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Über die Liebe zu Büchern und die Liebe an sich Rosemary Savage liebt Bücher über alles. Eines Tages entdeckt sie bei einem ihrer Streifzüge durch New York das riesige Antiquariat «Arcade». Rosemary ist völlig verzaubert und eröffnet dem Inhaber, dass sie unbedingt hier arbeiten will. Zu ihrem Erstaunen wird sie sofort eingestellt – für die junge Frau geht ein Traum in Erfüllung. Gemeinsam mit ihrem eigenwilligen Kollegen Oscar erkundet sie bei jeder Gelegenheit den Buchladen. Durch Zufall stoßen die beiden auf ein verlorengeglaubtes Manuskript von Herman Melville, dem berühmten Autor von «Moby Dick». Ein sensationeller Fund. Doch auch andere sind diesem Schatz auf der Spur …
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Seitenzahl: 545
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Sheridan Hay
Die Antiquarin
Aus dem Englischen von Judith Schwaab
Ihr Verlagsname
Über die Liebe zu Büchern und die Liebe an sich
Rosemary Savage liebt Bücher über alles. Eines Tages entdeckt sie bei einem ihrer Streifzüge durch New York das riesige Antiquariat «Arcade». Rosemary ist völlig verzaubert und eröffnet dem Inhaber, dass sie unbedingt hier arbeiten will. Zu ihrem Erstaunen wird sie sofort eingestellt – für die junge Frau geht ein Traum in Erfüllung. Gemeinsam mit ihrem eigenwilligen Kollegen Oscar erkundet sie bei jeder Gelegenheit den Buchladen. Durch Zufall stoßen die beiden auf ein verlorengeglaubtes Manuskript von Herman Melville, dem berühmten Autor von «Moby Dick». Ein sensationeller Fund. Doch auch andere sind diesem Schatz auf der Spur …
Sheridan Hay studierte Literatur und arbeitete danach lange im legendären New Yorker Antiquariat «The Strand». Auf die Idee zu ihrem Roman kam sie bei wissenschaftlichen Forschungen zu Herman Melville. «Die Antiquarin» ist ihr erster Roman. Heute lebt und arbeitet Sheridan Hay als Autorin und Lektorin in New York.
Für Michael, meinen eigenen Sturm
«… denn Erfahrung, die einzig wahre Wissenschaft …»
Herman Melville, Ein sehr vertrauenswürdiger Herr
Ich wurde geboren, bevor diese Geschichte beginnt, bevor ich von einem Ort wie dem Arcade auch nur träumte; und auch dass es Männer wie Walter Geist außerhalb von Fabeln, von Märchenbüchern gab, hätte ich mir nicht vorstellen können. Meine Zeit im Arcade wäre völlig anders verlaufen, hätte es nicht ihn gegeben und wäre er nicht blind gewesen. Seine Augen hatten ihm fast schon den Dienst versagt, als ich ihm zum ersten Mal begegnete, und wäre es nicht so gewesen, hätte ich niemals von Herman Melvilles verschollenem Roman erfahren. Walter Geists Blindheit ist wichtig, doch werde ich meine eigene ihm gegenüber immer bedauern. Deshalb erzähle ich diese Geschichte. Und wenn ich vorne beginne, werden Sie verstehen, wie ich damals zum Arcade kam und warum es mir so viel bedeuten sollte.
Ich wurde an einem fünfundzwanzigsten April geboren, das genaue Jahr spielt keine Rolle; so jung bin ich nicht mehr, dass ich ohne weiteres mein Alter nenne, aber auch nicht so alt, dass ich mich nicht mehr an das kleine Mädchen erinnern könnte, das ich einmal war.
In anderer Hinsicht ist mein Geburtsdatum dennoch wichtig. Am fünfundzwanzigsten April ist Anzac Day, der wichtigste Gedenktag im Kalender jedes Australiers. Es ist der Tag, an dem sich die Australier Rosmarinzweige ans Revers stecken, um derjenigen zu gedenken, die im Kriege gefallen sind, und an jene großen Verluste bei Gallipoli zu erinnern, an dessen Stränden wilder Rosmarin wächst. «Da ist Rosmarin, das ist für die Erinnerung», sagt Ophelia, nachdem der Kummer sie um den Verstand gebracht hat. «Ich bitte Euch, liebes Herz, gedenkt meiner.»
Am fünfundzwanzigsten April, auf der Insel Tasmanien, sah meine Mutter überall die trockenen Rosmarinzweige am Revers der Menschen, als sie sich auf den Weg zum städtischen Krankenhaus machte, um mich zur Welt zu bringen, quer über den überfüllten Platz, wo sie der alljährlichen Lumpenparade von Veteranen und gaffenden Zuschauern ausweichen musste. Dieses robuste Kraut sollte ihr in Erinnerung bleiben, während sie viele Stunden in den Wehen lag, nicht als Symbol des Verlustes, denn sie bekam ja mich, sondern als Sinnbild des Erinnerns.
Am Anzac Day entschied sie sich auch für meinen Namen – Rosemary. Und ihm entsprach die Aufgabe, der ich hier nachkomme: zu erinnern. Schließlich ist die Erinnerung eine Art Verpflichtung, vielleicht die letzte Pflicht, die man einem anderen Menschen gegenüber hat.
Mein Nachname ist Savage. Und auch diesen Namen gab mir meine Mutter, meine Mutter allein. Wir wohnten in einer kleinen Wohnung über dem Laden, den sie gleich in der Nähe des großen Platzes im Städtchen gemietet hatte. Remarkable Hats, «Bemerkenswerte Hüte», war der einzige Laden seiner Art in ganz Tasmanien, und wir wohnten oberhalb des Ladens – meine Mutter und ich. Doch wie zwei Goldfische wurden wir nur so groß, wie es das Glas erlaubte. Wir passten uns an, und doch lebten wir in einem Aquarium ganz für uns allein, mit einer durchsichtigen Wand, die uns vom Rest der Stadt trennte. Mutter kam vom Festland, sie war eine Außenseiterin, und jeder wusste, dass Mrs. Savage eine Anrede war, die eine ganz entscheidende Tatsache nicht zu verbergen vermochte: Es war weit und breit kein Ehemann in Sicht.
Doch das Verbergen gehörte gewissermaßen zu Mutters Geschäft. Schließlich sind Hüte dazu in der Lage, einen großen Teil dessen, was man nicht zeigen will, zu bedecken. Und sie brachten einer Frau, die vom Festland gekommen war, um ein kleines, bescheidenes Geschäft aufzumachen – und die noch dazu schwanger und offenbar ohne Ehemann war –, ein gewisses Maß an Akzeptanz ein.
«Die Hüte waren unsere Rettung», pflegte Mutter zu sagen. «Deshalb nenne ich sie auch bemerkenswert. Sie machten es selbst für ehrbare Leute unvermeidlich, mit mir zu sprechen.»
Eigentlich war es eher die Phantasie, die uns rettete. Besonders ihre Phantasie. Und mir gefällt der Gedanke, dass ihre Phantasie auch ihr Geschenk an mich war.
Remarkable Hats machte Mutter zu einer Art Richterin des guten Geschmacks in unserer Stadt, und auf ihr Können war sie zu Recht stolz. So brauchte sie einen Kunden nur kurz anzuschauen und wusste, welche Größe er benötigte. Die Maße ihrer Stammkunden lernte sie auswendig, und sie schloss vom Umfang des Kopfes auf bestimmte Charaktermerkmale der Leute.
Wenn sie zum Beispiel unserem wohlhabenden und ehrgeizigen Vermieter, Mr. Frank, auf dem Platz begegnete, sagte sie: «Dieser Mr. Frank, es ist kein Wunder, dass er neundreiviertel hat. Bei all den großen Ideen, die er im Kopf hat, braucht er den Platz.»
Oder sie erwähnte, Mrs. Pym, die Floristin, habe Hüte anprobiert, weil sie einen für den Cup benötigte: «Natürlich hat ihr keiner, den ich ihr gezeigt habe, gepasst, Rosemary. Pym hat schließlich bloß fünfeinhalb. Praktisch ein Stecknadelkopf. Darin ist schlicht und ergreifend kein Platz für einen vernünftigen Gedanken, geschweige denn für eine Entscheidung.»
Hüte waren Orakel, Wünschelruten für das Benehmen, doch obwohl Mutter mit ihrer Methode, ihre tasmanischen Kunden einzuschätzen, oft richtiglag, brachte es uns den Leuten kaum näher, wenn sie versuchte, der Kleinkariertheit dieser Stadt ihre eigene Art von Snobismus entgegenzusetzen. Natürlich hatte unsere Abgeschiedenheit Wirkung auf unsere Vorstellungskraft, auf unsere Einbildungen und vergrößerte die Kluft zu den anderen sogar noch. Bestenfalls grüßte man uns flüchtig von der Seite, doch in die Gemeinschaft aufgenommen wurden wir nie. Nach der Schule half ich im Laden aus. Freundschaftliche Gesten betrachteten wir mit Argwohn, wenn überhaupt einmal jemand Interesse oder, genauer, Neugier zeigte.
Wir hatten uns selbst.
«Schau, dass du gut in der Schule bist», riet Mutter. «Und lies viel.» Und dabei tippte sie sich bekräftigend an die Stirn. «Deine ganze Zukunft liegt hier unter deinem Hut.»
