Die Arktis ruft - Bernhard Villinger - E-Book

Die Arktis ruft E-Book

Bernhard Villinger

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Beschreibung

"Meine erste Begegnung mit dem Treibeis liegt bereits 16 Jahre zurück; aber die Erinnerung an jene Zeit ist mir trotz der dürftigen Aufzeichnungen heute noch so lebendig, daß die Wiedergabe der Erlebnisse und Eindrücke nie schwer fiel. So soll das Buch erzählen von der Welt des ewigen Eises, so wie ich sie sah, von Treibeisfahrten, Schlittenmärschen, Eisbärjagden, von Kampf mit Kälte und Nebel, von Schiffbruch und Rettungsfahrten und vor allem von den hoch­interessanten Tagen in den Zelten und Winterhäusern der Grönlandeskimos." Bernhard Villinger, 1926

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Seitenzahl: 243

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Vorwort

Meine erste Begegnung mit dem Treibeis liegt bereits 16 Jahre zurück; aber die Erinnerung an jene Zeit ist mir trotz der dürftigen Aufzeichnungen heute noch so lebendig, daß die Wiedergabe der Erlebnisse und Eindrücke nie schwer fiel. Das Fehlen eines ausführlichen Tagebuches hatte den Vorteil, daß Nebensächliches von selbst wegfiel und trockene, wissenschaftliche Erörterungen sich nicht einschlichen.

So soll das Buch erzählen von der Welt des ewigen Eises, so wie ich sie sah, von Treibeisfahrten, Schlittenmärschen, Eisbärjagden, von Kampf mit Kälte und Nebel, von Schiffbruch und Rettungsfahrten und vor allem von den hochinteressanten Tagen in den Zelten und Winterhäusern der Grönlandeskimos.

Der Universum-Film-Gesellschaft Berlin bin ich für die freundlichst überlassenen Bilder der Filmexpedition 1926 zu großem Dank verpflichtet. Dabei gedenke ich in gleicher Weise der ausgezeichneten Mitarbeit meiner Begleiter, des Chefoperateurs Sepp Allgeier und der beiden Filmphotographen Benitz und Angst.

Dr. Bernhard Villinger

Inhalt

Zur Einführung: Die Arktis ruft!

I.

Das Zustandekommen der deutschen Hilfsexpedition für Schröder-Stranz

Vorbereitungen und Abreise

Das Expeditionsschiff »Lövenskjold«

Die Tragödie der Schröder-Stranz-Expedition

Kapitän Ritschers heldenhafter Marsch

Staxruds und Lerners Pläne zur Rettung

II.

Hinauf ins Eis

Die Bäreninsel in Sicht

Das erste Treibeis

Zusammentreffen mit Rave, Rüdiger und Staxrud

Überfahrt nach Nordostland – Eisbärenjagden

Am Nordkap Nordostlands vor Anker

III.

600 Kilometer mit Schlitten und Ski über Meereis

Auf der Suche nach Schröder-Stranz

Keine Spuren

Rückkehr zum festgefrorenen Schiff

IV.

Eispressungen – Schiffbruch – Rettung

»Lövenskjold wird vom Eis zerdrückt

In Ruderbooten übers offene Meer

»Herzog Ernst« wird aus dem Eis gesprengt

Gefahrvolle Flucht vor drohender Überwinterung

V.

Das tragische Ende der Schröder-Stranz-Expedition bestätigt

VI.

Wieder hinauf in die Arktis

Filmvorbereitungen

Vor der Ausfahrt

Auf »Vaaland« nach Spitzbergen

VII.

Unser Hauptlager in der Magdalenenbai

Walfang in Spitzbergen

»Hundeschwierigkeiten« bei den Kohlenstationen

Von Helmer Hanssen und unsern vierbeinigen Freunden

Vögel und Füchse am Rotgesberg

VIII.

Mit Hundeschlitten über die Inlandgletscher

Ein temperamentvoller Anfang

Schwierige Orientierung im Nebel

Eine lustige Fahrt

Im Spaltengebiet des Penckgletschers

Ein schauerlicher Marsch über brüchiges Meereis

IX.

Spitzbergen als Startplatz für Polflüge

Andrées tragische Ballonfahrt

Wellmanns Reklamehumbug

Amundsens Dornier-Wal-Flug 1925

Die Jagd nach dem Nordpol (Byrd /Amundsen 1926)

X.

Leiden und Freuden eines Filmregisseurs

Auf Leben und Tod erkrankt

Gefährliche Filmaufnahmen

Die »Gletscherkalbung«

Der »Absturz des Proviantschlittens«

Unvermutete Seehundsjagd

Begegnung mit dem Lloyddampfer »Stuttgart«

»Vaaland« läuft auf Grund

XI.

Zur Ostküste Grönlands

Havarie im Grönlandeis

Reparatur in Island

Land und Leute

Stürmische Überfahrt zur Eisbarrikade Ostgrönlands

Die Mannschaft will umkehren!

Einfahrt nach Angmagsalik

XII.

