Die andere Seite - Carl O. Ingram - E-Book

Die andere Seite E-Book

Carl O. Ingram

4,4

Beschreibung

Liebe und Schmerz, Groll und Zuneigung. Der Autor beschreibt die Suche eines beruflich erfolgreichen Managers, der nach fast zwanzig Jahren Ehe mit seiner ebenfalls hoch qualifizierten Ehefrau feststellt, dass er in den letzten Jahren gezweifelt hat, und dass Groll und Zwist das Verhältnis zwischen ihnen und auch zu den Kindern belasten. Da sie darauf besteht, sich zeitweilig zu trennen, begibt er sich auf eine Suche nach der Frau, die er aus Liebe geheiratet hat und mit der er so viel Schönes erlebt und erreicht hat. Er stellt fest, dass er und seine Frau sich in vielen Fragen verstehen, aber in manchen Dingen seit einigen Jahren Streit ausbricht. Er hinterfragt sein Handeln, ihre bürgerliche Existenz und dann ihr Handeln. Er versucht, alle Oberflächlichkeiten und alles Materielle zu entfernen und ihre Essenz, ihren Kern zu verstehen. Er tut dies in Reisen, die er mit ihr unternommen hat, und die ihm nun wie der größte Schatz scheinen, den er von dieser Welt eines Tages mitnehmen kann. Je mehr er in sich schaut, desto deutlicher stellt er fest, dass seine Liebe zu ihr ehrlicher und reiner ist, als er glaubte. Je mehr er in sie schaut, desto eindrücklicher sieht er, wie verletzlich sie ist, sie, die sie ihn aus seiner Sicht manchmal angriff, unter ihrer vordergründig von Zeit zu Zeit rauen Schale, und dass er ihren Kern noch immer liebt. Er macht sich daher auf die Suche, was ihr Kern und was der Kern eines Menschen überhaupt ist und hinterfragt wieder und wieder, ob seine Liebe zu ihr noch aufrichtig ist. Es ist eine kräftezehrende und bis an den Rand der Belastung führende Reise zu sich selbst und zu dem Menschen und den gemeinsamen Kindern, den und die er über alles liebt. Auf dieser Reise kommt er an viele Stationen, die sie gemeinsam erlebt haben, an die schönen und schweren Erlebnisse. Er versucht, sich immer mehr in seine Frau hinein zu versetzen, sie zu verstehen. Er versucht, ihren Kern zu sehen. Er fühlt, dass er ihr so nah ist, aber sie nun nicht erreichen kann. Diese Reise kostet ihn mehr Kraft als er sich vorstellen konnte. Sie führt ihn in die Tiefen ihrer Beziehung, in der er Gutes findet, und in die Erkenntnis, dass Nichtigkeiten seine Liebe zu dieser großartigen Frau belastet haben. Er fragt sich, wie der Alltag und das Rad, in dem er steckte, dies bewirken konnten. Es ist eine Reise, wie er sie zuvor noch nie erlebt hat.

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Seitenzahl: 477

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Prolog

Kapitel 1 – Die verdeckte Kraft

Kapitel 2 – Der Kern

Kapitel 3 – Der Reinheitsgrad der Wärme

Kapitel 4 – Zeit zur Selbstentdeckung

Kapitel 5 – Der Spalt

Kapitel 6 – Groll und Gewöhnung

Kapitel 7 – Die Überraschung

Kapitel 8 – Einsicht und Besserung

Kapitel 9 – Versöhnung

Kapitel 10 – Die kleinen Schritte

Kapitel 11 – Demut

Kapitel 12 – Der Spiegel

Kapitel 13 – Die andere Seite

Kapitel 14 – Umlaufbahnen

Kapitel 15 – Einsiedel

Kapitel 16 – Der Ring

Kapitel 17 – Zweisam

Einleitung

Liebe und Schmerz, Groll und Zuneigung. Der Autor beschreibt die Suche eines beruflich erfolgreichen, international geprägten Managers, der nach fast zwanzig Jahren Ehe mit seiner ebenfalls hoch qualifizierten Ehefrau feststellt, dass er in den letzten Jahren immer nur an das Weiterkommen gedacht und dabei gezweifelt hat, und dass Groll und Zwist das Verhältnis zwischen ihnen und auch zu den Kindern belasten.

Da sie darauf besteht, sich zeitweilig zu trennen, begibt er sich auf eine Suche nach der Frau, die er aus Liebe geheiratet hat und mit der er so viel Schönes erlebt und erreicht hat. Er stellt fest, dass er und seine Frau sich in vielen Fragen verstehen, aber in manchen Dingen seit einigen Jahren Streit ausbricht. Er hinterfragt sein Handeln, ihre bürgerliche Existenz und dann ihr Handeln. Er versucht, alle Oberflächlichkeiten und alles Materielle zu entfernen und ihre Essenz, ihren Kern zu verstehen. Er tut dies in Reisen, die er mit ihr unternommen hat, und die ihm nun wie der größte Schatz scheinen, den er von dieser Welt eines Tages mitnehmen kann.

Je mehr er in sich schaut, desto deutlicher stellt er fest, dass seine Liebe zu ihr ehrlicher und reiner ist, als er glaubte. Je mehr er in sie schaut, desto eindrücklicher sieht er, wie verletzlich sie ist, sie, die sie ihn aus seiner Sicht manchmal angriff, unter ihrer vordergründig von Zeit zu Zeit rauen Schale, und dass er ihren Kern noch immer liebt, und vielleicht mehr als jemals. Er macht sich daher auf die Suche, was ihr Kern und was der Kern eines Menschen überhaupt ist und hinterfragt wieder und wieder, ob seine Liebe zu ihr noch aufrichtig ist. Es ist eine kräftezehrende und bis an den Rand der Belastung führende Reise zu sich selbst und zu dem Menschen und den gemeinsamen Kindern, den und die er über alles liebt. Auf dieser Reise kommt er wieder und wieder an viele Stationen, die sie gemeinsam erlebt haben, an die schönen und schweren Erlebnisse. Er versucht, sich immer mehr in seine Frau hinein zu versetzen, sie zu verstehen. Er versucht, ihren Kern zu sehen. Er fühlt, dass er ihr so nah ist, aber sie nun nicht erreichen kann.

Diese Reise kostet ihn mehr Kraft als er sich vorstellen konnte. Sie führt ihn in die Tiefen ihrer Beziehung, in der er Gutes findet, und in die Erkenntnis, dass Nichtigkeiten und bürgerliche Spießigkeit seine Liebe zu dieser großartigen Frau belastet haben. Er fragt sich, wie der Alltag und das Rad, in dem er steckte, dies bewirken konnten. Er fragt sich nun mit mehr Ruhe, warum er es nicht geschafft hatte, über den Dingen zu stehen, die er als verletzend empfand. War es vielleicht gerade, weil er sie so sehr liebte? Es musste für sie aussehen, als würde er sie manchmal nicht sehr lieben. Er fragt sich immer wieder, wie sie wohl nun empfindet, und ob sie auch an sein Innerstes denkt oder ob ihr die gemeinsame Geschichte mit ihm und den gemeinsamen Kindern gleichgültig geworden ist. Er versucht zu verstehen, was in ihr vorgeht. Er glaubt, sie dabei unter den damit verbundenen Leiden immer besser erkennen zu können. Er fühlt zumindest, dass er sich immer besser in sie, die er seit fast zwanzig Jahren kennt und liebt, hineinversetzen kann. Ihm wird bewusst, dass er fast zwanzig Jahre nur an sie gedacht hat, auch wenn er sie vielleicht nicht vollkommen verstehen kann und man einen anderen Menschen möglicherweise niemals vollkommen verstehen kann. Er sieht ihren Kern immer deutlicher, je weiter er auf dieser Reise unterwegs ist, und erleidet dabei den Schmerz, den ein Mensch fühlt, der von seinen Liebsten getrennt worden ist. Dabei fühlt er, dass ihr Kern so glänzt, wie er es immer fühlte, wenn sie zu ihm kam und leuchtete. Er ist überzeugt, dass die Probleme zu lösen sind. Dies quält ihn noch mehr, gibt ihm aber einen Funken Hoffnung für die Zukunft.

Er lebt eine Zeit lang sehr allein, um besser zu verstehen, ob sie den Unterschied macht, oder einfach die Nähe und Gesellschaft anderer Menschen, sie Sozialisation, entscheidend ist, weil der Mensch nicht allein sein will oder kann. Er fühlt sich an Gestrandete erinnert. Er fühlt, wie Traum und Wirklichkeit nachts und tags immer mehr verschwimmen. Er bemerkt, dass er den Traum immer mehr schätzt, denn nur im Traum ist er bei ihr. Er empfindet das Leben außerhalb des Traumes immer mehr als Zumutung.

