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Diese Geschichte ist eine Familiengeschichte, jedenfalls zum großen Teil. Oder einfach nur, weil es um eine Familie geht. Eine kleine Familie, bestehend aus Vater, Mutter und Kind – genauso wie man es früher schon im Kindergarten oder auf dem Spielplatz mit den anderen Kindern spielte. Wir verfolgen diese Familie, die durch Liebe und Zuneigung zusammenhält, durch mehrere Jahre. Interessant wird die Geschichte in dem Moment, als nicht mehr nur Freude herrscht. Krankheit wirft alles durcheinander und es geht nur noch darum, wie weit das Band der Familie durch eine chaotische Zeit hält, wie viel Unterstützung durch Familie und Freunde da ist und wie man diese böse Zeit gemeinsam überstehen kann.
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Seitenzahl: 163
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Diese Geschichte ist eine Familiengeschichte, jedenfalls zum großen Teil. Oder einfach nur, weil es um eine Familie geht. Eine kleine Familie, bestehend aus Vater, Mutter und Kind – genauso wie man es früher schon im Kindergarten oder auf dem Spielplatz mit den anderen Kindern spielte. Die heile sonnige Welt mit dem so genannten Normalfall mit einem Vater, einer Mutter und einem Kind.
In diesem Falle ist es der Vater Michael, die Mutter Ramona und die Tochter Karina. Die Namen aller Beteiligten sind in diesem Buch geändert. Das ist wichtig, da es sich um eine wahre Geschichte handelt, die von der Mutter Ramona erzählt wird.
Diese Familie, die kleinste Zelle der menschlichen Gesellschaft verbringt in dieser Gemeinschaft so etwa zwanzig Jahre gemeinsam. Sie teilt Freud und Leid, erlebt Höhen und Tiefen, streitet sich auch mal und findet immer wieder zusammen zu einer Einheit.
Wir verfolgen diese kleine Zelle, die durch Liebe und Zuneigung zusammenhält, durch mehrere Jahre. Interessant wird die Geschichte in dem Moment, als nicht mehr nur Freude herrscht. Krankheit wirft alles durcheinander und es geht nur noch darum, wie weit das Band der Familie durch eine chaotische Zeit hält, wie viel Unterstützung durch Familie und Freunde da ist und wie man diese böse Zeit gemeinsam überstehen kann.
Fußball und immer wieder Fußball. Wir sind schon so lange dabei und haben mit den Kumpels schon viel erlebt. Wir machen da noch einmal mit. Schmerzen im Knie? Ach, geht schon. Michael, mach mal! Heute stehst du im Tor. Ausruhen kannst du, wenn du alt bist.
Immer ging alles gut und dann kam doch dieser schwere Unfall. Kreuzbandriss, Meniskusschaden, Krankenhaus. Sah alles nicht so gut aus, fühlte sich auch nicht gut an. Und für die Familie war es auch nicht schön, Papa war nicht da, er lag im Krankenhaus.
Nach der Operation schaute ich mir das Knie an und war negativ begeistert. Wie kann man so eine OP-Naht machen? Es sah aus, als hätte man dickes Seil zum Nähen benutzt. Es wird alles wieder verheilen, alles wird gut. Im Moment gab es wichtigeres. Das Knie musste wieder funktionieren. Wir waren Mitte Dreißig und hatten ein heranwachsendes Kind. Bei uns war noch das pralle Leben angesagt und nicht irgendeine Ahnung von Pflegefall. Laufen und Fahrrad fahren wollten wir, und das wollten wir gemeinsam tun. Es sollte nicht unbedingt wieder Fußball sein.
Es war gerade Herbst, die Familie ging gemeinsam zum Spielplatz. Ganz in der Nähe hatten wir den Platz mit diesem riesengroßen Sandkasten, daneben noch einen zweiten großen Platz mit Klettergerüst, Schaukeln und anderen Spielereien und am Rand gab es viele Bänke. Die Muttis waren beim Schnattern und dazwischen saß unser Papa mit den Gehhilfen. Das Wort Krücken wollte ich nicht hören, es war absolut out.