Bei den Grönlandeskimos

»Internationale« Zeichensprache

Fellkleider

Zelte und Erdhäuser

Winterjagden

Rassemerkmale

Eskimos Küchenzettel

Sitten und Gebräuche

Der Kajak

Präparieren der Felle

Das Frauenfellboot (Umjak)

Ehe und Erotik

Soziale Verhältnisse und Religion

Tanz und Geisterbeschwörung

Musikliebe und Wißbegier

Eine tragische Grippeepidemie

Ihr Training im Essen und Hungern

Unser Tauschhandel und seine Folgen

XIII.

Abschied von Grönland und Heimfahrt

Nachwort

Zur Einführung: Die Arktis ruft!

In unserem Zeitalter der nüchternen Sachlichkeit, bei dem gesteigerten Tempo des 20. Jahrhunderts scheint die Masse keine Zeit mehr zu haben, sich auf einen urhaften Trieb des Menschenherzens zu besinnen: der Sehnsucht nach dem Fernen, Unbekannten. Der Kampf ums Dasein, der alle gleich gefangen hält, die materielle Lebenssorge des Alltags läßt wenig Besinnlichkeit und noch weniger Schwung übrig für das Außergewöhnliche, das Abseitige, wenn nicht ein klarer Vorteil winkt.

Immer wieder begegnet man verständnisloser, kopfschüttelnder Ablehnung der Männer, die kühn ihr Leben zu Markte trugen da oben in den unerbittlichen Regionen des ewigen Eises. Warum auch gingen sie in jene kalte, starre Welt? Wem ist damit genützt? Was soll die tatsächliche Erschließung und Durchforschung der Arktis für einen praktischen Wert haben? Man bedenke doch, in welchem Mißverhältnis die ungezählten Menschenopfer, die der Umklammerung des weißen Todes erlagen, zu dem noch immer geringen Wissen und Kennen jener Zonen stehen!

Und doch richtete sich die abenteuerliche Sehnsucht der Menschen durch alle Jahrhunderte nach Norden, gleich der Spitze der Kompaßnadel magnetisch dem Pol zu. Dort ist der Angelpunkt der Erde, dort müßte das Herz unseres Gestirns pochen. Es ist schon so; das Interesse für das Fremde, Niegesehene, der Wunsch, alle Teile und Gegenden unserer kleinen Erde, deren Geschöpfe wir nun einmal sind, kennenzulernen, entspringt einem tiefen, angeborenen Trieb der menschlichen Natur.

Alle, die hinauszogen ins Unbekannte, sind Pioniere dieses Gedankens gewesen, mag ihr Erfolg noch so gering gewesen und mögen ihre Namen für immer vergessen sein. Die Erforschung unserer ganzen Erdoberfläche baute sich nach und nach aus den Erfahrungen der Vorangegangenen auf, besonders die Erforschung der Arktis und Antarktis, die sich mühseliger und langsamer durch die Jahrhunderte hinzog als diejenige der übrigen Erdteile. Da die nördlichen Polargebiete den alten Kulturländern näher lagen als die südlichen, galt ihnen in erster Linie das Interesse der Menschheit. Man stellte sich die Erde als eine im Meer schwimmende Scheibe vor und sprach vom Nordpol als dem Ende der Welt. Bis ins 4. Jahrhundert v. Chr. erhielt sich diese Vorstellung, und erst die Griechen Aristoteles und Pytheas aus Marsilia (dem heutigen Marseille) erklärten die Kugelform als die wahre Gestalt der Erde. Pytheas war der erste Wissenschaftler, der in kühnen, langen Reisen weit in den unbekannten Norden – bis Island, Norwegen und den Shetlandinseln – vordrang und Kunde von der Furchtbarkeit der Elemente im Lande des ewigen Eises brachte.

Jahrhunderte lang blieb die Menschheit auf seine Berichte angewiesen. Erst im 9. Jahrhundert n. Chr. stießen verwegene Wikingerhelden auf ihren Piratenfahrten bis ins Eismeer und nach Labrador in Amerika vor.

Das Zeitalter der Kreuzzüge leitete eine neue Ära in der Geschichte der Polarforschung ein. Die Seefahrt aus kühner Abenteuerlust und ziellosem Fernhunger entsprang in erster Linie dem triebhaften Wunsch, Neues und immer mehr kennenzulernen. Nun aber bekamen die Entdeckerfahrten einen realen Hintergrund. In der Tat ist gerade die Periode, die die Geschichte verklärend das Zeitalter der Entdeckungen nennt, nichts anderes als eine Periode rein kaufmännischer Unternehmungen der aufgeblühten, europäischen Handelsgesellschaften. Machthunger, Länderhunger der europäischen Herrscher, die Gier nach den Schätzen Indiens, Japans und Chinas wurden auf den langwierigen und unsäglich beschwerlichen Landwegen nicht mehr rasch und lohnend genug befriedigt. Der Gedanke einer Umschiffung der Erdkugel lag nahe und wurde von furchtlosen Seehelden im Auftrag ihrer Machthaber in die Tat umgesetzt. So wurde der Seeweg nach Indien um die Südspitze Amerikas gefunden, Südamerika umschifft. Auch im Norden dachte man einen Weg nach Asien finden zu können, und dieser Weg, am Pol vorbei, mußte weit kürzer sein als die langen südlichen Schiffahrtsstraßen. Alle seefahrenden Nationen, vor allem Holland und England, rüsteten große Expeditionen aus, diese Durchfahrt zu entdecken. Aber keiner glückte es, den Weg nach dem Osten zu finden oder ins eigentliche Polarmeer vorzustoßen. Das Netz der Land- und Wasserstraßen spannte sich immer dichter um die ganze Erde; die einzigen Regionen, die durch alle Jahrhunderte starr und unberührt geblieben, waren die Gebiete der Arktis und Antarktis. Ihnen galt darum – nach all den vergeblichen Opfern und Versuchen – in erhöhtem Maß das Interesse der wissenschaftlichen Welt.

