Die Alchimistin - Kai Meyer - E-Book

Die Alchimistin E-Book

Kai Meyer

4,5
9,99 €

Beschreibung

Director's Cut - vom Autor vollständig überarbeitete Neuausgabe

Im düsteren Schloss ihrer Ahnen wächst Aura Institoris inmitten eines Labyrinths endloser Gänge und Säle heran. Als ihr verhasster Vater, ein Alchimist, getötet wird, verliebt sie sich ausgerechnet in seinen Mörder – den mysteriösen Gillian. Gemeinsam geraten die beiden zwischen die Fronten eines Krieges zwischen Unsterblichen, deren Hass die Jahrhunderte über dauert hat.

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Seitenzahl: 746

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Inhaltsverzeichnis

WidmungERSTES BUCH - 1897
KAPITEL 1KAPITEL 2KAPITEL 3KAPITEL 4KAPITEL 5KAPITEL 6KAPITEL 7KAPITEL 8KAPITEL 9KAPITEL 10KAPITEL 11
ZWEITES BUCH - Sieben Jahre später 1904
KAPITEL 1KAPITEL 2KAPITEL 3KAPITEL 4KAPITEL 5KAPITEL 6KAPITEL 7KAPITEL 8KAPITEL 9KAPITEL 10KAPITEL 11
EPILOGNACHWORT DES AUTORSDIE ENTSTEHUNG DES ROMANS
NestorDie SchauplätzeChristopher und AuraStein und BeinGillianDie RätselDas Finale
ALCHIMIE IN DER LITERATUR
Literatur
DAS THÉÂTRE DU GRAND GUIGNOL
Idee und EntstehungDie Ära Max MaureysErfolg des Théâtre du Grand GuignolNiedergang des Théâtre du Grand GuignolLiteratur
Copyright

Für Steffi

Ein Rätsel aus dem Mittelalter:

Ein Nagel helt ein Eysen.Ein Eysen ein Pferdt,ein Mann ein Schloss.Ein Schloss ein Landt.

Bis heute hat niemand die Lösung gefunden.

ERSTES BUCH

1897

KAPITEL 1

Und dann das Schloss.

Während sich die Kutsche durch die Dünen kämpfte, schwankend und schlitternd im losen Sand, warf der Junge einen Blick aus dem Fenster. Auf das Schloss und auf die Ostsee, aus der es sich erhob.

Alles war ganz anders, als er es sich vorgestellt hatte. Natürlich war es das.

Es gab keine Türme, keine Zinnen. Es war nicht diese Art von Schloss. Das Anwesen stand auf einer kleinen Felseninsel. Seine Mauern gingen nahtlos in die hellen Steilwände über, als wären sie über Jahrhunderte hinweg aus dem Gestein gewachsen. Die See lag düster und glatt unterm Herbsthimmel, und doch schlug schäumende Brandung gegen die Insel. Ganz so, als sträube sich das Wasser gegen die düstere Arroganz der Felsnasen, die kantig und stumm das Meer überragten.

Der Kreidefels, auf dem Schloss Institoris thronte, war von winzigen Inselchen umgeben, unbegehbaren Eilanden, kaum eines größer als ein Haus. Vier, zählte der Junge, doch als die Kutsche einen Bogen fuhr und die Inseln sich in einem anderen Winkel darboten, erblickte er eine fünfte, die bislang vom Schloss verdeckt worden war. Auf ihr erhob sich ein alter Leuchtturm, rot und weiß gestreift. Ein vermoderter Zyklop, dessen Lichtauge längst erloschen war. Allein die Seeadler verschlug es noch auf seine Brüstung, von dort aus spähten sie wachsam übers Meer.

Überhaupt, die Vögel. Der Junge bewunderte die stille Majestät, mit der sie auf den Winden ritten, über die einsame Landschaft mit ihren endlosen Strandwällen und Dünentälern, den kargen Erlenwäldern, die in den Senken kauerten, den windgebeugten Kiefern und Ginstersträuchern. Doch immer noch war es vor allem das Schloss, das seine Blicke auf sich zog. Sein neues Zuhause.

Je näher sie dem Ufer kamen, desto zahlreicher waren die Einzelheiten, die er erkennen konnte. Schloss Institoris hatte die Form eines Hufeisens, wie die Insel, auf der es stand. Es umfasste eine Gruppe turmhoher Zypressen, die das Gebäude weit überragten. Sie verwehrten den Blick auf den mittleren Trakt. Die seitlichen Flügel aber, im Westen und Osten, waren deutlich zu sehen. Dreigeschossig und vom gleichen Grau wie die See. Lange Fensterreihen, je drei übereinander, hatte man weiß umrahmt, was nur betonte, dass hinter den meisten kein Licht brannte. Die Dächer waren steil, und aus ihren Giebeln stach eine Kompanie schwarzer Kaminschlote, einer neben dem anderen. Aus einigen kräuselte sich Rauch zur satten Wolkendecke empor.

»Christopher.«

Frauenstimmen war er nicht gewohnt, schon gar keine, die seinen Namen so fein betonte. Irritiert zog er den Kopf vom Kutschenfenster zurück und schenkte seiner neuen Mutter ein Lächeln.

Sie legte das Buch zur Seite, das sie während der ganzen Fahrt gehalten, aber kein einziges Mal aufgeschlagen hatte. Mitfühlend beugte sie sich zu ihm vor.

»Christopher«, sagte sie noch einmal, als müsse sie sich erst an den Namen gewöhnen. »Es ist wirklich viel behaglicher, als es aussieht. Es wird dir gefallen, glaub mir.« Die Worte klangen ein wenig müde, als hätte sie sie schon unzählige Male aufgesagt, damit sie sich vielleicht eines Tages bewahrheiteten.

Dabei war es gar nicht so, dass Christopher nicht glücklich war. Oh, das war er, wirklich. Seine Aufregung mochte das ein wenig verschleiern, und natürlich die leise Furcht vor dem Neuen. Aber Glück, ja, das spürte er wohl. Oder besser: Er nahm an, dass das Gefühl in ihm echtes Glück war. Ganz sicher konnte er allerdings nicht sein. Ihm fehlte der Vergleich.

Charlotte Institoris trug einen seltsamen Hut, der mit einem Gesteck aus Muscheln geschmückt war. Sehr eigenwillig. Ihr Haar war hochgesteckt, nur ein paar pechschwarze Korkenzieherlocken schauten unter der Hutkrempe hervor. Die hohen Wangenknochen schienen ihr Gesicht über Gebühr in die Länge zu ziehen, zudem war es schmal und farblos. Sie war keine schöne Frau, wenngleich sie versuchte, durch häufiges Lächeln Wärme in ihre Züge zu legen.

»Ich bin sicher, ich werde mich wohl fühlen«, sagte er, vielleicht ein wenig zu förmlich. Bruder Markus, der Vorsteher des Waisenhauses, hatte ihm das eingeprägt: Sag, dass es dir gefällt, ganz gleich, wie die Dinge kommen. Etwas Besseres werden wir für dich nicht finden.

Damit sie nicht auf die Idee kam, Christopher wollte sich nur selbst überzeugen, setzte er schnell etwas hinzu, irgendetwas: »Ich bin geübt im Rudern.«

Charlotte musterte ihn einen Moment lang erstaunt, dann lächelte sie milde. »Oh, mein Schatz, wir werden nicht selbst rudern müssen. Das tun die Bediensteten für uns. Sie warten schon unten am Strand.«

Mein Schatz. So hatte sie ihn jetzt schon ein paarmal genannt. Er fühlte sich unwohl dabei. Christopher war siebzehn Jahre alt, fast schon ein Mann, und dennoch behandelte sie ihn wie ein Kind. Wie ihr Kind. Denn genau das würde er fortan sein.

Er spürte, dass er niesen musste, und schnappte nach Luft. Besorgt reichte sie ihm ein frisches Schnupftuch. Gerade noch rechtzeitig.

Wunderbar, dachte er, sie muss glauben, sie hole sich einen Krüppel ins Haus. Dabei war er gar nicht krank, nicht mal erkältet. Es war der Geruch, der ihn niesen ließ. Der Geruch des Buches. Er war allergisch dagegen.

Endlich kam die Kutsche zum Stehen.

Christopher wartete, bis Charlotte ins Freie geklettert war, und folgte ihr dann. Seine Füße landeten im weichen Sand. Kälte wehte ihm von der Ostsee ins Gesicht. Schon nach wenigen Augenblicken schmeckten seine Lippen salzig.

Ein langer Steg reichte vom Strand hinaus aufs Meer. An seinem Ende hatte ein Boot mit eingerollten Segeln festgemacht. Mit dröhnenden Schritten kamen ihnen drei Männer über die Holzbohlen entgegen und verneigten sich vor Charlotte. Auch Christopher nickten sie ehrerbietig zu. Das war so neu für ihn, dass er beinahe aufgelacht hätte. Aber er würde sich auch daran gewöhnen.

Der Kutscher ließ seine Pferde wenden und verabschiedete sich mit einem Wink und Peitschenknallen. Dann rollte das Gefährt durch die Dünen davon.

Wenig später saß Christopher neben Charlotte in einer windgeschützten Kajüte. Das Boot legte vom Steg ab. Jeder Schritt der drei Männer klang hier drinnen wie lautes Poltern. Er versuchte hinauszublicken, doch die beiden Fenster waren salzverkrustet und nahezu blind. Charlotte sah ihn freundlich an, als wolle sie im nächsten Moment seine Wange tätscheln.

Sie glaubt, ich freue mich, dachte er. Und das tue ich doch auch, oder? Ich freue mich.

Das Boot stach in See, rauschte der Insel und dem Schloss auf ihren Klippen entgegen.

