Die Amerikafahrt - Dorus Kromer - E-Book

Die Amerikafahrt E-Book

Dorus Kromer

0,0

Beschreibung

»Die Amerikafahrt« ist eine Erzählung vom Überleben und Leben in schwerer Zeit und unter schwierigsten Bedingungen - man denke nur an die gefährlichen Schiffspassagen, an die Epidemien mit tausenden Toten oder an die zahlreichen Raubüberfälle, von denen Dorus Kromer berichtet. Sie ist ein spannend erzählter Abenteuerroman und vermittelt Einblicke in das Leben von Farmern, Jobsuchenden, Gelegenheitsarbeitern, Dienstboten, Sklavenhaltern und Sklaven in der neuen Welt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 199

Veröffentlichungsjahr: 2017

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Heinrich Ernst Kromer: Das literarische Werk

Herausgegeben von Jürgen Glocker und Klaus Isele

Inhalt

E

RSTES

K

APITEL

Wie ein Dutzend Schwarzwälder über einen groben Wirt und über Paris nach Havre kommen / Eine Unglückseule / Sechs Burschen feiern Abschied von Europa

Z

WEITES

K

APITEL

Die gestörte Fahrt / Die Unglückseule wirkt / Ein nasses Grab / Sturm draußen, Krakeel drinnen / Gefährliche Flaute / Verzögerte Landung

D

RITTES

K

APITEL

Erste Trennung in Amerika und Wiedersehen / Backstein-Träume / Kalifornien als Ziel / Todes-Ernte und Heu-Ernte

V

IERTES

K

APITEL

Ein Brief aus Deutschland und ein Abschied / Auf der Ochsenfuhre / Cholera und Wettreiten / Der Verfasser maust Branntwein / Sterben und Heiraten / Texasmüde

F

ÜNFTES

K

APITEL

Rückblicke auf Texas / Erbschaft und Enttäuschung / Sklaverei / Herdenglocken und Kirchengeläute / Schicksale der Auswanderer / Allerhand Fuchseisen für den Verfasser / Reise nach Panama / Spaßige Schreckensnacht / Verbrecherspuren

S

ECHSTES

K

APITEL

Verzögerte Weiter- und mißliche Überfahrt / Früchtlein-Geleit / Durchs Goldene Tor ins Goldland

S

IEBTES

K

APITEL

Schiffsunglück Nr. 2 / Früchtleins Übergabe / Erstes Glücksspiel / Ein Helfer in der Not / Goldgräbers wechselndes Glück / Ein gewinnbringendes Chinesengrab

A

CHTES

K

APITEL

Ein Bruder ist willkommen, Diebsvolk weniger / Ernstere Gefahren / Ein Hund als Warner / Mexikaner und andere Banden / Lohn für Mörder / Goldgräber-Bräuche / Indianisches

N

EUNTES

K

APITEL

Ekles Geziefer und die lieben Nächsten / Weibermarkt / Eine Hoffnung wird getäuscht, und eine lange Reise endet in der Heimat

Z

EHNTES

K

APITEL

Geschenke, Geschäfte und eine Hochzeit / Eine Unglücksbotschaft / Zweite Amerikafahrt und Rückkehr

N

ACHBEMERKUNG

Von Heinrich Ernst Kromer

N

ACHWORT

Von Jürgen Glocker

ERSTES KAPITEL

Wie ein Dutzend Schwarzwälder über einen groben Wirt und über Paris nach Havre kommen / Eine Unglückseule / Sechs Burschen feiern Abschied von Europa

