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Ein Roman aus dem Stierkampfmilieu. Erzählt wird von Juan Gallardo, Sohn eines Flickschusters, der nach dem Tod des Vaters von der Mutter als Lehrjunge zu einem der besten Schuhmacher in Sevilla geschickt wird; doch Juan treibt sich lieber bei den Corridas herum, denn sein größter Wunsch ist es, ein gefeierter Stierkämpfer zu werden. So wird er gegen den Willen seiner Mutter zum Torero und tatsächlich zum gefeierten Matador der Plazas. Bald badet er in Ruhm, Geld, Grundbesitz, die Frauen liegen ihn zu Füßen und er heiratet seine langjährige Freundin Carmen, eine liebevolle und verständnisvolle Frau. Alles ist gut in seinem Leben. Dann aber steigt ihm der Ruhm zu Kopf, er hat eine Affäre mit der auffallenden Schönheit Doña Sol und der Niedergang beginnt. Alsbald bereut er seine Verfehlungen und will sein Leben wieder zum Guten ändern. Nur noch einmal ein großer Stierkampf, der den Beweis erbringen soll, dass er noch immer der mutigste und der beste Torero Spaniens ist. Ein mitreißend geschriebener Roman von Blasco Ibáñez, der auch aufzeigt, was für ein blutiges Schauspiel der Stierkampf ist. Der Roman wurde in Spanien und in Hollywood verfilmt.
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Seitenzahl: 344
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Inhaltsverzeichnis
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Über den Autor
Impressum
Hinweise und Rechtliches
E-Books im Reese Verlag:
E-Books Edition Loreart:
BlascoIbáñez
Die Arena
Roman
Aus dem Spanischen von Otto Albrecht van Bebber
DIE ARENA
Wie immer am Tage eines Stiergefechts aß Juan Gallardo zeitig zu Mittag. Ein Stück Braten, weiter nichts. Die Flasche Wein vor ihm blieb unberührt, denn es galt, den Kopf klar zu behalten. Aber zwei Tassen starken, schwarzen Kaffee gönnte er sich, dazu eine riesige Zigarre. Die Ellenbogen auf den Tisch, das Kinn auf die Hände gestützt, schaute er gedankenlos nach den Gästen, die allmählich im Speisesaal Platz nahmen.
Seit ihm vor einigen Jahren in der Arena von Madrid feierlich der Matadorentitel zuerkannt worden war, pflegte er stets dasselbe Hotel in der Calle de Alcalá aufzusuchen, dessen Besitzer ihn wie zur Familie gehörig behandelte, während Kellner, Portiers, Küchenjungen und vor allem die ältlichen Zimmermädchen ihn vergötterten. Hier hatte er auch, von einem Stier bös zugerichtet, lange Wochen gelegen, in einer Luft, schwer von Jodoform und Tabakrauch. Doch diese Erinnerung focht ihn nicht weiter an. Als Südländer ohnehin dem Aberglauben ergeben und in diesem Hang noch bestärkt durch die ständigen Gefahren, fand er, daß dieses Hotel ihm Glück brächte. Risse und Schrammen konnte er abbekommen, aber nicht das Leben einbüßen - wie so mancher andere Stierfechter.
Das rege Treiben im Speisesaal gefiel ihm. Ausländer, auch Leute aus der Provinz, gingen mit gleichgültigem Gesicht an seinem Tisch vorbei, um sich neugierig nach ihm umzudrehen, sobald sie von den Kellnern hörten, daß jener gutaussehende, glattrasierte Herr mit den schwarzen Augen Juan Gallardo, der berühmte Torero, sei. Dieses sichtliche Interesse an seiner Person half ihm über das peinliche Warten bis zum Beginn der Corrida hinweg. Wie lang die Zeit wurde! Diese Stunden der Ungewißheit und vagen Befürchtungen, die ihn an sich selbst zweifeln ließen, waren die bittersten in seinem Beruf. Ausgehen mochte er nicht, verlangte doch der anstrengende Kampf einen wohlausgeruhten Körper; gut essen und trinken war ihm verwehrt, denn er mußte mit unbeschwertem Magen auf der Plaza de Toros erscheinen.
So blieb Gallardo an seinem Tisch sitzen, paffte duftende Tabakwölkchen von sich und lugte mit gespielter Gleichgültigkeit nach einigen Damen, die den gefeierten Stierfechter nicht aus den Augen ließen.
Sein Stolz als Idol der Menge glaubte bewundernde Worte zu erraten, zärtliche Blicke wahrzunehmen. War er nicht hübsch und elegant? Schnell gab er seine nachlässige Haltung auf und stäubte die Asche von seinem Ärmel, wobei der enorme Brillant an seiner Linken in buntem Feuer aufglühte.
Mit selbstgefälliger Miene musterte er seinen feinen Anzug, die dünne, quer über die Brust gespannte goldene Uhrkette, die milchweiße Perle in der Krawatte, die so gut von seinem braunen Gesicht abstach, und die wildledernen Schuhe, über denen seidene Socken, durchbrochen wie Damenstrümpfe, zum Vorschein kamen. Seine Kleidung sowie das schwarze, glänzende Haar, das er in die Schläfen gekämmt trug, strömten einen schwülen Duft von Parfüm aus. Er war zufrieden mit sich. Und gnädig sah er hinüber zu den anwesenden Damen.
Doch plötzlich gewannen die bangen Gedanken wieder die Oberhand. Der Glanz seiner Augen erlosch; hastig zog er an seiner Zigarre und blickte abwesend den Rauchwolken nach. Wäre es doch erst Feierabend! Voll Sehnsucht dachte er an den befreienden Augenblick, wenn er von der Plaza zurückkehren würde, schweißbedeckt und erschöpft, aber froh der überstandenen Gefahr und mit der Aussicht auf einige Tage Ruhe. Wie sollte es ihm dann schmecken! Auch einen kleinen Rausch würde er sich antrinken und in einem Kabarett eine gewisse junge Sängerin aufsuchen, die er bei seinem letzten Aufenthalt leider nicht näher hatte kennenlernen können. Dieses unruhige Hasten von einem Ende der Halbinsel zum anderen ließ ihm doch zu nichts Zeit.
Eine Schar Verehrer drängte jetzt in den Speisesaal, alles Aficionados, Stammgäste der Arena, für die Gallardo „unser“ Matador war. Gönnerhaft, familiär redeten sie ihn mit Du an, während er, sich der sozialen Kluft bewußt, die zwischen ihm, dem von unten heraufgekommenen Torero, und diesen Señores, Großkaufleuten und hohen Beamten, bestand, ihrem Vornamen stets das Don voransetzte. Um dem jungen Meister ihre Überlegenheit an Erfahrung kundzutun, redeten sie voller Begeisterung von der alten Madrider Plaza, wo man nur „wirkliche“ Toros und Toreros gekannt hatte, und kamen dann mit vor Erregung zitternder Stimme auf den Negro zu sprechen. Dieser Negro war der große Frascuelo, Spaniens Ruhm.