Aber bei dem, was ich sah und erlebte, passte das Wort Krücken doch ganz gut, es umschrieb unsere Situation genau. Das tägliche Leben sah sehr behindert aus. Strümpfe anziehen, Hose anziehen – da vergeht viel Zeit. Schuhe anziehen, die Treppe runter – auch das dauert lange, wir wohnen oben, drei Etagen bis ganz nach unten. Und dann wieder drei Etagen bis ganz nach oben.
Und dann wurde es ganz interessant. Die Krankenkasse brachte dieses Übungsgerät zu uns nach Hause. Eine ganz tolle Sache. Täglich sollte damit die Beugung des Knies geübt und verbessert werden. Wir machten daraus ein Familientreffen. Wir lagen zu dritt auf dem großen Doppelbett, Michael ließ üben und schlief dabei meistens ein. Karina lag neben uns. Sie war in der zweiten Klasse und sollte das Lesen üben. Jeden Abend hörten wir von ihr eine Geschichte von Pippi Langstrumpf. Ich war als Familienmanager tätig und überwachte das Ganze.
So überstanden wir den Winter mehr schlecht als recht und dann kam der März, es wurde Frühling. Noch einmal wurde das Knie operiert, so war der Plan. Eine langwierige Geschichte, die sich noch bis über den Sommer hinzog und wir waren froh, als die Gehhilfen endlich im Keller verschwanden.
Im Jahr 2000 beschloss der Familienrat, die Stadt S. zu verlassen. Wir waren inzwischen mit einem Auto ausgestattet und fuhren an den Wochenenden gern in den Harz. Die Gegend gefiel uns so gut, dass wir in Erwägung zogen, unseren Wohnsitz dorthin zu verlegen. Arbeit hatten wir zu der Zeit beide nicht, da blieben nur zwei Möglichkeiten. Wir versuchen es in einer anderen Gegend oder „alles wird gut und besser“.
Mit einem zwölfjährigen Mädchen die Abende und Wochenenden auf dem Fußballplatz zu verbringen hat Vor- und Nachteile. Wir hatten Bewegung an frischer Luft und immer Kontakt zu Menschen. Die Gespräche auf einem Sportplatz sind aber nicht unbedingt die richtige Kommunikation für ein heranwachsendes Mädchen. Wir waren uns einig, man kann seine Freizeit auch anders verbringen.
Gesagt - getan. Der Harz war jetzt noch öfter unser Reiseziel. Wir sahen uns Wohnungen an, suchten Einkaufsmöglichkeiten, Schulen, natürlich auch Ärzte. Wir fanden dann genau das, was uns allen gefiel. Und es ging los. Aufräumen, aussortieren, wegschmeißen, organisieren, packen, aufräumen, organisieren, packen, wieder aufräumen, wieder putzen, immer wieder wegschmeißen… Und trotzdem hatten wir noch so viele Dinge, dass wir für den Umzug zwei Möbelwagen brauchten. Aber Anfang Oktober war alles überstanden und unsere Socken hingen endlich woanders auf der Leine.
Dass Michael schon nach drei Tagen beim ansässigen Fußballverein angemeldet war, noch bevor unser Auto ein neues Kennzeichen trug, war nicht geplant. So stehen Männer zu gemeinsamen Abmachungen. Aber eigentlich hätte das auch vorher schon klar sein können, oder klar sein müssen. Kontakte sind in einer neuen Umgebung nötig und ich hatte nichts dagegen. Ich selbst würde aber nie wieder in meinem Leben Menschen auf einem Fußballplatz kennenlernen. Die Freizeit sollte für die Familie sein und in anderer Umgebung stattfinden.
Der Harz gefiel uns und hier gab es die besten Möglichkeiten dafür. Wir hatten so viel zu sehen und zu erkunden. Dabei gab es nur gute Gedanken in unseren Köpfen und wir stellten uns unser Leben jetzt wunderbar vor. Für Karina ging die Schule los, wir hatten mit Einräumen, Ummeldungen und mit dem Erkunden der Stadt zu tun. Und dann sollte es losgehen, das gute Leben mit neuer Arbeit, neuen Freunden…
Dabei ahnten wir noch nicht, wie schwer es wirklich wird. Neue Arbeit, ein äußerst optimistisches Vorhaben, das konnten wir nicht sofort in die Tat umsetzen. Und somit hatten wir auch nicht die Gelegenheit, neue Kontakte zu knüpfen.