Als Grund meiner Auswanderung wüßte ich eigentlich nichts Triftiges anzuführen, eher das Gegenteil; hatte ich doch neben meinen zwei älteren Brüdern auf unserm großen Hof eben erst mir ein eigenes Haus zu bauen unternommen, die Steine dazu selber gebrochen und auch sonst das Nötigste auf den Platz geschafft und mich obendrein mit dem Gedanken getragen, trotz meiner jungen Jahre mich bald mit einem Mädchen aus dem Dorf zu verheiraten und auf eigenem Grund zu werkeln und zu wirtschaften. Nun rumorten zwar das vor wenigen Jahren erst entdeckte Goldland Kalifornien und die märchenhaften Geschichten darüber in vielen Köpfen, und eine unternehmende Jugend gärte; aber wenn die Alten dawider wehrten und warnten, solange einer in der Heimat Besitz oder Auskommen hatte, so ließ man es bei Ärmeren gelten, wenn sie sich in der Ferne ein besseres Leben zimmern wollten, oder hieß es sogar gut. Ich aber war ein unruhiger Kopf voll Unternehmung, und so bedurfte es nur eines kleinen Zwists mit meinem älteren Bruder, daß mein Entschluß fertig stand: Nach Amerika! Mit Marei, meiner Verlobten, die mir vertraute, war ich schnell einig; wir wiederholten und beteuerten uns das Versprechen, wonach sie mich in einigen drei oder vier Jahren zurückerwarten durfte, wie auch ich sie noch als die Meine zu finden hoffte, und so hatte ich nur noch im Dorfe Abschied zu nehmen, zuletzt den schmerzlichen und wehmütigen von meiner kranken Mutter, deren Liebling ich war. Daß dies der Abschied fürs ganze Leben sein sollte, mochte die Gute fühlen; ich tröstete sie in ihren Tränen und wurde doch der eigenen kaum Herr, dann trat ich in den Morgen hinaus – es war am 6. November 1851 – und fuhr auf einem zweispännigen Leiterwagen von unserem Weilerhof ab ins nahe Riedern, wo ich noch meine Schulkameraden Josef Kernbold und Karoline Seifert aufnahm, die ebenfalls nach Amerika wollten, aber aus anderen Gründen als ich, und aus triftigeren. Dorfaus dann winkten wir der Heimat und ihrem Kirchlein ein letztes Lebewohl zu, die Rosse zogen an, und der Wagen holperte auf der leicht mit Schnee behauchten Straße nach Ühlingen hinab, von dort gemächlicher bergan, Birkendorf zu, wo ein weiterer Zweispänner uns erwartete mit sieben Auswanderern; das waren des Säcklermeisters Hilpert drei Töchter, Marianne, Karoline und Josefa und sein Sohn Isidor, dazu aus Endermettingen Marie Nürtig, Johann Endreß und Bertold Güntert; alle diese und eine weitere Zufuhr wollte Säcklermeister Hilpert als Unteragent bis Straßburg bringen und dort mit Pässen versehen.

Der Abschied war bereits geschehen; sie erwarteten uns jenseits des Dorfs, und nun fuhr die Auswandererladung auf ihren zwei Wagen Grafenhausen zu und von dort über Holzschlag nach Lenzkirch. Dort nahmen wir noch ein Pärchen aus Bonndorf auf. Die beiden waren seit längerem verlobt, hatten aber Heiratshindernisse und wollten nun mit der Auswanderung diesen eine Nase drehen, will sagen: den badischen Behörden, die ihnen im Weg standen; drüben sei dergleichen nicht bekannt, sagten sie. Es war dies ein Franz Josef Reber, schlechtweg Franzsepp genannt, und Nanne Hilpert aus Bonndorf, eine Bruderstochter unseres Birkendorfer Agenten und Geschwisterkind der vier andern Hilpert. So war denn das heilige Dutzend voll: sechs junge Burschen und sechs z. T. ältere Mädchen, alle voll des Gedankens, in der neuen Welt irgendwie ihr Glück zu machen. Von Lenzkirch ging unsere Fahrt durchs Höllental hinab zum Sternen, der bekannten Posthalterei, wo unsere Leiterwagen umkehrten und die Post uns aufnahm, über Hirschsprung auf Ebnet hinab, eine Stunde vor Freiburg.