„Ah, wenn du ihn gesehen hättest! … Aber zu jener Zeit lagst du noch an der Mutterbrust.“
Neue Besucher erschienen: Reporter, Spezialisten auf dem Gebiet des Stierkampfes, die gewichtig Lob und Tadel verteilten, auch dürftig gekleidete Männer mit hungrigen Gesichtern, deren Begehren auf eine freie Eintrittskarte gerichtet war.
Doch der gemeinsame Enthusiasmus riß alle Schranken nieder, und jeder diskutierte mit jedem, hitzig und rechthaberisch.
Alle, die hereintraten, umarmten den Espada unter einem Schwall von Fragen und Ausrufen.
„Juanito, wie geht es Carmen?“
„Danke, gut.“
„Und deinem Mütterchen, der Señora Angustias?“
„Ausgezeichnet, danke. Sie ist zur Erholung auf meinem Gut.“
„Und deiner Schwester und den kleinen Neffen?“
„Danke schön, alles wohl!“
„Und was macht dein Trottel von Schwager?“
„Schwatzt, wie immer, von morgens bis abends.“
„Na … und Hoffnung auf Familienzuwachs?“
„Ach was …, nicht so viel!“
Damit schnippte er ein unsichtbares Stäubchen von seinem Fingernagel, lud zum Trinken ein und erkundigte sich nach dem Eindruck, den die für die heutige Corrida bestimmten Stiere machten, denn die meisten seiner Besucher kamen von der Plaza, wo sie zugesehen hatten, wie die wilden Tiere einzeln eingesperrt wurden.
Mit diesem Stiergefecht begann die Saison in Madrid, und Gallardos Anhänger, durch seine jüngsten Triumphe auf anderen Plazas Spaniens ermutigt, setzten große Hoffnungen auf ihn. Kein anderer Torero hatte so viele Engagements. Von der Ostercorrida in Sevilla an - alljährlich die erste von größerer Bedeutung - eilte Gallardo von Plaza zu Plaza, um Stiere zu töten. Erreichte dann im August - September die Saison ihren Höhepunkt, so mußte er die Nächte im Zuge, die Nachmittage in der Arena verbringen, ohne an Ausruhen denken zu können, dieweil sein Bevollmächtigter in Sevilla ganz wirr im Kopf wurde von all den brieflichen und telegraphischen Kontraktsangeboten, die er vergeblich in eine passende Reihenfolge zu bringen suchte.
Am vorhergehenden Tag hatte Gallardo in Ciudad Real gekämpft und gerade - noch im Torerokostüm - den Zug zu erreichen vermocht, der morgens in Madrid eintraf. Eine fast schlaflos verbrachte Nacht, obgleich die Mitreisenden eng zusammenrückten, um dem Mann, der am nächsten Tage sein Leben riskierte, etwas mehr Platz zu lassen.
Doch ungeachtet solcher Strapazen stürzte er sich im entscheidenden Moment stets mit einer Tollkühnheit auf den Stier, daß die Menge vor Begeisterung raste.
Allmählich verabschiedeten sich die Besucher, und Gallardo stand im Begriff, sein Zimmer aufzusuchen, als ein Mann, an jeder Hand ein Kind, die Glastür des Speisesaales aufstieß. Beim Anblick des Toreros erschien ein seliges Lächeln auf seinem Gesicht. Gallardo erkannte ihn.
„Wie geht es Euch. Gevatter?“
Der Mann fand keine Zeit zu einer Antwort. Sich an seine Jungen wendend, sagte er feierlich:
„Das ist er, nach dem ihr immer fragt. Genau wie auf den Abbildungen!“
Und die beiden Knirpse schauten ehrfürchtig zu dem Helden empor, den sie täglich auf den Plakaten, die die Wände ihres Häuschens schmückten, betrachteten.
„Juanillo, küß deinem Paten die Hand!“
Zerstreut streichelte Gallardo den Kopf des Kleinen, eines seiner vielen Patenkinder in Spanien! Von Taufe zu Taufe - das war auch eine Folge seiner Berühmtheit. Dieses hier erinnerte ihn an den Anfang seiner Laufbahn, und er empfand eine gewisse Dankbarkeit für den Vater, der schon damals fest an seine Zukunft geglaubt hatte.
„Und die Geschäfte?“ erkundigte sich der Espada. „Geht es besser?“
Doch der Gefragte verzog das Gesicht. Seine kleinen Geschäfte als Zwischenhändler brachten ihm gerade das tägliche Brot ein. Mitleidig blickte der Torero auf die schäbige Kleidung - den Sonntagsstaat eines Armen.
„Wollt Ihr die Corrida sehen, Gevatter? … Dann geht auf mein Zimmer, damit Euch Garabato ein Freibillett gibt. Und dies ist für euch zum Naschen.“ Er drückte den Buben einige Duros in die Hände und schob die glückliche Gesellschaft zur Tür.
Ein Uhr erst! Wollten die paar Stunden denn gar kein Ende nehmen? …
Als er den Speisesaal verließ, sprang eine in eine alte Manta gehüllte Frau an der Portierloge vorbei und stellte sich ihm trotz der Proteste der Angestellten in den Weg.
„Juaniyo! … Juan! Erkennst du mich nicht? … Ich bin es, die Caracola, die Mutter des armen Lechuguero.“
Gallardo lächelte der kleinen, runzeligen Alten mit den unstet flackernden Augen freundlich zu. Gleichzeitig hob er, ihre Wünsche erratend, die Hand zur Westentasche.
„Ach, Junge, man kommt doch aus dem Elend nicht heraus! Sobald ich hörte, daß du heute auftreten würdest, sagte ich mir: geh hin und sprich mit Juaniyo, der die Mutter seines armen Kameraden sicher nicht vergessen hat. Aber schmuck siehst du aus, Zigeuner! Natürlich laufen alle Frauen dir nach, du Teufelsjunge! … Mir geht es schlecht, sehr schlecht. Nicht mal ein Hemd habe ich an. Und seit heute morgen nichts im Magen als ein kleines Schnäpschen. Die Pepona - du weißt doch, die Dicke aus unserer Gegend - behält mich aus Mitleid in ihrem Hause. Ein sehr dezentes Haus: fünf Duros die Taxe. Ich frisiere die Mädchen und mache Besorgungen für die Herren … Ach herrje, wenn mein armer Junge noch lebte! Erinnerst du dich noch an den Nachmittag, als Pepito umkam?“
Vergebens suchte der Torero diesem Redestrom zu entschlüpfen. Verdammte Hexe! Ihn in diesem Moment an ihren Sohn zu erinnern, dem vor seinen Augen ein Stier auf der Plaza von Lebrija das Herz durchstoßen hatte! Wenn das nicht ein schlechtes Omen war! … Unwirsch gab er ihr einen Duro, wodurch das Wehklagen sofort in laute Freude umschlug.
