Die Altruisten - Andrew Ridker - E-Book
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Die Altruisten E-Book

Andrew Ridker

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Beschreibung

»Ein unglaublich kluger Roman, der auf beeindruckende Weise eine Balance zwischen Humor und Herz findet.« Times Magazin

Das erste Familientreffen nach zwei Jahren Funkstille. Maggie und Ethan haben nach dem Krebstod der Mutter den Kontakt zum Vater abgebrochen. Doch jetzt steht Arthur Alter vor dem finanziellen Aus, und ihm wird schlagartig klar: Er ist auf die Hilfe seiner Kinder angewiesen. Unter dem Vorwand, sich mit ihnen versöhnen zu wollen, lädt er sie ein. Der eigentliche Grund: die Geschwister zu überreden, ihm das Erbe zu überlassen, damit er das Haus, das voller Erinnerungen an das glückliche Familienleben steckt, vor der Bank retten kann. Jeder in seiner eigenen Welt voller Sorgen und Hoffnungen gefangen, treffen sich die drei an einem Wochenende. Schnell stürzt die erzwungen freundliche Fassade in sich zusammen …

Kühn, klug, komisch – Andrew Ridker ist mit seinem genial konstruierten Erstling ein großer Wurf gelungen. »Die Altruisten« ist eine mit feiner Ironie erzählte Familiengeschichte über den Konflikt zwischen Babyboomern und Millennials, über die Kraft von familiären Banden, über Glaube und Vernunft, Privilegien und Politik – und über die Frage, was es kostet, ein guter Mensch zu sein.

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Seitenzahl: 479

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Überraschend, lebensklug und voller Humor – die Geschichte einer Familie, die die unsere sein könnte

Das erste Familientreffen nach zwei Jahren Funkstille. Maggie und Ethan haben nach dem Krebstod der Mutter den Kontakt zum Vater abgebrochen. Doch jetzt steht Arthur Alter vor dem Aus, Job weg, das Konto leer, und ihm wird schlagartig klar: Er braucht die Hilfe seiner Kinder. Unter dem Vorwand, sich mit ihnen versöhnen zu wollen, lädt er sie ein. Der eigentliche Grund: die Geschwister zu überreden, ihm das Erbe zu überlassen, damit er das Haus, das so voller Erinnerungen an das Familienleben steckt, vor der Bank retten kann. Jeder in seiner ganz eigenen Welt voller Sorgen und Hoffnungen gefangen, treffen sich die drei an einem Wochenende. Viel zu schnell beginnt die gezwungen-freundliche Fassade in sich zusammenzustürzen …

Kühn, klug, komisch – Andrew Ridker ist mit seinem genial konstruierten Erstling ein großer Wurf gelungen. »Die Altruisten« ist eine mit feiner Ironie erzählte Familiengeschichte über den Konflikt zwischen Babyboomern und Millennials, über die Kraft von familiären Banden, über Glaube und Vernunft, Privilegien und Politik – und über die Frage, was es kostet, ein guter Mensch zu sein.

Der Autor

Andrew Ridker, 1991 geboren, zählt zu den jungen Stars der US-amerikanischen Literatur. Er hat nach seinem Studium in St. Louis und Oxford in einem Verlag gearbeitet und nebenbei Erzählungen und Artikel veröffentlicht, u. a. in den Zeitschriften The New York Times Magazine, The Paris Review, The Boston Review und The Believer. Gerade einmal 25 Jahre alt, begeisterte Andrew Ridker mit seinem Debütroman »Die Altruisten« Lektorinnen und Lektoren in aller Welt, sodass sich die Rechte lange vor Erscheinen in rund 20 Länder verkauften.

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Andrew Ridker

Die Altruisten

Roman

Aus dem Englischen von Thomas Gunkel

Die Originalausgabe erschien 2019

unter dem Titel The Altruists

bei Viking, einem Imprint von Penguin Random House LLC, New York.

Der Textauszug von »Apology for Want« entstammt dem Gedichtband Apology for Want von Mary Jo Bang, University Press of New England, 1997. Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Clegg Agency, New York.

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PENGUIN und das Penguin Logo sind Markenzeichen

von Penguin Books Limited und werden hier unter Lizenz benutzt.

Copyright © der Originalausgabe Andrew Ridker 2019

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2019

Penguin Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Designbüro Lübbeke, Naumann, Thoben, Köln, unter ­Verwendung des US-amerikanischen Umschlags, entworfen von Jason Ramirez.

Umschlagmotiv © Purix Verlag / Volker Christen / Bridgeman Images

ISBN978-3-641-22910-8V003

www.penguin-verlag.de

Für Paul und Susan Ridker

»Unter Tieren sind wir die Anomalie:

Der Mangel bestimmt uns,

schickt uns hinaus in zottigem Tüll, doch verrät uns nicht, wo es die Eichel oder den Knochen zuletzt vergraben hat.«

»Apology for Want« von Mary Jo Bang

Die Familie Alter wurde von Feuer geplagt. Den ganzen Herbst hindurch kam es zu Zwischenfällen, zu voneinander unabhängigen Vorzeichen, die erst im Rückblick etwas Unheilvolles erhalten. Im September versengte sich Ethan beim Anzünden einer Zigarette den Daumen. Drei Tage später funktionierte der Küchenherd wegen einer defekten Kochplatte nicht richtig; die Zündvorrichtung machte ein bedenkliches Geräusch, eine Reihe verzweifelter Faucher, bis sie eine Flamme entfachte, die Fran­cines Ärmelaufschlag erfasste. Und bei Arthurs fünfzigstem Geburtstag, einer bescheidenen Zusammenkunft auf dem Rasen hinterm Haus, fiel eine Trickkerze vom Karottenkuchen und setzte ein paar vertrocknete Blätter in Brand, den Maggie mit dem Fuß austrat.

Das größte Inferno jenes Herbstes ereignete sich an einem Donnerstagabend im November. Francine saß mit Marcus und Margot Washington in ihrem Arbeitszimmer, einem Ehepaar, das eine kleine Anwaltskanzlei betrieb, die sich dem Schutz geistigen Eigentums widmete. Es war ihr erstes Gespräch – eine gemeinsame Freundin hatte sie an Francine verwiesen –, doch den beiden eilte ihr Ruf voraus. Im Vorjahr hatten sie im April eine ­Peer-to-Peer-Tauschbörse erfolgreich gegen eine Hip-Hop-Crew verteidigt, die hinter einem bekannten Song mit nicht ­druckreifem Titel stand. Doch die Washingtons sahen nicht aus wie zwei Leute, die auf dem Gipfel ihres beruflichen Erfolgs waren. Margots Fuß wippte unruhig auf und ab. Marcus starrte auf seinen Schoß. Sie hatten Francine aufgesucht, damit sie zwischen ihnen vermittelte.

»Sie verstehen, dass unsere Situation ziemlich heikel ist«, sagte Margot, die den Griff ihrer Handtasche umklammerte. »Von der Sache darf niemand erfahren.«

Francine verstand das sehr gut. Margots Wurzeln in St. Louis reichten tief, ihre Familiengeschichte war ein veritables Gespinst aus Erbe und Geburtsrecht. Es hieß, sie stamme von dem französischen Granden Pierre Leclercq ab. Der Legende nach hatte Le­clercq, ein Pelzhändler, der im kolonialzeitlichen St. Louis eine Million Morgen besaß, Bathsheba, eine seiner Konkubinen, freigelassen und ihr Land überschrieben, um sich vor Gläubigern zu schützen. Doch Bathsheba hatte den Grund und Boden verkauft und Leclercq verklagt, was über Generationen hinweg Prozesse um seinen Besitz nach sich gezogen hatte. Jahrelang waren Le­clercqs Nachfahren die kampfbereiten, extravaganten Figuren an der Spitze der städtischen Aristokratie gewesen. Die Washingtons waren in den Überresten der hohen Gesellschaft von St. Louis bekannte Persönlichkeiten, umso mehr, als sie eins von zwei schwarzen Paaren waren, die am Lenox Place wohnten, einer Privatstraße unweit des Central West End.

»Natürlich«, sagte Francine nickend.

Margot nahm das Zimmer in Augenschein. »Arbeiten Sie immer von zu Hause aus?«

»Seit wir hergezogen sind«, sagte Francine. »Vor vier Jahren.«

»Vier Jahre«, sagte Margot. Wiederholte dann noch mal: »Vier Jahre«, und wog das Maß jenes Zeitraums ab.

Bevor Arthur mit der Familie von Boston westwärts zog, war der Raum, der jetzt Francines Büro war, ein Wintergarten gewesen, ein Anbau auf der westlichen Seite des Hauses. Eine Wand bestand größtenteils aus Glas, durch das Francine beobachtete, wie die verdorrten Blätter des Rotahorns den ganzen Herbst hindurch eins nach dem anderen herunterfielen. An der Außenseite der Zimmertür verwies ein graviertes Messingschild auf die derzeitige Funktion des Zimmers. Arthur hatte sich über die Kosten für das Schild und die Schallschutzplatten an den Wänden beklagt, aber Francine hatte ihn ignoriert. Sie erkannte den Wert von Diskretion und der Errichtung einer soliden Fassade.

Das häusliche Büro war eine Art Trost, die Grundbedingung für ihre Zustimmung zum Umzug. Nachdem sie einen gut bezahlten Posten in einer Privatklinik in Newton aufgegeben hatte, brauchte sie einen Ort, an dem sie ihre Karriere vorantreiben konnte. Auch wenn sie gezwungen war, aus einem kleinen Zimmer in ihrem Haus zu arbeiten, wurde ihr Name in den Vororten University City, Clayton und Ladue allmählich bekannt.