Nach einigen Monaten stellt er fest, dass sie alles für ihn bedeutet und er sieht ein, wie wenig wir beeinflussen können in den großen Fragen. Die Verdammnis zum Warten quält ihn, der er immer alle Probleme gleich anging und alles zu erreichen glaubte, mehr als er sich zugeben will. Er sieht, dass ihre Liebe ihm wichtiger ist als alles Materielle. Er dreht sich zu allen Seiten, zu Alkohol, Arbeitswut, Beten und Lethargie und einem Leben von Tag zu Tag und muss sich eingestehen, dass nichts hilft und es kein Entkommen gibt aus dieser Hölle und er vieles hätte besser machen können. Er stellt sich nun die Fragen, worum es geht im Leben, wenn man sich nicht mit Nichtigkeiten und Ersatzzielen oder Drogen betäubt, wenn man sich nicht von der Gesellschaft und den Medien beschäftigen und instrumentalisieren lässt. Für ihn sind das in dieser Situation die Fragen nach Liebe und Tod, Schmerz und Erlösung. Nun bleibt ihm nur Warten und Hoffen, dass auch sie ihre Liebe zu ihm wiederentdeckt, und die Erkenntnis, dass eine Reise ins Innere Aufschlüsse und Gefühle, Findung und Schmerz bergen kann, wie sie wenige Reisen an andere Orte, auch für ihn, der er weit und um die Welt gereist ist, ermöglichen.

Prolog

Es bleibt alles anders.

Sie war immer mehr eine Ikone für ihn. Sie war nun vierundvierzig Jahre alt, sie war schön, gebildet und voller Charme. Er wusste nicht, wie er es ihr sagen sollte. Sie steckte in einer handfesten Krise. Sie litt. Sie wusste nicht, wohin sie wollte. Er war in den letzten Jahren unzufrieden gewesen. Er hatte nicht gewusst, wohin er wollte. Unzufrieden durch ein Leben, dass Sicherheit illusionierte. Er hatte es für sie so geführt, für die Illusion der Sicherheit. Sie hatte es nicht von ihm verlangt. Aber er hatte es gefühlt. Er hatte immer versucht, zu tun, wovon er annahm, dass es sie glücklich machen würde.

Sie hatte gedacht, dass er sich durch sie und die Kinder eingeengt fühlte. Dabei fühlte er sich durch die Arbeit eingeengt. Diese Enge hatte sie als Vorwurf an sich gesehen. Er hatte einige Male versucht, diese Enge aufzubrechen. Er wollte sie mit ihr aufbrechen. Er wusste, sie konnte es, sie war frei in sich und in ihm, wenn sie es wollte. Er hatte es nicht genug versucht. Sie hatte gestritten, die Situation hatte sich immer mehr aufgeladen und war manchmal eskaliert.

Es gibt einen Spruch eines Meisters aus Südostasien, der sinngemäß heißt: Wenn ein Mensch den Zustand vollkommener Ruhe und Harmonie erreicht, dann reflektiert er in perfekter, harmonischer Weise das Universum. Er fühlte, dass er nun immer mehr in einen Zustand der Ruhe kam, wie er sich ihm schon früher manchmal und kurz genähert hatte. Er fühlte sich immer mehr eins mit dem Universum. Er fühlte sich vereinigt. Er fühlte sich manchmal in der Leere. Die Leere hatte ihren Schrecken verloren. Er fühlte, dass er in der Leere in ihr war. Er fühlte, wenn er durch die Natur ging, und es Lichtwechsel oder Wind gab, dass da etwas war, das bei ihm war. Er fühlte sich dann nicht allein. Je mehr er dies empfand, umso mehr fühlte er, dass er immer noch alles gegeben hätte, um mit ihr zusammen zu sein, dass er aber nicht mehr diesen unmittelbaren Drang zur Vereinigung mit ihr spürte, sondern einfach nur den Wunsch dazu, ohne Eile, ohne Zwang. Diesen unmittelbaren Drang, der sie offenbar Kraft gekostet hatte, wie sie es beschrieben hatte, diesen Drang hatte er nicht mehr unvermittelt. Er wollte sie, aber sein Drang zu symbiotischer Verschmelzung fühlte sich nun locker an, nicht so starr. Er war da für sie. Wenn sie es wissen müsste, würde sie es spüren. Er vermutete, dass sie dies sehr freuen würde, falls sie es erfahren würde. Obwohl er das zur Zeit auch nicht mehr wusste. Vielleicht wäre es ihr auch vollkommen gleich. Sie war in einigen Dingen immer ein wenig distanzierter in der Beziehung gewesen als er. In anderen Dingen schien sie sehr empathisch. Sie war vielleicht auch vom Temperament her anders. Er fühlte in sich stark die tiefen Gefühle für sie, und es fühlte sich entspannter an als in den Jahren zuvor. Er fühlte, dass er in seinem Herzen mit ihr zusammen war. Zeit wurde relativer. Er fühlte, dass er eine Woche der Trennung von ihr besser ertragen konnte als zuvor. Er tröstete sich mit seinem Gefühl der Einigkeit, des Universums. Er konnte dieses Gefühl nicht ständig erreichen, aber es kam öfter. Er tröstete sich mit der Betrachtung der Ruhe und der Leere. Je mehr er sich dem Zustand vollkommener Ruhe und Ausgeglichenheit näherte, und er war immer noch weit davon entfernt, diesen Zustand dauerhaft zu erreichen, desto mehr relativierte sich seine Vorstellung, vielleicht Monate oder Jahre nicht mit ihr zusammen sein zu können. Was war Zeit. Er hatte noch nicht vollständig verstanden warum, ob es Resignation war oder eine neue Stufe seiner Liebe für sie. Es war ein ruhigeres Gefühl für sie. Er machte sich Sorgen um sie. Er machte sich Sorgen um die Kinder. Doch die Last der Sorgen ruhte nicht mehr auf seinen Schultern allein. Sie ruhte auf ihren Schultern allein. Er hätte ihr gern ein wenig Last abgenommen. Er hatte ihr immer die Last des Lebens abnehmen wollen. Er hatte ihr immer alles recht machen wollen, und er hatte sich daran mit ihr in den Diskussionen aufgeheizt. Er hatte es nicht immer gut gemacht.

Er kam immer mehr in den Zustand der Befreiung von Wünschen und Trieben. Sie waren noch da. Aber sie waren nicht mehr stark. Er hatte selten Hunger. Es äußerte sich nicht mehr wie früher in einer Lust zu essen, sondern ab einem gewissen Punkt in einem Schmerz oder Unwohlsein, weil der Körper nach Nahrung verlangte. Er aß dann ohne Zweifel, aber es war keine starke Befriedigung mehr. Ihn wunderte dies. Die Sache hatte Vor- und Nachteile. Geringeres Leid und geringere Abhängigkeit, auch ein gesünderes Essen, aber auch weniger Lustgewinn. Er fühlte sich dadurch ein wenig von der Gesellschaft entfernt. Konsum und Lust waren weiter weg von ihm. Das Interessante war, die Verringerung an Lustgewinn störte oder schmerzte ihn nicht sehr. Der Schmerz in ihm war so groß, dass es ihn grundsätzlich nicht mehr sehr interessierte zu essen. Trotzdem konnte er nicht sagen, dass er es nicht mehr gern tat oder es vollkommen unterließ. Es war einfach weniger wichtig für ihn. Er spürte in sich auch einen immer geringeren Drang nach tierischen Proteinen. Er war da, er wollte manchmal noch Fleisch oder Fisch essen, aber wenn er zum Beispiel regelmäßig ein wenig tierisches Protein aß, ein Ei, reichte ihm das fast schon. Überhaupt reichten ihm geringere Mengen an Nahrung, ein Drittel von der früheren Menge. Es reichte ihm zu essen, bis der Schmerz oder das Unwohlsein verschwunden waren. Dann aß er manchmal noch ein wenig weiter, weil er wusste, dass er Energie brauchte, aber nicht mehr so viel wie früher. Wenn er an sie dachte und glücklich war, aß er noch weiter. Er hatte ca. zehn Kilogramm abgenommen. Er spürte, dass in seinem Leben weniger Platz für Fett war. Er hatte keinen Appetit.

Dies alles kam, als er seine Frau vermisste, die Abstand von ihm wollte, und seine Kinder, und es wunderte ihn schon. Es konnte heißen, dass vor dem Schmerz, nicht mit ihr zusammen sein zu können, seine Wünsche, Lüste und Triebe verblassten. Welche Gefühle mussten das sein. Er musste forschen, ob es so etwas schon gegeben hatte. Er versuchte, diese Reise zu verstehen. Er gab nur wieder, was die Reise mit Träumen und Kreisen und wiederholtem Aufsuchen von Orten und Erinnerungen in seinem Inneren darstellte. Er versuchte darüber, sie zu verstehen, ihren Kern zu sehen. Er dachte darüber an die Nacht, die kommen würde, und in der er mit ihr zusammen sein könnte und in der er vielleicht bleiben würde, um nicht mehr aufzuwachen ohne sie.