Ich komme gern mit Menschen ins Gespräch, aber es ist unwichtig und belanglos, über das Wetter zu reden. Das kann man nicht als Gespräch bezeichnen. So findet man keine Freunde, also Menschen, die man mag und versteht, mit denen man Gedanken austauschen kann und auf die man sich verlassen kann.
Zunächst half uns der Verein KONTIKI, ansässig auf einem Bauernhof weit außerhalb der Stadt. Karina hatte in ihrer Klasse ebenfalls Schwierigkeiten, Fuß zu fassen. Sie war in einer Phase der Pubertät, in der sie nicht so leicht auf andere zugehen konnte und sie wollte auch nicht mit jedem kommunizieren. Der Umgang mit den Tieren tat ihr gut und so machten wir uns fast täglich auf den weiten Weg zu den Pferden, Kaninchen, Hund und Katzen. Hier erlebten wir schöne Stunden für die ganze Familie. Osterfeuer, Drachenfest, Stockbrotbraten – eine herrliche Zeit in der Natur. Hier wurde auch immer Hilfe gebraucht und wir fühlten uns rundherum wohl.
Dann ging für Karina die Schule zu Ende und die Suche nach einem Ausbildungsplatz lief seit langem. Natürlich sollten Tiere in ihrem Leben eine Rolle spielen, etwas anderes kam in ihren Gedanken nicht infrage. Und wir fanden die Idee auch ganz toll, weil sie gut mit Tieren umgehen konnte. Bei den Bewerbungen für einen Ausbildungsplatz gab es nur Absagen, immer wieder gingen neue Bewerbungen auf die Reise, leider ohne Erfolg.
An einem Sonntag ging die Familie gemeinsam durch die Stadt und wir kamen an einem Fachwerkhaus vorbei. „Besuchen Sie unsere Jugendbauhütte!“ stand an der Tür. Wir gingen auf den Hof und schauten uns um. Viele Jugendliche liefen in Arbeitskleidung herum, an den Tischen saßen die Gäste und tranken Kaffee. Es wurde über den Fachwerkbau informiert und viele Prospekte lagen zum Mitnehmen bereit. Auch wir schauten uns um und lasen zum ersten Mal etwas über das freiwillige Jahr für Jugendliche. Eine Broschüre informierte darüber, dass es dieses Jahr im sozialen, im ökologischen Bereich oder auch in der Denkmalpflege gibt. Jugendliche bis zur Vollendung des 27.Lebensjahres konnten sich dort bewerben und wir hatten die Hoffnung, dass ein ökologisches Jahr auch im Bereich Tierpflege möglich ist. Hier gab es neben der Unterkunft und Verpflegung auch ein kleines Taschengeld und man konnte testen, ob der ausgesuchte Beruf wirklich der richtige war. Viele Bewerbungen gingen auf die Reise und wir besuchten viele Bauernhöfe in der Umgebung und auch etwas weiter weg. Ein Biohof in der Nähe von Stendal gefiel uns sehr gut und die Menschen hinterließen einen tiefen Eindruck bei uns. Der Hof und seine Bewohner waren genauso, wie wir uns Bio vorgestellt hatten.
Alle Tiere bewegten sich frei auf dem Hof und rannten durcheinander. Die Menschen liefen barfuß oder in Biolatschen, in dem kleinen Laden wurden Kräutertees, Honig und andere Produkte aus eigener Herstellung verkauft. Karina sollte dort sofort Traktor fahren lernen.