»Es sind gerade mal fünfhundert Meter«, sagte Charlotte. »Es sieht weiter aus, findest du nicht?«

Christopher nickte. Bislang hatte er sich darüber keine Gedanken gemacht. Er wusste nur, dass fünfhundert Meter eine ganz schöne Strecke waren, wenn man sie schwimmen musste.

Er wurde noch stiller als zuvor, ohne dass Charlotte es ihm übelnahm. Sie hatte das Buch, dessen Geruch ihm so zu schaffen machte, in einer Tasche verstaut. Allmählich konnte er wieder durchatmen.

Unter ihren aufmerksamen Blicken dachte er zurück.

An die Kutsche, an das Dorf. An die Eisenbahnfahrt, seine erste, ganz alleine noch dazu. Und an das große Haus in Lübeck, das er hinter sich gelassen hatte, das Haus voller Kinder und Geschrei. Nie wieder würde er den dumpfen Geruch der Schlafsäle ertragen müssen, nach Geheimnissen unter durchgeschwitzten Laken und kindlicher Feindschaft.

Er würde Bruder Markus vermissen. Nur ihn, nichts sonst. Bruder Markus hatte ihm Hoffnung auf eine bessere Zukunft gemacht, immer und immer wieder. Jetzt lag diese Zukunft vor ihm, dort draußen, vor dem Bug des Schiffes. Ein einsamer Felsklotz in der Ostsee.

Es ist viel behaglicher, als es aussieht.

Zum ersten Mal überkam ihn echte Trauer. War das etwa Heimweh?

Ich bin sicher, ich werde mich wohl fühlen.Das da vorne war jetzt sein Heim. Sein Zuhause. Nur fünfhundert Meter.So nah also war die Zukunft. So nah.

Bruder Markus hatte ihn persönlich zum Bahnhof gebracht. Das war keineswegs selbstverständlich, meist übernahm das einer der Knechte. Sie luden die Kinder vor ihren neuen Elternhäusern oder Arbeitsstätten ab wie eine Fuhre Kohle, kassierten ihr Trinkgeld und verschwanden mit mürrischen Mienen.

Mit Christopher war es anders. Er war der Älteste im Heim und, so glaubte Bruder Markus, der Klügste. Wiewohl, hätte man ihn aufgefordert, diese Behauptung unter Beweis zu stellen, so wäre es ihm schwergefallen. Denn was den Bruder überzeugt hatte, war nicht abrufbares Wissen oder Geschick im Umgang mit Zahlen, nein, es war Christophers Krankheit, so sonderbar das schien.

Seit seiner Kindheit konnte der Junge den Geruch von Buchbinderleim nicht ertragen, rang bei jedem Band nach Luft, verkrampfte sich vor Regalen und verlor in Bibliotheken das Bewusstsein. Dennoch bestand er darauf zu lernen, ganz anders als die übrigen Kinder im Waisenhaus. Bruder Markus war beeindruckt und machte ihn zu seinem Privatschüler, besorgte ihm ein ums andere Buch und wachte über ihn, wenn Christopher sie unter Aufbietung aller Kräfte – und trotz manchen Anfalls – studierte.

Während die übrigen Kinder früh an Handwerksbetriebe vermittelt wurden, wo sie zu lernen und bald schon wie Männer zu arbeiten hatten, setzte der Bruder es sich zum Ziel, Christopher zum Gelehrten zu erziehen. Freilich schied ein Studium aus finanziellen Gründen aus, doch die privaten Unterrichtsstunden in Markus’ Kammer genossen beide gleichermaßen. Kein Schreinermeister oder Fleischer wollte sich mit einem derart gebildeten Kind abgeben, und so blieb Christopher Jahr um Jahr im Heim und lernte dazu, wurde, wie die Knechte ihn bald gehässig nannten, der »Ladenhüter«.

Bis zu dem Tag, an dem Charlotte Institoris auftauchte, auf der Suche nach einem Pflegesohn. Nicht gar zu jung sollte er sein, sagte sie und weckte damit den Argwohn des Bruders. Doch alle unsittlichen Ahnungen, die ihm bei solchem Wunsch gekommen waren, konnte sie durch vorzügliche Beweise ihrer Ehrbarkeit widerlegen. Aus altem Adel stammte sie, mütterlicherseits, hatte selbst zwei Töchter geboren und einen weiteren Jungen bereits vor zwei Jahren in ihr Haus aufgenommen. Schriftliche Rückfragen bei gewissen Verwaltungsstellen bestätigten ihre Behauptungen. Es gelang Bruder Markus sogar, das Heim ausfindig zu machen, in dem der andere Junge aufgewachsen war. So erfuhr er bald von der dortigen Leiterin, dass Daniel ein reger Briefschreiber war und sich durchweg freundlich, ja begeistert über sein neues Zuhause äußerte.

Bruder Markus und Christopher führten daraufhin lange Gespräche, bis sie endlich übereinkamen, dass dies wohl eine Gelegenheit war, die es zu nutzen galt. Christopher würde endlich zuteilwerden, was er in den Augen des Bruders schon lange verdient hatte: eine Familie und eine Umgebung, die sein geistiges Gedeihen unterstützen und anregen würden. Bruder Markus war glücklich, und Christopher, nun ja, er war es wohl auch. Auf seine Weise.

Natürlich gefiel es ihm nicht, seinen väterlichen Lehrer zu verlassen, und natürlich fragte er sich, wie es wohl sein würde, das zukünftige Leben in einem wahrhaftigen Schloss. Würde er die Familie Institoris nicht zwangsläufig enttäuschen müssen, er, ein einfaches Waisenkind, das als Neugeborenes von der Mutter verlassen worden war? Würde er mit seinen neuen Geschwistern auskommen? Und musste er ihnen nicht, trotz allen Studierens, in Belangen der Gelehrsamkeit maßlos unterlegen sein?

Diese und andere Zweifel beschäftigten ihn, als Bruder Markus ihn einige Monate nach Charlottes erstem Besuch zum Bahnhof brachte. Nach einer abermaligen Einführung in die nötigen Regeln der Etikette – der zehnten oder elften in den vergangenen Tagen – küsste Markus ihn auf beide Wangen, umarmte ihn herzlich und gab ihm die besten Wünsche mit auf den Weg.

Dann war Christopher auf sich allein gestellt gewesen, wenn auch nur für wenige Stunden. Charlotte Institoris wollte ihn am Dorfbahnhof erwarten, wo sie seinem Kommen, wie sie in einem freundlichen Brief versichert hatte, sehnlichst entgegensah.

Das Boot glitt lautlos an zwei mannshohen Felsquadern vorüber, die die Einfahrt einer kleinen Bucht markierten. Auf jedem Block saß ein steinerner Löwe. Die Blicke der Tiere kreuzten sich hoch über dem Wasser.

Die Bucht lag im Zentrum des Inselhufeisens. Sie wurde von steilen, zwei Meter hohen Felswänden begrenzt. Ein schmaler Steg reichte hinaus in die Mitte der Bucht.

Dort, wo der Steg an die Felsen stieß, erhob sich die schwarzgrüne Mauer der Zypressen, kegelförmige Ungetüme, die den halben Himmel verdunkelten. Christopher war sicher, dass er noch nie in seinem Leben so hohe Bäume gesehen hatte. Sie mussten zwanzig, ach was, fünfundzwanzig Meter hoch sein.

Er hatte Charlotte gebeten, das Anlegen des Bootes vom Deck aus beobachten zu dürfen, und nur zu gerne hatte sie ihm diesen Wunsch erfüllt. Sie war sogar selbst mit aus der Kajüte geklettert und lehnte jetzt neben ihm an der Reling. Mit einer Hand hielt sie ihren Hut fest, den der Wind fortzureißen drohte. Es störte sie nicht im Geringsten, dass sie den drei Männern dabei gehörig im Weg stand.

Sanft legte das Boot am Steg an. Einer der Männer half Charlotte und Christopher an Land. Die übrigen waren mit Tauen und Segeln beschäftigt. Zuletzt stellte der Diener Christophers Gepäck auf den Steg, einen zerschlissenen Lederkoffer, den Bruder Markus ihm geschenkt hatte. Neben seinen wenigen Kleidungsstücken – die einem Haushalt wie diesem ohnehin nicht angemessen waren – befanden sich darin zahlreiche Schreibhefte mit Fadenbindung, in denen er über die Jahre hinweg all sein Wissen notiert hatte. Sie waren sein ganzer Stolz.

Leise plätschernd rollten die Wellen gegen die Felswände der Bucht. Das helle Kreidegestein war dort, wo die Flut es berührte, mit grünem Schlick überzogen. Ein tiefes Fauchen zog Christophers Blick auf die Wipfel der Zypressen. Sie wiegten sich geisterhaft im Wind, flüsterten und rauschten. Es klang geheimnisvoll, ein wenig bedrohlich sogar.

Ein Mädchen mit hellblonden Locken und einem weißblauen Rüschenkleid kam ihnen auf dem Steg entgegengerannt. Christopher schätzte, dass es nicht älter war als zehn Jahre.

»Mutter! Mutter!«, rief die Kleine. »Schau nur, ich hab Muscheln gesammelt!«

Charlotte ging lächelnd in die Hocke, bis ihr Gesicht auf einer Höhe mit dem des Mädchens war. Mit gespieltem Staunen blickte sie in die offenen Hände der Kleinen. In jeder lagen zwei weiße Muscheln, so groß wie die goldene Taschenuhr, die Bruder Markus an Sonntagen einzustecken pflegte.

»Die sind wunderschön!«, schwärmte Charlotte.

»Für dich«, verkündete ihre Tochter strahlend.

»Oh.« Vorsichtig nahm Charlotte die Muscheln entgegen und steckte sie behutsam in ihre Tasche. Dann umarmte sie das Mädchen. »Vielen Dank, mein Schatz.«

Christopher stand daneben und betrachtete Mutter und Tochter mit gemischten Gefühlen. Der Anblick strahlte Wärme und Geborgenheit aus. Zugleich überkam ihn abermals die Furcht, als Fremder in diese Familie einzudringen.