Kapitel 1 – Die verdeckte Kraft

Sie waren neun Monate verheiratet. Ihre Tochter war vor acht Monaten zur Welt gekommen. Er stand kurz vor dem zweiten juristischen Staatsexamen. Er war konzentriert darauf, für die junge Familie eine Lebensgrundlage zu schaffen. Nun wollte sie einen kurzen Urlaub machen. Sie wollte nach Mallorca fliegen. Er war skeptisch. Eigentlich war er dagegen. Sein Vater war sehr alt, er fürchtete, ihn nicht mehr wiederzusehen. Jedenfalls würde er durch die Reise die ohnehin wahrscheinlich kurze Zeit, die ihm noch mit seinem Vater bleiben würde, verkürzen. Außerdem flog er nicht gern. Man konnte abstürzen. Was für ein lächerlicher Vorteil, in einen kurzen Urlaub zu fahren gegenüber dem Risiko, mit seiner frisch angetrauten Frau und dem im vorigen Jahr geborenen Kind ins Meer zu stürzen. Er fuhr lieber mit dem Auto. Es gibt Menschen, die sehen das anders. Stützen sich auf Statistiken, die das Fliegen als sicheres Reisen beschreiben. Er fand, dass ihm die Statistik wenig half, wenn es zu Absturz kam. Im Zweifel nahm er lieber den Wagen. Er hatte ihr das nicht gesagt. Sie freute sich so sehr darauf. Sie wollte diesen Urlaub unbedingt. Sie war erschöpft von der Geburt. Dorthin flog man mit dem Flugzeug. Zugegeben, auf eine Insel mit dem Auto dauert nochmals länger. Er hatte ihr gesagt, er sei einverstanden. Obwohl es in ihm ein wenig schmerzte. Obwohl sie gerade eine Familie gegründet hatten, noch kein Geld hatten und er lieber sparsam gewesen wäre für die Familie. Sein Vater hatte auch nur kurz einen Kommentar abgegeben, dann nichts mehr gesagt. Sie flogen also für einige Tage nach Mallorca. Als sie zum Flughafen fuhren, war seine junge Frau guter Laune. Sie fuhr gern in den Urlaub. Sie flogen morgens früh. Sie kamen schnell an Bord. Er fragte sich, wie ihre junge Tochter die Reise vertragen würde. Sie saßen in einer der vorderen Reihen. Beim Start schrie sie. Kleine Kinder leiden mehr unter dem Druckausgleich. Ihre Ohren schmerzen. Nach dem Start beruhigte sie sich allerdings schnell wieder. Er las. Seine Frau saß rechts von ihm. Er schaute manchmal herüber. Ihre Tochter machte Blödsinn auf der Schulter seiner Frau. Sie unterhielt die Reihen hinter ihnen im Flugzeug. Er sah, dass die Passagiere hinter ihnen auch ihren Blödsinn mit ihrer Tochter machten. Der Flug verging recht schnell. Seine Frau kümmerte sich um ihre gemeinsame Tochter. Wenn sie Zeit hatte, schaute sie gern aus dem Flieger und genoss anscheinend ihren Urlaubsbeginn. Bei der Landung schrie ihre Tochter wieder kurz, aber dann war es wieder gut. Sie war interessiert, es gab viel Neues zu sehen. Sie landeten und verließen den Flughafen. Noch am Flughafen auf Mallorca mietete er ein Auto. Sie mussten bei den Kosten immer zwei Mal nachdenken. Sie nahmen einen kleinen Wagen, einen Seat Ibiza mit einem schönen starken blau. Er dachte, das müsste ihr gefallen. Sie fuhren los. Er hatte natürlich keine Unterkunft gebucht. Er buchte nie eine Unterkunft. Er blieb da, wo das Wetter gut war und wo es ihm gefiel. Sie machte das ganz gern mit. Sie konnte auch ohne viel Planung eine gute Zeit haben. Außerdem kannte er viele Menschen in vielen Ländern. Das machte es ihm leicht, irgendwohin zu fahren. Zur Not konnte er immer noch einen Bekannten oder Freund anrufen. Allerdings kannte er niemanden auf Mallorca. Außerdem flogen sie außerhalb der Saison. Es war noch April. Sie fuhren zuerst vom Flughafen in Palma de Mallorca Richtung Osten. Sie wollten auf die östliche Hälfte der Insel. Dort sollte es schön sein und nicht zu überlaufen. Das war die grobe Planung. Sie kamen nach Cala Millor. Er wollte ein kleines Apartment buchen. Die Apartments hatten noch zu. Er fragte sich durch. Es schien schwierig, aber er ließ sich nie entmutigen. Er hatte so immer die interessantesten Orte gefunden. Er überzeugte schließlich einen Hotelier, ihnen für einige Tage ein Apartment mit Meerblick zu vermieten. Er fragte, ob er es sehen könnte. Er wollte immer sicher sein, dass es seiner Frau auch gefallen würde. Es kam natürlich aus ihm. Er schaute immer, ob es in Ordnung war. Er hätte das nicht für sich allein getan. Seine Ansprüche waren einfach. Er hatte niemals mit ihr darüber gesprochen. Es war für ihn selbstverständlich. Die Hotelangestellte führte ihn hin, sie gingen aus dem Büro über einen Platz in ein Mehrfamilienhaus, um zu sehen, ob es ihm gefiel. Seine Frau blieb mit der Kleinen am Auto. Er sah dies als Vertrauensbeweis an. Sie stiegen hoch und gingen in das Apartment. Es war dunkel. Die Angestellte öffnete die Jalousien. Es roch muffig. Das Apartment war den ganzen Winter über zu gewesen. Sie öffnete die Balkontüren. Meerluft. Sie zeigte ihm die Terrasse. Es war ein großes Apartment mit drei großen Schlafzimmern. Die Terrasse war größer als die Zimmer. Von dort konnte man über den kleinen Platz im Ort bis auf das Meer blicken. Er liebte das Meer. Er hatte es vermisst, seitdem sie ihn von dort weggebracht hatten als Kind. Er nahm das Apartment. Stolz ging er zu ihr zurück. Er sagte zu ihr: „Es ist gut. Wir nehmen es. Außerdem müssen wir froh sein, überhaupt etwas zu bekommen.“ Sie sagte: „Gut. Zeig´ es mir.“ Sie gingen zusammen mit der Kleinen hinauf. Sie war begeistert. Der Meerblick wog den anfänglichen Muff, der sich schon verzog, auf. Sie sagte: „Aber es ist doch viel zu groß.“ „Macht doch nichts. Such´ Dir ein Schlafzimmer für uns aus!“ Er lachte. Sie war zufrieden. Sie holten ihre Sachen aus dem Auto. Dann kauften sie ein und machten einen Spaziergang an der Promenade. Mit ihrem kleinen Sommerkinderwagen. Es war ein sehr einfacher, klappbarer rot weißer Kinderwagen. Sie dachten, er würde sich nicht nur gut für den Transport, sondern auch für den Strand eignen. Er kaufte ein für das Abendessen.

Er kochte gern. Er hatte den Eindruck, sie genoss es, dass er gern für sie kochte. Beim Einkaufen schauten sie auch, was es für die Kleine gab. Üblicherweise kochten sie selbst für sie Brei. Sie hatte immer noch Magenkoliken. Viele Nächte konnten sie nicht schlafen, konnte vor allem konnte seine junge Frau nicht schlafen. Das war anstrengend. Er verstand, dass es hart für sie war. Er rechnete es ihr hoch an, auch wenn sie manchmal ungerecht gegenüber ihm zu sein schien. Er kannte die Wirkung von Schlafentzug von seinem Wehrdienst bei der Bundeswehr. Im Geschäft gab es andere Geschmacksrichtungen als in Deutschland. „Schau´ mal“, sagte er, „mit Thunfisch.“ Er lachte. Sie sagte: „Bloß nicht, da schreit sie wieder.“ Sie lachte mit ihm. Am nächsten Tag gingen sie an den Strand. Der Strandkinderwagen war dort gut zu gebrauchen. Leicht. Sie legten sich an den Strand. Es war eine angenehme Temperatur trotz des Monats. Die Kleine krabbelte schon ein wenig umher. Alle schienen zufrieden. Also war er zufrieden. Er hatte sich ein wenig Arbeit und Lektüre mitgenommen. Er nahm sich immer etwas mit. So konnte er Dinge lesen, zu denen er sonst nicht kam. Er hatte den Eindruck, sie fand dies in Ordnung. Sie verstand, er tat dies für sie und ihre gerade gegründete Familie. Sie waren in diesem Urlaub unabhängig und flexibel, so wie es ihnen gefiel. Sie konnten nun den Wagen nehmen, wann sie wollten und die Insel erkunden oder einfach nur am Meer entlangfahren und anhalten zum Essen, wann sie wollten. Das gefiel ihr. Sie war immer interessiert und neugierig. Und ihr gefiel das Meer und die Wärme.