Mir wurde flau im Magen. Das war es wohl, was man den Abnabelungsprozess nannte. Irgendwann lässt es sich nicht mehr verdrängen, das Kind wird aus dem Haus gehen. Wenn die Suche nach einem Ausbildungsplatz beginnt, denkt jede Mutter zuerst, hoffentlich nicht so weit weg. Die Väter werden nicht anders denken, werden es aber nie zugeben. An dem geflügelten Wort „Väter und ihre Töchter“ wird schon etwas dran sein. „Mütter und ihre Söhne“, diese Konstellation bietet sicher genug Gesprächsstoff mit dem gleichen Thema, aber ich habe keinen Sohn. Und Michael behielt seine Gedanken für sich. Von diesem Biohof haben wir leider nie wieder etwas gehört.
Karina entschied sich immer öfter für eine kurze Probearbeitszeit, Schnuppertage wäre in diesem Fall die richtige Bezeichnung dafür. Von der Arbeit auf einem Ziegenhof mit Käserei brachte sie Düfte mit, die scheinbar in die Haut gebrannt waren. Ich hatte das Gefühl, als müsste ich sogar das Radio mit in die Waschmaschine stecken. Auf diesem Hof gefiel es ihr sehr gut. Aber sie wurde auch dort nicht genommen. Die Zahl der Bewerber war zu groß. Immer wieder stellten wir fest, dass die männlichen Bewerber in diesem Bereich bessere Karten hatten, denn man war der Meinung, dass sie besser zupacken könnten.
Auf unserer Liste hatten wir noch einen Bauernhof in T., den wir ebenfalls besuchten. Der Bauer mit seinen beiden Töchtern züchtete eine kleine rotbraune kuschelige Rinderrasse, das „Harzer Rotes Höhenvieh“ und er suchte Unterstützung. Er hatte zu seinem 40. Geburtstag die erste Kuh dieser Rasse geschenkt bekommen. Mit den Jahren hatte die Zucht Erfolge gebracht. Eine größere Herde ließ es sich auf den umliegenden Weiden gut gehen und sorgte dafür, dass die Arbeit immer mehr wurde. Und hier hatte Karina dann endlich Glück. Neben zwei kräftigen Burschen wurde auch sie für die Hilfe eingestellt.
Da das freiwillige ökologische Jahr im September seinen Anfang hatte, kam schnell der Winter und für ein junges Mädchen war das eine schwere Zeit. Die Arbeit mit den Tieren, ein langer Tag in Kälte, Schmutz und anderen Unannehmlichkeiten war eine große Herausforderung. Aber das alles meisterte Karina ohne zu klagen. Und im Familienbetrieb stand auch köstliche Verpflegung auf dem Tisch, natürlich fast alles aus eigenem Anbau und eigener Herstellung.
Für uns war es sehr aufwändig, jede Woche zweimal die Strecke nach T. zu fahren. Obwohl es für einen Beruf in der Landwirtschaft oder bei der Pflege von Tieren völlig unüblich ist, hatte Karina an den Wochenenden frei. Also holten wir sie freitags mit einem Sack voller dreckiger duftender Wäsche aus T. nach Hause und am Sonntagabend ging dann alles in sauberem Zustand wieder zurück.
Und dann passierte es! Unsere Familie erlebte diesen wunderbaren Tag mit einer positiv folgenschweren Fahrt nach T., den wohl niemand von uns jemals vergessen wird. Im Autoradio lief eine Sendung über Norwegen, die Familie lauschte gespannt. Einmal nach Norwegen reisen, eine Zeit in diesem wunderbaren Land verbringen, das wäre ein Traum. Berge, Seen, Fjorde, Gletscher erleben. In diesem Land, in dem der Elch zu Hause ist. Hier, wo ganz im Norden die Sonne im Sommer nie untergeht und im Winter für eine lange Zeit gar nicht erscheint. Und wo die Uhren noch ein bisschen langsamer gehen, wo Traditionen und das Moderne nebeneinander gut harmonieren und die Menschen einen guten Draht zur Natur haben. Das ist seit langem unser Traum und nach der Grenzöffnung wird er immer mehr greifbar. Aber doch nicht für uns…!
Wir waren im Zeitalter des Internets angekommen, wo man alle Informationen suchen und finden kann und wo man erfahren kann, dass bei einer Reise nach Norwegen die Ansteckung mit dem Norwegenvirus ganz schnell geht. Man wird diese Sehnsucht nicht mehr los, wenn man die Schönheit des Landes kennengelernt hat.