Charlotte stand auf, legte einen Arm um Christopher und stellte ihn dem Mädchen vor.

»Das ist Christopher«, sagte sie feierlich. »Er ist dein neuer Bruder.« Dann deutete sie auf ihre Tochter. »Und dieser kleine Engel ist Sylvette, unsere Jüngste.«

Das Mädchen reichte ihm wohlerzogen die Hand, beäugte ihn aber nicht ohne Misstrauen, als er danach griff und sie schüttelte.

»Nicht so förmlich«, ermunterte Charlotte sie. »Umarmt euch doch!«

Zögernd gehorchten die beiden. Sylvette fühlte sich in Christophers Armen sehr zerbrechlich an. Er ließ sie so schnell wie möglich wieder los.

»Sind die anderen auch da?« fragte er schließlich, weil ihm das Schweigen des Mädchens unangenehm war.

Charlotte nahm die beiden an den Händen und führte sie den Steg entlang an Land. Sie war eine große Frau, doch Christopher überragte sie um einen halben Kopf. Falls jemand sie aus dem Dickicht der Zypressen beobachtete, würde sich ihm ein merkwürdiger Anblick bieten.

»Aura und Daniel wirst du gleich kennenlernen, sie sind im Schloss«, sagte Charlotte.

»Und … Vater?« Sein Zögern, ehe er das ungewohnte Wort über die Lippen brachte, konnte Charlotte schwerlich entgangen sein.

Bevor sie aber etwas erwidern konnte, platzte Sylvette heraus: »Vater hasst uns. Vater hasst uns alle.«

Charlotte blieb wie angewurzelt stehen. Ihr schmales Gesicht unter dem Muschelhut war kreidebleich geworden, als sie das Mädchen erschrocken und mit kalter Wut anstarrte.

»Wie kannst du so etwas sagen?«

Die Kleine gab sich trotzig. »Aber es stimmt doch.«

Für einen winzigen Augenblick fürchtete Christopher, Charlotte würde ausholen und dem Mädchen eine Ohrfeige verpassen. Ein haarfeiner Riss zog sich durch das Bild der Idylle, das er sich vom Leben der Familie Institoris gemacht hatte.

Seine Stiefmutter fasste sich jedoch, ließ beider Hände los und ging voraus. Als Christopher Sylvette einen verstohlenen Blick zuwarf, schenkte sie ihm ein kindliches Lächeln, so unschuldig, dass er schlagartig verstand, weshalb Charlotte sie ihren kleinen Engel genannt hatte.

Es gab keinen befestigten Weg durch den Zypressenhain, was Christopher bei einer Anlage wie dieser überraschte. Es war fast, als hätte man die natürliche Anordnung der Bäume nicht zerstören wollen. Einige von ihnen standen jedoch weit genug auseinander, so dass die drei mühelos hindurchgehen konnten.

Der Baumstreifen war nicht breit, zwanzig Meter vielleicht. In seinem Inneren herrschte unwirkliche Dämmerstimmung. Ein Flechtwerk aus fahlem Herbstlicht und Schatten lag über dem Boden, aus dem an einigen Stellen bucklige Höcker aus Kreidefels hervorschauten. Ein herber Waldduft überlagerte den Algengeruch der See. Es war, als hätte sich inmitten dieser Insel, kahl und leer und abweisend, ein heimliches Fenster aufgetan, ein Fenster zu einem anderen Ort, der Wärme und Behaglichkeit versprach. Das alles erinnerte Christopher an die ehrfurchtsvolle Stille eines Friedhofs.

Bald darauf blieben die Zypressen zurück, und vor ihnen erhob sich das hohe Portal des Schlosses. Vier breite Stufen führten hinauf zu einer doppelflügeligen Tür.

Aber es war nicht das mächtige Portal, das Christopher so beeindruckte. Es waren die Fenster, die er nun zum ersten Mal aus der Nähe sah.

Sie alle waren aus farbigem Bleiglas, bunte Mosaike, die groteske Bilder und Szenen darstellten, ein Feuerwerk aus fremdartigen Motiven, wie Christopher sie nie zuvor gesehen hatte. Kein einziges Fenster war aus klarem Glas.

Charlotte drängte ihn und Sylvette, ihr schnell ins Warme zu folgen. Christopher gelang es dennoch, die beiden Fenster rechts und links des Portals genauer zu betrachten.

Das eine zeigte einen Geier, der auf der kahlen Spitze eines Felsens hockte und dabei eine Schriftrolle im Schnabel hielt. Darauf standen mehrere lateinische Wörter, die Christopher im raschen Vorbeigehen nicht übersetzen konnte. Um den Felsgipfel kreiste ein Rabe, dessen eines Auge ihn aus dem Bild heraus anstarrte.

Auf dem zweiten Fenster, rechts der Tür, war ein aufrechter Stab zu sehen, um den sich zwei Schlangen ringelten. Ihre Zungenspitzen berührten einander. Der Stab endete in einer Magnolienblüte, die wiederum in einen Stern überging. Am Himmel darüber war auf der einen Seite ein Mond zu sehen, auf der anderen eine Sonne.

Beinahe widerwillig versuchte Christopher, seine Aufmerksamkeit von den beiden Fenstern zu lösen. Da waren noch unzählige andere, die es zu betrachten galt. Es kostete ihn einige Mühe, sich diesem Drang zu widersetzen und hinter Charlotte und Sylvette die Eingangshalle zu betreten.

Der Raum wurde von einem gewaltigen Kamin beherrscht, so hoch und tief wie der Eingang einer Höhle, fast ein Zimmer für sich. Das Feuer, das darin brannte, wirkte fast ein wenig verloren.

Auf dem Parkettboden der Halle waren hohe, flauschige Teppiche ausgelegt, die meisten in dunklen Rot- und Brauntönen. Auf der linken Seite führte eine geschwungene Freitreppe ins nächste Stockwerk. Bilder und Leuchter hingen an den getäfelten Wänden, dazu Ornamente, Wappen und Stickereien. So groß war die Vielzahl der Eindrücke, dass Christopher das Gefühl bekam, sich irgendwo festhalten zu müssen, um nicht von Schwindel übermannt zu werden.

Charlotte sah sich ebenfalls irritiert um, wenn auch aus anderem Grund. »Wo steckt denn die Dienerschaft?«

»Im Speisezimmer«, sagte Sylvette. Sie zwinkerte Christopher verstohlen zu, eine unverhofft freundschaftliche Geste, die ihn erstaunte. Er erwiderte das Blinzeln und schenkte ihr ein Lächeln, von dem er hoffte, es wirke herzlich.

»Sie haben sich alle dort versammelt, um dich kennenzulernen«, sprudelte das Mädchen vergnügt hervor, fast, als gälte ihr diese Ehre. »Mutter, du selbst hast ihnen doch die Anweisung gegeben.«

Charlotte nickte zögernd, schien aber keineswegs zufrieden. »Und Aura? Wo ist Aura? Und wo, zum Teufel, steckt Daniel?«

Ihre Erregung verwunderte Christopher, zumal sie nun hektisch und regelrecht aufgebracht in der Halle auf und ab lief. Sie schien ernstlich beunruhigt.

Da erklang vom oberen Ende der Freitreppe eine Stimme:

»Ich bin hier, Mutter.«

Charlotte fuhr zusammen. »Aura!« stieß sie hervor. »Wenigstens du erinnerst dich an deine gute Erziehung.«

Das Mädchen, das am oberen Treppenabsatz aufgetaucht war und jetzt langsam die Stufen herabstieg, verzog einen Augenblick lang das Gesicht. Häme blitzte in ihren Zügen.

Aura Institoris war in Christophers Alter und hatte das rabenschwarze Haar ihrer Mutter geerbt. Ihre Augen leuchteten blassblau wie die von Sylvette. Ihre Wimpern waren wie schwarze Strahlenkränze, lang und fein und wohlgeformt. Sie hatte dichte, dunkle Brauen, die sie stets ein wenig wütend aussehen ließen. Ihre Mundwinkel aber waren zum Hauch eines angeborenen Lächelns aufgeschwungen, was ihrem Antlitz eine reizende Gegensätzlichkeit verlieh. Ihre weiße Haut war glatt und auf dem Nasenrücken mit ein paar Sommersprossen gesprenkelt. Sie trug ein scharlachrotes Kleid, schwarzbraun abgesetzt, das ihre schlanke Gestalt betonte.

Christopher, im Waisenhaus unter Jungen aufgewachsen und mit dem Anblick schöner Frauen nicht vertraut, war denkbar beeindruckt. Mehr als das.

Doch seine Begeisterung währte keine zwei Atemzüge, denn Aura fragte: »Ist das der Neue?« Ihr Tonfall klirrte vor Ablehnung. Christopher war es, als hätte er sich unverhofft am Dorn einer blühenden Rose verletzt.

»Dein Bruder«, entgegnete Charlotte betont, »Christopher.«

Aura blieb am Fuß der Treppe stehen, kam nicht näher. Sie musterte ihn mit einer Gleichgültigkeit, die gespielt sein mochte, ihre Wirkung auf ihn aber nicht verfehlte. Er fühlte sich unwillkommen und überflüssig.

Seine Stiefmutter war sogleich bemüht, Auras Verhalten den Stachel zu ziehen. »Dir geht es nicht gut, mein Schatz, nicht wahr?« In ihrem mitfühlenden Säuseln lag ein Unterton, der besagte: Darüber werden wir uns unterhalten müssen!

Christopher versuchte, Auras Aufmerksamkeit mit seinen Augen einzufangen. Das Feuer in ihrem Blick war lodernder Zorn. Was machte sie nur so wütend?

»Du hättest wenigstens deine Ohrringe anlegen können, mein Liebling.« Charlotte versuchte immer noch, durch gekünstelte Sanftmut die Lage zu retten.

