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Wenn du nicht weißt, wer dein Feind ist, wem kannst du dann vertrauen?
Der fesselnde Psychothriller mit Gänsehaut-Garantie
Mit einem liebenden Ehemann, dem selbständigen Sohn und einem schönen Haus in guter Nachbarschaft hat Isabel eigentlich alles, wovon sie je geträumt hat. Doch nach Jahren als Hausfrau sehnt sie sich nach einer Veränderung. Auf der Suche danach kehrt sie in ihren Beruf als Lehrerin zurück. Doch was als neues Abenteuer beginnt, endet in einem Albtraum. Anonyme Drohungen und das Gefühl, nirgendwo mehr sicher zu sein, verfolgen sie in jeder wachen Minute. Dabei muss sich Isabel immer wieder die Frage stellen, wem sie eigentlich wirklich vertrauen kann. Ihrem Mann? Ihren Schülern und Kollegen? Sich selbst? Eine Zeit voll psychischem Terror und fatalen Entscheidungen beginnt, an deren Ende Isabel nicht nur um ihr eigenes Leben bangen muss …
Dies ist eine überarbeitete Neuauflage des bereits erschienenen Titels Am Ende das Nichts.
Erste Leser:innenstimmen
„Fesselnder Psychothriller mit überraschendem Ende – stark!“
„So in den Bann ziehend geschrieben, man weiß selbst gar nicht mehr was man glauben soll …“
„Spannend, dramatisch, geheimnisvoll und eine klare Leseempfehlung.“
„Ein Thriller mit besonderer Atmosphäre, denn die Bedrohung und Angst schwingt in jeder Zeile mit!“
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Seitenzahl: 619
Veröffentlichungsjahr: 2022
Mit einem liebenden Ehemann, dem selbständigen Sohn und einem schönen Haus in guter Nachbarschaft hat Isabel eigentlich alles, wovon sie je geträumt hat. Doch nach Jahren als Hausfrau sehnt sie sich nach einer Veränderung. Auf der Suche danach kehrt sie in ihren Beruf als Lehrerin zurück. Doch was als neues Abenteuer beginnt, endet in einem Albtraum. Anonyme Drohungen und das Gefühl, nirgendwo mehr sicher zu sein, verfolgen sie in jeder wachen Minute. Dabei muss sich Isabel immer wieder die Frage stellen, wem sie eigentlich wirklich vertrauen kann. Ihrem Mann? Ihren Schülern und Kollegen? Sich selbst? Eine Zeit voll psychischen Terrors und fataler Entscheidungen beginnt, an deren Ende Isabel nicht nur um ihr eigenes Leben bangen muss …
Dies ist eine überarbeitete Neuauflage des bereits erschienenen Titels Am Ende das Nichts.
Überarbeitete Neuausgabe Januar 2022
Copyright © 2023 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten
E-Book-ISBN: 978-3-96817-736-6 Taschenbuch-ISBN: 978-3-98637-466-2
Copyright © 2015, dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Dies ist eine digitale Neuausgabe des bereits 2015 beim dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH, erschienenen Titels Am Ende das Nichts (ISBN: 978-3-94529-808-4).
Copyright © 2012, Einhorn Verlag Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2012 bei Einhorn Verlag erschienenen Titels Am Ende das Nichts (ISBN: 978-3-93637-372-1).
Covergestaltung: Buchgewand unter Verwendung von Motiven von depositphotos.com: © palsur, © NinaMalyna, © benjaminlion, © denisovd stock.adobe.com: © ooddysmile Lektorat: Monika Thaller
E-Book-Version 12.07.2023, 08:49:50.
Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.
Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
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Eiskalt. Der Regen. Die Tränen.
Kälte ist die einzige Empfindung, die es vermag zu mir durchzudringen.
„Asche zu Asche, Staub zu Staub...“ Die Worte des Pfarrers erreichen mich nicht. Sie prallen an mir ab wie die Regentropfen auf den Schirmen der Trauergäste und zerrinnen im Nichts. Unaufhörlich stelle ich mir dieselbe Frage.
Warum? Warum stehe ich hier? Warum geht das Leben so seltsame Wege? Warum musste alles an diesem Ort enden? Warum? Ich kann nicht denken, finde keine Antworten.
Alles scheint erstarrt zu sein. Die Trauernden, die ihre Schirme krampfhaft festhalten, meine Gefühle, das ganze Leben.
Ich spüre, wie mich jemand ansieht. Für ein paar Sekunden verfangen sich unsere Blicke, fressen sich aneinander fest. Das Unausgesprochene lässt mich frösteln: Es gibt kein Zurück, keine Möglichkeit das Vergangene zu ändern. Was bleibt ist Erinnerung, Qual und der Blick in eine ungewisse Zukunft.
Verhängnisvolle Ereignisse kündigen sich nicht an. Sie kommen langsam, schleichend, unbemerkt. Eine einzige Entscheidung kann genügen, um sie ins Rollen zu bringen. In meinem Fall war es der Entschluss wieder ins Berufsleben einzusteigen.
Schon seit Längerem hatte ich immer wieder mit dem Gedanken gespielt, meinem beschaulichen Leben als Hausfrau und Mutter den Rücken zu kehren. Dieser, in mir reifende Wunsch, festigte sich eines Tages beim Zubereiten des Abendessens.
„Immer das Gleiche!“, dachte ich, während sich eine Tomate durch mein scharfes Messer in kleine Stücke verwandelte. „Ich mache immer das Gleiche, seit neun Jahren. Haushalt, shoppen, Freundinnen treffen, Babs in der Galerie helfen, mich um Sascha kümmern. Und der braucht mich auch immer weniger. Er verbringt mehr Zeit mit seinen Freunden als mit mir.“
Mit Schwung landeten die Tomatenstücke auf den Salatblättern.
„Ich brauche eine Herausforderung, eine eigene Aufgabe. Ich will wieder unterrichten“, überlegte ich.
Voller Energie zerkleinerte ich eine Salatgurke. Je länger ich darüber nachdachte, desto größer wurde das Verlangen, wieder mit Schülern zu arbeiten, bis der feste Entschluss fiel, mich für den Schuldienst zu bewerben. Ich schob die Gurkenstücke vom Schneidebrett in die Schüssel und konnte es kaum erwarten, bis Alex, mein Mann, von der Klinik nach Hause kam, um ihm mein Vorhaben mitzuteilen. Während ich Olivenöl über den Tunfischsalat verteilte, stellte ich mir bildlich vor, wie er begeistert meinem Ansinnen lauschen und erfreut zustimmen würde, so wie er bisher mit fast allen meinen Ideen einverstanden gewesen war. Mein Mann liebte mich so sehr, dass er mir kaum etwas abschlagen konnte.
Ein Lied aus dem Radio mitträllernd, durchmischte ich alle Zutaten und dachte keine Sekunde daran, dass es dieses Mal anders sein könnte. Ich hörte, wie die Haustür aufgesperrt wurde, und ließ alles liegen, um Alex entgegenzulaufen.
„Hallo Liebling!“, rief ich und umarmte ihn.
„Hallo meine Süße“, antwortete er mit müder Stimme und gab mir einen zärtlichen Kuss.
Ich blickte in sein Gesicht und erkannte darin nur grenzenlose Erschöpfung.
„Harter Tag?“
„Unglaublich hart. Ich brauche jetzt erst einmal etwas zum Trinken und dann muss ich mich kurz hinlegen, sonst kipp’ ich um!“
Ich streichelte bedauernd seinen Oberarm und zog ihn untergehakt in die Küche. Zähneknirschend musste ich mir eingestehen, dass der Zeitpunkt, ihm meinen folgenreichen Entschluss mitzuteilen, ungünstig gewählt war. Doch ich brannte so sehr darauf, ihm die Neuigkeit mitzuteilen, dass ich den fatalen Satz „Übrigens, ich habe beschlossen wieder als Lehrerin zu arbeiten!“ trotzdem aussprach. Alex setzte sein Trinkglas ab und warf mir einen verständnislosen Blick zu, als ob ich chinesisch mit ihm gesprochen hätte.
„Wie bitte? Darauf muss ich jetzt hoffentlich nicht antworten. Ich bin hundemüde“, meinte er nur und ging wortlos ins Wohnzimmer.
„Jetzt bleib doch hier! Ich möchte nur deine Meinung dazu hören!“, rief ich und lief ihm nach.
„Schatz, ich habe heute zwei wirklich lebensgefährliche Operationen am offenen Herzen absolviert! Ein Patient wäre beinahe gestorben. Denkst du tatsächlich, ich wäre jetzt in der Lage, mich mit so einem Thema zu beschäftigen?“ Er sah mich verdrießlich an.
„Versuch es wenigstens“, bettelte ich.
„Na gut, du willst es ja nicht anders. Die Idee, wieder als Paukerin zu arbeiten, solltest du schnellstens vergessen oder willst du etwa auch zu den 60 Prozent an Burnout-Syndrom leidenden Lehrern gehören, und irgendwann mit psychosomatischen Herz- und Kreislaufbeschwerden bei mir in der Klinik landen?“
Erschöpft ließ er seine 1,90 Meter große Statur in seinen Lederlehnsessel fallen und kippte ihn in Schlafposition. Ein unumstößliches Zeichen, dass er nicht gewillt war, länger über dieses Thema zu reden. Ernüchtert setzte ich mich auf die Couch. Alex’ stressiger Berufsalltag an einer großen Münchner Klinik machte die Momente, in denen er Kraft und Zeit genug hatte, sich mit unliebsamen Themen zu beschäftigen, ziemlich rar. Ich musste mich aber bald bewerben und konnte deshalb den richtigen Moment nicht abwarten.
„Alex“, sagte ich in beschwichtigendem Ton, „ich möchte es aber. Ich habe wieder Lust zu unterrichten! Ich möchte endlich etwas Sinnvolles tun und nicht immer nur im Haushalt arbeiten, die Familie organisieren und Freundinnen treffen. Ist auf Dauer nicht gerade erfüllend.“
Alex öffnete seine schwarz bewimperten braunen Augen und sah mich stirnrunzelnd an.