»Es gab noch keine Klagen«, fügte sie hinzu.

Margot nickte entschieden und stellte ihre Tasche neben sich. »In Ordnung«, sagte sie, »ich fange an.« Sie lehnte sich auf dem Sofa zurück und straffte die Schultern. »Falls Sie es wissen müssen, und das müssen Sie wohl, mein Mann gibt sich in letzter Zeit einer Gewohnheit, einer Neigung hin, die ich ablehne und die unsere Ehe zu zerstören droht.«

»Ich würde es gern in Marcus’ Worten hören«, sagte Francine. »Marcus? Können Sie sich vorstellen, es mir zu erzählen?«

Marcus blinzelte in das rötliche Licht der Dämmerung, das durch die Scheiben fiel.

»Er wird es Ihnen nicht sagen.«

»Marcus?«, versuchte Francine es noch mal.

»Er weigert sich, darüber zu sprechen«, sagte Margot. »Aber es muss etwas unternommen werden.« Sie hielt inne. »Es geht um Folgendes: Mein Mann verkleidet sich gern. Er findet das erotisch.«

Francine sah Marcus wieder an, doch er schwieg. Sie biss sich auf die Innenseite der Wange. »Okay«, sagte sie. »Marcus, es wäre wirklich hilfreich, wenn Sie sich äußern könnten.«

»Er sagt, ihm gefällt das Gefühl. Das Eingeengtsein. Er sagt, das Gummi ist wie eine zweite Haut.«

»Das Gummi?«

»Eigentlich Latex. Ja. Er zieht sich gern einen Body an und tut so, als wäre er ein Haustier.«

»Okaaay.« Francine rutschte auf ihrem Stuhl umher. »Marcus verkleidet sich gern als Hund.«

»Nicht als Hund. Als Haustier. Manchmal ist er ein Hund, manchmal eine Katze. Und manchmal ist er ein Hamster, was lächerlich ist, denn Hamster leben in Käfigen und laufen in Rädern, während Marcus, Marcus, ein angesehener Strafverteidiger und Leiter einer Kanzlei ist.« Margot steckte den Kopf in ihre Tasche und kramte darin, bis eine schwarze Gesichtsmaske zum Vorschein kam, an der zwei lange Ohren baumelten. »Zieh sie über«, forderte sie ihren Mann auf.

»Das ist nicht nötig«, sagte Francine.

»Er steht auf das Ding und kann Ihnen zeigen, wie’s aussieht. Zieh sie über, Marcus.«

Bevor Francine etwas einwenden konnte, hielt Marcus die Maske schon in den Händen. Sie schaute sich an, wie er sie ungeduldig über den Kopf streifte und zurechtzerrte, bis seine Augen sich hinter den Löchern befanden.

»Sehen Sie? Sehen Sie, womit ich’s hier zu tun habe?«

Francine nickte. Sie begann zu begreifen. Im Großen und Ganzen hatte sie es in den wohlhabenden Vororten, in denen sie ihr Geld verdiente, mit zwei Arten von Klienten zu tun: Menschen, die echte Probleme zu bearbeiten hatten, und Leuten, deren neurotisches Temperament ihnen weismachte, dass schon der kleinste Stimmungswechsel ein Grund zur Beunruhigung war. Dass ein bisschen Traurigkeit mit Sicherheit eine Depression, eine leichte Panik nichts Geringeres als eine Angststörung war, die ihren zuckenden Kopf erhob. Die Washingtons, dachte sie, gehörten wahrscheinlich zur zweiten Gruppe. Ihnen ging es wohl nur um die Zusicherung, dass sie nicht anormal waren.

Francine hatte in letzter Zeit viele Zusicherungen gegeben, und das langweilte sie. Sie sehnte sich nach etwas, in das sie ihre Fähigkeiten einbringen konnte. So nervös, wie sie stets bei neuen Klienten war, war sie den ganzen Tag gedankenverloren gewesen, darauf erpicht, einen guten Eindruck zu machen – und wofür? Wegen einer kleinen Midlife-Schrulle? Das Leben mit seinen ständigen Scharmützeln war doch schon schwer genug.

Zum Beispiel Maggie. Sie hatte wegen ihrer Rolle in der Thanksgiving-Aufführung einen Wutanfall. Sie hatte eine Indianerin spielen wollen – diese Bezeichnung, egal, wie unzulässig, wurde an der Captain-Grundschule auch noch im Jahr 2000 verwendet –, war stattdessen aber als Füllhorn besetzt worden. Ethan hatte sich währenddessen in seinem Schlafzimmer eingeschlossen. Er hatte sich aus der Familie zurückgezogen und sie durch einen Computer ersetzt, den er vorsichtigerweise erst kaufte, nachdem sich das Jahr-2000-Problem als überflüssige Sorge erwiesen hatte. Er hatte ihn von seinem eigenen Geld bezahlt, seinen Ersparnissen nach der allsommerlichen Rackerei am Jewish Community Center in Creve Coeur, und diese Rechtfertigung – »Es ist mein eigenes Geld, damit kann ich tun, was ich will« – hatte Francine erfolgreich einen Strich durch die Rechnung gemacht. Obendrein hatte die Universität Arthurs Antrag auf Festanstellung gerade erst abgelehnt. Er war schon seit vier Jahren Gastprofessor an der Fakultät für Ingenieurwesen, obwohl er sich dort nicht wie ein Gast fühlte. Er gab mehr Kurse als all seine Kollegen, saß in unzähligen Gremien und hatte vor allem, vielleicht zu voreilig, eine saftige Hypothek auf das Haus aufgenommen. Dennoch hatte ihm Sahil Gupta, der Dekan der Fakultät, mitgeteilt, man könne nichts unternehmen, bevor sich das Budget ausgeglichen habe. Mittlerweile stapfte Arthur seit Tagen im Haus umher, fluchte vor sich hin und wiederholte ständig wie ein Mantra: »Budgets gleichen sich nicht aus.«

Marcus sprach hinter der Maske. »Riechen Sie das?«

»Bleib beim Thema«, fauchte Margot.

»Moment mal …« Marcus schnupperte durch die Schnauzenlöcher der Maske. »Da brennt was.«

»Dr. Alter, er weicht dem Problem aus, oder?«

Francine neigte den Kopf zurück. »Er hat recht. Ich rieche es auch.« Die Luft im Büro färbte sich grau. »Okay«, sagte sie. »Alle raus.«

Francine und die Washingtons traten in den Flur hinaus, wo sie Arthur, Ethan und Maggie vorfanden, und schon bald standen beide Familien im Halbkreis unter einem sich rasch verdunkelnden Himmel draußen vor dem Gebäude. Irgendwo hinter den Häusern von Chouteau Place war das beflissene Heulen der Sirenen zu hören.

»Wer ist das?«, fragte Maggie und deutete auf Marcus.

Margots Augen verengten sich. »Zieh die Maske ab. Du jagst dem Mädchen Angst ein.«

»Ich hab keine Angst.«

Die Sirenen wurden lauter. Arthur tigerte auf und ab. »Was hast du gemacht?«, fragte er niemand Bestimmten.

»Nichts. Ich hab nichts gemacht«, versicherte Ethan.

»Ich hab meine Rolle gelernt«, sagte Maggie.

»Ich dachte, du wärst ein Füllhorn«, sagte Arthur. Überall blitzten Lichter. Hinter ihnen hielt ein Feuerwehrwagen. »Füllhörner sprechen nicht«, murmelte er vor sich hin und beeilte sich, mit den Männern zu reden, die aus dem Wagen stiegen.

»Ich spreche!«, rief Maggie ihm nach. »Ich habe Text!«

»Das weiß er doch«, sagte Francine beschwichtigend.

Lynn Germaine, die in dem Haus im Craftsman-Stil nebenan wohnte, machte einen zaghaften Schritt vor die Tür. »Alles okay?«, rief sie unter der Dachtraufe hervor. »Brennt irgendwas?«

Francine winkte sie ins Haus zurück. »Alles in Ordnung, Lynn«, sagte sie, und ihre Wangen wurden mit jedem Augenblick, in dem ihr Leben zur Schau stand, röter.

Margot schickte Marcus los, damit er den Wagen startete. Seufzend schlurfte er davon. Sie fixierte ihren Mann und dann Arthur. Dann drehte sie sich zu Francine um. »Und«, sagte sie und deutete mit dem Kopf auf den Feuerwehrwagen. »Wie lange sind Sie verheiratet?« Bevor Francine antworten konnte, war Arthur neben ihr. Drei von den Feuerwehrleuten stürmten bereits ins Haus. Die anderen entrollten einen Schlauch und liefen zu dem Hydranten vor dem Haus der Germaines. Francine blieb fast das Herz stehen, als sie die Männer in ihr Zuhause rennen sah.

»Was hast du gemacht?«, fragte Arthur wieder. Er kaute an seiner Nagelhaut, betrachtete den Feuerwehrwagen und dann das Haus. »Ich sollte reingehen.«

»Lass die Männer ihre Arbeit machen«, sagte Francine.

»Sie kennen sich nicht aus. Sie wissen nicht, wie sie unsere Wertsachen finden sollen.«

»Die suchen gar nichts«, sagte sie. »Sie löschen das Feuer.«

»Oh, schauen Sie mal!«, sagte Margot. »Der Rauch steigt schon aus dem Fenster!«

Arthur wollte zum Haus rennen. Francine sprang ihm nach und packte ihn am Kragen. Mit festem Griff hielt sie ihn zurück. So was war sie gewohnt. Das ist das, was ich tue, dachte sie, während sie ihn festhielt, beschämt, es vor Margots Augen zu tun, beschämt, Arthur zurückzuhalten, ihn vor dem sicheren Tod zu bewahren, während ihr Leben vor ihr in Flammen aufging und sie die ganze Zeit dachte: Was würde dieser Mann bloß ohne mich tun?

