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Endzeit-Fiction um die Tage vor dem Jüngsten Tag. Im Jahr 2025, der Weg der letzten Propheten in einer Welt voller exzentrischer Gefühle und Leidenschafen.
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Veröffentlichungsjahr: 2012
Die andere Seite Roman Robin Hoffmanns Leben „Unbarmherzig bist du dieser Welt überlassen. In allem was du tust, in allem was du denkst, hast du nichts in der Hand. Keine Ahnung, weshalb du lebst, keine Ahnung woher und wohin. Es ist ein Strohhalm, der dich hält, er steht und fällt mit dem Wind. Nichts kann dir wirklich helfen, niemand wird dich trösten, du bist allein“, schrieb der Junge, der auf der Bahnhofstoilette saß. Er hatte schon lange keine Wände mehr um sich, keinen Schutz vor der Welt. Ein paar Minuten nur wollte er hier verweilen; manchmal wünschte er sich, er müsse nie mehr weg. In diesem winzigen Raum gab es ein Waschbecken und einen Aschenbecher. Vor allem aber gab es ein Schloss an der Tür. Eine stille Weile später begann er zu lesen, was an den beschmierten Wänden geschrieben stand. Inmitten obszöner Sprüche und sexueller Angebote las er: „Die Schuld kam zurück, Jesus.“ Die müden Augen des Jungen wurden feucht, es brannte; er legte die Finger auf das Wort „Jesus“. Doch er ließ es los, nahm den Stift erneut zur Hand und schrieb die Telefonnummern ab. Zwei davon könnten Agenturen sein. Er wollte überleben, das war alles. Sein Kopf fiel herab, baumelte kraftlos zwischen den Beinen. Er nahm den Gestank der Pisse wahr, doch es wurde ihm nicht übel, schon lange nicht mehr. Er hat viel Übleres erlebt ohne sich zu würgen. Aus ihm ist ein harter Kerl geworden. „6. Februar 2025“, schrieb er über seine Eintragungen; „Wie soll das nur weitergehen?“, schrieb er darunter. „Es donnerte an die Tür: „Hey, Beeilung bitteschön! Andere müssen auch!“, dröhnte eine verärgerte Stimme. Ihm blieb keine Zeit, nirgends. Überall waren Menschen, die ihn verscheuchten. Er faltete sein Blatt, steckte es ein, zog die Hose hoch, spülte, was nicht vorhanden war, hinunter. „Moment!“, rief er während des nächsten Donnerns und ging ans Waschbecken. Seine Augen im Spiegel gaben das Licht der Umgebung wider. In ihnen spiegelte sich nicht nur Helles, sondern auch Schatten, der das Licht verdeckte. Der ließ nicht hinein, was gut war und ließ nicht hinaus, was gut war. Das Wasser, welches ihm aus dem verkalkten Hahn an die Brust spritzte, war eiskalt. Dennoch klatschte er es sich ins Gesicht. Sehr sauber wurde er nicht davon, doch das war besser als nichts. Dann reckte er den Hals, schob die Brust nach vorn, er roch sich selbst. „Was ist?“, fragt er überlegen und versperrt dem Störenfried den Weg. Der schubst ihn unsanft auf die Seite. Der Junge schubst zurück, zieht aber seinen Gegenspieler zu sich her, damit er nicht gegen den Türstock knallt, und grinst ihn an. Der Mann sieht in die Augen des Jungen, betritt die Toilette, sperrt nicht zu. Der Junge wartet einen Moment vor der Tür, dann geht er hinein. Felix Felix Jung schreckte hoch aus einem schrecklichen Traum. Fast war er dem lauten Wecker dankbar für die Beendigung dieser Nacht. Auf seiner Stirn stand Schweiß, die Hände zitterten. Viele Jahre schon kehrten diese Bilder, in denen er seinem Vater begegnet, wieder. Dieser Mann im Traum vermittelt Felix Freundschaft und Stärke. Doch das Glück währt nicht lange: Die Tür geht auf, zwei Männer stürmen herein, Felix wird geschlagen, der Vater geht dazwischen und wird getötet. Endlich bekommt Felix seinen Vater zu Gesicht, sogleich trennt sie aber der Tod. Die Gefühle bei diesem Traum sind so intensiv, dass Felix dazu neigt, danach zu weinen. „Wie war mein Vater?“, hatte er einst seine Mutter gefragt. „Gar nicht. Er war gar kein Vater“, kam die Antwort. Emir Behem ist davongelaufen als er von der Schwangerschaft erfuhr. Die Mutter kannte ihn wenig, der Sohn überhaupt nicht. Er ist daheim in einem fernen Land. Niemand weiß, ob er jemals zurück dachte. Der Vater aus dem Traum ist deutsch. Vielleicht ist er ja nicht der Vater. Doch Felix empfindet so zu ihm. Es ist ja nur ein Traum. „Wie siehst du denn heute aus?“, fragte Lydia Jung ihren Sohn am Morgen des 10. Mai 2025. Felix gab nur ein knurrendes Geräusch von sich und verschwand im Bad. Man sah ihm seinen Albtraum an, seine Verzweiflung, seine Trauer. Er hasste sich dafür. War wirklich etwas passiert? Gab es irgendeinen Anlass, Tränen fließen zu lassen? Gott, was war er nur für ein Schlappschwanz! „Besser?“, fragte er die Mutter, als er aus dem Bad kam. Sie küsste ihn auf die Wange, er wehrte das ab. „Ich bin kein kleines Kind mehr, Mami!“, rief er aus. „Auch große Kinder darf man küssen. Und überhaupt haben Mütter eine Sondergenehmigung“, sagte sie scherzhaft. Felix lächelte. Irgendwie war sie schon in Ordnung, auch wenn sie nervtötend sein konnte. „Kommst du heute Mittag heim?“, frage Lydia. „Am Nachmittag, denke ich“, gab er, in seine Kaffeetasse starrend, zur Antwort. „Du gehst wohl mit Nikolai zum Imbiss?“, fragte sie vorsichtig. Sie wusste, dass Felix ihre Fragerei nicht mochte, doch sie musste ja wissen, ob sie kochen soll. „Nein“, entgegnete er nachdenklich, „ich muss kurz bei den Silberbachs vorbeischauen.“ „Alles klar“, sagte die Mutter ohne weiter nachzudenken. Aber nun wollte Felix etwas loswerden: „Nadja hat Hausarrest. Sie hat was Schlimmes angestellt. Gestern rief sie mich an. Sie hat mich schon sehr lange nicht mehr angerufen. Es muss wirklich ernst sein dieses Mal.“ Nun hatte Lydia ihm aus Versehen den Kopf gestreichelt, um zu trösten. Sie konnte sich solche Berührungen einfach nicht abgewöhnen. „Dass diese Eltern so schrecklich wenig Verständnis zeigen für ihr Kind“, seufzte sie. „Ja, die sind entsetzlich“, sprach Felix. Dann drückte er seine Mutter kurz an sich, sie war ganz perplex. „Bis dann, Mami“, sagte er und machte sich auf den Weg zur Schule. Nadja Nadja freute sich auf Felix. Normalerweise war er ihr eher lästig, sie hasste ihn von Zeit zu Zeit. Nun aber war er nicht nur für sie da, wenn sonst keiner mehr kam, sondern auch der einzige Besucher, den die Eltern in ihrem Hause akzeptierten. Felix ist viel zu gut für diese Welt, vor allem zu gut für Nadja. Sie wollte niemals jemanden wie ihn an ihrer Seite. Seine Dienste haben sich zwar in mancher Notlage als praktisch erwiesen, doch im Prinzip wäre sie froh, würde er aus ihrem Leben verschwinden. Heute war das anders. Sie wollte ihm erzählen von den Dingen, die sie erlebt hat, die sie geschafft hat zu durchleben. Sie war stolz auf sich, so verwegen zu sein. Dabei wusste sie sehr gut, dass nur Felix das Talent besaß, diese Eigenschaft an ihr zu bewundern. Sie brauchte jetzt einen Bewunderer; gut, dass sie einen hatte. Was hat sie also hinter sich, welches ihr diese Haftstrafe einbrockte? Am Abend des 8. Mai 2025 war sie zum ersten Mal in ihrem jungen Leben auf einer Polizeiwache. In einen Kampf mit zwei Männern verwickelt, geriet sie auf die Fahrbahn und verursachte so einen Verkehrsunfall. Nadja war sehr betrunken, es war schwierig für die Beamten herauszufinden, was geschehen war, wer Schuld hatte an diesen Dingen. Zum Einen schien Nadja Opfer eines Angriffs zu sein, zum Anderen hatte sie ganz offensichtlich ein übles Spiel mit ihren Begleitern getrieben. Doch was auch immer sie getan hat, die Tatsache, dass sie ein minderjähriges Mädchen war, schützte sie vor aller Schuldzuweisung, sie wurde von den Beamten nach Hause gebracht. Die Eltern, Michael und Mira Silberbach waren entsetzt. Ausgerechnet ihre Tochter, aus guter