„Wer oder was hat dich eigentlich darauf gebracht, dass dein Leben sinnentleert sei?“
„Da muss mich niemand darauf bringen, das habe ich ganz alleine herausgefunden“, entgegnete ich pikiert. Mit einer ungeduldigen Bewegung fuhr er sich durch seinen kurz geschnittenen schwarzen Haarschopf, in den sich schon ein paar graue Exemplare eingeschlichen hatten.
„Unser Kind zu einem mündigen Bürger zu erziehen ist doch eine sehr wichtige Aufgabe, findest du nicht? – Na gut, ich habe ja nichts dagegen, wenn du deine imaginäre Sinnkrise bekämpfen willst. Aber muss es ausgerechnet die Schulmeisterei sein? Dich hat der Job doch schon ohne Kind gestresst, und außerdem bist du schon so lange weg vom Metier. Ich habe jedenfalls keine Lust darauf, dich wieder Tag und Nacht wegen der Schule herumrotieren zu sehen“, sagte er und schloss die Augen als Signal, dass er sich nicht weiter mit diesem Thema befassen wollte.
Ich betrachtete ihn verärgert. Was er da von sich gab, war vollkommen übertrieben. Während meiner Referendarzeit und in den fünf Jahren als fest angestellte Lehrerin war ich sehr engagiert und dementsprechend ausgelastet gewesen. Aber ich hatte nichtsdestoweniger Spaß an meinem Beruf gehabt.
„Natürlich wird es anfangs nicht leicht sein. Aber das ist in jedem Beruf so, wenn man nach längerer Zeit wieder einsteigt. Ich schaffe das, so wie ich es auch damals geschafft habe“, versuchte ich noch einmal die Diskussion anzuheizen.
„Lass uns bitte ein anderes Mal darüber reden, okay?“, entgegnete er mit gereiztem Unterton.
Nein, das war nicht okay. Seit wir zusammen waren, hatte immer eitel Harmonie geherrscht, hatten wir Entscheidungen stets gemeinsam getroffen, indem wir alle Für und Wider gegeneinander abwogen und unterschiedliche Meinungen ohne Streit austauschten. Wir hatten gemeinsam beschlossen eine alte Villa zu kaufen und zu renovieren. Wir hatten auch gemeinsam beschlossen kein weiteres Kind zu bekommen, nachdem die Geburt unseres Sohnes vor neun Jahren für mich sehr riskant verlaufen war. Und jetzt sollte es nicht möglich sein, über meinen Wiedereinstieg in den Beruf zu sprechen?
„Ich will aber jetzt darüber reden!“, sagte ich eigensinnig. Alex gab einen tiefen Stoßseufzer von sich und kippte seinen Sessel in die Sitzposition zurück.
„Also gut, diskutieren wir es zu Ende. Was ist mit Sascha? Meinst du nicht, dass er dich noch braucht? Er ist doch erst neun.“
„Und ich schon 39. Ich will doch nicht erst dann wieder einsteigen, wenn andere anfangen an ihre Pensionierung zu denken!“
„Deine Eltern wohnen in Landshut und meine Mutter erträgt wegen ihrer Migräne kein Kindergeschrei. Du hast also niemanden, der auf ihn aufpasst, wenn du mal keine Zeit hast. Vernachlässigte Kinder geraten schnell auf die schiefe Bahn mit falschen Freunden, Drogen etc.“ Von Alex’ Müdigkeit war plötzlich nicht mehr viel zu bemerken.
„Also du übertreibst maßlos! Sascha hat seine Freunde, Leon und Max, bei denen er auch jetzt schon die meiste Zeit ist. Er ist sehr selbstständig geworden und braucht mich nicht mehr rund um die Uhr. So viele Frauen gehen arbeiten, auch mit zwei und drei Kindern. Stellen wir doch eine Haushaltshilfe ein, dann habe ich Zeit für Sascha und kann ihn vor dem sicheren Absturz bewahren!“, triumphierte ich und freute mich über meinen genialen Einfall.
„Haushaltshilfe!?“, rief Alex empört. „Das wird ja immer schöner! Die kramt dann in meinen Sachen, bringt meinen Schreibtisch in Unordnung und tunkt womöglich meine wertvollen Mercedesmodelle zum Abstauben in ein Seifenwasserbad!“
Ich bedauerte, dass ich ihm nicht seine verdiente Ruhe gegönnt und einen entspannten Moment abgewartet hatte. Die Diskussion würde ad absurdum geführt werden, wenn ich sie nicht schnellstens beendete.
„So ein Unsinn! Das macht doch niemand!“
„Doch, meine Oma hat es getan, mit meinen Segelschiffsmodellen. Schatz, du musst nicht arbeiten, ich verdiene genug Geld und …“
„Himmel noch mal!“, unterbrach ich ihn die Beherrschung verlierend. „Es geht doch hier nicht um Geld. Du hast mir überhaupt nicht zugehört! Ich will nicht mehr nur zu Hause sein, sondern wieder arbeiten gehen, Kontakt zu Kollegen haben. Ich habe nicht vor, wegen deiner Haushaltshilfephobie meinen Beruf aufzugeben. Ich werde genaue Anweisungen geben, was sie beim Saubermachen tun und bleibenlassen soll, dann klappt das alles wunderbar, du wirst sehen.“
Alex sank resigniert in die Sesselpolster zurück. „Ich glaube, für heute gehen mir die Argumente aus. Aber einen Vorschlag hätte ich noch: Warum fragst du nicht deine Freundin Babs, ob sie dich zur Teilhaberin ihrer Galerie macht! Du verbringst ohnehin einen Großteil deiner Zeit dort, um bei den Vernissagen zu helfen. Na, das wäre doch was, wo du so kunstbegeistert bist!“
Sein angeblicher Geistesblitz zauberte ein triumphierendes Lächeln auf sein Gesicht.
„Alex, du musst wirklich sehr müde sein, sonst kämst du nicht auf solche Schnapsideen. Ich werde wieder als Lehrerin arbeiten, das ist Fakt, und jetzt schlaf den Schlaf des Gerechten!“
„Morgen finde ich das schlagende Argument, das dich vor dem sicheren Untergang bewahrt“, murmelte er und schloss die Lider.
Es dauerte keine zwei Minuten, bis er ins Reich der Träume abgedriftet war. Nachdenklich beobachtete ich, wie sich sein Brustkorb regelmäßig hob und senkte und seine Gesichtszüge sich immer mehr entspannten.
Da lag er, der Mann, der mich in himmlische Sphären katapultiert hatte, als ich ihm vor siebzehn Jahren auf einem Rockkonzert begegnet war. Manchmal empfand ich es beinahe als Wunder, dass wir uns nach all diesen Jahren immer noch innig liebten und nicht ohne einander sein konnten. Es war damals die sagenumwobene Liebe auf den ersten Blick gewesen und zwischen uns hatte sofort eine tiefe Vertrautheit geherrscht, als hätten wir uns schon ein Leben lang gekannt. Ich war so verliebt gewesen in diesen gut aussehenden, sportlichen und humorvollen Medizinstudenten, dass ich kurz entschlossen meine ohnehin angeschlagene Beziehung zu meinem damaligen Partner löste. Bald darauf waren wir zusammengezogen, studierten und heirateten, nachdem er sein Studium beendet hatte. Als dann unser Sonnenschein Sascha geboren wurde, hatte ich mich beurlauben lassen, um Alex beruflich den Rücken zu stärken.
„Hallo Mama!“, riss mich eine Kinderstimme aus meinen Gedanken. Ich drehte mich um und sah Sascha, der fröhlich auf mich zugelaufen kam. Ich legte den Zeigefinger auf die Lippen.
„Pssst! Papa schläft!“, flüsterte ich, als Sascha auf meinen Schoß kroch.
„Och, schade. Glaubst du er hilft mir heute noch bei meinem Baukasten?“, flüsterte er zurück. Ich zuckte mit den Schultern. „Ich fürchte, dazu ist er heute zu müde. Morgen ist Samstag, da hat er bestimmt Zeit.“
„Papa wird sich freuen, wenn er sieht, wie weit ich schon gekommen bin!“, wisperte Sascha mit strahlenden Augen, die denen von Alex so ähnlich waren.
„Ganz bestimmt wird er das, mein Liebling“, meinte ich lächelnd und strich zärtlich mit der Hand durch seine schwarzen Locken, die er von seinem Opa väterlicherseits geerbt haben musste, denn sowohl ich als auch Alex waren mit so genannten Schnittlauchlocken gesegnet. Sascha wich mir aus.
„Mama, ich bin doch keine Ziege aus dem Streichelzoo!“, protestierte er.
Es passierte in letzter Zeit häufiger, dass er sich gegen zu viel Bemutterung und zärtliche Zuwendungen meinerseits wehrte. Als ausgebildete Pädagogin verstand ich das natürlich, hatte aber nichtsdestotrotz Schwierigkeiten mit dem beginnenden Abnabelungsprozess.