Die arktischen Expeditionen der Neuzeit, besonders des 19. Jahrhunderts, brachten eine Menge wertvollster Entdeckungen auf den verschiedensten Gebieten. So wurde von Nordenskjöld die nordöstliche Durchfahrt längs der russischsibirischen Küste gefunden, die Nordwestpassage durch den kanadischen Inselarchipel und längs der Küste Alaskas von Amundsen erschlossen, und schließlich als Wichtigstes die Polardrift, diese stete Strömung von Sibirien über den Pol nach Grönland, durch Fridtjof Nansens weltberühmte Framfahrt festgestellt. Diese klassisch zu nennende Expedition Nan sens brachte eine solche Fülle wissenschaftlichen Materials nach Hause, daß sie für die ganze spätere Polarforschung von grundlegender Bedeutung wurde.

Erst nach dem Weltkrieg erreichte die Polarforschung durch die Fortschritte der Technik eine neue Phase. Schiff und Hundeschlitten wurden von Flugzeug und Luftschiff verdrängt, die zunächst den mehr sportlichen Wettlauf nach dem Pol aufnahmen (Byrd, Amundsen, Nobile).

Man könnte nun annehmen wollen, daß nach der Eroberung der Pole die Erforschung der Arktis ihren Abschluß gefunden hätte. Was soll noch in den unermeßlich weiten Eisgefilden ohne Land und Leben zu suchen sein?

Tatsächlich ist heute die genaue Kenntnis der polaren Verhältnisse erwünschter denn je. Das Wissen um die physikalischen Erscheinungen südlicher Breiten läßt keine sicheren Schlüsse zu auf die der nördlichen; umgekehrt können die Gesetze für die Bewegung und Zirkulation der südlichen Atmosphäre und der südlichen Meere nicht zuverlässig ergründet werden ohne Kenntnis der Verhältnisse in den Polargebieten.

Nach Ansicht der modernen Wissenschaft haben die meteorologischen Zustände der Arktis entscheidenden Einfluß auf diejenigen unserer Breiten, ja, die Arktis ist sogar der Hauptausgangspunkt der atmosphärischen Störungen. Die vielen Opfer, die die Transozeanflugversuche forderten, waren ausnahmslos den unvorhergesehenen Sturm- und Wetterverhältnissen zuzuschreiben. Eine genaue und dauernde Kontrolle der im Polargebiet herrschenden atmosphärischen Strömungen und Luftdruckschwankungen ist daher für das gesamte Wirtschaftsleben, Schiffahrts- und Flugwesen von größter unmittelbarer Wichtigkeit, gar nicht zu reden von den ungeahnten Auswirkungen auf Landwirtschaft, Reisen, Bauten usw. Wenn es gelingt, dieses Gebiet meteorologisch zu überwachen und in den Kreis der Radiowetterstationen einzubeziehen, wird die ganze Wettervorhersage rascher und zuverlässiger erfolgen können. Fridtjof Nansen, der größte und erfahrenste Polarforscher der Gegenwart, organisiert derzeit mit einem Stab ernster, erprobter Männer der Wissenschaft für das Frühjahr 1930 drei große Zeppelinfahrten über das ganze arktische Gebiet. Neben der Lösung wichtiger geographischer, physikalischer, biologischer, topographischer Fragen auf diesen Fahrten hat sich die »Internationale Gesellschaft zur Erforschung der Arktis mit Luftfahrzeugen« als Hauptaufgabe eben diese meteorologische Überwachung des Polargebiets gestellt. Durch Großluftschiffe sollen im Laufe der nächsten Jahre mehrere Radiowetterstationen mit je sechs Mann Besatzung an den Nordküsten der an das Polarbecken angrenzenden Länder und Inseln – vielleicht sogar auf dem Polareis selbst – abgesetzt werden. Man plant, diese arktischen Wetterwarten jährlich durch Luftschiffe neu zu verproviantieren und die Besatzungen abzulösen. Mögen diese großzügigen Pläne bald verwirklicht werden zum Nutzen der ganzen Menschheit. Dann hatten die vielen Opfer einen Sinn, die der Erforschung der Arktis durch alle Jahrhunderte gebracht worden sind.