Meinen Körper erwähnte sie nicht. Das tat sie nie, höchstens auf sehr oberflächliche Weise, wenn es um biologische Funktionen ging. Körper brachten nur Schwierigkeiten, das hatte meine Mutter am eigenen Leib erfahren.
Sie hatte eine enge Freundin, Esther Chapman, die Besitzerin von Chapmans Buchladen, der einzigen Buchhandlung am Ort. Miss Chapman (ich hatte sie immer nur Chaps genannt) nahm mich unter ihre Fittiche; sie half, mich zu erziehen, schleppte mich in jedes Theatergastspiel, das den Weg in unsere kleine Stadt fand, besonders zu den seltenen Auftritten der Shakespearetruppen, die das Schicksal gelegentlich nach Tasmanien verschlug. Chaps brachte mir das Lesen bei, noch bevor ich eingeschult wurde, indem sie alles, was ich tat, mit Zitaten aus ihren Lieblingsstücken kommentierte. Chaps war der Ansicht, dass Bücher unverzichtbar zum Leben gehörten, während Hüte nur eine flüchtige Randerscheinung seien, eine Marotte, die weder meiner Mutter noch mir jemals Sicherheit geben konnte.
Sie machte sich Sorgen um uns.
«Bücher sind keine Ansammlungen von Papier, sie sind menschlicher Geist auf Regalen», drängte Chaps meine Mutter oft. «Schließlich sind Hüte nicht wie Bücher – die Leute brauchen sie einfach nicht.»
«Sag das mal einem Kahlköpfigen im Sommer», gab Mutter ihre Neckerei zurück. «Oder einer Frau mit nichtssagendem Gesicht.»
Doch Chaps machte sich zu Recht Sorgen um uns.
Als ich mit der Schule fertig war, war das Bemerkenswerteste an Remarkable Hats die Tatsache, dass es den Laden überhaupt noch gab. Hüte waren längst nicht mehr in Mode, und sie waren auch nicht mehr das Tüpfelchen auf dem i, durch das sich anständige Menschen von schlampigen unterschieden. Hüte waren denselben Weg gegangen wie Handschuhe und Strümpfe. Irgendwann ließen sich auch die Stammkunden nur noch sporadisch bei uns blicken, weil sie weder gegen die Launen der Mode noch gegen die eigene Sterblichkeit ankamen. Die Stadt selbst war im Niedergang begriffen.
Auch um Mutters Gesundheit stand es schon geraume Zeit nicht zum Besten, zumal ihre Schwäche mit dem Siechtum des Geschäfts unmittelbar in Zusammenhang stand. Sie, klein und dunkelhaarig, wurde vor Sorge immer dünner und blasser. Während ich heranwuchs, schwand Mutter einfach dahin. Oft, nach der Schule, ließ sie mich Hüte aufprobieren, wenn keine Kunden da waren. Ich hätte genau die richtige Körpergröße, sagte sie gern. Und das heiterte sie ein bisschen auf.
Nachmittags sah ich oft, wie sie im Laden auf ihrem Hocker hinter dem Tresen saß und döste. Sie sagte, sie könne nur bei Tageslicht ruhen und fühle sich am wohlsten, wenn der Laden geöffnet sei, und dass sie oft die ganze Nacht wach liege und auf das Morgengrauen warte, um ihn endlich wieder öffnen zu können. Als ich schließlich erfuhr, wie tief wir in Schulden steckten, hatte ich auf der Stelle eine plausible Erklärung für Mutters Schlaflosigkeit.
An einem späten Morgen im April, wenige Monate nachdem ich mit der Schule fertig war, kam ich die Hintertreppe herunter, die unsere kleine Wohnung mit dem Laden verband, und fand Mutter leblos hinter dem Tresen. Sie atmete nicht mehr, und ihr Gesicht war blau angelaufen, als hätte jemand sie geschlagen.
Einen Tag später starb Mutter, im selben Krankenhaus, in dem sie mich zur Welt gebracht hatte. Ein aberwitziger Zufall wollte es, dass die ganze Stadt und das Land, ja ganz Australien, an diesem Tag meines persönlichen Verlustes öffentlich gedachten. Es war der Tag, an dem ich achtzehn Jahre alt wurde. Anzac Day. Ich wäre nicht auf die Idee gekommen, die Rosmarinzweige, die sich die Leute überall ans Revers gesteckt hatten, als Mahnung zu begreifen.
Vergessen würde ich sowieso nie.
Mutters Begräbnis war eine kurze, schnörkellose Zeremonie, die in der Woche darauf stattfand. Ich stand ungläubig vor der Kupfertür der nachgemachten Gruft, einem unförmigen Gebäude im Art-déco-Stil, in dem sich, auf dem höchsten Hügel über der Stadt, das Krematorium befand. Ganze fünf Stammkunden hatten sich aufgerafft, ihr die letzte Ehre zu erweisen. Zwei der Männer drückten respektvoll ihre Hüte an die Brust, und auch die Damen hatten daran gedacht, allesamt in Remarkable Hats-Ware zu erscheinen. Ich und Chaps, die zu meinem inoffiziellen Vormund geworden war, dankten ihnen.
Der Gottesdienst war unpersönlich. Mutter und ich hatten nie an etwas anderes geglaubt als an unsere Phantasie und die Tatsache, dass unser Leben eine Art Illusion war – eine Idee, die der Tod mit seiner grausamen Wirklichkeit nun zum Gespött gemacht hatte.
Nach der Trauerfeier standen wir verlegen auf dem Parkplatz vor dem Krematorium, bis die Stammkunden feierlich langsam davongefahren waren, einer nach dem anderen, die steile Straße hinab. Ich sah zu, wie sie immer kleiner wurden und ihre Wege sich an den Kreuzungen trennten. Die Stadt unter uns war nur eine Handvoll verstreuter Ziegeldächer, die sich wie durch Zufall auf den flachen grünen Hügeln verteilt hatten, ohne Regel oder Muster, einfach so. Es war ein kleines, hässliches Kaff auf einer Insel von gewaltiger Schönheit. Niemals war mir diese Stadt kleiner und weniger bemerkenswert erschienen.
«Sie ist nicht mehr da, Chaps», war alles, was ich herausbrachte, weil ich das Gefühl hatte, keine Luft zu bekommen.
Nach einer Weile trat der Direktor des Begräbnisinstituts zu uns und reichte mir Mutters Asche in einer versiegelten hölzernen Schachtel.
«Sie haben gesagt, Sie möchten die einfachste, Miss Rosemary. Und das hier ist die einfachste. Sie ist aus einheimischem Holz, aus Huon-Kiefer. Kernholz aus Tasmanien. Sehr hart und beständig.»
Er klopfte mit den Fingerknöcheln auf die Schachtel. Ich zuckte zusammen. Er war ein Bekannter von Chaps und, wie es ein günstiger Zufall wollte, nicht nur der am wenigsten salbungsvolle unter den Bestattern der Stadt, sondern auch der preisgünstigste. Doch für einen Mann seines Berufsstandes war er auch sonderbar ungeübt im Umgang mit der Trauer anderer. Er plauderte munter drauflos, ohne meinen Kummer zu bemerken, doch vielleicht machte meine Traurigkeit ihn auch nur unsicher und er wollte mit allerlei Sachinformation darüber hinwegtäuschen.
«Mein Lieferant hat mir einmal erzählt, dass Huon-Kiefern bis zu tausend Jahre alt werden können. Sozusagen eine Ewigkeit. Das ist doch ein Ding, oder?» Und er fuhr fort: «Das Holz hat einen ganz eigenen Duft, der fast zu … stark ist.» Er schnupperte. «Normalerweise findet man den Baum an der Westküste der Insel …»
«Ja. Vielen Dank», schnitt Chaps ihm das Wort ab. Sie nahm mich am Ellbogen und wollte mich sanft zu ihrem Wagen führen. Doch ich konnte mich nicht von der Stelle rühren.
Ich hielt die Schachtel aus Huon-Kiefer auf den flachen Händen und stand reglos da. Die Schachtel war warm und roch schwach nach Moder. Tränen traten mir in die Augen, und das Wasser, das mir übers Gesicht lief, verwirrte den nervösen Bestattungsunternehmer ebenso wie mich selbst.
Schließlich schubste mich Chaps in ihr Auto und fuhr mich zu ihrem kleinen Haus. Da ich jedoch nicht in der Lage war, auszusteigen oder mich überhaupt zu bewegen, machten wir uns wieder auf den Weg und fuhren schweigend auf den tasmanischen Straßen in Richtung Küste.
«Der Ozean», sagte Chaps zur Erläuterung, als die geteerte Straße irgendwann in Sand überging und sich vor uns das Meer erstreckte, weit und mit weißer Gischt bedeckt.
Chaps kurbelte die Fenster herunter, damit ich das Salz roch und die Donnernden Vierziger spürte, jene Winde der Gegend, die auf dem Weg zur unteren Erdhalbkugel, ja zum Ende der Welt waren. Es war die sauberste Luft, die es gibt, doch mir stockte der Atem, und ich versuchte die Luft anzuhalten. Als ich auf den Ozean hinausschaute, fühlte ich mich eingeschlossen und allein zugleich. Zwischen mir, hier auf der Insel Tasmanien, und der eisbedeckten Antarktis gab es nichts außer der leeren, offenen See, unbevölkert und unwissend. Ich beugte mich über die Huon-Schachtel, brachte aber kein einziges Wort heraus, bis schließlich die Nacht kam, die die Winde vom Südpolarmeer herbeitrug.