Erster Teil

1

»Du kommst mit uns.«

Maggie kannte Emma seit ihrer Zahnspangenzeit, doch das tollpatschige Mädchen, das in ihrer Highschool-Jazzband mit solcher Begeisterung Saxofon gespielt hatte, dass sie das Instrument – und auch den Jazz – gerettet hatte, studierte inzwischen im zweiten Jahr Jura. Ein Dutzend ihrer Kommilitonen stand dicht zusammengedrängt in Emmas Wohnzimmer, die Hände bei anderen eingehakt oder selbstsicher in die Hüften gestemmt. In der Kochnische teilten sich große Wodkaflaschen mit Milchglas-Insignien den Platz auf der Küchentheke mit Simply Orange in Plastikkanistern. Maggie hätte schwören können, dass sie den Song kannte, der durch die Wohnung schallte, doch jedes Mal wenn sie kurz davor war, ihn zu identifizieren, pingte eine eingehende Nachricht durchs Telefon, das mit den Lautsprechern verbunden war, und störte ihre Konzentration. »Du kreuzt am Anfang immer auf«, fuhr Emma fort, »aber dann schleichst du dich weg, sodass es niemand merkt.«

»Stimmt doch gar nicht«, sagte Maggie.

»Na ja, gut. Denn heute Abend kommst du mit.«

Maggie biss die Zähne zusammen und starrte auf den ringförmigen orangefarbenen Rest am Boden ihres Solo-Bechers. Auf der anderen Seite des Zimmers ahmte ein Junge mit Pferdegebiss und modischer Brille jemanden nach, den Maggie nicht wiedererkannte.

»Hier sind viele interessante Leute«, fügte Emma hinzu und deutete auf eine Gruppe ihrer Kommilitonen.

Maggie machte ein finsteres Gesicht. Die ganze Szene wirkte gestellt. Alle waren zusammengewürfelt, zu selbstbewusst. Eine plötzliche Paranoia ergriff sie. War diese Party, dieses Treffen von Marketingleuten, Finanzexperten und baldigen Anwälten auf der Lower East Side, ihretwegen organisiert worden? Maggie wurde das Gefühl nicht los, dass diese offenkundige Zurschaustellung von Aufstiegsmöglichkeiten ihr eine Botschaft vermitteln sollte.

»Was willst du mir damit sagen?«

Emma hielt die Hände hoch. »Ich will gar nichts sagen!«

Maggie lockerte die Schultern. Es ging ihr doch gut. Sie brachte die Miete zusammen, indem sie für anständige Leute in Queens arbeitete. Ihr einziger Chef war ihr Gewissen. An den meisten Tagen hieß das: Besorgungen machen, babysitten oder im Namen ihrer spanisch, russisch oder chinesisch sprechenden Nachbarn Verbindung mit der Stadtverwaltung aufnehmen. Gelegenheitsarbeiten. Im Lauf von fünf Monaten hatte sie ein kleines Netz von Kunden aufgebaut, die ihre amerikanische Staatsbürgerschaft als vermarktbare Fähigkeit betrachteten. Es war eine zufriedenstellende Arbeit, wenn auch nicht sonderlich gut bezahlt. Maggie war stets ein bisschen hungrig.

Der Junge mit dem Pferdegebiss trat zu ihnen. »Wir haben über Ziegler geredet«, sagte er.

»Ach du lieber Gott, Ziegler!«, sagte Emma.

»Wer ist das?«, fragte Maggie.

»Einer unserer Professoren«, sagte der Junge. »Deliktsrecht.«

»Was ist das?«

»Das ist, wenn ein Geschädigter …«

»Ach. Vergiss es.«

Der Junge wirkte gekränkt. »Okay«, sagte er.

Emma machte sie miteinander bekannt. »Das ist Maggie. Wir sind zusammen zur Highschool gegangen.«

»Was machst du so?«, fragte der Junge blinzelnd.

Vor Kurzem hatte eine Polin aus der Himrod Street Maggie angeheuert, damit sie zu ihrem neugeborenen Sohn sprach. Die Frau hatte ihr zu verstehen gegeben, sie könne sagen, was sie wolle, solange sie es auf Englisch tue, das Baby solle die Sprache ins aufkeimende Unterbewusste aufsaugen und lernen, sie fließend zu sprechen. Doch als die Mutter am ersten Tag das Zimmer verlassen hatte, hatte Maggie einen Blackout gehabt. Sie hatte die ganze Zeit nur äh und ähm und hmm gemurmelt, zuerst wie gelähmt von ihrer Nervosität und dann vom schlechten Gewissen angesichts der Aussicht, zehn Dollar pro Stunde zu erhalten, ohne es verdient zu haben. »Ich kann Ihr Geld nicht annehmen«, sagte sie der Frau am Ende der Sitzung. »Aber wenn ich nächste Woche wiederkomme, hab ich jede Menge zu sagen. Versprochen.«

Okay, der Hunger war nicht schlimm, aber ehrlich gesagt? Sich einen vollen Bauch zu verweigern, gab einem fast das Gefühl, eine Heilige zu sein. Maggie hatte genug Geld, um sich dieses Gefühl leisten zu können und anderes Geld auszuschlagen. Sie reglementierte ihre Ausgaben mit akribischer Disziplin, konsumierte nur, was sie brauchte, nur, was sie verdient zu haben glaubte. Das Problem war, dass ihr Körper nicht zwischen selbstverschuldetem und anderem Hunger unterscheiden konnte. Er, der Körper, kannte bloß »Hunger« – den Ernährungsmangel, nicht die ideologische Aussage –, und folglich hatte sie abgenommen. Drei Kilo im Lauf von zwei Jahren. Was nicht zu unterschätzen war, besonders wenn man schon anfangs nicht viel gewogen hatte.

Zuerst war es schön, sich die ganze Zeit leicht und beschwingt zu fühlen. Sie ging mit einem angenehmen Rausch durch die Straßen von Ridgewood, der die Grenzen ihres Bewusstseins verwischte. Aber dann wuchsen ihren Krämpfen Klauen, und die Hungerattacken wurden heftig. Nachdem sie in einer Wolke aus fünf Geschmacksrichtungen hinter dem Hong Kong Super Buffet ohnmächtig geworden war und ihre Beine ihr den Dienst versagt hatten und einfach weggeknickt waren, begann sie sich Sorgen zu machen. In ihrem ersten Semester an der Danforth University in St. Louis hatte Maggie zwei Wochen lang den Grundkurs Philosophie, »Die Fundamente des westlichen Denkens«, belegt, bevor sie ihn durch etwas weniger Theoretisches ersetzte, und diese kurze Zeit hatte ausgereicht, um den Begriff Leib-Seele-Problem, wenn auch nicht seine Definition kennenzulernen. Jetzt hatte sie das Gefühl, wenn schon nicht das Leib-Seele-Problem, so doch zumindest ein Leib-Seele-Problem zu durchleben. Ihr Körper stellte seine eigenen Ansprüche, während das, was sie zu Maggie machte – vermutlich das »Ich« –, darüber zu schweben schien wie ein Fesselballon.

Emma wedelte vor ihr mit der Hand. »Maggie? Brian hat dich was gefragt.«

Vom Gewicht abgesehen, war Maggie das Ebenbild ihrer verstorbenen Mutter. Sie hatte Francine Klein Alters Haar, rötlich braun und lockig, und ein dezent mit Sommersprossen gesprenkeltes Nasenbein. Doch während Maggie klein war, war ihre Mutter (nicht groß oder stämmig, sondern) robust gewesen, mit einer Kompaktheit, die auf feste moralische Überzeugungen hindeutete. Von ihrem Vater, bei dem Maggie sich weigerte, eine Ähnlichkeit zu erkennen, hatte sie die vorgewölbte Stirn geerbt, einen Schädel, zurechtgehämmert von einem Verstand, der keine Entscheidungen treffen konnte.

»Ist mit ihr alles in Ordnung?«, fragte Brian.

»Wir müssen dir was zu essen geben«, sagte Emma. »Ich glaube, ich hab irgendwo Tortilla-Chips.«

»Nein, nein.« Maggie winkte ab. »Mir geht’s gut.«

»Bist du sicher?«

Sie nickte. Ihr war bloß ein bisschen schwindlig. »Absolut.«

»Okay. Also gut. Pack deine Sachen. In zehn Minuten brechen wir auf.«

»Wo soll’s denn hingehen?«

»Aus.«

Maggie ließ den Blick durchs Zimmer wandern. Alle paar Minuten verabschiedete sich jemand aus seiner Gruppe und schloss sich einer anderen an, was stets jemanden in dieser Gruppe veranlasste, sich unverzüglich zu einer anderen zu begeben, wobei sich die Gruppen immer wieder veränderten, aber in einer Art sozialer Thermodynamik, die Maggie als willkürlich und befremdlich empfand, die gleiche Größe behielten. »Das ist das Problem«, sagte sie. »Alle hier sind woandershin unterwegs.«

»Was redest du da? Wir gehen in eine Bar. Alle zusammen.«

Maggie runzelte die Stirn. »Wirf mich nicht mit diesem ›alle‹ in einen Topf.«

Emma seufzte. »Alle hier sind supernett. Und klug!« Sie stieß Brian mit dem Ellbogen an. »Brian ist ein Genie.«

Maggie schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht.«

»Mags. Es ist mein Geburtstag.« Sie lächelte verzweifelt. »Du kennst mich länger als alle anderen hier. Kannst du bitte? Dieses eine Mal? Mir zuliebe?«

Maggie fühlte sich geschmeichelt – kannte sie Emma wirklich am längsten und folglich am besten? –, doch sie sah bereits vor sich, wie der Abend ablaufen würde. Sie würde sich einen Sechzehn-Dollar-Cocktail bestellen und diese Ausgabe den Rest des Abends bereuen, würde Gespräche darüber erdulden, dass das erste Jahr viel schwerer gewesen sei als das zweite, während sie es ablehnte, sich von Jungen mit frei verfügbarem Einkommen, die alle die gleichen Button-down-Hemden trugen, Drinks spendieren zu lassen.