„Sag Papa, dass ich ihn ganz arg lieb habe. Ich gehe wieder basteln“, tuschelte er mir ins Ohr und lief davon. Ich musste lächeln und freute mich wieder einmal darüber, welch gutes Verhältnis die beiden zueinander hatten. Auch dafür liebte ich Alex. Man konnte ihn getrost als guten Vater bezeichnen. Obwohl seine Karriere viel Zeit in Anspruch nahm, hatte er sich in seiner Freizeit immer intensiv mit Klein-Sascha beschäftigt, Er war mit ihm auf den Spielplatz gegangen, Fahrrad gefahren, hatte ganze Burgen aus Legosteinen mit ihm gebaut. Aber nur unter der Voraussetzung, dass das Kind in bespielbarem Zustand war, sprich gewaschen, gefüttert, gewickelt und angekleidet. Ich zeigte Verständnis dafür, denn sein Job an der Klinik war mit viel Verantwortung und körperlicher Anstrengung verbunden. Auch für häusliche Tätigkeiten zeigte er wenig Talent und Interesse. Mein Mann verhielt sich eher so, wie die Evolution es für ihn vorgesehen hatte: in die raue Welt zum Jagen hinauszugehen, abends in die Höhle an das gut behütete Feuer zurückzukehren und freudestrahlend seinen Beutezug zu präsentieren. Sein größter Beutefang war die Ernennung zum Chefarzt vor knapp einem Jahr gewesen. Ich hatte bis dato immer Rücksicht auf ihn und seine anstrengende Karriere genommen, doch nun sah ich keine Notwendigkeit mehr, meine Bedürfnisse weiterhin zurückzustecken. Am nächsten Tag gab ich ein Stellengesuch für eine Haushaltshilfe auf. Gleichzeitig schickte ich den Antrag zur Wiederaufnahme in den Schuldienst weg, womit die dramatischen Verwicklungen unaufhaltsam ihren Lauf nahmen.
Auf das Geschehene zurückblicken, die Fehler erkennen, das Unabänderliche annehmen müssen – der Schmerz drückt mich fast zu Boden.
Entspannung, ich sehnte mich nach Entspannung! Langsam sank ich auf die Liege und schloss die Augen. Das gleichmäßige Meeresrauschen, die leichte, warme Brise, die über meinen Körper strich, der salzige Geruch in der Luft, das entfernte Lachen und Reden der anderen Badegäste waren Sinneseindrücke, die ihre Wirkung nicht verfehlten. Ich konnte endlich innerlich loslassen.
Schon seit drei Tagen befand ich mich mit Alex und Sascha in Spanien an der Costa Brava, einquartiert in einem schönen Ferienhaus mit Pool, und dennoch war es mir nicht gelungen, die Unruhe zu unterdrücken, die beim Gedanken an meinen beruflichen Neuanfang immer wieder aufflammte. Freudige und bange Gefühle hielten sich dabei die Waage.
Sei nicht dumm, hatte mich meine innere Stimme ermahnt, hör auf zu grübeln und genieße gefälligst die letzten drei Wochen vor dem Sturm! Und genau das tat ich jetzt. Ich atmete tief ein und gab einen wohligen Seufzer von mir. Kaltes Wasser platschte auf meinen Bauch und riss mich aus meiner Verzückung.
„Iiiiiiieh, Alex, du Fiesling, na warte!“ Lachend jagte ich ihn über den wenig belebten Strand und warf ihn im seichten Wasser zu Boden. Spielerisch kämpfend wälzten wir uns in den sanften Wellen, bis ich mich schließlich Alex’ innigen und überaus salzigen Küssen ergab.
„Ist das herrlich hier!“, schwärmte dieser in einer Kusspause. „Kein Stress, keine Pflichten, kein Piepsgerät weit und breit, viel Zeit zum Küssen …“
Seine Lippen verschmolzen wieder mit meinen.
„Ihr seid ja sooo peinlich! Immer die blöde Küsserei. Spielt lieber Frisbee mit mir!“, ertönte Saschas Stimme plötzlich. Seine Hände in beide Hüften gestemmt, stand er als personifizierte Empörung vor uns. Lachend setzten wir uns auf.
„Ach, Moralapostel Sascha! Schon gut, wir kommen!“, gluckste Alex amüsiert und zog mich schwungvoll mit sich in die Höhe.
„Die Peinlichkeiten müssen wir wohl auf heute Nacht verschieben, meine Süße“, raunte er mir neckisch zu und lief dann hinter Sascha her.
Es musste eine dunkle Vorahnung gewesen sein, die mich diese kostbaren Augenblicke vollkommenen Glücks bis in die letzte Faser auskosten ließ. Der Zauber der Unbeschwertheit, die während des gesamten Urlaubs zwischen uns geherrscht hatte, verflog schneller, als mir lieb sein konnte. Übergangslos ergriff der Alltag nach unserer Rückkehr von uns Besitz. Schon am nächsten Tag war ein Termin mit unserer neuen Haushaltshilfe Magdalena festgesetzt, um ihr alles Notwendige zeigen zu können. Lena, wie sie genannt werden wollte, war eine hübsche, dreißigjährige Spanierin, lebte seit ihrer Kindheit in Deutschland, war seit einem Jahr geschieden und hatte zwei Kinder im Grundschulalter.
Dass sie auch zwei Gesichter besaß, musste ich erschrocken feststellen, als ich sie höflich bat, das Rauchen in unserem Hause zu unterlassen. Beim Vorstellungsgespräch war sie die Freundlichkeit in Person gewesen und ich hatte sie sofort sympathisch gefunden. Doch heute erfuhr meine angeblich gute Menschenkenntnis einen enormen Tiefschlag.
„Heißt das auch nicht auf dem Balkon?“, schnarrte sie mich an. Ihr Zahnpastalächeln war augenblicklich verflogen und ihre Miene verfinsterte sich derart, dass ich unweigerlich zurückschreckte.
Ich war noch zu perplex, um souverän gegensteuern zu können, und stammelte nur: „Ähm, ich meine ja nur, ähm, wissen Sie, wir sind beide Nichtraucher und mein Sohn …“
„Kann ich jetzt oder nicht?“, unterbrach sie mich ungeduldig und in ihren Augen war mühsam unterdrückte Wut zu erkennen.
Ich raffte mich innerlich auf und sagte so selbstbewusst wie möglich: „Ich möchte nur, dass Sie während der Arbeitszeit gar nicht rauchen. Nach getaner Arbeit gerne, meinetwegen auch auf dem Balkon, Hauptsache außerhalb des Hauses.“
Ich lächelte sie dabei tapfer an, doch Lena fixierte mich immer noch mit zusammengezogenen Augenbrauen und gab schließlich einen knurrenden Laut von sich.
„Wenn es unbedingt sein muss. Kann ich jetzt gehen?“
„Aber sicher. Kommen Sie am ersten Arbeitstag bitte um sieben Uhr, damit ich Sie noch einweisen kann. Also bis dann! Ich hoffe auf eine gute Zusammenarbeit.“
Lena reichte mir unwillig die Hand und verabschiedete sich brummelnd. Ziemlich ernüchtert schloss ich die Haustür und schenkte mir erst mal einen Orangenlikör ein. Hatte Lena mir die Superfreundliche nur vorgespielt, um diese Stelle zu bekommen? Wie hatte ich mich nur so täuschen können? Vor meinem geistigen Auge sah ich eine wütende Lena, die beim Staubwischen meine Designervase fallen ließ und genussvoll sämtliche Mercedessterne an Alex’ Automodellen abknickte. Schweißperlen bildeten sich auf meiner Stirn, wie immer, wenn ich mich aufregte.
Das geht ja schon gut los, dachte ich und ahnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass dieses unfreundliche Gespräch nur ein winziger Keimling dessen war, was mich noch erwarten sollte.
Mit einem Schluck Likör spülte ich die unangenehmen Gedanken hinunter und begab mich an meinen Schreibtisch. Schließlich hatte ich Wichtigeres zu tun, als mir darüber Gedanken zu machen, wie man rebellierende Haushaltshilfen in Schach halten konnte. Doch kaum hatte ich begonnen, den Unterrichtsverlauf für den ersten Schultag zu planen, läutete das Telefon. Es war Babara, meine Freundin, die mir aufgeregt ins Ohr kreischte: „Isabel, wo bleibst du?“
„Hallo Babs! Was heißt hier wo bleibst du?“
„Aber du wolltest mir doch helfen Josefs Vernissage vorzubereiten! Das hast du mir fest zugesagt!“
Mir wurde abwechselnd heiß und kalt. Wie hatte ich das nur vergessen können?!
Babs war die Frau eines Kollegen von Alex und besaß eine Kunstgalerie in der Innenstadt. Vor genau zehn Jahren hatten wir uns kennengelernt, als Alex ein paar Kollegen samt Frauen zu uns nach Hause eingeladen hatte. Seitdem pflegten wir eine enge Freundschaft, die auch bestens funktionierte, weil ich mich ebenfalls für Kunst interessierte. Wie oft hatte ich ihr schon bei der Gestaltung von Vernissagen geholfen und nicht einen einzigen Termin versäumt. Bis auf heute.
„Entschuldige vielmals! Ich habe es vor lauter Gedanken an den ersten Schultag total verschwitzt!“
Babs schnaubte entrüstet: „Erster Schultag? Aber ich habe auf dich gezählt! Du musst unbedingt noch kommen, sonst schaffe ich es nicht mehr!“
Sie klang so verzweifelt und vorwurfsvoll, dass ich ihr spontan zusagte, in einer halben Stunde bei ihr zu sein, obwohl es für mich die reinste Zeitverschwendung bedeutete.
In Windeseile tauschte ich meinen Jogginganzug gegen ein Kostüm, schminkte mich in weniger als zwei Minuten mit dem Ergebnis, dass ich danach aussah wie eine Zwölfjährige, die ihre Weiblichkeit entdeckt und sich an Mamas Schminktiegel vergriffen hatte. Nach einer notdürftigen Korrektur sagte ich Sascha Bescheid, dass wir zu Babs fahren mussten. Er protestierte lautstark, doch ich ignorierte sein Gezeter, drückte ihm ein Buch über Dinosaurier in die Hand und zog ihn mit zum Auto.
„Ich kann Ausstellungen nicht leiden und Babs und diesen doofen Maler auch nicht!“, rief er keifend vom Rücksitz nach vorne, als ich anfuhr.
