Die Ära der Wüste - Mel Brady - E-Book

Die Ära der Wüste E-Book

Mel Brady

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Beschreibung

Die Welt ist zu einer einzigen Wüste geworden, nachdem die Polkappen geschmolzen waren und die Erde zunächst im Wasser versunken war. In der neuen Wüstenwelt haben sich Gemeinschaften gebildet, in denen besondere Menschen leben, die Wasser unter der Erde aufspüren können. Yara ist eine von ihnen, doch gibt sie ihre Begabung nicht preis. Die junge Protagonistin glaubt an eine noch intakte Flora und Fauna mit oberirdischem Wasser, irgendwo in der südlichen Welt. Sie verlässt ihre Gemeinschaft und begibt sich auf eine abenteuerliche Reise durch die Wüste. Immer wieder werden Yaras Bemühungen, ihrem Traum zu folgen, auf die Probe gestellt und sie entdeckt mit Erschrecken, dass die Welt vollkommen anders ist, als sie es bisher von ihrer behüteten Gemeinschaft kannte. Dies ist der erste Teil der Reihe "Die Ära der Wüste".

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 214

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhalt:

Die Welt ist zu einer einzigen Wüste geworden, nachdem die Polkappen geschmolzen waren und die Erde zunächst im Wasser versunken war. In der neuen Wüstenwelt haben sich Gemeinschaften gebildet, in denen besondere Menschen leben, die Wasser unter der Erde aufspüren können. Yara ist eine von ihnen, doch gibt sie ihre Begabung nicht preis. Die junge Protagonistin glaubt an eine noch intakte Flora und Fauna mit oberirdischem Wasser, irgendwo in der südlichen Welt. Sie verlässt ihre Gemeinschaft und begibt sich auf eine abenteuerliche Reise durch die Wüste. Immer wieder werden Yaras Bemühungen, ihrem Traum zu folgen, auf die Probe gestellt und sie entdeckt mit Erschrecken, dass die Welt vollkommen anders ist, als sie es bisher von ihrer behüteten Gemeinschaft kannte.

Dies ist der erste Teil der Reihe „Die Ära der Wüste“

Über die Autorin:

Die Autorin wurde 1977 im Berliner Umland geboren. An der Havel und vielen Seen aufgewachsen, hatte sie immer eine besondere Beziehung zum Wasser. Sie schrieb im Jugendalter schon Gedichte und Geschichten, entdeckte die Aquarellmalerei für sich. Im Jahr 2006 schloss sie ihr Studium der Sozialpädagogik ab, arbeitete seitdem immer in verschiedenen Branchen als Pädagogin. Heute lebt und arbeitet sie mit ihrer Familie in Lübeck.

www.melbrady.de

Mel Brady

Die Ära derWüste

Die Flucht

© 2020 Mel Brady

Umschlagfoto: Pete Linforth / Pixabay

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44,

22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-347-09285-3

e-Book:

978-3-347-09286-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhaltsverzeichnis

I. DIE GEMEINSCHAFT

II. DIE WÜSTE

III. DIE UNTERWELT

IV. VERRAT

V. DER TOD UND EIN GESCHENK

VI. FREUNDSCHAFT

I. DIE GEMEINSCHAFT

Yara versteckte sich hinter einem schmalen Balken und lauschte angespannt den beiden Männern, die in einigem Abstand diskutierten.

