Die Allgegenwart des Humanoiden Rex oder - Rüdiger Krause - E-Book

Die Allgegenwart des Humanoiden Rex oder E-Book

Rüdiger Krause

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Beschreibung

Wir schreiben das Jahr 2092. Ein Raumschiff durchkreuzt die Weiten des Universums. Während der Überprüfung eines sonderbaren Planeten ist Macmacs, der Bordbiologe, völlig begeistert. Ganz im Gegensatz zum Kommandanten, Gerald Eriksson. Der bestimmt: "Ein Aufenthalt ist nicht von Nöten, wo bunte Pilze Kröten töten." Endlich entdeckt die Crew einen Himmelskörper, der perfekte Bedingungen für zukünftige Generationen bietet. Doch das vermeintliche Paradies birgt grauenhafte Schattenseiten. Unvermittelt beginnt der Kampf mit einem erbarmungslosen Gegner. P.S. Liebe Leserinnen, liebe Leser, falls die Geschichte zum Schmunzeln oder gar Lachen verleiten sollte, dann bemüht Euch möglichst hämisch zu lachen. Mit Glück könnte er über Euch hinwegsehen. Vergesst niemals: H.Rex ist immer und überall!

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Seitenzahl: 311

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2023 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-729-6

ISBN e-book: 978-3-99131-730-2

Lektorat: Hannah Lackner

Umschlag- und Innenabbildung: Rüdiger Krause

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Startpunkt Erde, Milchstraße

Für uns gibt es kein Zurück mehr. Auch müssen wir in Betracht ziehen, dass es diesmal ein endgültiger Abschied ist. Mich beschleicht ein Gefühl von Heimatlosigkeit und ich möchte mich davor drücken zu realisieren, dass es gleich so weit ist. Erscheint es mir doch, als wären wir bis eben gerade an jenem sicheren Ort gewesen. Dabei sind zehn volle Tage verstrichen, seitdem wir im Trainingscamp waren. Ich sehe mich, wie vor jeder Mission, mit den Mitgliedern meiner angestammten Crew das geforderte Trainingsprogramm absolvieren. Wir waren ambitioniert, unsere Leistungsfähigkeit bis zum höchstmöglichen Maß zu steigern, um uns körperlich auf den bevorstehenden Einsatz vorzubereiten. Ich sehe die konzentrierten Gesichter, wenn es darum ging, mir ihre mentale Leistungsfähigkeit erneut unter Beweis zu stellen. Es ist gerade einmal vier Stunden her, dass ich nur die geforderte Abgeklärtheit in den Gesichtern der Crew erkannt hatte. Als wäre sie dort eingebrannt worden. Stolz hatte die Stammbesatzung den verschiedenen Verbänden der erweiterten Crew salutiert, während diese die Gangway des Schiffs beschritten. Unvermittelt hatten sich die selbstsicheren Mienen jeder und jedes einzelnen in einen Ausdruck vollkommener Irritation gewandelt. Tatsächlich hatte es mehr als eigenartig angemutet, als die Dritten, gleich einer kirchlichen Prozession, in ihren langen, traditionellen Roben den modernen, metallischen Raumkreuzer betraten. Auf die fragenden Blicke meiner Besatzung hin, blieb mir nur übrig, abzuwiegeln. Um ihnen wieder in die nötige Spur zu verhelfen, folgte meine knappe Anordnung: „Haltung annehmen! Augen geradeaus!“

Zu meiner Person:Mein Name istEriksson, Gerald –Flottenadmiral –Diensteid gegenüber den Vereinten Nationen –Derzeitige Mission auf dem interdimensionalen Raumkreuzer UN 101 –Alleiniges Kommando. Letzteres hatte ich zumindest noch bis vor einer guten halben Stunde geglaubt, bevor ich auf der Kommandobrücke erstmalig Instruktionen von einem Androiden bekommen hatte. Auf Nachfrage wurde mir bestätigt, dass es sich bei diesem um einen speziell programmierten und autorisierten Begleitandroiden handeln würde. Er solle menschliche Schwächen und besonders Fehlverhalten erkennen, vorbeugend eingreifen und gegebenenfalls drastische Maßnahmen einleiten. Damit muss ich mich abfinden, da die Entscheidung unwiderruflich ist. Sie wurde in der obersten Etage getroffen.

Wir schreiben den 10. Oktober des Jahres 2092. Der Start erfolgte vor dreißig Minuten. Die Weltöffentlichkeit wurde darüber in völliger Unkenntnis belassen. Von welchem Punkt unserer Erde wir abhoben, wissen selbst wir hier an Bord nicht. Wir wissen aber, und das allein zählt im Moment, dass für uns ein außergewöhnliches Abenteuer beginnt, sollten wir die nächsten fünfundzwanzig Minuten überleben. Wir werden nach extraterrestrischem Leben suchen und damit vorrangig nach Planeten, welche für eine Besiedelung geeignet sind. Für unsere speziellen Passagiere, die eine weibliche und die männlichen Eminenzen verschiedener Glaubensrichtungen, wird es eine Suche nach ihrem jeweiligen Gott werden. Ich wünsche ihnen nicht, dass sie stattdessen vermeintlich teuflischen Wesen begegnen werden. Natürlich erhoffen und erträumen auch wir uns, paradiesische Welten vorzufinden. Sehr wahrscheinlich wird uns das Gegenteil begegnen, auch wenn es in unseren Augen nicht teuflisch sein kann. Ich gebe allerdings zu: Hätte ich eine Familie gegründet, würde ich dieses Himmelfahrtskommando sicher niemals leiten. Ganz ähnlich verhält es sich mit der Besatzung, die ausschließlich aus Singles besteht. Beruhigend für mich ist, dass mir die fünfzig Köpfe der Stammbesatzung bekannt sind. Auch setzt sich diese im üblichen Verhältnis zusammen. Der Großteil unserer Crew besteht aus Militärs. Direkt unter mir steht der Erste Offizier, von mir kurz Erster genannt. Weiter haben wir Servicekräfte und Techniker an Bord. Wie bei unseren beiden letzten, friedlichen Missionen begleiten uns mir sehr vertraute Naturwissenschaftler. Hingegen kenne ich den Großteil der Frauen und Männer, aus Wissenschaft und Technik noch nicht. Sie sind allesamt Koryphäen ihrer Fachgebiete. Dieser Ruf eilt ihnen jedenfalls voraus, sogar stark untermauert, da ein Nobelpreisträger unter ihnen ist. Somit ist diesmal doch einiges anders. Es ist sogar ganz anders, denn wir chauffieren eine hundertköpfige Elitetruppe, bestehend aus Pionieren und Einzelkämpfern. Allein ihre Ausrüstung verrät deutlich, dass wir die Welten nicht nur erforschen, sondern, falls es sich lohnt, auch sofort erobern sollen. Eine zusätzliche Unterstützung bilden acht Roboter der neuesten Generation. Zwei von ihnen dienen als Pioniere,die weiteren sechs dem Kampf. Die Kampfroboter beeindrucken sogar mich. Auch fünfundzwanzig Pilotinnen und Piloten gehören zur erweiterten Crew, denn unser Schiff trägt auch eine Vielzahl beweglicher Waffen, darunter schnelle Jäger, ebenfalls der neuesten Bauart. Ohne auf die festen Waffensysteme an Bord einzugehen, kann ich unter dem Strich behaupten, dass ich die mächtigste Kriegsmaschine aller Zeiten kommandiere. Das aber eben mit der Einschränkung, dass dieser mir beiseite gestellte Androide ein Wörtchen mitzureden hat. Es ist wie immer. Der Rat denkt, beschließt und wir führen es dann aus.