»Aber ich trage meine Ohrringe doch«, gab Aura mit Unschuldsmiene zurück – dabei war für jeden ersichtlich, dass sie das nicht tat. Ihre Finger tasteten nach ihren Ohrläppchen, und sogleich erschien ein derart falscher Ausdruck von Überraschung auf ihrem Gesicht, dass Christopher überzeugt war, Charlotte könnte ihn kaum mehr tolerieren.

»Oh«, machte Aura mit entwaffnendem Lächeln. »Ich muss mich getäuscht haben.«

Einen Moment lang starrten sie und ihre Mutter sich mit eisiger Verachtung an. Dann presste Charlotte mühsam eine Frage hervor: »Wo steckt Daniel?«

»Das wollte ich dich fragen. Ich suche schon eine ganze Weile nach ihm.«

Charlottes Blick wich nicht von ihr, wohl um herauszufinden, ob Aura sie abermals aufziehen wollte. Diesmal aber schien die Antwort ehrlich zu sein. Unvermittelt schrak Charlotte zusammen, als sei ihr ein schlimmer Gedanke gekommen. »Liebe Güte«, entfuhr es ihr, »wo kann er nur wieder stecken? Er wird doch keine Dummheit gemacht haben?« Taumelnd legte sie eine Hand an die Stirn, es sah aus, als wollte sie ohnmächtig zu Boden sinken. Das aber war ein Bild, das so gar nicht zu jener Charlotte passte, die Christopher vor wenigen Stunden kennengelernt hatte. Das Benehmen dieser Leute erschien ihm immer rätselhafter.

»Ach was«, sagte Aura, »er wird schon wieder auftauchen. Wahrscheinlich sitzt er in der Bibliothek.« Damit wandte sie sich ab und öffnete eine Tür unterhalb der Treppe, die Christopher bislang gar nicht aufgefallen war. Dahinter lag ein langer, spärlich beleuchteter Korridor.

»Gib mir sofort Bescheid, wenn du ihn gefunden hast«, rief Charlotte ihr nach. Ihre Stimme klang hoch, beinahe schrill. Kein Gedanke mehr an Auras Ungehörigkeit.

Das Mädchen zog die Tür hinter sich zu und verschwand schweigend in den unergründlichen Tiefen des Schlosses. Christopher dachte beunruhigt, dass sich in diesem Haus wohl noch einige Türen vor ihm öffnen mochten, von deren Existenz er bisher nichts ahnte.

Sylvette zupfte an seinem Ärmel. Als er sich zu ihr hinabbeugte, flüsterte sie: »Vater wohnt unterm Dach. Er kommt niemals herunter. Niemals.«

Noch ehe Christopher etwas entgegnen konnte, griff Charlotte mit gefestigtem Lächeln nach seiner Hand.

»Komm jetzt, mein Schatz. Wir müssen dich der Dienerschaft vorstellen.«

Vielfarbige Lichtkaskaden ergossen sich durch die hohen Fenstermosaike. Der Hauptflur des Westflügels erstreckte sich vor Aura wie ein Tunnel durch einen Regenbogen. Selbst das dämmrige Herbstlicht vermochte noch die herrlichsten Farbenspiele in den Fenstern zu erzeugen, projizierte sie wie Bilder einer Laterna magica auf die gegenüberliegende Wandtäfelung.

Heute aber verschwendete Aura keine Aufmerksamkeit an diese Wunder der Glaskunst. Zu viele Sorgen brachten sie schier zur Verzweiflung. Eine davon hatte sie eben erst kennengelernt. Christopher. Noch ein Fremder im Schloss. Noch ein Anlass, ihre Mutter zu verachten.

Aber Christopher war nicht der einzige Grund ihrer Wut. Genaugenommen, wenn sie ganz ehrlich war, spielte er dabei kaum eine Rolle. Er mochte ein Auslöser sein, einer von vielen, aber es gab wichtigere Ursachen für ihren Zorn. Falls irgendwer in der Lage war, sie zu beruhigen, ihr ein wenig Trost zu schenken, dann war es Daniel. Was ihn aber anging, so hatte ihre Mutter zugegebenermaßen Recht: Wo, zum Teufel, steckte er?

Es gab nur noch einen seiner zahlreichen Lieblingsorte im Schloss, an dem sie nicht gesucht hatte. Das verärgerte sie umso mehr, als sie gerade dort zuerst hätte nachschauen müssen. Es war so naheliegend. Dummes Huhn, schalt sie sich.

Oder, nein, da war noch eine Möglichkeit. Aber wenn Daniel sich wirklich dort aufhielt, dann sollte er ihr gestohlen bleiben, ein für alle Mal. Sie würde ihm nicht bis hinüber zum alten Leuchtturm folgen, nicht dorthin.

Und wenn es trotzdem so war? Wenn er wieder durch den Stollen unter dem Meer zum Turm geschlichen war? Wenn er dort das Gleiche versuchte wie vor zwei Monaten?

Ohne anzuklopfen, stieß sie die Doppeltür der Bibliothek auf, schnaubend vor Ärger und Sorge.

»Hallo, Schwesterchen.«

Daniel saß inmitten einer Festung aus Büchern, einem Halbrund aufeinandergestapelter Folianten, die ineinandergriffen wie Teile einer Ziegelmauer. Er selbst hockte im Schneidersitz in der Mitte und blickte zu ihr auf.

Wie sie es hasste, wenn er sie Schwesterchen nannte! Schlimmer noch: Er wusste, dass sie es hasste! Er spielte wieder mit ihr. Ausgerechnet heute. Ausgerechnet jetzt.

Daniel war achtzehn, ein Jahr älter als sie selbst. Er hatte strohblondes Haar und war zu dünn für seine Größe. Einst hatte in seinen Augen der Schalk geglüht, er war damit zur Welt gekommen wie manche mit einem Muttermal. Bei anderen hatte er dadurch oft den Eindruck erweckt, sich über alles und jeden lustig zu machen, sogar über sich selbst. Gerade deshalb hatte Aura ihn von Anfang an gemocht. Daniel hatte dem Leben im Schloss den angestaubten Ernst genommen.

Doch damit war es vorbei. Die weißen Binden um seine Handgelenke verrieten auch jetzt noch, was er getan hatte. Die Wunden wollten nicht verheilen, immer wieder erschienen sanfte Blutspuren im Weiß der Bandagen.

Sein Lächeln war nicht aufrichtig; sie sah ihm an, dass er gehofft hatte, sie würde ihn in Ruhe lassen. Doch sie dachte gar nicht daran. Ihr blieben nur noch vier Tage, und dafür hatte er, verdammt noch mal, Verständnis aufzubringen!

Eine Armlänge vor ihm blieb sie stehen und reichte ihm beide Hände, um ihm hoch zu helfen. »Komm, steh auf. Wir müssen miteinander reden.«

Er machte keine Anstalten, ihrer Aufforderung nachzukommen. »Das tun wir, ständig. Wir reden und reden. Aber das ändert nichts.«

Sie kam sich dumm vor, wie sie so vor ihm zu Kreuze kroch. Dennoch ließ sie die Arme nicht sinken. »Bitte«, sagte sie leise.

Er schaute auf ihre Hände. »Du hast wieder an den Nägeln gekaut.«

Wütend riss sie die Finger zurück. Ihre dunklen Augenbrauen rückten enger zusammen. »Versuch nur ja nicht, mich mit solchem Blödsinn zu verunsichern!«

Er seufzte und stemmte sich in die Höhe. Aura bemerkte, dass er sich auf seine Hände stützte, ohne dass es ihm wehtat. Ein lächerlicher Fortschritt nach mehr als acht Wochen. Warum hörten die Blutungen nicht auf?

Sie fühlte sich sehr verloren, als sie so vor ihm stand. Daniel nahm sie in die Arme. Sie spürte, wie starr er dabei wurde, als riete ihm seine Vernunft von solchen Gesten ab. Er wollte es, wollte sie an sich drücken, und hasste sich doch zugleich dafür. Sein ewiges Dilemma. Und das ihre.

»Ein Abschied vor der Reise ins Mittelalter, hm?« scherzte sie schwach.

Daniel blickte ihr traurig in die Augen. »Ach was, Mittelalter. Es wird nicht so schlimm werden, wie du glaubst.«

»Das tröstet mich, wirklich.«

»Es ist nur ein Internat, kein Gefängnis.«

Sie legte ihren Kopf an seine Schulter. Sie spürte seinen Widerwillen und kümmerte sich nicht darum. »Ein Internat für höhere Töchter, eineinhalbtausend Kilometer von hier. Es ist ein Gefängnis.«

Er hatte so oft versucht, ihr zu widersprechen, dass er es diesmal bleiben ließ. Es gab nichts Vernünftiges, das er darauf hätte erwidern können. Außerdem wusste sie genau, dass er in Wahrheit genauso darüber dachte wie sie.

Daniel ließ seine Hand an ihrem Nacken hinabwandern, streichelte sanft die Vertiefung zwischen ihren Schulterblättern.

Sie fühlte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen, und versuchte verzweifelt, sie zu unterdrücken. Er würde sie loslassen, wenn er es bemerkte. Ihre Tränen hatten die schlechte Angewohnheit, ihn zur Vernunft zu bringen.

Schweigend standen sie da, hielten einander fest, während Aura sich mit aller Kraft beherrschte. Es war sinnlos. Es half keinem von beiden.

Vom ersten Tag an war es zwischen ihnen nicht einfach gewesen. Oft genug hatte Aura die Barriere durchbrechen wollen, doch Daniel hatte sie erst durch seinen Humor und später, als der ihm verging, durch krampfhafte Distanz aufrechterhalten. Sie waren nur Stiefgeschwister, keine echten Verwandten, doch das war nicht das wirkliche Problem.