„Ich weiß, Schätzchen, aber ich kann dich doch nicht alleine lassen!“
„Da sind nur Erwachsene, nichts darf man anfassen und hundert Mal fragen mich die doofen Leute, wie ich heiße und wo meine Mami ist. Das ist so blöd dort, Manno!“
Saschas Nörgelei begleitete mich, bis wir bei der Galerie ankamen. Bevor wir das Gebäude betraten, legte ich meine Hände auf seine Schultern und sagte: „Wenn dir wieder jemand eine dumme Frage stellt, dann sagst du einfach: ‚Bitte sprechen Sie mich nicht an, ich bin ein Kunstobjekt.‘“
Saschas Gesicht hellte sich auf. „Du bist echt cool, Mama!“
Als wir den Ausstellungsraum betraten, hielt ich sofort Ausschau nach Babs. Ein paar Angestellte vom Catering-Service liefen geschäftig hin und her, um das Buffet aufzubauen, und wir mussten aufpassen, dass wir ihnen nicht in die Quere kamen.
„Hallo, da bist du ja!“, hörte ich plötzlich Babs rufen. Ich drehte mich zu ihr um. Sie sah blendend aus, gekleidet mit einem weinroten, figurnahen Kostüm, die mittellangen, glatten schwarzen Haare an den Seitenpartien perfekt in Stufen geschnitten und mit einem Make-up, von dem ich heute nur träumen konnte. Man sah ihr das Alter von 41 Jahren nicht an und niemand, der sie zum ersten Mal sah, würde vermuten, dass sie schon ziemlich harte Zeiten mit ihrem ersten Mann, der spielsüchtig war, hinter sich hatte. Ihr Leben hatte sich erst zum Besseren gewendet, als sie sich scheiden ließ und ihren jetzigen Mann Hugo, einen Kollegen von Alex, kennenlernte. Er hatte sie nach Kräften unterstützt und den Aufbau ihrer Galerie in der Münchner Innenstadt ermöglicht.
„Hallo, da bin ich wie versprochen!“, sagte ich und umarmte sie.
„Na Sascha, wolltest du deine Mami begleiten?“, sagte sie mit Blick auf ihn und wuschelte ihm durch das Lockenhaupt. Ich wusste natürlich, dass sie mich in ihren heiligen Hallen lieber ohne Anhängsel empfing. Sie selbst besaß keine Kinder und hatte auch nie den dringenden Wunsch gehabt, welche zu besitzen, wie sie mir einmal im Vertrauen gestand. Das Verständnis für kindliche Allüren hielt sich deshalb in Grenzen.
„Von wollen kann gar keine Rede sein!“, entgegnete ich schnell, bevor Sascha den Mund aufmachen konnte. „Ich habe alles liegen und stehen lassen, um zu dir zu kommen. So schnell hätte ich niemanden gefunden, der auf Sascha aufpasst.“
„Na das sieht man. Dein Make-up und deine Frisur! Du hast auch schon mal besser ausgesehen.“
Babs’ direkte Art, die Dinge beim Namen zu nennen, war manchmal nur schwer zu verkraften.
„Vielen Dank für die Blumen. Ich kann auch wieder gehen, wenn ich nicht hierher passe. Ich habe sowieso keine Zeit“, meinte ich deshalb beleidigt.
„Aber nein, so habe ich das doch nicht gemeint. Wieso hast du denn keine Zeit?“
Bevor ich dazukam ihr vorzuhalten, wie ignorant sie zuweilen sein konnte, kam ein schlanker, groß gewachsener Mittvierziger mit ergrautem, aber gewelltem vollem Haar und einem charmanten Lächeln auf seinen geschwungenen Lippen auf uns zugesteuert. Er umarmte Babs und begrüßte sie mit englischem Akzent.
„Darf ich vorstellen, das ist Henry Thompson, ein bedeutender Galerist aus London und guter alter Bekannter“, sagte sie zu mir gewandt, und auf mich deutend: „Isabel Seland, Grundschullehrerin und trotzdem meine beste Freundin.“
Mr Henry Thompson ergriff galant meine rechte Hand und lächelte mich dabei noch galanter an, so dass ich gar keine Zeit fand, mich über das ‚trotzdem‘ aufzuregen, geschweige denn etwas zu entgegnen.
„Freut mich sehr, Sie kennenzulernen!“, sagte er mit nach hinten gerolltem R, verneigte sich andeutungsweise und ließ seinen Blick wohlwollend auf mir ruhen. Aus welchem Film war der denn entsprungen? Solch ritterliches Verhalten konnte nicht real sein!
„Ganz meinerseits“, entgegnete ich mechanisch und lächelte zurück. Bevor er etwas sagen konnte, umarmte mich Sascha von hinten so heftig, dass ich beinahe auf Mr Thompson gefallen wäre. Er wich einen Schritt zurück und bedachte Sascha mit einem amüsierten Blick.
„Na junger Mann, nicht so stürmisch, sonst bleibt deine Mama nicht standhaft“, sagte er mit belustigtem Unterton in der Stimme. So viel Zweideutigkeit hätte ich diesem Gentleman gar nicht zugetraut.
Sascha legte sofort los: „Josef ist so gemein zu mir. Ich wollte ihm nur helfen!“
Mir schwante Schreckliches. „Wobei?!“
„Die Bilder wegräumen, die eh kein Mensch kauft.“
Bevor ich ihn zurechtweisen konnte, ergriff Babs das Wort.
„Saschaschätzchen, was habe ich dir letztes Mal gesagt, was mit bösen Buben passiert, die Bilder anfassen?“
Mit Entsetzen registrierte ich Saschas zitterndes Kinn als Zeichen eines nahenden Tränenausbruchs. So etwas passierte ihm nur in Extremsituationen. Die Löwenmutter in mir erwachte und ich fuhr Babs unwirsch an.
„Was hast du letztes Mal zu ihm gesagt?“
„Ähm, so schlimm war das gar nicht gemeint …“
„Was?!!“
An ihrer Stelle antwortete der schluchzende Sascha: „Fffp, dass mir die, ffp, Hände abfallen!“
Ungläubig starrte ich Babs an und vernahm gleichzeitig ein leises Lachen von Mr Thompson. Ich konnte in diesem Augenblick wahrhaftig nichts Lustiges daran finden, dass mein Kind mit übler Struwwelpeterpädagogik zur Räson gebracht worden war. Empört warf ich ihm einen Blick zu.
„Ich kann darüber nicht lachen. Kinderseelen sind so verletzlich. Mein Sascha weint so gut wie nie und jetzt das! Komm, Sascha, wir gehen!“, sagte ich pikiert und streckte meine Hand nach ihm aus, doch ich griff ins Leere. Sascha hatte sich umgedreht und lief grinsend zu einer Angestellten vom Catering-Service, die ihm irgendein Schnittchen reichte.
„Siehst du, alles halb so schlimm!“, rief Babs erleichtert.
„Kinder vertragen mehr, als man glaubt. Das weiß ich von meinem Sohn aus erster Ehe“, bestätigte Mr Thompson. Ich gab mich geschlagen bei so viel geballter pädagogischer Überzeugungskraft. Als Sascha mir dann auch noch lachend zuwinkte, musste ich mir eingestehen überreagiert zu haben.
Henry Thompson verwickelte mich in ein Gespräch über zeitgenössische Künstler, die er für seine Galerie an Land zog, während wir Babs halfen ein paar von Josefs Bildern aufzuhängen. Anschließend tranken wir zusammen noch ein Glas Sekt. Ganz Gentleman erkundigte er sich zunächst nach meinem Leben, ohne dabei neugierig zu wirken, und hörte interessiert zu. Als er schließlich von sich erzählte, war es die etwas selbstverliebte Art, die mich störte. Sie versetzte meiner anfänglichen Sympathie für ihn einen empfindlichen Dämpfer. Ich sah auf meine Uhr.
„Oh, schon nach acht Uhr. Jetzt wird es aber Zeit zu gehen!“
„Wie schade, ich fand unsere Unterhaltung sehr angenehm“, meinte Henry und sah mich mit einem Ausdruck an, der das Gesagte noch unterstrich. So viel konzentrierter Charme war schon fast unheimlich und ich fragte mich, wo der Haken dabei war. War es vielleicht nur bodenlose Heuchelei?
„Tja, leider, die Pflicht ruft! War nett Sie kennenzulernen. Auf Wiedersehen!“
Ich reichte ihm die Hand. „Ganz meinerseits. Vielleicht können wir uns einmal wiedersehen. Ich bin für eine Weile in Deutschland. Wäre wirklich schön!“
Mit den Schultern zuckend sagte ich nur: „Ja vielleicht!“, und ging dann ins Nebenzimmer Sascha holen, der sich dort mit Babs’ Malutensilien künstlerisch verausgaben durfte.
Inzwischen hatte sich die Galerie mit den ersten Gästen gefüllt, die mit einem Sektglas in der Hand in Gruppen zusammenstanden oder Bilder betrachteten. Babs kam eiligen Schrittes herbei, um uns zu verabschieden. „Geht ihr schon? Du hast dich doch so prächtig mit Henry unterhalten.“
„Ja, aber ich muss noch Kreisspiele für den ersten Unterrichtstag heraussuchen!“
„Kreisspiele!? Und dafür lässt du diesen Ausbund an Charme einfach stehen?“
„Ich muss!“
„Aber er war offensichtlich ganz begeistert von dir. Wie findest du ihn denn? Wäre der nicht eine Sünde wert?“
Sie hatte sicherlich schon zu viel Champagner intus, sonst würde sie nicht solchen Unsinn reden.
„Wie bitte? Ich bin glücklich verheiratet! So etwas kommt für mich niemals in Frage! Und schon gar nicht mit diesem Obercharmeur!“
„Sag niemals nie! Es gibt Männer, die die standhaftesten Frauen zum Wanken bringen“, meinte sie augenzwinkernd.
„Niemals!“, versicherte ich noch einmal mit Nachdruck. Und glaubte auch daran.