„Die Königin von Spanien solltest du haben, du süßer Schneck! Frau Carmen mag nur gut die Augen offenhalten, sonst stiehlt dich noch eine Prinzessin … Sag, Juaniyo, gibst du mir nicht ein Billettchen? Für mein Leben gern möchte ich sehen, wie du deine Toros tötest!“
Durch die überschwengliche Begeisterung der Alten ermutigt, drängte sich jetzt ein bunter Haufe - Bettler, Bummler, Zeitungsverkäufer - mit sanfter Gewalt am Portier vorbei. Ihr lautes Geschrei erfüllte die Halle.
„Olé Gallardo! Hoch die Toreros!“
Die kecksten der Zeitungsjungen griffen nach seiner Hand, drückten sie heftig und riefen den zaghafteren kleinen Kollegen ermunternd zu:
„Immer ’ran! Er nimmt es nicht übel.“
Lachend verteidigte sich der Espada gegen diese Woge, die ihn hin und her zog und schob. Er leerte alle Taschen und verteilte die Silbermünzen blindlings in die offenen Hände.
„Mehr habe ich nicht! Nun laßt mich in Frieden, ihr Strolche!“
Mit Hilfe der Angestellten erreichte er die Treppe und flog leichtfüßig, zwei Stufen auf einmal nehmend, hinauf. Aber die fröhliche Stimmung verschwand, sobald er sich in seinem Zimmer allein sah. Stiere von Miuria! Dazu das Publikum von Madrid! … Die Gefahr, die ihn, stand er ihr erst gegenüber, zu berauschen schien und seine Verwegenheit noch erhöhte, legte sich jetzt wie ein Alpdruck auf seine Brust. Er fühlte sich kraftlos, schlapp, als machten sich plötzlich die Strapazen der durchreisten Nacht bemerkbar, und hatte den Wunsch, sich aufs Bett zu legen. Doch die Unruhe überwog noch das Gefühl der Mattigkeit.
Nervös ging er im Zimmer auf und ab und steckte an dem glimmenden Stummel eine frische Havanna an.
Pah! Die Toros von Miura waren schließlich auch nur Stiere wie die anderen!
Unwillkürlich jedoch dachte er im selben Moment an seine toten Kameraden, fast alle Opfer von Tieren jener berühmten Zucht. Nicht ohne Grund verlangten die Toreros tausend Pesetas mehr, wenn sie diesen wilden Bestien entgegentreten mußten.
Bisweilen hielt der Matador in seinem Hinundherwandern inne, starrte stumpfsinnig auf irgendein Stück seines Gepäcks und ließ sich endlich in einen tiefen Armsessel fallen.
Um sich abzulenken, holte er aus seiner Brieftasche ein kleines Kuvert hervor, dessen steile, elegante Handschrift er lange betrachtete. Entzückt atmete er den dem Papier entströmenden zarten Duft ein. Wie hochgeborene Menschen auch in den geringsten Kleinigkeiten unnachahmlich sind! … Als hafte an seinem Körper der Geruch des Elends der ersten Jahre, parfümierte sich Gallardo derartig stark, daß seine Feinde über diesen sonderbaren Athleten spotteten - ja, sich sogar dazu verstiegen, an seiner Männlichkeit zu zweifeln. Eine ganze Parfümerie begleitete ihn auf seinen Reisen, und wie eine Frau mit allerlei Essenzen eingerieben, betrat er die Arena. Kokotten, die er einst bei Stierkämpfen in Südfrankreich kennengelernt hatte, verdankte er das Rezept für seine merkwürdigen Parfümmischungen. Aber der feine, geheimnisvolle, undefinierbare Hauch dieses Briefes!
„So riecht eine Señora“, murmelte er.
Wieder und wieder las er das Schreiben. Es enthielt nichts Besonderes: ein halbes Dutzend Zeilen aus Sevilla, die ihm alles Gute für Madrid wünschten und schon im voraus zu neuen Triumphen gratulierten. Der Brief hätte verlorengehen können, ohne die Schreiberin irgendwie zu kompromittieren. „Mein Freund Gallardo“ als Überschrift und unterzeichnet „Ihre Freundin Sol“.
„Caramba, was für eine merkwürdige Frau!“ entfuhr es dem Torero halb verdrießlich. „Redet mich mit Sie an! … Mich! Mit Sie! …“
Inzwischen brachte der Diener Garabato (Garabato bedeutet Haken.), leise hin und her huschend, Kleider und Schachteln herein, ohne seinen Herrn zu beachten. Schweigsam und sehr geschickt, begleitete er den Matador seit Jahren auf allen Reisen. Zu gleicher Zeit hatten beide in Sevilla die Torerolaufbahn begonnen, doch während Gallardo Ruhm und Reichtum sammelte, gab es für den andern nur böse Stiche und Stöße. Klein und tiefbrünett, war sein Gesicht von einer riesigen, schlecht zusammengeheilten Narbe zerrissen, die sich wie ein großer Fleischerhaken von der dunklen Haut abhob und ihm seinen Spitznamen eingebracht hatte. Auch der ganze Körper trug die Male schwerer Verwundungen. Wie durch ein Wunder kam Garabato mit dem Leben davon; doch das Grausamste war, daß man über sein Unglück lachte, mehr noch, ein Vergnügen daran fand, ihn von den Stieren drangsaliert zu sehen. Endlich siegten die immer wiederkehrenden Unfälle über seine Hartnäckigkeit, und er begnügte sich damit, als Diener seines glücklicheren Kameraden dessen ganzes Vertrauen zu besitzen.
Er war der glühendste Bewunderer Gallardos, obwohl er die Vertraulichkeit des engen Umgangs mißbrauchte und sich Vermahnungen, sogar Kritiken erlaubte. Er - in der Haut des Matadors - hätte es in gewissen Momenten besser gemacht! Und damit die Erinnerung an seine Vergangenheit nicht ganz entschwände, behielt er den geheiligten kleinen Zopf, das Abzeichen des Stierfechters, das ihn von allen anderen Sterblichen unterschied, weiter bei.
War Gallardo aus irgendeinem Grunde ärgerlich auf seinen Diener, so entlud sein Zorn sich stets auf diese Kopfzierde.
„Und du Schamloser wagst es, die Coleta zu tragen? … Ich werde dir deinen Rattenschwanz abschneiden, du frecher Wicht!“
Garabato nahm derartige Drohungen gelassen hin, rächte sich aber, wenn der Torero bei der Rückkehr von einer glorreichen Corrida glückstrahlend rief:
„Wie habe ich dir gefallen? War ich nicht gut?“
Dann hüllte er sich in überlegenes Schweigen und hatte auf alle Fragen nur ein Achselzucken.
Von der einstigen Kameradschaft her bewahrte er das Privileg, seinen Herrn zu duzen. Aber das Du klang ernst, voll treuherzigen Respekts, und seine Vertraulichkeit glich eher der eines mittelalterlichen Schildknappen.