„Ich weiß, dass sie die Gabe hat. Ich habe gesehen, wie sie von draußen mit einer Wünschelrute kam.“ „Warum sollte Yara uns das verschweigen? Es hängen einige Leben davon ab ob wir Wasser finden. Du weißt, dass die Ader hier bald versiegt und wir wandern müssen. Palo ist auch nicht der beste Wassergänger, den wir bisher hatten. Ich kann nicht glauben, dass Yara uns nicht helfen will.“ Das war typisch Albian - immer das Beste von den Menschen glauben. Yara zog sich leise zurück. Toma hatte allerdings recht, sie besaß die Gabe und verschwieg sie. Warum wusste sie selbst nicht genau. Na ja, einen guten Grund hatte sie auf alle Fälle - sie hatte es ihrer Mutter versprochen. Yaras Mutter war gestorben als sie sieben Jahre alt war. Es war eine dieser Epidemien gewesen, die die Gemeinschaft von Zeit zu Zeit heimsuchte. Es waren dabei noch sechzehn weitere Menschen gestorben, der Verlust ihrer Mutter hatte ihr damals großen Kummer bereitet. Sie war glücklicherweise von einem engen Freund ihrer Mutter aufgenommen worden, denn weitere Verwandte hatte sie nicht in der Gemeinschaft. Yara betrat das kleine Zelt, das sie mit Bent, ihrem Ziehvater, teilte. Bent war zwar wie ein Vater für sie, aber nun war sie doch froh, dass er sich nicht im Zelt befand. Sie legte sich auf ihre Schlafliege und schloss die Augen. Sie musste nachdenken. „Ich weiß, dass sie die Gabe hat.“ Das waren Tomas Worte gewesen. Also war es nur eine Frage der Zeit bis sie die Gemeinschaft verlassen musste oder sie würde dazu gezwungen werden, eine neue Wasserader zu finden und diese für die Gemeinschaft auszubeuten.

Yaras Gedanken wanderten zurück zu den Mythen, die ihre Mutter ihr immer wieder als Kind erzählt hatte. Es hatte einst viel Wasser und grünes, blühendes Land auf der Erde gegeben. Die Menschen allerdings hatten es mit ihrem Raubbau geschafft, dass sich das Klima derart erwärmte, dass die Polkappen schmolzen und alles Land bis auf einige hohe Gebirge überflutet wurde. Sie wusste weder was Polkappen waren noch konnte sie sich vorstellen, dass Wasser so hart wie Stein durch Kälte wurde. Es gab viele Menschen, die das für Märchen hielten, aber Yara gehörte nicht dazu. Sie sah es in ihren Träumen, das grüne Land und die Seen, Flüsse und Meere. Sie wusste nicht, woher ihre Träume kamen, denn in Wirklichkeit war der Planet seit Tausenden von Jahren eine Wüste und Niemand hatte jemals oberirdisch einen Fluss, einen See, geschweige denn ein Meer gesehen. Diese Wasserwelt konnte sich selbst Yara nicht vorstellen. Überall dort Wasser, wo jetzt Wüste herrschte. Es soll wunderbare Tiere im Wasser gegeben haben, unvorstellbar groß und doch so sanft, wie ein Nachtfalter. Und auch riesige Raubtiere mit scharfen Zähnen, die jedem Lebewesen hinterherjagten. Aber es fühlte sich falsch an, ohne den entsprechenden Gegenpart - das Land. Ob es an Land vor der Flut auch so viele Tiere gegeben haben mochte? Was ist mit ihnen passiert? Yara kannte die Antwort - sie waren ausgestorben. Wie konnten die Menschen so etwas zulassen? Sie sann darüber nach, dass es vielleicht einfach zu viele Menschen gegeben haben musste. Sie sah es schon in dieser kleinen Gemeinschaft - die Gier nach allem, wovon es zu wenig gab. Und es gab so ziemlich von allem zu wenig, außer Sand. Ihre Mutter sagte, die Erde holte sich das Wasser zurück, sog es in den Kern hinein und zurück blieb Wüste. Vielleicht wollte sie sich somit der Menschen entledigen, aber es hatte nicht geklappt. Diese Spezies war einfach nicht auszurotten. Nun gut, es gab Menschen wie sie selbst, die das Wasser unter der Erde aufspüren konnten. Dabei muss sich doch irgendwer etwas gedacht haben. Es waren tatsächlich auch nicht alle Menschen so gierig. Ihr Ziehvater Bent war einer der bescheidensten Menschen, die sie kannte. Es würde ihr schwerfallen, ihn zu verlassen. Aber sie musste, es blieb keine Wahl. Es zog sie hinaus in die Wüste, etwas rief nach ihr - das Wasser.