Wir schrieben das Jahr 2005 und waren im November angekommen. Es war ziemlich trübe, so wie der November in Deutschland nun mal ist. Die Post hatte ein Päckchen für mich. Ich hatte nichts bestellt und konnte mit dem dicken Packen Papier nichts anfangen. „Da haben Sie bestimmt etwas gewonnen, das ist von unserem Heimatsender“, sagte die Postbotin.
Und da fiel mir wieder unsere Fahrt nach T. ein, denn wir hatten die Sendung über Südnorwegen nicht nur gehört und genossen. Zum Schluss gab es eine Frage, die jeder beantworten konnte, der die Sendung verfolgt hat. Natürlich hatten wir genau hingehört, Norwegen ist schon immer unser ganz großer Traum, warum sollten wir an so einem Quizz nicht teilnehmen? Wir waren ja nicht bei Günther Jauch und wir mussten nicht vor Millionen von Fernsehzuschauern sitzen – eine Postkarte mit der richtigen Antwort reichte hier völlig. Also hatten wir auf dem nächsten kleinen Parkplatz kurz angehalten, um schnell die Adresse zu notieren und die Karte ging noch am gleichen Abend auf die Reise.
Nun saß ich da und hielt etwa ein Kilo Informationsmaterial in den Händen. Die Tränen kullerten und die schönen Fotos sah ich nur unklar. Wir gehörten nicht zu der Bevölkerungsgruppe, die Wünsche erfüllt bekommt und ausgerechnet uns sollte man einen so großen Wunsch erfüllen? Da versagte meine Vorstellungskraft.
Ich war nicht in der Lage, von unserem großen Glück zu erzählen, ich war viel zu aufgewühlt. Täglich beschäftigte ich mich mit den Broschüren, schon nach kurzer Zeit waren sie total zerlesen und ich war Norwegenkenner. Das passende Haus hatten wir schnell ausgesucht, es waren Tiere in der Nähe, also auf jeden Fall etwas für uns. Auch über den Zeitpunkt brauchten wir nicht lange überlegen – etwa Ende Mai, Anfang Juni ist es überall schön, also auch in Norwegen.
Es war noch ein halbes Jahr bis dahin, noch eine lange Zeit. Ich las und blätterte immer wieder, aber noch ging es nicht um die Reisevorbereitungen, damit brauchten wir uns den Kopf noch nicht heiß machen. Zuerst ging es ums Geld. Die Fahrtkosten sollten wir selbst tragen. Das Fährpaket kostete 162 €. Eigentlich preiswert, um ein Auto und bis zu fünf Personen zweimal übers große Wasser tragen zu lassen. Und das Essen wollten wir natürlich mitnehmen. Jedes Kind weiß, dass Norwegen ein teures Land ist und wir wussten, dass Karina mitfahren würde, also war das eine einfache Rechnung – geboren aus der Erfahrung.
Und dann war es endlich Mai und es wurde ernst. Die Spannung stieg von Tag zu Tag. Wir hatten einen strengen Winter mit sehr viel Schnee erlebt. Ende März gab es Tauwetter und plötzlich stand die Welt unter Wasser. Die rotbraunen Kühe in T. konnten lange nicht auf die Weide. Die Wiesen und Äcker wurden zu kleinen Seen und da der Untergrund noch gefroren war, lief das Wasser nicht ab. Wir machten schöne Fotos von einer Seenlandschaft, aus der ab und zu mal ein Baumwipfel herausschaute. Nach diesem endlos langen Winter wurde plötzlich und sehr heftig Frühling mit eigentlich schon sommerlichen Temperaturen. Dieses große und starke Hochdruckgebiet lag auch über Skandinavien, in Oslo waren schon über zwanzig Grad. Wir hatten Grund zur Hoffnung.