I. Das Zustandekommen der deutschen Hilfsexpedition für Schröder-Stranz

Man sagt, daß die Sehnsüchte und Liebhabereien der Jugendjahre meist von entscheidender Bedeutung wären für das spätere Leben. Natürlich war mein knabenhafter Abenteurertrieb zunächst, wie sich’s gehört, im Bann der Indianergeschichten Karl Mays und der Jagderlebnisse kühner Afrikaforscher. Aber der Traum von Fahrten durch Steppen und Dschungel, durch blauschwarze Nächte und glühende Tage war mit einem Mal versunken, als ich das Skilaufen kennenlernte. Ich war ganz behext von diesem Wunder des Schneeschuhs, und es ging mir eigentlich erst damals der Winter meiner heimatlichen Schwarzwaldberge richtig auf.

Die reine, klare Winterluft, Kälte und Schnee steigern im gesunden Menschen die Energie, die Freude an der Bewegung, am Überwinden von Hindernissen. Man schlendert nicht bei grimmiger Kälte oder tollem Flockenwirbel, es gibt nur rasches Entfliehen oder Annahme des Kampfes. Der lange, schmale Schneeschuh – diese geniale Erfindung nordischer Völker – hat uns dieses freudige Bekämpfen und Besiegen der winterlichen Welt ermöglicht. Gerade die Eigenschaften, die der Skilauf erfordert und steigert: Mut, Kraft, Ausdauer, Geistesgegenwart, rasches, sicheres Übersehen des Geländes – sind unerlässlich für den Polarmann. Die Skandinavier, besonders die Norweger, sind die geborenen Polarforscher, weil die Wetter- bzw. die Winterverhältnisse ihres Landes sie von jeher in diesem Sinne erzogen haben, so Nansen, Amundsen, Sverdrup, Nordenskjöld, Rasmussen usw.

Die Werke dieser Männer wurden für mich Offenbarung. Der Wunsch, es ihnen nachzutun, wuchs immer glühender in mir, und schon als zwanzigjähriger Student war ich fest entschlossen, mich nach dem Staatsexamen irgendeiner Expedition anzuschließen. Bis dahin wollte ich mich durch Sport, besonders Alpinistik und Skilaufen, tüchtig rüsten.

Im Akademischen Ski-Club Freiburg i. Br. fand ich gleichgesinnte Kameraden, Männer, die bei der Verbreitung des Skilaufs in Deutschland mit führend waren und sportlich internationale Erfolge aufzuweisen hatten. Ein Klubkamerad, L. Kohl, nahm 1911 als Arzt an der deutschen Südpolexpedition Filchners teil und arbeitete vorher die Verproviantierung auf unserer kleinen Skihütte aus. Das war etwas für mich. Durch Wochen hindurch lebten Kohl und ich da oben in den Bergen nur noch für diese Sache. Mit einem Stück Pemmikan und gedörrten Zwetschgen trainierten wir Dauerläufe, einmal 110 Kilometer in 13 ½ Stunden bei 3000 Metern Gesamtsteigung. Wehmütig begleitete ich ihn schließlich nach Bremen, um die Expedition wenigstens auslaufen zu sehen.

Als im März 1912 der wundervolle Südpolsieg Amundsens bekannt wurde, hatte ich vollends nur noch Aug’ und Ohr für die Polarwelt. Das arktische Fieber hatte mich bis ins Innerste erfaßt. Den Winter 1912/13 nützte ich fast ausnahmslos zum Training im Skilaufen. Ich fuhr von einem Wettlauf zum andern und hatte bei deutschen und schweizerischen Skirennen solche Erfolge, daß ich Ende Februar als deutscher Vertreter nach Norwegen zu den Holmenkollwettläufen, der größten skisportlichen Veranstaltung überhaut, entsandt wurde.

Als Abschluß des Winters kehrte ich Mitte März mit verpflastertem Brustkorb – ein Andenken an Holmenkollen – auf den »Feldberger Hof« zurück, um mich dort moralisch auf die «skilose« Sommerarbeitszeit vorzubereiten. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel erreichte mich da eines Tages ein dringendes Telegramm, das von einem Herrn Theodor Lerner aus Frankfurt am Main, Polarfahrer seines Zeichens, unterschrieben war und mich zur Teilnahme an der deutschen Hilfsexpedition für die im Eismeer verunglückten Schröder-Stranz-Leute einlud. Ich hätte alles eher vermutet als eine Aufforderung hinauf in die Arktis. Wer dieser Lerner war, ließ mich vorläufig völlig kalt. Nur erst mal fort ins Eis, alles Weitere würde sich schon finden.

Eine Hilfsexpedition hat keine Zeit zu verlieren, zumal schon seit Januar in allen Zeitungen spaltenlange Artikel über die verschiedenen Rettungsmöglichkeiten der verschollenen Deutschen erschienen waren. Ich fuhr darum umgehend nach Frankfurt, um mit Lerner Fühlung zu nehmen. Leider stellte sich heraus, daß die Expedition längst nicht so finanziell gesichert war, wie Lerner in seinem Telegramm mit geteilt hatte. Im Gegenteil, es war praktisch kein Pfennig bares Geld vorhanden, außer den zweieinhalbtausend Mark, die ich vom Feldberg mitbrachte. Lerner hatte nämlich seinem Telegramm weitblickend noch beigefügt: »Erhoffe fehlenden Rest von sportbegeisterter Jugend auf dem Feldberg!« Sofort war unter den Hotelgästen eine Sammlung veranstaltet worden, die den obigen ansehnlichen Betrag ergab.

