Die Anstalt - Detlef Kristeleit - E-Book

Die Anstalt E-Book

Detlef Kristeleit

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Beschreibung

DDR der 50er Jahre Im Mittelpunkt die "Anstalt" mit ihren "Insassen", 17-18 jährigen Mädchen und Jungen, die nach drei Jahren die Staatliche Abschlussprüfung als Unterstufenlehrer ablegen sollen. Ihr Alltag ist voller Überraschungen. Was sie erleben, denken und fühlen wird sehr lebendig erzählt. Die Momente reihen sich aneinander und lassen ein Bild der Wirklichkeit entstehen. "Die Anstalt" ist ein humorvolles Buch, dennoch mit ernsthaftem Hintergrund, kritisch, aber ohne Bitterkeit.

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Seitenzahl: 188

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Mit Dank an

Gisela, meine liebe Frau,

für ihr engagiertes Redigieren.

Der Moment ist alles!

Er schreibt die Vergangenheit und bestimmt die Zukunft.

Und ist doch so kurz.

INHALT

Teil I

1

Schlüsselerlebnis

*

Wie man durch Schlafwandeln zu Erkenntnissen gelangt und ein Internatszimmer von einem Krankenhauszimmer unterscheidet

2

Wie ein Staat zu Lehrern kommt

*

Wie viele Wurzeln ein einziger Wunsch haben kann

*

Warum zwei weiße Inseln im Blau ein Ärgernis sind

*

Was dabei herauskommt, wenn sich jeder seinen Lehrer selber wählt, und eine sichere Methode, die Führung aus der Hand zu geben

3

Die Anstalt

*

Was Donaldchen glücklich macht

*

Aktion Blitz

*

Wie der Merker seine Macht missbraucht

*

Wie man vom Duscher zum Straßenkehrer wird, sich bedankt und seine eigene Ordnung erstellt

4

Die Ängste der Mütter, wenn die Haare ihrer Söhne immer kürzer, die Hosen enger werden und die Schuhe klappern

*

Wie ein Mantel blind machen und das Lernen fast eine Nebensache werden kann

5

Sommerende

*

Wie es sich anfühlt, wenn man lächelnd Abschied nimmt und Baumner von den Störchen schwafelt

6

Warum Erdbeeren, die im Winter reifen, platzen

*

Wie man nach der Unendlichkeit suchen kann, der Lange ein Büffel wird und Dirk ein Weißer Klauschke

7

Püschel und Mayer

*

Eine Methode, Bauern für die LPG zu werben

*

Wie ein kluges politisches Konzept an der fehlenden Reife der Jugend scheitert und Herbert die Diktatur der Arbeiterklasse ausübt

8

Wie ein Studienjahr mit Wundern endet, Emil ein Blauhemd trägt und Kuddel russisch spricht

*

Elterntag und Martins Himmelfahrt

1

Schlüsselerlebnis

*

Wie man durch Schlafwandeln zu Erkenntnissen gelangt und ein Internatszimmer von einem Krankenhauszimmer unterscheidet

 

»Halt! Blei´m Se stehn!«

Die durchdringende Bassstimme hallte den schwach erleuchteten Treppenflur herunter. Einschüchternd? Nein.

Aber ich glaube, du hättest genau wie ich den Eindruck bekommen, dass es besser wäre, dieser Stimme mit dem deutlich sächsischen Dialekt Folge zu leisten.

Die sechs siebzehnjährigen Jungen, in wohlgeordneter Reihe auf den Treppenstufen hintereinander emporsteigend, hielten an. Das Merkwürdige an dieser Szene war, dass die Jungen alle die Arme vorhielten, als wollten sie sofort beginnen, Kniebeugen zu üben.

Irreal!

Auch die nun folgende Unbeweglichkeit schien unwirklich.