Torero vom Kopf bis zum Nacken - soweit reichte das Zöpfchen war der Rest ein Gemisch von Schneider und Kammerdiener. Die Rockaufschläge seines korrekten englischen Anzuges zierte eine Sammlung von Steck- und Sicherheitsnadeln, den einen Ärmel eine Auswahl größerer und kleinerer eingefädelter Nähnadeln.
Als er alles, was zur Gala des Matadors gehörte, sorgsam ausgebreitet hatte, pflanzte er sich in der Mitte des Zimmers auf und sagte, ohne Gallardo anzusehen, wie zu sich selbst:
„Zwei Uhr.“
Der Torero ließ seinen Brief sinken.
„Ist alles bereit?“
Garabato wies nach dem Bett hin, doch ehe er noch antworten konnte, färbte sich das Gesicht des Diestros dunkelrot, und seine Augen weiteten sich wie unter dem Eindruck eines plötzlichen Schreckens.
„Verflucht! Das da soll ich anziehen? Bist du verrückt? Corrida in Madrid, Toros von Miura - und du wählst dieses rote Kostüm, in dem Manuel, der Espartero, das Leben verlor? Nicht ein Feind würde mir das zumuten! Willst du meinen Tod, du niederträchtiges Scheusal?“
Je mehr ihm die Größe dieser Fahrlässigkeit zum Bewußtsein kam, desto grimmiger tobte sein Zorn. Hieß es nicht, das Unheil mutwillig herausfordern? Seine Augen funkelten feindlich, und es schien, als sollte der bestürzte Garabato seine mächtigen Fäuste zu spüren bekommen. Da machte ein leises Klopfen an der Tür der Szene ein Ende.
„Herein!“
Ein junger Mann in hellem Anzug, den breitkrempigen Cordobahut in der linken, mit Ringen überladenen Hand, kam auf den Torero zu, und sofort glättete sich des Espadas eben noch wutentstelltes Gesicht zu einem liebenswürdigen Lächeln, als sei dieser Besuch für ihn die angenehmste Überraschung. Ein begeisterter Aficionado aus Bilbao, dessen konnte er sich entsinnen. Aber der Name? Wie viele solcher Enthusiasten lernte er nicht kennen! Immerhin fiel ihm noch rechtzeitig ein, daß sie sich aus alter Freundschaft duzten.
„Nimm Platz! Freut mich! Seit wann bist du hier?“
Der andere setzte sich mit dem frommen Schauer eines Andächtigen, der das Heiligtum seines Idols betritt, fest entschlossen, dieses Hochgefühl bis zum letzten Augenblick auszukosten. Nach jedem dritten Worte nannte er den Matador „Juan“, damit nur ja Möbel, Wände und irgendein auf dem Korridor Vorübergehender seine Intimität mit dem Torero vernahmen, um dessentwillen er eigens von Bilbao nach Madrid gekommen war.
„Heute vormittag habe ich mir die Kampfstiere angesehen, unter denen mir besonders ein dunkelbrauner aufgefallen ist, der allerlei zu schaffen machen wird …“
„Entschuldige mich einen Moment“, unterbrach Gallardo ihn hastig, „ich bin gleich zurück“.
„Und welchen Anzug soll ich herauslegen?“ fragte Garabato unterwürfig.
„Den grünen, den blauen, den braunen, welchen du willst.“
Und der Diestro verschwand hinter einem gewissen, schmalen Türchen am Ende des Ganges, während sein Diener sich erlaubte, boshaft zu lächeln. Er kannte dieses schnelle Verschwinden kurz vor dem Anziehen nur zu gut und empfand Genugtuung darüber, daß auch die ganz Großen, die Tapfersten, dieses aus der Erregung geborene Bedürfnis verspürten, genau wie er selbst, als er noch in den kleinen Städten Andalusiens die Arena betrat.
Bei seiner Rückkehr fand Gallardo einen zweiten Besuch vor, Doktor Ruiz, einen der populärsten Ärzte, der seit dreißig Jahren jeden verwundeten Torero behandelte. Die ein wenig plattgedrückte Nase und der sein breites Gesicht wie eine Halskrause einrahmende Bart von schmutzigem Gelbweiß gaben dem untersetzten, dickbäuchigen Mann eine entfernte Ähnlichkeit mit Sokrates. Stand er, so schien der schlaffe, massige Bauch bei jedem Wort hin und her zu wackeln; im Sitzen schob er sich bis zu der mageren Brust hinauf. Wie etwas Fremdes, nicht zu ihm Gehöriges, hingen die Kleidungsstücke an diesem unharmonischen Körper.
„Er ist ein Heiliger“, sagte Gallardo von ihm, „ein Gelehrter mit goldenem Herzen, wird aber nie eine Peseta besitzen. Was er hat, verteilt er.“
Zwei große Passionen füllten das Leben des Doktors Ruiz: Revolution und Toros. Eine vage, fürchterliche Revolution, die kommen mußte und in Europa nichts bestehen ließ … Mit weiteren Erklärungen gab sich sein anarchistischer Republikanismus indes nicht ab, sondern war nur klar und deutlich im Verneinen, in der Vernichtung. Die Toreros hingen an ihm wie an einem Vater, und ein Telegramm von dem entferntesten Punkte Spaniens genügte, daß der gute Doktor sich sofort auf die Bahn setzte, um einen seiner „Jungens“ zusammenzuflicken, ohne je an dem Honorar, das der Patient selbst bestimmte, zu mäkeln.
Als er Gallardo jetzt nach langer Zeit wiedersah, umarmte er ihn, wobei sein schlapper Bauch sich gegen dessen stählernen Körper preßte.
„Olé die starken Burschen! Gut siehst du aus!“
„Wie steht es mit der Republik, Doktor?“ neckte Gallardo.
„Der Nacional erklärt, daß sie vor der Tür steht.“
„Was geht das dich an, du Schelm? Laß den Nacional in Ruhe. Der sollte lieber bessere Banderillas setzen. Und du? Du hast dich um nichts zu kümmern, als weiterhin Toros zu töten, wie der liebe Gott selbst es nicht besser machen könnte … Das wird ein feiner Nachmittag. Ich hörte, daß die Stiere …“
Auch hier unterbrach ihn der Aficionado aus Bilbao, um wieder von dem Dunkelbraunen zu reden, der die höchsten Erwartungen rechtfertigen würde. So geschah es, daß die beiden Herren, die nur einen stummen Gruß gewechselt hatten, miteinander ins Gespräch kamen und Gallardo sich genötigt sah, sie vorzustellen. Aber wie, zum Teufel, hieß sein Freund? … Der Matador kratzte sich den Kopf, runzelte, angestrengt nachdenkend, die Brauen, umsonst! Es blieb nur ein Ausweg.
„Hör mal, wie heißt du doch? Nimm es mir nicht übel … du weißt ja, man kommt mit so viel Menschen zusammen …“
Sein Freund verbarg seine Enttäuschung hinter einem Lächeln. Dann nannte er seinen Namen.