»Tut mir leid«, sagte sie. »Ich kann’s nicht.«

Emmas Lächeln verzerrte sich. »Du kannst, aber du willst nicht. Du musst es dir nicht so schwer machen, weißt du? Das Leben muss nicht so schwer sein.«

Doch Emma hatte unrecht. Das Leben war schwer, für fast alle, und die, für die das Leben leicht war, hatten die Pflicht, es sich schwerer zu machen, bevor sie von innen heraus verfaulten. Wenn es etwas gab, das Maggie nicht ertragen konnte, war es zu sehen, wie Leute, die viel zu verlieren hatten, sich amüsierten.

Plötzlich wurde ihr schwindlig. Übel. Die Musik im Zimmer klang auf einmal verzerrt. Hörte das denn sonst keiner? Ein Schweißtropfen landete in ihrem Becher. Sie streckte die Hand nach Emmas Schulter aus, doch ihre Finger erreichten ihr Ziel nicht.

Obwohl Maggie wusste, dass sie das Mittagessen nicht hätte auslassen sollen, schob sie ihren Ohnmachtsanfall auf die Entkräftung, die sie einem zwölfjährigen Jungen zu verdanken hatte.

Zweimal pro Woche suchte sie Bruno Nakahara in der Wohnung seiner Eltern auf, angeblich um ihm und seinem Bruder bei den Hausaufgaben zu helfen. Doch Brunos neu entdecktes Interesse an Mixed Martial Arts hatte zu einer Konstellation über ihren Körper verteilter Blutergüsse geführt, schwer erkämpfter Flecke in der Farbe von ranzigem Steak. Er behauptete, das Verprügeln seiner Lehrerin sei eine notwendige Übung im Dienste seiner Fertigkeiten.

»Ground and Pound«, hatte er an diesem Tag gebrüllt und Maggie zu Boden geschlagen.

Auch wenn diese Arbeit sich nicht auszahlte, ertrug Maggie Brunos Misshandlungen, ja, begrüßte sie sogar. Seine tätlichen Angriffe waren der Beweis, dass sie mit einer Arbeit beschäftigt war, die Opfer erforderte. Man denke an Mutter Teresa, klapprig und gebeugt. An Gandhi und seinen vorgewölbten Brustkorb. Maggies Blutergüsse waren eine Rechtfertigung. Ein Beweis für Charakter. Denn so war das mit dem Versuch, Gutes zu tun: Am Ende erhielt man immer einen Schlag in die Magengrube.

Die Nakaharas lebten auf engem Raum, wenn auch in gemütlicher Atmosphäre. Aus der Wohnung blickte man auf das widerwärtige Herz von Cypress und Myrtle Avenue und Madison Street in Ridgewood, Queens, einem Pavillon des Negativraums, in dem man an stillen Sonntagabenden isolierte Komponenten des Viertels hören konnte: Kirchenglocken, die die Stunden dokumentierten, die Dynamik flackernder Neonschilder. Die dreißig Jahre alte Fehde zwischen einem Glatzkopf und einer Taube.

»Ooo-kay«, hatte sie gegrummelt und sich unter ihm hervorgewunden. Sie war durch die Wohnung gehinkt. »Wie ich sehe, arbeiten wir noch an unseren Wutproblemen.« Gegenüber den Jungen benutzte sie die erste Person Plural. Das half, Eintracht und Vertrauen zu schaffen.

Im Wohnzimmer der Nakaharas stank es stets nach verbrannten Taquitos, Pizzarollen oder was auch immer Bruno in jener Woche an Tiefgefrorenem aß, vermischt mit den Fürzen ihres altersschwachen gelben Labradors Flower, der sich schon vor langer Zeit in eine Ecke des Wohnzimmers zurückgezogen hatte, um zu sterben. Der Teppichboden war vom selben schmutzigen Beige wie Schnee am Straßenrand. Über einem braunen Kunstledersofa hingen zwei Porträts nebeneinander: eins von Michael Jackson, das andere (sie hatte nachgefragt) von Petro Poroschenko.

»Ich hab keine Wutprobleme«, sagte Bruno. »Ich hab ODD.« Er meinte Oppositionelles Trotzverhalten, eine Störung, von der er im Internet gelesen hatte.

»Das ist eine echte Krankheit«, sagte er, »und das wissen Sie auch.« Doch die Genauigkeit seiner Diagnose schwächte die Wirkung nicht ab.

»Störung«, korrigierte sie ihn. »Nicht Krankheit.«

In den sechs Monaten, in denen Maggie mit Bruno gearbeitet hatte, hatte sie beobachtet, wie er eine Vielfalt von Interessen ausgeschöpft hatte, einschließlich, aber nicht beschränkt auf Springmesser, übermäßiges Essen und Pyromanie. Auch wenn MMA, soweit Maggie es beurteilen konnte, nicht viel mehr war als ein Vorwand für geistesgestörte Boxer, auf die philosophischen Elemente, die den Faustkampf vermeintlich zu einem »Gentleman-Sport« machten, zu verzichten, blieb sie dabei, dass es ein besseres Hobby als andere war. Letztlich ging es um Athletik, und für die Auswirkung gab es einen greifbaren Beweis. Die Früchte von Brunos Anstrengungen zeigten sich an seinem Körper – und erstreckten sich jetzt auch auf ihren.

»Ich bin mit den Hausaufgaben schon fertig«, rief Alex vom Küchentisch, seine Stimme klingelnd wie das Glöckchen einer Concierge. Während Bruno richtig muskulös war, Arme und Beine aufgebläht und an den Gelenken abgeschnürt wie bei Ballontieren, war sein Bruder klein und geschmeidig, stromlinienförmig, die Haut hell und das Haar tintenschwarz.

»Wenn du fertig bist, kannst du dich mit deinem MathBlast beschäftigen. Und, Bruno, hol bitte sofort das Zeug raus, das im Backofen qualmt.«

Sie löste den Gurt, mit dem ihre Kuriertasche an ihre Brust geschnallt war, und diese fiel mit leisem Geklimper des Reißverschlusses auf den Teppichboden. Von der Tasche befreit, richtete sie die Wohnung her und legte drei gespitzte Bleistifte neben Alex’ bevorzugte Hand, bevor sie auf Brunos Stuhl glitt, um das Video eines Knock-out-Spiels zu verkleinern und Microsoft Word zu öffnen.

Plötzlich streckte der Vater der Jungen, ein ungekämmter Japaner, dem Maggie nie förmlich vorgestellt worden war – und der nur ein paar Worte Englisch sprach, was seltsam war, denn sie glaubte nicht, dass die Jungen Japanisch konnten –, wie aufs Stichwort den Kopf in die Küche. Er warf einen langen, besorgten Blick auf die Szene und verschwand dann wieder in seinem Zimmer.

»Bruno, los.«

Knurrend machte er sich auf den Weg in die Küche.

Maggie war eine zaghafte Zuchtmeisterin. Hinter ihren strengen Regeln verbarg sich ein tiefer Quell von Zärtlichkeit für die Jungen. Sie bestrafte die beiden nur ungern. Ihr wäre es lieber gewesen, wenn sie ihr aus reinem Respekt gehorcht hätten. Sie verlangte keine völlige Ehrerbietung. Doch sie bestand darauf, dass sie sie respektierten. Der Respekt von Jungen unter zwölf Jahren konnte manchmal aussehen wie Respektlosigkeit. So zeigten sie ihre Zuneigung. Und, dachte sie, sich an den Aufsatz eines berühmten Anthropologen erinnernd, sich den Respekt der Ureinwohner zu erarbeiten, war immer der erste Schritt. Oder nicht »Ureinwohner«, sondern – was auch immer.

»Wer will Mini-Calzone-Pizzas?«, fragte Bruno und zog ein Blech mit schwarzen Teigrollen aus dem Backofen. Er schaltete auf seine Rap-Stimme um. »Bloß Spaß, Mothafuckaz. Die Biester g’hörn mir.« Er neigte den Kopf nach hinten und ließ sich eine der neckischen Teigtaschen in den Mund fallen.

Maggies eigenwilliger Weg nach Ridgewood hatte schon in ihrer Kindheit mit der Vorstellung begonnen, dass die Welt nicht nur klein, sondern auch empfänglich für ihre Bestrebungen war.

Als junges Mädchen war sie oft im Forest Park in St. Louis spazieren gegangen und hatte verirrte Bälle eingesammelt, die vom Golfplatz geflogen waren. Wenn sie so viele angehäuft hatte, dass sie die Fünfzig-Liter-Recyclingtonne füllten, die in der Garage ihrer Eltern stand, spritzte sie sie ab und begab sich mit ihnen zum Gehsteig am Abschlagplatz. Ihr unternehmerisches Gespür zwang sie, ein Schild aufzustellen: GOLFBÄLLE. EINDOLLARPROSTÜCK. Am ersten Tag verkaufte sie mehr als die Hälfte und verdiente damit vierzig Dollar. Doch als Maggie am folgenden Wochenende wieder erschien, änderte sie ihre Meinung. Sie beschloss, die Bälle zu verschenken. Und warum auch nicht? Sie ging gern spazieren, sie sammelte gern Golfbälle auf – sie mochte sogar den läuternden Akt, sie zu reinigen! Auch wenn sie den Golfsport selbst als lächerlich ansah, als fantasielosen, vorsintflutlichen Zeitverteib weißer Männer, erkannte sie dort draußen auf dem Grün, dass sie auch gern Dinge verschenkte.