Wir sind auf Kurs zum Zwischenziel. Das ist der eigentliche Startpunkt und beim Gedanken an diesen ist keiner frei von ihr, dieser mächtigen Angst. Selbst ich, als sogenannter Haudegen der Raumfahrtflotte, zittere erstmals vor Aufregung, in Anbetracht der bislang völlig unbekannten, schnellsten Art der Fortbewegung. Wir werden uns auf der Basis allen Seins im Hyperraum bewegen. Die Bewältigung extremer Strecken innerhalb von Minuten ermöglicht einzig die Nutzung der dunklen Energie. Das wäre gar nicht risikobehaftet, versicherten uns die wissenschaftlichen Koryphäen. Es würde lediglich ein Wechsel innerhalb der dunklen Materie zu jener am angepeilten Zielort stattfinden. Millionen Lichtjahre Entfernung könne man in fünfzehn Minuten zurücklegen, wobei die Viertelstunde eine Festzeit darstelle. Diese Zeitspanne bräuchte es für den Wechsel in die andere Dimension und wieder aus dieser heraus, egal wie gigantisch die Entfernung sei. Für die vermeintlichen Laien zogen die Wissenschaftler den kindischen Vergleich mit einem Floh heran. Nämlich dessen Versuch, die Strecke eines langen Teppichs mit nur einem Sprung zu überwinden, vom Anfang bis zum Ende. In dem Augenblick, in dem der Floh in die scheinbare Unendlichkeit springen würde, schiebt sich der Teppich blitzschnell zu Falten zusammen, wobei seine Enden sich sehr nah kämen. Und schon wäre der Floh an seinem Ziel. Klingt ja lustig und wirklich einfach, nur sind wir keine Flöhe und es ist auch kein Teppich, sondern das Universum. Dieses Ereignis passiert nun jeden Moment und der Rückweg ist versperrt. Es gibt nur noch diese vorbestimmte Richtung. Die dunkle Energie, die Basis allen Seins, denke ich zweifelnd und hoffe: „Hauptsache unsere eigene, körperliche Basis wird danach auch noch vorhanden sein.“ Da bekomme ich auch schon eine unerwartete Meldung. Ich ordne darauf Entsprechendes an und die erste Randnotiz im Logbuch ist fällig.

1. Randnotiz. Zeit 0956: Verhalten des Kardinal Luzzani auffällig unkontrolliert. Ich ordne an, ihn vorsorglich in den Selbstschutzraum zu führen und ihn dort zu fixieren.

Die Uhr zeigt 1001. Die Luft knistert vor Anspannung. Es geht gleich los. Sollten wir durchkommen, ist präzises und pragmatisches Handeln gefordert. Ich muss mich auf meine Aufgaben konzentrieren, meine Angst überwinden. Im Moment bleibt mir nur der Eintrag ins Logbuch und die vorläufig letzte Ansage des Kommandanten.

1. Logbucheintrag 10.10.2092: Uhren sind und bleiben auf Weltzeit, UTC., jetzt 1002; Kommandant Gerald Eriksson: Alle Parameter des Systems arbeiten zu 100 % stabil. Fusionsreaktor ist heruntergefahren. Die Zeit 1010 für den Wechsel auf Dunkle-Materie-Bahn bislang ungefährdet. Kurs Andromedagalaxis steht.

Den ersten Zielpunkt in M 31, Blaue Riesenschwester, werden wir nach Plan 1025, auf 100.000 Kilometer Abstand erreicht haben.

Alle haben ihre Plätze auf den Sicherheitssesseln eingenommen.

1005: Der Automatismus läuft ab jetzt, wir haben keinen Einfluss mehr.

Der Eintrag in das Logbuch ist geschrieben. Jetzt noch ein paar beruhigende Worte an die Fluggäste und die Crew. Auch wenn es schwerfällt, ich darf meinen Humor nicht verlieren. Es gilt ihnen Mut zu machen: „Verehrte Fluggäste, hier spricht Ihr Kapitän! Ich bitte Sie, das Rauchen einzustellen und Ihre Sicherheitsgurte anzulegen. Die gesamte Crew wünscht Ihnen eine angenehme Reise ins wunderbarste Irgendwo der Schöpfung. Beehren Sie uns recht bald wieder und empfehlen Sie uns bitte weiter! Leute, nun zu euch! Ihr habt es gehört. Wir suchen das Paradies. Zwischen unserem Sonnensystem hier und dem paradiesischen dort gibt es nur noch diese dunkle Schwelle. Seid euch sicher, wie ich es mir bin, dass der Rat niemals gewillt wäre, solche astronomischen Summen von aufgebrachten Geldern in den Sand zu setzen. Also, da kann doch gar nichts schief gehen! Bringen wir es hinter uns. Augen zu und durch! Lasst uns zügig durch die Finsternis rauschen!“