Familie, erlaubte sich in etwas Derartigem verwickelt zu sein. Nadja bekam ein paar Ohrfeigen und der Vater hatte in den nächsten Tagen mit diversen Versicherungsangelegenheiten zu tun. Eigentlich war nicht viel passiert für solch ein Abenteuer, dachte sich Nadja. So begann mit dem 8. Mai 2025 für sie ein Lebensabschnitt, der gepflastert war mit Abenteuern dieser Art. Die Rolle des furchtlosen Straftäters tat ihr gut. Sie wuchs als einziges Kind wohlhabender Eltern auf, ihr war schrecklich langweilig. Zwischen ihren Eltern herrschten merkwürdige Gefühle, die Beziehung war so kompliziert, dass für ein normales Familienleben kaum Platz war. Da gab es einen Moment an Nadjas drittem Geburtstag der alles veränderte. Nadja wusste nicht mehr was geschehen war, sie wusste nur, dass ihr Vater sie seither hasste. Die Mutter war nervös, sie hatte Angst vor ihrem Gatten und tat, was sie konnte, um ihn bei Laune zu halten. Für ihre schwierige Ehe hatten die beiden Silberbachs längst einen Schuldigen gefunden: Ihr Kind. Nadja war es, die den Ruf der Familie schädigte, unnötige Arbeit mit sich brachte, Geld kostete. Wieso also sollte die Tochter ein braves Kind sein wollen, wenn sie sowieso stets die Schuldige war? ‚Schuld’ Was ist das? Wo kommt sie her? Wer hat sie erfunden? Schuld ist ein Mysterium, denn sie verändert unsere Gedanken, unsere Gefühle. Für den Schuldigen ist sie so nah, so greifbar, dass er meint, er könnte sie anfassen. Dabei sieht er eine Illusion, denn in dem Dilemma seiner selbst, kann er nicht erkennen, dass es unmöglich ist, unschuldig zu sein. Meist bekommt der die Schuld, der sich am schlechtesten verteidigt. Was aber wäre, wenn gar niemand schuld ist, wenn es Kräfte gäbe, von denen wir so viel Ahnung haben, wie der Baum von der Fortbewegung? Schuld ist eine mächtige Motivation. Bei manchen Menschen die stärkste überhaupt. Anderen hingegen gelingt es ganz und gar, sie von sich zu weisen. Man kann sie weitergeben, jemandem zuschieben, dann ist sie man los. Man kann sie abtragen, langsam und mühselig Buße tun. Und während wir büßen, laden wir neue Schuld auf. Es ist in jedem Falle ungesund, sich überhaupt Schuld zu geben. Ein bedeutender Mann hatte einst versucht, uns dies näher zu bringen, mehr noch, er wollte die Schuld der Menschen mit sich nehmen, damit wir sie los sind. Doch der Mensch ist stur, wenn es darum geht, seines Gleichen büßen lassen zu wollen. Die Schuld frisst uns auf, sie wirft uns in den Dreck und sagt uns, wir wären böse, dumm, würdelos. Sie zerfleischt die inneren Werte, die Freude, die Liebe und die Zuversicht. Wir werden vom Leben getrennt, ziehen uns zurück, gefangen in uns selbst. Gut, dass das Leben immer Neues mit sich bringt, auch wenn es Berge von Anstrengungen sind. Das hilft uns zu vergessen. Im Vergessen liegt die Vergebung uns selbst gegenüber. Es ist ein inneres Gleichgewicht da, welches einesteils dafür sorgt, dass wir aus Fehlern lernen, anderen teils, immer wieder aufs Neue Gras über die Sache wachsen lässt. Zu guter Letzt hilft uns der Verstand bei der Überwindung von Schuld: Was macht es für einen Sinn, sich ständig die alten Verbrechen vorzuwerfen? Wem ist dadurch geholfen? Das macht ja alles nur noch schlimmer. Diese Argumente leuchten ein; ja, sie leuchten uns den Weg ins Licht. Denn nur wenn wir im Licht sind, können wir uns annehmen, so wie wir sind. Wären wir ohne Schuld, so wären wir wie Maschinen. Leben heißt fehlerhaft sein, Dummheiten machen, alles über den Haufen werfen und neu anfangen. Doch das Hin und Her von neuem und altem Leben ist schon sehr verwirrend. Menschen wie Nadja schaffen es nicht, mit sich ins Reine zu kommen. Es ist, als säße ein kleines Teufelchen in ihrem Ohr, das ihnen immer und immer wieder vorwirft, was sie falsch gemacht haben. So wandeln sie durchs Leben mit der Gewissheit, immer schuldig zu sein. Ihre Mitmenschen sehen es ihnen an, sie glauben ihnen. Wer sich selbst schuldig fühlt, wird automatisch überall zum Sündenbock gemacht. Nun ist es nicht nur das eigene Teufelchen, welches klar macht, wie schlecht sie sind, sondern auch noch die allumfassende Umwelt. Wo ist für Menschen wie Nadja das Lebensglück? Je tiefer sie in sich graben, je öfter sie nach dem ‚Warum’ fragen, desto weiter entfernt es sich. Wer also hilft ihnen, wenn doch niemand mehr an sie glaubt? Die Sache ist klar: Sie brauchen Hilfe vom Fachmann. Robin Dr. Robin Hoffmann ist so ein Fachmann, ein Psychologe der besonders begnadeten Art, könnte man sagen. Mit gerade mal achtundzwanzig Jahren hat er seinen Doktor der Nervenheilkunde gemacht. Seine Doktorarbeit wurde bekannt im Kreise seiner Kollegen, in der er das Thema der ‚anerzogenen Schuld’ beschreibt. Doch Robin hielt niemals wirklich viel von Medizin überhaupt, deshalb vertiefte er im Anschluss an diese weitreichende akademische Ausbildung die Themen Psychologie und Soziologie. Seine erste Anstellung erhielt er zwei Jahre später sehr bescheiden im Jugendamt München West. Dort hatte er mit straffälligen Jugendlichen zu tun. Dieses Thema war ihm nicht unbekannt. Schon als er selbst ein Kind war, erregte das Schicksal vernachlässigter Kinder tiefstes Mitgefühl in ihm. Er konnte es einfach nicht sehen, wie manche Kinder von ihren Eltern gedemütigt und ignoriert wurden. Dass er diesen dünn bezahlten Job beim Amt annahm, hatte allerdings eher mit seinem Vater zu tun. Herr Dr. Konrad Hoffmann, führender HNO Professor im ‚Krankenhaus Rechts der Isar’ in München, hatte sich immer einen Sohn gewünscht, der es ihm gleich tat. Er steckte Erwartungen in Robin, die er niemals erfüllen wollte. Nun hatte er sie dummerweise tatsächlich erfüllt, deshalb wollte er dem entgegen steuern. „Siehst du, mein Sohn, es hat sich doch für dich gelohnt, so einen Vater zum Vorbild zu haben“, sagte er zu Robin, als sein Doktortitel in der Familie gefeiert wurde. Robins Hand machte eine Faust, wollte er doch gerade nicht so werden, wie sein Vater. Dr. Konrad Hoffmann ist ein Vollblutarzt, nur die Medizin im Kopf, nicht die Menschen. Für ihn ist ein Patient so etwas wie für den Kfz-Mechaniker ein Auto. Für Robin hingegen ist jeder Mensch etwas Zartes, Verletzliches, absolut Individuelles. „Über ein Lebewesen kann man nicht einfach in einem Buch nachschlagen“, so seine Worte. Im Grunde hatte Robin diese ganze Ausbildung gemacht, um seinem Vater zu zeigen, was es heißt, Menschen wirklich helfen zu wollen. Seine Mutter sagte, er habe das Helfer-Syndrom. In diesem Satz steckte sicherlich einige Wahrheit, doch in erster Linie hatte Robin gewonnen, weil der Vater zutiefst verärgert war als der Sohn im Amt arbeitete. Nach circa zwei Jahren, im November 2022, fühlte sich Robin zu sehr eingeschränkt in seinen Entscheidungen. Also beendete er seinen Dienst und machte mit einigen Schulden eine kleine psychotherapeutische Praxis in Gröbenzell, einem Vorort von München, auf. Er hatte einen angenehmen Start, denn er stand mit seinem alten Arbeitgeber auf gutem Fuß, der ihm gerne ein paar schwierige Fälle zukommen ließ: Minderjährige, wiederholt straffällig geworden, die Unverbesserlichen, sollten bei Robin lernen, das Leben freundlicher zu sehen. Es war niemals einfach, denn sie kamen nicht freiwillig zu ihm. Für seine jungen Patienten schien Dr. Robin Hoffmann fürs Erste so etwas wie ein Polizist zu sein, der sie aushorchen will, was sie alles auf dem Kerbholz haben. Doch Robin erwies sich als geduldig, denn er hatte nicht nur einen Job, er wollte wirklich helfen, mit seinem Herzen. Abends kehrte er zurück in eine kleine, schmuddelige Wohnung, in der er sehr