Irritierende Stille, um sich greifend, Spannung erzeugend. Und die Jungen, ernst, voll konzentriert, ohne jegliche Regung, standen in diesem dahindämmernden Treppenhauslicht reglos, still, erstarrt.

Habtachtstellung! Steif nach vorn zeigende Arme. Versteinert. Eingefroren. Filmriss! Standbild!

»Das ist Kino«, dachte Dirk begeistert, »das geht immer so weiter! Aber wie? Werden wir alle es durchhalten, die Arme oben zu behalten? Wenn nur einer von uns aufgibt, einer diese Spannung nicht mehr aushält, vielleicht anfängt zu lachen, ist der Film zu Ende.« Es prickelte!

Aus den Augenwinkeln, nur aus den Augenwinkeln schielte er nach oben. Denn du musst wissen, er war der Kleinste der Gruppe, stand demzufolge hintenan, auf der untersten Treppenstufe.

Auf dem oberen Treppenabsatz stand im Dämmerlicht eine kompakte Mannsperson, Arme auf dem Rücken verschränkt, Oberkörper, Kopf und Kinn weit vorgeschoben, alles durch eine dunkle Hornbrille fixierend.

Du konntest es richtig sehen: Dirk hatte es gepackt!

»Das ist ein richtiger Haudegen! Was wird geschehen?«, dachte er.

Die sonore Stimme ertönte erneut: »Sag´n Se, wie lange sind Se schon hier?«

»Seit heute!«

»Und da spinn' Se schon?«

Das Lachen saß den Jungen in der Kehle. Aber sie räusperten sich nicht. Strenge Lautlosigkeit.

Es tat sich nichts. Die Zeit stand still.

Keine Regung! Kein Ton!

Da setzte dieser große selbstsichere laute Mensch hinzu: »Haun Se ab!«

Die Truppe setzte sich in Bewegung. Die schmerzenden Arme weit von sich gestreckt, erstiegen die Jungen die letzten Stufen.

Erst als sie ihr Zimmer erreicht hatten, die Tür hinter ihnen ins Schloss gefallen war, sprang, das hättest du hören sollen, ihr wieherndes Gelächter wie ein ausgelassenes Fohlen durch den Raum, über Tische, Stühle und Betten. Als es zur Ruhe kam, war das Zimmer mit Frohsinn ausgefüllt, mit Übermut und unterschwelliger Siegesfreude.

Ahnung: Kraftprobe bestanden!

Was sie allerdings nicht wussten, war, dass sich ein Gerücht auf den Weg machte, die Lehrerschaft des Institutes erreichte und ihr zutrug, dass es im Seminar L/1 eine eigenartige Gruppierung gäbe. Danach behauptete man im Lehrkörper: »Das wird Ärger geben!«

Was meinst du? Eine kleine harmlose Episode. Stimmt`s?

Trotzdem, du wirst es sehen, ein Schlüsselerlebnis! An diesem ersten Tag, dem Anreisetag, bevor also diese Episode abends passierte, hatte man den Neuankömmlingen die Zimmer zugewiesen. Spartanisch, sage ich dir, kahl, schmucklos.

Du hättest Krankenhaus vermutet, aber es roch anders. Es roch eigentlich überhaupt nicht. Es war clean!

Als Dirk einmal bei seinem Onkel Wanja im Krankenhaus gewesen war, hatte er diesen Geruch das erste Mal verspürt. Erst dachte er, er hätte wieder seinen Knoblauch gegessen, also sein Onkel, und dieser Atemduft mische sich mit den Dünsten von Medizin und Desinfektionsmitteln.

Aber es roch gleichermaßen auch auf den Fluren, überall. Krankenhausnebel!

Dieser muss sich damals in ihm festgesetzt haben. Wenn er in so ein Zimmer kam, befiel ihn immer dieser Dunst. Also, ernüchternd das Zimmer, mehr noch, entmutigend. Kein Bild an der Wand. Zwar hell und sauber, aber abschreckend. Kein Ort zum Wohlfühlen.