In Wahrheit ging es um Daniels Unfall. Und um die Tatsache, dass er damit nicht fertig wurde.

Das Schweigen wurde beiden immer unangenehmer, bis Aura sich schließlich von seiner Schulter löste und nach einem kaum merklichen Schlucken sagte: »Dieser Christopher ist eben angekommen.«

»Und, wie ist er?« Sein Atem ging eine Spur zu schnell.

»Mutter behütet ihn wie eine Glucke.«

»Das kann sie gut.«

Aura schüttelte den Kopf. »Bei dir war es anders.«

»Das bildest du dir ein.«

»Nein«, widersprach sie fest. »Sie versucht, an ihm gutzumachen, was –« Sie verstummte, als ihr klar wurde, was sie beinahe ausgesprochen hätte.

»Was bei mir schiefgelaufen ist«, führte Daniel den Satz zu Ende. »Ja, vielleicht.«

Aura ergriff seine Hand. »Ich wollte das nicht sagen.«

»Schon gut.« Er zog seine Finger zurück und trat an das einzige Fenster zwischen den hohen Bücherregalen. Er hätte es wohl gern geöffnet und hinaus aufs Meer geblickt, aber der Riegel klemmte seit Jahren. Nur die wenigsten Fenster im Schloss ließen sich öffnen.

Vielleicht sind es die Farben, dachte Aura, vielleicht sind sie es, die uns alle so trübsinnig machen – das Fehlen von reinem, weißem Licht.

Das Mosaik des Bibliotheksfensters zeigte eine bauchige Flasche, in deren Innerem ein Pfau mit gesträubtem Schwanzgefieder gefangen war. Auf dem Flaschenhals steckte eine prächtige Königskrone. Darüber spannte sich eine Wolkendecke, durch deren Täler zwei Vögel einen goldenen Streitwagen zogen. Darin saß eine blonde Frauengestalt.

Aura fühlte sich mehr und mehr wie dieser Pfau, gefangen in einem gläsernen Kerker, durch Umstände, die sie nicht verstand.

Daniel hatte das Gesicht noch immer zum Fenster gewandt, als könnte er durch die vielfarbigen Bruchstücke hinausschauen, so wie er manchmal durch Auras Gesicht direkt in ihre Gedanken blickte. Es war unheimlich, wie oft er im Voraus wusste, was sie als Nächstes sagen, sogar denken würde.

»Vielleicht ist es besser, wenn du jetzt gehst«, meinte er leise, immer noch, ohne sie anzusehen. »Es ist noch nicht an der Zeit Abschied zu nehmen.«

»Noch vier Tage.« Aura schloss für einen Moment die Augen, in der schwachen Hoffnung, Daniel würde vor ihr stehen und sie anlächeln, wenn sie die Lider wieder aufschlug. Vergebens. »Vergiss das nicht«, fügte sie hinzu und wandte sich zur Tür.

Er flüsterte etwas, als sie auf den Gang hinaus trat. Es mochte alles Mögliche bedeuten, doch sie hoffte, es hieß: »Bestimmt nicht!« Ganz sicher hieß es das.

Sie fand sich einfältig, fand sich kindisch, doch als sie durch die Flut schillernder Farben davoneilte, ließ sie ihren Tränen freien Lauf. Der Gang wurde lang und länger, die Lichter schienen intensiver, und wieder schloss sie die Augen, rannte blind geradeaus, bis sie die nächste Tür erreichte. Ein weiterer Korridor zu ihrer Linken. Lautlose Schritte auf knöchelhohen Teppichen. Ihr Atem, der in ihren Ohren raste. Ihr Herzschlag.

Sie stürmte die geschwungenen Stufen in einem der beiden Treppenhäuser hinauf. Vorbei am ersten und zweiten Stock, hinein in einen weiteren Flur. Tür um Tür riss sie auf, während sie den Gang entlangrannte. Im Laufen fingerte sie nach der Kette um ihren Hals, nach dem Schlüssel, der daran hing.

Sie gelangte an eine weitere Treppe, eng, hölzern und unbeleuchtet. Keine Wendeltreppe wie die anderen, nur eine schmale, verwinkelte Stiege, die unter jedem ihrer Schritte knarrte. Auch ohne Sonne, ohne Lampen fand Aura ihren Weg. Der schmale, trübe Schimmer, der ihr durch den Türspalt am Ende der Treppe entgegenfiel, reichte aus.

Die letzte Tür, endlich. Sie stieß den Schlüssel ins Schloss, als trüge er die Schuld an all ihrem Leid. Drehte ihn um. Wollte eintreten.

Die Tür ging nicht auf. Ihr Vater musste sie von innen verriegelt haben. Es war Jahre her, dass er das zum letzten Mal getan hatte.

»Vater!«, schrie sie. Staub und Dunkelheit verschluckten den hellen Klang ihrer Stimme, machten sie spröde und dumpf.

»Vater, lass mich rein! Bitte!«

Niemand gab Antwort. Auras Hände tasteten hilflos über die Tür, pressten dagegen, fühlten das hölzerne Schnitzrelief auf der Oberfläche.

Sie rief noch einmal, zweimal, flehte ihn an, doch der Zugang zum Dachgeschoss blieb verschlossen. Ihr Vater wollte sie nicht sehen. Weigerte sich, mit ihr zu sprechen.

Niedergeschlagen sank sie auf die oberste Stufe, den Rücken gegen die Tür gelehnt.

Durch das Holz ertönte der Schrei eines Pelikans.

Wien bei Einbruch der Dämmerung: eine Stadt im Zauber der Gaslaternen. Eisenbeschlagene Kutschenräder schepperten über das regennasse Pflaster. Straßenhändler priesen zum letzten Mal ihre Waren an, andere bauten bereits die Stände ab und lenkten ihre Fuhrwerke heim in die Quartiere am Stadtrand. Vereinzelte Trambahnen dröhnten zwischen den alten Häuserzeilen, ihr Gebimmel klang selbst aus der Ferne unangenehm und schrill. Kinder rannten schreiend umher und suchten in den Abfällen der Händler nach übrig gebliebenen Kostbarkeiten, einem unbeschädigten Apfel oder exotischen Früchten aus Übersee. Der Regen hatte den Kohlegeruch der Kamine für eine Weile zu Boden gedrückt, doch nun stieg er abermals vom Pflaster empor.

Eine kaiserliche Kompanie marschierte im Stechschritt über die Freyung, einen der großen Plätze im Herzen der Stadt. Einst hatte man hier, im Schatten des Schottenstifts, Verräter hingerichtet, indem man sie kopfüber in wassergefüllte Fässer tauchte. Heute versammelten sich an diesem Ort die Menschen zu Volksfesten und Märkten.

Gillian, der Hermaphrodit, trat aus dem Schutz einer bunt beklebten Litfasssäule und schaute sich zum wiederholten Male aufmerksam um. Der Platz war noch immer voller Menschen, wenngleich die meisten unterwegs in die angrenzenden Straßen waren. Das flackernde Licht der Gaslaternen stand im Gegensatz zum fließenden Rot der untergehenden Sonne. Längst war sie hinter den Dächern verschwunden, doch ihr Schein ließ im Westen den Himmel erglühen. Im Osten aber rückte die Nacht heran, und mit ihr verstärkte sich Gillians Furcht.

Was er zu tun hatte, war nicht einfach. Lysander hatte ihm in seiner Botschaft klar zu verstehen gegeben, dass er Widerspruch oder gar Nichterscheinen zum vereinbarten Zeitpunkt nicht dulden würde. Gillian würde Lysander heute Abend wiedersehen, ob er wollte oder nicht. Daran bestand nicht der geringste Zweifel.

Fraglich war allein, ob es Gillian nicht dennoch gelingen konnte, Lysander zu überraschen. Und sei es nur, um unter Beweis zu stellen, dass er in all den Jahren nichts verlernt hatte.

Hätte er es nicht besser gewusst, er wäre vielleicht in die Schottenkirche gegangen, um vor der Madonnenstatue zu beten. Die Wiener verehrten sie als wundertätig. Doch Gillian empfand für solche Bräuche nur Befremden. Niemand würde ihm helfen können, wenn er Lysander gegenüberstand. Nicht einmal er selbst, und das war möglicherweise das Schlimmste: seine eigene Hilflosigkeit. Es war lange her, dass er von anderen abhängig gewesen war und ihren Befehlen gehorcht hatte. Zuletzt hatte er vor Jahren von Lysander gehört.

Aus dem Schatten der Litfasssäule eilte Gillian quer über die Freyung und wich knapp einem zweispännigen Fiaker aus, ohne die Flüche des Kutschers zu beachten. Die Höcker des Pflasters waren glatt vom Regen, einmal wäre er fast ausgerutscht.

Er erreichte den Eingang des Schottenstifts. Ein Benediktinermönch ließ ihn ein, als Gillian ihm ein gefälschtes Papier unter die Nase hielt. Es wies ihn als Kaiserlichen Tintenlieferanten aus – was immer das bedeuten mochte. Er hatte das Dokument von einem Hafenarbeiter aus der Leopoldstadt gekauft, der sich mit Fälschungen aller Art ein Zubrot verdiente. Der Mann hatte ihm geraten, immer ein paar versiegelte Tintenfässer bei sich zu tragen, wenn er das Papier benutzte. Diese Investition kam Gillian nicht zum ersten Mal zugute. Die Einfalt der Menschen war grenzenlos.

Natürlich, er kenne den Weg zum Abt, versicherte Gillian dem Torwächter, und so ließ der Mann ihn ziehen. Freilich, hätte er versucht, in den Kapitelsaal des Klosters oder in die Räumlichkeiten des alten Gymnasiums einzudringen, hätte man ihn wohl aufgehalten. Doch Gillian hatte ein anderes Ziel.