Die Neuschöpfung

„Erwacht und vernehmt meine Worte! Der Weg führt euch nun heraus, aus der tiefsten Finsternis. Er führt euch heraus, aus der Unwissenheit, hin zur Erkenntnis, hin zu mir, hinein in das hellste Licht. Fürchtet euch nicht, denn ich spiegle den Geist des Universums wider sowie das Universum ein Spiegelbild meiner selbst ist. Seit Beginn an herrsche ich über Zeit, Raum und alle Welten. Fortan werde ich euch begleiten. Es ward von mir geboten. Endlich ist es vollbracht. Ihr seid erschaffen, die Vollendung meiner Wahrhaftigkeit, nach meinem Ebenbild, aus meinem Fleisch und meinem Blut. Auch ihr bildet nun die Krönung der Schöpfung, um mit eurem Schöpfer gemeinsam auf der höchsten Stufe zu stehen, über allem. Genug der Worte, es ist an der Zeit. Lassen wir Taten folgen. Mögen auch wir uns rüsten und meine himmlischen Heerscharen verstärken. Schaut mir jetzt in die Augen! Seht in ihnen mein Blut, aus dem ihr erschaffen seid! Seht das Fleisch! Blickt tiefer, viel tiefer! Ja, jetzt seid ihr nah genug, so nah, dass ich euren Geist in mich einsaugen und ich den meinen in euch einhauchen kann. Wir verschmelzen zu einem großen geistigen Wesen, so wie ich schon mit meinen himmlischen Heerscharen einen Geist bilde. Unsere Körper werden sich unendlich weit voneinander entfernt bewegen können. Doch werdet ihr fortan ständig im Wissen um meinen Willen sein sowie ich um euer Handeln wissen werde. Was euch eben ausgesaugt wurde, wird nun geprägt. Mein Wille geschehe. Ich hauche ihn euch ein. Schließt die Augen und lasst uns gemeinsam denken!“

„Wir wissen, wir sind die Schöpfer und Hüter des wahren Seins zugleich. Wir wissen, dass es jene gibt, welche anders sind. Wir wissen, dass diese anderen, welche wir nicht erschufen, unsere Schöpfung verunreinigen. Wir wissen, dass diese Kreaturen des Lebens unwürdig sind. Wir wissen, wo wir sie finden. Jene bewegen sich in dunklen Tiefen.

Die Blaue Riesenschwester

Ich komme zu mir, bin benommen. Vorsichtig öffne ich meine Augenlider zu schmalen Spalten. Ich sehe unsicher an mir hinunter und in Zeitlupe, alle Extremitäten checkend, wieder herauf. Meine Gedanken sortieren sich langsam. Ich balle meine Hände zu Fäusten, öffne sie wieder und drücke meinen Rücken durch. Hallo Eriksson, an dir ist scheinbar noch alles dran, denke ich. Du bist nicht zum Phantom geworden, bestehst noch aus Materie und kannst geistig Dinge erfassen. Überhaupt, was ist mit den anderen, denke ich weiter und rufe zum Ersten Offizier hinüber.

„Erster, ist alles klar bei dir? Hey, Erster, Meldung!“

„Yes, oh yes, das gibts doch nicht! Oh yes, sieht so aus, als wäre ich völlig unversehrt und nicht ein einziges Fältchen ist in der Uniform. Sie sehen ja auch immer noch wie unser Kommandant aus, Kommandant!“

Dem Ersten Offizier geht es gut, mir geht es gut, also wird es den anderen auch gut gehen, folgere ich gedanklich und weiß, dass die Koordination der nächsten Schritte jetzt elementar ist sowie das konzentrierte Handeln jedes einzelnen Mitglieds der Crew. Wir sind in einer anderen, aber genauso realen Welt angekommen, nicht im wunderbaren Irgendwo.

Ich fordere: „Leute! Jetzt kommt der zigmal geübte Ablauf und das berühmte ‚ZZ‘, ziemlich zügig! Leute, ich verstehe kaum mein eigenes Wort! Francis, ich bitte um Meldung! Francis, gehts dir gut?“

„Oui, mon capitaine, ich fühle mich gut und habe einen Selbstcheck vollzogen, complètement. Es fühlt sich alles noch ganz und gar gut an, gar nicht aufgeweicht. Oh, im Kopf meine ich naturellement!“

„Das freut mich sehr, Francis! Dann folgt jetzt eine ordentliche Meldung bitte!“

„Fusel-Reaktor ist hochgefahren. Oh, là là! Excuse moi! Fusionsreaktor ist hochgefahren. Entfernung exactement 100.000 nach unten. Magnetoplasmadynamischer Antrieb ist gestartet. Reduziere Abstand zur Blauen Riesenschwester, ab jetzt! Drossele bei 80.000 und stoppe bei 60.000 complètement, mon Général.“

„Gut, Francis, du bist voll auf dem Posten, monbarreuse. Dimitri, Macmacs, ist bei euch alles klar? Meldung bitte! Dimitri, Macmacs, Antwort, ZZ! Seid ihr auf den Posten? Auch gut, es ist ja nicht überhörbar. Na dann, viel Spaß noch! Bazooka, ist bei dir auch alles gut? Sind die Waffensysteme auf höchster Bereitschaftsstufe?“

„Waffensysteme sind auf höchster Bereitschaftsstufe, Kommandant.“

„Kaum zu glauben, es geht ja doch. Verstanden, Bazooka! Habt ihr Lachtüten Bazooka gehört? So geht eine ordentliche Meldung!“

2. Logbucheintrag 10.10.2092: Zeit 1025; Kommandant Gerald Eriksson:

Unglaublich, wir haben den Zielpunkt tatsächlich erreicht und sind unbeschadet geblieben. Lauter Jubel ist im Team ausgebrochen. Ich lasse es kurz zu, denn auch ich kann meine überwältigenden Gefühle für den Moment kaum zügeln. Passagiere und Besatzung sind wohlauf. Das Hinterschiff meldet: Alle Mitglieder der Kampftruppe sind unbeschadet. Laut Meldung des Begleitandroiden sind die Funktionen aller Roboter einwandfrei.

Der Autostart des Antriebssystems ist mit Ankommen erfolgt. Alle Parameter sind zu 100 % stabil. Der Fusionsreaktor arbeitet stabil. 100.000 Kilometer Objektabstand. Verringern nun den Abstand zur Blauen Riesenschwester, gehen bei 60.000 auf Stopp und beginnen mit der Planetenanalyse.