einsam war. So war er durchaus glücklich, als ihm die Ehre zu Teil wurde, von seiner Großmutter zwei Aras zu erben. Die Vögel machten sein Zuhause bunter. Im Dezember 2026 Dr. Robin Hoffmann hatte sein Kinn auf die Tischplatte gelegt und betrachtete still die Lichter des Adventskranzes. Fast lebendig wirkten diese Flammen, strahlten aber Ruhe aus. Das war es, nachdem er sich den ganzen Tag im Laufe der Anstrengung gesehnt hatte. Nun war es finster, er war daheim, alles war vorbei, alles war gut. Die Kerzen hielten einen frechen großen Vogel davon ab, auf Robins Schulter zu fliegen. Doch sollte Karlchen anfangen ungeduldig zu schimpfen, würde Robin besser das Feuer löschen, denn er hatte keine Lust auf eine weitere Beschwerde der Nachbarn wegen Papageien-Geschrei. Die Ruhe dauerte Gott sei Dank an, deshalb fielen Robins Augen zu. Er sah, wie sich diese Welt auftat, in der man sich so leicht anfühlt, die aber bedrohliche Ereignisse mit sich bringen kann, die Welt der Träume. So stürzte nun seine junge Patientin Renata Nadja Silberbach in einen Abgrund, Robin stand dabei und sah nur zu. Dann lief er davon, lief und lief, etwas verfolgte ihn. Auch er fiel ins Tal, doch er konnte fliegen, ein herrliches Gefühl, schwerelos. Deshalb vergaß er die Sache mit Nadja und blickte einem Raben ins Gesicht. Dessen Augen wurden heller, die Pupillen verengten sich, die Federn begannen zu schillern. Er erkannte ihn: Es war Karlchen, der ihm ins Ohr schrie. Robin schnellte hoch, der Vogel flatterte herum und blies dabei die Kerzen aus. Als Robin sich der Geschehnisse bewusst wurde, musste er lachen. „Du hast es also geschafft! Ganz schön mutig für so einen Vogel, muss ich schon sagen“, sprach er und streckte den Arm aus, damit Karlchen darauf landen konnte. „Wenn das Leben nur nicht so anstrengend wäre!“, sagte er zu dem Tier. „Ich denke, ich sollte vorsichtig sein, dass ich mich nicht verirre in den Gefühlen meiner Schützlinge. Reicht ja schon, dass ich euch Vögel viel zu schlecht versorge.“ Gefühle. Die sind nicht so Robins Stärken, könnte man sagen, denn die verbeißt er sich normalerweise. Sein Beruf bringt es mit sich, mit Gefühlen zu arbeiten, sie aber nur geliehen zu bekommen. Einfühlen und verstehen, das muss man beherrschen, doch man darf sich nicht beherrschen lassen von den Emotionen, nicht von denen der Patienten und schon gar nicht von eigenen. Das Haus, in dem er wohnt, ist geographisch gesehen nicht einmal einen Kilometer von der Praxis entfernt, doch in Wahrheit, in dieser Wirklichkeit, die zählt, mussten es Tausende und Aber-Tausende sein. Wenn er dieses Haus verließ, dann sperrte er die Türe ganz fest zu, damit ihn nichts verfolgen konnte von dort. Zehn Jahre später. Es hatte sich kaum etwas verändert in Robin Hoffmanns Leben. Er hatte sich verbessert, sicher. Seine Praxis war größer, seine Papageien zogen jetzt auf den Kanaren ihre Kreise und er dachte oft an alte Zeiten. Diese Leute von damals, als Nadja seine Patientin war, die gingen ihm nicht aus dem Kopf. Was war das doch für eine Zeit! Er war verliebt, das einzige Mal so richtig, doch er hatte sich für seinen Beruf entschieden. Gefühle waren eben verboten für ihn. Dennoch ließ ihn die Erinnerung an diese jungen Menschen nicht los. Immer tauchten sie in seinen Träumen auf, es quälte ihn eine herrschsüchtige Sehnsucht nach der Vergangenheit. Auch diese Nacht hatte er wieder geträumt von Steffen Hartmann, so wie er war, als er ihn kennenlernte, gerade mal zwanzig Jahre alt. Robin ging um sieben Uhr aus dem Haus, drehte den Schlüssel dreimal um, machte sich zu Fuß auf den Weg zur Praxis. Die frische Luft tat gut am Morgen, auch die Finsternis. Nebeliges Dunkel, das ließ ihn immer denken an jene Nacht, in der er die Menschen, die Nadja zur Hilfe kamen, zum ersten Mal sah. Er wusste nicht, weshalb er sich so erwärmt hatte für diese Teenager, sie waren eine ganze Generation jünger als er. Was sollten sie also gemein haben? Vermutlich war es dieses mysteriöse Abenteuer, welches sie auf ewig verband. Längst waren sie ihre eigenen Wege gegangen. Nadja hat geheiratet, ein Kind bekommen, soviel er wusste. Sie hielt sich in USA auf. Felix Jung wohnte in Schwabing mit so einem komischen Snob zusammen. Und Steffen... Er durfte gar nicht an Steffen denken, denn da bekam er ein schrecklich schlechtes Gewissen. Robin hatte sich nie gemeldet bei ihm. Längst hätte er ihn besuchen kommen sollen, viele Freunde hatte er sicher nicht mehr. Doch wo sollte Robin die Zeit hernehmen so weit zu reisen? ‚Dumme Ausreden!’, warf er sich vor. Wozu gibt es moderne Kommunikation? Wieso rief er ihn nicht an? Weil er sich schämte? Wenn er anrief, sollte er dies audio-visuell tun, doch wie würde Steff wohl aussehen? Wäre er noch so attraktiv wie damals? Wohl kaum! Die Krankheit hatte ihn sicherlich sehr verändert. Und dann war da noch das Problem, dass sich Robin nicht traute, überhaupt mit ihm zu sprechen. Ausgerechnet er! All seine Patienten brachte er irgendwann dazu, solche Komplexe zu überwinden, nur sich selbst nicht. Wie auch immer, tief in seinem Inneren wusste er, dass Verdrängung ihm nicht helfen würde. Auch wenn er eine Begegnung mit Steffen Hartmann hinausschieben konnte, so würde er sie dennoch nicht verhindern können. Eines Tages würde er ihm in seine Augen blicken müssen. Sicher war das richtig so; mit seinem Schicksal kann man hadern, aber man kann ihm nicht entkommen. Auch eine Person seines Alters tauchte in diesen Träumen auf, denn sie war damals mit von der Partie: Nadjas Mutter. Doch an die war ja sowieso nicht mehr heranzukommen, bei dem Karriereaufstieg... Das Jahr 2029, Der Eckstein In Sri Lanka wurde Mira Silberbach durch einige Wunderheilungen bekannt. Im Alter von 42 Jahren hatte sie ihre erste große Vision und rettete damit einem ganzen Volk das Leben. Im Nachhinein wusste niemand mehr weshalb, aber die Menschen hörten auf sie, als sie von einem bevorstehenden Erdbeben berichtete, sich wie eine Wahnsinnige den Weg in den Fernsehsender bahnte. Die Seismologen bestätigten, was sie sagte, mit einer Wahrscheinlichkeit von 5%. Diese 5% reichten aus, um eine großflächige Evakuierung in die Wege zu leiten. Nicht die Entscheidung der Regierung war dafür verantwortlich, sondern der Glaube des Volkes an Miras Prophezeiung. Durch eine unkontrollierte Massenflucht aus Hongkong wurde die Regierung praktisch dazu gezwungen, Maßnahmen zu ergreifen. Dies war Miras Durchbruch. Der große Prophet der Neuzeit war geboren: Mira Silberbach. Im Mai 2037 Die große Mira Silberbach stand vor ihrem Konfirmationsbild vom Juli 2001. Sie fragte sich: Wer war dieses Kind? Warum fühlte es so? Damals war Mira ganz und gar nicht mit sich zufrieden und was kann ein Kind schon ändern? Sie war ein eigenartiges Mädchen. Man sah es ihr an: Sie machte alles falsch. Ein stiller Typ, nichtssagend, eigentlich eher unauffällig, dennoch fiel sie überall unangenehm auf, denn sie machte nichts Bestimmtes verkehrt, sondern einfach alles. Es stand ihr im Gesicht geschrieben, ihre Unsicherheit, orientierungslos vergaß sie stets von einer zur anderen Sekunde, was sie eigentlich vorhatte zu tun. Scheinbar schwebend schritt sie durch diese Welt. Ihre Umgebung mit all den Menschen war ein einzig verschwommenes Meer an Lebensraum, der nicht für sie bestimmt war. Was war anders an ihr? Was war nicht anders an ihr? Nichts! Immer war sie unpassend gekleidet oder benahm sich daneben. Bei ihrem verzweifelten Versuch, es ihren Mitmenschen gleichzutun, scheiterte sie stets. Wie schafften die das nur? Warum kamen sie miteinander