In Ebnet kehrten wir noch ein, spaßeshalb, und zwar bei dem weithin berühmten groben Schenkele-Wirt. Man pries landauf und -ab seine drolligen Einfälle und Grobheiten, die männiglich bekannt waren, da sie auch die Kalender füllten, und wir hatten verabredet, ihn zu ähnlichen Auslassungen zu triezen. Wir ließen uns in seiner Stube in drei Gruppen nieder und bestellten von seinem besten Wein. Der Mann bediente uns selber; er fragte nach Woher und Wohin, zeigte aber nicht die leiseste Verwunderung, als wir ihm von Amerika sprachen, große Worte machten und das Maul voll nahmen. Auf meine Frage dann, warum er der grobe Schenkele-Wirt heiße, da er mir doch ein ganz manierlicher Mensch scheine, gab er bekannt, den Spitznamen Freiburger Studenten zu verdanken, glaublicherweise, weil er ihnen oft das Kerbholz kündigen und sie hinauswerfen müsse. Grobheiten mache er nur auf Grobheiten. Drauf ich: ein wenig auch mit dieser Absicht seien wir bei ihm eingekehrt. Er blieb aber ganz ruhig und malte mir nur mit Kreide, da ich nach der Zeche fragte, 58 Kreuzer auf den Tisch, den andern Gruppen 52 und 48; als ich aber rund die Zeche auf mich nahm: »Ein Staatskamel«, sagte er, »wer nach Amerika will und hat soviel Geld!« »Ja, das will ich Euch weisen«, sagte ich und zählte ihm 58 Kupferkreuzer in lauter Einern hin, schickte mich auch an, mit gleicher Münze fortzuzahlen. Da meinte er: »Zwei Gulden 38 Kreuzer kriege ich; eh ich dir da deinen Grünspan abnehme, schenk ich dir lieber die ganze Zeche; dann aber sorg, daß du und dein ganzes Lumpenpack mir aus dem Haus kommt!« Nun hatten wir unsern Senf; der Wirt aber zahlte mir jetzt auf einen Napoleon die überschießende Münze heraus und bewirtete uns noch mit zwei Maß Freiwein vom besten. Zum Abschied wünschte er uns viel Glück und daß wir in Amerika recht bald als Galgenfutter dienten. Wir verließen lachend und etwas angeheitert den guten Grobian und fuhren auf das kaum eine Stunde entfernte Freiburg hinab.

Wir langten um vier Uhr dort an und schlüpften im Gasthaus zum Wilden Mann unter. Essen und Trinken war sehr gut; auch bekamen wir Betten, wie wir sie so fein im Leben nie gesehen hatten, und es war unser einziger Wunsch, das Gasthaus mitnehmen zu können oder doch auf der ganzen Reise gleichermaßen untergebracht zu werden.

Am Morgen des 7. ging’s um neun Uhr mit der Bahn weiter nach Kehl und Straßburg, wo wir um drei Uhr ankamen und in einem deutschen Gasthof abstiegen. Nach gehöriger Erfrischung gingen wir zwölf mit dem Vater Hilpert zum Hauptagenten der Auswanderungsgesellschaft, der uns Reisepässe nach Neu-Orleans ausfertigte, des Wegs über Nanzig, Bar-le-Duc und Paris nach Havre, teils mit Postwagen oder Bahn, von Havre nach Texas mit dem Segelschiff. Auf diesem waren die Lebensmittel im Reisepreis inbegriffen, kochen aber auf dem Schiff müßten wir, hieß es, selber. Die Fahrt kostete jeden 130 Gulden.

Wir waren, wie schon berichtet, unser zwölf: sechs Burschen und sechs Mädchen; der jüngste ich. Schon am Abend des 9. Novembers wurden wir in eine dreiteilige Postkutsche verladen, hinten und vorne je sechs, in der Mitte acht andere Personen; es war ein unbequemer alter Kasten; wir saßen gepfercht, wie in der Kiste die Schlachthühner, und so wurde unser volles Möbel auf einen Eisenbahnwagen verladen. Da die Bahn von Straßburg nach Paris nur teilweise ausgebaut war, nahm man, sobald das Gleis ausging, unseren Kasten von der Bahn herab und ohne daß wir aussteigen und einmal die Füße vertreten konnten, setzte man die Kutsche auf einen gewöhnlichen Postwagen, will sagen: sein Gestell hinüber. Es war eine Galgenfahrt den ganzen Weg; fünfmal hatten wir das Vergnügen auf der Eisenbahn, 21 mal mit der Post zu fahren; immer wieder Pferdewechsel, nie Wagenwechsel. Vier schwere Schimmel zogen jeweils auf den schlechten Straßen unser Gefängnis mit den 20 Insassen, bis wir endlich nach drei Tagen an Martini früh in Paris ankamen und erlöst wurden. Nur in Nanzig, Bar-le-Duc und Sezanne gönnte man uns, die steifen Glieder auszurenken, dazu einige leibliche Erfrischung bei zwei Stunden Aufenthalt. Dann ging’s wieder in den engen Stall, wo wir trotz merklicher Kälte schwitzten wie die Neger. In Paris angekommen, glaubten wir, das Gehen verlernt zu haben, und waren glücklich über den vorläufigen Schluß der Fahrt; denn die Glieder schrien »Rührt euch«.