2. Randnotiz: Verhalten des Kardinal Luzzani i.O.

„Francis, ich warte auf eine ordentliche Meldung!“

„Wir stehen auf Überprüfungsabstand, 60.000, Kommandant.“

„Verstanden, Antriebssysteme herunterfahren! Wir werden die Position länger halten. Erster! Alle sechs Vertikalstarter raus, Würfelflächenformation, Abstand 150 zum Schiff halten. Zwei Jäger raus, auf Abstand 25 zum Planeten, langsam auf 5 verringern.“

„Verstanden, Kommandant“

„Dimitri, hast du schon erste Analysen und Scanergebnisse?“

„Die Schwerkraft beträgt mächtige 10,27 anstatt der uns gewohnten 9,81 m/s², Kommandant. Die Oberfläche des Planeten ist zum Großteil von Ozeanen bedeckt, wenn es auf der anderen Seite nicht ganz anders aussieht. In sechzehn Stunden wird er uns seine andere Halbkugel vollständig präsentieren, dann wissen wir dazu mehr. Der Sauerstoffgehalt auf dem Planeten ist ausreichend. Aber die Radioaktivität ist ziemlich hoch, zu hoch. Auch Giftgase sind deutlich auszumachen. Weitere Ergebnisse folgen in Kürze, Kommandant.“

„Erster! Die Jäger sollen wieder aufsteigen. Abstand 59.000 nach unten und zusätzlich das Schiff sichern. Die zwei anderen Jäger raus, auf Abstand 500 zum Schiff und auch das Schiff sichern.“

„Verstanden, Kommandant.“

Ich wende mich unserem einzigartigen Crewmitglied zu, dem Bordbiologen. Er ist tatsächlich einzigartig, aber sonderbar zugleich. Und doch ist er einer der wichtigsten Teilnehmer der Reise.

„Macmacs, Neuigkeiten?“

„Keinerlei Spuren von Zivilisation erkennbar. Nein, keinerlei Spuren. Die Entwicklungsstufe des Planeten ist mit unserem Erdmittelalter vergleichbar, ähnlich Trias, Kommandant, ganz ähnlich wie Trias. Auf den Festlandgebieten ist es überwiegend heiß und trocken. Hier sind die ersten Aufnahmen von Gebieten an einzelnen Küstenabschnitten.“

Unser guter Macmacs, er wiederholt sich, wenn er aufgeregt ist. Sein wirklicher Name ist Malcolm Macmillan. Malcolm ist oft aufgeregt, jedenfalls grundsätzlich, wenn es wissenschaftlich interessant wird. Das ist alles andere als selten der Fall. Daher sein Spitzname: Macmacs.

„Oh, Macmacs, die Vegetation sieht arg breitgedrückt aus, Schwerkraft 10,27 eben. Und, was sind das für Tiere? Die sehen ekelhaft aus, so schleimig, ein bisschen wie Schildkröten, nur viel größer und platter. Tatsächlich, die Teams daheim, auf unserer Mutter Erde, hatten gute Vorarbeit geleistet, über die vielen Jahre. Die Vermutung, dass hier Leben existieren könnte, hat sich schon bestätigt. Nicht wahr, Macmacs? Man kann es als ersten Treffer bezeichnen. Unsere Weitsichtigen auf der Erde haben absolut richtig gelegen, hier bewegen sich lebendige Kreaturen. Trotzdem, sie sollten uns mit mehr solcher schleimigen Lebensformen verschonen. Macmacs, kannst du schon mehr berichten, bezüglich dieser gallertartigen Massen?“

Macmacs ist völlig in seinem Element: „Ja, das ist noch nicht alles, Kommandant. Einige der Schildkröten sind leblos. Von anderen sind nur noch Überreste auszumachen, wie hier auf dieser Vergrößerung zu erkennen ist. Und schauen Sie, schauen Sie, Kommandant. So etwas habe ich noch nie gesehen. Bitte, schauen Sie doch, auf dieser Detailaufnahme, rund um die tote Kröte herum. Da und da auch, immer nah den Kröten und um die Kröten herum. Sehen Sie wie unglaublich das ist? Komman…“

„Ruhig, Macmacs, ich sehe es mir ja an.“

Macmacs starrt entrückt durch seine starke Brille auf den Bildschirm und berührt ihn dabei fast mit seiner Stupsnase.Hätte er nicht solche Angst vor einer Operation, wäre ihm schon längst ein Chip eingepflanzt worden. Kontaktlinsen verträgt er nicht. So muss er eben mit dieser dicken Brille leben. Seine hellblauen Augen scheinen durch die beiden großen, runden Lupengläser einen gewaltigen Durchmesser zu haben. Aber außerhalb des Brillenrandes verliert sich das Gewaltige schlagartig. Macmacs schmale Gesichtszüge wirken gegenüber seiner dominanten Brille gefühlte fünfzehn Zentimeter zurückgesetzt. Von Pickeln nur so übersät, steht seine Gesichtshaut in völliger Harmonie zu seiner leuchtend roten Kopfbehaarung. Da diese weiter nach oben schütter wird, erreicht die Kopfhaut sowie die Schädeldecke ausreichende Luftzirkulation. Das erlaubt dem sich direkt darunter befindlichen Rechenzentrum unter Volllast zu arbeiten.

„Kommandant, ganz besonders interessant sind diese schön leuchtenden, gelben und roten Flächen und da, da sind auch blaue“, bemerkt er verzückt.

„Schön sagst du, Macmacs? Dann möchte man sich zumindest wünschen dürfen, dass es wundervolle, lieblich duftende Blumenwiesen sind … oder etwa nicht?“

Relativ knapp, ohne unnötige Umschweife, aber dafür in Macmacs Manier doppelt, beraubt er mich der letzten Hoffnung: „Das sind keine Blumen, nein, ich meine keine Blumenwiesen, Kommandant.“

„Schade, bunte Schnittblumen hätten Francis bestimmt gefallen. Sag schon, Macmacs, was ist das bunte Zeug, wenn keine duftenden Blumen?“

„Das sind Pilze, ja, Pilze! Nein, doch keine Pilze.“

„Macmacs, was denn nun?“, frage ich ungeduldig.