«Was soll ich machen?», stieß ich schließlich hervor.
Chaps, die sonst immer einen weisen Spruch zur Hand hatte, schwieg.
Fast jedes Jahr war Mutter mit mir aufs Festland nach Sydney gefahren, um Hüte und all die Materialien zu kaufen, die eine Putzmacherin für ihre Hüte braucht. So feierten wir meinen Geburtstag immer in der Stadt, weil der Tag ja ein Feiertag war. Zuerst stiegen wir in einer Pension in der Sophia Street in Surrey Hills ab. Die Wirtin, Merle, hatte meine Mutter schon gekannt, bevor sie nach Tasmanien gezogen war, als sie ein Leben führte, von dem ich nichts wusste. Ihr eigenes Leben, bevor meines begann.
Merle war eine dicke, wütende Frau mit kleinen Augen und gefärbtem Haar. Sie sah aus wie eine Elster, ganz in Schwarz und Weiß und immer auf der Suche nach etwas zum Knabbern. Ihre Pension war billig, roch nach gekochtem Gemüse, und bevor ich fünf war und alt genug, Mutter auf ihren Besuchen bei den Lieferanten zu begleiten, blieb ich tagsüber immer bei Merle.
Jene Stunden, die ich getrennt von meiner Mutter verbrachte, verbinde ich in meiner Erinnerung immer mit Luftnot. Eigentlich ist es nicht möglich, dass ich so lange den Atem angehalten habe, aber das Gefühl, keine Luft zu bekommen, ist mit Mutters Abwesenheit verbunden wie ein Souvenir. Da ich befürchtete, Mutter würde gar nicht mehr wiederkommen, wenn ich dieses eingebildete Gleichgewicht störte, verhielt ich mich in dem muffig riechenden Raum so ruhig wie möglich. Ihre Rückkehr war dann jedes Mal tiefes Luftholen und Ausatmen, und es kam endlich wieder Leben in den kleinen Leichnam, zu dem ich geworden war.
«Das ist das ruhigste Kind, das ich jemals erlebt habe, Mrs. Savage», sagte Merle dann, schnalzte mit der Zunge und schüttelte ihren großen, weichen Kopf.
«Es ist nicht natürlich, so brav zu sein. Ich passe gern auf sie auf, sie macht keine Schwierigkeiten, aber man hat den Eindruck, sie lebt nur für Sie.»
«Ich bin alles, was sie hat», sagte Mutter dann oft.
«Nächstes Jahr kannst du mich auf meine Einkaufsrunden begleiten, Rosemary, mein Liebes», versprach Mutter. «Mir gefällt es ebenso wenig wie dir, wenn ich dich allein lassen muss.»
Und so begannen meine alljährlichen Begegnungen mit Kurzwaren und Posamenten, mit Filzwerkstätten voller Kaninchenfelle und Biberpelze, mit polierten Holzköpfen und Perückenstöcken (aus deren Hälsen Schrauben ragten), mit Werkzeugen, auf denen Kronen geformt und Hüte modelliert wurden. Von draußen wirkten die Läden hell und kühl, doch in den Werkstätten dahinter war es fast schwül, die Luft darin feucht und dick wegen des Dampfes, mit dem man die Hüte in Form brachte und reinigte.
Alle Lieferanten verwöhnten mich. Ich wurde abgelenkt und mit bunten Knöpfen und Seidenbändern bei Laune gehalten, während Mutter ihre Bestellungen aufgab und sich neue Modelle vorführen ließ. Wie einem Laubenvogel entging meinem Auge nichts, was glitzerte. Man servierte mir dreieckige Sandwiches, und dazu trank ich mit einem gestreiften Strohhalm eisgekühlte Milch aus einem beschlagenen Glas. Ich war wie eine kleine Sultanin, und die Süßigkeiten waren mein Kronschatz.
Foys belieferte alle großen Kaufhäuser mit Accessoires. Im Verkaufsraum für die Posamente bestand eine Wand nur aus unzähligen schmalen hölzernen Schubladen, die ein halbes Jahrhundert zuvor eingebaut worden waren und eine ganze Sammlung von Krimskrams beherbergten: Reißverschlüsse, Knöpfe, Fell- und Ledermuster, Seidenblumen, Pailletten, so durchscheinend wie Fischhaut, Glasperlen, Farbmuster, Federn von allen unvorstellbaren Vögeln, Konfekt und Früchte aus Wachs. Diese Schubladenwand enthielt Hunderte von leuchtend bunten Dingen, die man benötigte, um Hüte auszustaffieren und Revers, Schuhe oder Gürtel zu schmücken. Der Zierrat kam aus der ganzen Welt: Markasitsteine aus der Tschechoslowakei, glitzernd wie metallische Diamanten, und Strassanstecknadeln, direkt aus Frankreich, lagerten in den unteren Schubladen wie in der randvollen Beutetruhe eines Piratenschiffes.
Mir gefiel der Gedanke, all die Dinge in ihrer endlosen Vielfalt lägen erst einen winzigen Moment, bevor ich am Knauf zog, in den Schubladen, als hätte nur mein Wunsch, sie zu sehen, sie dorthin gezaubert. Meinem kleinen Ich erschien es, diese Wand aus Schublädchen enthalte alles, was es nur gab, und natürlich waren die «Dinge» für mich damals die Summe der Welt.
Die jungen Putzmacherinnen pflegten zu meiner Mutter zu sagen, eines Tages würde ich sehr hübsch sein, «allein mit diesem Haar», meinten sie. Meine Mutter sah skeptisch aus. Mein Haar war dick und rot und schien gar nicht recht zu mir zu gehören. Offenbar geriet ich mehr nach meinem Vater und hatte von ihm auch die grünen Augen und die Sommersprossen geerbt. Mutter dagegen hatte dunkles Haar, und ihre Augen waren blau und unergründlich. Sie war zartknochig wie ein Vögelchen und kompakt, ihre Brust war hoch. Sie hatte eine makellose Haut, deren Farbe an Tee mit viel Milch erinnerte. Es war schwer zu glauben, dass ich tatsächlich ihr Kind war, so wenig ähnelten wir einander.
Bei Foys und anderen Lieferanten wurde Kaninchenfell zu feinem Filz gepresst, aus dem man Melonen machte, weiche Filzhüte und die typischen australischen Arbeitshüte (die so altmodische Namen wie Drover oder Squatter hatten). Für den teuersten Filz wurde importiertes Biberfell verwendet, doch diese Hüte trug man eher zu besonderen Anlässen.
Hinten an die Werkstatt von Foys grenzte ein schummriges Zimmer, in dem große Stapel von Pelzen lagerten, es roch intensiv nach Lauge, und ich hatte Angst, auch nur einen Fuß in den Raum zu setzen. Ich empfand ein seltsames Mitgefühl mit diesen leblosen Fellen, die darauf warteten, zu etwas Sinnvollem verarbeitet zu werden. So leer und atemlos wie diese gegerbten Häute hatte ich mich selbst gefühlt, wenn meine Mutter mich bei Merle gelassen hatte. Die Kehrseite der Glitzerwelt vorne war dieses düstere Grab aus Häuten. Der Schein trog.
Trotzdem machte mich Sydney glücklich. Ich liebte die Stadt. Hier kannte uns niemand, und schon damals hatte ich das Gefühl, dass Städte nachgiebig waren: Sie rückten einfach beiseite und machten Platz. In der Stadt war ich kein Mädchen ohne Vater. Ich stand nicht abseits. Nicht einmal Rosemary war ich. In der Stadt gab es niemanden, der mir sagte, was er von mir denkt oder wer ich seiner Meinung nach sein soll. Einmal im Jahr waren wir vollkommen und etwas ganz Besonderes.
Hier begann ich auch, Stadtszenen in meine Kladde zu skizzieren und dann mit Knöpfen und Bändern auszuschmücken, meiner Ausbeute des Tages, die ich sorgfältig auf die übergroßen Seiten klebte.
In Sydney war damals überall ein bestimmtes Wort mit Kreide in riesigen Druckbuchstaben an die Hauswände geschrieben. Dafür war Sydney bekannt, für dieses Wort, wie ein Brief, der nur aus einem Wort bestand, an die Bewohner wie auch die Besucher der Stadt, an jeden Einzelnen in der Menge gerichtet.
«Was heißt das?», fragte ich meine Mutter und zeigte auf das, was ich für Gekritzel hielt. Damals war ich gerade fünf geworden. Die Buchstaben sahen überhaupt nicht aus wie die in den Büchern, die Chaps mir gegeben hatte.
«Es heißt Ewigkeit, Liebes», erwiderte Mutter und nahm mich an der Hand. «Es gibt da einen Mann, der seit dreißig Jahren immer dieses Wort mit Kreide an die Häuserwände schreibt. Mittlerweile ist er berühmt. Ich kann mich an die Zeit davor kaum erinnern.»
Sie legte ihren Arm um mich.
«Und was heißt das Wort?»
«Das werden wir nie erfahren, Rosemary. Das Wort bedeutet, dass etwas immer weiter und weiter geht. Und wie du weißt, gibt es nichts, bei dem das wirklich so ist. Jedenfalls nichts Menschliches. Alles hat irgendwann ein Ende. Das solltest du nie vergessen, mein Liebes.»