Er kam langsam zu sich. So schien sich die Welt abgewandt zu haben von ihm. Jede Bemühung, die Reaktionen seiner Umwelt zu verstehen oder gar vorauszusehen, war sinnlos geworden. Lag es an der Umwelt? Lag es an ihm? War er zu lange seinem eigenen Weg gefolgt? Hatte er zu lange nur an seine Familie gedacht? Wie hatte Rousseau gesagt? So bin ich, der sozialste aller Zeitgenossen, gezwungen, allein leben. Sinngemäß. Einen Moment fühlte er sich so. Obwohl er nicht allein war. Im sozialen Umfeld, im Bekanntenkreis, was seine Arbeit anging, hatte er viele Kontakte, mehr als er ernsthaft pflegen konnte und wollte. Aber er fühlte sich ohne seine Ehefrau und ihre drei gemeinsamen Kinder allein. Er hatte nur für sie gelebt. Er fühlte sich manchmal auch bei der Arbeit allein. Obwohl er mit vielen Menschen Umgang hatte. Nun, dort war es anders. Dort konnte er sich nicht geben, wie er war. Aber zu Hause, hatte er gedacht, dort könnte er so sein wie er war. Er wusste, oder er vermutete zumindest, dass seine Frau auch gern zu Hause so sein wollte, wie sie war. Es gelang ihr nicht immer. Es kamen immer wieder alte Streitpunkte auf. Er hatte das Gefühl, sie waren in den Streitmustern und in den Konventionen gefangen. Er hatte Konventionen im Grunde immer abgelehnt.

Seine Frau ging seit einiger Zeit bei jeder zweitbesten Gelegenheit aus der Haut. Er verstand zwar oft, dass sie nicht seiner Meinung war. Aber warum sie so extrem reagierte, blieb ihm zunächst rätselhaft. Es musste ein starker Groll in ihr sein. In ihr arbeitete eine Kraft, die er manchmal nicht voraussehen konnte. Sie explodierte dann. Er dachte oft zurück an die Zeiten, als ihr Leben harmonischer war. Sie hatten immer alles geteilt. Nun schien sie ihm in einigen Situationen wie von Sinnen. Dabei war er überzeugt, dass sie es nicht böse meinte. In ihr war ein guter Kern. Ihm war nun wieder aufgefallen, was für ein liebenswerter und außergewöhnlicher Mensch sie war, es war ihm aufgefallen trotz – und nicht wegen – ihrer extremen Reaktionen. Es ist ein schwieriges Alter, die Lebensmitte. Sie war nun vierundvierzig und stellte sich Fragen zum Sinn des Lebens. Und zu sich selbst. Ob sie noch schön war. Ob sie noch begehrenswert war und was noch kommen könnte. Wie in so vielen Lebensgeschichten war keine Zeit für die großen Fragen des Lebens gewesen. Kinder, Beruf, Ortswechsel. Eine hohe Schlagzahl. Die Kinder waren seit einiger Zeit kompromisslos in der Pubertät, sie waren nun siebzehn, fünfzehn – fast sechzehn - und vierzehn. Sie hatten drei Kinder, alle in einem Alter, in dem man seinen Platz in der Welt sucht. Und sie suchten. Sie mussten sich finden. Sie waren manchmal verunsichert, wie man das in dem Alter zeitweise ist, bevor man sich besser versteht.

Und was ging in ihr vor? Er versetzte sich in sie hinein. Er versuchte es. Jetzt dachte ihr Inneres nach. „Was ist mit mir? Bleibe ich auf der Strecke? Kann ich mich verwirklichen?“ Die Kinder waren im Zustand zeitweiliger geistiger Verrohung durch stundenlangen Gebrauch intelligenter Telefone. Das gab ihrer Pubertät eine besondere Dynamik, manchmal auch Aggressivität. Er versuchte dann immer, sich daran zurück zu erinnern, wie er sich in dem Alter gefühlt und aufgeführt hatte. In dem Alter ist man oft gegen etwas, man rebelliert, man probiert aus. Das ist natürlich. Für seine Frau war es nicht einfach, das verstand er. Er dachte immer mehr darüber nach, ob sie nicht immer stärker den Ansprüchen der Gesellschaft ausgeliefert war, und sie sich daran abarbeitete. Die Gesellschaft hilft nach. Frauen mittleren Alters sehen sich offenbar einem Schönheitsideal in den Medien gegenüber und einem Anspruch, Schönheit, Kinder und Beruf perfekt miteinander zu verbinden. Wenn man sich nicht davon freimachen kann, kann das auch die moderne Form der Sklaverei bedeuten. Es ist wahrscheinlich nicht einfach für eine Frau heute, falls sie sich nicht davon freihalten kann. Er fühlte immer mehr, dass sie unter diesen Ansprüchen zerrieben wurde. Es klang aus ihren Rufen nach Anerkennung für den Beruf, für die Kinder, für alles Mögliche. Er konnte ihr nicht verübeln, dass sie sich nicht vollständig von ihrer Umwelt freihalten konnte. Frei zu bleiben erfordert Unabhängigkeit. Frei zu bleiben verlangt viel Kraft. Die geistige Kraft musste sie oft für die Kinder nutzen. Sie tat es gern. Sie hatte ihre gemeinsamen Kinder, so glaubte er, immer als sinnstiftend angesehen. Er sah sie in jedem Fall so. Er akzeptierte niemals das Argument, dass es ohne Kinder mehr Freizeit und Freiräume gäbe und dass alles leichter wäre. Am besten noch, dass man sich dann besser verwirklichen könnte. Welch eine absurde Argumentation. Als ob die Zukunft der Selbstverwirklichung entgegenstände. Ihre gemeinsamen Kinder waren ein zentrales Glück in ihrem Leben. Auch wenn es Diskussionen und Streit gab. Seine Frau und er mussten das in die richtigen Bahnen lenken. Es war möglich. Es lag an ihnen.

Manchmal kann der Schmerz über Dinge, die vielen nichtig scheinen, größer sein als vermutet. Er war manchmal traurig darüber, wie das Verhalten verrohte. Er litt dann. Aber wie sollte jemand in einer materialistischen Gesellschaft, in die er getunkt worden war, dies erkennen können? Und hatten nicht immer die Elterngenerationen gesagt, dass die nächste Generation verrohte, dass früher alles besser war? War es übliches, wiederkehrendes Gerede? Vielleicht sah er alles falsch. Vielleicht musste man es sich einfacher einrichten im gegebenen System. So wie viele andere. Vielleicht die Kräfte teilen und bündeln in der Familie. Sich eine Insel schaffen. Sich nicht kümmern um Gesellschaft, Ethik, Sinnfragen. Für den Mann geht es, wenn die Frau nicht volltags arbeiten will, vor allem darum, Geld zu verdienen für die Familie. Er sieht sich dann der unausgesprochenen, latenten Aufforderung ausgesetzt. Ihm bleibt dann keine Wahl. Er hatte vor Jahren in einer Fortbildung auch über Geld nachdenken müssen. Sozusagen theoretisch. Nicht wie in seinem Leben mit seiner Familie praktisch, um es zu beschaffen. Wie hatte ein Professor Geld definiert in einer europäischen Universität? „Geld ist gespeicherte Energie.“ Dies hatte ihn zunächst überrascht. Eine eigenwillige Definition, hatte er damals gedacht. Geld ist Energie. In einer materialistischen Gesellschaft hieße das: Alle wollen hier Energie.

Das Leben ist einfacher, wenn man nur einer kleinen Menge gespeicherter Energie hinterher hechelt. Viele sind gezwungen, hinter diesen kleinen Mengen Energie hinterher zu laufen. Sie können, aufgrund ihrer Ausbildung und ihrer Fähigkeiten oder aufgrund ihrer Lebensumstände, nicht mehr verdienen und sich kein finanzielles Polster anschaffen. Sie haben keine Wahl, wenn sie sich nicht durch Risiko oder Weiterbildung und Glück ökonomisch auf eine andere Ebene heben können. Dabei wird der Lebensstandard ökonomisch definiert. Und wir haben ein System geschaffen, dass in einigen Zügen perfider ist als jede vergangene Diktatur. Nur lächelnd. Formal frei. Wie sollte sie sich diesem Druck entziehen, außer indem sie den Druck ihm überließ? Wie sollte sie das in Einklang bringen mit dem Anspruch, selbständig zu sein? Sie hätte sich fallen lassen können und ihm vertrauen. Er hatte zumindest immer alles gegeben für sie und für ihre Kinder. Er hatte immer gekämpft. Er würde auch weiterhin alles geben.