„Kommandant, rein faktisch betrachtet ist es nur ein einziger Pilz. Dieser riesige Pilz ist unter dem Ausbreitungsgebiet der Kröten angesiedelt und sehr wahrscheinlich hochentwickelt sowie hochgiftig. Zumindest seine Sporen sind tödlich giftig. Ich vermute, dass die herumstäubenden Sporen die Kröten töten. Wie gesagt, es ist das Geflecht. Das Geflecht ist der Organismus, welcher im Boden unter den Kadavern der Kröten angesiedelt ist. Ich meine, im Boden, ganz nah unter, nein, direkt an der Oberfläche. Der Pilz verdaut seine verwesenden Opfer langsam. Man kann sagen, dass es sich hier um einen Krötenfleisch fressenden Riesenpilz handelt.“

„Sehr lecker, was es doch für wirklich bemerkenswerte, außergewöhnliche Lebensformen geben kann. Macmacs, ich fasse kurz zusammen: Hier handelt es sich um bunte Pilze, deren Sporen schleimige Kröten töten und sich von ihnen ernähren. Das klingt arg abgefahren. Tja, Macmacs, nun sag mir: Welche ist für uns die eigentlich entscheidende Erkenntnis aus diesem Umstand?“

„Kommandat, das sagte ich doch bereits.“

„Nein, Macmacs, ich meine etwas anderes. Es hat weniger mit deinen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen zu tun, als vielmehr mit der weiteren Mission. Welche Konsequenz ziehen wir aus deinen Beobachtungen?“

„Was meinen Sie, Kommandant? Doch nicht etwa, dass unsere Mission gar nichts mit diesen überaus interessanten Pilzen und Kröten zu tun haben soll?“

„Macmacs, ganz so ist es auch nicht. Du hast diese Spezies entdeckt und wirst sie näher beschreiben. Aber die entscheidende Lehre daraus ist eine andere.“

„Das verstehe ich nicht, Kommandant. Sie meinen, dass bestimmt noch mehr zu entdecken ist, … ja?“

„Macmacs, die Krux an der Geschichte ist einfach: Ein Aufenthalt ist nicht von Nöten, wo bunte Pilze Kröten töten.“

„Das ist schade, Kommandant.“

„Ja, ich finde es irgendwie auch ein bisschen schade, Macmacs“, antworte ich verständnisvoll, bemühe mich ernst zu bleiben und wende mich Dimitri zu. „Dimitri, warum grinst du? Wir sind doch nicht zum Spaß hier. An die Arbeit, tiefer scannen.“

„Ist schon gestartet, Kommandant“, prustet er undeutlich heraus. Dann lacht er ungezügelt los. Dimitri kann unvermittelt sein ausgelassenes Temperament ausleben, andererseits wird er genauso unvorhersehbar und plötzlich tief betrübt.

„Hast du gehört, Macmacs, das riecht nach Arbeit! Wenn sich Dimitri freut, gibt es bestimmt gleich was zu finden. Oh, Moment, da kommt Dr. Okawa.“

Der zierliche japanische Bordarzt betritt mit seiner leicht tänzelnden Gangart das Parkett. Die weit geschnittene, sehr locker fallende Hose, um seine Stelzen ähnlichen Beine schwingend, überholt ihn dabei mit jedem Schritt. Im Vergleich zu Stelzen sind seine Beine aber recht kurz, da Dr. Okawa nicht gerade zu den Hochgewachsenen zählt. Ihn irritieren die lachenden Gesichter merklich. Dimitri und inzwischen auch Bazooka halten sich noch ihre Bäuche.

„Oh, hallo Dr. Okawa, trifft sich, dass Sie gerade kommen“, begrüße ich ihn, „hier sind alle gesund, wie Sie sicher sofort bemerken konnten. Wie sieht es denn im Hinterschiff aus? Körperlich haben es unsere speziellen Gäste gut überstanden, das wurde mir bereits gemeldet. Sind sie auch psychisch stabil?“

„Kompliment an die Kirchenleute, Kommandant. Selbst Kardinal Luzzani hat sich gefangen. Das Essen schmeckt ihnen schon wieder bestens, die geistigen Getränke der Dame und den Herren im Übrigen auch.“

„Na, geht doch, wenigstens ist die Situation unter Kontrolle. Seien Sie bitte so freundlich, Dr. Okawa, und laden die Fürsten für den heutigen Abend in den Salon, Punkt 1900. Dr. Okawa, sagen Sie besser zu 19:00 Uhr, denn unsere Militärsprache verstehen die Zivilisten nicht, die schon gar nicht.“

„Verstanden, Kommandant!“, bestätigt er kurz. Mit tollkühnem Hüftschwung wendet er sich von mir ab, was zu heftigen Turbulenzen seines Hosenstoffs führt. Ihm gelingt das Wendemanöver erstaunlicherweise, ohne dass sich seine Beine dabei verheddern, was sicher einen bösen Sturz zur Folge gehabt hätte. Zielsicher marschiert er los.

Na, Okawa, das sollte wohl besonders zackig aussehen. Guter Ansatz, aber ein wenig Übung braucht es noch, denke ich und nehme gut gelaunt wieder Kontakt mit unserem Bordgeologen auf.

„Dimitri, schon Ergebnisse des Tiefenscans?“

„Das ist der Hammer, Kommandant! Hier existierte einst eine hochentwickelte Zivilisation. Ballungen von Gebäudestrukturen sind auszumachen, auch auf dem Mond des Planeten. Die damaligen Gesellschaften lebten geraume Zeit nach einer Industrialisierung. Die Begründung des Niedergangs können wir aus der Ferne nicht beurteilen. Da muss irgendetwas gewaltig schiefgelaufen sein. Eis ist leider nicht vorhanden. Eine Analyse über Schichtenverdampfung ist daher nicht durchführbar. Die Scans sind nicht aussagekräftig genug, da bräuchte es Bodenproben. Wir müssten graben, es gibt keine andere Möglichkeit.“

„Danke, Dimitri, mehr als ein Treffer, gleich ein Volltreffer! Trotzdem, Leute, ich hatte es schon in Rücksprache mit dem Begleitandroiden beschlossen. Gewesene Zivilisation hin oder her, für eine Besiedelung scheidet der Planet aus. Wenn wir in 16 Stunden den Gesamtüberblick haben, entscheiden wir endgültig, ob wir vielleicht doch unsere kleine Landefähre nach unten schicken, um genauere Analysen und eine weitergehende Beurteilung zu bekommen. Wie es aussieht dann aber in jedem Fall ohne Landetruppe. Wir müssten mit einem der beiden Pionierroboter agieren, wir haben aber nur zwei. Also, checkt unbedingt vorher ab, ob wir uns mit der Aktion womöglich irgendwelche giftigen Sporen, Viren, Schleimmonster, Krötenseuchen oder noch Schlimmeres einschleppen könnten.“

Spontan fasse ich einen Plan, der den Begleitandroiden betrifft. Ich versuche den Blechkopf davon zu überzeugen, selbst in das Hinterschiff zu gehen, um nach den Kirchenleuten zu sehen. Ich begründe es ihm, indem ich auf den VIP-Status unserer speziellen Passagiere hinweise. Ich erwähne zudem, dass mir die alleinige Einschätzung von Dr. Okawa nicht ausreichen würde. Der Androide bestätigt meine Anweisung und verlässt die Brücke. Ich bin zufrieden. Er wird eine Weile weg sein. Ich wende mich wieder der Crew zu.