Das war eine Offenbarung. Wenn Freigiebigkeit so eine Euphorie auslöste, warum verkauften die Leute dann überhaupt irgendwas? Warum sollte man sich am Geben und Nehmen (und am Nehmen und Nehmen) des Handels beteiligen? Innerhalb von zwei Wochen hatte sie einen Markt geschaffen und wieder beseitigt. Und eine wertvolle Lektion gelernt: Die Grenzen, die zwischen Menschen und ihren Systemen errichtet wurden, waren nicht so unüberwindbar, wie es schien.

Zu dieser Schlussfolgerung gelangte sie trotz eines Vaters, der an jeglicher Wohltätigkeit starke Zweifel hegte. Ein paar Jahre nachdem Maggie im Forest Park den Kapitalismus ausgetrickst hatte, bekundete sie ihr Interesse, ihr Taschengeld für das im Orkan zerstörte New Orleans zu spenden. Doch Arthur hielt sie davon ab und belehrte seine Tochter über den fragwürdigen Fetischismus der Opferrolle und die Neigung des Roten Kreuzes, das ganze Geld für Betriebskosten zu verschleudern.

»Die hocken bloß auf dem Geld«, sagte er.

Er ließ sich nicht vom Gegenteil überzeugen. Als Maggies Tante Bex an Thanksgiving eine Stunde lang für ihr Lieblingsanliegen missionierte, platzte er vor Wut: »Wozu braucht Israel denn Bäume?« Es war gewissermaßen das Credo der Familie Alter, ein antihippokratischer Eid: Tu lieber nichts Gutes.

Sie weigerte sich zu kapitulieren. Seit ihrem Abschluss in Danforth zwei Jahre zuvor mit dem Rest des Jahrgangs von 2013, nach dem Tod ihrer Mutter und dem Chaos, das darauf folgte – und sie konnte nicht so tun, als hätten diese Geschehnisse keinen Bezug dazu –, unternahm Maggie alles, um die am schlechtesten bezahlten gemeinnützigen Praktika anzutreten. Sie folgte ihrem College-Freund Mikey Blumenthal in eine Wohnung in Midtown, die in Gehweite des Finanzunternehmens lag, in dem er den ganzen Tag vor zwei tickenden Monitoren saß und vom einen zum anderen große Summen verschob. Mietfrei mit ihm über einer lauten, touristenverseuchten Straße in der Nähe des Madison Square Garden zu wohnen, erlaubte ihr, weiteren ethisch vertretbaren Arbeiten nachzugehen: einem unbezahlten Dreimonatsjob bei einer globalen Kindergesundheitsinitiative, gefolgt von fünf Monaten bei einer Bürgerrechtsgruppe für sauberes Wasser.

Doch sie mochte die Frauen nicht – es waren fast immer Frauen –, mit denen sie arbeitete. Sie hatten alle ihr Leben der Gemeinnützigkeit verschrieben, waren traurige Fußsoldaten im Krieg gegen das Unrecht mit verquollenen Augen und länglichen, hageren Gesichtern, die wie die Zeremonienmasken der Drittweltler aussahen, denen sie angeblich zu helfen entschlossen waren. Doch sie hatten nichts zu erzählen, keine Heldengeschichten vom Sieg über das Böse. Ihre mittäglichen Gespräche waren banal, ihre Kümmernisse typisch. Sie wandten mehr Energie wegen der defekten Kaffeemaschine im Büro auf als für eine strengere Gesetzgebung. Wo, fragte sich Maggie, war die Energie? Das Herz?

Zu allem Übel konnte sie sich unter den Praktikantinnen nicht mal hervortun, konnte sich nicht mal das Anrecht sichern, die Hingebungsvollste zu sein, denn bei beiden Organisationen gab es mindestens ein verwirrtes Mädchen, das sich wegen jeden Dollars, den sie für sich ausgab, wegen jeden vergeudeten Augenblicks, in dem sie keinem anderen half, den Kopf ­zermarterte. Ein ­Mädchen, das wirklich zu glauben schien, dass ihr Leben weder mehr noch weniger wert war als das aller anderen, das Wasser sparte, indem es nicht duschte, das alle Übrigen im Büro zwang, den Genuss seiner Freigiebigkeit über die Nase aufzunehmen. Eine entschiedene Verfechterin von Mikrokrediten, es sei denn, man brauchte ein paar Dollar für den Bus, in welchem Fall es »Nein, tut mir leid« hieß, denn wäre das Geld nicht bei einem Moskitonetz für ein Baby im Kongo wirksamer eingesetzt? Maggie kochte vor Wut. Gegen den Kongo ließ sich einfach nicht argumentieren.

Doch ihr dritter Job, bei dem sie im Auftrag von Gewerkschaftsaktivisten ein mexikanisches Restaurant in einer Ladenzeile in Paramus infiltrierte, gefiel ihr. (Inzwischen hatte sie sich von Mikey getrennt, der im ersten Jahr nach dem College eine richtige Wampe bekommen, eine Menge Haare verloren, sich den Republikanern angeschlossen hatte und behauptete, Letzteres »macht es leichter, zur Arbeit zu gehen«.) Maggies Aufgabe bestand darin, sich als Kellnerin auszugeben, sich den Respekt ihrer Kollegen zu erarbeiten und langsam, aber sicher die Saat der Revolution in ihren Köpfen keimen zu lassen. Sie zu ermuntern, sich gewerkschaftlich zu organisieren, ohne sich den Anschein zu geben, sie zu irgendwas zu ermuntern.

Ihre verdeckte Vorgehensweise hatte etwas Aufregendes. Wenn sie verdeckt arbeitete, konnte ihr nichts, was sie tat, sagte oder dachte, eindeutig zugeschrieben werden, obschon sie sich nicht besonders verschwörerisch vorkam, wenn sie es tat, sagte oder dachte. Wie zum Beispiel: »Ich empfehle die Enchiladas« (was nicht stimmte) oder »Ich habe mich mit dem Tod meiner Mutter abgefunden« (was genauso wenig stimmte). Egal. Zu guter Letzt hatte sie es geschafft. Ja, endlich hatte sie die Befreiung von der Last gefunden, sie selbst zu sein.

In der Zwischenzeit wurde sie eine fabelhafte Kellnerin – höflich, effizient und witzig –, und das war seltsam, denn eigentlich war sie ja keine Kellnerin. Sie war eine Agentin. Trotzdem ging ihr nie ein Glas kaputt. Sie kaufte den überlasteten Geschirrspülern Zigaretten. Sie lernte, Leute zu erkennen, die reichlich Trinkgeld gaben. Es war körperlich auslaugende, aber zufriedenstellende Arbeit, und es war ein gutes Gefühl, ihr Gehirn den ganzen Tag auf Eis zu legen. Als Kellnerin lebte sie schlicht ohne Ehrgeiz.

Als Maggie nach sieben Monaten begonnen hatte, beiläufig das Wort »organisieren« gegenüber ihren unwissenden Kolleginnen fallen zu lassen, riefen ihre wahren Arbeitgeber auf dem Handy an.

»Hey, Maggie«, sagte die Stimme am anderen Ende. »Hier spricht Brenna. Von … du weißt schon. Ich sitze hier mit Jake und Trish. Hör mal, es tut uns allen leid, aber wir müssen dich freistellen.«

»Ihr müsst was?«

Das war im September gewesen. Sie hatte den Anruf in der Pause entgegengenommen und stand neben einem Müllcontainer hinter dem Restaurant, ihr Telefon an die Wange geklemmt, ihr Atem sichtbar in der kalten, schmutzigen Luft von New Jersey.

»Es hat nichts mit deiner Arbeit zu tun. Wir können es uns nicht mehr leisten, dich zu beschäftigen.«

»Ich bin gefeuert?«

»Von uns? Ja. Aber dein Kellnerjob – na, den hast du ja noch. Da können wir dich nicht feuern. Und das würden wir auch nicht wollen! Ich bin sicher, du leistest gute Arbeit.«

»Supergute«, warf Trish ein.

Die Arbeitsorganisation besserte gerade mal ihren Lohn auf. Dieser Beitrag war unbedeutend, und sie würde ihn nicht schmerzlich vermissen, aber ohne das Wissen, dass sie für diese Leute arbeitete, ohne den Undercover-Status, den sie ihr gewährten, war Maggie bloß … bloß …

»Ich bin Kellnerin«, sagte sie. »Keine Aktivistin, die vorgibt, Kellnerin zu sein. Bloß … Kellnerin.«

Jake schaltete sich ein. »Man braucht sich für keine Arbeit …«

»… zu schämen, ich weiß«, sagte Maggie und vollendete ihren Wahlspruch. »Kann ich den Leuten wenigstens erzählen, dass ich noch für euch arbeite?«

Sie glaubte zu hören, wie Brenna nach Luft rang. »Hast du ihnen etwa erzählt, dass du für uns arbeitest? Das ist nicht okay. Ähm, Maggie? Das untergräbt den Sinn des Ganzen. Scheiße. Hast du irgendwem erzählt, dass du für uns arbeitest? Hast du irgendwem erzählt, was wir tun?«

»Nein«, log sie.

»Okay. Puh. Puh! Einen Augenblick hätte ich’s fast geglaubt.«

Maggie legte auf und kehrte durch die Hintertür in die Küche zurück. Der Gasgrill stank nach verbranntem Fleisch. Die beiden Köche lachten und fluchten auf Spanisch übereinander, sie glitten und hüpften umher und schlugen nach ihrem Unterleib. Sie trat einen Schritt vor, und unter ihrem Fuß knirschte eine Tacoschale, die mit einem trockenen, verzweifelten Knacken zersplitterte.