Sie schaute gedankenverloren die belebte Straße hinunter, vorbei an meinem Gesicht, auf einen Punkt in der Ferne.
«Denk daran, Rosemary», sagte sie. «Nichts ist für immer.»
Nach Mutters Tod dauerte es eine Weile, bis ich wieder zur Ruhe kam, nachdem ich in den Tagen nach dem Begräbnis in manische Aktivität ausgebrochen war. Es war wie ein wahnsinniges Fieber gewesen. Ich schloss Remarkable Hats und verkaufte entweder die Ware oder gab sie an die Lieferanten zurück, um die Schulden auszugleichen. Dabei standen mir sowohl Chaps als auch Mr. Frank (der mit dem Neundreiviertel-Kopf) mit Rat und Tat zur Seite. Weitere Entscheidungen gab es nicht zu treffen. Es entspricht nicht der Wahrheit, dass derjenige, der stirbt, all seine Schulden begleicht: Ich konnte den Laden ebenso wenig halten, wie ich unser gemeinsames Leben zurückzuholen vermochte. Mutter und ich waren von einem komplizierten Geflecht aus Krediten und gestundeten Zahlungen abhängig gewesen, das sich nach ihrem Tod als gigantischer Wirrwarr der Zahlungsunfähigkeit herausstellte.
Ich räumte die Wohnung, jene drei Zimmer, in denen ich mein gesamtes bisheriges Leben verbracht hatte. Ohne Mutter konnte ich den vielen Platz nicht ertragen, und auch alles, was sich darin befand, war ein Sinnbild ihrer Abwesenheit. Das einzige Foto, das ich von ihr hatte, aus der Zeit, bevor ich geboren wurde, behielt ich. Danach war sie nur noch hinter der Kamera gewesen, um Fotos von mir zu machen.
In jenen ersten Tagen wurde ich zur Schlafwandlerin, doch es war nicht so, als lebte man in einem Wachtraum oder gar einem Albtraum; das Gegenteil war der Fall. Mein ganzes Leben bis zu ihrem Tod war der Traum gewesen, und diese Wirklichkeit jetzt – eine Wirklichkeit ohne Mutter, in der jeder einzelne Gegenstand, den ich für mein Eigentum gehalten hatte, entweder verkauft oder zurückgegeben worden war, in der alles, was mir vertraut gewesen war, spurlos verschwand – hatte auf mich gewartet, verborgen hinter dem, was ich liebte.
Die Zulieferer waren freundlich, aber geschäftsmäßig und nüchtern. Nur die Mädchen von Foys schickten mir eine Kondolenzkarte. Ich verkaufte die Möbel und alles andere, was in der Wohnung gewesen war, doch nachdem alle Rechnungen beglichen waren, blieb nur wenig Geld übrig. Chaps hatte ein ungenutztes Zimmer, in das sie mich aufnahm, damit ich erst einmal zur Ruhe kam. Langsam legte sich meine Nervosität, doch jetzt fühlte ich mich wie benommen. Chaps drängte mich, ihr in der Buchhandlung auszuhelfen, da ich schon in den Schulferien, meist während der Inventur, manchmal dort gearbeitet hatte. Chapmans Buchladen war ein gemütlicher, behaglicher Ort, und die kleinen Aufgaben, die wir hier zusammen erledigten, halfen mir, eine Welle schrecklicher Passivität abzufangen.
«Niemand stirbt so arm, dass er rein gar nichts hinterlässt», sagte Chaps eines Nachmittags, als wir zusammen eine Kiste Bücher auspackten. «Deine Mutter hat dich hinterlassen, Rosemary. Und aus diesem Vermächtnis musst du das Beste machen. Ich traue es dir zu.»
Jeden Tag hielt sie mir eine solche Rede. Ich hörte einfach nur zu.
«Du musst den Tod deiner Mutter als ihre Art ansehen, wegzugehen. Zu entfliehen. Du musst jetzt dein eigenes Leben beginnen», drängte Chaps mich manchmal.
Esther Chapman gab mir gerne Ratschläge. Sie war schon immer so etwas wie die unverheiratete Tante für mich gewesen, und ich liebte sie. Doch jetzt, nachdem ich mich in den vergangenen Wochen um so viel gekümmert hatte und so viel verloren hatte, war ich ganz matt vor Kummer. Vor Mutters Tod hatte ich gar keine Vorstellung von wirklicher Verzweiflung gehabt, auf die ich aber die ganzen Jahre zugerast war.
Chaps war eisern, und das half. Sie selbst hatte ihre Mutter nach langer Krankheit verloren und lebte immer noch in ihrem Elternhaus. Ihr Vater – wie der Zufall es wollte, auch er ein Held des Anzac Day – war im Ersten Weltkrieg gefallen. Wenn man sie eine alte Jungfer nannte, pflegte Chaps zu sagen: «Und das ist auch besser so, und außerdem geht’s niemanden etwas an.» In der Stadt teilte sie Mutters Schicksal (das der Unsichtbarkeit), und genau diese Erkenntnis hatte die beiden damals zu Freundinnen gemacht. Sie galten als sonderbar, zwei Frauen, die am Rand der Gesellschaft lebten und nicht gänzlich respektiert wurden. Was Chaps anging, so war sie einfach zu belesen, um als wirklich anständig zu gelten. Die Bücher hatten sie auf beunruhigende Weise unabhängig gemacht.
Wenn man die Fotos in ihrem aufgeräumten Haus betrachtete, konnte man feststellen, dass Chaps mit zunehmendem Alter ihrer Mutter ähnelte. Beide hatten hühnerbrüstige Körper, kleine graue Köpfe und große helle Augen, die freimütig in die Welt blickten. Ich stellte mein einziges Foto von Mutter neben das von Chaps’ Mutter ins Wohnzimmer. Der silberne Rahmen war nicht besonders alt, doch an Mutters Foto war dennoch etwas Zeitloses. Es war ein Schwarzweißfoto, aufgenommen, als sie etwa achtzehn war – genau das Alter, in dem auch ich jetzt war; wer es gemacht hatte, würde ich nie erfahren. Ihr jugendliches Gesicht schaute mich an, erfüllt von den Geheimnissen ihrer Vergangenheit und ihrer Zukunft, und erschien mir lebhafter und lebendiger, als ich mich selbst in jenem formlosen Moment meines Lebens fühlte.
Am Ende jenes ersten Monats, als mich wieder einmal der Kummer überwältigte, nahm ich die Schachtel aus Huon-Kiefer mit hinaus aus Chaps’ winzigem Häuschen und setzte mich damit in den kleinen Garten. Es war eine säuberlich gemähte quadratische Fläche, gesäumt von Blumen, die auf allen drei Seiten des Gartens nach demselben Muster gepflanzt waren und mit ihren munter nickenden orangefarbenen, roten und gelben Köpfen keine Melancholie zu kennen schienen. Ihre Knospen, die wie kleine grüne Zungen aussahen, schienen mich für meine Traurigkeit zu tadeln. Ich pflückte ein paar rote Blütenblätter – das war Mutters Lieblingsfarbe gewesen – und legte sie auf die Schachtel.
Ich kniete nieder, um mir eine der großen, offenen Blüten näher anzuschauen, die einen fast vollkommenen Kreis bildete. Ein silbriger Wassertropfen hing zitternd auf der Oberfläche, glänzend wie ein Tröpfchen Quecksilber. Ich pflückte die Blüte vorsichtig ab und wirbelte die Wasserperle in ihrer grünen Welt herum – eine winzige Kugel, eigenständig und allein. Als ich dem Tropfen zusah, wuchs in mir der Schmerz und ballte sich gleich neben meinem Herzen zu einer Kugel zusammen, ungefähr in der Größe des Wassertropfens.
«Hilf mir», flehte ich den Wassertropfen an. «Ich will meine Mutter zurück. Ich will alles zurück. Ich will mein Leben wiederhaben.»
An diesem Tag kam Chaps früher von der Arbeit nach Hause. Ich hörte, wie sie mit dem Wasserkessel herumfuhrwerkte, um Tee aufzugießen, und wie sie durch das kleine Haus lief.
«Ich bin hier draußen, Chaps!», antwortete ich.
«Ach, ich hab mich schon gefragt, wo du bist, Liebes», sagte sie und kam zu mir nach draußen. «Schön hier im Garten. Was liegst du denn da auf den Knien? Du siehst aus, als würdest du zu den Blumen beten.»
«Ich fühle mich besser so», sagte ich verlegen. «Sie schauen so glücklich aus, mit ihren leuchtenden Gesichtern. Obwohl sie nach Ameisen riechen, diese Blumen …»
«Das ist Kapuzinerkresse, und wie Ameisen riechen, weiß ich offen gestanden nicht.» Sie hob die Augenbrauen. «Aber du offenbar schon.»
Der Teekessel pfiff, und sie ging kurz hinein, um ihn abzuschalten und den Tee aufzubrühen.
«Ich sehe, dass du deine Asche bei dir hast», sagte sie, als sie mit einem Tablett wieder herauskam.
Vielleicht zog sie in Erwägung, mit mir ein Gespräch darüber zu führen, dass es rührselig sei, an einer Schachtel aus Huon-Kiefer zu hängen, aber offenbar verwarf sie ihren Plan wieder. Stattdessen nahm sie auf einem gusseisernen Stuhl Platz, nachdem sie das Tablett auf dem dazugehörigen Tisch abgestellt hatte.