Wir wohnten in Paris nächst dem Ostbahnhof im Gasthaus zur Stadt Straßburg. Ich suchte sogleich meinen Schulfreund Leo Albrecht auf, der uns sehr erfreut begrüßte und uns alles Sehenswerte in Paris zeigte. Und was war da nicht sehenswert! Und was machten wir für große Augen und sperrten die Mäuler auf über die schönen Kirchen, wenn ich der Riederner gedachte, und die großen Kaufläden, die Theater, die Denkmäler und die Siegesalleen, was eben nur in einer so großen Stadt wie Paris zu sehen war. Leider währte die Freude nur arme zwei Tage; schon den 12. abends neun Uhr fuhren wir mit der Bahn auf Havre, wo wir am andern Morgen um sieben Uhr anlangten und von der Schiffsgesellschaft, die uns erwartete, im Gasthof La Paix untergebracht wurden. Wir konnten mit der Verpflegung ordentlich zufrieden sein, hatten auch bis zur Abfahrt des Schiffs Zeit genug, die Stadt kreuz und quer zu durchwandern, was wir denn auch weidlich nutzten und uns alles Merkwürdige besahen; denn es war das Letzte, was wir auf europäischem Boden Anziehendes genießen und bestaunen konnten, und als Dörfler waren wir wirklich nicht verwöhnt; ein Paris war es freilich nicht.

Auch sollte uns etwas noch nachdenklich stimmen und hätte beinahe lächerliche Folgen gehabt und unsere unternehmungslustige Gesellschaft auseinandergerissen. Drei Tage nach unserer Ankunft in der Stadt lief dort aus Neuyork ein französischer Segler mit etwa zwei Dutzend Amerikamüden ein, darunter ein schon älteres Ehepaar, Schneidersleute aus dem Württembergischen, die uns auf den ersten Blick als deutsche Auswanderer nahmen. Und nun brach es wie ein Wasserfall über uns los in der breiten Schwabensprache der Schneiderin, die im voraus unser trauriges Los beklagte und ihre Mahnungen und Warnungen an den Mann brachte: »O du liabs Herrgöttle, o ihr guete Leit«, jammerte sie auf uns ein und brachte alle Greuel und Scheuel Amerikas vor. »Ihr liabe Leit’, ihr wollet auf Amerika? Lend euch guet rota; ei, ei, ei, gehnd doch glei wieder hoim, höret ihr? Gehnd doch z’ruck, woner herkomma send; dees ischt eich a Land, dees Amerika! Noi, mer mechts net glauba: Zua da Roß saget se Hase, zua da Strümpfa Schtockings; zuam Onderrock sait mer B’hüatigott; zuar Muettergottes kascht net betta; sie verstauht koi Deitsch; alles spricht englisch drüba; denket au: Dia kloine Kender sprecha scho englisch, mer kas net verstauh; jo, jo, ihr liabe Leit, gehnd nu wieder hoim!«

So und ähnlich fuhr sie eine Litanei lang fort, was mir zwar Spaß machte, andern unserer Kumpanei aber Herzweh und Kopfzerbrechen; die verzagten mit einmal, wie sie das alles hörten, und wären am liebsten wieder gewesen, wo sie herkamen. Fürs erste konnte ich sie zum Glück beruhigen und umstimmen; sie wollten nicht, wie ich sie höhnte, Galoppamerikaner heißen; hatten obendrein kein Geld zur Umkehr. Zudem hieß es: sich entscheiden; selbigen Tags noch, den 17., wurde uns mitgeteilt, das Schiff werde anderen Morgens acht Uhr zur Abfahrt bereit sein und die von der Schiffsgesellschaft gelieferten Lebensmittel seien von den Reisenden an Bord zu bringen, ebenso alles mitgeführte Gepäck. So hatte ich meine Herde wieder beisammen; wir brachten die Lebensmittel in vier Abteilungen, dann auch alles andere Nötige aufs Schiff, richteten die Betten her und besorgten alles so gut, wie es die Umstände erlaubten, d. h. mißlich genug; doch fanden wir uns damit ab.