Beim Abendessen fühlte sie Tomas Blick immer wieder auf sich ruhen. Sie versuchte nicht nervös zu werden und sich wie immer zu geben. Im Grunde war das nicht schwer, denn sie galt als stille junge Frau und ihre Aufgabe in der Gemeinschaft war es, zusammen mit einigen anderen Frauen, die Kleidung instand zu halten. Das war eine der niedrigen Arbeiten, weshalb ihr im Allgemeinen wenig Beachtung geschenkt wurde. Jeder in der hundertdreiundfünfzig Köpfe zählenden Gemeinschaft hatte ein Aufgabe. Toma war einer der oberen Gemeinschaftsverwalter. Die oberen Gemeinschaftsverwalter waren zu dritt und trafen die wichtigsten Entscheidungen für die Gemeinschaft. Toma, Albian und Orelia saßen am Ende eines der drei langen Tische, an denen die Gemeinschaft zusammen zu Abend aß. Yara saß selbstverständlich nicht an diesem Tisch. Dort saßen nur die Oberen, zu denen auch ihr Ziehvater gehörte. Bent war einer der oberen Sandmänner, die für den Bau und Erhalt des Rundwalles zuständig waren. Durch seine Stellung genoss er einige Privilegien, die auch Yara zugutekam. So durfte er sich nach der Sperrzeit noch draußen aufhalten. Wenn er beispielsweise spät abends zu den Treffen der Oberen ging, hatte Yara das Zelt für sich alleine, das genoss sie sehr, um ihren Träumen und Gedanken nachzugehen.

Heute Abend war wieder ein Treffen und sie hatte diesmal etwas Besonderes vor. Vielleicht fühlte sie sich deshalb so als ob Toma mit seinem bohrenden Blick ihre Gedanken lesen konnte. Sicherlich würde sie heute das Thema in der bevorstehenden Besprechung sein. Palo war vielleicht zu alt, um eine neue Wasserader zu finden und sie brauchten einen neuen Wassergänger. Yara hatte allerdings andere Pläne. Auch wenn es ihr um den einen oder anderen Menschen in der Gemeinschaft leidtat, aber sie hatte kaum Freunde und hatte sich nie richtig zugehörig gefühlt. Sie selbst traute Palo zu, durchaus noch eine weitere Wasserader zu finden, weshalb sich ihr schlechtes Gewissen, die Gemeinschaft im Stich zu lassen, in Grenzen hielt. Meistens, so hatte sie es gehört, war eine Wasserader für eine Generation der Gemeinschaft ausreichend. Es sollte auch riesige unterirdische Wasserreservoirs geben, die viel mehr Menschen über mehrere Generationen versorgen konnten. Doch das waren auch wieder nur Mythen, denn aus ihrer Gemeinschaft hatte es keiner bisher erlebt. Ihre Mutter hatte ihr erzählt, dass zu ihrer Zeit sie einmal auf eine suchende Gemeinschaft getroffen waren. Es waren um die Hundert Menschen, die zu einer Wasserader weiter südlich aufgebrochen waren. Deren Wassergänger hatte die Ader bei seinen langen Streifzügen entdeckt. Sie hatten ihr Lager neben der Gemeinschaft aufgeschlagen und es hatte einige Tage ein friedliches Beisammensein und Austausch gegeben. Auch Menschen wurden ausgetauscht, das hatte ihre Mutter ihr allerdings damals verschwiegen. Doch saß Yara bei ihrer Arbeit dicht mit anderen Frauen zusammen, die nähten und schwatzten, sodass sie schließlich von dem Tauschhandel erfuhr. Wenn sich keine Mitglieder fanden, die freiwillig die Gemeinschaft verlassen wollten, wurden welche von den Oberen bestimmt und darüber mit den Oberen der anderen Gemeinschaft verhandelt. Das wurde immer so gehandhabt, wenn eine Gemeinschaft auf eine andere traf. Wassergänger wurden jedoch nie getauscht, sie waren zu wichtig als dass man sie hätte austauschen können. Für sie wurde das gesamte Leben von den Oberen geplant. Welches Essen sie zu sich nahmen, wen sie heirateten, mit wem sie Umgang haben durften. Zu wichtig war deren Fortbestehen und Gesundheit. In ihrer Gemeinschaft war das allerdings schief gegangen. Palo und seine Frau hatten keine Kinder bekommen, die Gabe war nicht weitergegeben worden. Und Yara war nicht bereit, ihr ganzes Leben den Oberen zu widmen, wie es Palo getan hatte, beziehungsweise wie er es hatte tun müssen. Sie wusste, dass Palo dazu gezwungen wurde, neben seiner Frau mit anderen Frauen aus der Gemeinschaft zusammen zu sein, um eventuell doch noch Nachwuchs zu zeugen, doch es hatte nie geklappt. Er wäre wahrscheinlich der erste Wassergänger gewesen, der ausgetauscht worden wäre, wenn es die Möglichkeit dazu gegeben hätte. Yara sah mit einem tiefgründigen Blick ihrer türkis schimmernden Augen ein letztes Mal zu Toma und wandte sich dann wieder ihrem Essen zu. Selbst wenn die Oberen es herausbekämen, sie wäre dann schon längst in der Wüste verschwunden.