«Ich muss mit dir über etwas reden», sagte sie und setzte eine ernste Miene auf.
«Ich weiß schon, was du sagen willst, Chaps.»
«Du denkst nur, dass du es weißt», sagte sie und goss zwei Tassen ein.
«Du willst mir wieder mal sagen, dass es fatal ist, wenn man in der Luft hängt», sagte ich, an das Blatt gerichtet.
Solche Sachen sagte sie schon die ganze Woche über.
«Du willst mir sagen, ich soll meinem Kummer einen Namen geben. Du willst mir sagen, ich soll eine Entscheidung treffen, meinen eigenen Weg finden. Du willst mir vorschlagen, diese Asche hier zu begraben …»
«Nun, gewiss würde ich all diese Dinge sagen», unterbrach mich Chaps. «Und ich habe sie alle schon gesagt, aber das ist es nicht, was ich dir mitteilen wollte.»
Sie setzte sich kerzengerade hin, um der bevorstehenden Überraschung mehr Gewicht zu verleihen. Einen Moment lang zögerte sie noch, dann holte sie tief Luft.
«Ich habe dir ein Ticket gekauft. Ein Flugticket. Und ich will nichts hören – das Geld hatte ich gespart. Rat mal, wohin du fliegst!»
Unfähig zu antworten, starrte ich sie an. Wollte sie mich loswerden? Schickte sie mich einfach weg?
«Du kommst also nicht drauf», sagte sie. «Ich dachte, es sei ganz leicht.»
Ich schwieg.
«Du liebst große Städte, aber die einzige, in der du je gewesen bist, ist Sydney. Also, auf diesem Kontinent ist die Stadt nicht, das kannst du schon mal ausschließen.»
Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, was sie getan oder was ich verbrochen hatte, dass sie mich loswerden wollte. Für eine Ausbildung hatte ich kein Geld. Auch zum Reisen fehlten mir die Mittel. Soweit ich das überblickte, hatte ich nichts außer ihrer Zuneigung, einer Schachtel mit Asche und einem Schwarzweißfoto von jemandem, den ich mehr geliebt hatte als das Leben.
«Jetzt komm schon, warum rätst du nicht?»
Ich konnte nicht raten. Da war wieder dieses Sausen in mir, die Dinge rasten unaufhaltsam auf mich zu; wahrscheinlich fühlt es sich so an, wenn man plötzlich in ein Auto steigt, nachdem man sein Leben lang nur auf Schusters Rappen geritten ist. Ich hatte gedacht, ich würde einfach bei Chaps in Tasmanien bleiben und dass sie mir alles über den Buchhandel beibringen würde. Dass ich leben würde wie sie, ruhig und versunken in der Welt, die in meinem Kopf existierte.
«Ich hab dir ein Ticket gekauft nach …» Sie machte, untypisch für sie, eine dramatische Kunstpause.
«New York!»
Ich ließ das Blatt fallen, sank zurück auf meine Fersen und brach nach einem kurzen Moment der Verwirrung in Tränen aus.
«Na komm schon, komm. Ich schmeiß dich doch nicht raus, Rosemary.» Chaps beugte sich herüber und klopfte mir sanft auf die Schulter und den Rücken. Wenn es darum ging, Zuneigung auszudrücken, war sie immer schon etwas unbeholfen gewesen. Ihre Stimme blieb jedoch fest.
«Schluss mit den Tränen, jetzt werden Pläne geschmiedet!», sagte sie und reichte mir ihr Taschentuch, das sie immer gefaltet im Ärmel ihrer Strickjacke trug. Ich hatte nie eins dabei.
Ich wischte mir über Augen und Nase.
«Ist ja gut jetzt, Liebes. Wenn du mal wirklich drüber nachdenkst, wirst du einsehen, dass du reif bist für einen Tapetenwechsel. Das Beste liegt nicht in der Vergangenheit. Der Tod deiner Mutter ist ein Bruch in deinem Leben, aber dein Leben ist nicht zerbrochen. Du kannst es wieder richten, indem du es lebst, indem du ein anderes Leben lebst als das, was ihr, du oder deine Mutter, euch vorgestellt hattet.»
«Aber genau das hatte ich mir ja vorgestellt, Chaps», sagte ich mit belegter Stimme. Das stimmte, aber Angst hatte ich auch. Mehr als je zuvor. «Ich möchte weggehen und reisen. Ich möchte Dinge entdecken, Dinge kennenlernen. Aber ich fürchte mich auch davor. Und jetzt hast du einfach alles für mich geregelt. Du hast mir die Ausrede weggenommen.»
Ich putzte mir die Nase in ihr Taschentuch.
«Ich habe nur für dich entschieden, wo du anfangen sollst, Rosemary. Und das war ganz leicht wegen deiner Kladde mit all diesen Bildern von New York, von großen Städten. Ich dachte, dass du immer schon dorthin gehen wolltest, du hast ja fast einen Fetisch aus dieser Stadt gemacht, Zeitungsausschnitte und anderen Krimskrams gesammelt, und das, seit du ein Kind warst. Ich hab dir einfach nur einen kleinen Schubs gegeben. Ich bin mir sicher, deine Mutter hätte das Gleiche getan.»
Jetzt wurde selbst Chaps ein bisschen rührselig. Aber sie war auch fest entschlossen.
«Du musst hier weg, Rosemary. Du musst ins Ausland! Genau das hätte ich auch getan, wenn ich die Möglichkeit dazu gehabt hätte, auf der Stelle.»
Sie blickte mir mit feuchten, grauen Augen fest ins Gesicht. Chaps konnte sehr hartnäckig sein. «Für mich ist sie nie gekommen, Rosemary – die Chance, einfach zu gehen und nicht zurückzuschauen. Du musst gehen! Du musst einen Anfang machen! Das hätte deine Mutter für dich gewollt, meine liebste Rosemary. Und ich will es auch für dich. Eine größere Welt. Jetzt weißt du, wo du anfangen wirst. Wir beide haben noch ein paar Wochen Zeit, um alles vorzubereiten.»
New York war eine Phantasie. Es war Sydney hoch drei und damit alles, was ich mir von Tasmanien aus vorstellen konnte. Es stimmte, dass ich seit meiner Kinderzeit Bilder von Städten gesammelt und in ein Buch eingeklebt hatte und dass auf vielen New York zu sehen war, aber wichtiger war das Gefühl der Freiheit, das diese Bilder in mir weckten. Befreiung machte für mich diese Stadt aus – ein Goldfischglas, das niemals zu klein wurde, wie groß man selbst auch wurde. Ich besaß Postkarten mit Fotos von hohen Gebäuden, die sich scharf vom Himmel abzeichneten, oder von prächtigen Bahnhöfen und Bibliotheken, die schräg einfallendes Licht hell erleuchtete. Zwischen die Bilder hatte ich Restchen von Bändern, Knöpfen und gefärbten Filzstücken geklebt.
Solange meine Mutter noch gelebt hatte, hatte ich nie in Erwägung gezogen, nach New York zu reisen, auch in keine andere Stadt als Sydney. Doch Chaps hatte geahnt, was ich mir wirklich wünschte: Ich war davon überzeugt, dass mein Vater in einer großen Stadt lebte. Wo, wusste ich nicht. An einem Ort, der frei und anonym war, weit weg. Genau das Gegenteil von Mutter. Vater konnte nur ein Fremder sein. Unbekannt und rätselhaft.
Mein Vater war eine Großstadt, und mit meiner Kladde hatte ich ihn Wirklichkeit werden lassen wollen. Da ich kein aktuelles Foto von ihm hatte, kam eigentlich jeder der gesichtslosen Männer auf den Postkarten oder Zeitungsausschnitten in Frage. Auf vielen Bildern waren Straßenszenen von früher zu sehen, und Mutter hatte oft gesagt: «Schau dir mal all die Männer an, die Hüte tragen! Das waren noch Zeiten für Hutmacher wie mich!»
Sie war nie darauf gekommen, wofür ich mich eigentlich interessierte – ich hatte es ja selbst nicht gewusst. Mein Vater war in einer Großstadt, irgendeiner Großstadt, und ich sammelte Beweise seiner Existenz. Er hatte schon längst eine grundlegende Wandlung durchgemacht.
Da meine Mutter keine brauchbaren Informationen über ihn herausrückte, anhand deren ich mir ein Bild von ihm hätte machen können, wurde meine Vorstellung von ihm durch nichts widerlegt. Sie hatte ihn kaum gekannt, und was sie wusste, behielt sie für sich und würde es auch immer für sich behalten.
Wie viel tat Esther Chapman für mich, indem sie mich gehen ließ! Als begeisterte Leserin von Mythen und Legenden musste sie erkannt haben, dass ich meine eigene Legende brauchte. Als Gegenmittel für die Katastrophe, die mich ereilt hatte. Meine Welt hatte keinen Inhalt mehr, und Chaps wusste, dass eine große Stadt genau die richtige Medizin war gegen den Verlust des kleinen Lebens, das ich geführt hatte.
Doch jetzt musste ich mich selbst ins Leben rufen.