Sie befand sich also, wie sie angedeutet hatte, in einem Zustand der Orientierungslosigkeit. Er übrigens auch, spätestens seit ihrer Orientierungslosigkeit. Vielleicht lag das auch daran, dass er immer mit ihr gefühlt und gelitten hatte. Seitdem er sie kannte, seitdem er mit ihr zusammen war. Wenn sie eine Erkältung bekommen hatte, hatte er auch eine bekommen, wenn sie Bauchschmerzen zu erdulden gehabt hatte, hatte er auch welche bekommen, wenn sie unglücklich gewesen war, war er auch unglücklich geworden. Sogar als sie schwanger gewesen war, hatte er manchmal dieselben Symptome gehabt wie sie. Es hatte ihn immer gewundert, dass dies so war. Er hatte an den Spruch gedacht: „Geteiltes Leid ist halbes Leid.“ Er hatte dann gedacht: „Hoffentlich mindert mein Mitleiden ihr Leid, ansonsten wäre es eigentlich sehr dumm mitzuleiden.“ Aber er hatte es ohnehin nicht willentlich getan, es passierte einfach. Er hatte immer mit ihr gelitten. Er litt immer mit ihr. Sie war nie allein. Ob sie es wusste? Ob es für sie schön war, dass sie im Leben nie allein war, dass er immer bei ihr war in Gedanken, dass er immer für sie da war?

Es waren kleine Dinge, die manchmal ihre spirituelle Übereinkunft trübten. Sie war noch vor Monaten mit ihm in Berlin gewesen. Sie saßen an der Spree beim Abendessen. In der Berliner Republik. Sie schien zufrieden, vielleicht kurz glücklich. Sie hatte einen Anruf erhalten von einer Freundin. Er fand es schon immer respektlos, bei Tisch zu telefonieren – falls es kein Notfall war – oder sonst mit dem eigenen intelligenten Telefon zu kommunizieren oder auf dasselbe zu starren. Er hatte es ihr gesagt. Er war traurig, denn sie hatten bis zu dem Anruf ihrer Freundin eine gute Zeit gehabt. In solchen Momenten, wenn sie einen Augenblick der Zufriedenheit zusammen greifen konnten, dachte er: „Du liebst sie wirklich sehr.“ Auch wenn der Alltag auf sie beide einhämmerte. Sie konnte seine Reaktion auf den Anruf nicht verstehen. Er hatte sie für einen Augenblick oder zwei ganz für sich haben wollen und entführen wollen aus dem Alltag, der ihnen zur Zeit hier und da so viele Probleme schuf. Es war ihm nur für eine Zeit gelungen. Vielleicht war er zu sehr besitzergreifend. Vielleicht hätte er es einfach mehr seinen Gang gehen lassen sollen. Vielleicht war er selbst zu unentspannt geworden. Mit dem Alltag. Sie war nun enttäuscht, dass er traurig war. Sie empfand es wohl als Vorwurf. Er hatte es wohl zu sehr wie einen Vorwurf formuliert. Diese kritische Selbstreflexion gelang ihm nicht immer. Dies musste daran liegen, dass er es nicht verstehen konnte, dass sie – so sah er es in diesen Momenten – ihre gemeinsamen magischen Augenblicke stören ließ. Hier tat er ihr manchmal Unrecht.

Er fragte sie: „Bist Du bei mir, wenn Du bei mir bist?“ Sie sah ihn fragend an. Sie schaute auf ihn. „Was meinst Du?“ „Bist Du bei mir, wenn Du hier bist?“ Sie versuchte ihn zu verstehen. Er sagte zu ihr: „Ich bin bei Dir, wenn ich zu Dir komme. Ich bin bei Dir.“ Sie konnte ihn nicht verstehen. Er war schon auf einer anderen Ebene. Aber doch bei ihr. Und sie konnte bei ihm sein. Sie waren vielleicht zur Zeit in verschiedenen Entwicklungsstufen. Aber er war sich sicher: Das, was er nun anfing zu verstehen, war viel mehr ihr Themengebiet als seins. Sie würde schnell dorthin kommen. Er hatte sie immer bewundert für diese Fähigkeiten.

Nach dem Abendessen gingen sie ins Hotel. Sie kamen an einer Buchhandlung vorbei. Es war eine der Buchhandlungen, die noch abends spät aufhielten und in denen man sich zum Lesen auch setzen oder Musik hören konnte von den zu verkaufenden CDs und Schallplatten. Solche Buchhandlungen besuchte er manchmal abends auf seinen Geschäftsreisen, wenn er keine Lust mehr auf ein Geschäftsessen hatte, und er es nicht für die Arbeit durchführen musste, oder wenn er nach dem Geschäftsessen noch etwas Zeit hatte. Irgendwo auf der Welt. Er fragte sie vorsichtig, ob sie mit hineingehen wollte. Er wusste, dass sie manchmal kritisiert hatte, dass er stundenlang in Buchhandlungen auf der ganzen Welt bleiben und dort manchmal auch sehr viele Bücher kaufen konnte. Sie war einverstanden. Sie brauchten ohnehin noch eine Geburtstagskarte für einen Freund. Er fragte sie, ob sie eine Karte aussuchen wollte und er sich derweil ein wenig umsehen könnte. Sie war einverstanden. Nach seiner Runde trafen sie sich wieder. Sie hatte zwar keine passende Geburtstagskarte gefunden, aber einige Bücher und CDs, die sie interessierten. Sie schauten zusammen. Er empfand es als sehr schön, mit ihr zu suchen oder sich zu informieren. Er konnte dann ihre Aura spüren, und er konnte etwas mehr über sie lernen. Er glaubte, dass diese Situationen, wenn er etwas mit ihr suchte, die einzigen im Leben waren, in denen er verstand, was es heißt: „Der Weg ist das Ziel.“ Er konnte es sonst nicht verstehen. Aber mit ihr schon. Sie hatten zwar teilweise unterschiedliche Interessen, aber sie waren beide offen für andere Themen als die ihren und fanden immer etwas, das sie zusammen interessierte. Sie fragte, ob sie ein Buch kaufen könnte. Er dachte, dass sie eigentlich von ihrem Geld jedes Buch kaufen könnte, aber er fasste es als Wertschätzung auf, dass sie ihn fragte. Er sagte bei einem Buch: „Lieber nicht.“ Bei den anderen Büchern, die sie ausgesucht hatte, sagte er ja. Er überlegte, ob das hieß, dass sie ihn als Instanz, die gefragt werden sollte, empfand? Er hätte dies nie von ihr verlangt. Aber er mochte es auch, dass sie ihn sozusagen um seine Meinung fragte. Umgekehrt hatte er sie auch sehr oft bei wichtigen und weniger wichtigen Fragen zu Rate gezogen. Vielleicht erinnerte sie sich daran? Er fand noch eine CD für sie, auf der Englisch spielerisch und mit Musik untertitelt beigebracht wird. Er hatte daran denken müssen, dass sie sich einen Satz Karteikarten „Business English“ zum Lernen gekauft hatte. Er hatte sich das, wie so viele andere Dinge auch, gemerkt, um ihr zu zeigen, dass er sich für sie interessierte – aber vor allem, weil er es sich wie von selbst merkte, denn es war ihm wichtig, auch wenn er es ihr nicht immer offen zeigte. Wenn er ein Interesse bei ihr fand, schätzte er dies sehr. In solchen Momenten war der Groll nicht anwesend. In solchen Momenten dachte er an sie in ehrlicher, bedingungsloser Liebe, um ihr eine kleine Freude zu machen. Sie gingen nach dem Einkauf weiter zum Hotel. Er musste unbewusst denken, dass es ihn ärgerte, dass er nicht bei allen Büchern Ja zum Kauf gesagt hatte. Aber er war immer der Meinung, dass er als Vater und Ehemann auch einmal „Nein“ sagen musste, weil im Leben nicht alles ging. Er biss sich nachträglich und in Gedanken auf die Lippen. Wenn er könnte, würde er ihr gern alles kaufen und geben. Und hier hätte er es tun können. Er reagierte manchmal zu schnell. Er dachte, dass es ihr vielleicht gar nicht so sehr aufgefallen war, weil sie andere Dinge bekommen hatte. Er schaute sie an, wie sie in Berlin mit ihm über die Straße ging. Er zweifelte wieder, ob er es ihr recht machte. Er fand sie wundervoll.