Nach dem Essen ging sie ins Zelt zurück und strich mit der Hand über den Kristall in der Mitte des dunklen Raumes. Augenblicklich wurde es hell und sie ließ sich auf ihre Liege fallen. Der Kristall war ebenfalls ein Privileg, dass sie aufgrund von Bents Stellung in der Gemeinschaft bekamen. Es gab nur wenige Kristalle und sie und Bent durften einen Lichtkristall benutzen. Die Kristalle waren ein Überbleibsel aus der alten Zeit und sie dienten hauptsächlich zur Energiebereitstellung. Sie wurden durch Sonnenenergie aufgeladen und konnten durch spezielle Vorrichtungen für verschiedene Dinge genutzt werden. Es gab noch mehr Technik aus der alten Zeit, aber Yara hatte davon wenig Ahnung, da die Technik nur bestimmten Leuten in der Gemeinschaft vorbehalten war. Sie besaß nur zwei feste Drahtenden, die sie als Wünschelrute benutze und die sie von den Metallern stibitzt hatte als diese den Zaun um die kleine Ziegenherde erneuerten. Eigentlich benötigte sie die Drähte gar nicht, denn sie konnte das Wasser auch so spüren. Es war als ob sie es unter der Erde sehen konnte, wohin es floss, woher es kam, wie tief die Ader lag und wie groß sie war. Und sie spürte noch etwas - sie spürte, dass es irgendwo auf diesem Planeten noch oberirdisches Wasser gab. Und dort musste sie hin, sie wollte das Grün der Pflanzen und das Blau des Wassers aus ihren Träumen sehen. Sie hatte es schon als kleines Mädchen gespürt und war so oft sie konnte draußen, in der Wüste gewesen und hatte nach den grünen Pflanzen gesucht. Gefunden hatte sie nichts dergleichen aber einige Male hatte sie versunkene Ruinen aus dem Wüstensand herausragen gesehen. Einige dieser Ruinen waren sogar etwas mit vertrocknetem Efeu bedeckt, der seinen Durst aus den Tiefen der verfallenen Gebäude gestillt hatte. Doch die heiße Wüstensonne ließ nicht zu, dass sich etwas Grünes lange hielt. Gerne hätte sie die Ruinen näher untersucht, aber sie wusste, dass sie den Ruinen nicht zu nahekommen durfte. Der feine Sand drum herum war trügerisch und verbarg die Einsturzgefahr. Häufig verbargen sich auch Wasseradern unter den Ruinen, die Menschen hatten wohl schon immer am Wasser gebaut.