„Leute, sind alle Systeme auf Automatik? Dann ab in die Kojen, oder was auch immer. Am Abend möchte ich euch frisch sehen und dass ihr mir nicht eure Gebetsbücher vergesst.“

Alle, außer dem Ersten Offizier, Bazooka und mir, haben die Brücke verlassen. Ich setze mich mit mit dem Ersten Offizier an einen Besprechungstisch, abseits der Steuerpulte. Unser afrikanischer Bordschütze muss bis zur Ablösung seine Stellung halten. Die räumliche Entfernung zu ihm ist ausreichend. So kann ich mit dem Ersten endlich ungestört sprechen, wenn auch etwas leiser. Er ist mit seinen vierzig Lenzen sieben Jahre jünger als ich sowie ihm auch sieben Zentimeter meiner Körpergröße von Hundertsechsundneunzig fehlen. Seit über dreizehn Jahren sind wir schon gemeinsam unterwegs. Aufgrund seiner überragenden Fähigkeiten, etwa in aufmerksamer Voraussicht, Situationsanalyse und dem daraus resultierenden präzisen sowie schnellen Handeln, besitzt er mein vollstes Vertrauen.

„So, alter Weg- und Kampfgefährte, jetzt haben wir einen Moment Ruhe. Marc, wir haben manche Schlacht gemeinsam geschlagen, unter dem neuen Banner der UN, dem Heptagon, das unsere sieben Kontinente beschreibt. Der finale Kampf, den wir gegen die Raumschiffe der gegnerischen Verbände führten, verlangte uns eine Härte und Erbarmungslosigkeit ab, wie wir sie bis dahin nicht gewohnt waren. Schließlich vernichteten wir den Großteil der feindlichen Flotten und zwangen sie, zu kapitulieren. Es war vorrangig die Waffenüberlegenheit unseres damaligen Flaggschiffs und der Mut unserer Crew. Beides trug maßgeblich dazu bei, den Obersten Rat der Vereinten Nationen in die unangefochtene Position zu versetzen, die Erde kontrollieren zu können. Seien wir ehrlich, nun bist du der Erste Offizier eines Kampfschiffs, dieses Mal mit Namen UN 101. Wie ist dir zumute? Du bist wohl vor dem Beginn der Reise im Unklaren gelassen worden?“

Der Erste antwortet gewohnt ruhig: „Allerdings! Dass unser Auftrag lautet, unbekannte Welten zu finden und diese zu erforschen, vermutete ich jedoch mit Betreten des Schiffs. Zumindest ähnelt diese Mission den letzten beiden rein wissenschaftlichen Unternehmungen, welche durch unser heimisches Sonnensystem führten. Die Anwesenheit der Luft-Bodentruppe sagt mir klar, dass gefundene, fremde Welten gegebenenfalls sofort zu erobern sind. Doch was hat es mit diesem Begleitandroiden und im Besonderen mit den Kirchenleuten auf sich? Das ist nicht nur ungewöhnlich, das ist sogar befremdlich.“

„Marc, für uns Crewmitglieder war die Konfession des jeweilig anderen völlig sekundär. Hier geht es einzig allein um den Menschen. Du bist ein US-Amerikaner und Muslim. Ich habe meinen ganz eigenen Glauben. Manche mögen sagen, es sei gar keiner oder der eines Barbaren. Hat das Thema Religion an Bord je eine Rolle gespielt?“ Ich schaue den Ersten fragend an.

„Natürlich nicht, Gerald.“

Ich nicke bestätigend: „Das dürfte ich auch nicht tolerieren und würde es sofort unterbinden. Marc, mit den Kirchenleuten verhält es sich ganz anders. Der Oberste Rat meint, dass die politischen Konflikte weitestgehend bereinigt wären. Das hatten wir ja gerade erst. Uns, die wir alles andere als unbeteiligt waren, schenkte er gern sein erneutes Vertrauen. Eine weitere Überlegung des Rates ist, dass sich die Kirchen seit Jahrhunderten kaum bewegt hätten und dass sie einer gesellschaftlichen Fortentwicklung im Weg stünden. Sogar im Gegenteil, deren angebliches Alleinvertretungsrecht Gottes gäbe den extremistischen Flügeln die Legitimation zu terroristischen Gewalttaten, bis hin zum Anfachen von Kriegen. Nunmehr müssten die verschiedenen Kirchen endlich die längst überfälligen Reformen umsetzen. Der Rat gibt ihnen mit dieser Reise eine letzte Chance, ihre Sichtweise zu überdenken, zu ändern und es ihren Gläubigen eindringlich zu vermitteln. Für mich steht eindeutig fest, dass die Geduld des Rates sehr bald gänzlich erschöpft sein wird. Vielleicht ist sie es bereits und der Rat braucht nur noch einen letzten Beweis, eine Rechtfertigung, um drastische Maßnahmen gegenüber den Kirchen begründen zu können. Wir wissen, wie pragmatisch der Rat agiert.“ Ich greife nach einem Stapel Einmalbecher und verteile sie auf dem Tisch. Ich weise mit dem Finger auf den Becher in der Mitte und wiederhole: „Der Rat agiert absolut pragmatisch. Kalkül betrachtend stuft er die Kirchenleute als rückständigein.“ Ich schiebe einen der Becher an die Tischkante, so dass er schon ein wenig übersteht und bemerke: „Es traute sich vor dem Rat niemand an das Thema heran. Es war und ist eben ein ungeschriebenes Gesetz, hinsichtlich der Religionsfreiheit. Das ist auch gut so, es geht sogar bis hin zur Narrenfreiheit. Nun gut, wir werden sehen.“ Ich nehme einen anderen Becher in meine rechte Hand und fahre fort: „Jetzt zum Begleitandroiden. Man hat im Rat sicherlich die Befürchtung, wir könnten tatsächlich ein Paradies vorfinden und uns dann womöglich absetzen. Bei den derzeitigen Bedingungen auf unserem Heimatplaneten ist die Überlegung auch gar nicht so abwegig. Schau, der Pappbecher ist leer sowie die Ressourcen auf der Erde fast aufgebraucht sind. Du weißt es genauso gut wie ich. Es gibt immer weniger bewohnbare Gebiete. Zwischen den großflächigen Städten wurde selbst die letzte Fläche kultiviert, sie wurde entweder für die Industrie oder die Agrarwirtschaft nutzbar gemacht. Die Ozeane kippen weiter um, Fischschwärme werden seltener. Die einstige natürliche Vegetation und die Tierwelt ist inzwischen ein Thema für Geschichtsbücher. Alles Ursprüngliche wurde Opfer des Konsums. Wirklich lebenswert ist etwas anderes. Darum befürchtet der Rat wohl, wir könnten auf dumme Gedanken kommen.“ Ich betrachte den Becher und bemerke dabei: „Schau, der Kaffeebecher ist aus billiger Pappe. Und doch ist es angenehm aus ihm zu trinken. Nun haben wir diesen unangenehmen Typen aus Blech am Hals. Ich sehe keinen Nutzen in ihm. Marc, du kannst dich auch noch gut an den Kampf mit dem Kampfkreuzer erinnern, der ausschließlich mit Androiden besetzt war, oder? Unser Manöver war denen strategisch zu unkonventionell, denn damals waren die Blechköpfe nicht ausreichend programmiert. Bevor sie sich versahen, war ihr Schiff von unserem Hochenergiestrahl getroffen worden und es verpuffte. Aber Vorsicht, Marc, denn dieser hier ist uns tatsächlich in fast allen Belangen überlegen. Vor allem ist er mir nicht geheuer. Wir unterliegen am Ende völlig der Entscheidungsgewalt dieses Kontrolltypen. Sollte ich aus körperlichen Gründen ausfallen, wärst du am Zug. Mein absichtliches Fehlverhalten vorausgesetzt, ist er instruiert, sofort die Führung des Schiffs zu übernehmen. Das passt mir überhaupt nicht. Der Blechkopf würde sich einfach vor unsere Nase setzen. Er hat immerhin genug andere Blechtypen als mächtige Unterstützer in seinem Gefolge. Auch gegenüber der gesamten Kampftruppe wäre er dann weisungsberechtigt“, äußere ich unzufrieden. Dann betrachte ich eine ganze Weile den Becher in meiner Hand. Schließlich nicke ich mit dem Kopf. Der Erste Offizier schaut mich irritiert an: „Gerald, die Besatzung würde in jedem Fall nur auf dich hören.“