Neun Betten, neun Nachtschränkchen, zwei Tische, neun Stühle, neun Spinde. Auf diesen die Koffer. Zwei Lampen, ein Besen, ein Handfeger, ein Aufnehmer, ein Papierkorb. Die Inventarliste.

Die schmalen Schränke füllten sich mit Unterwäsche, Sportzeug, Strümpfen, mit sorgfältig gestapelten Hemden, Campinghemden mit spitzem Ausschnitt und einem Campingbinder, einer Art Kordelschnur, mit zwei Stoffhosen - eine für täglich, eine für gut.

Du wirst Jeans in dieser Aufzählung vermissen.

Jeans - da hättest du Verwandtschaft im Westen haben müssen. Hatte Dirk. Einen Vater.

Seine Mutter sagte immer, wenn auf ihn die Sprache kam: «Sehr intelligent und immer gesellig. Der hat sicher seine eigenen Sorgen.«

»Ja«, dachte Dirk dann, »die Sorge, wieder nüchtern zu werden. Von dem bekomme ich im Leben keine Jeans.«

Jeans hätte man aber in diesem Internat in jener Zeit wohl kaum tragen können. Das waren hier keine Jeans, das waren Nietenhosen, wie Walter Ulbricht sich ausdrückte, Hosen, die die amerikanischen Cowboys trugen, Hosen des Klassenfeindes.

Dafür hingen Sakko, Sommermantel und Regenjacke einträchtig nebeneinander, stapelten sich Pullover und andere nützliche Sachen.

Nun gab es einen Rundgang durch das Gebäude. Da war alles beisammen: Klassen- und Funktionsräume, Aula, Bibliothek und Leseraum, Turnhalle, Mehrzwecksaal mit Bühne und kleinen Proberäumen für den Instrumentalunterricht.

Und gerade in diesem Saal gab es nach dem Abendessen einen französischen Film: »In gewissen Nächten«. Der ist heute sicher längst vergessen, aber nicht von Dirk und nicht von seinen Freunden, die mit ihm das Zimmer teilten. In der Hauptrolle ein Mondsüchtiger, gespielt von Fernandel, der mit diesem riesigen Pferdegebiss. Er heiratet letztendlich und vererbt allen seinen heranwachsenden Kindern diese schlafwandlerische Veranlagung. Letztes Filmbild: Die Kinder, vom größten bis zum kleinsten, ziehen mit schlafwandlerisch vorgestreckten Armen hinter ihrem Vater über die Dächer von Paris.

Ja, ich weiß, du hast es längst geahnt. Das war der Ursprung dieses Treppenzuges.

Aber weißt du, nun stellt man sich doch vor, dass man vorher bespricht, wie und wer was tut.

So war es aber nicht! Irgendeiner der Burschen, frag mich nicht wer, begann. Die anderen sahen es, und jeder tat etwas dazu, erahnte, was hier losgehen könnte.

Ich sage dir: Das war etwas für Dirk.

Theater des Augenblicks!

Improvisation!

Das prickelte!

2

Wie ein Staat zu Lehrern kommt

*

Wie viele Wurzeln ein einziger Wunsch haben kann

*

Warum zwei weiße Inseln im Blau ein Ärgernis sind

*

Was dabei herauskommt, wenn sich jeder seinen Lehrer selber wählt, und eine sichere Methode, die Führung aus der Hand zu geben

 

Das Land brauchte dringend Lehrer. Und es tat etwas. Institute für Lehrerbildung wurden gegründet. Junge Leute gewonnen, den Lehrerberuf zu ergreifen. Tempo!

Regelfall drei Jahre Studium nach Klasse zehn. Staatsexamen. Zwei Probejahre. Lehrer der Klassen eins bis vier, Unterstufenlehrer.

Das wollten all die Jungen und Mädchen werden, die hier in den steilen Stuhlreihen vor der stummen Orgel der Aula saßen.