Er ging diesen Weg nicht zum ersten Mal, fand den Zugang zum Keller ohne Mühe und, wichtiger noch, ohne Aufsehen zu erregen. Eine steile Holztreppe führte fast zehn Meter in die Tiefe.

Das Stift hatte seit seiner Gründung im zwölften Jahrhundert eine bewegte Geschichte erlebt, war von Feuersbrünsten verheert, von Milizionären geplündert und von Architekten beim Wiederaufbau entstellt worden. Von romanischen Mauerresten über barocke Hallen bis hin zu Biedermeierkellern spiegelte sich in den Untergründen des Schottenstifts die Historie der Stadt wider.

Gillian aber hatte keinen Blick für die baulichen Wunder der Klosterkeller. Er hatte die alten Pläne studiert, er kannte sie auswendig. Ohne aufgehalten zu werden, durcheilte er einige der Räume, die von den Benediktinern als Weinlager genutzt wurden. Er fragte sich, weshalb sich nicht jeder Wirt Wiens aus diesen Kellern bediente, wenn es doch so einfach war, hineinzugelangen.

Er kam an einer Mauer vorbei, von der er wusste, dass hinter ihr die große Krypta der Stiftskirche lag, vollgestopft mit Särgen und mumifizierten Leichen. Wie passend, gerade diesen Weg in Lysanders Heim zu nehmen.

Die Luft hier unten war kalt und abgestanden, wurde noch kälter, als er eine runde Metallplatte aus dem Boden löste und seine Füße auf die Eisensprossen setzte, die darunter in die Tiefe führten. Er entzündete eine Laterne, bevor er in die Finsternis abtauchte und die Platte über sich zurück an ihren Platz zog.

Die Luftlinie bis zu seinem Ziel mochte kaum sechshundert Meter betragen, ein Katzensprung. Hier unten aber, im Labyrinth der Wiener Unterwelt, konnte solch eine Strecke zum Tagesmarsch werden. Trotzdem war er zuversichtlich, Lysander pünktlich gegenüberzutreten. In den zehn Jahren, die er jetzt in Wien lebte, war er so oft hier unten gewesen, hatte so viele Kilometer in den Kanälen und Kellern zurückgelegt, dass sie ihren Schrecken für ihn verloren hatten. Wichtig war allein, den zahlreichen Einbrecherbanden aus dem Weg zu gehen, die in den Gewölben Unterschlupf suchten. Sie mochten es nicht, wenn man durch ihre Diebeslager streifte, absichtlich oder aus Versehen. Zu vielen dieser Kerle saß die Klinge allzu locker im Stiefel.

Harmloser waren die Sandler, die Obdachlosen, die sich in den Tunneln verkrochen. Am ehesten aber mochte Gillian die Fettfischer, die ihr ganzes Leben hier unten zubrachten. Anders als die Bettler und Herumtreiber stiegen sie nicht erst nachts in die Kanalisation herab, sondern lebten hier tagein, tagaus. Ihr Name rührte von den Fallen, die sie in den großen Sammelkanälen aufspannten, Gitter und Netze, mit denen sie angeschwemmtes Fett, Fleisch und Knochen abschöpften. Ihre Beute verkauften sie für ein paar Kreuzer an Seifensieder und Masthäuser.

Vor einigen Jahren hatte sich eines von Gillians Opfern im Netz eines Fettfischers verfangen. Die Berichte über den Leichnam hatten in der Unterwelt innerhalb weniger Stunden die Runde gemacht, mehr noch die Beschreibungen der kabbalistischen Tätowierungen, mit denen der Körper bedeckt gewesen war. Gillian hatte den Toten ausgelöst, bevor die Fischer ihn der Polizei übergeben konnten. Das hatte ihn eine gehörige Summe gekostet, beinahe die Hälfte dessen, was man ihm für den Mord gezahlt hatte. Er hatte den Toten anderweitig beseitigt und aus dem Ganzen die Lehre gezogen, dass nahezu alles, was man im Wiener Untergrund verschwinden ließ, früher oder später wieder ans Tageslicht kam.

Heute war Gillian froh über seine Erfahrungen im Untergrundlabyrinth der Stadt. Es half ihm, Lysander ein Schnippchen zu schlagen. Mochte man es kindisch nennen oder eitel, er selbst empfand außerordentliche Befriedigung dabei.

Er hielt die flackernde Lampe hoch über seinen Kopf, zugleich ein wenig vorgestreckt. Es war nicht genug, nur den Boden vor seinen Füßen zu beobachten. Hier unten mochten die Gefahren auch über einem lauern, meist in Form von Fluchtschächten in den Gewölbedecken, die zum Unterschlupf einer Verbrecherbande führten. Gillian wollte sich neben seinen anderen Sorgen nicht auch noch Ärger mit diesem Gesindel einhandeln.

Ein eisiger Luftzug wehte durch die Schächte und brachte eine Vielzahl der unterschiedlichsten Laute mit sich. Das allgegenwärtige Rascheln der Ratten wurde von fernen Stimmen, sogar vom Gesang eines Betrunkenen überlagert. Einmal mehr fragte sich Gillian, weshalb Lysander ausgerechnet hier Quartier bezogen hatte. Er besaß genügend Einfluss, um sich in einem der alten Paläste einzumieten.

Freilich, Lysander war keiner, der sich wie eine Ratte in feuchten Löchern verkroch. Wenn es denn Gewölbe und Kellerhallen sein mussten, dann schon ganz besondere. Das war wohl der Grund, weshalb er sich von allen Orten ausgerechnet die Unterwelt der Hofburg ausgesucht hatte. Es musste ihn ein Vermögen kosten, sein Reich nach oben hin abzuschotten. Allein die Schmiergelder an die Burghauptmannschaft mussten astronomisch sein. Aber um Geld war Lysander nie verlegen gewesen.

Die Hofburg mit ihren achtzehn Trakten, mehr als fünfzig Stiegenhäusern und nahezu dreitausend Räumen war eine Residenz, wie sie Lysander gefallen hätte. Da er die jedoch nicht haben konnte, mussten es zumindest ihre Keller sein. Wenigstens einige davon. Hätte er Lysander nicht besser gekannt, so hätte diese Feststellung Gillian vielleicht ein Lächeln entlockt. So aber verspürte er nichts als Unbehagen, durchmischt mit nagender Furcht.

Gebeugt eilte er durch einen Bogengang, in dessen Mitte ein schmaler Wasserlauf rauschte. Das Licht seiner Lampe huschte flimmernd über die Oberfläche. Irgendwo am Ende dieses Tunnels gab es einen Schacht, der direkt in den alten Eiskeller der Hofburg führte. Er hatte gehört, der Raum würde nicht mehr genutzt, konnte dessen aber nicht vollkommen sicher sein.

Er fand die Klappe auf Anhieb, scheiterte aber beim ersten Versuch, sie zu öffnen. Gillian war schnell und geschickt, doch mangelte es ihm von jeher an Kraft, ein Nachteil seiner androgynen Natur. Falls es nötig werden sollte, mit Gewalt in den Keller einzudringen, mochte er daran scheitern.

Nach einigem Suchen entdeckte er einen verborgenen Mechanismus, einen winzigen Hebel, den er mittels einiger Schläge mit der Lampenkante aus seiner eingerosteten Stellung brachte. Jetzt ließ sich das Eisenschott mühelos nach außen klappen. Die Scharniere knirschten. Gillian fluchte im Stillen. Hier unten war das Echo unberechenbar, man wusste nie, welcher Laut bis wohin dringen würde.

Er zog die Klappe hinter sich zu und bemerkte, dass der Riegel abermals einschnappte. Damit war ihm der Rückzug fürs Erste versperrt. Blieb zu hoffen, dass eine Flucht nicht nötig sein würde.

Der enge Schacht endete unterhalb einer weiteren Metallplatte. Ächzend gelang es ihm, sie zur Hälfte beiseitezuschieben. Oben angekommen, klopfte er sich den Roststaub von der Kleidung, ließ den Zugang aber offen.

Als er sich umschaute, sah er, dass seine Hoffnung berechtigt gewesen war. Der Eiskeller war stillgelegt, wurde augenscheinlich seit Jahren nicht mehr genutzt. Im fahlen Licht der Lampe bot sich ihm ein imposanter Anblick.

Ein Rundbau, etwa fünf Schritt im Durchmesser, schraubte sich zehn Meter hoch ins Dunkel. In die runden Wände waren vom Boden bis zur Decke Kammern eingelassen, die einstigen Kühlfächer. Jetzt standen sie leer. In früheren Wintern hatte man den Raum mit Eisschollen aus der Donau gefüllt, die sich in dieser Tiefe das ganze Jahr über hielten. Lebensmittel konnten hier monatelang gelagert werden, auch schon vor sechshundert Jahren, als die Keller der Hofburg entstanden waren. Die Kühlkammern klafften schwarz in den brüchigen Mauern. Aus einigen erklang das Pfeifen ganzer Rattenschwärme.

Als Mittelachse des Eiskellers führte eine Strickleiter vom Boden bis zur Decke, wo sie unter einer Falltür im Stein verankert war. Gillian befestigte die Lampe an seinem Gürtel und zog prüfend an den unteren Sprossen. Das Holz schien alt und rissig, und er hatte Zweifel, ob es ihn tragen würde. Auch die Seile wirkten morsch und zerfasert.

Vorsichtig begann er den Aufstieg. Spinnweben wehten zwischen den Sprossen. Wenigstens bereitete ihm das Klettern keine Schwierigkeiten. Die Leiter pendelte ein wenig, drehte sich einmal halb um sich selbst, schien der Belastung aber standzuhalten. Immer weiter blieb der Boden zurück, fünf Meter, dann sechs. Gillian gab sich Mühe, nur nach oben zu blicken, zur Falltür hinauf, die er im Zwielicht seiner Handlampe schwach erkennen konnte. Sein Schatten an der Decke wucherte zu einer grotesken Form, die den oberen Teil des Eiskellers ausfüllte wie eine Gewitterwolke.