Sie kündigte bei Taqueria Insufrible und zog in dieses »aufstrebende« Viertel in Queens, wo sie im fünften Stock eines Gebäudes ein Zimmer fand, gegen dessen chassidische Strohfirma ein Baustopp verhängt worden war. Sie fragte sich, wo sie arbeiten sollte. Was für Fähigkeiten besaß sie? Wofür war sie qualifiziert? Sie begrub Ridgewood unter Flugblättern, auf denen sie ihre Dienste als Babysitterin und Hundeausführerin anbot. Ihr Telefon weigerte sich zu klingeln. Worin, fragte sie sich, lag der Sinn eines Abschlusses in Amerikanistik, wenn sie ihn nicht als Sprungbrett für ein Leben als erwerbstätige, abgeplagte Amerikanerin nutzen konnte? Zwei bange Wochen lang ärgerte sie sich über ihre Trägheit. Dann kam der Anruf von Oksana Kozak-Nakahara.

Aus der Ukraine übergesiedelt, suchte Oksana, die die älteste und zugleich fitteste Rettungssanitäterin ihres Teams war – in der Ukraine war sie preisgekrönte Kugelstoßerin und Ärztin gewesen –, einen Hochschulabsolventen der Vereinigten Staaten, der die schulischen Leistungen ihrer Söhne kontrollierte und deren Englisch verbesserte. Maggie nahm die Stelle bereitwillig an. Bei ihrem ersten Treffen boxte Bruno sie in den Bauch. Oksana versetzte ihm zur Strafe drei begeisterte Ohrfeigen. Maggie nahm die Stelle trotzdem.

Wie sie erkannte, sprachen die Jungen fließend Englisch. Sie brauchten bloß Hilfe, um die Middleschool abzuschließen, ohne sie in die Luft zu sprengen.

»Kann ich in mein Zimmer gehen, wenn ich mit MathBlast fertig bin, und mit meinem Roboterbaukasten spielen?«, fragte Alex.

»Schwuchtel«, sagte Bruno. Ob wegen MathBlast oder spielen, wusste Maggie nicht so genau.

Alex verdrehte die Augen. »Krieg du erst mal eine Freundin.«

»Bruno, deine Ausdrucksweise«, sagte Maggie. »Alex, mehr Freundlichkeit. Das heißt, ein Dollar in die Kasse. Für jeden von euch.«

Die Kasse war Maggies Idee. Eher als eine Fluchkasse war es eine Tugendkasse, groß genug, um alle Formen von Fehlverhalten einzuschließen. Ihr war egal, wie die Jungen sie behandelten – je öfter sie sich danebenbenahmen, umso stärker fühlte sie sich berechtigt, ihnen unentgeltlich den Kopf zu waschen –, doch Grobheiten zwischen ihnen würde sie nicht dulden.

»Ich hab zwei Freundinnen, und du kriegst nicht mit, wie ich mich auslebe«, murmelte Alex. Die Jungen steckten ihr Geld in die Kasse auf der Küchentheke, wo sie neben einem Messerblock in der Ecke stand.

Bruno widmete sich wieder seinen Mathehausaufgaben und verwandelte mit dem Bleistift Tortendiagramme in Penisse. Alex ging spielen. Maggie ließ sich in Flowers Ecke sinken, um ihn kurz zu hätscheln, bevor sie aufstand und in die Küche schlenderte. Ihr Blick suchte das Glas, das als Kasse diente. Es war dreiviertelvoll, moosgrün und sonnenblumengelb, ein Dickicht aus Scheinen über einem Bett aus Kupfer und Zink. Ihr kleines Finanzterrarium. Sie hustete und nahm sich im Schutz des Geräuschs ein paar Ein-Dollar-Scheine und steckte sie ein.

Wie alle Wirtschaftssysteme war das von Maggie voller Paradoxien. Notwendigen Übeln. Das war eins davon: Um der Familie Nakahara so wenig für ihre Dienste in Rechnung stellen zu können, war sie gezwungen, gelegentlich etwas mitgehen zu lassen.

Die wahre Frage war, ob die Jungen die Kasse ebenfalls plünderten. Höchstwahrscheinlich – das Glas stand die ganze Woche unbeaufsichtigt da –, aber was konnte Maggie schon sagen, ohne heuchlerisch zu sein? Sie stahl, doch sie weigerte sich zu heucheln.

Zwei Stunden später verabschiedete sie sich von den Jungen und machte sich auf den Heimweg. Maggie wohnte ein paar Straßen weiter an der Trennlinie zwischen Bushwick und Ridgewood, wo die Linie M der Hochbahn entlangdonnerte, deren Metallräder im Vorbeifahren die Gleise knirschen ließen. Die Grenze zwischen Brooklyn und Queens war wuselig und tektonisch, als wären sich die beiden Stadtteile im Klaren, dass ihre Identitäten verschieden waren und miteinander in Konflikt standen.

Ihr Wohnblock, in dem ganze Etagen mit Brettern vernagelt waren, stand gegenüber von einem Food Bazaar und neben einer Baugrube. Die Grube war riesig und nahm den Blick aus ihrem Fenster im fünften Stock ein. Maggie starrte sie oft an. Starrte hinein. Das ist besser als fernsehen, dachte sie – obwohl sie keinen Apparat besaß –, sogar besser als das Internet, das die Eltern ihrer Mitbewohnerin bezahlten. Die Grube! Manchmal sah sie, wie kleine Männer mit Helmen herumgingen, mit dem Finger ­auf­einander deuteten und Anweisungen brüllten. Aus der Grube konnte ein Parkplatz werden, weitere Wohnungen, eine Einkaufszeile, alles Mögliche. Aber es ging nur langsam voran. Zurzeit war es eine Grube, Maggies Grube, eine Vertiefung mit gewaltigem Potenzial, das in der Zukunft gestaltet werden konnte.

In der Eingangshalle sah sie, dass eine schmuddelige Masse in ihren Briefkasten gezwängt worden war. Maggie klappte den Deckel hoch, und ein von einem Gummiband zusammengehaltenes Bündel Rechnungen und Kataloge kam zum Vorschein. Sie sah sich alles an, während sie die breite Treppe hinaufstieg. Die Stromgesellschaft wollte Geld, ihre Alma Mater wollte Geld. Maggie fragte sich, warum sie sich überhaupt die Mühe machte, ihre Post durchzusehen.

Sie klemmte das Bündel in ihre vom Treppensteigen feuchte Achselhöhle und schloss die Wohnung auf.

Ihre Mitbewohnerin, die ungünstigerweise ebenfalls Maggie hieß, saß zusammengesackt auf dem blauen Campingstuhl, den unsere Maggie ein paar Monate vorher von der Straße mit hochgebracht hatte.

»Langer Tag?«

»Irre. Drei Schüler hatten Geburtstag. Allein der Zuckerkonsum. Die Kinder waren völlig aufgedreht. Außer Rand und Band.«

Die andere Maggie war Lehrerin bei AmeriCorps. Sie konnte den Job nicht ausstehen. Ihre Drittklässler verkratzten ständig die Turnschuhe der anderen und wurden gewalttätig. Es war seltsam, sie so dasitzen zu sehen, versunken in der tiefen Mulde des Leinensitzes. Meistens verkroch sie sich in ihrem Zimmer, ihr Dasein kaum mehr als eine Reihe von Klicks und einrastenden Riegeln, Licht an der Unterseite der Tür.

»Ja, ja, schon kapiert. Du hättest meine Jungs heute erleben sollen. Bruno hat mich wieder attackiert.«

»Maggie«, warf Maggie ein. »Du unterrichtest zwei Jungen. Ich unterrichte drei Klassen mit jeweils zwanzig Schülern. Das ist anstrengende Arbeit. Das kannst du dir gar nicht vorstellen.«

»Entspann dich. Ich will nicht mit dir konkurrieren.«

Maggie ärgerte sich über den hochmütigen Ton ihrer Mitbewohnerin. Die andere Maggie hatte keine Lehrerausbildung und machte für ihre Schüler wahrscheinlich alles bloß schlimmer. Das Letzte, was sie brauchten, war eine stümperhafte weiße Erlöserin als Lehrerin.

Höhnisch begab sie sich in ihr Zimmer. Sie fürchtete sich bereits vor Emmas Party. Inzwischen hatte sie richtig schlechte Laune. Sie warf ihre Post aufs Bett, wo sie in Form einer ausgestreckten Hand landete.

Etwas Helles erregte ihre Aufmerksamkeit. Unter einem falsch adressierten Working Mother-Magazin entdeckte sie einen makellosen weißen Umschlag, in der linken oberen Ecke über dem Namen der Straße, in der Maggie aufgewachsen war, der Name ihres Vaters.

Als Maggie ihn sich vors Gesicht hielt, kamen ihr fast gleichzeitig zwei Gedanken. Der eine war: Ist nicht wahr, oder? Und der seltsamere – der dem anderen um einen Sekundenbruchteil vorausging – war, dass materielle Post äußerst förmlich und altmodisch war und der Umschlag etwas von einem kleinen weißen Smoking hatte.