„Richtig! Jetzt weiß ich wieder Bescheid.“ Und mit einer Handbewegung stellte der Espada vor: „Señor Pablo Sánchez, einer der reichsten Bergwerksbesitzer aus Bilbao - der berühmte Doktor Ruiz.
„Bitte, behalten Sie Platz, und plaudern Sie weiter“, fuhr er fort, „ich werde mich dabei ankleiden. Unter Männern geniert das wohl nicht.“
Rasch zog er den Straßenanzug aus, setzte sich auf einen Stuhl unter den Pfeilerbogen, der den Salon vom Schlafzimmer trennte, und überließ sich Garabatos gewandten Händen. Obgleich er schon am Morgen rasiert war, seifte ihn der Diener nochmals ein und fuhr mit dem Rasiermesser sorgfältig über das brünette Gesicht. Dann wurde das Haar mit allerhand Essenzen gewaschen, mit Öl und Brillantine eingerieben, zu kunstvollen, über Stirn und Schläfen fallenden Locken frisiert und schließlich der geheiligte Zopf in Angriff genommen.
Nicht ohne eine gewisse Ehrfurcht flocht Garabato den langen Schopf, um das Ende dann vorläufig mit zwei Haarnadeln auf dem Kopf festzustecken. Jetzt kamen die Füße an die Reihe. Er zog seinem Herrn Schuh und Strümpfe aus, so daß der Matador nur noch mit seiner Unterwäsche bekleidet dasaß.
Die kräftige Muskulatur Gallardos trat unter der dünnen Seide deutlich hervor. Eine Höhlung im rechten Schenkel verriet, daß das Horn eines Stieres dort furchtbar gewütet hatte; die beiden Arme waren mit großen, weißen Flecken gesprenkelt, Spuren zahlreicher Stöße; über die Brust liefen zwei rote Zickzacklinien, und violettes Fleisch an einem der Fußknöchel wies eine runde Vertiefung auf, als hätte sie einer Münze als Form gedient.
Unter dem Arm einen Pack Watte und weiße Binden, kniete Garabato zu seinen Füßen nieder.
„Du siehst aus wie ein römischer Gladiator, Juan“, unterbrach Doktor Ruiz seine Unterhaltung mit Don Pablo.
„Aber ich werde alt“, gab der Espada etwas melancholisch zur Antwort. „Als ich noch mit Stieren und dem Hunger kämpfte, hatte ich eiserne Füße, und keine Bandagen notwendig.“
Behutsam zwängte der Diener kleine Wattebäuschchen zwischen die Zehen, legte eine Watteschicht unter die Sohlen, eine andere oben auf den Fuß, und umwickelte alles mit straffen Binden, deren Enden sorgfältig vernäht wurden. Gallardo stampfte einige Male mit den Füßen auf, fühlte sie stark und beweglich und ließ sich die langen Strümpfe überstreifen. Dick und schmiegsam wie Gamaschen, reichten sie bis zum halben Oberschenkel - der einzige Schutz unter dem seidenen Kampfkostüm.
„Vorsicht, Garabato, daß es keine Falten gibt!“ Du weißt, wie ich sie hasse!“
Und der Matador drehte sich vor dem Spiegel hin und her, um sich zu überzeugen, daß sie glatt anlagen.
Über diese weißen Strümpfe kamen andere von roter Seide und dann die leichten Halbschuhe mit heller Sohle, die Gallardo unter einem halben Dutzend neuer Paare auswählte. Jetzt erst begann das eigentliche Anziehen. Der Torero schlüpfte in die braunseidene, an den Nähten mit schweren Goldstickereien besetzte Kampfhose, die unter dem Knie eine in Goldquasten endigende Kordel, die „Schraube“, abschnürte. Seine Beinmuskeln spannend, ermahnte er den Diener, die Kordeln recht stramm anzuziehen - eine Sache von großer Wichtigkeit, denn ein Matador soll möglichst feste Schrauben tragen.
Über das weiche, feingefältelte Batisthemd fiel die Krawatte, die Garabato zu einem kunstvollen Knoten schlang. Wie eine rote Linie teilte sie die Brust und verlor sich in der Hose. Aber die komplizierteste Angelegenheit des ganzen Anzuges stand noch aus: das Anlegen der seidenen Binde von mehr als vier Meter Länge.
Während der Diener das eine Ende in der Hand hielt, ging der Espada in eine Ecke des Zimmers und legte das andere an seine Taille.
„Aufgepaßt, Garabato! Zeig das bißchen Geschicklichkeit, das du hast!“
Sich ständig um sich selbst drehend, kam er auf den Diener zu, so daß die straffgespannte Binde sich in regelmäßigen Windungen um seine Taille schmiegte, wobei Garabato sich bemühte, sie durch schnelle Handbewegungen bald doppelt, bald in ganzer Breite aufwickeln zu lassen. Doch der in bezug auf sein Äußeres sehr peinliche und schwer zu befriedigende Matador machte einige Male halt, pirouettierte zurück, um sie von neuem nach seinem Geschmack zu ordnen, bis die ganze Binde ohne ein Fältchen, ohne die geringste Ausbuchtung, wie angegossen am Körper saß. So viele Nadeln hatte der Diener verwandt, so viele Enden aneinandergenäht, daß der ganze Anzug aus einem Stück zu bestehen schien. Und bevor Gallardo nicht abends zu Garabatos Schere zurückkehrte, konnte er keines der Kleidungsstücke ablegen, falls nicht ein Toro diese Arbeit übernehmen würde.
Wieder setzte er sich. Garabato zog die Haarnadeln aus dem Zopf und flocht ihn zusammen mit einem falschen, der als Erinnerung an den früheren Haarbeutel der allerersten Stierkämpfer eine schwarze Bandschleife trug.
Als wollte der Matador den Moment, fix und fertig dazustehen, auf jede mögliche Art hinausschieben, ließ er sich seine angebrannte Zigarre reichen. Alle Uhren schienen ihm jetzt vorzulaufen.
„Noch viel Zeit! … Ich mag nicht so früh auf der Plaza erscheinen. Scheußlich, dies Gequassel dort anzuhören, wenn man warten muß.“
Doch ein Hotelpage meldete, daß seine Cuadrilla vorgefahren sei.
Nun blieb ihm kein Vorwand mehr zu weiterem Zögern. Er schlüpfte in die mit goldenen Quasten besetzte Weste, dann in die kurze Jacke, ein prachtvolles Stück, schwer wie ein Harnisch, die Augen blendend von all dem Gold. Die braune Seide war nur an den Innenflächen der Ärmel und an den Schulterblättern sichtbar, überall sonst verschwand sie unter dicker Goldstickerei, deren Blumenarabesken aus farbigen Steinen zusammengesetzte Blüten trugen. Breite goldene, mit Troddeln behangene Raupen lagen auf den Achseln, und auch der Rand der Jacke war mit goldenen Fransen besetzt, die jeder Schritt leise erzittern ließ. Aus den breiten Brusttaschen guckten zwei Taschentücher hervor vom gleichen Rot wie Krawatte und Binde.