In den letzten Monaten hatte Yara kaum Gelegenheit gehabt, die Gemeinschaft zu verlassen und in der Wüste zu stromern. Es war eigentlich sowieso verboten, sich außerhalb des Sandwalles aufzuhalten, wenn man kein Sandmann oder Wassergänger war. Das war für sie nur möglich, weil Bent ein oberer Sandmann war und die Leute sie als seine Ziehtochter kannten. Aber etwas hatte sich in den letzten Monaten geändert. Sie konnte es nicht benennen, doch sie fühlte eine Unruhe zwischen den Menschen. Alle waren irgendwie vorsichtiger und stiller als sonst. Vermutlich hing das mit Palos Alter und dem baldigen Versiegen der Wasserader zusammen. Die Oberen verloren zwar kein Wort gegenüber der Gemeinschaft, doch Gerüchte und leises Gemurmel blieben nicht aus. Schließlich hatte sie die Ader eine ganze Generation lang versorgt und nun war Palo alt geworden, ohne Nachwuchs zu haben. Da konnte man sich leicht vorstellen, wo das Problem lag.

Ein Herannahen von Schritten riss sie aus ihren Gedanken. Bent kam herein und schloss sofort die Zeltplane hinter sich. Das tat er sonst nie, denn er bekam gern mit, was draußen los war und Fenster gab es keine in dem kleinen Zelt. Yara setzte sich auf und sah Bent stirnrunzelnd an. „Ich muss mit dir reden, Yara.“ Bent drehte ihr dann aber den Rücken zu und kramte in einer länglichen Kiste herum, die er zuvor unter dem Bett hervorgezogen hatte. Yara hatte nie nachgesehen, was er darin aufbewahrte. Keiner in der Gemeinschaft hatte viel Besitz. Alles gehörte allen, so sollte es jedenfalls sein. Dass die Oberen ein wenig mehr von „Allem“ hatten, wurde übersehen. Nicht mal Geschirr hatten sie in ihrem Zelt, da die Mahlzeiten immer zusammen eingenommen wurden und es extra Leute gab, die sich um das Geschirr kümmerten. Ebenso wurde es mit der Kleidung gehandhabt. Die meisten hatten zwei bis drei Sets mit Kleidung, die von den Näherinnen gefertigt und instandgehalten wurden. Es gab kaum persönliche Dinge und Yara hatte angenommen, in der Kiste sei Bents alte Kleidung. Er kam nun mit einem länglichen Gegenstand, eingewickelt in einen alten Stofffetzen, zu ihr und nahm neben ihr auf der Liege Platz. „Ich weiß, dass du uns verlassen willst.“ Yara wollte etwas sagen, aber es kam nichts über ihre Lippen. Wie konnte er das wissen? Sie suchte in seinem Gesicht nach Anzeichen von Ärger oder Wut, konnte aber nur Traurigkeit entdecken. „Ich weiß auch, dass du die Gabe hast, Yara. Du bist eine Wassergängerin“ Jetzt fiel ihr fast die Kinnlade herunter und die Frage bahnte sich einen Weg aus ihrem Mund. „Wie kannst du das alles wissen?“ flüsterte sie. „Ich weiß mehr als du denkst, Kind. Ich will dir etwas über deine Eltern erzählen. Vielleicht ist es wichtig. Deine Mutter bat mich damals, es dir erst zu erzählen, wenn es notwendig wird. Und da du vorhast, uns zu verlassen denke ich, jetzt ist dieser Zeitpunkt gekommen.“ Yara spürte eine Hitze in sich aufsteigen. Das konnte nicht sein, Bent wusste von ihrer Gabe und wusste etwas über ihren Vater. Eltern hatte er gesagt - nicht Mutter, sondern Eltern. „Was weißt du, Bent? Weißt du etwas über meinen Vater?“ „Ehrlich gesagt, ja. Deine Mutter hatte dir früher von der suchenden Gemeinschaft erzählt, die einmal hier vorbeikam.“ Yara nickte langsam. „Du weißt, dass Menschen getauscht werden, wenn Gemeinschaften aufeinandertreffen. Es ist die einzige Möglichkeit, neue Paare in der Gemeinschaft zu bilden und die Erlaubnis zu bekommen, Nachwuchs zu haben. Diese Leute, die hier vorbeikamen, das war ihre Gemeinschaft. Deine Mutter gehörte dorthin. Es fanden sich aber weder aus ihrer noch aus unserer Gemeinschaft Menschen, die tauschen wollten, also wurden die Leute ausgesucht, deine Mutter war darunter.“ Yara sah Bent mit einer Mischung aus Neugier und Wut an. Wieso hatte ihr das Niemand erzählt? „Ich weiß, Yara. Du hättest es gerne früher erfahren, aber dann hättest du uns vielleicht früher verlassen und wärst noch nicht so sehr bereit, wie du es jetzt bist.“ Bent kannte Yara zu gut, sie hätte sich auf jeden Fall früher auf die Suche nach der anderen Gemeinschaft gemacht. Sie hätte wahrscheinlich keinen Plan gehabt und wäre verloren gewesen - Bent hatte vielleicht recht. Dennoch fühlte sie sich gekränkt und spürte den leisen Hauch des verletzten jugendlichen Stolzes. Aber die Neugier siegte und sie kämpfte die Gefühle nieder. Sie wusste, Bent meinte es nur gut mit ihr. „Gehörte mein Vater auch dieser Gemeinschaft an? Warum wurden sie getrennt?“ „Also deine Eltern waren nicht offiziell ein Paar. Sie durften es nicht also trafen sie sich heimlich.“ Er hielt inne und sah seine Ziehtochter mit ernstem Gesicht an. „Bent, warum durften sie kein Paar sein, was verschweigst du noch?“ Ihre Stimme wurde eindringlicher und ein Gedanke, mehr eine Ahnung streifte sie wie ein sanfter Wüstenwind. Natürlich, die Gabe der Wassergänger wurde vererbt. Sie hatte so sehr den Gedanken an einen Vater verdrängt, dass sie sich immer eingeredet hatte, ihre Gabe stamme von einem ihrer Großeltern. Ihre Mutter zu fragen hatte sie keine Gelegenheit mehr gehabt. „Ja, dein Vater war ein Wassergänger.