Als ich in New York ankam, war es spät in der Nacht. Ich war überhaupt nicht vorbereitet und besaß nur eine vage Vorstellung von dem Leben, das mich hier erwartete. Wegen eines Gewitters hatten wir eine unsanfte Landung, und so kam es, dass ich mein Ziel niemals von oben sah, weil Wolken über der Stadt hingen und der Boden erst wenige Momente bevor die Flugzeugräder aufsetzten, sichtbar wurde. Ich hatte das Gefühl, äußerst hart gelandet zu sein, als hätte man mich auf die Erde zurückgeschleudert.
In meinem Besitz befanden sich dreihundert Dollar. In meinem Koffer, unter meiner Kleidung, lagen meine Kladde und Mutters Foto. Am Flughafen hatte mir Chaps, mit Tränen in den Augen, zwei Geschenke in die Hand gedrückt: eine Halskette mit grünen Steinen (die Farbe meiner Augen), ein Talisman, wie sie mir versicherte, der mich vor weiterem Herzenskummer bewahren würde. Und ein kleines Büchlein, ihr Lieblingsbuch, behauptete sie, eingeschlagen in das blassblaue Papier ihres Buchladens. Ich brachte es nicht übers Herz, das Buch auszupacken, denn das Einwickelpapier von Chapmans Buchladen war mir so lieb und vertraut wie die Tapete in meinem Kinderzimmer. Ich sagte zu Chaps, ich würde das Päckchen nicht anrühren und mit dem Auspacken bis zu dem Tag warten, an dem ich das Gefühl hatte, dringend ein Geschenk zu brauchen. Daran, dass dieser Tag kommen würde, hegte ich keinen Zweifel, und für den Moment war mir die Reise Geschenk genug. Die Halskette allerdings zog ich sofort an. Ein Schutz gegen Herzenskummer konnte nicht warten.
Mutters Asche ruhte in der Schachtel, in einen orangeroten Schal gewickelt, ganz unten in einem Handköfferchen, das ich am liebsten gar nicht abgestellt hätte.
Meine Ankunft stand unter keinen guten Vorzeichen. Regen übezog die Stadt mit einem Schleier, und als das Taxi, das ich mir am Flughafen genommen hatte, mich vor dem kleinen Hotel absetzen wollte, das Chaps für mich gebucht hatte, stellte sich heraus, dass es kein Hotel mehr war. Ohne es zu wissen, war ich im letzten Jahr eines Jahrzehnts nach New York gekommen, das für die Stadt sehr schwierig gewesen war. Nach Zeiten großer finanzieller Probleme kam das Leben hier langsam wieder in Schwung, und viele preisgünstige Hotels beherbergten Dauergäste, die auf Staatskosten dort wohnten.
Bestürzt erklärte ich mich zu einem zusätzlichen Trinkgeld bereit, und der Fahrer brachte mich zu einem Hotel, das weiter im Süden der Stadt lag und, wie er sagte, billig und sicher sei. Das Martha Washington Hotel für Frauen lag an einer schäbigeren Adresse (an der 29sten bzw. 33sten Straße, je nachdem, welcher Eingang gemeint war), aber es war offen und hatte ein freies Zimmer zu einem guten Preis. Man sah, dass es sich einmal um ein eindrucksvolles, ja geradezu wohlhabendes Etablissement mit vielen Zimmern gehandelt hatte. Das Hotel war im Jahre 1902 erbaut worden und wirkte fast neun Jahrzehnte später ziemlich heruntergekommen; die meisten Stockwerke waren geschlossen wegen Reparaturarbeiten, die vermutlich nie in Angriff genommen werden würden. Das Restaurant hatte vor dreißig Jahren den Betrieb eingestellt.
Eine Frau saß hinter dem abgewetzten Tresen der Rezeption und schaute in einen winzigen Schwarzweißfernseher, mit dem sie durch zwei Ohrstöpsel verbunden war. Sie war eine auffallende Erscheinung, dunkel, etwa sechzig Jahre alt, und hatte edle Gesichtszüge. Nachdem ich sie auf mich aufmerksam gemacht hatte, erklärte sie mir in schwerem Akzent die Bedingungen des Hotels: Zahlung sieben Tage im Voraus, Wechsel der Bettwäsche einmal in der Woche, kein Besuch auf den Zimmern, Rauchen und Kochen verboten, kein Lärm.
Ich hatte nicht die Absicht, irgendwelche Regeln zu brechen. Ich war gerade achtzehn Jahre alt, hatte meine Mutter verloren und meine Heimat verlassen, war klitschnass und fühlte mich so elend, dass ich in meinen feuchten Klamotten regelrecht in mich zusammengesunken war. Vermutlich sah ich sogar geschrumpft aus, wie ein Kind.
Ich beglich meine Rechnung beim Taxifahrer, zählte ihr die Miete für eine Woche auf die Hand und taumelte in mein Zimmer, das am Ende eines schummrigen Korridors lag. Dort nahm ich als Erstes die Huon-Schachtel aus der Tasche und stellte sie neben mein Kissen.
«Komm zurück», sagte ich laut zu meiner Mutter. Meine Stimme klang dünn und zittrig. «Komm zu mir zurück.»
Es dauerte Stunden, bis ich einschlief, wach gehalten durch meine Traurigkeit, meine Unruhe und durch die Autos auf der Avenue draußen, deren Scheinwerfer wie falsche Blitze durch mein Zimmer zuckten, während die Reifen durch die mit Regenwasser gefüllten Schlaglöcher platschten.
Am folgenden Tag stand eine heiße Junisonne am Himmel, und die Luft war überraschend schwül. Jene Woche im Frühsommer verbrachte ich so weit wie möglich außerhalb des fahlbraunen Zimmers. Schon ab dem frühen Nachmittag wurde es darin muffig und stinkend. Gegenüber dem Bett war ein mit Gitterstäben verrammeltes Milchglasfenster. Doch dieses einzige Fenster musste ich geschlossen halten, wegen des Lärms von der Straße und weil dieser Flügel des Martha Washington im Dunstkreis eines indischen Restaurants im nächsten Block lag.
Zunächst teilte ich mir ein Badezimmer mit zwei Frauen, die auf demselben Flur wohnten. Sie waren wie Gespenster; ständig hörte man sie mit den Türen schlagen und Schubladen zuknallen, aber man bekam sie niemals zu Gesicht – nur von hinten, auf dem Weg ins Zimmer. Bald darauf verschwanden sie ganz, ich befürchtete, dass dieses Schicksal allen Neuankömmlingen in der Stadt drohte. Wenn ich dann einmal während der heißen Stunden tagsüber in meinem Zimmer saß, hatte ich das Gefühl, in meinem Unglück wie eingesperrt zu sein, als säße ich in einer immer kleiner werdenden Schachtel und der Schlaf wäre mein einziger Ausweg. Ich wachte früh auf, um als Erste das Bad zu belegen, und verließ dann sofort das Hotel. Mein Leben hing davon ab.
Die dunkle Dame am Empfang wohnte offenbar selbst im Martha Washington. Einmal hörte ich sie mit einem ernsten Mann Spanisch sprechen, den ich für den Besitzer hielt. Ich grüßte sie jeden Tag, wenn ich zu meinen Streifzügen durch die Stadt aufbrach, aus Höflichkeit, aber auch, weil mir einfach danach war, etwas laut zu sagen. Als sie meinen Gruß jedoch mehrere Tage nicht erwidert hatte, hörte ich damit auf. Entweder war sie zu sehr mit dem Fernsehen beschäftigt, oder sie hörte schlecht. Oder es war ihr einfach egal.
Draußen erwartete mich das Labyrinth der Stadt. Sie war mir immer ein Stück voraus. Ich wurde von ihr mit Haut und Haaren verschluckt, umgeben von einer Bevölkerung, die eilfertig und wuselnd ihren diversen Zielen zustrebte, zugleich Medizin für den Kummer und Ursache für neuen. Ich war mutterseelenallein und fand keine neue Ordnung, einfach weil ich zu erschüttert und überwältigt war, mir eine auszudenken. Nichts, was ich sah, erkannte ich wieder. Kein Gebäude war mir vertraut, außer den Ikonen Empire State Building und Chrysler-Gebäude (beides Motive aus meiner Kladde), doch selbst sie waren durch meine veränderte Perspektive vom Boden aus kaum wiederzuerkennen. Ich vergaß zu essen, und manchmal verging ein ganzer Tag, ehe ich laut etwas sagte. Und selbst dann war es meistens nur eine einfache Antwort auf ein Dankeschön oder eine simple Bitte. Könnte ich wohl etwas Milch in meinen Tee haben, bitte? Meine eigene Stimme war mir fremd geworden und klang sonderbar in meinen Ohren. Niemand wollte etwas von mir, keiner kannte meinen Namen, und manchmal empfand ich angesichts dieser Anonymität reine Freude in der Brust, denn sie bedeutete absolute Freiheit, während mich in anderen Momenten eine geradezu lähmende Furcht überkam. Damals wusste ich noch nicht, dass tiefe Gefühlsregungen sich genau auf diese Art und Weise äußern; oft kommen sie auf einmal und aus verschiedenen Richtungen, wenn man am wenigsten damit rechnet und am weitesten von sich selbst entfernt ist.