Ihre Motive waren vielfältig, vor allem bei den wenigen Jungen.

Kaspar sollte und wollte die Tradition der mühsamen Feldarbeit seiner Vorfahren verlassen. Der Junge sollte es besser haben.

Fred hatte als Helfer im Ferienlager gearbeitet. Die Kinder hatten seinen Worten gelauscht, ihn bewundert. Begeistert hatte er sie. Sie liefen ihm hinterher, hingen an seinem Hemdzipfel. Er liebte diese fröhlichen unbekümmerten Mädel und Jungen. Unterstufenlehrer, genau das war sein Beruf.

Der Lange hatte ein Maschinenbaustudium begonnen. Nicht sein Ding! Etwas anderes musste her.

Dirk hatte sich keine Gedanken gemacht, welchen Beruf er erlernen wollte. Dieser kleine freundliche Bursche fühlte sich in der Schule wohl. Lernen fiel ihm leicht. Vormittags waren lauter Freunde um ihn herum, nachmittags las er, spielte Fußball.

Neuerdings nahmen auch die Mädchen Raum in seiner fantasievollen Gedankenwelt ein.

»Das geht immer so weiter«, muss er gedacht haben.

»Mal sehen, was kommt.«

»Vielleicht kann er ja Gärtner lernen«, schlug Kuddel, sein Stiefvater, vor. Der war Kraftfahrer beim Rat der Stadt und fuhr in dieser Eigenschaft gerade verschiedentlich den Gartenbauarchitekten.

Dazu hatte Dirk eigentlich keine rechte Lust. Aber wie sollte er es sagen? Er fand es schwierig. Sein Stiefvater kümmerte sich um ihn. Dirk war ihm dankbar.

So kam die Werbecampagne gerade recht. Diese paarte sich mit der Entrüstung seiner umsichtigen Tante, ihren Dirk zum Gärtner machen zu wollen, und endete in dem Schiedsspruch Onkel Wanjas: »Warum soll er in der Erde wühlen, wenn er fliegen kann?«

*

Immatrikulation!

FDJ-Hemd Pflicht!

Lauter junge Leute, die heute ein Studium begannen. Da hättest du Freude vermutet. Oder?

Aber sie saßen kraftlos und müde in den Reihen der Aula. Ich will dir dieses Bild nicht ersparen, wie sie sich durch die fade Rede des Genossen Hardlaib, Direktor des Instituts, quälten.

Zeitungsdeutsch strömte gemächlich, als sei es von sich selbst gelangweilt, durch das FDJ-Blau der Aula. Politische Phrasentäler - agitatorische Wellenberge, manchmal wie knorriges Schwemmholz - stalinistisches Wurzelwerk. Zähes Dahinfließen. Mitten in diesem gleichtönigen Blau, zwei kleine weiße Inseln: Martin und Emil. Sie hatten weiße Hemden an.

»Das fängt ja gut an,« dachte der Genosse Hardlaib.

»Ärgerlich! Sehr ärgerlich! Nachhaken! Klassenleiter der L/1: Abändern! Bericht!«

Der Lehrkörper wurde vorgestellt.

Das war ein Zeitpunkt des Aufatmens, wo die Gelangweilten aus ihrer Starre erwachten.

Der stellvertretende Institutsleiter, Genosse Nebel, machte seinem Namen alle Ehre. Vorgestellt und nie mehr bemerkt. Einer von denen, dachte Dirk, die im Schatten arbeiteten, die die Arbeit leisteten mit denen sich dann andere in der Sonne bewundern ließen. Ob der die Rede Hardlaibs geschrieben hatte? Kann eigentlich nicht sein. Onkel Wanja hatte mal zu ihm gesagt: »Sei nicht dumm! Hüte dich vor denen im Schatten!«

Und seinem Onkel, verstehst du, dem glaubte er. Der hatte Lebenserfahrung. Wenn er, der Dirk, in der Klemme war, dachte er daran, was sein Onkel wohl tun würde. Das war vielleicht nicht heldenhaft, aber klug immer.