“ Sagte Bent nun, der Yaras Mienenspiel beobachtet und richtig gedeutet hatte. „Wieso konnten sie nicht versuchen zusammenzubleiben, es mit den Oberen besprechen oder sonst etwas?“ Yaras Stimme nahm nun einen fast verzweifelten Ton an. „Dein Vater hatte es versucht, er wollte sich tauschen lassen, aber seine Gemeinschaft wollte Palo nicht annehmen. Die Gerüchte über Palos Kinderlosigkeit hatten gestreut. Deine Mutter wusste zu dem Zeitpunkt auch noch nicht, dass sie schwanger war. Sie haben ihr Schicksal angenommen. Wobei ich glaube, sie hat immer gehofft, dass er zurückkommt. Als deine Mutter merkte, dass sie schwanger war, wandte sie sich an mich und ich habe ihr geholfen. Es war aber klar, dass du nicht meine eigene Tochter sein konntest, das hätte man zeitlich sich nicht zurechtlegen können. Sie hat nie Jemandem verraten, wer dein Vater ist, außer mir.“ In Yara überschlugen sich die Gedanken. All die Jahre, in denen sie sich nicht zugehörig gefühlt hatte. Die oft merkwürdigen Blicke der anderen und die Stille, wenn sie ein Zelt betrat. Es ergab nun einen Sinn. Die anderen Männer und Frauen, die getauscht worden waren, hatten sich trotz des anfänglichen Widerwillens eingelebt. Aber sie hatten alle eine Aufgabe gehabt, von Anfang an. Yara hatte nur eine Aufgabe bekommen, zu der sie nicht berufen war. Sie hatte die Aufgabe als Näherin mit vierzehn Jahren übernommen, weil ihre Mutter Näherin gewesen war und meistens die Kinder, wenn es welche gab, die Aufgabe der Eltern fortführten. Bent riss sie aus ihren Gedanken. „Hör zu Yara! Deine Mutter hat mir etwas für dich gegeben, was ich all die Jahre aufbewahrt habe. Nun sollst du es bekommen - du wirst es brauchen.“ Er holte das längliche, in Stoff eingewickelte Paket hervor, welches hinter ihm auf der Liege lag und übergab es Yara. Vorsichtig wickelte sie einen etwa fußlangen, dünnen Stab aus dem Stoff. Der Stab glitzerte silbern, war an einem Ende spiralförmig spitz, am anderen schimmerte ein hühnereigroßer Kristall in einer kunstvollen Fassung, darunter war fast unsichtbar, ein Schalter in das Metall eingelassen, auf der gegenüberliegenden Seite befand sich ebenfalls ein länglicher Schalter. Yara staunte. „Das ist ein Kristallbohrer, mit dem solltest du Wasser fördern können. Ich habe keine Ahnung, wie das Ding funktioniert, aber du wirst es schon rausfinden. Der Bohrer ist von deinem Vater, Niemand weiß sonst davon.“ „Wow Bent, das, … das ist verrückt. Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“ „Nimm es einfach Yara. Du wirst es sicher brauchen können. Ich glaube, es ist Technik aus der alten Welt, unsere Metaller hätten das sicher gerne auseinander gebaut.“ Bent lachte leise, wurde aber sofort wieder ernst. Yara hielt ehrfürchtig den kleinen Bohrstab in der Hand. Das Ding musste soviel wert sein, wie eine ganze Jahresernte der Gemeinschaft, allein der Kristall und dann das Metall. Und es musste alt sein, richtig alt. Yara mochte sich kaum ausmalen, wie der Stab über Jahrtausende an die nachfolgende Generation weitergegeben worden war. Aber wieso hatte ihre Mutter ihn, wenn doch ihr Vater ein Wassergänger war? Wollte er etwa doch zurückkehren? Nun gut, darauf konnte Yara sowieso nicht warten - sie musste hier weg. „Ich danke dir für alles Bent.“ Yara umarmte ihren Ziehvater und bemerkte dabei nicht, dass diesem eine einsame Träne entglitt. Er schob sie energisch von sich, blinzelte die Träne weg und zog etwas aus der Tasche seines Arbeitskittels. „Nicht so schnell mein Kind. Ich habe noch etwas für dich.“ In der Hand hielt er einen kleinen, blauen Anhänger, etwa daumennagelgroß. Es war ein flacher ovaler Stein, mit zwei untereinander verlaufenden Wellenlinien eingraviert. Er reichte Yara den auf ein dünnes Lederband gezogenen Anhänger. „Das ist der Stein der Wassergänger. Palo hat ihn mir für dich gegeben. Er weiß um deine Gabe und bittet dich, ihn vorerst nur verdeckt zu tragen. Er kann dich übrigens sehr gut verstehen und wird dein Geheimnis weiterhin bewahren.“ Yara war sprachlos. Sie hatte sich stets von Palo ferngehalten, weil sie fürchtete, er könne ihre Gabe spüren und sie verraten. So wäre er aus seinem Dienst befreit worden. Sie fühlte eine Welle der Zuneigung für den alten Mann in sich aufkommen und hatte nun ihrerseits Tränen in den Augen. „Ist schon gut, er wusste es schon lange und hat sich entschieden, sein Schicksal in der Gemeinschaft anzunehmen. Palo wollte dir die Wahl lassen und du hast sie jetzt getroffen.“ Bent drückte Yara noch einmal kurz an sich. „Ich muss los, zur Versammlung. Du kannst Fari am Tor sagen, ich bräuchte ihn bei der Versammlung. Dann müsstest du ungehindert rauskommen, er muss sich erst einen Ersatzmann holen.“ Bent stand auf. „Nochmal danke für alles, Bent.“ „Ist schon gut, pass nur auf dich auf!“ Bent wandte sich schnell zum Gehen, bevor ihn die Gefühle übermannten. Er ließ Yara allein im Zelt zurück, straffte draußen seine Schultern und machte sich auf den Weg zur Versammlung.