Ich dachte mir allerdings, daß Geld bei einer dringenden Hilfsexpedition keine Rolle spielen würde. Vor zwei Monaten schon war Lerner in den Zeitungen für die sofortige Entsendung einer Schiffsexpedition eingetreten – es wurde auch in Berlin ein Hilfskomitee gegründet, das freiwillige Spenden entgegennahm –, aber in diesem Komitee saßen offenbar Leute, die mit Lerner persönlich verfeindet waren und ihn als Führer kaltzustellen wußten. Man griff seinen Plan, mit einem Schiff sofort zur Nordwestecke Spitzbergens zu fahren und von dort aus mit Schiff, Schlitten und Kajak nach der Treurenbergbai und Nordostland vorzustoßen – wo nach Angabe des Hilferufs die Verunglückten zu suchen waren – ganz ungerechtfertigt an. Da außer Lerner kein anderer deutscher Führer für eine Hilfsexpedition in Frage kam, wandte man sich hilfeflehend nach Norwegen. Selbstverständlich wurde dann ebenfalls in Kristiania das Vorhaben Lerners für undurchführbar erklärt und ein norwegischer Offizier, Kapitän Staxrud, der bei der Kartographierung Spitzbergens mitgearbeitet hatte, mit der Leitung der offiziellen »deutschen« Hilfsexpedition betraut. Alles Geld, was bisher gesammelt war – übrigens hauptsächlich auf Lerners Aufruf hin – , wanderte nach Norwegen. Lerner war also durch persönliche Unbeliebtheit nach oben ausgeschaltet worden, obschon es Leute genug gab, auch Fachleute, die seinen Plan für gut und ausführungswert hielten.

Trotz dieser bösen Erfahrungen ließ Lerner nicht lokker. In einem neuen Aufruf warb er um Spenden für eine zweite, von ihm zu leitende Hilfsexpedition. Seine Heimatstadt Frankfurt am Main hielt ihm die Treue und übernahm die Bildung eines neuen Hilfskomitees. Auf diesen Erfolg hin sandte Lerner das bereits erwähnte Telegramm auf den Feldberg. Die Expedition war veranschlagt auf 30.000 – 40.000 Mark, und nun saßen wir da mit ganzen zweieinhalbtausend. Was tun? Sollte ich, nachdem ich das Ziel meiner Träume schon so nah hatte winken sehen, wieder umkehren? Jedenfalls wollte ich nichts unversucht lassen, sondern reiste auf eigene Faust zu einem Freund und Gönner unseres Ski-Clubs, Dr. Deetjen, nach Heidelberg. Nachdem ich den famosen Dr. Deetjen im Handumdrehen für die Sache gewonnen hatte, fuhren wir schnurstracks zusammen nach Mannheim, um dort mit vereinten Kräften – Lerner war inzwischen auch hingekommen – über die Finanzierung weiterzuverhandeln mit einem Herrn Kalbfleisch, den Lerner auf einer früheren Spitzbergenfahrt kennengelernt hatte. Zu unserer großen Freude übernahmen die beiden Herren Deetjen und Kalbfleisch wirklich die Finanzierung, so daß wir sofort mit Hochdruck an die Beschaffung der Ausrüstung, den Einkauf einigermaßen geeigneter Schlittenhunde und an das Chartern eines bewährten Eismeerschiffes gehen konnten.

Vorbereitungen und Abreise

Telegraph und Telephon waren für uns fast ununterbrochen in Tätigkeit. Am meisten Schwierigkeiten machten uns die Hunde. Von Grönland oder Sibirien waren der Kürze der Zeit wegen keine zu bekommen. So hatte ich in verschiedenen Zeitungen annonciert, aber bis zum vorletzten Tag vor unserer Abreise nur zwei aufgetrieben. Da wir aber unbedingt zehn mitnehmen wollten, mußte ich in Frankfurt durch die dunkelsten Winkel der Stadt laufen und mich in jedem »hundemäßigen« Haus umsehen. In Zeit von fünf Stunden hatte ich die restlichen acht Hunde beisammen. Die zwei letzten – wie sich später herausstellte, die tüchtigsten – waren schließlich im Tierasyl gekauft. Unser Hundepark bestand aus vier Bernhardinern, einem Neufundländer, drei Schäferhunden und zwei unbestimmbaren Mischungen.

Samstag, den 5. April 1913, früh 6 Uhr, fuhren wir – meine beiden Klubkameraden Rudolf Biehler und Gerhard Graetz und der Filmphotograph der Freiburger Expreßfilmkompagnie, Sepp Allgeier, waren auf meine Anregung zur Teilnahme aufgefordert worden – in einem Güterwagen, an einen Schnellzug angehängt, nach Hamburg und von dort per Schiff via Bergen, Trondheim nach Tromsö. Unterwegs hielt ein kräftiger Schneesturm eine Vorprüfung auf Seetüchtigkeit ab, die Graetz und ich mit Note »sehr gut« bestanden.