Mein Blick wandert unter dem Schirm hervor in Richtung Himmel. Rabenschwarze, tief hängende Wolken ziehen über den Köpfen der Trauergäste hinweg. Eine Sehnsucht erwacht in mir, eine dieser Wolken möge mich umfangen und wegtragen in eine andere Welt. Denn jede andere Welt wäre erträglicher als diese hier auf Erden.
Am Ende des ersten Schultages war mir eines klar geworden. Mein bisheriges ruhiges und harmonisches Leben hatte ich eingetauscht gegen einen mit Hektik und Konflikten bestückten Alltag. Schon am Morgen begann das organisierte Chaos, weil Sascha sein Schreibmäppchen nicht finden konnte. Er wollte keinen Ärger mit seinem strengen Klassenlehrer bekommen und rannte deshalb hysterisch „Wo ist mein Mäppchen?“ schreiend im oberen Stockwerk umher. Mein Vorsatz, mich trotz des Lampenfiebers nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, kam bei dem Geschrei zum Erliegen.
„Keine Ahnung! Warum hast du auch nicht auf mich gehört und deine Schultasche schon gestern Abend gepackt!“, rief ich laut zurück.
„Ich brauche es aber!“, hallte es zurück. Entnervt holte ich Luft, um ihn wegen seiner Schlampigkeit zu rügen, als es klingelte. Lena! Auch das noch, dachte ich und öffnete die Haustür. Ich sah gerade noch, wie sie eine Zigarette zu Boden warf und auf dem Fußabstreifer austrat. Hatte sie es wirklich so nötig oder wollte sie mich auf Grund unseres letzten Gespräches provozieren?
„Guten Morgen, Lena. Kommen Sie herein, aber nehmen Sie die Zigarettenkippe mit, bevor mein Sohn sie findet. Außerdem gibt das Flecken auf der Fußmatte.“
Lenas Lächeln erlosch von einer Sekunde zur anderen. Sie sah mich trotzig an, hob dann mit provokant langsamen Bewegungen die Kippe auf und ging vor mir ins Haus.
Ein weiterer Grundstein für das Missverhältnis zwischen uns war damit gelegt worden. Ich fragte mich ernsthaft, wie ich es schaffen sollte, dieser Person vertrauensvoll meinen Haushalt zu überlassen.
„Hier ist der Abfalleimer“, sagte ich ziemlich unterkühlt und öffnete den Küchenschrank unter der Spüle. Als sie sich wieder umdrehte, nachdem sie die Kippe hineingeworfen hatte, kam Alex frisch geduscht, nur mit einem Handtuch um seine schlanken Hüften geschlungen, zur Tür herein. Erschrocken blieb er stehen. „Um Himmels willen, Isabel, Besuch zu so früher Stunde?“
„Mama, mein Mäppchen!“, schallte es von der Treppe herunter.
Es fiel mir sehr schwer, Ruhe zu bewahren.
„Vielleicht in deiner Spielkiste!“, rief ich ungeduldig zurück und sah mit Entsetzen, wie Lena ihren Blick wohlwollend über Alex’ Körper schweifen ließ. Über das ganze Gesicht strahlend, die lange schwarze Lockenpracht über die Schulter werfend, ging sie auf ihn zu und streckte ihm ihre rechte Hand entgegen.
„Guten Tag, ich bin Magdalena, Ihre Haushaltshilfe, aber nennen Sie mich ruhig Lena!“, sagte sie mit leicht rauchiger Stimme. Dabei setzte sie ihr Lächeln und ihren Augenaufschlag so perfekt in Szene, dass es mir die Sprache verschlug. Wieso hatte ich bei der Entscheidung, sie einzustellen, nicht bedacht, dass eine rassige Erscheinung wie Lena für einen attraktiven Mann wie Alex die Versuchung par excellence bedeuten konnte? Und umgekehrt genauso!
Ich gab ihnen nur so viel Zeit, dass sie sich kurz die Hände schütteln konnten, und entführte Lena dann eiligst in den Hauswirtschaftsraum. Es galt dafür zu sorgen, dass Lena so wenig wie möglich mit Alex in Kontakt geriet. Obwohl ich sie noch nicht richtig kannte, traute ich ihr inzwischen zu, meinen Mann verführen zu wollen.
Nachdem ich ihr erklärt hatte, was sie erledigen sollte, schickte ich Sascha samt dem im letzten Augenblick gefundenen Mäppchen in die Schule und nahm danach mein Frühstück hastig im Stehen ein. Während ich in meine Anzugjacke schlüpfte, gab ich Alex einen flüchtigen Kuss auf die Wange.
„Tschüss, mein Liebling, und guten Start in der Schule!“, rief er mir noch hinterher, da ich im nächsten Augenblick schon an der Haustür war. Ich wollte heute möglichst früh in der Schule erscheinen. Die Verspätung bei der Lehrerkonferenz am Tag zuvor war peinlich genug gewesen. Beim Telefonat mit Babs hatte mein ausgeprägtes Quasselbedürfnis dafür gesorgt, dass ich wie üblich nicht auf die Zeit achtete. Als unangenehme Konsequenz erlitt ich die Schmach, die Rede von Rektor Bausch empfindlich stören zu müssen. Die Augen der gesamten Lehrerschaft, bestehend aus 60 Grund-, Haupt- und Realschullehrern, waren auf mich gerichtet gewesen, als ich leise die Lehrerzimmertür geöffnet hatte und dann mit rotem Kopf eine Entschuldigung murmelnd zu einem leeren Stuhl geschlichen war. Als ich meinen Blick in die Runde hatte schweifen lassen, sah ich, dass Grundschulkonrektor Ahlers mich mit unverblümter Verachtung musterte. Als er mich im Laufe der Sitzung vorgestellt hatte, konnte er sich eine humorvolle und in gleichem Maße spitze Bemerkung in Bezug auf meinen Fehltritt nicht verkneifen. Zu allem Übel war ich dann auch noch gezwungen, nach der Konferenz sofort nach Hause zu fahren, um meine Eltern rechtzeitig zum Flughafen zu bringen. Ich hatte somit keine Gelegenheit gehabt, auch nur ein einziges Wort mit den Kollegen und Kolleginnen zu wechseln. Das wollte ich heute unbedingt nachholen, um mir nicht gleich den Ruf einer Außenseiterin einzuhandeln.
Der Weg zur Schule dauerte nur eine Viertelstunde, wenn der Verkehr so reibungslos verlief wie heute. Langsam bog ich mit meinem schwarzen Cabrio auf den großen Parkplatz des Schulzentrums und erntete einige neugierige Blicke von gelangweilt herumstehenden Schülern. Zwei Lehrer, die ihre braunen, verknautschten Ledertaschen mit einem Riemen um die Schulter hängen hatten, sahen ebenfalls zu mir herüber. Gewillt mich guten Mutes in das Berufsleben zu stürzen, stieg ich aus dem Auto, strich meine Anzugjacke glatt, holte meine Aktentasche aus dem Kofferraum und ging beschwingten Schrittes auf die beiden zu. Angesichts der verbeulten Cordhosen und der farblich nicht unbedingt dazu passenden Karohemden der Herren fühlte ich mich in meinem beigefarbenen Hosenanzug mit edlem T-Shirt und passenden Pumps etwas overdressed, doch ich ließ mich dadurch nicht verunsichern.
„Guten Tag, ich bin Isabel Seland!“, stellte ich mich vor. „Bei der Lehrerkonferenz hatten wir leider keine Gelegenheit, uns kennenzulernen.“
Sie reichten mir artig die Hand und nannten ihre Namen, die ich im nächsten Moment schon wieder vergessen hatte.
„Willkommen im Hexenkessel!“, meinte der mit den grau melierten Locken grinsend, während wir ins Hauptgebäude gingen. Dort befanden sich schon ziemlich viele Schüler. Einige begaben sich schlendernd zu ihren Klassenzimmern, andere standen laut miteinander scherzend auf dem Flur, so dass man ausweichen musste, um nicht angerempelt zu werden. Der Lärmpegel und die Vorstellung, bald mit den Problemen pubertierender Hauptschul-Achtklässler konfrontiert zu werden, die ich zusätzlich zu den Grundschülern im Fach Englisch bekam, ließen ein mulmiges Gefühl in mir aufkommen. Ich war froh, als wir endlich das Lehrerzimmer erreicht hatten. In dem großen Raum, Rückzugsgebiet für 60 Lehrer, gab es viele Tischgruppen. An der Wand befand sich ein Regal, in dem jeder Lehrer sein eigenes Fach besaß. In der linken Ecke des Raumes gab es eine Kaffeeküche, in der sich schon zwei Kaffeesüchtige aufhielten, jeder mit einer Tasse in der Hand. Einige Lehrer standen in Grüppchen zusammen und unterhielten sich angeregt, andere saßen an einem Tisch, mit einem Stapel Bücher vor sich. Ich stand etwas verloren da, als ich leicht von hinten angerempelt wurde.
„Verzeihung, aber könnten Sie freundlicherweise den Weg freimachen!“, brummte eine männliche Stimme. Ein Lehrer, schätzungsweise Anfang 40, mit hellem, schütterem Haar und einem Bauchansatz, der sich unter seinem Pullover deutlich abzeichnete, schob sich an mir vorbei und blieb dicht vor mir stehen. Seine kleinen wässrigen Augen blickten mich übellaunig an.
„Oh, Entschuldigung!“, sagte ich, trotz dieses unflätigen Benehmens um einen freundlichen Ton bemüht. „Ich bin neu hier. Isabel Seland mein Name. Und wer sind Sie?“
Meine Hand, die ich ihm entgegenhielt, wartete vergeblich darauf von seiner gedrückt zu werden, stattdessen erntete ich einen weiteren sauertöpfischen Blick.