Merker, der Internatsleiter, schaute herausfordernd in die Runde. Die »Neuen« sahen diesen humorlosen Blick und dachten: »Bei dem werden wir nichts zu lachen haben!« Und richtig, er sollte sich als der unerbittliche Hüter über Ordnung und Sitten im Internat herausstellen, ausgestattet mit der Lizenz, willkürlich Strafen jeglicher Art, bis hin zu verdecktem Entzug des Wochenendurlaubs, auszuteilen.

Ich sage dir, es gab nichts, was er nicht ausspionierte. Neben ihm, mit bürgerlich korrektem Scheitel, gelassen, ernst und gleichmütig, der bescheiden wirkende Redlich, Mathematiker.

Dann das Gesicht der gestrigen Begegnung, das Gesicht der Bassstimme, das Gesicht des Psychologen Barde. Als er aufstand, beugt sich der Oberkörper wieder leicht vor, die Arme verschränkten sich auf dem Rücken, sein imposantes Kinn stieß steil voran. Was für ein Kerl, lauter zurückgehaltene Energie!

Der kleine zackige Russischlehrer Dr. Kurz war nun an der Reihe. Es sah so aus, dass der sich die Butter bestimmt auch nicht vom Brot nehmen ließe, man aber vielleicht bei den Herren Beere, Bodwann oder Korges ein wenig Unterhaltung finden könnte.

Dieses dominante Feld der Männer geriet aus dem Blickfeld, weil am Feldrand, wie man es ausdrücken könnte, zwei Lichtnelken erblühten: das Fräulein Frühauf, stellvertretende Heimleiterin, und das Fräulein Glöckchen, Deutschmethodikerin.

Der verständliche und sehnliche Wunsch der Neuankömmlinge, dass nun Schluss sein möge, erfüllte sich nicht. Die Prozedur ging weiter. Kannst du dir das vorstellen?

Viel zu lang für die jungen Leute, die an den Fünfundvierzig-Minutenrhythmus der Unterrichtsstunden gewöhnt waren. Diese Zeit war längst überschritten. Sie brauchten dringend eine Pause. Aber danach schaute es nicht aus.

Doch siehe, der Zufall kam ihnen zu Hilfe. Denn sei es nun, dass sich die Nachwirkungen der Eröffnungsrede einstellten oder die Langeweile selbst eine Pause brauchte, Fred war eingeschlafen. Stocksteif saß er auf seinem Klappstuhl, die Augen geschlossen.

Wörter, Sätze flossen an ihm vorbei. Irgendein innerer Vorsatz oder Wille hielt ihn kerzengerade aufrecht. Leicht schwankte er nach links, nach rechts, ein Zucken, wieder saß er gerade.

Da! Knall und Gerassel!

Der Fred fiel, stocksteif, wie er gerade noch thronte, in die Stuhlreihe.

Ich sage nur: Blitzabgang!

Ein mühsamer Aufstieg folgte.

Gelächter hinter vorgehaltener Hand.

Getuschel und Gefeixe.

Im Präsidium Unsicherheit: »Was war das? Erstaun-

lich! Schon wieder die L/1?

Klassenleiter, Genosse Herrilein!

Nachhaken!«

Ich frage dich, was sollte der machen?

Der junge Genosse Herrilein lächelte etwas säuerlich.

Der Unterricht hatte noch nicht begonnen und er

schon zwei Probleme am Hals: zwei fehlende FDJ-

Hemden, Störung der Eröffnungsveranstaltung!

Pause!

*

Pausengespräch: Klassenleiter.

Fred meinte, jeder müsste sich seinen Klassenleiter selber aussuchen können, da würde man mit mehr Freude lernen. Na, das war vielleicht ein Thema. Es ging hoch her, weil sich herausstellte, dass jeder einen anderen Lehrer bevorzugte.