In Tromsö lag noch tiefster Winterschnee, obschon es April war; wir benützten darum die acht Tage da oben vor unserer Ausfahrt redlich zum Skilaufen und Springen. Der Sprunghügel lag auch zu verführerisch vor unserer Nase; mitten in der Stadt, mit dem Auslauf direkt auf unser Hotel zu. Man mußte aufpassen, daß man rechtzeitig abschwingen konnte, sonst gab’s nähere Bekanntschaft mit unserem oder dem Nachbarhaus. Welch letzteres gar nicht so übel gewesen wäre, da wir längst zwei reizende Mädels drin entdeckt hatten.

Eines Tages vergnügten wir uns kindlich heiter an einem kleinen Looping, als das eine Mädel vorüberkam und, angesteckt von uns, sich kurzerhand ein Paar Ski mit Sohlenkappenbindung von einem Schulkind borgte. Wie sie war, in Stöckelschuhen, langen Röcken und einem Hut à la Wagenrad (Modell 1913), fuhr sie los auf unsern Looping zu. Wir trauten unsern Augen kaum, derweil sie mit ordentlichem Schwung schon in der Luft hing und wahrhaftig 15 Meter weit sprang. Allerdings war sie gestürzt, aber – unsere Freundschaft war geschlossen. Wir hörten später noch, daß sie als sechzehnjähriges Kerlchen an der großen Schanze 26 Meter in tadelloser Haltung gesprungen sei; wir selber bekamen am Übungshügel nur einige kleine Sprünge von ihr zu sehen, aber alle tadellos in Haltung und Aufsprung.

Alles in allem: Die acht Tage Zwangsaufenthalt in Tromsö, während welcher unser Expeditionsschiff »Lövenskjold« den letzten Schliff erhielt, waren wirklich famos, und die Norweger und Norwegerinnen wurden uns täglich sympathischer. Wir hatten durch unsere Skisprünge außerdem zu unserer Freude erreicht, daß man das deutsche Skilaufen bedeutend höher einschätzte als zuvor.

Das Expeditionsschiff »Lövenskjold«

Aber dann ging’s hinauf ins Eis für volle vier Monate. Auf einem kleinen, 20 Meter langen und 5 Meter breiten Kahn mit einem Rauminhalt von nur 40 Netto-Registertonnen hatten wir uns häuslich niedergelassen. »Lövenskjold« war zwar eines der kleinsten norwegischen Fangschiffe, dafür aber aus solidestem Eichenholz gebaut und noch durch eine eichene Eishaut verstärkt. Ein vierzigpferdiger, einzylindriger Bolinder-Petroleum-Motor gab ihr eine Eigengeschwindigkeit von fünf Seemeilen, die mit Hilfe der Segel auf sieben bis acht erhöht werden konnte. Für uns vier Freiburger waren in den Laderaum – gerade dem Motor gegenüber – zwei kleine »sachliche« Schlafkabinchen eingebaut, die genau im Brennpunkt der Petrolabgase des Motors und der dem Kielwasser und den Tranfässern entsteigenden Düfte lagen. Bei hohem Seegang hätte uns die gemeinste Schwefelwasserstoffabrik nicht mehr imponieren können!

Gerade als unsere »Lövenskjold« im Hafen von Tromsö startbereit vor Anker lag, erfuhren wir auf radiotelegraphischem Weg, daß die norwegische Staxrud-Expedition am 3. April am Eingang des Eisfjords in Spitzbergen an Land gegangen und am 8. April mit 9 Mann, 20 Rentieren, 16 Hunden und 22 Schlitten in Richtung auf die Kohlenstation Adventbai-Wijdefjord-Treurenbergbai aufgebrochen war (Karte 1). Fast gleichzeitig mit Staxrud waren vier norwegische Schiffsleute der Schröder-Stranz-Expedition in der Kohlenstation Adventbai angekommen. Sie hatten auf dem vom Eis fest umschlossenen Schiff »Herzog Ernst« in der Treurenbergbai überwintert und den Marsch nach dem Eisfjord in den ersten nachthellen Märztagen angetreten. Anhand ihres Berichtes konnte man sich endlich ein einigermaßen klares Bild über die verworrene Lage der ganzen Schröder-Stranz-Expedition machen.

Die Tragödie der Schröder-Stranz-Expedition

Das Unternehmen hatte sich etwa folgendermaßen gestaltet: Als junger Leutnant des Kolbergschen Grenadierregiments Nr. 9 wollte Schröder-Stranz sich als Polarfahrer einen Namen machen und die nordöstliche Durchfahrt, nördlich um Asien herum, wiederholen. Da ihm und seinen deutschen Begleitern jegliche Erfahrung in der Arktis fehlte und außerdem die erhofften Geldspenden ihm, dem in der Polarforschung unbekannten Manne, nur spärlich eingingen, unternahm er zunächst diese Vorexpedition nach Spitzbergen. Als Ziel der Fahrt wählte er den wenig bekannten und schwer erreichbaren Teil Spitzbergens, das Nordostland. Durch eine schneidige – zu so später Jahreszeit aber tollkühne – Schlittenreise quer über das Inlandeis Nordostland über die berüchtigte Hinlopenstraße hinweg zur Treurenbergbucht und schließlich durch das weite vergletscherte Gebirge Nordwestspitzbergens bis zur Großbai hoffte er, der Welt volle Anerkennung abzutrotzen.