Die allgemeine Meinung über Norwegen ist „Da ist es doch so kalt“. Ich habe in den Broschüren gelesen, dass der Süden besonders sonnig ist und viele Menschen erstaunt sind, wie mild die Temperaturen dort sind. Wichtig an Norwegen ist uns die Natur und wir lassen uns lieber den kräftigen Wind bei einem Strandspaziergang um die Nase wehen als uns am heißen Strand die Füße zu verbrennen.
Ein paar Tage vor unserer Abreise verzog sich dann doch die Sonne und auch die milden Temperaturen kühlten ab. Es wurde herbstlich mit Wind und Regen.
Die Familie war reisefertig und es sollte losgehen. Garderobe war nicht so wichtig, ein Abenteuerurlaub war geplant, keine Modenschau. Auf alle Fälle brauchten wir etwas gegen Wind und Regen und gutes Schuhwerk. Den meisten Platz nahmen wirklich die „Güter des täglichen Verzehrs“ weg. Drei große Taschen mit Lebensmitteln – sehr wertvoll im teuren Ausland. Auf der Fahrt hatte ich ständig das Gefühl, ich müsste aussteigen und eine Tasche rausschmeißen, es kam mir vor wie Ballast. Aber es würde doch alles nötig sein – so weit weg von der Heimat.
Kurz vor Hamburg hieß es im Radio: Stau im Elbtunnel. Schon bei unseren Reisevorbereitungen dachte ich daran. Ich soll durch einen Tunnel fahren, wo ich doch so schrecklich unter Platzangst leide. Und dann noch die Vorstellung, über mir ist jede Menge Wasser… Und gleich fiel mir ein, dass wir in Norwegen sicherlich auch durch Tunnel fahren müssen und die sind vielleicht noch größer und länger als der Elbtunnel. Jetzt half nur „Augen zu und durch“.
Es ging nur noch stockend voran und rechts neben mir drehten sich die ganz dicken LKW-Reifen, natürlich ganz langsam. Im Elbtunnel herrschte sehr zähfließender Verkehr, die zwei Kilometer dauerten ewig und meine Panik stieg. Ich konnte nicht mehr sprechen, das Lachen war mir vergangen, der Kloß in meinem Hals wurde immer größer. Dann kam die letzte Kurve und das Licht der Ausfahrt war zu sehen. Bei mir öffneten sich alle Schleusen, ich hatte es geschafft und das Weinen war sehr befreiend. Ganz langsam bekam ich es hin, meinen Atem zu beruhigen.
Die erste größere Rast machten wir in Schleswig. Wir hatten eine Nacht in der Jugendherberge gebucht und waren froh, dass unser Familienoberhaupt sich als einziger Fahrer von den Strapazen des Freitagsverkehrs ausruhen konnte, bevor die Reise weiterging.
Wir gingen noch mal durch Schleswig, vernaschten etwas von unseren großen Picknicktaschen und spielten draußen Tischtennis. Den Abend ohne Fernseher haben wir sehr genossen. Dann wurde es frisch und wir verzogen uns in unser Zimmer. Michael schlief sofort ein, Karina las noch und ich konnte vor Aufregung sowieso nicht schlafen. Im Flur hörte ich ständig Kinder. Sie rannten hin und her, lachten und schnatterten. Es war schon spät, aber vielleicht konnten sie vor Aufregung auch nicht schlafen.
Am nächsten Morgen machte die Herbergsmutter extra für uns etwas eher Frühstück, weil wir noch eine Fahrt von fast vierhundert Kilometern durch Dänemark vor uns hatten und die Fähre erreichen wollten. Es goss wie aus Kannen und unsere Gedanken gingen wieder nach Norwegen. Hatten wir vielleicht eine Woche Traumurlaub nur mit Regen, Wind und Kälte? Vielleicht hatten wir doch nicht zu viel Glück verdient. In Dänemark wurde es sonnig und das trübe Wetter erreichte uns erst wieder in Norwegen.
Die Fahrt mit der Fähre war wunderbar. Hier erledigten wir auch gleich das Geld tauschen. Als erste Landesteile von Norwegen sichtbar wurden, erwachten die Schmetterlinge im Bauch und drehten ihre Runden. Als erstes sah man die kleinen Felsen im Wasser verstreut, die Schärengärten.