zurecht, aber nicht mit ihr? Weshalb wusste Mira die einfachsten Dinge nicht und warum wollte ihr niemals jemand helfen? Lebensunfähig war sie und allein gelassen, sie war einsam wie der Tod. Doch sogar an den Tod gewöhnt man sich irgendwann. So gelang es ihr, trotz alle dem zu lächeln, wenn die Sonne schien, die Bäume zu blühen begannen, wenn ein Vogel ein Lied anstimmte, der Bach sein musikalisches Plätschern von sich gab. Dies war es überhaupt, was Mira akzeptierte, es fragte nicht nach Kleidung oder Worten, es war da, nicht nur für alle anderen, auch für Mira, vor allem für sie. Ein Einsiedler, der nichts vom Leben kannte, der seinen Schatz woanders hat. Hätte ihr das gereicht, hätte sie sich so akzeptieren können, so hätte sie ein glücklicher Mensch sein können. Es gab aber eine Stimme in ihr, die ihr Sekunde um Sekunde zuflüsterte: „Du bist ein Mensch und Menschen brauchen andere Menschen“. Ja, Freunde wären gut gewesen für sie. Die Liebe aber findet man nicht, wenn man sie sucht, die bekommt man nur geschenkt. Miras erwachsenes Wesen war immer noch wie das des Kindes auf dem Bild, aber ihr Status hatte sich komplett gewandelt: Sie war nun eine Größe ihrer Zeit. Die ganze Welt kannte sie, rund um den Globus sah man ihr Bild. Der Stein, den die Bauleute verworfen hatten, war zum Eckstein geworden. Genauso wie in der Zeit vor ihrer Berühmtheit, umriss sie auch in dieser Lebenssituation im Grunde überhaupt nicht, worum es ging. Sie stand am Fenster, blickte in den Hof und weinte. Eben hatte sie die Eröffnungsrede des neuen christlichen Begegnungszentrums in Berlin vermasselt. Es war nicht das erste Mal, dass ihr Derartiges widerfuhr, doch wenn sie daran dachte, wurden ihr die Knie weich. Im Hof spielten ein paar türkische Kinder miteinander. Zwei Jungs hatten den Mädchen die Kreiden weggenommen, ein Streit brach aus und das kleine Geschwisterchen im Buggy fing zu weinen an. Es klingelte an Miras Tür, zum zweiten oder dritten Mal. Jetzt erst drehte sie sich um. Es war nicht so, dass sie es überhört hätte, sie hatte es nur nicht registriert. Ihre Tochter war es gewohnt. „Hi“, sagte Mira geistesabwesend und ließ sie ein. Sie umarmten sich. „Wie geht es dir?“, wollte Renata Nadja Silberbach wissen. Mira strich ihr über den Kopf. „Dein Haar ist seidenweich“, sagte sie. „Das ist wirklich sehr nett von dir, das zu sagen“, meinte Renata lustig, aber in ihrem Inneren wurde klar, dass die Mutter mal wieder sehr daneben war, das machte ihr Angst. Ein ganzes Jahr lang war sie in Amerika gewesen, nun sahen sie sich wieder. Sie hatte gehofft, ihre Mutter wäre etwas fideler nach ihrer Kur, aber anscheinend war es eher schlimmer geworden. Wie lange würde es noch dauern, bis sie gar nichts mehr mitbekam? Mira aber war plötzlich etwas zu sich gekommen, ihre Gedanken schienen sich zu bündeln. „Setze dich doch mein Schatz“, sagte sie zu Renata und legte ein Kissen auf die Seite, „ich hole uns etwas aus der Küche.“ „Danke Mami“, sagte Renata lächelnd. Sie dachte an ihre Kindheit. Da war sie ein Mädchen, dessen Mutter selbst dachte und fühlte wie ein Kind. Sie hatte sie niemals vor etwas schützen können, Renata kannte schon früh Verlorenheit und Angst. Dieses Gefühl stellte sich nun wieder ein in ihr Herz, es erfüllte sie über und über. Doch die Unzulänglichkeit der Mutter sei ihr verziehen, denn dass sie eben doch ihre Mutter war, zeigte sich ja in späteren Tagen. Mira kam mit Keksen und Sprudel zurück. Es waren Eiswürfel in den Gläsern und Kirschsirup stand dabei, so wie sie es immer liebten zu trinken. Als Mira aber einschenken wollte, zitterte ihr die Hand so stark, dass sie ihr Vorhaben aufgeben musste. „Lass' nur, Mami“, sagte Renata und bereitete die Drinks zu. Renata musterte den Blick ihrer Mutter. „Ist etwas Mami? Komm' schon, was ist passiert?“ Mira stand auf, ging ans Fenster. Sie holte so tief Luft als wäre sie gerade aus dem Wasser aufgetaucht. Hatte sie vergessen zu atmen? Doch dann sagte sie nichts mehr, ihr war entfallen, wie sie anfangen wollte. Sie beobachtete, wie zwei Mädchen verzweifelt versuchten, einem lachenden Jungen zwei Kreiden zu entreißen, während zwei andere große Jungs locker an der Wand lehnten und auf ihren Einsatz warteten. Das Baby weinte. Sie hatte schon wieder vergessen zu atmen. Renata war an sie herangetreten. „Was ist passiert, Mami?“ „Ich... ich will nicht darüber reden“, sagte sie. „Gut“, willigte Renata ein, „dann setz' dich doch wieder zu mir.“ Nun war ein Mädchen zu dem Baby gegangen, so hatte es das andere mit drei Jungs zu tun. Sie fing an zu kratzen und zu beißen. Es floss Blut..... Plötzlich floss Blut, dabei schossen Bilder der Vergangenheit an Miras Augen vorbei: Im Wald dieser Mann, dann der Abend mit Mike, ein Überfall auf dem Heimweg, daraufhin folgten die aufreibenden Bilder eines Kampfes um Leben und Tod ihrer Tochter. Danach Blut, Tod, Leid, Soldaten, Schüsse, Gewalt... Renata fasste sie an, Mira zuckte zusammen, sie fühlte sich, als wäre sie in die Tiefe gestürzt. Da aber erkannte sie wieder, wo sie war und was mit ihr geschah. Schnell blickte sie aus dem Fenster: Der Hof war leer, das Spiel war vorbei. Was war geschehen mit den Kindern? „Mami, was ist denn los mit dir?“, fragte Renata. Die Tochter ärgerte sich, dass es so ablief. Konnte sich ihre Mutter nicht einmal zusammenreißen? Mussten sie sich so wiedersehen, nach einem ganzen Jahr der Trennung? Mira kullerte eine Träne über die Wange, dann sagte sie: „Ich habe die Rede vermasselt.“ „Wieso, was ist passiert?“, fragte die Tochter. Bevor Mira den Mund auftat, klingelte es an der Tür. Sie eilte so schnell dort hin, als käme die Ablenkung gelegen. Da standen zwei Herren in Schwarz. Sie sahen sehr steif aus, wie jemand, den man nicht gerne ins Haus lässt. Renata betrachtete sie durch den Spion. „Schick' sie jetzt weg Mama, ich muss mit dir reden, dringend.“ Mira machte die Türe auf. Ein kleiner Mann lächelte sie an und drückte sie kurz an sich. Sein Gesicht leuchtete. „Oh, Frau Silberbach, wir haben uns solche Vorwürfe gemacht. Wie geht es Ihnen denn jetzt?“ „Tut mir leid“, sagte Mira zu Renata, sie ließ die Männer ein, „nur kurz“. Renata musterte ihre Mutter vorwurfsvoll. „Herr Dr. Eberts und Herr Pfarrer Dürrmat, darf ich Ihnen meine Tochter Renata vorstellen?“ „Angenehm, Renata Silberbach“, sagte die Tochter streng und gab den Herren die Hand. Die beiden Männer ließen sich über die Ähnlichkeit von Mutter und Tochter aus, so wie das alle immer tun, doch Renata fuhr ihnen über den Mund: „Es tut uns wirklich leid, meine Herrn, aber ich kümmere mich schon um meine Mutter. Wir haben uns viel zu erzählen, wissen Sie. Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn Sie ein andermal.....“ „Aber Renata!“, widersprach Mira, doch die schob sie zurück. „Natürlich“, sagte der Pfarrer, „entschuldigen Sie, wir wussten ja nicht...“ „Schon gut, ich hoffe Sie halten mich jetzt nicht für unhöflich, aber wir haben uns ein ganzes Jahr nicht gesehen.“ „Ich verstehe“; beteuerte Herr Dr. Eberts mit einem monarchischen Unterton, „ich selbst habe meinen Sohn seit Jahren nicht mehr getroffen.“ „Wie schrecklich“, sagte Renata patzig, dann verwies sie die beiden der Tür. „Ist dir klar, mein liebes Kind, dass du eben dem Bürgermeister von Berlin die Tür gewiesen hast?“, sagte Mira besorgt. Renata lächelte: „Bist nicht du diejenige, die immer allen Leuten klar zu machen versucht, dass es keine Unterschiede zwischen den Menschen gibt?“ Nun musste Mira lachen. „Du hast Recht, Renata, das darf man nie vergessen.