Yara blieb noch auf der Liege sitzen, unfähig sich zu rühren. So viele Gedanken gingen ihr durch den Kopf. Palo, der ihre Gabe kannte und sie geschützt hatte. Ihre Mutter, die ihr einiges verheimlicht hatte und diesen Kristallbohrer versteckt hielt. Und dann Bent, der soviel mehr wusste als sie es jemals gedacht hatte und dem sie soviel verdankte. Sie saß gedankenverloren auf ihrer Liege als sie plötzlich hochschreckte. Wenn sie all diese Sachen nicht gewusst hatte und andere scheinbar mehr über sie selbst wussten als Yara ahnte, musste sie schnell hier weg. Abrupt stand sie auf, band sich das Lederband mit dem Anhänger um den Hals und kroch unter ihre Liege, um eine Kiste hervor zu ziehen. In der Kiste hatte sie seit einiger Zeit all das gesammelt, was sie bei ihrem Aufbruch mitnehmen wollte. Aus dem Vorratszelt hatte sie Getreidekügelchen mitgehen lassen, die sie nur mit Wasser übergießen musste, um einen zwar faden aber satt machenden Brei zu erhalten. Auch Trockenobst und Dörrfleisch hatte sie sich eingesteckt. Sie hätte gern frisches Obst gehabt, aber sie wollte nicht riskieren auf der Obstwiese erwischt zu werden, da konnte man sich nicht so gut hinein schleichen wie etwa in ein Zelt. Yara dachte kurz daran, wie sehr sie um die kleinen Obstbäume trauern würde. Aber wenn die Gemeinschaft auf die Suche nach einer neuen Wasserader ging, würden sie sowieso zurückgelassen werden und an anderer Stelle würden neue, jung gezogene Bäume gepflanzt werden.