Ich sage dir, jetzt ging es zu wie in einer Polit-Talkshow. Jeder sagte seine Meinung - nur die galt! Keiner ging auf eine andere Äußerung ein.

Lautstärke! Zwischenrufe!

Die Mädchen der L/1 fanden den kleinen freundlichen Herrilein ganz nett.

Emil, der ein kraftvoller Fußballspieler war, favorisierte den Sportlehrer.

Askari stand auf den zackigen Dr. Kurz. Klar, der hatte sein Tempo.

Fred wiederum wünschte sich den Herrn Beere. Bei ihm würde man im Werken toll basteln können. Auch hatte er von einem Modellbauzirkel gehört, in welchem man Flugmodelle zusammenleimte.

Dirk schwärmte für das Fräulein Glöckchen.

Der Lange bemerkte, für ihn käme nur der Korges in Frage. Ob wir dessen Ohren gesehen hätten, wie groß die seien. Ganz selten! Große Klasse! Er würde sie gerne einmal anfassen.

Gelächter! Was für eine skurrile Sichtweise. War das ernst gemeint?

Jedenfalls beendete Askari die Diskussion mit der Feststellung, dass es so nicht ginge, man müsste sich auf einen Kandidaten einigen. Dieser Kandidat war zum Schrecken der Mädchen der Barde. »Oh, nein«, entsetzten sie sich, »wie der schon herumstapft mit seiner Hornbrille, mit seinem Gepolter!«

Das jedoch bestärkte die Jungen in ihrer Wahl. Sie überstimmten die Mädchenmehrheit mit lautstarkem Anspruch auf Wahrhaftigkeit.

Trotz aller pubertären Protesthaltung der Jungen schien es noch ein anderes Bedürfnis zu geben. Vielleicht sehnten sie sich gleichwohl nach einer festen

Hand. Eines war klar: Wo der Barde stand, war vorn! Wo der stritt, wurde gewonnen!

Dirk rief in die uneinige Runde, der Barde sei ein Siegertyp und sein Onkel Wanja würde sagen: »Was nützt dir eine starke Armee, wenn der General blind ist!«

Die Nachfrage, wer denn dieser Onkel Wanja sei, ging im Klingelton unter.

*

Klassenleiterstunde.

Ich sage dir, jetzt war Spannung angesagt.

Der kleine freundliche Genosse Herrilein kam, man machte sich bekannt.

Ganz geschickt, wie nebenbei, schnitt er die Themen FDJ-Hemd und Störung an, erfuhr, was er wissen wollte.

Weißt du, er war jung und unsicher, dachte sich bestimmt, er hätte es leicht, wenn er sich verhielte, als wäre er einer von denen, die da vor ihm saßen. Viel Erfahrung hatte er nicht, schon gar nicht im Umgang mit diesen jungen Studenten. Oder waren es doch noch Schüler?

Sie wurden mit Sie und ihrem Vornamen angesprochen. Das fanden alle gut. Ihr neuer Status wurde anerkannt. Wichtig! Die Ansprache mit dem Vornamen - vertraute Gewohnheit. Aber wie bekam man als Lehrer nun einen guten Kontakt zu ihnen? Wie gewann man ihr Vertrauen?

Während die Lehrerklasse L/1 gelassen vor Herrilein saß und wartete, was da kommen würde, hatte er schon wieder ein Problem! Seine Idee, sich irgendwie auf die Seite derer zu begeben, die er führen sollte, war nicht gerade brauchbar.

Versteh mal, wie sollte das gehen?

Nicht, dass er sich wirklich angebiedert hätte, mit Hallo Kumpels oder so, das nicht. Aber seine Freundlichkeit war übertrieben. Sein Verständnis war aufgesetzt. Deutlich spürte das Seminar, dass er um Sympathie buhlte. Vielleicht fand er ja bei den Mädchen mehr Anklang.