„Die Montera!“
Behutsam nahm Garabato aus einer ovalen Schachtel die charakteristische schwarze Kampfmütze mit runden Bauschen über den Ohren und gab acht, daß unter ihr der Zopf des Matadors auch schnurgerade auf den Rücken herabhing. „Den Mantel!“
Auf einem Sessel spreizte sich die „Capa de Gala“, ein fürstlicher Umhang aus brauner Seide und, wie das ganze Kostüm, mit Gold bestickt. Gallardo legte ihn über die linke Schulter. Dann ein letzter Blick in den Spiegel:
„Nicht übel … Zur Plaza!“
Sein Besuch verabschiedete sich eiligst, um noch eines Wagens habhaft zu werden, während Garabato ein rotes Tuchbündel aufnahm, aus dem die Griffe und Spitzen einiger Degen hervorlugten.
Schon auf der Treppe hörte der Espada das Summen der Menschenmenge, die, eine kompakte Masse, die Straße besetzt hielt. In der Halle stand der Besitzer mit seiner Familie, hinter ihm die Angestellten des Hotels, um dem Matador Glück zu wünschen.
Er war wie umgewandelt, war ein ganz anderer, seit er den gleißenden Mantel über die Schultern geworfen hatte. Ein sorgloses, selbstbewußtes Lächeln lag auf seinem Gesicht. Jetzt brannte er vor Verlangen, sich dem Publikum zu zeigen. „Lassen Sie mich durch! Gracias, Caballeros! Gracias!“ Langsam bahnte er sich einen Weg durch die Mauer von Menschen, die die Gelegenheit benutzen wollten, die Hand des berühmten Matadors zu schütteln oder wenigstens sein Kostüm zu berühren.
Dicht am Trottoir scharrten vier prunkvoll aufgezäumte Maultiere, die Galabespannung des Wagens, in dem die drei zu Gallardos Cuadrilla gehörenden Banderilleros saßen. Auch sie in blitzender Tracht, wenngleich ihre Stickereien nur aus Silber waren.
„Olé el Gallardo! Viva España!“ brauste die Menge auf. Lächelnd dankte der Maestro nach allen Seiten. Die Volksbegeisterung erschütterte ihn, und gleichzeitig erfüllte es ihn mit nicht geringem Stolz, den Namen des Vaterlandes so eng verbunden mit dem seinigen zu hören. Hüte und Taschentücher wurden geschwenkt, und in flottem Trabe fuhr der Wagen unter dem lustigen Gebimmel der Maultierglöckchen davon. Hinter ihm her tollte ein Rudel Buben und Mädchen, um die Wette rennend, als erwartete sie ein außerordentlicher Lohn am Ende ihrer wilden Jagd.
Seit einer Stunde durchflutete die breite Alcalá-Straße ein Strom von Wagen zwischen zwei Ufern enggedrängter Fußgänger. Alle nur erdenklichen Arten von Fahrzeugen, von der alten, wackligen Postkutsche - ein rollender Anachronismus - bis zum modernsten Automobil. An den Straßenbahnwagen und Omnibussen hingen, irgendwo angeklammert, vorquellende Menschen dicht wie Trauben. In offenen, zwei- und vierspännigen Equipagen saßen Damen mit weißer Mantilla und brennendroten Blumen. Hupen brüllten; Kutscher schrien; Zeitungsverkäufer riefen gellend den Stammbaum der heutigen Stiere und die Biographien der Toreros aus - ein lärmendes Chaos, bisweilen, wenn irgendwo ein guter Witz fiel, von hellem Gelächter übertönt. Neben den dunklen Uniformen der berittenen Munizipalgarde tauchten Männer in gelben, zwischen Eisenschienen steckenden Hosen auf: die Picadores, verwegene Reiter im hohen maurischen Sattel.
Bis zum Platz der Kybele, wo sich das Tor von Alcalá wie ein weißer Triumphbogen vom blauen Himmel abhob, dasselbe bewegte Bild. Die Baumreihen auf beiden Seiten wiegten ihr erstes Grün in dem warmen Frühlingswind, und eine strahlende Sonne holte tausend Reflexe aus dem bunten Gewimmel.
An Gallardos Seite saß der Nacional, sein zuverlässigster Banderillero in gefährlichen Momenten der Corrida. Er war zehn Jahre älter als der Espada, ein Riese mit zusammengewachsenen Brauen und ernstem Wesen, und in den Torerokreisen wegen seines redlichen Charakters und seiner politischen Ideale bekannt.
„Juan“, sagte er, „beklage dich nicht über Madrid. Das Publikum ist förmlich in dich vernarrt.“
Aber Gallardo, der unablässig für die Ovationen der Menge dankte, murmelte finster:
„Ich habe das Gefühl, daß mir heute nachmittag etwas zustoßen wird.“
Bei der Kybele mußte der Wagen anhalten. Vom Prado her kam ein großes Trauergefolge und kreuzte den Wagenstrom. Wie seine Banderilleros zog der Matador schleunigst die Montera und sah bestürzt auf das Kruzifix sowie die psalmodierenden Geistlichen, von denen einige mit Widerwillen, einige aber auch mit Neid diese Menschen musterten, die Gott vergaßen, um zum Vergnügen zu eilen.
„Zum Donnerwetter, ’runter mit deiner Mütze, Verbrecher!“ herrschte er den Nacional, der sich als einziger nicht gerührt hatte, voller Wut an, von der konfusen Idee erfaßt, daß dessen Auflehnung ihm selbst Unheil bringen würde. „Gut, ich nehme sie ab“, erwiderte der Hüne, maulend wie ein gescholtenes Kind, „aber nur zu Ehren des Toten!“
Es dauerte eine ganze Weile, ehe der lange Zug vorüber war.
„Schlechtes Omen!“ grollte Gallardo. „Wie kommt man nur auf die Idee, mit einem Begräbnis über den Weg zur Plaza zu ziehen? … Verflucht! Ich sagte ja, daß mir heute noch was passiert.“
„Aberglaube, phantastischer Aberglaube!“ meinte der Nacional. „Gott und Natur“ - das war sein Lieblingsausdruck - „haben damit nichts zu tun.“
Endlich ging es weiter, diesmal im Galopp, bis zu den Stallungen, an die sich eine Menge einstöckiger Häuschen - Lauben vor der Tür und Blumenstöcke im Fenster - reihten: eine ganze kleine Siedlung mit Werkstätten, Remisen, Stallungen und Wohnungen für die Stallknechte, Handwerker und Angestellten der Plaza. Kaum hatte Gallardo den Fuß auf den Boden gesetzt, so umklammerten zwei Arme seinen Hals.
„Liebling! … Einziger! Hoch die tapferen Toreros!“ schrie der ehrenwerte Bürger, der von einem zu guten Frühstück kam, lehnte seinen schweren Kopf an die Schulter des Matadors und blieb regungslos so stehen, als müßte sich sein Enthusiasmus an diesem Plätzchen ausruhen. Es kostete Gallardo Mühe, sich zu befreien, doch die etwas rauhe Abwehr kühlte die Begeisterung des Mannes nicht ab.