“ Sie nahm das Gesicht ihrer Tochter in beide Hände: „Eben habe ich mich so elend beschämt gefühlt, jetzt aber, seit du da bist, geht es mir einfach wunderbar.“, sprach sie freudig aus. „Was ist passiert bei der Rede, Mami?“, wollte Renata wissen. „Ich lag am Boden. Es kamen Sanitäter, den Rest kannst du dir denken; vor Millionen von Leuten...“, Mira zitterte. „Du bist also ohnmächtig geworden. Wieso hast du dann die Rede vermasselt?“, fragte die Tochter weiter nach. „Weil ich weggetreten war, du weißt ja, ich habe wieder wirres Zeug geredet“, ihre Unterlippe zuckte. „Hast du selbst gewusst, wovon du sprichst in dem Moment?“ „Ich kann es kaum erklären, es betrifft mich selbst, es hatte nichts mit den Leuten zu tun.“ „Aber Mami, das wissen die Leute doch, dass das passiert. Deshalb bist du berühmt geworden, weil du Prophezeiungen machst, weil du Dinge tust, die niemand begreift. Du bist ein Prophet und Propheten sind so, waren sie immer schon. Du trägst keine Schuld daran, es nimmt dir auch niemand übel, das muss dir eigentlich inzwischen klar geworden sein!“ „Meine Visionen sind nicht mehr für die Allgemeinheit. Sie betreffen in letzter Zeit nur noch mich persönlich!“ „Dann solltest Du vielleicht nicht mehr auftreten, oder?“ „Was sagst Du denn da?“ „Wie wär’s mal mit Urlaub?“ „Das geht doch nicht schon wieder. Ich bin eben erst drei Wochen von der Bildfläche verschwunden, ich kann nicht wieder fehlen!“ „Das war aber kein Urlaub, oder?“ „Erholung.“ „Wie wäre es mit einer Abenteuerreise? Ich lade dich auf einen Urlaub ein, den du nicht vergessen wirst!“ Mira lachte. „Du kannst doch genauso wenig weg wie ich!“ Renata nahm Miras Hand und legte sie in die ihre. Diese Hand war etwas geschwollen, sie fühlte sich heiß an, die Haut gespannt. Mira Silberbach war nun 50 Jahre alt. Man würde sie vielleicht für etwas jünger schätzen, Mitte vierzig, doch sie sah so merkwürdig aus wie eh und je. Renata musterte die Kleidung ihrer Mutter. Beinahe hätte sie gefragt, ob sie heute tatsächlich in diesen Klamotten vor all den Leuten aufgetreten ist, doch sie wusste die Antwort ohnehin. Wieso konnte sie nicht sehen, dass man eben so alt ist, wie man ist? Sie wäre nicht gerne jünger als sie ist, nein, das war nicht das Problem. Das Problem war, dass sie nicht daran dachte, dass sie ja schon fünfzig ist. „Doch. Ich habe das so organisiert.“, widersprach Renata. „Was hast du organisiert?“ „Ich will unbedingt mit dir auf Reisen gehen, unbedingt!“ Sie drückte Miras Hand ganz fest, so als wollte ihr Griff sie zu etwas zwingen. Mira registrierte die Furcht, die Renata hatte, dass ihr Vorhaben scheitern könne. Etwas entgeistert blickte sie in Renatas Augen. Mira hatte die Gabe, die viele Menschen haben, oft ohne es zu wissen: Sie konnte durch die Augen der Menschen erkennen, was sie fühlen und denken. Deshalb sah Renata jetzt weg. „Vertraust du mir nicht?“, fragte Mira, als Renata ihrem Blick entfloh. Diese ließ sie los, stand auf und ging ans Fenster. „Vertrauen; bedeutet das, dass man dem Anderen immer alles sagen muss oder dass man ihm seine persönliche Freiheit lässt?“ Mira sah traurig zu Boden. Wohl wahr, diese Worte, aber auch Mira hatte Recht mit dem zweifelhaften Vertrauen. Das Beste wäre es jetzt, nach Renatas Reiseplänen zu fragen, Mira tat es aber nicht, wollte sie ja keinesfalls verreisen. Das würde sie absolut nicht tun, nicht mal für ihre Tochter. Renata brach das Schweigen: „Ich habe mit Papa gesprochen.“ Mira sprang auf, drehte sie an der Schulter zu sich her: „Was? Wirklich?!“, fragte sie überrascht, „was.., was hat er denn gesagt oder warum...?“ „Es war nicht einfach, Mami. Er wollte mich nicht sehen. Dass er mir überhaupt zugehört hat, das lag nur daran, weil er hoffte, er würde über mich wieder an dich ran kommen.“ „Und warum...?“ „Eben! Das ist die Frage. Warum hasst er mich so? Ich sollte doch diejenige sein, die ihn nicht sprechen will. Bin ich ja auch, aber ich wollte etwas in Erfahrung bringen, deshalb habe ich ihn aufgesucht.“ „Wie geht es ihm?“, fragte Mira, ihre Hand zitterte wieder. Renata sah auf die zittrige Hand und nahm sie. „Da brauchst du dich nicht so aufzuwühlen, Mami, es geht nicht um ihn.“ „Was redest du?“, wollte sie wissen. „Es nervt, Mami, dass du ein Prophet bist, das, so denke ich, weißt du. Aber ich mache dir keine Vorwürfe. Was kannst du denn schon dafür? Es ist ein Privileg, aber es ist auch anstrengend. Ich hätte mir gewünscht, wir wären normaler.“ „Wie kommst du jetzt darauf, Renata? Ich dachte wir reden über deinen Vater.“, entgegnete Mira etwas amüsiert, „was wolltest du wissen von ihm?“ „Was er weiß über mich, was ich nicht weiß.“ „Mehr als ich es tue, kann er nicht wissen über dich, denke ich“, sagte Mira etwas beleidigt. „Meine nicht, du wärst die Einzige in der Familie, die sieht in eine andere Welt!“ „Heißt das, du hattest Visionen?“ „Albträume, schreckliche. Die sind so gigantisch, dass sie nicht aus meinem Kopf kommen können, die kommen aus einer Wirklichkeit, die ich nicht kenne. Und dem will ich ein Ende setzen, ich will wissen, was dahinter steckt. Hilfst du mir dabei?“ Mira fröstelte. Eine alte Furcht tauchte auf. Es gab Ärzte, die hatten bei Mira eine Geisteskrankheit diagnostiziert, Schizophrenie. Dieses Leiden ist erblich. Miras Vorhersehungen können zwar nicht nur Schizophrenie sein, nein, aber vielleicht ist die Krankheit ja erst entstanden. Diese Eingebungen ständig, immer wieder, die sind nicht für einen Menschen geschaffen, da musste ja etwas passieren. Es könnte sein, dass nur schizophrene Leute mit Gott in Kontakt treten können. Renata könnte es geerbt haben. Mira drückte sie besorgt an sich. „Das tut mir leid, mein Schatz“, sagte sie. Renata lachte, hielt sie von sich weg: „Mami, es gibt eine Lösung für das Problem, da bin ich sicher.“ „Warst du schon beim...“ „Nein, ich war nicht beim Doktor! Das ist keine Krankheit. Diese Veranlagung hab’ ich vielleicht von dir geerbt, meine Visionen sind aber anders. Vor allem drehen sie sich um die Vergangenheit, nicht um die Zukunft.“ „Aber deine Vergangenheit ist doch bekannt.“ „Ich meine nicht meine Erziehung“, sagte Renata, dachte etwas verbissen ‚welche Erziehung?’, „Ich meine etwas, was noch viel weiter zurückliegt.“ Mira fasste sie an, ein starker Griff. „Du glaubst doch nicht etwa, du wärst schon mal hier gewesen?!“ Mira hasste dieses Thema. Sie verurteilte in der Regel keinerlei Art von Glauben, nicht die Moslems, die Juden oder die Zeugen Jehovas, doch den Glauben an die Re-Inkarnation hatte sie stets aufs Ärgste bekämpft. „Doch das tue ich“, sagte Renata und schluckte. Sie fürchtete sich vor den Worten, die nun fallen würden, aber Mira wollte ja, dass Renata ihr alles sagen kann. „Renata, mein Kind, mein eigenes Kind!“, stieß Mira aus. Sie legte die Hand auf die Brust, bekam erneut Probleme mit der Atmung. „Hast du dir mal überlegt, weshalb du so aggressiv darauf reagierst? Dieses Thema macht dir Angst. Warum macht es dir Angst?“ „Quatsch!“ stieß Mira aus, „es ist einfach Quatsch, deshalb!“ Sie war sehr laut, für Miras Verhältnisse viel zu laut. „Okay, ist ja gut. Sei es Quatsch. Dann blicken wir eben in die neuere Vergangenheit, in die Zeit, als du meinen Vater kennen gelernt hast zum Beispiel.“ „Du weißt alles darüber, Renata, ich habe dir nichts verheimlicht, aber ich erzähle es dir noch einmal, wenn du möchtest.“ „Ja, ich will“, sagte Renata. Da hallten diese Worte plötzlich laut in Miras Kopf wider. „Ja, ich will“, wiederholte Mira und starrte ins Nichts. Renata kicherte, „klingt wie vorm Traualtar, nicht wahr?