Der weitere Ablauf wurde von Formalitäten, Stundenplänen, der Sitzordnung bestimmt.

Weißt du, wie wichtig überhaupt eine Sitzordnung ist? Ja, Sitzordnung! Das kannst du glauben!

Sie erscheint dir wie eine Nebensache, ist aber doch bedeutsam. Mit ihr kann man Dinge befördern oder unterbinden. Allerdings muss man dazu etwas über die wissen, die dort in den Bankreihen sitzen sollen. Eventuell fing ja alles mit dieser Sitzordnung an.

Das Herrilein hatte sie verantwortungsbewusst aufgestellt. 19 Mädchen, 11 Jungen. Drei Zweierbankreihen, je ein Mädchen und ein Junge auf einer Bank, natürlich nur so lange noch Jungen vorhanden waren.

Das fanden diese Burschen gut. Mädchen sind bekanntlich fleißig. Bestimmt konnte man davon profitieren. Außerdem sind Mädchen ja so überaus anders. Man wird Erfahrungen sammeln können. Siehst du? Schlitzohren!

Fred jedoch, ich weiß nicht, was ihn ritt und wo er den Mut hernahm, dem Herrilein zu erklären, dass er da, wo er sitzen sollte, nicht sitzen wollte, Fred also fragte, ob er nicht dort drüben am Fenster sitzen könnte.

Herrilein, der ja Freund dieser Jungen sein wollte, sah seine Chance und stimmte zu.

Daraufhin meldete sich aber Emil, entschuldigte sich umständlich und bat ebenfalls um einen anderen Platz. Man müsse sich ja wohlfühlen, wenn man ordentlich lernen wolle. Er brauche Licht, würde sich auch in die erste Reihe setzen.

Nun stand der Lange auf. Er würde sehr gern in der dritten Bank in der Fensterreihe sitzen, weil er die dort sitzende Magda Klasse fände.

Das nun, du kannst es dir sicher vorstellen, löste eine Art Durcheinander aus.

Die Mädchen protestierten, dass sie gar nicht gefragt würden, wieso die Jungen das bestimmen dürften. Fast alle waren aufgestanden. Es dauerte nur ein, zwei Minuten, und jeder saß, wo er wollte.

Dirk war es zwar ziemlich gleichgültig, aber auch er saß letztendlich in der Fensterreihe. Das Herrilein lamentierte nur sehr schwach, dass ja nun sein ganzer Plan hinüber sei, die Lehrer nicht wüssten, wie sie jeden namentlich ansprechen sollten.

Da schlug Askari vor, Edith könne doch einen neuen Plan niederschreiben, denn er habe gesehen, dass sie eine sehr schöne Schrift habe.

Diese empörte sich, wie sie dazu käme. Aber als das Herrilein sie freundlich fragte, ob sie das übernehmen würde, willigte sie doch ein.

So hatte alles begonnen. So würde alles weitergehen, eines sich zum anderen legen und zu guter Letzt: Kapitulation!

3

Die Anstalt

*

Was Donaldchen glücklich macht

*

Aktion Blitz

*

Wie der Merker seine Macht missbraucht

*

Wie man vom Duscher zum Straßenkehrer wird, sich bedankt und seine eigene Ordnung erstellt

 

Dieses Wort Anstalt, welches die Jungen außerhalb des Instituts aufgeschnappt hatten, mochte man in den leitenden Kreisen der Einrichtung nicht so gerne hören. Es erinnerte an vergangene Zeiten, wie auch das Kreuz auf dem Turm, die Glocke oder die Orgel in der Aula. Es hatten neue Zeiten begonnen!

Fragte etwa ein Einwohner des Ortes die »Neuen«, ob sie aus der Anstalt wären, bejahten sie das grinsend.