„Ich weiß. Sie sind die Neue, die das Kunststück schafft, gleich bei der ersten Konferenz zu spät zu kommen. Nicht gerade die beste Art, sich hier einzuführen!“, sagte er in abfälligem Ton. Ärger stieg in mir auf. Ich öffnete den Mund, um ihn zu fragen, was für ein Problem er eigentlich damit habe, doch er ließ mich nicht zu Wort kommen.
„Ich bin Hans Stiegl, Klassenlehrer von der 8a, in der Sie übrigens Englisch unterrichten. Ich hoffe nur, Sie lassen sich nicht genauso schnell unterkriegen wie Ihre Vorgängerin. Dieses ewige Geflenne, wie schlimm die Schüler doch seien, ging mir mächtig auf die Nerven. Mit der nötigen Autorität kommen auch Frauen mit Pubertierenden zurecht. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen, ich muss mit meinem Parallelkollegen noch etwas besprechen.“
Sprach’s und ließ mich einfach stehen. Verdutzt sah ich ihm zu, wie er auf einen schlanken, hoch gewachsenen, blonden Lehrer zuging. Bis dato war mir noch nie jemand so überaus unfreundlich begegnet. Die Aussicht, in der Klasse dieses offensichtlich hochgradig frauenfeindlichen und unkooperativen Kollegen arbeiten zu dürfen, erteilte meinem Enthusiasmus einen empfindlichen Dämpfer. Ich verdrängte schnell diesen unangenehmen Gedanken und sah mich im Raum nach Grundschulkollegen um. Dabei bemerkte ich, wie mich eine Lehrerin meines Alters interessiert und eingehend musterte. Als sich unsere Blicke begegneten, lächelte sie. Im nächsten Moment verließ sie die Gruppe Frauen, bei der sie gestanden hatte, und ging auf mich zu. Nach der unerquicklichen Begegnung mit Hans Stiegl war es eine Wohltat, wie sie mir freudestrahlend die Hand entgegenstreckte und sich in jovialer Art vorstellte.
„Guten Tag, Frau Seland! Willkommen im Grundschulteam! Ich bin Sabine Grunert von der Klasse 3a. Wir sind Parallelkolleginnen. Gestern hatten wir ja keine Gelegenheit gefunden, miteinander zu sprechen. Sie waren nach der Konferenz wie vom Erdboden verschluckt.“
„Guten Tag! Ja, ich wäre gerne noch geblieben, aber ich musste meine Eltern zum Flughafen fahren und war schon verdammt spät dran.“
Sie nickte verständnisvoll und strich dann ihre mittellangen brünetten Haare hinter die Ohren. Ihr Gesicht war nicht im üblichen Sinne als schön zu bezeichnen, aber höchst interessant. Die hohen Wangenknochen und die kleinen, leicht schrägen bernsteinfarbenen Augen verliehen ihr etwas Indianisches. Verstärkt wurde dieser Eindruck durch den bronzen schimmernden Teint. Ein Anblick, der einen auf eigenartige Weise fesselte.
„Wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen nach dem Unterricht den Lehrmittelraum und die Kopierecke mit den zwei lausigen Kopiergeräten für 60 Lehrer. Da ist Organisationstalent gefragt, wenn beide verrückt spielen. Ach eigentlich könnten wir uns gleich duzen, das tun ja fast alle hier. Ich bin die Sabine!“
„Freut mich! Ich bin Isabel!“ Ich strahlte sie an, erleichtert darüber, dass mir die Kollegin, mit der ich am engsten zusammenarbeiten würde, auf Anhieb sympathisch war. Eine Männerstimme riss mich aus meiner Verzückung.
„Jetzt stehen Sie ja immer noch mitten im Weg und haben sich auch noch Verstärkung dazugeholt!“, monierte der unfreundliche Herr Stiegl und drängte sich demonstrativ so knapp an mir vorbei, dass er dabei meine Schulter streifte.
„Hans, jetzt sei zu unserer Schulanfängerin ein wenig netter, sonst verlässt sie uns ja gleich wieder!“, meinte Sabine scherzhaft.
„Wäre auch nicht so schlimm. Unser Bedarf an besserwisserischen Emanzen in unserem Kollegium ist reichlich gedeckt“, antwortete er dreist grinsend und verließ das Lehrerzimmer. Ich sah Sabine fragend an.
„Ist der immer so?“
„Tja, unser Hans! Ein Meister der Charmeoffensive! Nach den Ferien ist er besonders nett, wie du gerade gesehen hast. Aber nimm es nicht persönlich. Er hat wahrscheinlich irgendein Problem mit Frauen und kann gar nicht anders.“
Sie sah sich kurz im Raum um. „Wo Jan bloß bleibt? Bestimmt hat er wieder einmal vergessen sein Handy aufzuladen, mit dem er sich immer wecken lässt. Das ist so typisch für ihn. Ein liebenswerter Chaot eben.“
„Wer ist Jan?“
„Unser Kollege aus der 3c. Gestern war er in einen Auffahrunfall mit viel Blechschaden verwickelt, weswegen er bei der Konferenz nicht dabei sein konnte. Er ist zum Glück das ganze Gegenteil von Hans. Aber du wirst ihn ja bald kennenlernen. Komm, wir gehen schon mal zu unseren Klassenzimmern.“
Wir durchquerten unzählige Gänge und stiegen eine breite Treppe hoch, bis wir den Grundschultrakt erreichten. Dabei erfuhr ich, dass Sabine seit fünf Jahren geschieden war, keine Kinder hatte und sich vor kurzem von ihrem letzten Partner getrennt hatte. Als sie hörte, dass ich mit meiner kleinen Familie glücklich war, meinte sie mit einem Seufzer in der Stimme: „Schön, dass es so perfekte Lebensentwürfe noch gibt. Bei den meisten herrscht heutzutage doch der Ausnahmezustand wie bei mir oder Jan. Der ist auch seit ein paar Jahren geschieden. Aber bei so einem tollen Typen wie ihm kann man überhaupt nicht verstehen, dass es in der Ehe nicht funktioniert hat. Nun ja, man blickt eben nicht in die Leute hinein.“
Ihren Äußerungen nach zu urteilen, schien dieser Jan ein sehr sympathischer Mensch zu sein und ich brannte inzwischen darauf, ihn persönlich kennenzulernen. Doch zuerst musste ich die Feuerprobe in der Klasse 3b bestehen.
Vier Schulstunden später, als alle Schüler nach dem Klingelzeichen aus dem Klassenzimmer strömten, sank ich ermattet auf meinen Stuhl und streckte die Beine von mir. Der Unterricht war besser gelaufen, als ich erwartet hatte, aber nichtsdestoweniger hatte ich auf Grund fehlender Routine die ganze Zeit über unter hoher Anspannung gestanden. Und Janina Müller, ein groß gewachsenes braunhaariges Mädchen, hatte mir mit ihrem Verhalten den Einstieg ins Schulleben zusätzlich erschwert. Trotz meiner Zurechtweisungen hatte sie immer wieder spontan dazwischengerufen oder losgeschimpft, wenn sie etwas „oberblöde“ fand.
„Na wie ist es dir ergangen?“, unterbrach Sabine gut gelaunt meinen Gedankengang, als sie mein Klassenzimmer betrat. Sie setzte sich mir gegenüber auf einen Schülertisch. „Siehst ein bisschen geschafft aus, ehrlich gesagt. Aber nach so langer Berufspause ist das auch nicht verwunderlich. Dir fehlt eben noch die Routine.“
„Ja, ich bin wirklich ziemlich erledigt. Diese Janina kostet einen den letzten Nerv, sag ich dir.“
„Janina Müller? O je! Mit der hatte Frau Timmler auch so ihre Schwierigkeiten. Aber ihr Vater ist noch schlimmer. Der Mann flippt immer ziemlich aus, wenn man seinem Herzchen zu nahe tritt.“
„Was für rosige Aussichten! Ein Alltag mit verhaltensgestörten Schülern und ausflippenden Vätern! Da kriegt man doch Kuchen und Aufläufe besser gebacken!“
Unser Gelächter drang bis auf den Flur hinaus.
„Lustig ist das Schulleben! Darf man mitlachen?“, ertönte plötzlich eine männliche Stimme.
Ich sah zur Tür. Gegen den Holzrahmen gelehnt und amüsiert grinsend, stand da ein schlanker, dunkelbraun gelockter Mann, mit Jeans und schwarzem T-Shirt bekleidet, eine Hand in der Hosentasche vergraben. Sein Anblick elektrisierte mich förmlich. Aus einem jungenhaften braun gebrannten Gesicht mit einer sehr männlichen Note, die der dunkle Bartschatten noch unterstrich, strahlten mir zwei helle, von schwarzen Wimpern umrahmte Augen wie leuchtende Sterne entgegen. Das Lächeln seines sinnlich geschwungenen Mundes, das auf den Wangen kleine Grübchen erzeugte und seine weißen Zähne blitzen ließ, wirkte unglaublich sympathisch. Mit einer unnachahmlich lässigen Art zu gehen kam er auf mich zu und streckte mir seine Hand entgegen.
„Hallo, ich bin Jan Fenrich, Chef in der 3c. Willkommen im Club! Dem Gelächter nach zu urteilen ist die Feuerprobe ja gelungen.“ Er hatte eine angenehme tiefe Stimme.
Ich stand auf und reichte ihm lächelnd die Hand.
„Hallo, ich bin Isabel Seland. Alles nur Galgenhumor, Herr Fenrich. So lässt es sich leichter ertragen.“
Die Art, wie er mich ansah, forschend, interessiert und warmherzig zugleich, jagte mir einen wohligen Schauer über den Rücken. Sein interessantes Gesicht zog mich in einen so eigentümlichen Bann, dass ich vergaß seine Hand wieder loszulassen.
Erst Sabines lautes „Hey Jan, ich bin auch noch da!“ ließ mich erschrocken aus meiner Versunkenheit auftauchen. Ihm schien es genauso ergangen zu sein, denn er ließ abrupt meine Hand los und drehte sich zu Sabine um. Ziemlich vertraut begrüßte er sie mit einer Umarmung und Küsschen auf beide Wangen.