Er hatte extra für sie ein sehr schönes Hotel gebucht. Die Stimmung war nicht mehr perfekt. Sind wir so unfrei, dass wir sehen, dass wir in die falsche Richtung gehen in kleinen Schritten und trotzdem nicht reagieren? Vielleicht fehlte ihm die Größe, mehr auf sie einzugehen und über Kleinigkeiten zu stehen, die, zugegebenermaßen, ihn manchmal aufregten. Es wegzuwischen, wenn es die Situation erforderte. Er fühlte, dass ihm dann die Größe fehlte, die in ihm war, von der er zumindest manchmal fühlte, dass sie in ihm war. Er erreichte sie in solchen Momenten nicht. Er fühlte dann eine verdeckte Kraft, gegen die er nicht ankam. Aber er wollte nicht aufgeben. Es durfte nicht sein, dass diese Kraft gegen sie beide gewann. Sie beide hatten im Leben so viel gemeistert, sie hatten so viel auf die Beine gestellt, von Null angefangen und nie aufgegeben, auch nicht nach Rückschlägen. Sie war immer eine Frau gewesen, die ihn bewegte, die mit bewegte. Er dachte nach: „Liebte er sie nur für das, was sie getan hatte? Weil sie die Mutter seiner Kinder war? Weil sie ihm oft gefolgt war?“ Obwohl sie anscheinend wirklich nicht bemerkt hatte, dass er ihr bei den großen Entscheidungen entweder gefolgt war oder es für sie getan hatte. Sie hatte es vielleicht nicht bemerken können. Es sollte keine spießige, bürgerliche Ehe werden. Ihre Streitereien waren es in dieser Zeit manchmal, spießig und bürgerlich. Kleinigkeiten und Empfindlichkeiten. Eitelkeiten. Kleine Machtspiele. Im Hotel war er besorgt, sie wirkte distanziert. Aber, so dachte er, er würde immer für sie kämpfen. In all den Jahren, als er wie ein Besessener gearbeitet hatte, um ihr einen Aufstieg zu ermöglichen, galt der letzte Gedanke, den er abends erschöpft im Bett fasste, ihr und den drei Kindern. Morgens, wenn er im Hotel aufwachte, in China, oder den USA oder Südafrika oder Indien oder Russland oder Brasilien oder sonst wo – bevor er noch realisiert hatte, wo er sich befand, dachte er wieder an sie und die drei Kinder. Sein Herz gab schon mal nach an 18-Stunden-Tagen, der Kreislauf auch, aber sie und die drei Kinder hielten ihn am Leben und motiviert. Er ging dann über seine Grenzen. Das hatte sie vielleicht nicht vollkommen begriffen. Und das konnte er ihr noch nicht einmal vorwerfen. Er hatte es ihr nicht ausreichend gezeigt. Sie konnte es nicht wissen. Er war in solchen Momenten Tausende Kilometer entfernt von ihr gewesen, wenn auch in seinem Herzen so nah bei ihr.

Sie sprachen trotz der Probleme noch viel miteinander. Sie hatten in seinen Augen immer noch eine bessere Beziehung als viele andere Paare nach fast zwanzig Jahren. Aber die Verletzungen stauten sich auf. Der Groll hatte sich aufgebaut. Man konnte aber auch nicht sagen, dass sie zwar miteinander sprachen, sich aber nichts mehr zu sagen hatten. Sie sprachen über viele persönliche Dinge. Es gab immer wieder viele Momente, in denen sie harmonisch miteinander waren. Er zumindest empfand in vielen Augenblicken auch nicht so, dass der Groll alles verhinderte. Er fand sie immer noch – außer in den Momenten des Streits – anmutig und aufregend. Dies waren Zeiten, die er sehr genoss. Er hatte dann den Groll nicht vergessen, aber es war auch nicht ein quälendes Bemühen. Er fühlte, es gab Zeiten echter Harmonie. Zeiten, in denen es ganz deutlich wurde, dass sie etwas verband. In denen sie umso mehr auf einer Wellenlänge waren. Das empfand er. Aber empfand sie es auch? Sie nahmen noch einen Digestif im Hotel. Da es das Hilton war, in dem er in einigen Städten geschäftlich gewesen war, wollte er ihr die schöne Atmosphäre für einen Drink ermöglichen. Er glaubte, dass sie das schätzte und mochte. Sie war nicht abhängig von Luxus, hatte aber auch nichts gegen ein wenig Glanz einzuwenden. Er hatte den Eindruck, dass sie das dann immer genoss. Er für seinen Teil dachte immer, dass sie jedem Ort und jeder Veranstaltung Glanz verlieh. Er war sehr müde nach dem Tag und der langen Fahrt, aber er wollte, dass sie es ein wenig mit Freude aufnehmen könnte. Sie bestellten. Er beobachtete sie. Sie nahm einen Longdrink. Sie schien nun doch geschmeichelt oder zumindest zufrieden und schaute sich in der großen Lounge um. Es kamen und gingen Gäste. Sie sah sich alles interessiert an. Sie sprachen über den Tag, über das, was sie am nächsten Tag vorhatte. Sie wollte ihre Cousine treffen und mit ihr frühstücken. Sie wohnte in Berlin. Er war froh, dass sie einen weiteren Grund hatte, die Reise zu machen und ihn zu begleiten, und dass sie sich freute, ihre Cousine wieder zu sehen. Er hatte es immer geschätzt und gefördert, wenn sie Kontakt zur Familie hielt. Auch wenn er selbst nicht immer die Zeit und Kraft dazu hatte neben dem Beruf. Sie schien sich auf den nächsten Tag zu freuen. Sie gingen auf ihr Zimmer. Er wollte sie noch ein wenig berühren. Sie kam von selbst zu ihm, war aber distanziert. Er bekam Angst. Er fühlte sich ihr zwar nah, so wie ihre Aura und ihr Duft ihn immer ganz besonders heimisch hatten fühlen lassen und ihn tief und ohne Abstand berührt hatten, aber in diesem Moment auch ein wenig fern. Er hatte sich so in all den Jahren nur einige Male gefühlt. Er spürte nun, dass er sie im Tiefsten seines Innersten bedingungslos liebte und es ihr in diesem Augenblick, in dieser Situation nicht zeigen oder beweisen konnte. Er konnte es ihr nicht vermitteln. Er war gefangen im Korsett der Verletzungen, des gegenseitigen Streits und der Machtdemonstrationen. Er wollte sich nicht von ihr an die Wand drücken lassen. Er fühlte, dass sein Verhalten nach außen für sie nicht immer nach echter Liebe aussehen konnte. Aber er fühlte sich gefangen in diesem Korsett, aus dem er nicht aussteigen konnte. Sie schien auch gefangen. Er hätte so gern noch mehr mit ihr geredet. Sie waren beide sehr müde. Sie berührten sich und schliefen dann rasch ein. Am nächsten Morgen frühstückte er nicht mit ihr, weil sie sich mit ihrer Cousine verabredet hatte und sie mit ihr zusammen frühstücken wollte. Er fragte sie, ob sie alles hätte und war besorgt um sie. Sie schien das zu schätzen. Es schien wieder gut. Sie besprachen, wann sie sich wiedersehen würden. Er stellte sicher, dass sie genug Geld hatte, um in Berlin über Tag auszugehen. Er fuhr zu seinem Termin. Sie konnte sich in Ruhe fertig machen.

Nach seinem Termin rief er sie an. Es ging ihr gut. Er wollte immer wissen, ob es ihr und den Kindern gut ging. Das nervte sie vielleicht manchmal. Für ihn war es normal, dass er als Vater die Verantwortung für ihre Gesundheit hatte. Ihm reichte dann oft auch ein kurzes Telefonat. Sie konnte diese Telefonate, in denen man nur kurz besprach, ob es gut geht, offenbar nicht immer verstehen – jedenfalls hätte sie sie nicht durchgeführt, wenn er nicht angerufen hätte. Er fand das weder gut noch schlecht, er wusste, dass er in der Familie aufgrund seines kulturellen Hintergrundes ein enges Verhältnis und viel Kommunikation für selbstverständlich ansah. Er konnte es aber auch verstehen, dass jemand manchmal Zeit für sich brauchte. Denn er brauchte selbst eigentlich Zeiten für sich. Er bekam sie nur seit knapp zwanzig Jahren zwischen Familie, Beruf und sozialen Verpflichtungen nicht. Aber er war der Meinung, dass er deswegen nicht jammern dürfte, sondern es eben aufgrund der Zeit und der Umstände so ertragen musste. Er fragte sich auch manchmal, ob die Zeiten, die er praktisch für sich hatte – im Flugzeug, im Büro bei Tätigkeiten ohne Mitarbeiter oder Kollegen – nicht eigentlich ausreichend sein müssten und er in seinen eigenen Augen, und wenn er mit ihr mehr darüber sprechen würde, vielleicht in ihren Augen, nur zu zimperlich war. Als er sie jetzt anrief, war sie aber guter Dinge und sehr nett zu ihm. Sie sprachen sich ab, wann sie sich sehen wollten. Er hatte noch einen Termin, den er in der Nähe des Hotels einrichten konnte. Sie mussten aber vorher zusammen auschecken und sie hatte danach noch Zeit für ihre Cousine oder zum Shoppen oder Sight-seeing. Er dachte, das würde ihr Freude machen. Er freute sich, dass er sie bald wiedersehen würde. Außerdem hoffte er, dass sie sich auch ein wenig freute. Sie checkten im Hotel aus, luden das Gepäck in das Auto und er ging zu seinem Termin bzw. wartete auf die Person, die er am Hotel treffen wollte. Sie meinte, sie hätte aufgrund des späten Frühstücks eh noch keinen Appetit und er müsste sich keine Sorgen machen. Sie würde sich etwas die Geschäfte anschauen. Es tat ihm leid, dass er sie nicht begleiten konnte, aber er dachte, es würde ihr vielleicht Freude machen, etwas allein zu tun und Zeit für sich zu haben. Er dachte noch, ob er ihr noch etwas mehr Geld hätte geben sollen oder seine Kreditkarte. Aber er kam nicht immer auf diese Gedanken und war sparsam. Er hatte das Gefühl, dass sie ja, falls sie es wirklich wollte, Geld auf ihrem Konto hatte und es daher nicht so schlimm war, ihr nicht jedes Mal etwas zu geben. Er wollte auch nicht als Gönner auftreten. Er hatte nur kurz darüber nachgedacht. Er dachte, er müsste mehr darüber sinnieren, ob sie mit ihrer Situation zufrieden war. Er müsste ihr noch mehr seine Liebe zeigen.