Du siehst, man könnte sagen, sie seien undankbar, denn alle, die hier studierten, bekamen ein Stipendium. Das Studium war abgesichert. Aber das Klima im Institut und im Internat zwickte sie, weckte ihren Widerspruch.

Das Stipendium deckte die Kosten für Unterkunft und Verpflegung, ließ noch einen Rest Taschengeld zu. Das war nicht gerade viel. Bei Dirk beispielsweise wurde nicht Kuddel, sondern sein leiblicher Westvater als Unterhaltspflichtiger angesehen. Technische Intelligenz. Pech gehabt! Arbeiter- und Bauernklasse wäre besser gewesen. So bekam er nach Abzug der Internatskosten im ersten Jahr monatlich fünfzehn, im zweiten dreißig, im dritten fünfundvierzig DM als Taschengeld.

Dirk fand es nicht gerecht, kannte aber auch keinen Neid, war eher bescheiden, schon gar nicht verwöhnt.

Noch gab es Lebensmittelkarten und viele Engpässe. Aber die Grundnahrungsmittel waren billig. Und ein monatliches Taschengeld von fünfzehn DM hatte er noch nie besessen. Seine Mutter, seine Tante oder Kuddel hatten ihm gelegentlich etwas zugesteckt. Das reichte dann für eine Streuselschnecke, auch mal für eine Süßtafel und Zeitkino. Sei es, wie es sei, er konnte hier sein, fühlte sich wohl im Kreise seiner Kameraden.

*

Sie eroberten Stück für Stück das Terrain. Auf dem großen Schulhof konnte man in der Freizeit gut Federball spielen, auch mal auf der Bank unter der alten Linde Erfahrungen mit Mitschülern aus den anderen Jahrgängen austauschen. Es gab noch zwei ältere Lehrer- und zwei Abiturientenklassen.

Nahtlos öffneten sich parkartige Grünflächen, ein Gelände mit Villen, in denen Lehrer wohnten.

Dort traf man auch mal die Töchter des Dr. Kurz oder das kleine Donaldchen, Sohn des Klassenleiters Herrilein.

Und nun pass auf!

Die Burschen entwickelten eine besondere Art, dem Donaldchen bestimmte Fragen zu stellen.

»Du, was macht denn dein Papa? Haut der dich? Nein? Aber er rasiert sich doch morgens immer? Rasiert sich deine Mamma auch?

Habt ihr eine Badewanne? Was macht ihr da?

Was gab es denn heute zu essen? Schmeckte dir das?

Hast du schon einmal Fliegen gegessen?

Doch, die schmecken gut! Willst du mal eine probieren? Guck mal, Dirk fängt dir eine.«

»Hör auf, Langer! Hör auf!«

Aber siehe, das kleine Donaldchen war glücklich, freute sich, erzählte auch dies und jenes.

Sie sangen mit ihm lustige Lieder wie:

«Pi, pa, po, der Spatz sitzt auf dem Klo«, brachten ihm Gedichte bei:

»Rischel, rischel, rühr die Eier,

sonst holt dich der Katzengeier!«

Sie tanzten mit ihm:

»Tschia, tschia, tschia, tscho!

Käse gibt es im HO.

Ein Stück kostet 'ne Mark zwanzig,

und wenn du dran bist, ist der Käse ranzig.«

Manchmal neckten sie ihn: »Na, du Gabel?« Und er beschimpfte sie lachend: »Du Löffel! Du Messer!«

Zum Schluss wollte er immer Märchen hören. Warum nicht? Sollte er! Es waren solche, wo die sieben Geißlein den Wolf aus dem Brunnen holten, da er sich dort vor Rotkäppchen versteckt hatte, die die alte Geiß in den Ofen der Hexe schob, damit die Eltern von Hänsel und Gretel nicht verhungern mussten.

Die andere Seite des zentralen Schulhofes war durch das Gebäude selbst begrenzt. Tor und Tür führten auf die Ortsstraße. Jedoch musste man immer an der Wache vorbei.