Als er kaum mehr zwei Meter von der Decke entfernt war, fiel ein sanfter Lichtschimmer durch die Fugen der Falltür. Einen Augenblick später wurde sie aufgerissen. Die Silhouetten zweier Gestalten zeichneten sich vor gelblichem Zwielicht ab. Sie reckten Köpfe und Schultern über die Öffnung.

Gillian erstarrte. Der Abgrund unter ihm – sechs, sieben Meter tief – schien plötzlich bodenlos.

Einer der Scherenschnitte hielt eine einzelne Kerze über den Rand der Öffnung. Wachs tropfte auf Gillians Wange. Die Flamme erhellte zwei vollkommen gleiche Gesichter, grau und eingefallen, mit nahezu schlohweißem Haar. Es war unmöglich, ihr Alter zu schätzen, sie sahen schon so aus, seit Gillian sie kannte. Stein und Bein, Lysanders Zwillingsdiener. Mochte der Teufel wissen, wo er die beiden aufgegabelt hatte. Auch ob Lysander ihnen diese Namen gegeben hatte, war ungewiss. Sollten sie jemals andere gehabt haben, so waren sie längst vergessen.

Der eine, der die Kerze hielt – Gillian riet, es wäre Stein –, verzog die schmalen Lippen zu einem Grinsen.

»Wenn das nicht der Besuch für den Herrn ist!«

»Aber wo kommt er her?«, fragte Bein und grinste gleichfalls. »Fühlt er sich wirklich wohl in seiner Lage?«

Gillian spürte, dass seine Hände allmählich zu schmerzen begannen. Er musste von dieser Leiter herunter, so schnell wie möglich, wagte aber nicht, wieder nach unten zu klettern. Er ahnte, was die beiden dann tun würden.

Offenbar war genau das ohnehin ihre Absicht.

Stein hielt die Kerze näher an einen der morschen Stricke. Noch wenige Fingerbreit, und das Seil würde brennen wie eine Lunte.

»Glaubst du, das würde ihm gefallen?«, fragte er seinen Zwillingsbruder.

Bein kicherte verschlagen. »Man kann nie sicher sein.«

»Hört auf mit dem Unsinn!«, rief Gillian zu ihnen hinauf. »Lysander will mich sehen, also helft mir gefälligst hoch.«

»Das ist wahr«, sagte Stein.

»Aber sagte er, lebend sehen?«, fragte Bein.

»Ich kann mich nicht erinnern.«

»Das ist schlecht.«

»Sehr schlecht.«

Gillian verlor die Beherrschung. Herausfordernd zog er sich zwei weitere Sprossen empor und brüllte den beiden ins Gesicht: »Spielt eure Spielchen mit einem anderen! Ich bin hier als Lysanders Gast!«

»Aber nicht auf dem Weg, den er wünschte«, entgegnete Stein, immer noch an seinen Bruder gewandt. Die beiden sprachen fast nur miteinander und mit ihrem Herrn, eine ihrer merkwürdigen Angewohnheiten. Eine andere war ihr ausgeprägter Sadismus.

Stein hielt die Kerze noch näher an den Strick. Ein leichter Luftzug, und die Flamme mochte auf den staubtrockenen Hanf übergreifen. Wieder fiel ein Wachstropfen in Gillians Gesicht.

»Man hört nicht auf das, was einem gesagt wird«, meinte Stein mit tückischer Ruhe.

»Er ist ja auch kein Mann«, sagte Bein.

»Aber auch keine Frau.«

»Er ist von beidem etwas. Ein hübscher Mädchenjunge.«

»Ein Mädchenjunge, ganz recht.«

»Wir sollten ihn bitten, sich auszuziehen.«

»Ja«, stimmte Stein seinem Bruder zu, »wir wollen sehen, wie einer wie er wohl aussieht.«

»Hat er Brüste?«

»Wenn ja, dann sind sie flach.«

»Hat er Bartwuchs?«

»Ich kann keinen sehen.«

»Hat er einen –« Und beide brachen in albernes Kichern aus, das so gar nicht zu ihren verhärmten Gesichtern passte.

Gillians Gedanken drehten sich im Kreis. Er war schon in auswegloseren Situationen gewesen, mehr als ein Mal, aber meist hatte er es mit normalen Gegnern zu tun gehabt, nicht mit Wahnsinnigen.

Er wollte etwas sagen, irgendetwas, das die Flamme von dem Strick fortbewegen würde, doch ein anderer kam ihm zuvor.

»Stein! Bein!«, sagte eine ruhige Stimme. »Gillian ist nicht euer Spielzeug.«

Mit einem Schnauben, das vielleicht Empörung signalisieren sollte, zog Stein die Kerze zurück. Dann streckten die Zwillinge Gillian die Hände entgegen. Ihm ekelte vor ihrer Berührung, aber es war der schnellste und sicherste Weg, um nach oben zu gelangen.

Jeder der beiden trug eine Dienerlivree mit gestärktem Hemdkragen und schwarzer Weste. Die Männer bewegten sich wie spindeldürre Insekten, zerbrechlich, aber kraftvoll.

Die Falltür befand sich in einer Kammer aus braunen Ziegelmauern. Steins Kerze und Gillians Handlampe waren die einzigen Lichtquellen im Raum. Eine alte Bohlentür hing schief in ihren Angeln.

Die Zwillinge führten ihn hinaus, durch mehrere Korridore und leerstehende Lagerräume in eine unterirdische Halle. Die Wände waren holzgetäfelt, der Boden unter Schichten von Teppichen begraben. Kerzenleuchter verbreiteten Licht und Wärme. An den Wandtäfelungen hingen zahlreiche Gemälde. Das eine oder andere erkannte Gillian von seinen gelegentlichen Besuchen in Wiens Galerien. Lysander gab sich nicht mit Fälschungen zufrieden. Was an seinen Wänden hing, war echt.

Nachdem sein Eingreifen Gillians Leben gerettet hatte, musste Lysander ihnen vorausgeeilt sein, denn weder an der Falltür noch in den unterirdischen Fluren hatte Gillian eine Spur von ihm entdeckt.

Jetzt aber stand er am anderen Ende der Halle, oberhalb einiger Stufen. Er hatte seinem Gast und den Zwillingen den Rücken zugewandt und konzentrierte sich ganz auf eine Leinwand, die vor ihm an einer Staffelei lehnte. Daneben stand auf einem zweiten Gestell ein gerahmtes Gemälde, Winter von Giuseppe Arcimboldo. Der Italiener war einst Maler am Wiener Hof gewesen. Das Bild zeigte das Profil einer merkwürdigen Gestalt, halb Mensch, halb Pflanze. Aus ihrem Schädel wucherte ein groteskes Flechtwerk aus Zweigen.

Lysander trug feinstes Tuch, einen Anzug von blendendem Weiß. Sein Rücken war leicht gebeugt, ein ungewohnter Anblick. Um seinen Hals hatte er eine Pelzstola geschlungen. Alles, was Gillian von ihm sah, war das hellgraue Haar an seinem Hinterkopf. Lysander schien es nicht für nötig zu halten, sich seinem Besucher zuzuwenden. Stattdessen war er mit Pinseln und Farben auf seiner Leinwand beschäftigt. Offenbar kopierte er das Gemälde Arcimboldos, allerdings aus einer neuen Perspektive – von hinten. Ein Spleen Lysanders: Er liebte es, berühmte Kunstwerke aus der Rückansicht zu interpretieren und dabei neue, im Original unsichtbare Details zu enthüllen.

Gillian entdeckte, dass nur die rechte Wand der Halle mit gestohlenen Gemälden aus Wiens Galerien geschmückt war – an der linken hingen die entsprechenden Hinteransichten, die Lysander mit einigem Talent gefertigt hatte.

Die Zwillinge hielten Gillian zurück, als er sich ihrem Meister nähern wollte. Noch immer lag eine Entfernung von zehn, zwölf Metern zwischen ihnen.

»Darf ich nicht näher kommen?«, fragte Gillian und schüttelte die Hände der beiden Diener ab.

»Nein.« Lysanders Stimme klang sanft wie immer, doch Gillian hatte sie weit jünger in Erinnerung. In den Jahren, seit sie sich zuletzt gesehen hatten, konnte er schwerlich so sehr gealtert sein. Vielleicht hat er eine Erkältung, dachte Gillian halbherzig. Kein Wunder in diesen Kellern, obgleich die Halle fürstlich ausgestattet war. Wer nicht wusste, dass er sich unterhalb der Stadt befand, hätte es wohl kaum vermuten können. Nur Fenster gab es keine.

Lysander räusperte sich leise, doch die Heiserkeit – oder das Alter  – in seiner Stimme blieb. »Du hast einen anderen Weg genommen, als den, um den ich dich gebeten habe. Glaubst du wirklich, du hast es nötig, mir irgendetwas zu beweisen?«

»Ich bin erleichtert, dass die Wachsamkeit deiner Kreaturen nicht nachgelassen hat. Diese Erkenntnis war mir die Mühe wert.«

Beim Wort Kreaturen zogen Stein und Bein scharf die Luft ein, was Gillian mit Genugtuung erfüllte.

Lysander wandte ihm nach wie vor den Rücken zu. »Ich habe eine Aufgabe für dich.«

Natürlich hast du das, dachte Gillian, deshalb bin ich hier.

»Sag mir bitte«, verlangte Lysander höflich, »kennst du das dritte Gemälde von rechts, in der unteren Reihe?«

Verwundert wandte Gillian den Kopf zu den Originalen und suchte das betreffende Bild. Es zeigte eine Felseninsel in einem stillen dunkelgrünen Meer. Aus der Mitte der Felsformationen ragten einige Bäume hervor, Zypressen. Ein Ruderboot näherte sich der Insel, in dem aufrecht eine weiß verhüllte Gestalt stand. Sie blickte dem Eiland mit verschränkten Armen entgegen.