Sie telefonierten nach seinem Termin am Hotel. Sie wollten noch einen gemeinsamen Bekannten treffen, der in Berlin lebte. Treffpunkt war an der Spree. Er hatte ihr das geschrieben. Nun gab es ein wenig durcheinander, weil die S-Bahn-Linien zum Teil nicht in Betrieb waren und ihr Bekannter einen Umweg fahren musste. Er schrieb ihr, sie sollte zum Treffpunkt gehen, und der Bekannte kam allerdings Richtung Hotel, wo er noch war. Als er ihr dies schrieb, war sie erbost, denn nun musste sie zurückgehen. Er hatte ihr angeboten, dass er mit seinem Bekannten und dessen kleinen Sohn zu ihr kommen würde oder ihr zumindest entgegenkommen wollte. Sie war aber erbost und er konnte es ihr in solchen Momenten wohl nicht recht machen. Er ließ sie also zurückkommen. Als sie sich trafen, ließ sie erkennen, dass sie sich allein gelassen gefühlt hatte. Das tat ihm sehr leid, aber nun konnte er darüber mit ihr nicht gut reden. Sie begrüßte ihren Bekannten und dessen kleinen Sohn. Als sie den Kleinen auf den Arm nahm, schien ihr Herz wieder aufzugehen. Ihre eigenen gemeinsamen Kinder waren nun schon relativ groß, Teenager. Die älteste war schon siebzehn Jahre alt. Sie verwandelte sich für einen Moment wieder in die umsorgende Mutter, die er so geschätzt hatte, als die Kinder klein gewesen waren. Nicht dass sie nun nicht mehr umsorgend gewesen wäre. Aber es war anders. Die Zeit mit den Kindern nach ihren Geburten waren umsorgend gewesen, und damit auch verbindend für sie beide. Er war fasziniert, dass sie so schnell auf den Kleinen eingegangen war. Er hatte sie verliebt angesehen. Sie hatte es nicht bemerkt. Sie gingen nun zurück zur Spree, wo die Lokale waren, die ihr so gut gefielen und wo sie etwas essen wollten.

Sie sprachen kurz auf dem Weg. Sie schien etwas misstrauisch, mit wem und warum er sich getroffen hatte. Er hatte zumindest den Eindruck. Er hatte ihr gesagt, dass er am Platz vor dem Hotel in einem Café draußen gesessen hatte. Sie wunderte sich, dass sie ihn nicht gesehen hatte. Er tat dies schnell ab, da sie Eifersucht ablehnte, wie sie immer betonte. Es störte ihn aber auch nicht, dass sie möglicherweise ein wenig misstrauisch oder eifersüchtig war. Es war einfach zu viel Dampf in ihrer Beziehung in dieser Zeit. Er sah, auch andere sahen, dass sie sich beide sehr bemühten. Konnte man es so sagen? Sie bemühten sich, waren aber nicht erfolgreich? Brauchten sie Hilfe? Er dachte manchmal darüber nach. Er konnte sich in der Zeit aber nicht den Ruck geben, Hilfe von Unbekannten anzunehmen. Aus ihren Familien kam niemand auf sie zu, um ihnen Hilfe anzubieten. Sie hätten auch nicht danach gefragt. Vielleicht lag das daran, dass sie immer alles auf sich gestellt gemeistert hatten. Er und sie. Darauf war er sehr stolz, vor allem auf sie. Aber er konnte es ihr nicht stark zeigen, er dachte immer daran, dass sie ihn – aus seiner Sicht – verletzt hatte. Sie hatte sich also Berlin ein paar Stunden angesehen. Sie war noch in einem Einkaufszentrum gewesen. Er war wohl ganz in ihrer Nähe gewesen. Er freute sich sehr, dass er wieder Zeit für sie hatte. Sie sah sehr gut aus.

Das Essen war kurz, der Kleine wurde nach einiger Zeit müde und fing an zu quängeln. Ihr Bekannter musste mit ihm nach Hause. Sie blieben noch ein wenig sitzen und gingen dann in Richtung Auto zurück. Sie kamen an einem Geschäft mit typischen Berlin-Souvenirs vorbei. Sie war sehr interessiert. Sie schauten sich verschiedene Sachen an. Er mochte Souvenirläden nicht besonders, aber er genoss und liebte, wie sie sich umschaute. Sie kauften einige Kleinigkeiten. Berliner Bären, Tassen mit Berliner Ampelmännchen, er hatte für sie noch Süßigkeiten dazu gelegt. Als sie weitergingen, dachte er daran, dass sie wieder gefragt hatte, ob sie die Sachen kaufen könnten und bei einem Souvenir hatte er „Nein“ gesagt. Dies ärgerte ihn wieder. Warum hatte er das getan? Sie hatten aber andere Dinge gekauft, die ihr zu gefallen schienen. Er hatte den Eindruck, sie war zufrieden.

Sie nahmen den Wagen und machten sich auf die ca. fünf- bis sechsstündige Rückreise nach Düsseldorf. Sie sprachen ein wenig. Es war eigentlich harmonisch, dachte er. Er zog sie manchmal auf, und sie regte sich dann ein wenig auf. Er meinte es nicht böse, aber aufgrund der Spannungen bekam sie einige Dinge in den falschen Hals. Er versuchte sie zu necken. Nach der Hälfte der Fahrt wurde er sehr müde. Sie bot an, weiter zu fahren. Er machte wieder einige Bemerkungen im Spaß, dass er bei ihrem Fahrspiel Angst hätte, aber es war wohl der falsche Moment für solche Späße. Er ließ es daher sein. Er hatte nicht vor einzuschlafen. Sie fuhr, da er eingeschlafen war, die ganze restliche Strecke nach Hause. Er war ihr sehr dankbar dafür. Er fühlte wieder, dass er sie liebte, aber aufgrund der zeitweiligen Diskussionen und Streitigkeiten ihr dies nicht so gut zeigen konnte, wie er gewollt hätte. Sie war eine fantastische Frau und eine gute Begleitung in diesem Leben, die mithalf, wenn es darauf ankam. Sie hatte immer angepackt und war doch immer charmant geblieben. Wie war es möglich, dass er es zur Zeit nicht ausreichend schaffte, ihr klar zu machen, dass er sie für einen wundervollen Menschen hielt? Wie konnte es sein, dass es nicht möglich war, ihr zu zeigen, wer er war, wer er immer noch war? Es schien ihm an seinen Reaktionen und an ihren Situationen zu liegen, dass sie beide manchmal gefangen waren in einem Korsett von Streitereien. Wie konnte er sich ihr zeigen? Wie konnte sie ihn erkennen?