In Tromsö kaufte er das Fangschiff »Sterling« und taufte es »Herzog Ernst« nach dem Protektor der Expedition, dem Herzog Ernst von Sachsen-Altenburg. Am 5. August 1912 verließ »Herzog Ernst« den Hafen von Tromsö und dampfte nach der Ostküste Spitzbergens ab. Schon der erste Plan, um die Ostseite Spitzbergens herum die Nordostecke Nordostlands zu erreichen, scheiterte an zu dichtem Treibeis. Auf 77° 3’ n. Br. mußte gewendet und Kurs um die West- und Nordküste Spitzbergens nach Nordostland genommen werden. Am 15. August 1912 wurde »Herzog Ernst« nördlich von Nordostland, etwa in der Mitte zwischen dem Nordkap und Kap Platen, auf 80° 26’ n. Br. und 21° 10’ ö. L., von der ungebrochenen Packeiskante aufgehalten. Schröder-Stranz ließ sich hier mit Kapitänleutnant Sandleben, dem Geographen Max Mayr und seinem Privatsekretär Richard Schmidt auf das Eis absetzen. Das Schiff erhielt den Befehl, nach der Treurenbergbai zurückzufahren, dort in dem Haus der früheren schwedischen Gradvermessungsexpedition ein Proviantdepot niederzulegen und dann im Westen Spitzbergens, in der Großbai, bis zum 15. Dezember auf ihn und seine drei Kameraden zu warten. Wie wenig Kenntnis Schröder-Stranz von der Arktis hatte, zeigte schon diese letzte Anordnung, bis mitten in den Winter hinein zu warten, wo Kälte, Dunkelheit und Eis jede Schiff- und Schlittenreise unmöglich machten.

Nach der Abfahrt des Schiffes waren Schröder-Stranz und seine drei Kameraden mit acht Hunden, einem größeren Boot, drei Kajaks, zwei Zelten, zwei Schlitten, Waffen, Instrumenten und mit Proviant für zwei bis drei Monate allein auf dem Eis zurückgeblieben. Sie wollten über das Meereis nach Osten zur Rijpbai vorstoßen, dort an der Küste eine Station errichten und von da aus den Marsch über das Inlandeis Nordostlands antreten. Aber diese eigentliche Schlittenabteilung war und blieb von Stunde an verschollen. Es war daher anzunehmen, daß sie irgendwo an der Küste Nordostlands überwinterte, wenn sie überhaupt die Küste erreicht hatte und noch am Leben war.

Die zweite Tragödie ereignete sich weiter südlich, in der Treurenberg- oder Sorgebai. Dort hatten am 22. August die Schiffsbesatzung und die auf dem »Herzog Ernst« zurückgebliebenen Wissenschaftler das Proviantdepot an Land gebracht, sich aber wegen schlechten Wetters verleiten lassen, während der folgenden Tage in der Bucht vor Anker zu bleiben. Am 25. August legte sich bei Nordwestwind Eis vor den Ausgang der Bucht und setzte sie gefangen. Bis zum 20. September versuchte Kapitän Ritscher verzweifelt, das Eis zu durchbrechen, dann gab er die vergeblichen Bemühungen auf und flüchtete vor neuanstürmendem Treibeis nach dem Innern der Bucht. Statt nun auf dem vollkommen intakten Schiff zu überwintern, beschlossen Schiffsbesatzung und Wissenschaftler – mit Ausnahme zweier norwegischer Matrosen und des Mannschaftskoches Knut Stave –, über Land zur Kohlenstation Adventbai im Eisfjord zu gehen. Der Weg betrug in gerader Linie ungefähr 200 Kilometer und wäre von tüchtigen Skiläufern und Sportsleuten in längstens sechs bis acht Tagen zurückgelegt worden. Aber keiner der Leute war skitechnisch oder hochtouristisch so bewandert, daß er die Führung hätte übernehmen können. Kapitän Ritscher hatte wohl nach Schröder-Stranz die höchste Befehlsgewalt, aber für den Landmarsch traute er sich die Verantwortung nicht zu und griff vor allem im entscheidenden Moment nicht durch.

So kam es, daß zwei deutsche Gelehrte, Dr. Detmers und Dr. Moeser, an der Mosselbai sich von den übrigen trennten und auf eigene Faust der Ostküste des Wijdefjords entlang zogen. Auch von ihnen hat man bisher keine Spur mehr gefunden. Sie waren nicht, wie man angenommen hatte, wieder zum Schiff zurückgekehrt. Aber auch bei den übrigen ging es nicht ohne schwerste Opfer ab. Dr. Rüdiger erfror sich beim Überschreiten des Wijdefjords einen Fuß und mußte in einer Hütte am Eingang zum Fjord liegen bleiben. Sein Landsmann, Marinemaler Rave, blieb bei ihm, während die andern südwärts weitermarschierten, um Hilfe zu holen. Nach sieben Wochen vergeblichen Wartens in der primitiven Hütte und fast ohne Proviant kehrte Rave mit Rüdiger zum Schiffe zurück.