2

Ethan saß in der Nische eines Erkerfensters, die Nachmittagssonne wärmte seinen Rücken. Ein dicker Wälzer lag aufgeschlagen in seinen Händen. Das Studium der Philosophie war ihm in letzter Zeit wie eine edle Möglichkeit der Weiterbildung vorgekommen, wie ein Mittel gegen all die Bildschirme, eine Ablenkung von dem Spirituosenschrank von Crate & Barrel mit seinem lackierten Äußeren und alkoholischen Inneren. Doch er stellte schnell fest, dass man Foucault nicht ohne Marx verstand, Marx nicht ohne Hegel und so weiter, bis zu den alten Griechen zurück. Als ihm klar wurde, dass er die Griechen nicht verstand, kaufte er sich einen Cambridge-Ratgeber, in den er zurzeit versunken war, und fragte sich, ob es auch einen Ratgeber für den Ratgeber gab.

Er kehrte zur Einleitung zurück. »Vergleichen Sie die beiden folgenden Fragen«, las er zum fünften Mal, »mit denen sich die griechischen und römischen Denker der Antike ausgiebig beschäftigt haben: 1. Was ist ein gutes menschliches Leben? Und 2. Warum fällt die Erde nicht herunter?«

Ethan rätselte an der ersten Frage herum, als er hörte, wie die Post durch den Türschlitz glitt.

Er konnte sich nicht vorstellen, warum sein Vater schreiben sollte. Warum er sich die Mühe gemacht hatte, sich auf Papier an seinen Sohn zu wenden. Ethans letztes flüchtiges Gespräch mit Arthur am Telefon hatte vor fünf Monaten stattgefunden. Nach Francines Beerdigung war Ethan für immer nach New York zurückgekehrt, dicht gefolgt von seiner Schwester, die in derselben Woche ihren College-Abschluss gemacht hatte. Seitdem hatten sie ihren Vater nicht mehr gesehen. Das war fast zwei Jahre her.

Er drehte den Umschlag in den Händen und riss ihn auf. Die Mitteilung selbst war eigentümlich zurückhaltend:

E.-

wäre gut, dich zu Hause zu haben. Du (& Maggie) kannst Mitte April kommen. (Semesterferien.) Wichtig, die Familie zu sehen, sich an die Wurzeln zu erinnern usw.

-A.

Zwei Jahre.

In zwei Jahren konnte viel passieren.

Doch es war nur wenig gewesen.

Der Brief stiftete in seinem Kopf Verwirrung. Für Ethan waren Zuhause und Demütigung untrennbar miteinander verknüpft. Das Lesen des Briefes störte sein System, spulte schamvolle Erinnerungen ab wie das Band einer VHS-Kassette. Bei einer davon saß der fünfzehnjährige Ethan Arthur und Francine nervös am Esstisch gegenüber, als ginge es um eine mündliche Anhörung vor dem Senat. Als müsste er seine Doktorarbeit verteidigen. Seine Eltern waren von Seidenblumen flankiert, die aus Fischgläsern mit glasmurmelgesäumtem Sockel ragten. Er räusperte sich und sagte ihnen, er sei bisexuell – nicht schwul; das erschien ihm sicherer, wie wenn man erst mal den Fuß in einen eiskalten See taucht –, woraufhin sein Vater schnaubte.

»Arthur!«, schrie Francine, aber es war zu spät.

Es war ein drückend heißer, trüber August gewesen, ein typischer August für St. Louis, der Gestank von Stirnschweiß und der säuerliche Geruch von Insektenspray so miteinander verflochten, dass nur ein Geruch nötig war, um den anderen heraufzubeschwören. Ethans dritter Sommer in St. Louis, und dennoch hatte er sich noch nicht daran gewöhnt. Der Umzug war das Werk seines Vaters gewesen. In Boston hatte Arthur alle möglichen Zeitungen herausgegeben und am MassBay Community College Vorlesungen gehalten. Als er bekannt gab, dass er das Leben in der Privatwirtschaft satthabe, legte ein alter Mentor, der zehn Jahre früher den gleichen Gedanken gehabt hatte, in Danforth ein gutes Wort für ihn ein. Dann ertränkte er sich im Mississippi River, und Arthur wurde gebeten, seine Stelle einzu­nehmen.

Obwohl es in dem Angebot von Worten wie »Gast« und »auf Zeit« nur so wimmelte, hatte Arthur geglaubt, er könne die Berufung in etwas Dauerhaftes verwandeln. Er hatte in den letzten paar Jahren für eine der Tiefbaufirmen gearbeitet, die mit dem Big Dig betraut waren, einem traumhaften Auftrag, der durch Schlendrian, Korruption und Konstruktionsfehler beeinträchtigt wurde. Er beklagte sich unablässig bei seiner Familie. Zerstörerisches Salzwasser drang durch Risse in den I-93-Tunnel. Die Metallbarrieren, die die Bauarbeiter vor den Autos schützen sollten, wiesen scharfe, rechtwinklige Kanten auf, die ihnen die Bezeichnung »Hackebeil-Geländer« einbrachten. Es war nur eine Frage der Zeit, wann jemand bei einem Verkehrsunfall enthauptet werden würde. Was eigentlich ein Traumjob hätte sein sollen, verwandelte sich in ein Schwarzer-Peter-Spiel, und Arthur versuchte, sich der Verantwortung für Fehler zu entziehen, die nicht seine waren, seinen Namen aus der zunehmenden Toxizität herauszuhalten, die mit seiner Aufgabe verbunden war, bis ihn Francine dabei ertappte, wie er im Schlaf die Verteidigungsstrategie aus den Nürnberger Prozessen vor sich hin murmelte: »Ich habe bloß ­Befehle befolgt!« Er wollte kündigen. Als die Einladung kam, ­Ingenieurwesen zu unterrichten, statt es zu ­praktizieren, ein ­schmeichelhaftes Angebot, das Arthur in seinem Glauben bestärkte, dass er klüger war als seine Kollegen, beschloss er, mit der ganzen Familie westwärts zu ziehen, wie die Pioniere es auf der Suche nach neuen Möglichkeiten getan hatten. Diese Sichtweise nahm er häufig ein. Sie verhielten sich wie echte, wahrhafte Amerikaner, Glückssucher, die den Weg in eine ferne, nicht so konkurrenzorientierte Umgebung bahnten. Francine, die Familien- und Paartherapeutin war, könnte sich zu Hause eine kleine Praxis einrichten und ehrenamtlich an der Universität arbeiten, an der er unterrichten würde. »Wenn du es satthast, diese Oberschichtpaare über ihr Leben schwadronieren zu hören«, hatte er lachend gesagt, »kannst du eine Pause einlegen und ihren Kindern lauschen.«

Obgleich alle, die Arthur kannten, wussten, dass sein Schnauben unterdrücktes Gekicher war, wurde Ethans Pubertät durch Interpretationsprobleme erschüttert. Während Francine zu Recht vermutete, Arthurs Schnauben lasse darauf schließen, dass er wusste, dass sein Sohn nicht hetero war, glaubte Ethan, es wäre eine pauschale Leugnung seines Geständnisses.

Arthur erwiderte: »Nein, das stimmt nicht.« Das trug nichts zur Aufklärung bei.

Ethan sprang auf und kippte seinen Stuhl um. Er flüchtete die Treppe hinauf in sein Zimmer. Dort ließ er sich auf seine Ma­tratze fallen und zog die Decke über den Kopf.

Das Licht der Deckenlampe schien schwach durch den Stoff. Ethans Atem sammelte sich warm und undurchdringlich im Dunkeln. Er fragte sich, wie lange er so liegen bleiben konnte, bevor er nach Luft schnappen musste.

Ein paar Stunden später klopfte es an der Tür, Ethan war eingeschlafen. Zögernd durchquerte er sein Zimmer. Arthur stand in der Tür. Zwischen rechtem Daumen und Zeigefinger hielt er einen kleinen Drahtschlüssel. »Das ist nötig«, sagte er, »jeden Abend, egal, was passiert.«

Ethan traten die Tränen der Vorahnung in die Augen. Er holte tief Luft und schluckte hörbar, was ihn erröten ließ. Dann ging er zum Bett zurück, setzte sich und starrte die gegenüberliegende Wand an.

Arthur setzte sich neben ihn. »Mund auf«, sagte er.

Ethan öffnete den Mund und neigte den Kopf zurück. Er versuchte, sich vorzustellen, was sein Vater sah: den Gaumenexpander. Es war ein Metallstab, der in Ethans Gaumen gezwängt war, fixiert durch Zweige, die sich wie Spinnenbeine ausstreckten, verankert an den Backenzähnen. Arthur steckte zwei behaarte Finger in Ethans Mund, schob den Schlüssel in das Schraubloch in der Mitte des Expanders und drehte. Ethan zuckte zusammen. Ein stechender Schmerz bohrte sich in seinen Schädel. Er grub die Fingernägel in seine Schenkel. Bitterer, metallischer Speichel sammelte sich in seinen Mundwinkeln, während Arthur langsam den Schlüssel drehte und Ethans Kiefer sich mit jeder Drehung weitete. Die Härchen an den Fingerknöcheln kitzelten ihn am Zahnfleischrand, und er hustete und besprühte die Lesebrille seines Vaters mit einem feinen Speichelfilm. Arthur wischte sie mit seinem Hemdärmel trocken.

»Mir gefällt das auch nicht«, murmelte er, als er fertig war, und zog den Schlüssel heraus. Ethan versuchte, den Mund zu schließen, doch sein Kiefer schien eingerastet zu sein. Ein hoher Ton sirrte durch sein Gehirn. Seine Zähne klingelten. Er versuchte zu sprechen, doch Arthur war schon an der Tür und schloss sie hinter sich.

Später an jenem Abend schlich sich Ethan nach unten. Seine Eltern saßen im Wohnzimmer auf dem Sofa und lasen.