Ich empfand eine tiefe Entfremdung und musste mir ins Bewusstsein rufen, dass die junge Frau, die mir da aus den Schaufenstern entgegenblickte, ich selbst war. Sie hatte keine Familie. Niemand wartete zu Hause auf sie. Und doch existierte sie. Da war sie, ein Spiegelbild im Schaufenster, und ihr rotes Haar stand ihr vom Kopf ab, als sei sie zu Tode erschrocken.
Ich brauchte Geld, und ich brauchte Arbeit. Ich musste wissen, was aus mir werden sollte. Ich ging und ging in einem weiten Bogen in den umliegenden Blocks umher, mit dem Martha Washington und der 29sten Straße als Fixpunkt meines Kompasses. Ich war auf der Suche nach etwas, das ich wiedererkennen würde – abgesehen von dem, was ich in meinem eigenen Gesicht sah –, nach einem Gefühl der Vertrautheit inmitten des Ungewohnten.
Durch einen seltsamen Zufall war ich am südlichen Ende des New Yorker Garment District gelandet. Die Straßen rund um das Martha Washington waren bekannt für ihre kleinen Läden mit Accessoires, und überall boten winzige Ladenfronten mit vollgestopften Schaufenstern Hüte und Mützen, Perücken und Handtaschen, glitzernde Applikationen und Krimskrams aller Art feil. Es war, als hätte meine Mutter selbst die Umgebung für meine erste Unterkunft ohne sie ausgewählt. Das Ganze wirkte wie ein Spiegel oder, besser, ein Umkehrspiegel: Mutter, ihr Hutsalon, die Werkstatt von Foys, das alles befand sich auf der anderen Seite der Dinge, und doch umgaben mich ihre Wahrzeichen.
Langsam wagte ich mich ein Stück nach Süden vor, und so war ich sogar mehrfach schon am Arcade vorbeigegangen, ohne mir bewusst zu werden, worum es sich handelte – um das größte Antiquariat der ganzen Stadt. Ich hatte noch nichts davon gehört, dass das Arcade ein Hort der verlorenen Dinge ist: von Büchern, die man einmal besessen und verloren, oder von Büchern, die man nie besessen und nach denen man sich immer gesehnt hatte. Auch von Herman Melville hatte ich noch nicht gehört, außer seinem berühmten Namen (einem der Namen auf der eher bescheidenen Inventarliste in Chapmans Buchladen). Und ich hatte keinen blassen Schimmer vom Wert seltener Handschriften. Buchläden mochte ich einfach deshalb, weil sie mir vertraut waren; alle einander ähnlich, jeder auf seine Weise. Doch das Arcade gehörte einer ganz anderen Kategorie an, und weil ich mich – in jeder Hinsicht – verirrt hatte, übte es, kaum hatte ich einen Fuß hineingesetzt, eine unwiderstehliche Anziehung auf mich aus.
Die Faszination des Arcade ist auf eine seltsame Art allgemeingültig, aber an jenem Tag war sie auch sehr persönlich. Als ich in den Laden kam, war ich mitten in ein Bild aus meiner Postkartensammlung gestolpert, in ein Foto, das ich einst in meine Kladde geklebt hatte. Ich betrat einen Raum, von dem ich geglaubt hatte, er existiere nur in meiner Phantasie. So kam es mir vor, als hätte ich selbst mir das Arcade ausgedacht, als hätte ich es durch einen Zauber ins Leben gerufen, eine Bühne für uneingestandene Bedürfnisse.
Von dem unscheinbaren Eingang aus betrachtet, erhebt sich die Decke in einem gewaltigen Bogen bis weit in den Laden hinein, ein wogender Raum, der das Auge des Betrachters auf der Suche nach einem weiteren Firmament nach oben lenkt. Natürlich ist keines mehr da, und die Decke ist nichts anderes als eine tiefe, staubige Kuppel wie das Innere eines Schädels. (Beide sind sie Gewölbe und beide Behältnisse von Wissen.) Wie konnte sich hinter einem so schmalen Eingang ein solch beeindruckender Raum verbergen? Irgendwie wurde ich den Verdacht nicht los, durch einen Trick hineingelotst worden zu sein.
Drinnen ist das Arcade selbst wie eine große Stadt; wie eine Insel. Dass ein Buchladen ein solcher Ort sein kann, hat man sich immer erhofft, doch das Arcade ist wie der ursprüngliche Wunsch, der hinter solchen Hoffnungen steckt. Bei jenem ersten Besuch war es, als würde New York hier ganz real. Das Arcade stand für die Menschenmassen, es versinnbildlichte die Großstadt. Die Bücherstapel waren wie die wuselnden New Yorker, unsichtbar in ihren Gebäuden und doch spürbar, wie Bienen in ihrem Korb. Das Summen des Lebens, das von den Menschenmassen der Stadt ausging, wurde mir bereits langsam vertraut, doch im Arcade wurde dieses surrende Leben greifbar. Chaps hatte Mutter und mir immer gesagt, Bücher seien menschlicher Geist auf Regalen. Das galt auch hier; die Bücher wirkten alles andere als unbelebt, und die Stapel, die sich vor mir auf den Tischen türmten, atmeten Leben.
Ich ging auf einen der überladenen Tische zu, legte die Hand auf den ersten Stapel, an den ich heranreichte, lauschte, wartete. Ich kann mich ganz genau an jenen Moment erinnern. Es war wie ein Öffnen, ein Beginn. Ich muss hier arbeiten, dachte ich. Und ich werde hier arbeiten. Mein Gedanke hatte nichts mit Selbstvertrauen zu tun, er war purer Wille. Ich war von mir selbst überrascht.
In dem weichen, dämmrigen Licht schaute ich mich um. Mich überraschte nichts: weder die schäbige Beliebigkeit des Arcade, in dem es nur kleine Inseln der Ordnung inmitten eines allgemeinen Chaos gab, noch die Schmuddeligkeit, die Stille, die nur ab und zu durch irgendeinen Lärm durchbrochen wurde. Auch die äußerst wackeligen Bücherstapel, die sich, allen Gesetzen der Schwerkraft zum Trotz, einem unsichtbaren Mittelpunkt entgegenzuneigen schienen, verwunderten mich nicht. Ich war zu Hause. Das Sonnenlicht, dem es gelang, durch die beiden schmutzigen Fenster einzudringen, war vom Staub getrübt. Riesige schummrige Lampen hingen an schweren Ketten über den Köpfen der Kunden, die sich konzentriert über Bücher beugten.
Ich sah durch den schmalbrüstigen Eingang zurück auf die Straße, um mich zu überzeugen, dass es wirklich ein ganz gewöhnlicher sonniger Junitag war. Hier drinnen war es kühl, und die Zeit schien auf unerklärliche Weise stillzustehen.
Ich bahnte mir zwischen den Regalen einen Weg über die Trampelpfade, die nur zu begehen waren, wenn man einen Fuß vor den anderen setzte, immer nur wenige Zentimeter vorwärts, und versuchte, den Bücherstapeln auszuweichen, die in halsbrecherischer Höhe an den wackeligen Regalen lehnten. Schließlich blieb ich vor einer Art Podest stehen, das eine Balustrade aus Eichenholz säumte, eine Oase des freien Raumes inmitten des Chaos. Ein kleiner Mann stand dort und überragte selbst den größten Kunden. Er war dabei, alte Bücher mit Preisen zu versehen, doch mit seinen feierlichen Gesten erinnerte er mehr an einen Priester auf der Kanzel. Auf dem Messingnamensschild, das von seinem Eichenschreibtisch aus in Richtung Laden schaute, stand in schimmernden Buchstaben: George Pike, Inhaber.
Seine Bewegungen wirkten geübt und rhythmisch. Ein Stapel Bücher türmte sich zu seiner Linken auf. Er nahm ein Buch von dem Stapel, runzelte die Stirn und ließ den Blick prüfend über die Bindung wandern, um eventuelle Risse oder Scharten aufzuspüren. Dann schlug er das Buch auf, blätterte mit raschen und eleganten Bewegungen zur Titelei, seine Augen überflogen das Copyright, während er den Daumen blitzschnell über den gesamten Schnitt des Buches wandern ließ. War er am Ende angelangt, klappte er das Buch zu und schlug es dann auf der ersten Seite wieder auf. Er zog einen Bleistift hinter seinem Ohr bevor, schrieb ganz fein etwas in die obere rechte Ecke und setzte noch einen schwungvollen Schnörkel darunter. Dann steckte er den Bleistift wieder hinter sein Ohr und rieb sich mit dem Zeigefinger unter der Nase. Er glättete seine Stirn, legte den Band rechts von sich ab und griff sogleich nach dem nächsten Buch auf dem Stapel zu seiner Linken.
All das verrichtete er wie mit einer einzigen und immer gleichen Handbewegung. Es war ein unbewusster Vorgang, wie magisch. Offensichtlich gab es keinen Raum für Überlegungen, für das Abwägen konkurrierender Möglichkeiten. Pike allein war Entscheidungsträger, das Herz des Unternehmens.
Ich wollte unbedingt im Arcade anheuern, und Pike war offenbar der Kapitän dieses Schiffes. Ich sehnte mich danach, solcher Könnerschaft, solcher Selbstgewissheit nahe zu sein. Dieser Ort war wie eine Boje inmitten stürmischer See, und ich musste zugreifen.
«Entschuldigen Sie bitte, Sir. Mein Name ist Rosemary Savage», sagte ich zu Pike, und mein Akzent klang selbst in meinen Ohren seltsam und näselnd.
