und gehörte zu einem Ateliergebäude, genannt ›Atelier Günzel‹, für sein Architekturbüro erbaut und später dann dem Polytechnikum gestiftet von Professor Günzel. Alle Räume waren im Überfluss mit Tageslicht durchströmt und neben den modisch eingerundeten Mauerwerkskanten der 70er Jahre gab es dezent brutalistische Motive wie das Stirnholzparkett und den groben Kellenwurfputz, und, nicht zu vergessen, das Enzianblau, in dem die ganze Fassade gestrichen war, – kurz: Es war ein menschenfreundliches Haus. Im Erdgeschoss war die kleine, verschworene Entwurfsklasse von Prof. Gion Gaglianera zuhause, der mit seinen auratischen Holzbauten als eine Art Wunderheiler für abgelegene Bergdörfer galt. Das Obergeschoss unter dem spitzen Sheddach stand, nach fristgerechter Beantragung eines Schlüssels bei der ›Abteilung Dienste‹, allen Diplomanden offen, wovon jedoch wenig Gebrauch gemacht wurde. Es war Tristan unbegreiflich, warum angehende Archi