“. Auch Mira hatte das so vernommen, doch für sie war es nicht witzig. Renata hatte die selbe Stimme wie Mira damals, es waren die gleichen Worte. Ein stechender Schmerz schoss durch ihren Kopf, diese Erinnerungen machten sich so breit, als würde genau dies Vergangene eben stattfinden. „Ja, ich will“, sagte Mira Schweiger im September 2005 vor dem Traualtar. Mit der Aussprache der Worte kamen schreckliche Kopfschmerzen. So schön das Fest auch war, der Schädel brummte so stark, so unaufhörlich, als ob eine Sirene losgegangen wäre. Nichts desto Trotz war sie an diesem Tag überglücklich, dass sie ihren Michael geheiratet hat, obgleich sie ahnte, tausend kleine und große Zeichen sah, die ihr sagten: „Das waren die falschen Worte“. Hätte sie damals schon ihrer Fähigkeit, Zukunft erkennen zu können, zugestimmt, so hätte sie die Warnung verstanden. Ach, sie wusste es ja, doch sie wollte es nicht wissen. Sie war noch viel zu sehr damit beschäftigt, so sein zu wollen, wie die anderen Leute und nicht so, wie sie eben ist. Wäre aber diese verfluchte Ehe nicht zustande gekommen, dann gäbe es heute keine Renata Nadja Silberbach, oder? Renata merkte, dass die Klarheit in Miras Kopf zu weichen drohte und redete schnell weiter: „Mami, ich möchte die Geschichte hören, als du Mike zum ersten Mal gesehen hast.“ Mira blickte auf: „Mike. So hast du ihn nie genannt.“ Renata schüttelte den Kopf, „Sorry Mami, ich wollte sagen, dass ich,... ich meine meinen Vater natürlich.“ „Damals, als ich ihn kennen gelernt habe, da hieß er Mike, jeder nannte ihn so. Er heißt ja Michael, doch niemand nannte ihn jemals so, er war immer Mike.“ „Ja, Mami, wahrscheinlich deshalb, ich habe an diese Geschichte gedacht, da floss der Name so mit ein, sicher deshalb.“ Renata war sich sicher, dass dem nicht so war. Als sie mit ihrem Vater darüber gesprochen hatte, wurde das noch klarer: Sie kannte Mike schon bevor sie geboren wurde. Es gab ein Leben vor dem Leben. Merkwürdigerweise wusste ihr Vater etwas darüber, viel mehr als sie selbst und Mira. Doch er rückte nicht raus damit. Wahrscheinlich, weil er zwischen zwei Gefühlen stand: Er hasste und liebte seine Tochter. Warum er sie liebte war klar: Sie ist seine Tochter. Aber warum er sie hasste, das hing mit diesem anderen Leben zusammen. Renata wollte ihre Mutter nicht erneut damit konfrontieren. Im Grunde war Mira zwar schlecht fähig, richtig zornig zu werden, es gab aber ein einziges Thema, welches sie aus der Fassung brachte. Ausgerechnet dies schnitt Renata an, nach einem ganzen Jahr der Trennung. Renata wollte sie nicht verletzen, sie wollte nur die Wahrheit. „Okay“, sagte Mira, sie setzten sich eng nebeneinander auf die Couch. Mira lächelte. Diese Geschichte erzählte sie gerne, denn das war ein sehr glücklicher Moment. Die Brücke Anna „Ich war mit Anna am See. Anna war meine einzige Freundin, du kennst sie ja“. Mira drückte Renatas Hand, sie lächelte so tief, dass Renata diese Freundschaft spüren konnte. „Ich hatte ein Buch gelesen, war aber in der Hitze darüber eingeschlafen. In meinen Träumen wurde ich geküsst von dem Helden der Geschichte, einem schönen dunklen Mann. Im Flimmern der Sonne erlebte ich einen Rausch an Gefühlen. Plötzlich schreckte ich hoch, denn es war jemand zu mir gekommen. Ich riss die Augen auf, versuchte erst mal meine Sinne wiederzufinden, denn in der heißen Glut der Hochsommersonne war ich ganz benebelt. Und was sah ich? Das Gesicht eines dunkelhaarigen Jungen mit einer langen Nase und rohen Gesichtszügen. Ich dachte schon, meine Träume spielten mir einen Streich, doch dieses Bild war echt. Er war der Traum von einem Jungen; was sage ich, er war schöner als in meinen kühnsten Träumen. Und was er dann sagte... “ „Was sagte er, Mami?“, fragte Renata, obwohl sie diese Geschichte schon kannte. „Er sagte: ‚Mira, da bist du ja’.“ „Woher kannte er deinen Namen?“ „Keine Ahnung, er wusste ihn, das war ja das Faszinierende.“ „Hast du ihn nicht gefragt?“ „Doch natürlich.“ „Und was hat er gesagt?“ „Ich weiß es nicht mehr. Er hat mich auf eine Cola eingeladen.“ „Überlege Mami, was hat er gesagt, woher er deinen Namen wusste? Bitte!“ „Die beiden Jungs haben uns schon länger beobachtet, da hat er ihn wohl gehört, als mich Anna rief. Was tut das zur Sache?“ „Papa hat gesagt, er wusste ihn, weil er dich schon kannte, weil er wusste, dass er nur zu dir gehöre und zu niemandem sonst, nur zu dir! Dann ist er bösartig auf mich losgegangen, hat mich am Kragen gepackt und gesagt: ‚Ist das klar?’“ „Hat er dir was getan?“, fragte Mira besorgt. „Darum geht es nicht. Das heißt, eigentlich doch. Diese Frage scheint entscheidend für dich zu sein.“ „Er ist eifersüchtig auf dich. Er wollte mich für sich allein, nicht mit dir teilen, deshalb dieses Dilemma.“ „Was ist nach der Cola passiert?“ Miras Blick schweifte in die Ferne. Nicht in die Ferne, die es gab, sondern in die Ferne der Vergangenheit, sie fühlte sich ein in das Gefühl von damals: „Er saß neben mir, seitlich nach hinten versetzt. Wenn er sprach, spürte ich den Windhauch seines Atems. Der roch nach Zigarettenrauch und Cola. Wir unterhielten uns zu viert. Wenn ich etwas sagte, dann schaute er mich an. Dabei kamen seine Lippen so nahe an die meinen heran, dass sie sich fast berührten. Sanft lächelnd wich ich zurück, doch als er mehr Abstand hielt, da kam ich wieder näher. Er hatte seinen rechten Arm hinter meinem Rücken abgestützt, ab und zu kickte ich möglichst zufällig nach hinten, um seine Haut zu fühlen. Auch sein schwarzes Haar streifte im Gespräch meine Schulter. Es kam zu zarten Berührungen, die aussahen, als wären sie unbeabsichtigt. Mein Kribbeln im Bauch wurde immer intensiver. Ich wartete so sehr darauf, dass er mich wirklich anfassen würde, dass er mich in den Arm nähme, mich küsste, doch er ließ sich Zeit. Um uns herum wurde die Hitze unerträglich, die Sonne stach auf unsere Körper herab, denn der Schatten hatte unseren Platz verlassen. Längst hätte ich mich eincremen müssen, den Hut aufsetzen, doch ich wagte es nicht, mich von der Stelle zu bewegen, denn ich wollte keinesfalls riskieren, dass sich etwas an unserer Sitzstellung ändert. Ich kann es jetzt noch riechen, sein schwarzes Haar, es roch nach dem See, nach getrockneten Algen, das ist ein unnachahmlicher Duft. Seine Augen sah ich nicht, stattdessen blickte ich in mein eigenes Gesicht, denn er trug eine Spiegelglasbrille. Ich sah gut aus in diesen Gläsern, schöner als ich mich kannte. Mit diesem Augenblick hatte sich mein ganzes Ich verändert, so merkwürdig das sein mag, diese Tatsache hat sich bestätigt bis an den heutigen Tag. Bald eine Stunde saßen wir so da und lachten zusammen. Mike lachte eher nicht, er war ernst, undurchschaubar, geheimnisvoll. Jeder erzählte von sich, was er tat, was er vorhatte, wie alt er war, doch auch da hielt sich Mike zurück, er wurde immer stiller. Nicht nur mir fiel das auf. Er interessierte sich wenig für uns Mädchen, er blockte förmlich ab, wenn ich anfing, etwas über mich preis zu geben. Wenn ich sprach, dann kam er wieder ganz nah her, so als wollte er mich küssen, tat es aber nicht. Doch mir verschlug es stets die Sprache. Es war erregend, wie er das machte, er reizte mich damit, das schien er gut zu wissen.“ Renata war ruhig geworden. Die Mutter hatte von dieser ersten Begegnung nicht nur einmal erzählt, doch so hatte sie es noch nie getan. Man konnte fühlen, wie sie damals fühlte, man sah die Bilder vor sich. So sehr Renata ihren Vater verabscheute, sie hätte sich jetzt gewünscht, sie wäre es, die so geheimnisvoll umgarnt wurde. „Anna und Fred gingen ins Wasser, Mike und ich waren plötzlich allein. Jetzt, dachte ich mir, würde er es endlich tun.. Er legte seinen Mund an meine Wange, hauchte mir Worte ins Ohr. Ich verstand nichts, doch glaubte zu wissen, was er sagen wollte. Als ich aber nicht antwortete, versuchte er es erneut. Er sagte: ..