Gillian hatte das Bild noch nie zuvor gesehen. »Nein«, sagte er.

»Ich ließ es vor beinahe siebzehn Jahren in Florenz anfertigen, von einem Schweizer namens Böcklin«, erklärte Lysander und fügte seinem eigenen Gemälde ein paar neue Striche hinzu. »Ich ließ den Auftrag über eine meiner Vertrauten erteilen, die Gräfin von Oriola, übrigens eine vorzügliche junge Kunstkennerin. Nun, damals war sie jung – und gerade erst verwitwet, wie ich ergänzen darf.«

Gillian fragte sich, worauf Lysander hinauswollte.

»Die Gräfin beschrieb Böcklin das Motiv entsprechend meinen Wünschen, und er fertigte daraufhin dieses wunderbare Gemälde an. Ein Meisterstück, ohne Zweifel. Ich ließ ihm meine Bitte ausrichten, es Die Toteninsel zu nennen. Der gute Mann hat seither noch einige weitere Fassungen davon hergestellt, aber keine kommt meinem Original gleich.«

»Ich bezweifle nicht, dass du die Kunst liebst, Lysander, aber –«

»Nicht so ungeduldig, mein Freund. Ich dachte, Geduld sei eine Stärke deines Gewerbes. Das Bild, das du dort siehst, hat für mich einen hohen symbolischen Wert. Die Toteninsel – der Name sagt eigentlich alles, nicht wahr?« Lysander lachte leise und führte den Pinsel erneut mit kühnem Schwung über die Leinwand. »Diese Insel, mein Lieber, ist mehr oder minder das Abbild eines tatsächlichen Ortes, hoch oben im Norden Preußens.« Er zögerte unmerklich. »Heißt es noch so? Preußen? Wie auch immer. Du wirst dich dorthin begeben, und du wirst dafür sorgen, dass der Friedhof, den Böcklin in meinem Auftrag daraus gemacht hat, nicht länger ein Traumgespinst bleibt.«

»Wer ist es diesmal?«

»Du kennst ihn nicht. Nestor Nepomuk Institoris. Ein alter Feind. Gelinde ausgedrückt.«

Gillian erinnerte sich nicht, den Namen je gehört zu haben. Ein alter Feind. Er straffte die Schultern. »Ich arbeite nicht mehr in diesem Gewerbe, Lysander. Schon seit Jahren nicht mehr.«

»Oh«, sagte Lysander und setzte nicht einmal den Pinsel ab, »das macht nichts. Du wirst deine alte Arbeit wiederaufnehmen. Für mich.«

Niemand widersprach Lysander. Trotzdem sagte Gillian: »Die halbe Unterwelt Wiens zahlt Abgaben an dich und Gott weiß, wer noch. Ist unter all diesem Gesindel nicht einer, der solch eine Aufgabe übernehmen könnte?«

»Sehr viele«, stimmte Lysander zu. »Hunderte vielleicht. Aber ich will, dass du es tust. Ich breche ungern mit liebgewonnenen Traditionen. Und ich zahle gut.«

»Du weißt, dass mich dein Geld nicht interessiert.«

»Kein Geld. Dein Lohn ist dein Seelenfrieden, Gillian. Ich werde dich danach nie wieder behelligen.«

Gillian verzog das Gesicht. »Das hast du schon einmal versprochen.«

»Und habe ich dich nicht sechs Jahre lang in Ruhe gelassen?«, Lysander seufzte schwer. »Diesmal hast du mein Wort: Dieser Auftrag ist der letzte.«

Gillian wusste, dass er keine Wahl hatte. »Erzähl mir die Einzelheiten«, sagte er müde. »Und sei so gut und lass mich dein Gesicht dabei sehen.«

»Weder das eine noch das andere ist nötig.« Braun und grün malten die Pinsel, Strich um Strich, Zweig um Zweig. »Meine beiden Assistenten werden dir auf der Fahrt zum Bahnhof einen Brief aushändigen. Darin steht alles, was du wissen musst.«

»Auf der Fahrt … zum Bahnhof?« Gillians Mund war mit einem Mal trocken.

»Es ist unumgänglich, dass du sofort abreist«, sagte Lysander. »Dein Zug verlässt Wien um acht Uhr zehn. Stein und Bein wissen, wann und wo du umsteigen musst.« Dann fügte er hinzu: »Es wird eine lange Fahrt, nimm ein Buch mit.«

»Ich kann nicht so einfach aus Wien verschwinden«, widersetzte sich Gillian. »Es gibt Dinge zu tun, Abkommen einzuhalten. Ich will nicht, dass andere –«

Der Pinsel verharrte. »Von welchen anderen sprichst du?« Kein Zweifel, Lysander würde jeden von ihnen beseitigen lassen, einen nach dem anderen.

Gillian schluckte seinen Zorn hinunter. »Schon gut«, entgegnete er im Tonfall empörter Resignation. »Schon gut, Lysander, ich fahre.«

»Daran habe ich nicht gezweifelt.«

Gillian verspürte den unbändigen Drang, Lysander die verfluchten Ölpinsel in die Augäpfel zu bohren. Eines Tages, schwor er sich, eines Tages ist es so weit.

Stein und Bein nahmen ihn erneut in ihre Mitte und wandten sich zur Tür.

Als sie hinausgingen, hob Lysander noch einmal die Stimme.

»Richte Nestor etwas aus, bevor du ihn tötest.«

»Eine Botschaft für einen Toten? Welchen Zweck hat das?«

»Er wird es verstehen. Präge dir die Worte ganz genau ein.«

Der Hermaphrodit hob die Schultern und nickte ergeben. »Wie lauten sie?«

Ein Augenblick des Schweigens verstrich. Dann sprach Lysander leise: »Sag Nestor, der Seemann hat ein neues Rad.«

KAPITEL 2

So matt, wie das Dämmerlicht die bunten Salonfenster erhellte, verriet es Christopher, dass die Sonne beinahe untergegangen war. Im Schloss war es schwierig, ohne Uhr die genaue Tageszeit zu bestimmen. Die Fenster gestatteten keinen Blick ins Freie, und nicht eines, an dem Christopher sich versucht hatte, hatte sich öffnen lassen. Auch nicht das in seinem Zimmer.

Die Familie versammelte sich zum Abendessen. Bis auf seinen Stiefvater waren alle im Salon im Erdgeschoss des Ostflügels zusammengekommen. Charlotte nahm am Ende der langen Tafel Platz. Aura und Daniel setzten sich an die eine, Christopher und Sylvette an die andere Seite des Tisches. Der Stuhl des Oberhauptes blieb leer. Nestor Nepomuk Institoris zog es vor, in seinem Dachgarten zu speisen. In den anderthalb Tagen seit Christophers Ankunft im Schloss hatte er den Mann noch kein einziges Mal zu sehen bekommen. Sylvette hatte ihm erzählt, sie selbst sei ihrem Vater zum letzten Mal vor drei oder vier Wochen begegnet, zufällig, in einem Flur im Westtrakt. Er hatte ihr keine Beachtung geschenkt.

Hoch über der Tafel hing ein gewaltiger Kronleuchter. Lange Ketten aus Glastropfen stimmten bei jedem Öffnen der Tür ein leises Klirren an. Die Laute erinnerten Christopher an das Flüstern im Schlafsaal des Waisenhauses.

An der Westwand des Salons, zwischen den beiden Bleiglasfenstern, stand eine prachtvolle Uhr, mindestens zweieinhalb Meter hoch. Ihr Zifferblatt leuchtete golden, die Zeiger waren mit Rubinen besetzt. Der eigentliche Korpus der Standuhr war aus dunklem, blankpoliertem Holz, pechschwarz und mit aufwendigen Schnitzereien verziert. Zwei Säulen, gedreht wie Korkenzieher, flankierten eine mannshohe Tür, hinter der Zahnräder und Spiralfedern surrten. Ein behagliches Ticken erklang aus dem Inneren.

Sylvette stieß Christopher mit dem Ellbogen an, deutete auf die Uhr und begann, ihm etwas darüber zu erzählen, doch Charlotte wies sie barsch zurecht, dass solche Geschichten nicht an den Tisch gehörten.

Aura und Daniel sprachen während des Essens kein Wort, stocherten stumm in Gänsebraten und Gemüse. Als Christopher seinem Stiefbruder am Morgen vorgestellt worden war – während des Privatunterrichts, den ein greiser Lehrer aus dem Dorf abhielt –, hatte Daniel wenig Interesse für ihn gezeigt. Sie hatten sich die Hände geschüttelt und einige höfliche Worte gewechselt, doch von Anfang an stand fest, dass es zwischen ihnen keine Zuneigung geben würde. Das betrübte Christopher ein wenig; er hatte sich im zweiten Adoptivkind der Institoris’ einen Verbündeten erhofft. Dabei war ganz offensichtlich, dass Daniel sich für etwas Besonderes hielt, eine Stellung, die er mit niemandem zu teilen gedachte – nur so konnte seine stille Arroganz zu deuten sein.

Aber es war nicht so sehr Daniels Ablehnung, die Christopher schmerzte. Viel mehr hätte ihm an einem warmen Blick Auras, einem freundlichen Wort von ihren Lippen gelegen. Sie hatte ihr schwarzes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden, er reichte bis weit hinab auf ihren Rücken. Christopher warf ihr beim Essen verstohlene Blicke zu, von denen nicht einer erwidert wurde. Sie saß nur da und tat, als existierte er nicht, das hübsche Gesicht verhangen von düsteren Gedanken.

Er hatte mittlerweile gehört, dass Aura in drei Tagen in ein Internat abreisen würde, irgendwo in der Schweiz. Gab sie ihm die Schuld daran? Glaubte sie, er wollte ihren Platz in der Familie einnehmen?