„Schiffe haben sie … Geld haben sie … anderswo … aber keine Toros und keine mutigen Burschen wie den hier. Olé, mein Junge!“
Gallardo durchschritt den weißgekalkten, öden Saal, in dem sich die Toreros versammelten, und betrat einen schmalen Raum, an dessen Ende Lichter funkelten. Es war die Kapelle. Über dem blumengeschmückten Altar, auf dem vier Kerzen brannten, hing die Schutzheilige der Stierkämpfer, die „Madonna mit der Taube“.
Die Kapelle war voll von Menschen. Manche standen auf Stühlen und Bänken; fast alle aber hatten dem Altar den Rücken gekehrt und blickten voller Spannung zur Tür, um jedesmal, wenn dort ein Torerokostüm auf schimmerte, den Namen des Trägers zu nennen. Die Banderilleros und Picadores erregten, obwohl sie ebensogut wie die Matadore ihr Leben aufs Spiel setzten, kein besonderes Interesse. Doch plötzlich erhob sich ein immer stärkeres Geflüster. Ein Name ging von Mund zu Mund:
„Fuentes! … Das ist Fuentes!“
Und der elegante, schlanke Espada mit den Zigeuneraugen schritt zum Altar, warf mit theatralischer Gebärde den Mantel über die Schulter und beugte graziös ein Knie. Ein kurzes Gebet, dann schlug er das Kreuz und kehrte rückwärtsschreitend zur Tür zurück, den Blick unentwegt auf die Jungfrau gerichtet, wie ein Tenor, der zwischen den Kulissen verschwindet.
Gallardo war einfacher. Die Mütze in der Hand, den Mantel zusammengefaltet, kniete er andächtig zum Gebet nieder, ohne an die Hunderte von Augen um sich herum zu denken. Seine naive Christenseele, die an alle möglichen, übernatürlichen Einflüsse glaubte, flehte inbrünstig um Schutz. Zum ersten Male am heutigen Tage flogen seine Gedanken zu Frau und Mutter. Die arme Carmen, die in Sevilla angstvoll auf das Telegramm wartete! Señora Angustias, zufrieden mit ihrem Hühnerhof auf der Rinconada, ohne Ahnung, wann und wo ihr Sohn kämpfte! … Und er mit diesem düsteren Vorgefühl! „Heiligste Jungfrau, beschirme mich! Ich will brav sein, die andere vergessen …“
Durch dieses Gefühl der Reue gestärkt, verließ er die Kapelle. Draußen wollte ein schwarzgekleideter Herr ihn zuvorkommend begrüßen, doch der Matador stürmte von dannen.
„Noch ein übles Omen!“ murmelte er empört. „Und da soll heute nichts passieren?“
Der Schwarzgekleidete war der Kaplan der Plaza, der alles für die letzte Ölung Notwendige brachte. Er kam von der entfernten Prosperidadpfarrei, die seit vielen Jahren mit einem anderen Kirchspiel einen lebhaften Kompetenzstreit führte, wem die religiöse Versorgung der Plaza oblag. An Tagen einer Corrida nahm er eine vom Pächter der Arena bezahlte Droschke, vertauschte die Sutane mit einem schwarzen Rock, dessen lange Schöße das heilige Öl verbargen, und bestimmte, da ihm zwei gute Vorderplätze zustanden, der Reihe nach einen seiner Freunde zum Sakristan.
Mit der Miene des Besitzers öffnete er die Tür der Kapelle und gewahrte entrüstet das Benehmen dieser Gläubigen … Alles schwatzte laut durcheinander, mehrere der Anwesenden rauchten sogar.
„Aber, Caballeros, ist dies ein Café? Seien Sie so freundlich, hinauszugehen. Übrigens fängt auch die Corrida gleich an.“ Diese letzten Worte verfehlten nicht ihre Wirkung. Im Nu war die Kapelle leer. Auch der Herr Kaplan hatte es eilig, das Öl in eine bemalte Holzkiste zu verschließen und an seinen Platz zu kommen.
Unter einem Pfeilerbogen, dessen Tor auf die Plaza führte, formierten sich die Cuadrillas zum Aufmarsch: voran die Matadore; in großem Abstande die Banderilleros, gefolgt von der rasselnden, nach Leder riechenden Schwadron der Picadores, deren Pferden man ein Auge zugebunden hatte. Hinter diesen wilden Lanzenreitern kamen, mit der spanischen Flagge am Kummet, die aufgeputzten, schellenbehängten Maultierdreigespanne, die später die getöteten Tiere im Galopp aus der Arena schleiften. Diener in Blau und Gold schlossen den Zug.
Zwischen der oberen Kante des Tors und dem sich darüber spannenden Steinbogen bot sich ein Ausblick auf den blauen Himmel und ein Stückchen der mit Menschen vollgepferchten höchsten Galerie, wo Fächer und Taschentücher gleich bunten Schmetterlingen auf- und abschwirrten.
Ein Riesenhauch, das Atmen einer ungeheuren Lunge kam durch dieses ovale Loch herein, vermischt mit einem harmonischen Summen, das eine ferne Musik erraten ließ.
Gallardo trat mit den beiden anderen Espadas in eine Reihe. Ein ernstes Neigen des Kopfes als Begrüßung, weiter nichts. Keiner sprach, keiner lächelte. Ihre Gesichter waren bleich vor innerer Erregung, und dieses Gefühl nahm derart zu, daß sich ihre Haut mit einem feinen Schweiß bedeckte. Pferdegetrappel! … Reiter in kurzen, schwarzen Mänteln mit hochstehendem Kragen und federgeschmückten Hüten - die Alguaciles in der Tracht des 17. Jahrhunderts, die die Arena von Neugierigen gesäubert hatten und sich jetzt an die Spitze des Zuges stellten.
Weit öffneten sich die Torflügel; der runde Platz, umsäumt von vierzehntausend Zuschauern, wurde sichtbar. Aus dem Schatten des Hofes traten die Toreros in das strahlende Licht, aus dem Schweigen in den Tumult der Menge, die von ihren Sitzen aufstand, um besser sehen zu können. Brausender Applaus, rauschende Musik, und in feierlichem Schritt marschierten die Cuadrillas, denen die Sonne alle Regenbogenfarben entlockte, zur Loge des Präsidenten der Corrida. Hinter ihnen blieben Ungewißheit und Ahnungen. Seit ihr Fuß den Boden der Arena betrat, wagten sie ihr Leben für etwas Höheres als Geld. Ruhm winkte ihnen; er verscheuchte die Gefahr und erfüllte ihr Herz mit verwegenem Mut.