Offenbar war er es nicht gewohnt, unterbrochen zu werden. Ich fuhr hastig fort, erschrocken über meine Kühnheit und weil mir klar wurde, wie groß die Verzweiflung sein musste, die mich dazu brachte.
«Ich habe schon in einer Buchhandlung gearbeitet, Mr. Pike. Und ich muss hier arbeiten.»
Er blickte von seinem Tun auf und nahm meine Verwegenheit zur Kenntnis. In seinem eher nichtssagenden Gesicht waren die erhobenen Augenbrauen der einzige Hinweis darauf, dass er sich brüskiert fühlte. Er war eine anachronistische Gestalt. Seine gestreifte Weste, die Hemdsärmel, die mit Ärmelhaltern über die Ellbogen hochgeschoben waren, all das ließ auf einen Mann schließen, der seit Jahrzehnten seinen Kleidungsstil nicht mehr geändert hatte. Pike trug einen wächsern aussehenden Schnurrbart, der eine Spur dunkler war als sein weißlich-graues Haar, er fuhr sich mit dem Finger darüber, bevor er die Augenbrauen wieder senkte und sich dem Buch auf dem Tisch vor ihm zuwandte.
«Sie müssen hier arbeiten?», fragte er mit einer seltsamen, dünnen Stimme. Er sprach mehr zu dem Buch in seiner Hand als mit mir, als wollte er das ungezogene Ding fragen, ob es wirklich die Frechheit besaß, eine solche Behauptung aufzustellen. «Meinen Sie denn, das ist eine eher seltene Anfrage?», wollte er von dem Buch wissen.
Mir fiel keine Antwort ein. Schon jetzt stand zu viel auf dem Spiel. Ich schaute zu ihm auf. Nach meinen Berechnungen war sein Podest gute sechzig Zentimeter höher als der Punkt, an dem ich stand. An einer Kante zog es sich bis zum Boden hinunter, sodass man die eigentliche Höhe nicht erkennen konnte, was mit Sicherheit beabsichtigt war. Es war nichts anderes als eine Bühne. Pike war einen guten Kopf kleiner als ich mit meinen ein Meter sechzig, doch auch diese Erkenntnis ließ seine Gestalt in meinen Augen nicht schrumpfen. Neben seinen Büchertürmen überragte er alles.
Ich hatte Pike meine Zukunft anvertraut und fragte mich, ob auch er das erkannt hatte. Es trat eine lange Pause ein, während er wieder zu seiner Litanei an Gesten angesetzt hatte und ein weiteres Buch auspreiste. Seine Bewegungen entschieden über den Preis des Buches, als wäre Pike eine Aufziehpuppe, deren innerer Mechanismus dazu dient, den Wert eines Buches einzuschätzen.
Er legte den Band zu seiner Linken ab.
Ich wartete. Er holte tief Luft.
«Was wir hier wollen, ist die leise Langeweile der Ordnung. Versuchen Sie bloß nicht, sich interessant zu machen, Mädchen.» Er hatte mich ebenso schnell eingeschätzt wie das Buch, das er gerade abgelegt hatte.
«Suchen Sie nach der Lyrikabteilung und fangen Sie an, die Bücher in die Regale zu räumen, die noch auf dem Boden liegen.» Er machte eine Handbewegung, als wollte er mich wegscheuchen.
«Wahrscheinlich sind Sie reif für die Lyrik», fügte er leiser hinzu.
Hatte er mich etwa eingestellt?
«Ordnen Sie nach Dichtern. Nur nach Dichtern. Halten Sie sich bloß nicht mit irgendwelchen Herausgebern oder Übersetzern auf – alles Augenwischerei. Entweder Sie sortieren die Bücher nach Autoren ein, oder George Pike wird Sie nicht einstellen. Und alle Anthologien kommen raus! Einfach alphabetisch, das ist alles. Ein paar Dinge sollten noch vorhersehbar sein.»
Ich hatte atemlos an seinen Lippen gehangen, obwohl er gar nicht mit mir zu reden schien. Hatte er «reif» gesagt?
«Äh, ja, Sir. Mr. Pike, ja, alphabetisch natürlich.»
«Gehen Sie zur Lyrik, und mein Geschäftsführer kommt dann zu Ihnen, um einzuschätzen, ob Sie geeignet sind.»
Damit hob er den nächsten, noch nicht ausgezeichneten Band zu seiner Linken hoch.
Ich begab mich eilig in die Tiefen des Arcade und fand die Lyrikabteilung ganz hinten in der Ecke in einem hohen Regal, das sich in einem gefährlichen Winkel in Richtung Kundentoilette neigte. Rasch begann ich mit meiner bedeutsamen Arbeit, Bücher einzusortieren, die offenbar noch nie jemand in irgendeine Ordnung gebracht hatte. Die Abteilung begann etwa auf Augenhöhe. Daneben folgten die Bücher über okkulte Praktiken. Die Zuordnung war offenbar völlig willkürlich und rein alphabetisch, weil «Poesie» eben auf «Okkultes» folgt. Um an das Regal heranzukommen, musste ich mich über einen hohen Bücherstapel auf dem Boden beugen und die Bände mit steifen Armen darüber hinweg und darum herum heben. Ich beschloss, ganze Hände voll aus dem Regal zu nehmen, mich auf den Boden zu setzen und sie dort zu sortieren. Auch das erwies sich jedoch schnell als sinnlos, weil ich ständig wieder zu neuen Unterteilungen gelangte und so im Grunde kaum mehr als eine oberflächliche Ordnung hinbekam. Befand sich hier etwa meine Geduld auf dem Prüfstand? Sollte festgestellt werden, wie groß mein Interesse wirklich war, angesichts der ganz offensichtlich nicht zu bewältigenden Aufgabe, auch nur die geringste Ordnung in das Arcade zu bringen?
Nach einer halben Stunde hatte ich gerade mal ein halbes Regalbrett geschafft. Ich stand mit dem Rücken zum Gang, um ein paar weitere Bände vom Regal zu wuchten, als ich plötzlich das Gefühl hatte, beobachtet zu werden. Ich hörte ein zischendes Wispern, drehte mich um und ließ prompt die Bücher zu Boden fallen.
Höchstens sechzig Zentimeter von mir entfernt stand ein Albino unbestimmten Alters, dessen blasse Augen scheinbar ziellos hinter der Kneiferbrille hin und her wanderten. Von Anfang an waren es diese Augen. Augen, die man nicht fassen konnte. Er trat einen Schritt zurück und stieß dabei mehrere Bücher um, die ich beiseitegelegt hatte. Ohne seiner Ungeschicklichkeit Beachtung zu schenken, musterte er mich und quittierte meine Überraschung mit geübter Nichtüberraschung. Jemandem wie ihm war ich noch nie begegnet, und auch ein Gesicht, in dem sich so deutlich Selbstschutz und Geringschätzung mischten, hatte ich noch nie gesehen.
«Walter Geist, Geschäftsführer des Arcade», flüsterte er und drehte sich um. «Folgen Sie mir, Mädchen.»
Ich hob die Bücher auf, die ich fallen gelassen hatte, stemmte sie auf das Regal hoch und schloss mit ihm auf, als er gerade um einen Bücherstapel bog.
Während ich der wunderlichen Gestalt mit den gebeugten Schultern auf den Fersen blieb, kam mir flüchtig der Gedanke, dass jemand, der im Arcade geboren worden wäre und die beengten Räume niemals verlassen hätte, bestimmt genauso aussehen würde wie er. Die Körperpigmente wären einfach verschwunden, das Augenlicht würde durch die schwache Beleuchtung völlig ruiniert, bis man eines Tages einfach reglos liegen bliebe, wie eine Flunder auf dem Meeresboden.
Und tatsächlich erinnerten mich Geists weiße Ohren, als ich hinter ihm herging, an eins dieser zarten Meereswesen, die plötzlich hoch ans Licht gehoben werden, verletzlich und nackt. Irgendwie schienen sie sich zusammenzuziehen, als wollten sie der Aufmerksamkeit anderer entkommen, wie bei einem Tier, das zurückweicht, um nicht entdeckt zu werden. Ich war in gleichem Maße fasziniert wie abgestoßen, ein Widerspruch, der mich niemals wieder verlassen würde. Während ich ihm da in meiner Erinnerung folge, kann ich wieder seine Andersartigkeit spüren, jemand, der bezaubert und zugleich erschreckt.
Er führte mich in ein kleines Büro ganz hinten im Laden, das wie ein Reff hoch oben in einer Ecke der Decke hing. Ich folgte ihm über eine schmale Treppe aus Holz, deren Geländer nicht richtig befestigt und teilweise zerbrochen war.
«Warten Sie hier, Mädchen.»
Er zeigte auf den Treppenabsatz vor dem Eingang zum Büro.
«Mein Name ist Rosemary Savage, Mr. Geist. Rosemary Savage», sagte ich, weil mich seine anonyme Anrede nervte. Dabei streckte ich die Hand aus, wie ich es bei den Amerikanern gesehen hatte, weil ich es für angebracht, ja sogar tapfer hielt. Doch seine Hände blieben, wo sie waren, hinter dem Rücken verschränkt. Er ging in das Büro und kam mit mehreren Formularen wieder zurück.
«Bitte füllen Sie die aus. Nur Druckbuchstaben.»