Kapitel 2 – Der Kern

Sie waren eingeladen zu einer Hochzeit eines seiner Arbeitskollegen in Münster. Es war eine der seltenen Situationen, in der sie ohne ihre noch sehr jungen Kinder auf eine Fahrt gehen würden. Er hatte den Eindruck, dass sie sich, obwohl sie ihre gemeinsamen Kinder liebte und gern mit ihnen zusammen war, auf die Reise freute, auf die Aussicht, mal einen Abend nur mit ihm und anderen Hochzeitsgästen zusammen sein zu können. Er honorierte das damals nicht so stark, weil er ihre kleinen Kinder weniger sah als sie und deshalb gern immer mit ihnen zusammen sein wollte. Er hatte unbewusst die Angst, dass ihm die Zeit mit ihnen wegrannte vor Arbeit. Daher wollte er wohl möglichst schnell möglichst weit kommen im Beruf, um auch schnell eine finanzielle Basis zu schaffen für seine Familie, die ihm vielleicht mehr Freiheit geben würde, sie mehr zu sehen. Er legte daher eine hohe Geschwindigkeit bei allem vor. Er lebte nicht nach der Maxime „Der Weg ist das Ziel.“ Er sah nur das Ziel, um den Weg zu finden. Er verstand, dass sie auch einmal eine Auszeit von den Kindern genießen konnte, aber er verstand nicht, wie wichtig das für sie und für ihre gemeinsame Beziehung sein konnte. Sie fuhren bei seiner Mutter vorbei, bei der ihre Kinder für die Nacht bleiben würden, bis sie auch nach der Feier dazukommen würden. Sie fuhren in ihrem VW Bulli los. Seitdem sie drei Kinder hatten, machte der Wagen Sinn. Er hatte ihn gekauft, weil er Sicherheit für sie wollte und weil die Kinder sich so weniger streiten konnten, als in einem Kombi nebeneinander gepfercht. Als sie auf dem Weg zur Hochzeitsfeier waren, hielten sie kurz in einem kleinen Ort auf der Strecke, im Münsterland. Er war hier immer vorbeigekommen, als er seinen Wehrdienst ableistete und auch später schon einmal mit ihr, als er Student war und sie Doktorandin. Sie hatten hier manchmal eine Kleinigkeit gegessen. Nun lebten sie in München. Sie waren Jahre nicht mehr hier gewesen. Sie hielten und aßen etwas. Es war eine kurze Pause in einer einfachen Imbissgaststätte. Sie schien zufrieden. Als sie bezahlen mussten und der Wirt die Summe nannte, stutzte sie. Sie schaute ihn an. Sie schaute den Wirt an. Es war doch eine andere Welt als München. Sie war erstaunt, wie günstig es war. Sie fuhren weiter zur Hochzeitsfeier. Dort parkten sie den Wagen. Plötzlich hielten andere Hochzeitsgäste neben ihnen. Sie kamen, ein Paar mit einem kleinen Kind – im Ferrari. Der Kindersitz war hinter den Beifahrersitz geklemmt. „Siehst Du“ sagte er zu ihr, „wir kommen zu zweit in einem Sieben-Personen-Wagen und diese Familie zu dritt im Ferrari. So ist die Welt.“ Sie lachte. Die Feier war eine typische westfälische Feier auf dem Land. Es war nett und familiär. Einige Hochzeitsgäste führten etwas auf, so den Sketch von Loriot mit dem Ei, in dem die Ehefrau pikiert reagiert, als der Ehemann sie fragt, wie lange das Frühstücksei gekocht hat: „Ich koche das Ei nach Gefühl!“ So konnten die Gäste das frische Ehepaar auf die Ehe vorbereiten. Er dachte darüber nach. Er hielt das damals für Cliché und fiktive Sketche. Er hatte seine Frau erst wenige Jahre zuvor geheiratet und er stand zu ihr wie nur ein Mann zu seiner Frau stehen kann. Er dachte, wie kann man sich streiten wegen eines Frühstückseis. Er schaute auf die Hochzeitsfeier. Er schaute auf seine Frau. Er fühlte, wie sehr er sie liebte. Er hatte nie das Gefühl, dass er mit der falschen Frau zusammen war oder dass sie nicht eine gute Ehefrau war. Er zeigte ihr dies aber nicht genug. Er dachte, sie wüsste es ohnehin.

Jetzt, da er sie manchmal nicht mehr verstand und er Reaktionen sah, die ihm Angst machten, versuchte er alles in seiner Vorstellung zu entfernen, was den Blick auf sie verstellte. Sie stritten nun wegen vieler Dinge, die vordergründig die Bedeutung eines Frühstückseis hatten. Er schloss die Augen und blickte auf sie. Er suchte den Blick auf ihr Inneres. Den Blick auf ihren Kern. Er suchte ihren Kern. Er hatte sehr lange in sich geschaut. Es war schmerzhaft gewesen. Er hatte versucht, sich selbst zu erkennen. Er hatte versucht, auf sie zu schauen. Er wusste, er liebte ihren Kern, trotz all der Verletzungen, trotz aller Demütigungen, die er so empfunden hatte, die sie sicherlich nicht so gemeint hatte, und die wahrscheinlich oft auf seinen gewollten oder ungewollten Verletzungen beruhten, trotz aller Verletzungen, die er ihr mit Worten im Streit zugefügt hatte. Sie konnte sich sicherlich auch verletzt fühlen, vielleicht mehr als er, aber er wollte nicht mehr vergleichen. Er wollte nur versuchen, ihren Kern zu entdecken. Dies war bedrückend schwer. Es war eine Übung, für die er nicht wusste, wie er sie angehen sollte. Eine Übung, für die er keinerlei Anhaltspunkte in seiner Ausbildung erhalten hatte. Eine Übung, für die selbst das Leben wenig Aufschlüsse hatte geben können. Wer kann schon behaupten, von einem anderen Menschen den Kern zu sehen, zu kennen oder zu verstehen? Er versuchte es dennoch. Er glaubte ihren Kern ein wenig zu kennen. Er entfernte also Belanglosigkeiten, Kleidung, Small Talk, Oberflächliches und, wie man sagt, sozialadäquates Verhalten. Die ganzen Konventionen. Dann entfernte er alles Materielle, d.h. wieder Kleidung, Statussymbole, aber auch den Einfluss, den das Materielle auf ihren Kern gehabt hatte oder noch hatte oder nach seinem Glauben gehabt hatte oder hatte. Er versuchte sie also unverdorben zu sehen, fast nach Rousseau im Naturzustand. Wie kann man einen Menschen sehen ohne die Umgebung, die ihn geprägt hat? Wie kann man den Kern erreichen? Er schaute auf sie. Er schaute in sie. Er sah etwas. Er nahm sich Zeit. Er kannte sie lange. Er glaubte, unter die Fassade und die Schutzmauer schauen zu können. Sie waren oft sehr offen miteinander gewesen. Vielleicht zu offen. Danach glaubte er einen Menschen zu sehen, der gut war und auch verletzlich. Nachdem er diesen Menschen gesehen hatte, betrachtete er sie weiter. Sie schien ihm seelisch nackt, wenn er denn das, was er zu sehen glaubte, wirklich sah. Und deshalb umso mehr verletzlich. War das, was er sah, von Täuschungen gefälscht? Spielte seine Wahrnehmung ein Spiel mit ihm? War es überhaupt Wahrnehmung? Er dachte nach. Er sah sie ja nicht wirklich. Er schaute in sich und auf sie, auf ihren Kern. Er blickte also nicht mit seinen Augen, sondern mit seinem Geist. Konnten dann Sinnestäuschungen den Blick verfälschen, gleichsam treffen? Oder konnte der Geist sogar klarer blicken als über die Augen, die in jeder möglichen und unmöglichen Situation Sinnestäuschungen unterliegen und diese weitergeben? Er musste in sich gehen und versuchen, sie so zu sehen, wie sie war. Er kannte sie fast zwanzig Jahre. Er wusste von der Zeit, was sie im Leben geformt hatte. Von der Zeit vorher wusste er, was sie ihm erzählt hatte. Er dachte immer mehr über diese Zeit für sie nach. Es lagen Erklärungen in ihr. Er glaubte, in sie schauen zu können. Er glaubte, ihren Kern sehen zu können. Er hatte den Eindruck, dass vieles, über das sie gestritten hatten, nicht zur ihrem Kern gehörte, sondern vom Leben an sie herangetragen worden war. Sie war von Grund auf gut. Er liebte sie.

Danach entfernte er weiter alles vom Alltäglichen Beeinflusste, also die gehetzten Überreaktionen, der Alltagsfrust und die gelangweilte Wiederholung in ihren Handlungen. Dies war gefährlicher. Er konnte ja auch nicht den Schmerz entfernen, denn dieser gehört möglicherweise zum Kern. Damit brachte er zwar Schopenhauer gegen sich auf, aber er glaubte auch die Entfernung der Langeweile vertreten zu können. Dies war zwar immer noch gefährlich, weil es das Risiko barg, eine Frau für schönes Wetter im Geiste zu schaffen, aber er glaubte, dass sie – unter besseren Umständen – vielleicht besser als viele andere in der Lage war, die Langeweile zu beseitigen – aufgrund ihres Kerns. Sie war vom Leben und seinen Wiederholungen manchmal genervt, aber selbst im Kern im positiven Sinne aufregend.