Gallardo schritt stolz wie ein Conquistador und blickte mit einer triumphierenden Miene um sich, als existierten die beiden anderen Espadas nicht. Alles war sein, Plaza und Publikum. Die Ovationen galten nur ihm; die Tausende schöner Frauenaugen unter den weißen Spitzenmantillen suchten nur ihn. Und er fühlte sich Manns genug, sämtliche Stiere der Weiden Andalusiens zu töten.
Anmutig neigten sich die Toreros vor dem Präsidenten, dann löste sich der glänzende Zug auf. Während ein Alguacil den vom Präsidenten herabgeworfenen Schlüssel zum Ausfalltor der Stiere in seinem Hute auffing, reichte Gallardo die „Capa de Gala“ seinen Freunden, die sie wie ein Panier über die Holzbrüstung breiteten.
Nicht allein seine Anhänger, sondern die ganze Plaza erwartete Außerordentliches von ihm. Die Kenner sagten, man könnte bei ihm auf „Hule“ rechnen, womit das Wachstuch auf den Betten des Verbandszimmers gemeint war. Und tatsächlich herrschte im Publikum der Glaube, daß es Gallardo bestimmt sei, auf der Plaza zu sterben. Doch das vergrößerte nur noch das brutale Interesse der Menge, verstärkte den Applaus, der ihn grüßte.
Gallardo selbst spottete über die bejahrten Aficionados, die gewichtigen Theoretiker, die einen Unfall für unmöglich erklärten, solange der Torero sich streng an die Regeln der Kunst hält! Regeln! Er kannte sie weder, noch spürte er Verlangen, sie kennenzulernen. Mut und Verwegenheit genügten, um zu siegen. Und ohne andere Führung als seine Tollkühnheit, ohne andere Hilfe als die Gewandtheit und Kraft seines Körpers machte er diese rapide Karriere. Nicht wie die anderen Matadore hatte er als Peon begonnen und dann lange Jahre als Banderillero verbracht. Die Hörner der Toros? … Schlimmer stach der Hunger! Worauf es ihm ankam, war, schnell hochzusteigen. So debütierte er von vornherein als Espada und errang in wenigen Jahren eine ungeheure Popularität.
Man bewunderte ihn ebenso, wie man seinen Tod auf den Hörnern für unvermeidlich hielt. Das Publikum zeigte einen infamen Enthusiasmus für seine Art, das Verderben herauszufordern. Und mit der Bestialität derer, die vom sicheren Ort einer Gefahr beiwohnen, hetzte es seinen Helden an. Doch vernünftige Leute zuckten über seine unglaubliche Bravour die Achseln:
„Abwarten, wie lange es dauert!“
Trompetensignale ertönten: der erste Toro. Gallardo, den schmucklosen Kampfmantel über dem Arm, lehnte in abweisender Haltung an den hölzernen Schranken. Der Stier war für einen anderen Espada. Halb verächtlich sah er zu, wie die Toreros das Tier mit der Capa reizten, wurde aber noch bleicher, als sich Fuentes nach einem brillanten Todesstich für die Ovationen der Menge bedankte.
Kaum hatte der zweite Stier die Arena betreten, so schien Gallardo mit fabelhafter Beweglichkeit die ganze Plaza zu füllen. Seine Capa flog ständig um das Maul der Bestie herum. Ein Picador seiner Cuadrilla wurde aus dem Sattel geworfen und kam, völlig hilflos, vor die furchtbaren Hörner zu liegen. Doch gerade als sie ihn aufspießen wollten, klammerte sich der Maestro an den Schwanz des Toros und zog mit herkulischer Kraft, bis das Tier sich umdrehte. Der Reiter war gerettet.
Bei dem Signal für die Banderilleros näherte sich der Nacional, die kurzen, stachelbesetzten Stäbe in der Hand, als erster dem Stier. Er wußte nichts von graziösen Bewegungen, verwegenem Anlauf. Nein, für ihn handelte es sich einfach darum, das tägliche Brot zu verdienen, denn in Sevilla gab es vier Kinder, die ohne ihn verhungern mußten. So stach er dem Toro seine Banderillos in den Nacken, gerade gut genug, um nicht ausgepfiffen zu werden.
Neue Signale: die Aufforderung an den Matador, zu töten. Aus Garabatos Händen nahm Gallardo den Stock mit dem scharlachroten Tuch nebst Degen und ging in kurzem Schritt zur Loge des Präsidenten, um ihm seinen Toro zu widmen. Die Menge konnte seine Worte nicht hören, aber der Anblick der hohen, schlanken Gestalt mit dem arrogant zurückgeworfenen Oberkörper hatte dieselbe Wirkung wie eine beredte Ansprache. Tiefes Schweigen senkte sich auf die Zuschauer.
Langsam schritt der Espada dem Stier entgegen, in der Rechten den Degen, den er im Takt zu seinen Schritten bewegte. Ein kurzer Blick seitwärts zeigte ihm, daß zwei Banderilleros folgten, um im Moment höchster Gefahr den Stier mit ihren Capas von dem Matador abzulenken.
„Alles bleibt zurück!“ erschallte seine Stimme. Ein Schauer der Erregung durchrieselte die Menge. Welch ein Mann! Kurz vor dem Stier entfaltete er ruhig das brennendrote Tuch, machte dann noch einige Schritte, bis er mit der ausgestreckten Muleta das Maul des Toros beinahe berührte. Kein Laut in der ungeheuren Plaza. Alles hielt den Atem an, doch die Augen blitzten vor Begeisterung.
Ungeduldig stampfte der Espada, um die Bestie zu reizen, auf den Boden, und das schwarze Ungetüm brach brüllend auf ihn los. Die Muleta flatterte über den langen, spitzen Hörnern, die die Troddeln und Fransen am Kostüm des Matadors streiften, während dieser, ohne sich vom Fleck zu rühren, nur den Oberkörper zur Seite warf. „Olé! …“ belohnte ihn die Menge.
Der Toro machte kehrt, um seinen Angriff auf den Mann mit dem aufreizenden Tuch zu erneuern. Wieder das knappe Durchschlüpfen unter der Muleta. Die Bestie raste, weil es ihr nicht gelang, ihren Feind zu treffen, ließ sich aber immer wieder durch das vor ihren Augen geschwenkte Tuch beirren und stieß in die Luft. Ihr Speichel bespritzte Gesicht und rechte Hand des Matadors, der auf das wütende Tier wie auf einen guten Freund schaute, der bereit ist, sich finden Ruhm des anderen töten zu lassen.
Müde dieser nutzlosen Jagd, blieb der Stier jetzt stehen und blickte voll finsterer Überlegung auf den Menschen mit dem roten Lappen, so nah und doch nie zu fassen.
Da überkam Gallardo die jähe Eingebung, der er seine größten Triumphe verdankte. Jetzt! … Durch eine schnelle, kreisförmige Bewegung der linken Hand wickelte er die Muleta auf und hob die rechte bis zur Höhe seiner Augen, die Degenspitze auf den Nacken des Tieres gerichtet.
„Noch nicht! … Laß sein! …“ warnten tausend ängstliche Stimmen.