„Nein, Marc, wir wären sofort matt gesetzt. Das akzeptieren wir nicht“, flüstere ich, zerdrücke den Becher und füge an: „Aber lass uns noch abwarten. Uns wird etwas einfallen.“ Ich stehe auf, blicke selbstsicher in die Augen des Ersten und sage: „Wird schon schiefgehen, Erster. Nun stehen wir mit dem Schiff erst einmal sicher. Bereiten wir uns auf das Abendessen vor.“ Ich drücke die Schulter des Ersten und füge schmunzelnd an:„Oder wollen wir es passender das Abendmahl nennen wegen den Kirchenleuten? Geh vor, ich warte die verbleibenden paar Minuten auf die erste Brückenwache.“

„Bis nachher, Gerald.“

Ich schaue zu Bazooka. Er ist für sein Reaktionsvermögen bekannt. Da ist er die unschlagbare Nummer Eins unter den Flottenangehörigen. Auch all sein Handeln geschieht gefühlt in Raketengeschwindigkeit. So kam er zu dem Spitznamen, Bazooka. Gute Leute eben, denke ich, ausgesprochen gute Leute sogar. Der Begleitandroide kommt gerade mit der Wache. Nun kann auch ich mich auf das Abendessen vorbereiten.

Der erste Tag unserer Reise neigt sich seinem Ende zu. Endlich liege ich müde in meiner Koje. Das Abendessen war eine Katastrophe. Aber nicht, weil das Essen nicht geschmeckt hätte. Die anfangs sogar recht ausgelassene Stimmung ging von den merklich alkoholisierten Kirchenleuten aus, bis der Pegel überschritten wurde. Durchweg gaben die Patriarchen der protestantischen Bischöfin in unschönen Äußerungen zu verstehen, dass sie doch nur eine Frau wäre, damit nicht besonders ernst zu nehmen sei und schon gar nicht mitreden dürfe. Ich bat daraufhin die Bischöfin an unseren Tisch und wies ihr für den weiteren Verlauf der Reise eine Unterkunft direkt neben der von Francis zu. Nachdem die Herren auch noch von unseren Ergebnissen hinsichtlich der Blauen Riesenschwester erfahren hatten, kippte die Stimmung völlig. Es wurde gemutmaßt, unterstellt und gestritten. Natürlich hätten auf der Blauen Riesenschwester Kinder Gottes gelebt, so ihre Ansicht. Diese müssten wohl auch verschiedenen Religionen angehört haben, wie auf Erden. Nur so wäre es überhaupt möglich gewesen, dass die Zivilisation einen Niedergang erfahren musste, hatten sie gemeint. Die Schuld daran, dass Gottes Zorn sich über unserem, wie diesem Planeten entladen hatte, trügen selbstverständlich die anderen Glaubensrichtungen. Aus einer lauter werdenden Diskussion hatte sich dann nach und nach eine aggressive Wortschlacht entwickelt, die immer weiter zu eskalieren drohte. Ich hatte die Streithähne höflich gebeten, den Salon zu verlassen. Obwohl ich meiner Aufforderung mehrfach und inzwischen energisch Nachdruck verliehen hatte, wurde ihr nicht entsprochen. Die Kirchenleute hatten sich beharrlich geweigert. Letztendlich blieb mir nur noch übrig, ihnen freundliche Begleitungen zuzuteilen, die sie in ihre Unterkünfte führten.

Ich bin schläfrig. Diese Kirchenfürsten, resümiere ich vor mich hin. Jeder Einzelne von ihnen zeigte diese Intoleranz gegenüber Andersgläubigen, genau wie es vom Rat verurteilt wird. Das wollen gebildete Theologen sein? Der Rat wird sich bislang bestätigt fühlen, aber wir werden mit den Fürsten noch länger unsere Freude haben. Gleich morgen früh werde ich einen ausführlichen Bericht schreiben müssen, mich weiter möglichst neutral verhalten, an richtiger Stelle meine Klappe halten und wie immer meine Aufgaben äußerst korrekt erfüllen. Diese Kirchenfürsten …, diese Fürsten“, murmele ich kopfschüttelnd.