Um den letzten Tag auf europäischem Boden noch in vergnügter Stimmung zu verleben, wozu wir die Weiber nicht brauchen konnten, begaben wir unser viere, nämlich Endreß, Güntert, Kernbold und ich, uns in eine Weinkneipe nahe beim Schiff, bestellten eine Flasche Rotwein, die wir gemütlich tranken, und ließen ihr, da der Wein uns fein einging, eine zweite und dritte folgen. Ein bißchen mochte uns uneingestanden auch der Auswanderungskater aufhocken, der uns bewog, so lang wie angängig sitzen zu bleiben und uns eine sanfte Dämmerung vorzunebeln. Wir blieben mit jeder Flasche zäher sitzen, bestimmten die Wirtin, eine runde, gemütliche Elsässerin, die leeren Flaschen auf dem Tisch stehen zu lassen zur leichteren Abrechnung, und darüber stieg allmählich Gesang und Frohsinn auf; ein feines Mittagessen, das uns die Wirtin bereitete, ließ den Wein uns wieder besser munden, was sich an den leeren Flaschen erwies, die den Tisch zu füllen begannen. Ab und zu kamen auch die beiden andern Kumpane, die das Nötige im Schiff zu besorgen hatten, und wir ließen uns nicht lumpen und flößten ihnen freigebig ein; auch die runde Wirtin stand uns in der Unterbringung ihres Weins löblich bei, und so ging unsere Festerei unter Gesang und großen Plänen und Prahlereien weiter, bis Bericht kam, daß das Schiff abends acht Uhr geschlossen werde; sehe jeder, wie er mitkomme!

Diese Meldung machte uns so weit nüchtern, daß wir endlich nach der Zeche fragten, dann aber die ungerade Zahl der Flaschen durch eine weitere zur geraden, d. h. zur Glückszahl machten: es waren ihrer 60, jede zu einem Franken. Man mag denken: Ist’s möglich, daß vier junge Menschen, wenn auch in zehn Stunden und bei einiger Mithilfe, 60 Flaschen Wein unterbringen, oder hat ihnen die Wirtin einige dreingeschwärzt? Nein, das nicht; es war immer, wenn die andern etwa abtraten, einer zur Aufsicht am Platz geblieben, und die Zeche der Elsässerin war richtig, und wir zahlten.

Aber wir hatten uns nicht ungestraft übernommen. Keiner konnte mehr stehen, geschweige gehen, und wir mußten ins Schiff getragen oder geschleift werden, wozu aber die Wirtin vorsorglich auch dienstbare Geister bestellt hatte, denen sie hernach auf meine Rechnung einige Flaschen vorsetzte.

Im Schiff suchten wir uns nach Möglichkeit häuslich niederzulassen. Eigensinnig wollte ich mich um jeden Preis nackt ins Bett legen und entkleidete mich unter Beihilfe Kernbolds, der am wenigsten getrunken hatte, vollständig, wobei ich sogar den Geldgurt, den ich auf bloßem Leib trug, samt den dreingenähten 1500 Goldfranken, löste und zu den Kleidern auf den Boden warf. Dann wurde ich ins Bett befördert, das für mich und weitere drei Kameraden im zweiten Stock hergerichtet war. Hatten wir ums Einschlafen uns keine Sorgen zu machen, da wir schon schliefen, ehe wir im Bett lagen, so waren die meisten männlichen Mitreisenden ziemlich in derselben Verfassung, und die weniger voll waren als wir, vollführten, wie ich später hörte, die ganze Nacht über solchen Lärm, daß die wenigen Nüchternen kein Auge zutaten. Mir aber erschien andern Morgens nur zu früh die Abfahrtsstunde. Wie gerne hätten wir unsere Räusche erst völlig ausgeschlafen, um das Auslaufen des Schiffs in Ruhe mit Genuß ansehen zu können!

ZWEITES KAPITEL

Die gestörte Fahrt / Die Unglückseule wirkt / Ein nasses Grab / Sturm draußen, Krakeel drinnen / Gefährliche Flaute / Verzögerte Landung.

Zur bestimmten Stunde, morgens achte am 18. November, fuhr unser stolzer Dreimaster Rouenaise, geschleppt von dem kleinen Dampfer Rouen, aus dem Hafen ins offene Meer. Da sich ein leichter Wind auftat, gab der Kapitän Befehl, die vielen Segel aufzuspannen, und das Schiff behalf sich nunmehr ohne den Dampfer, der mit dem Lotsen wieder nach Havre zurückfuhr. Ich winkte ihm noch ein Lebewohl zu, ohne zu ahnen, wie bald ich ihn wiedersehen sollte.