Von den Metallern hatte Yara sich eine kleine Schale, einen Löffel und ein scharfes Messer stibitzt. Als sie vor einiger Zeit anfing sich einen Plan für ihren Aufbruch auszumalen, hatte sie auch begonnen, sich immer mal wieder Stoffreste und Nadel und Garn von ihrer Arbeit einzustecken. Sie hatte sich daraus einen Rucksack genäht, den sie nun ebenfalls aus der Kiste holte. Yara überlegte, ob sie die zwei Drähte ihrer Wünschelrute mitnehmen sollte. Obwohl sie die Drähte eigentlich nicht mehr benötigte, um Wasser zu finden, entschied sie sich, die zu einem L gebogenen Drähte mitzunehmen. Sie gaben ihr irgendwie ein Gefühl der Sicherheit. Sorgfältig verstaute sie die Sachen in ihrem Rucksack, den Kristallbohrer legte sie ebenfalls hinein. Sie wollte gerade zu Bents Liege hinüber gehen als sie vor dem Zelt Schritte vernahm. Schnell schob sie den Rucksack unter ihre eigene Schlafstätte, gerade noch rechtzeitig als Toma den Kopf ins Zelt steckte. Er sah Yara drinnen und kam dann ganz hinein. „Ich wollte sehen, wo Bent bleibt. Wir haben jetzt unsere Besprechung.“ Er sah sich in dem kleinen Zelt um bis sein Blick an Yara hängen blieb. „Er ist nicht hier, wie du siehst.“ Yara sah Toma mit kühlem Blick an und hoffte, dass er ihr ihre Nervosität nicht anmerkte. Sie ging fest davon aus, dass Toma wusste, dass Bent nicht hier war. Was also wollte er? Toma kam näher und blickte Yara in ihre türkisfarbenen Augen. „Ich weiß um deine Gabe und ich werde dafür sorgen, dass du unserer Gemeinschaft dienst. Bent kann dich nicht ewig beschützen.“ Yara wurde blass und wich einen Schritt zurück. „Im Übrigen habe ich noch keine Frau.“ Fügte Toma mit einem anzüglichen Lächeln hinzu. So schnell wie das Lächeln auf Tomas Gesicht erschienen war, verschwand es wieder und er sah Yara mit einem Blick an, der sie frösteln ließ. Ohne ein weiteres Wort, drehte der Obere sich um und verließ das Zelt. Yara blieb zitternd zurück. Sie musste sich beeilen. Die Andeutungen, die Toma machte, durften auf keinen Fall eintreffen. Dann war sie verloren, sie würde eine Gefangene der Gemeinschaft - Tomas Gefangene - sein.