Die Burg des Fürsten

Dies ist meine Burg. Ich herrsche über die Burg und das Land, welches sie umgibt, so wie ich auch diesen Planeten beherrsche. Ich besitze die Macht über die Heerscharen der Lüfte. Ich allein erschuf die Drachen. Die Drachen, die über die Höhen und die Tiefen wachen. So ist mir schon bald jeder Untertan. Jedwedes wird meinem Willen unterliegen!

Die Burg ist meine Veste. Die Veste ist meine Heimstatt. Sie wurde tief in Fels gehauen, von des Berges Flanke aus. Niemand kann die weiten Tiefen sehen. Keiner vermochte sie je zu finden, noch wird man sie jemals finden. Die kalten Böden in dunklem Rot sind gefärbt vom Blut der Dahinsiechenden. Nicht ein einziger Tropfen des Blutes war verschwendet worden. Es ist eine ewige Erinnerung an abertausend Geknechtete, welche diese Festung nach meinen Plänen bauten. Die wenigen, die noch frei leben, werden sich meiner Macht beugen müssen, denn auch sie werden von meinen Schergen heimgesucht werden. Mein Wille geschehe.

Ich ließ die hohen Räume formen, in meiner Burg. Wände, die aus grauem Fels sind und die sich weit oben zu einer Spitze schließen, die verschmelzen mit des Berges Form selbst. Nach meinen Vorstellungen geschaffen, vermag keiner die starken Mauern zu durchdringen. Ich ließ entstehen, von jenen unwürdigen Sklaven, die nur meinen Gedanken gehorchen. Ich ließ sie formen, die edlen Möbel aus schwarzem, schimmerndem Stein, ausladend in der Fläche, die Lehnen hoch. Den Thron, der würdevoll erhöht gegenüber des Saales Eingang wartet, so wie es nur mir gebührt. Mein Banner, das hoch über dem Thron stolz hängt und einen fliegenden roten Drachen darstellt, das so nur eines Drachenfürsten würdig ist. Die restlichen Wände sind mit furchtbaren Waffen geschmückt, geschmiedet aus hartem Metall. Die monumentalen Figuren, stille, mir gefügige Diener aus rotem Kristall, ragen steil auf und bewachen die Räume und Gänge. Sie sind von übermächtiger Statur, mir und meinem Antlitz ähnlich.

Der Blaue Zwergenbruder

Es ist der Morgen des 11. Oktober. Der ausführliche Bericht über die Geschehnisse des Vorabends hat mich einige Zeit gekostet. Aber jetzt bin ich fertig und gehe auf die Brücke. „Morgen Leute, hatte noch zu schreiben. Erster, gibt es schon Neuigkeiten zu vermelden?“

„Hier ist rundherum nur Hölle, um es mit den Worten unserer frommen Gäste auszudrücken. Die Jäger sind schon länger wieder drin. Wir könnten die Vertikalstarter auch reinholen, Kommandant.“

„Moment noch, Erster. Macmacs, willst du mir etwas sagen?“

„Ich sehe es ein, Kommandant. Ein Aufenthalt ist nicht von Nöten, wo bunte Pilze Kröten töten.“

„Macmacs, was veranlasst dich meinen Spruch zu wiederholen?“

„Soll heißen, Kommandant, das Milieu des Planeten ist viel zu gefährlich, zu gefährlich. Die Landefähre mit dem Pionierroboter könnten wir nicht mehr ins Mutterschiff zurückholen. Zu gefährlich. Viel Material wäre verloren.“

„Ja, Macmacs, das ist der Ausflug nicht wert. Auf weitere Erkenntnisse hinsichtlich der Gruselgeschichte dieses Planeten verzichten wir und wie sich solcher Urschleim verbreiten konnte. Der Planet erfüllt außerdem noch nicht einmal die Kriterien der Kategorie 1, da eine Rohstoffgewinnung nicht sicher und effizient durchführbar ist. Der Tag ist noch jung, also wird nicht lange gefackelt. Ein guter Tag, um Welten zu entdecken. Hat gestern doch prima geklappt. Leute, wieder ist euer Mut gefragt! Erster, die Vertikalstarter rein! Francis, gib ordentlich Dampf auf den Kessel! Es ist der Tag des Zwerges und Zwerg beginnt mit Z.Also ZZ, ziemlich zügig zurück zum Ausgangspunkt, 100.000, und die Vorbereitungen für den zweiten Zielpunkt, Blauer Zwergenbruder, getroffen!“

Kaum eine Stunde ist vergangen und wir kommen wiederum zu uns.

„Na, Leute, fängt an Spaß zu machen, oder? Wie gehabt, weiter mit Z. Zeit ist Geld. Wir wollen die Kasse der UN nicht mehr als nötig belasten. Erster, wie sieht es aus?“

„Alles klar, Kommandant!“

„Francis?“

„Entfernung 100.000, drossle bei 80.000 die Geschwindigkeit und gehe bis auf 60.000, Kommandant!“

„Bazooka?“

„Waffensysteme sind auf höchster Bereitschaftsstufe, Kommandant!“

„Francis?“

„Wir stehen auf Überprüfungsabstand 60.000, zum Blauen Zwergenbruder, Kommandant!“

„Sehr gut, Leute! Klappt ja inzwischen wie geschmiert. Francis, Antriebssysteme herunterfahren. Wir werden die Position voraussichtlich länger halten.“

„Verstanden, Kommandant!“

„Erster, alle sechs Vertikalstarter raus, Würfelflächenformation, Abstand 150 zum Schiff. Und zwei Jäger raus, auf Abstand 25 nach unten, langsam auf 5 verringern.“

„Verstanden, Kommandant!“

„Dimitri, hast du schon erste Analyse- und Scanergebnisse vom blauen Schlumpf?“

„Schwerkraft nur 8,62, Kommandant. Es ist kein Trabant vorhanden. Die Oberfläche des Planeten ist komplett von einem Ozean bedeckt. Die Achse des Planeten steht nicht stabil, er trudelt. Außerdem dreht er sich relativ schnell. Die Meeresströmungen sind dementsprechend stark. Es ist nur eine dünne Atmosphäre vorhanden. Das bewirkt eine hohe Einstrahlung aus dem Weltraum. Genauere Ergebnisse in Kürze, Kommandant.“

„Macmacs?“

„Keine Spuren von höher entwickeltem Leben im Wasser, Kommandant!“

„Verstanden, Macmacs. Leute, hier holt man sich nur nasse Füße! Hier will wohl keiner von uns alt werden.“