Trotz meines Halbrausches, der mir anhing, hatte ich mich zum Auslaufen des Schiffes bereit gemacht und es mitangesehen, aber wie wurde mir plötzlich zumut, als mein Geldgurt verschwunden war! Ich suchte überall darnach: im Koffer, im Bett und wo sonst möglich; aber er schien weg. Was sollte ich anfangen? Ohne Geld nach Amerika – nein, das ging nicht an; war der Gurt aber gestohlen, so konnte ich nicht hoffen, ihn wieder zu kriegen. In dieser Verzweiflung immer noch suchend, war mir Kernbold ein Engel, als er mir meldete, er habe den Gurt abends zuvor am Boden gefunden und in seinem Koffer verwahrt. Der Rausch schien mir über den Schreck wegen des Verlustes verflogen, und so gedachte ich, auf Deck die Fahrt des Schiffs und das Treiben der Reisenden zu betrachten; aber dieses fuhr mit mir samt der umliegenden Landschaft Karussell; ich mußte mich an allem Greifbaren, das ich erreichen konnte, festhalten, um nicht hinzufallen, und so ging ich wieder ins Zwischendeck hinab und legte mich todelend zu Bett; und es war mir kein Trost, daß es meinen Kameraden und vielen andern auf dem Schiff auch nicht besser ging. Selbst die Mannschaft, vom Schiffsjungen bis zum Kapitän, wies, wie man mir später sagte, viele Betrunkene auf, so daß sie kaum das Fahrzeug leiten konnten, und bald genug sollten wir die schlimmen Folgen dieses Zustands spüren. Die meisten Reisenden lagen die ganze Zeit im Schlaf; die diensttuende Mannschaft bewegte sich so gut es eben ging, ohne recht zu wissen, wo anpacken, und so verging der Tag.

Als ich zu Beginn der Nacht wieder auf Deck kam, hatte das Schiff meines Bedünkens gute Fahrt und eine bedeutende Schnelligkeit; auch schien sonst alles wieder in Ordnung; man hörte wenigstens kein Kommando, und so waren Mannschaft wie Reisende in der stillen Nacht recht schöner Hoffnung. Leider blieb es nicht dabei. Gegen Mitternacht fuhr nämlich, von der englischen Küste kommend, ein Dampfer auf uns zu und auf der linken Vorderseite an unser Schiff und riß den oberen Teil der Takelung und von der Einwandung etwa 35 Fuß weg, wodurch der vordere Mast teilweise losgelöst wurde und ins Schwanken kam. Der Anprall verursachte einen gewaltigen Stoß; das ganze Schiff wurde lebendig; die Mannschaft rannte hin und her, Kommando kam über Kommando; die männlichen Reisenden mußten sämtlich auf Deck an die Arbeit, um den Mastbaum nach Möglichkeit befestigen zu helfen. Weiber und Kinder, freilich auch Männer genug, schrien und heulten durcheinander, als liefe ihnen schon das Wasser in den Mund. Nach großer Anstrengung glückte es endlich, den Mast zu befestigen und das Leck an der Wasserlinie abzudichten, und der Lärm dämpfte sich ziemlich, besonders als nun die Rückkehr nach Havre angetreten wurde. Gleich nach dem Vorfall war die Notflagge aufgezogen worden, was aber erst fruchtete, als am kommenden Nachmittag um ein Uhr das Dampferchen Rouen, das uns aufs Meer hinausbefördert, in Sicht kam und sofort zu Hilfe eilte und uns wieder in den Hafen brachte. Es forderte aber, da die Brandung sehr hoch ging, zwei geschlagene Stunden, bis unser Schiff an dem Dampfer befestigt werden konnte, und dies glückte erst, als einer unserer Matrosen mit einem Seil nach dem Dampfschiff schwamm und sich in halbstündiger Bemühung Hände und Füße halb erfror, bis er in den Grundwellen, die die beiden Fahrzeuge immer wieder trennten, ans andere Schiff gelangte. Wir wurden festgemacht und fuhren abends halb fünf Uhr wieder in Havre ein: gar eine schöne Aussicht für uns, bald glücklich nach Amerika zu kommen!