“, Mira stockte, dann fuhr sie mit einem rätselhaften Blick fort: „Warum sagte er das eigentlich?“ Renata fragte nicht nach, sie schwebte gerade auf rosa Wolken und hatte ganz vergessen, was sie ursprünglich wissen wollte. „Er fragte mich, ob mich heute ein Mann angesprochen hätte. Und ich drehte meinen Kopf zu ihm hin, so dass unsere halboffenen Münder sich endlich kurz berührten. Aber er küsste mich immer noch nicht, er wartete auf die Antwort. Verdattert fragte ich: ‚Welcher Mann?’ Dann küsste er mich. Es war nicht ganz mein erster Kuss. Irgendwie nicht, aber irgendwie doch. Er war anders als die Küsse, die ich kannte, viel anders. Als ich dabei die Augen schloss, musste ich sie wieder öffnen, denn ich fürchtete, Mike könnte etwas absaugen, etwas von mir rauben, wenn ich nicht den letzten Überblick behalte. Dann musste ich plötzlich Luft holen, der Atem blieb mir fern. Es war sicherlich so überwältigend, wie ich es mir ausgemalt hatte, doch es war gar nicht so einfach. Ach Renata, mein Kind!“, rief sie aus, fuhr sich mit den Fingern durch das sehr ungepflegt, wie Putzwolle aussehende rot-graue Haar, „wenn ich doch nur wüsste, wie sich das wirklich anfühlt.“ „Wie sich Küssen anfühlt?“, fragte Renata mit einem Lächeln. „Ja! Wie sich so ein richtiger Kuss der Liebe anfühlt. Nein. Nicht wie er sich anfühlt, nur ob er so ist, wie die Küsse von Michael damals.“ „Das ist wirklich nicht so leicht zu beantworten“, sagte die Tochter amüsiert. Mira legte ihr die Hand auf die Schulter. „Ich wollte auch nicht, dass du mir diese Frage beantwortest, mein Schatz, ich wollte nur zum Ausdruck bringen, dass ich mir diese Frage schon oft gestellt habe.“ „Vielleicht bräuchtest du Vergleichsmöglichkeiten“, sagte Renata heiter. Mira lachte auf, „lieb von dir, aber ich denke nicht...“ Renata legte ihr den Finger auf den Mund: „Sag niemals nie.“ Sie schwiegen einen Moment, Mira ging zum Fenster. Sie blickte in den leeren Hof, in dem der gerade aufgekommene, etwas stärkere Wind, ein Papiertaschentuch über den Boden fegte. Es klebte frisches Blut daran, Mira sah sofort weg. Sie wollte verhindern, dass eine weitere Vision kam, doch sie war offenbar nicht schnell genug: Vor ihren Augen ergoss sich kübelweise Blut. Es floss im Staub des Bodens zu einem Fluss zusammen in ein Abflussgitter. Sie hob den Kopf und sah einen Berg, bald zehn Meter hoch, voller toter Pferde. Fliegen kreisten darüber, über und über. Es stank bestialisch nach Seuche und Tod. Ein kleiner Junge saß inmitten diesem Blutes und wimmerte. „Wumm!“ Es tat einen gewaltigen Rums und Mira glaubte zu Boden zu fallen. Einen winzigen Augenblick lang rasten neue Bilder an ihr vorbei, noch mehr Blut, ganz, ganz viel... Als sie zu sich kam, war sie nicht gefallen, sie stand immer noch am Fenster, ein Blitz erhellte den Raum. Dann ein Donner. Schnell drehte sie sich um. Renata saß ruhig da. Sie trank gerade aus ihrem Glas. Offensichtlich hatte sie nichts bemerkt. Es musste ganz schnell gegangen sein, kaum zu merken. Eine Sekunde, ein Blick aus dem Fenster, nichts weiter. Mira wollte nicht, dass Renata mitbekam, dass erneut etwas nicht stimmte, also fuhr sie fort zu erzählen: „Am Abend sind wir auf das Fest gefahren. Die beiden Jungs waren deshalb extra von Seefeld gekommen. Das Brückenfest.“ Sie hielt inne, setzte sich wieder zu ihrer Tochter auf die Couch. „Mike wollte nicht da hin, absolut nicht, doch Fred konnte das nicht akzeptieren. Immer wieder versuchte er Mike eine Antwort zu entlocken, weshalb sie extra so weit mit dem Fahrrad gefahren wären, um dann nicht auf das Fest zu gehen. Sie hatten beide bereits zehn Euro für Getränke bezahlt. Lange noch redeten alle auf ihn ein, er solle nicht so stur sein, doch er beharrte darauf, er wolle nicht dort hin. Zu Guter Letzt behauptete er, es würde nicht stattfinden, wegen des Wetters. Das war sehr unglaubwürdig, denn wir hatten strahlenden Sonnenschein. Der Wetterbericht hatte Gewitterneigung angekündigt, sagte er. Wir wollten das nicht glauben, aber niemand sonst hatte den Wetterbericht gehört. Und tatsächlich, es gewitterte gewaltig, so wie jetzt ungefähr“ Es donnerte und blitzte, Mira zuckte zusammen bei jedem Donner. Sie fürchtete ihr Herz könnte seinen Rhythmus nicht mehr richtig finden. „Wo seid ihr hingegangen?“ „Mike ist heim gefahren, Anna, Fred und ich zur alten Eisenbahnbrücke. Doch auch mit dem Fest hatte er Recht, denn es fand nicht statt. Die Leute, die es organisiert haben, hatten wohl auch den Wetterbericht gehört. Als wir dort ankamen, war niemand da. Gespenstisch still war es um die Brücke herum. Sie liegt im Wald an einem Weg. Es ist ein schöner Ort. Anna und ich lagen im Sommer oft auf dem Pfeiler und sonnten uns oben-ohne.“, Mira zwinkerte schelmisch. „Diese Brücke ist hohl innen, es gibt von beiden Seiten Eingänge, verwachsen und schmal. Dieser Wald ist schön, viele Vogelstimmen sind zu hören, das satte Grün des Waldklees schmückt den Boden seit Jahrzehnten. Die Bäume sind in saftigem Laub, ihre alten, dicken Stämme geben dir Halt. Ein Glück, dass diese Bahnstrecke nie gebaut wurde. So schön es war, so beschwingt wir uns dort immer fühlten, wir ahnten nicht, welche Gefahren an diesem Ort lauerten. Merkwürdig, aber ich wusste es, in mir ahnte etwas, dass die Brücke jemanden verschlingen wollte an diesem Abend. Denn als das Unwetter kam, Anna und Fred sich in das hohle Gemäuer flüchteten, da lief ich davon. Ich rannte und rannte gegen den Wind. Es kam so viel Wasser auf einmal, dass es mir vorkam, als befände ich mich in einem reißenden Fluss, schwimme gegen den Strom. Ich schnappte nach Luft, versuchte mein Gesicht zu schützen. Etwas zerfurcht kam ich zu Hause an, meine Eltern hatten sich bereits große Sorgen gemacht. In dieser Nacht waren Feuerwehr, Militär und Technisches Hilfswerk überall unterwegs. Es schlug der Blitz zweimal ein, es brannte und krachte, Bäume wurden entwurzelt, Autos fielen um, Hütten lösten sich in ihre Bestandteile auf, Keller liefen voll, Dachziegel wirbelten durch die Luft, der Tod ging um in dieser Nacht.“ „Tod?“, fragte Renata entsetzt, die diese Geschichte eigentlich etwas anders kannte. „Tiere, Renata; keine Menschen, Gott sei Dank. Auch Anna und Fred wurden gerettet, wie du weißt. Die Feuerwehr hat sie ausgebuddelt. Sie waren mit einer Kies-Lawine ins Innere der Brücke gerutscht und kamen nicht mehr nach oben. Dort unten war es finster, sie wussten nicht, wohin sie traten. Immer wenn sie einen Schritt nach oben machten, rutschte noch mehr Kies nach unten. Sie schaufelten sich praktisch ihr eigenes Grab. Aber dann geschah ein Wunder: Da war plötzlich ein Raum im Inneren der Dunkelheit des Gemäuers, in dem sie Schutz fanden. Der Raum war vorher nicht da, ich schwöre es, wir waren ja tagsüber schon oft da unten.“ „Wurde das untersucht?“, fragte Renata neugierig. Ihre Mutter hatte schon viele Wunder gesehen. Renata liebte diese Geschichten. „Nein, das kam nicht auf, die Leute von der Feuerwehr wussten ja nicht, dass es diesen Raum vorher nicht gab. Sie sahen nur sich selbst, als die Katastrophe überstanden war; die Helden, die in dieser Nacht Menschenleben retteten. Helden waren sie auch; was die Rettungsorganisationen leisteten, war unglaublich - nicht ein einzig Verunglückter starb. Aber sie feierten noch jemanden als Helden, der gar keiner war: Mich. Wegen mir kamen sie rechtzeitig, um Anna und Fred zu retten, doch ich hatte nichts Heldenhaftes getan, im Gegenteil, ich hatte Angst und bin davongelaufen. Wenn ich dageblieben wäre, wären wir vielleicht alle gestorben, weil niemand wusste, wo wir waren, einesteils. Auf der anderen Seite habe ich meine Freundin im Stich gelassen.