Kapitän Ritschers heldenfafter Marsch

Die vier andern, Kapitän Ritschers, der Maschinist Eberhard, der norwegische Eislotse Stenersen und der Matrose Rotvold, waren am 8. Oktober nach Zurücklassung von Rave und Rüdiger weiter südwärts gezogen. In einer Fanghütte am Ende des Wijdefjords wurden sie zwei Monate lang durch Nebel und Schneestürme festgehalten. Erst am 19. Dezember brachen sie von dort auf. Die beiden Norweger und der Maschinist weigerten sich aber, entgegen der Verabredung, mit Ritscher weiter nach Süden zu gehen, sondern kehrten zum Schiff zurück. Nur der Kapitän wollte unter allen Umständen sein Rave und Rüdiger gegebenes Versprechen, von Adventbai Hilfe zu holen, einlösen. Allein, trotz der Winternacht, nur mit etwas Rentierfleisch als Proviant und ohne Schlafsack, machte er sich auf den Weg über das ihm unbekannte Gebirge und den erst teilweise zugefrorenen Eisfjord. Mehrmals brach er durch das dünne Neueis durch und erfror sich dabei beide Füße und eine Hand. Immer wieder mußte er vor offenen Wasserrinnen liegen bleiben und abwarten, bis sie durch die Winterkälte zugefroren und das Neueis tragfähig geworden war. An längeren Schlaf, der gleichbedeutend mit Erfrierungstod gewesen wäre, durfte er nicht denken. Nur viertelstundenweise konnte er sich in diesen acht langen, nachtdunklen Wintertagen mit an die Ohren gebundenem Taschenwekker ausruhen, dann mußte er weitergehen, seine eiskalten Glieder zu erwärmen. An den letzten zwei Tagen, als er schon die Lichter der Kohlenstation durchblinken sah, schleppte er sich mit unerhörter Energie, den größten Teil des Weges auf den Knieen rutschend, weiter und erreichte in den Weihnachtstagen körperlich und geistig vollkommen zerrüttet in hilflosem Zustand die Wohnhäuser der Kohlenstation. Bewußtlos vor der Türe liegend, fand ihn ein Arbeiter, als er morgens zur Arbeitsstätte gehen wollte.

Die beiden Norweger, Stenersen und Rotvold, waren am Weihnachtsabend wieder bei dem Schiff in der Sorgebai angekommen. Den Maschinisten Eberhard hatten sie unterwegs verloren. Auf dem Marsch über den Wijdefjord war er zurückgeblieben und wurde nie wieder gesehen. So hatte Kapitän Ritscher als einziger der ganzen Expedition sich in der Winternacht bis zur Adventbai durchgeschlagen, um – Anfang Januar 1913 – die Nachricht von der verunglückten Expedition nach Deutschland drahten zu können.

Staxruds und Lerners Pläne zur Rettung

In der Adventbai traf Staxrud mit Ritscher und den erwähnten vier norwegischen Schiffsleuten zusammen. Der Eislotse Stenersen schloß sich der Staxrud-Expedition an, um zum Schiff in der Treurenbergbucht zu gelangen und unterwegs beim Aufsuchen der Verschollenen behilflich zu sein.

Nach menschlicher Berechnung mußte es Staxrud gelingen, unter Führung Sternersens den Wijdefjord nach den drei Verschollenen abzusuchen und zur Treurenbergbucht vorzustoßen. Dagegen konnte er ohne Schiff die Hinlopenstraße nicht überschreiten, um in Nordostland nach Schröder-Stranz und seinen Begleitern Ausschau zu halten. So blieb für uns als Hauptaufgabe, eben die Küste Nordostlands abzusuchen.

Das war die Sachlage, als wir von Tromsö ausliefen. Der Plan Lerners bildete eine vorzügliche Ergänzung zur Staxrudschen Expedition. Mit »Lövenskjold« wollten wir zunächst die Nordwestecke Spitzbergens anlaufen und dann, je nach den Eisverhältnissen, mit dem Schiff selbst oder mit Booten und Schlitten der Nordküste Spitzbergens entlang nach der Treurenbergbai und Nordostland weiterfahren.

Man hatte zwar in Deutschland und später in Kristiania dieses Vorhaben Lerners für undurchführbar und selbst ein Erreichen der Nordwestecke Spitzbergens zu so früher Jahreszeit für unmöglich erklärt, aber Lerner hatte sich – durch die Fangschiffer von Tromsö in seiner Ansicht bestärkt – nicht weiter beirren lassen. Wir waren daher sehr gespannt, wer recht behalten würde.

II. Hinauf ins Eis

Am 21. April endlich war unsre »Lövenskjold« seeklar. Ein Unwetter hielt uns zwar noch zweieinhalb Tage im letzten schützenden Fjord Norwegens fest, dafür gab uns aber der nachfolgende kräftige Südostwind ausgezeichnete Fahrt. Gleich wurden die Segel gesetzt, und mit 6-7 Seemeilen Stundengeschwindigkeit ging’s nordwärts, Spitzbergen entgegen. Südöstliche Dünung ließ unsern kleinen Kahn tüchtig rollen, so daß die Überfahrt recht ungemütlich wurde. Eine Sturzwelle nach der andern ging über Deck, und in der Kälte bildeten sich überall an Reling und Tauen dicke Eisklumpen, die mit der Axt abgeschlagen werden mußten.