Der Vorfall hatte seine Folgen. Wir durften zwar an Land gehen, bis das Schiff zur Weiterfahrt ausgebessert war, aber all unsere Habseligkeiten mußten an Bord bleiben. Gleichwohl: Als kaum die Schiffsbrücke ausgelegt war, erklärten 35 Reisende, nicht zurückzukehren; sie ließen Fahrgeld und alles übrige im Stich und schworen sich, nie wieder eine Reise nach Amerika zu unternehmen; die bei dem Unfall am ärgsten geschrien hatten, waren darunter; sie reisten sämtlich ab.

Auf dies hin suchten auch meine Reisekameraden, besonders die Hilpertmädchen, mich zur Heimkehr zu bewegen. Ich weigerte mich. Unter keinen Umständen wollte ich, war mein Bescheid, lebenslang im Dorf der Amerikaner heißen, ohne in Amerika gewesen zu sein, und damit bewog ich sie, wenn auch mit Mühe und vielen Worten, vorläufig zur Weiterreise. Ich legte ihnen dabei vornehmlich ans Herz, von dem Vorfall nichts in die Heimat zu melden, damit ihren Leuten wenigstens die Sorge solang erspart bleibe, bis sie sichere und beruhigende Nachrichten aus Amerika erhielten. Sie versprachen mir dies zwar; gleichwohl schrieben die Birkendorfer Hilpert heim um Geld zur Rückreise. Am Tage vor der zweiten Ausreise erhielten sie den Bescheid, von mir gegen Schuldschein Geld zu borgen, da ich ja eine ordentliche Summe in Gold besäße; man werde mir den Betrag bald zurückzahlen, ja, wenn ich’s verlangte, doppelt, und als ich mich weiter weigerte, wiesen sie mir in ihrem Brief nach, daß ein Schreiben aus Neu-Braunfels den Tod des Schneiders Hilpert und ein ihnen zufallendes Erbe melde, womit mein Vorschuß leicht rückbezahlt werden könne. Auch das fruchtete nichts; ich wurde des Gejammers überdrüssig und hieß sie grob umkehren und sich zu Fuß durchbetteln bis in die Heimat; eines der Hilpertmädchen versuchte sogar, dem Unteragenten in Havre ihre Reisekarte zurückzugeben, um mit einigen darauf zu leihenden Gulden heimfahren zu können; als aber alles gleichermaßen versagte, fügten sie sich endlich, will sagen: Sie fanden sich gezwungen, den angetretenen Schicksalsweg weiterzugehen. Die Reisenden wurden in der Nähe der Schiffswerft untergebracht und erhielten von der Gesellschaft Lebensmittel, mußten sich aber das Essen selber bereiten. So hatten wir an Land schon Gelegenheit, uns in der Kochkunst zu üben, und wenn wir darin auch keine Künstler wurden, so kam uns die Sache hernach doch auf dem Schiff zustatten.

Wir zwölf Schwarzwälder blieben beisammen, und zwar in einer alten Küche. Dort hatten wir während der Tage des unfreiwilligen Wartens im ganzen vergnügte Stunden, wie junge Leute eben sind, mußten zuweilen aber auch das Heulen und Flennen der Weiber in Kauf nehmen, die zu dem aufsteigenden Heimweh noch dem Grauen vor der ungewissen Zukunft und der gefährlichen Fahrt Laut gaben.

Das Schiff wurde in drängender Hast ausgebessert, auch nachts bei Beleuchtung daran gearbeitet, und uns endlich die Abfahrt auf Freitag, den 28. November, mitgeteilt. Bei aufkommender Flut sollte es durch den Werftkanal hinausbefördert werden, und es belustigte uns der Anblick der 200 alten Matrosen, die keinen Seedienst mehr tun konnten und nun unser großes Schiff an einem langen, mächtigen Seil wohl zwei Kilometer weit zum Dampfschiff hinzogen, das uns aufs offene Meer befördern sollte. Dort gab der Segler die üblichen drei Kanonenschüsse als Abfahrtszeichen ab und nahm vom Land her das Tücherschwenken und das Glückauf Tausender für gute Fahrt entgegen. Da überkam die meisten ein wehes Gefühl, und vielen lief das helle Wasser aus den Augen ob dem Gedanken, was die Zukunft für uns bereithalten möchte; am meisten schüttelte es Kernbold; aber auch mir trübte sich der Blick, und ich biß die Zähne zusammen, als helfe mir das mich beherrschen.