„Hallo Bienchen! Wie könnte ich dich je vergessen! Alles klar bei dir?“
„Ja, ich denke nach ein paar Tagen wird sich die Klasse an mich gewöhnt haben. Bei dir muss man wahrscheinlich gar nicht nachfragen. Du mit deinem unschlagbaren Charisma machst das sowieso mit links.“
„Ja, ich muss zugeben, die lieben Kinderchen spuren einwandfrei. Ich kann aber gar nicht sagen, woran das liegt. Wahrscheinlich bin ich ein grandioses pädagogisches Naturtalent!“
Er lächelte verschmitzt und ließ den Blick von Sabine zu mir gleiten, ließ ihn einen Augenblick auf mir ruhen und dann wieder zu Sabine wandern.
„Wir müssen noch einiges besprechen. Wie wäre es mit einem Tässchen Cappuccino im Café Seidl gleich um die Ecke?“, fragte er.
„Ja, gerne, ich habe Zeit!“, stimmte sie sofort zu.
„Und wie ist es mit dir, äh, Ihnen? Ach, was soll das förmliche Getue. Ich bin Jan“, meinte er spontan und lächelte dabei auf seine gewinnende Art.
„Ich bin Isabel. Ähm, ich würde gerne mitkommen, aber mein Sohn kommt bald heim und unsere Haushaltshilfe hat heute zum ersten Mal gekocht …“
„Verstehe!“, meinte er mit einem viel sagenden schnellen Blick, den er abschätzend von Kopf bis Fuß und wieder zurück über mich schweifen ließ. Darin lag die Aussage Verstehe, Familienarbeit war dir zu langweilig undVerstehe, du gehörst zu der Schicht, die sich den Luxus einer Haushälterin leisten kann und Verstehe, wir haben es hier wohl mit einem Paradiesvögelchen zu tun. All dies glaubte ich in diesem einen Blick lesen zu können. Ich konnte nicht sagen, welches Gefühl überwog – Verärgerung, Enttäuschung oder Verunsicherung.
„Tja, schade, aber wir werden sicher noch mehr Gelegenheiten für einen gemütlichen Plausch finden!“, sagte er. Es war nicht die geringste Spur von Geringschätzung in seiner Stimme und seinem Lächeln erkennbar. Ich war erleichtert. Meine Sensoren für negative Schwingungen waren wohl zu fein eingestellt gewesen, weswegen ich seine Reaktion falsch interpretiert hatte.
Wir verabschiedeten uns und ich fuhr beschwingt nach Hause. Ich war froh, dass meine Parallelkollegen überaus liebenswürdig waren. Immer wieder tauchte vor meinem geistigen Auge Jans sympathisches Lächeln auf, das unwillkürlich ein wohliges Gefühl in mir auslöste. Was war los mit mir? Derartige Gefühlsregungen hatte ich nicht mehr verspürt seit, ja, seit ich mich damals in Alex verliebte. Verliebtheitsgefühle?! Unsinn!! Nach der unerfreulichen Begegnung mit Hans Stiegl waren Jans liebenswerte Art und sein gefälliges Äußeres einfach nur Balsam für die Seele gewesen.
Zu Hause angekommen, sank meine Laune sofort wieder gegen null, als ich statt Lena und gut duftendem Essen nur einen Zettel mit fast unleserlicher Schrift auf dem Küchentisch vorfand. Nach einigen Entzifferungsbemühungen erfuhr ich, dass sie schon früher nach Hause musste und ich in der Thermoschüssel ein paar Pfannkuchen vorfinden würde. Zum Glück hatte sie dem Inhalt derselben eine Bezeichnung gegeben, denn der zerfledderte Teighaufen, teils schwarz angebrannt, teils käsig weiß, wäre nicht als Pfannkuchen zu identifizieren gewesen.
Konnte Lena etwa nicht kochen? Oder wollte sie mich damit ärgern? Das wäre ihr gelungen. Es klingelte. Wütend ging ich zur Tür, um Sascha zu öffnen, der mich gleich mit „Hallo Mama, ich habe sooo Hunger. Was gibt es denn?“ überfiel.
„Pfannkuchen!“, murrte ich.
„Cool, können wir die gleich essen?“, fragte er und rannte voraus in die Küche. Gleich darauf ertönte das erwartete „Iiiiih, was ist das denn? Mama, muss ich das essen?“
Bevor ich antworten konnte, öffnete sich die Haustür und Alex kam herein.
„Du? Wieso bist du schon hier?“
„Netter Empfang! Ich wollte mich vor der nächsten Operation noch ein wenig zurückziehen und gemütlich mit meiner Familie essen. Aber das scheint ja nicht so willkommen zu sein.“
„Papa, schau mal, das sollen Pfannkuchen sein!“
Sascha stand in der Küchentür und hielt Alex die Schüssel entgegen. Dieser warf einen kurzen Blick hinein und sah mich mit angewidertem Gesichtsausdruck an. Ich zuckte nur resigniert mit den Schultern und sagte: „Lena.“
„Lena? Wer ist Lena?“
Mein vernichtender Blick half seiner kleinen Amnesie sofort auf die Sprünge. „Ach so ja, Lena! Na das fängt ja gut an. So viel zum Thema ‚Es wird sich nichts ändern, Schatz‘.“
„Ach hör auf zu meckern, alter Chauvi. Es ist ihr erster Tag, das gibt sich schon noch. Wahrscheinlich war sie wegen ihrer Kinder in Eile.“
„Huuuunger! Was essen wir denn jetzt, Mama?“
„Pfannkuchen, und zwar meine.“
Kurz entschlossen und ziemlich wütend warf ich Lenas kulinarischen Supergau in den Biobehälter und rührte einen neuen Teig an. Dabei schaltete ich das Rührgerät auf die höchste Stufe, um Alex’ Kommentare im Sinne von Ich habe dich frühzeitig gewarnt und Erwarte jetzt bloß keine Unterstützung allzu deutlich hören zu müssen.
Prinzipienreiter, dachte ich und kämpfte gegen den Drang an, die gebackenen Teigplatten gegen die Wand zu klatschen. Wie schön wäre es gewesen, am gedeckten Tisch leckere, von Lena liebevoll zubereitete Pfannkuchen, beim angeregten Gespräch mit Alex zu verspeisen und mich noch nebenbei um das Wohlergehen unseres Sprösslings kümmern zu können. Stattdessen stand ich entnervt am Herd und scheuchte Sascha in der Küche herum, damit er den Tisch deckte.
Leider sollte das missratene Mittagessen noch nicht der Höhepunkt meiner Frustration sein. Als ich ins obere Stockwerk ging, musste ich mit Entsetzen feststellen, dass weder die Betten gemacht worden waren noch das Bad eine gründliche Reinigung erfahren hatte und auch der Staubsauger war nicht zum Einsatz gekommen. Was hatte diese Person eigentlich den ganzen Vormittag gemacht, außer ungenießbare Teigmansche anzurühren?
Beim Gedanken, mich mit der übellaunigen Person auseinandersetzen zu müssen, wurde mir ganz flau. Wie hatte mich mein Gespür für Menschen so im Stich lassen können? Als ich sie eingestellt hatte, war sie eine vollkommen andere Person gewesen als die, die ich jetzt erlebte.
Sie sollte mich entlasten und nicht belasten!
Erschöpft sank ich auf das zerwühlte Bett und ließ meinen Tränen freien Lauf. Es war der erste Arbeitstag und ich hatte das Gefühl, dass alles über mich hereinbrach. Eigentlich sollte ich schon längst zur Unterrichtsvorbereitung am Schreibtisch sitzen. Stattdessen saß ich untätig auf dem Bett und heulte wie ein Schlosshund. Wie jämmerlich! Zu allem Überfluss hörte ich auch noch Schritte auf der Treppe. Hektisch wischte ich die Tränen mit dem Ärmel weg. Alex sollte mich nicht als Häuflein Elend vorfinden, das schon am ersten Tag dem Nervenzusammenbruch nahe war. Dieses Wasser würde ich nicht auf seine Mühlen geben! Zum Glück war es aber nur Sascha, doch als er mein verheultes Gesicht sah, rief er gleich lauthals in den Flur hinaus: „Schnell, Papa, komm! Die Mama weint wegen der Pfannkuchen!“
Blitzschnell zog ich das kleine Plappermaul zu mir her und hielt ihm den Mund zu.
„Pst, Papa braucht seine Mittagsruhe. Es ist gar nichts passiert.“
Doch Alex hatte etwas gehört und rief hinauf, was denn los sei. Ich antwortete schnell: „Alles in Ordnung, Schatz, ich habe nur Seife in die Augen bekommen.“
Nur eine kleine Lüge. Es sollte nicht die einzige bleiben.
Beten, denken, nichts denken, nichts denken können. Langsam wird der Sarg ins Grab hinabgelassen, das Ende eines Lebens besiegelt. Tränen der Fassungslosigkeit fließen über meine Wangen. Wird es je ein Verstehen geben? Was ist die Rettung? Vielleicht nur der Glaube. Der Glaube an Vergebung. Es fällt schwer.
Die Nacht brachte leider nicht die gewünschte Erholung. Ich lag bis fast zwei Uhr wach und überlegte, wie das Gespräch mit Lena verlaufen würde, und als ich endlich eingeschlafen war, plagten mich wilde Träume. Ich träumte, dass Lena mich in unserem Schulgebäude mit halb verbrannten Pfannkuchen verfolgte und wütend damit bombardierte. Ich flüchtete und wusste plötzlich nicht mehr, wo ich mich befand. Verzweifelt suchte ich nach einem Ausgang, doch es gab nur Fenster und Wände. Ich fing hysterisch an zu schreien. Jan kam mir plötzlich entgegen, umarmte mich ganz fest und sagte leise: „Alles wird gut, mein Liebling!“
Hatte er tatsächlich mein Liebling gesagt? Und klang seine Stimme nicht wie die von Alex? Allmählich kam ich zu mir und begriff, dass ich in Alex’ beschützenden Armen lag.