“ „Aber deine Entscheidung war doch die klügere, die beiden hätten ja auch mit dir zusammen heimlaufen können.“ „Dass ich heil angekommen bin, das ist wohl auch ein Wunder, Renata. An diesem Abend wirbelte es Bäume durch die Luft. Es wäre schon vernünftiger gewesen, Schutz zu suchen, denke ich. Der Mut der Verzweiflung hat mich angespornt, die Feigheit hat mich getrieben.“ „Die Geschichte über diesen Sturm ist bekannt, genauso wie die Unerklärlichkeit eines Orkans in unserem Lande. Da beißen sich die Meteorologen noch heute die Zähne aus, es ist ein Mysterium. Und ich bin froh, dass du mir dies erzählst, denn ich bin mir sicher, das hat etwas zu tun mit alle dem.“ „Mit deinem Vater?“ „Ja. Er wusste, was passieren würde, oder?“ „So habe ich das noch nicht gesehen.“ „Du, ausgerechnet du! Du bist ein Profi in Sachen Mysterium. Ich frage mich, warum sie dich nie gefragt haben, ob du weißt, weshalb das geschehen ist, ob das der Zorn Gottes war oder so.“ Mira lachte. „Oh, das haben sie. Die fragen mich immer, wenn so was passiert, aber ich denke du weißt, was ich da antworte.“ „Dass, wenn es ein Zeichen war, ein Zeichen ist, welches sie selbst deuten sollen und nicht du.“ Mira lächelte. „Wenn Gott bei dir anklopft, dann will er dir was sagen, nicht mir.“ „Warum gibt es dann Propheten, Mami? Dann könnte Gott seine Boten doch gleich einsparen, wenn er jeden einzeln anspricht.“ „Ich weiß es nicht, Renata. Wenn ich das nur wüsste..“, sagte sie, ihr heiterer Gesichtsausdruck zerfiel. In ihren Augen stand tiefste Verzweiflung. Mira Silberbach sprach täglich zu den Menschen, predigte, berichtete von ihren Eingebungen, oft aber kam ihr der Gedanke, dass das falsch war. „Wollen wir Anna besuchen, Mami?“ „Kennst du sie denn noch? Als du sie zum letzten Ma...“ „Da war ich ein Kind. Nein, ich kenne sie nicht, aber ich will etwas wissen von ihr.“ „Dann funke sie doch an.“ „Das habe ich. Sie will mir nichts sagen, irgendwie will sie nichts wissen von dem Thema Brücke.“ „Na ja, sie war in Lebensgefahr dort.“ „Aber ich will genau das wissen von jenem Abend, deshalb brauche ich dich! Bei dir wird sie sicher mehr erzählen“ Mira nahm ihre Hand. „Warum bist du gekommen?“ Renata zog sie weg. „Mami, muss ich meinen Besuch bei dir mit meinen Gefühlen für dich rechtfertigen oder bin ich auch willkommen, wenn ich dich um Hilfe bitte?“ „Du bist natürlich immer willkommen, Rehlein“, sagte sie schnell und ertappte sich dabei, viel zu viel mit sich selbst beschäftigt zu sein. Renata hatte es stets geärgert, wenn die Mutter sie ‚Rehlein’ nannte, denn von den beiden war eher Mira das Rehlein. Als Renata aber heute in diese traurigen müden Augen blickte, wurde sie auch traurig. Traurig über sich selbst, weil sie diese Liebe, die in diesem Ausdruck stand, nun von sich wies. Es ist beengend von Mira geliebt zu werden, zum Einen. Zum Anderen ist es das, was sie immer wollte... wieso wollte sie das immer? Es gab einen Teil in ihr, den sie nicht verstand; es gab in ihr etwas, das anders lebte und liebte als der Rest, der andere Dinge sah, der anders handeln wollte, der die eigene Mutter nicht als die Mutter sah. Das war ein Teil dessen, was sie glaubte, sich erst erklären zu können, wenn sie herausbekam, was es mit ihren Alpträumen auf sich hat. Denn sie war sich sicher, dass diese Träume keine Träume waren, sondern Erinnerungen an ein früheres Leben. Der Schlüssel dazu lag, so ungünstig dies auch schien, bei ihrem Vater. Die Mutter war ebenso unwissend wie Renata selbst und was sie wusste, verdrängte sie. Anna und ihr Mann, die könnten noch etwas wissen; zu denen sollte Mira ihrer Tochter Zugang verschaffen. Es drängte sich die Frage auf, warum die Menschen, die das Geheimnis zu kennen schienen, überhaupt nicht bereit waren, auch nur einen Ansatz davon preiszugeben. Glaubten sie selbst nicht daran? Hatten sie Angst um ihren Verstand? Oder wussten sie genau, um was es ging und schwiegen absichtlich? Versuchten sie Renata vor der Wahrheit zu schützen? Verdammt seien sie, dächten sie so! Renata war stark, nichts könne sie mehr erschüttern, als die Unwissenheit darüber! „Du hast Alpträume, wovon träumst du?“, fragte Mira plötzlich. Renata war nicht ganz gefasst auf diese Frage, zögerlich sprach sie: „Ich träume, dass ich Menschen erschieße.“ „Beschreibe das“, sagte Mira. Renata wollte nur ungern diese traumatischen Bilder jetzt vertiefen, doch im gleichen Maße freute sie sich, endlich das Interesse der Mutter an ihrem Leid erweckt zu haben. „Es ist Krieg, ich bin ein deutscher Soldat.“ Sie holte Luft, „ein deutscher Soldat im Zweiten Weltkrieg. Ich arbeite in einem Konzentrationslager als Aufseher, stoße einem halbverhungerten Juden ein Gewehr in die Rippen und werfe eine Frau mit Baby am Arm in eine Grube. Dann gebe ich ein Erschießungskommando. Es fließt Blut, unschuldiges Blut, literweise...“ Renata legte ihr Gesicht in die Hände, sie wollte es am liebten zerkratzen. Ihr wurde übel, deshalb lehnte sie den Kopf bei Mira an. Mira nahm Renatas Hände vom Gesicht und starrte sie an. „Ich werde dir helfen herauszufinden, was du wissen willst“, sagte sie bestimmt. „Ach wirklich?“, fragte Renata überrascht. „Wir können zu deinem Vater gehen, zu Anna und Fred oder zu der Brücke, wo immer du meinst, etwas zu erfahren, wir machen das zusammen.“ „Das war es doch, um was ich dich bat. Wieso wolltest du vorher überhaupt nicht, jetzt aber schon?“ „Weil ich die selben Träume habe, mein Kind.“ Die Reise Anna und Fred Mira erlebte ein Gefühl, das sie schon völlig vergessen hatte: Reiselust. Es war nicht so, dass Mira niemals weg fuhr. Im Gegenteil, sie besuchte ständig andere Länder, die Menschen verlangten nach ihr rund um die Welt. Doch diese Reisen waren anders. Selbst bei ihr, sie wäre allein gar nicht auf die Idee gekommen, gab es offensichtlich einen Unterschied zwischen Beruf und Freizeit. Miras Beruf war ihre Berufung, es war erfüllend, was sie tat. Dennoch, sie hatte niemals Urlaub davon. Außer jetzt. Zudem war es kein Urlaub, wie ihn jeder hat, eine Badereise oder Erholung im Schwarzwald, nein, es würde ganz sicher ein Abenteuerurlaub werden. Eine Reise mit dem Menschen an ihrer Seite, den sie am meisten liebte, ihrer Tochter. „Es ist eine fantastische Idee von dir, dass wir zusammen wegfahren mein Schatz“, rief Mira glücklich am Tag der Abreise aus. Renata lachte: „Ja, ich fühle mich auch so, als würden wir in Urlaub fahren, so wie damals.“ „Griechenland.“ „Ja, Griechenland.“ „Es war die schönste Reise, die ich je gemacht habe.“ „Und deine Flitterwochen?“, fragte Renata unbedacht. Die Mutter wurde still. Renata legte die Hand auf Miras, „Oh, sorry, denk nicht dran, Mami“. „Außerdem waren wir nicht nur einmal zusammen weg“, rechtfertigte sich die Mutter. „Okay, ich meinte am Meer.“ „Ans Meer führt uns unsere Reise leider auch nicht, aber das könnten wir dranhängen, findest du nicht?“ Renata musste wieder lachen, Miras plötzliches Temperament amüsierte sie. „Du bist aber jetzt reiselustig geworden, wenn man bedenkt, dass du erst gar nicht weg wolltest.“ „Du hast mich wohl angesteckt.“ Renata schwieg. Sie sah diese Reise etwas anders, doch sie versuchte sich der Stimmung ihrer Mutter anzupassen.