»Ich bin schwul«, sagte er. »Nicht bi.«

Arthur sah über die Brille hinweg seine Frau an. Er runzelte die Stirn und richtete den Blick dann wieder auf sein Buch. Francine nickte Ethan wohlwollend zu. Während er unter gewaltigen Schmerzen dastand und die Nervenenden in seinem Zahnfleisch um Hilfe schrien, hatte er unwillkürlich das Gefühl, als wäre die Information ihm durch Folter abgepresst worden.

Trotz allem musste er zugeben, dass es einen leichten Nervenkitzel auslöste, einen Brief von seinem Vater zu erhalten. Eine Einladung. Man wartete eine Ewigkeit darauf, dass einen der Vater einlud. Doch wenn es so weit war, fragte man sich: Ist es zu spät?

Ethan warf seinen Ratgeber auf einen Stuhl und steckte den Umschlag in seine Gesäßtasche. Er ließ den Blick durch seine Wohnung schweifen, die in exakt dem nüchternen Stil eingerichtet war, der ihm gefiel. Rechte Winkel und saubere Flächen. Nackter Backstein. Keine Fotos. Gegen Rührseligkeit. Er fragte sich, was er anfangen sollte – mit dem Brief, mit dem Rest des Tages. Sein Blick fiel auf die frei stehenden Regale aus recyceltem Kiefernholz. Sie standen stumm, parallel und schmucklos wie ein Gleichheitszeichen an seiner Wand.

In den zweiundzwanzig Monaten seit dem Tod seiner Mutter – seit er seinen Job gekündigt und die Wohnung in der Carroll Street gekauft hatte – hatte sich Ethans innerer Rückzug beschleunigt. Er hatte im wahrsten Sinne des Wortes aufgehört, eine Person des öffentlichen Lebens zu sein. Ihm gefiel nicht, wie er in der Öffentlichkeit auftrat. Seine krächzende Stimme, die zaghaften Gesten, die er in den Schaufensterscheiben widergespiegelt sah. Er fühlte sich in der Gesellschaft von Menschen unwohl und betrachtete alle, denen es anders ging, mit Neid und Argwohn. Jedes Mal wenn Ethan in der U-Bahn merkte, dass ihn jemand anblickte, war sein erster Gedanke, dass er etwas falsch machte. Falsch dastand. Falsch atmete. Dann röteten sich seine Wangen vor Zorn. Warum sollte er an sich zweifeln? Warum sollte er sich klein machen, wenn unbedeutendere Gemüter mit gespreizten Beinen im Leben saßen?

Sich in die Welt hinauszubegeben, fühlte sich wie ein beschämendes Zugeständnis an. Ein offenes Eingeständnis seiner Abhängigkeit. Ob es um Nahrungsmittel, Sex oder Zahnpasta ging, wenn er mit dem Refrain »Ich brauche, ich brauche, ich brauche!« konfrontiert wurde, machte ihn das körperlich krank. Seine Fantasie von Eigenständigkeit war ein Bunker voll endloser Regale, einem lebenslangen Vorrat von allem. Seine Mutter, sein Geld – er war so gut wie möglich zurechtgekommen, hatte sich vor Not geschützt, sich in Behaglichkeit gewappnet.

Es war nicht hilfreich, dass so viele öffentliche Orte objektiv unerquicklich waren. Waschsalons hasste er besonders. Die penetrante Beleuchtung, die Lachen rostbraunen Wassers. Als seine Waschmaschine kaputtging und er erfuhr, dass das Suds & Duds mit dem blauen Vordach in der Union Street einen akzeptablen Lieferservice anbot – die Aussicht, einen Mechaniker in sein Zuhause zu lassen oder die Maschine gar selbst zu reparieren, erschien ihm undenkbar –, gab Ethan klein bei. Seither hatte er seine Kleidung nicht mehr selbst gewaschen.

Der Lebensmittelladen, das Feinkostgeschäft – alle lieferten gegen Gebühr. Indem er diese Absprachen traf, fand er immer weniger Gründe, nach draußen zu gehen. Er streamte Filme und Sendungen aus dem Fernsehen. Sein Telefon war randvoll mit Podcasts und Music on Demand. Er bestellte Bücher im Internet, die nach einem halben Tag eintrafen. Die Wohnung, die für Brooklyn geräumig war, wurde noch viel größer, wenn man all die Medien bedachte, die darin zur Verfügung standen.

Sein Lebensstil hatte seinen Preis. Streng genommen hatte Ethan Schulden. Er hatte hundertfünfzigtausend Dollar für die neoklassizistische Zweizimmerwohnung angezahlt, die sich eine Wand mit einer Episkopalkirche teilte, hatte Bad und Küche ausgeräumt und alles mit ungewöhnlicher Freude renoviert, wonach ihm genug Geld für ein Jahr freiwilliger Arbeitslosigkeit und zwanghaften Online-Shoppings blieb. Er gab sein Geld begeistert für Haushaltswaren und andere Luxusgüter aus: Bernardaud-Porzellan, ein Le-Creuset-Bräter, den er nie benutzte, Waterford-Lismore-Kerzenständer, ein weißer Brotkasten aus Marmor, ein elektrischer Korkenzieher. Ein Williams-Sonoma-Abonnement für sechs Monate amerikanischen Käse. Irgendwo hatte Ethan gelesen, sein Geld beisammenzuhalten sei, wie einen Eiswürfel festzuhalten, was ihn dazu inspirierte, eine Aluminiumform von Hammacher Schlemmer zu kaufen, die perfekt geformte Eiskugeln erzeugte. Wie bei einem Komapatienten ohne Wiederbelebungsverzicht erforderte sein geruhsamer Lebensstil eine stetige Geldinfusion.

Er war ein achtsamer Schuldner. Er verfolgte seine Verluste und bewahrte Quittungen und Kreditkartenabrechnungen sorgfältig auf, und seine Brieftasche war voller Plastik. Er wusste genau, was er tat, wenn er den Couchtisch mit Steinplatte und handgeschmiedetem eisernem Fuß bestellte. Er wusste, was es kostete, auf dem Rücksitz von Autos, die von Somaliern ohne Papiere gefahren wurden, Besorgungen zu machen, und kannte das Preisschild an dem Tom-Ford-Anzug, den er bestellt hatte, obwohl sich keine Gelegenheit bot, ihn zu tragen.

Aber trotz seiner ganzen Achtsamkeit, trotz seiner ganzen Voraussicht kamen ihm die Schulden völlig unwirklich vor. Spalten voller Zahlen. Schulden waren immateriell, ein bildlicher Abgrund – und spielte die Tiefe des Abgrunds eine Rolle, wenn der Abgrund nur bildlich war? Metaphern waren schwächer als die tatsächliche Freude, die er aus seinen Käufen bezog: Bettlaken aus ägyptischer Baumwolle, eine La-Pavoni-Espressomaschine. ­Geldinstitute sprachen in der Sprache der Gemeinschaft – ­Mitgliedschaft, Beziehung, Zugehörigkeit –, und für Ethan waren diese Worte bedeutungsvoll. Es war gut, erwünscht zu sein, das Gefühl zu haben, er gehöre dazu.

Wenn Ethan die Schulden in nüchternem Zustand trügerisch fand, so galt das erst recht, wenn er betrunken war. Er trank gern Cocktails, doch der Vorteil von Bier lag dank der landesweiten Zunahme von Kleinbrauereien darin, dass es als Freizeitbeschäftigung durchging. Er trank die ganze Spannbreite, von den hellgelben Weizenbieren bis zu den pechschwarzen Stouts, Pils, Pale Ale und Lagerbier, Malzbier, Dunkelbier und Porter. Beim Trinken war er demokratisch, eher Konsument als Genießer, an Besonderheiten nicht interessiert. Er hatte mit anderen Lastern experimentiert: Zigaretten in der Highschool, zweimal Kokain am College. Doch St. Louis war eine Bierstadt. Trinken erinnerte ihn an zu Hause.

Es war nicht bedenklich. Eigentlich nicht. Wegen seiner abgeschiedenen Lebensweise betrank er sich nie in der Öffentlichkeit, wodurch er niemand anderem als sich selbst schaden konnte. Wenn er wollte, konnte er aufhören. Aber er wollte nicht. Er lebte gemäß den scherzhaften Sprüchen auf T-Shirts: Er hatte kein Alkoholproblem – er trank, er wurde bewusstlos, kein Problem.

Mit einunddreißig Jahren, seine Zwanziger waren offiziell vorbei, wurde ihm klar, dass er allein war. Das war eine schreckliche Feststellung, und er schien sie jeden Morgen aufs Neue zu machen. Alle Freunde aus der Unternehmensberatung, in der er gearbeitet hatte, waren aus der Stadt in die Vororte mit besseren öffentlichen Schulen geflüchtet oder nur daran interessiert, über die Arbeit zu reden, an den kleinlichen Streitereien und Illoyalitäten, in die Ethan nicht mehr verwickelt war. Er konnte sich noch an eine Zeit erinnern, als er damit zu tun gehabt hatte – mit Bonuszahlungen, den Hochzeiten von Kollegen, dem Bild, wie sein Vorgesetzter, die Hände in die Hüften gestemmt, pinkelte, als wollte er das Urinal einschüchtern. Aber diese Zeit war vorbei, ein für alle Mal beendet. Ein paar Monate aus dem Rennen, und man begriff, wie substanzlos das Ganze war. Nur das beschwingte Geschrei der Hedgefonds-Manager, die samstagmorgens im Carroll Park Basketball spielten, ließ ihn überlegen, ob er sein Leben vergeudete.

Seine Zwanziger. Ein Jahrzehnt sexueller Praktika mit attraktiven, interessanten Männern, angesichts derer er sich hätte glücklich schätzen sollen – Männern, die in ihm ein schönes Gefäß sahen, das sie ihren Wünschen gemäß füllen konnten.