„Was ist denn los, mein Schatz? Du hast so jämmerlich geschrien. Sind die Schüler so schlimm oder hast du von deinem Chauvigatten geträumt?“
Seine zärtliche Stimme brachte mich zum Weinen und ich begann hemmungslos zu schluchzen. Augenblicklich schaltete er das Licht ein und sah mich besorgt an.
„So schlimm? Was ist denn passiert?“
Ich erzählte ihm stockend von den Schwierigkeiten mit Lena und ihrer Haushaltsführung und schilderte ihm meinen Traum – die Stelle mit Jan ließ ich weg.
„Aber warum hast du mir heute Abend nicht gesagt, dass du so große Probleme mit ihr hast?“
„Ich wollte dich nicht belästigen. Schließlich ist das Ganze meine Angelegenheit, wie du selber immer so schön betonst.“
„Tut mir leid, aber ich konnte ja nicht ahnen, dass es so schlimm ist und dich so sehr belastet. Ich kann ja mal mit ihr reden. Aller Anfang ist schwer, aber das spielt sich schon noch ein. Und jetzt versuch noch ein bisschen zu schlafen.“
Er küsste mich zärtlich und ich fiel bis zum Weckerklingeln noch für zwei Stunden in einen tiefen Schlaf. Das war natürlich viel zu kurz, um sich zu erholen, was mir der Blick in den Spiegel bestätigte. Die Lider waren dick geschwollen, tiefe schwarze Ringe zeichneten sich unter den Augen ab und mein Teint hob sich kaum von den weißen Fliesen ab. So konnte ich mich unmöglich den Schülern präsentieren! Und Jan wollte ich in diesem Zustand erst recht nicht begegnen … Den Gedanken an eine Krankmeldung verwarf ich sofort wieder. Es war unmöglich, schon am zweiten Tag der Schule fern zu bleiben, nur wegen Schlafdefizit und dessen sichtbare Folgen. Also übertünchte ich die Spuren der vergangenen Nacht, so gut es ging, und verließ das Haus, noch bevor Lena auftauchte.
Ich betrat das Lehrerzimmer, das menschenleer war. Erleichtert, in meiner Übermüdung keinen Smalltalk führen zu müssen, setzte ich mich an einen Tisch. Doch meine Freude sollte nicht lange währen. Nur ein paar Minuten später öffnete sich die Tür und Hans Stiegl kam mit einem Stapel Blätter herein. Sein Blick verdüsterte sich sofort, als er meiner ansichtig wurde, und die passende Bemerkung hatte er auch gleich parat.
„Na, heute haben Sie ja einen gewaltigen Frühstart hingelegt, ganz im Gegensatz zum Konferenztag!“, sagte er spöttisch und ging dabei zu seinem Tisch, auf den er die Arbeitsblätter knallte. Warum musste ausgerechnet dieser Ausbund an Unverschämtheit so früh hier sein! Warum nicht Jan? Mit ihm wäre es zum reinen Vergnügen geworden, doch mit Hans war Kampf angesagt.
„So etwas kann doch jedem mal passieren, auch Ihnen. Das liegt eben in der Natur des Menschen.“
„In der Natur schusseliger Menschen vielleicht!“ Er lachte höhnisch.
Ich musste an mich halten, um nicht entnervt aufzustöhnen. War es diesem Kerl denn nicht möglich, in normalem Ton zu kommunizieren?
„Sie haben heute Englisch in meiner Klasse. Ich möchte Sie vor Patrick warnen, ein unguter Geselle. Er kommt aus schwierigen Verhältnissen. Die Mutter ist schon zum dritten Mal verheiratet, hat vier Kinder von drei Männern und sein Stiefvater hat Probleme mit dem Alkohol, was auch schon auf Patrick abfärbt. Von Frauen lässt er sich übrigens ungern unterrichten.“
„Aha“, antwortete ich kurz angebunden.
Ich war nicht gewillt, mich mit diesem Widerling weiter zu unterhalten. Leider handelte ich mir damit die nächste Klatsche ein.
„Mehr fällt Ihnen nicht dazu ein?! Oder war das zu viel Information auf einmal zu so – für Sie zumindest – ungewöhnlich früher Stunde?“
Wie konnte man diesem fiesen Lästermaul bloß wirksam Kontra geben? Mir fiel nichts ein, also wedelte ich nur verärgert mit meiner Kopiervorlage vor seiner dicken Nase herum und antwortete in schroffem Ton: „Ich habe jetzt keine Zeit mehr für Ihre Belehrungen. Sie entschuldigen mich!“
Ich warf ihm einen vernichtenden Blick zu und eilte davon.
Während ich dem Kopiergerät zusah, wie es die Blätter nacheinander ausspuckte, dachte ich darüber nach, mit welcher Strategie ich mich gegen ihn wehren konnte. Am besten war es, mich nicht provozieren zu lassen. Wenn ich ihn mit seiner Boshaftigkeit auflaufen ließ, würde es irgendwann reizlos für ihn werden, mich zu ärgern, und ich hätte meine Ruhe. Die Theorie war gut, fragte sich nur, wie die Praxis aussah. Ich muss mich jetzt auf den Unterricht konzentrieren, dachte ich, packte entschlossen meine Blätterstapel, drehte mich um und wurde unsanft von einem männlichen, mit brauner Lederjacke bekleideten Oberkörper gerempelt. Ich ließ vor Schreck mein gesamtes Kopiergut fallen, das sich gleichmäßig über den Boden verteilte.
„Oh Verzeihung, Isabel, ich bin dir wohl zu nahegetreten!“, rief Jan lachend und ging gleich darauf in die Hocke, um die Blätterflut einzusammeln.
„Ach du bist es! Ich dachte schon …“, stieß ich erleichtert hervor.
Er sah zu mir hoch. „Was dachtest du?“
„Nichts weiter.“
Ich ging ebenfalls in die Hocke und scharrte die Blätter zusammen.
„Was hat dich denn schon so früh aus dem Bett gejagt? Schlecht geschlafen?“, fragte er und sah mich prüfend an. Nur dieser eine kurze Blick in mein Gesicht hatte ihm genügt, um die richtigen Schlüsse zu ziehen.
„Unsere Haushälterin macht gerade Ärger, und der Gedanke an sie hat mir den Schlaf geraubt. Aber Alex wird das schon regeln.“
„Alex?“
„Mein Mann.“
Für ein paar Sekunden verfingen sich unsere Blicke auf seltsame Weise. War es Neugierde, die ich in seinen Augen erblickte? Hastig fuhr ich fort die restlichen Blätter einzusammeln.
„Hier!“ Er reichte mir lächelnd seinen Stapel und streifte dabei meine Hand. Es war nur eine unbedeutende, zufällige Berührung, und doch war es, als hätte ich einen Stromschlag erhalten. Irritiert stand ich auf und presste den Blätterstapel wie ein Schutzschild an meine Brust.
„Gut, ich muss dann los. Wir sehen uns in der Pause“, sagte ich nur, drehte mich auf dem Absatz um und verließ eilig, ohne eine Antwort abzuwarten, das Lehrerzimmer.
Im Klassenzimmer angekommen, ließ ich mich auf den Stuhl am Lehrerpult fallen. Ich dachte an die Begegnung im Kopierraum und musste mir eingestehen, dass Jan eine sonderbare Anziehungskraft besaß. Was war nur in mich gefahren, dass mich seine Anwesenheit dermaßen aus dem Gleichgewicht bringen konnte? Er war doch nur mein Kollege und zufällig ein sehr sympathischer.
Die ersten Kinder betraten den Raum und begrüßten mich lautstark. Ich grüßte freudig zurück, dankbar, dass ihre Anwesenheit mich vom Weitergrübeln abhielt. Der Verlauf des Unterrichts tat sein Übriges, um keine Sekunde mehr an die morgendliche Begegnung mit Jan denken zu müssen. Es war Janinas Verhalten, das meine gesamte Konzentration abverlangte. Ständig störte sie mit Zwischenrufen die Besprechung eines Lesestückes, bis ich sie aus dem Stuhlkreis entfernte, sie an der Schulter packte und auf ihren Platz zwang. Dort sollte sie zehn Mal den Satz Ich muss mich melden, bevor ich spreche schreiben. Ihren Protest unterband ich sofort mit einem harschen „Kein Wort mehr, schreib!“ und fuhr mit angespannten Nerven im Unterricht fort. Erst als das erlösende Klingelzeichen zur großen Pause ertönte, ließ die Anspannung nach. Ich begab mich zum Lehrerzimmer, das schon ziemlich bevölkert war. Sabine, die neben Jan stand, winkte mir zu.
„Hallo Isabel! Na wie war der zweite Tag?“, rief Sabine.
„Hallo! Frag lieber nicht! Diese Janina ist so anstrengend!“
Während wir uns an den Tisch setzten, wagte ich einen scheuen Blick zu Jan. Er erwiderte ihn prompt mit einem angedeuteten Lächeln. Es war nicht zu leugnen. Ich war erleichtert darüber, dass er meinen übereilten Abgang am Morgen nicht übel genommen hatte. Befreit von allen Zweifeln, erwiderte ich sein Lächeln und erzählte von meinen Erlebnissen mit Janina.
Inge Stadlmeier, eine etwas füllige Kollegin aus der 50-plus-Riege, nahm meine Schilderungen interessiert zur Kenntnis, taxierte unverhohlen mein lindgrünes Chanelkostüm und sagte frostig: „Tja, da kommen harte Zeiten auf Sie zu. Sie dürfen auf gar keinen Fall Unsicherheit zeigen! Wenn ich da an die Schwierigkeiten mit Maximilian vor zwei Jahren denke!“
