Die Armee der Stöcker - Oliver Farin - E-Book

Die Armee der Stöcker E-Book

Oliver Farin

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Beschreibung

In einer packenden Parallelerzählung wird hier die Geschichte der beiden Schatzsucher Tim und Henrik beschrieben, die unverhofft in den großen Strudel der Ereignisse hineingezogen werden, die sich 200 Jahre zuvor ereignet hatten. Stück für Stück setzen sie das Puzzle zusammen bei dem ein verborgener Schatz, ein ungeklärter Mord und ein ruhmsüchtiger Bürgermeister immer neue Fragen aufwerfen. Parallel dazu erlebt der Leser aus der Sicht des napoleonischen Soldaten Jacques und der preußischen Soldatenfrau Leonore hautnah das Leiden und die Dramatik, die sie im Jahre 1813 erleben mussten. Geschickt und spannend laufen die Handlungsstränge parallel und überkreuzend, bis sie am Schluss zu einem überraschenden Ende zusammenkommen.

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Seitenzahl: 323

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Meiner Bianca gewidmet

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Epilog

1.

Die Luft flimmert über den Acker. Der Mercedes-Kombi biegt von der alten Postkutschenstraße in den Waldweg ab. Ich kurbele das Beifahrerfenster ein Stück herunter, ein warmer Schwall Luft ergießt sich in den klimatisierten Innenraum und ich atme einmal tief durch. Die Spätsommersonne steht noch hoch am Himmel. Wir haben Zeit genug.

"Das Denkmal ist links von uns Henrik! Du musst noch weiter hochfahren, durch den Wald bis hinauf zum Acker"

Für einen Augenblick mustere ich ihn. Er scheint guter Dinge zu sein. Ich streiche mit meiner Hand über meine Haare, obwohl ich nur stillsitze, treibt es mir den Schweiß auf die Stirn.

"Wie bist du eigentlich auf diese Stelle gekommen? Ich habe zwar auch von den Ereignissen gelesen, kann mir aber nicht vorstellen, dass wir hier Glück haben werden...hier müssen doch schon Heerscharen von Suchern über den Acker geschlurft sein".

Er sieht meine Skepsis und ein feines Lächeln huscht über sein Gesicht. Nun haben wir schon so viele Jahre miteinander gesucht und es war immer das Gleiche. Wenn jemand einen Riecher für eine neue Stelle hat, dann war es Henrik.

Die Achse des Kombi quietscht unter den Unebenheiten des Hohlweges, der sich bergan durch den Kiefernwald schlängelt. Ab und an klatscht ein kleiner Ast gegen unsere Außenhaut.

"Ich denke, wir machen es so...“, hebt Henrik an und nickt dabei kurz in meine Richtung.

„...wir setzen uns ein Zeitlimit. Wir werden ein paar Bahnen ablaufen, uns rein auf die Edelmetallfunde konzentrieren und danach beratschlagen ob es sinnvoll ist weiterzusuchen! So haben wir es doch immer gemacht – oder?“

Ich spüre seinen Blick, der mich von der Seite fixiert.

„Was haben wir dabei zu verlieren? Eine oder zwei Stunden Zeit, mehr nicht. Du weißt, wir wollten schon immer mal hierher, es hat nur zeitlich irgendwie nie geklappt... Klar sind hier schon einige Sucher über den Acker gelaufen gelaufen...aber..."

Er macht eine abwehrende Handbewegung, als wollte er eine Fliege verscheuchen. Eine kleine Pause entsteht, dann zeigt er mir sein breites Grinsen und fährt fort:

"...aber die hatten damals noch nicht so gute Detektoren, wie wir sie jetzt haben!"

Sein brummiges Lachen erfüllt den Innenraum.

"Wir müssen das Glück zwingen Tim!"

Immer wenn er das sagt, erhebt er dabei ironisch die Stimme, als wolle er etwas, einer Zauberformel gleich, heraufbeschwören.

Aber dieser einfache Satz tut seine Wirkung. Für mich soll es das Motto der nächsten Stunden werden. Das Glück zwingen! Kann man das Glück überhaupt zwingen, oder geschieht es wie ein Zufall. Der Schatzsucher hat es oder hat es eben nicht.

Meine Gedanken werden von dem Scheppern unserer Ausrüstung im Kofferraum unterbrochen. Jede Bodenwelle wird wie ein Echo zurückgeworfen. Die Spatenblätter klappern gegen die Blechgehäuse unserer Suchgeräte, die Wasserflaschen glucksen im Takt und die Rucksäcke rascheln gegen die Innenverkleidung.

Ich liebe dieses Geräusch. Sie gleicht einer Melodie. Immer wenn ich sie höre, breitet sich eine innere Anspannung, eine wohlige Nervosität in mir aus. Meine Muskeln verhärten sich, mein Puls steigt. Wir werden beide still im Auto und konzentrieren uns auf das, was kommt.

Während wir im Auto durchgeschüttelt werden, lichtet sich der Wald vor uns und gibt den Blick auf die Ackerlandschaft frei.

Wir befinden uns auf einem weiten Plateau, das nach einigen hundert Metern sanft wieder abfällt. Einzelne Ackerflächen wechseln sich ab, als hätte ein Riese mit einem überdimensionierten Kamm schachbrettartig ein Muster in den

Boden gezogen. Inmitten dieser Äcker zieht sich ein kleiner Sandweg hindurch. Er verliert sich am flimmernden Horizont.

Mit einigen kurbelnden Handbewegungen stellt Henrik das Fahrzeug rückwärts ab. Ein kleines Ritual oder besser eine Vorsichtsmaßnahme von uns.

Das Auto wird immer rückwärts geparkt, sodass wir nicht gleich für alle Besucher sichtbar sind. Wir können einsteigen und auf dem schnellsten Wege wegfahren. Das hat sich immer bewährt, auch wenn es manchmal knapp dabei wurde.

Wie bei diesem Förster letzten Monat. Wir konnten an seiner Schrittart schon von weitem erkennen, dass er für Diskussionen und Erklärungen absolut unempfänglich war. Sein Hund wirkte nicht weniger bissig als sein Herrchen. So beschlossen wir damals, unser Heil in der Flucht zu suchen. Klamotten rein, Zündung, Gas und weg!

Ein leichter Ruck geht durch das Fahrzeug und holt mich aus meinen Gedanken. Endlich können wir aussteigen und stehen beide blinzelnd in der Sonne.

Henriks Blick gleitet über den flirrenden Horizont. Er nimmt einen tiefen Schluck aus der Wasserflasche und das grelle Licht der Sonne spiegelt sich störend in den Gläsern seiner Brille. Er hat sie über seine Augenbrauen gesetzt und wendet sich dann mir zu.

"Hier Tim, willst Du auch einen Schluck?“, fragt er und reicht mir die Flasche.

"Hast Du gewusst, dass hier vor 200 Jahren nur Heidebüsche und einige Birken waren? Sie reichten bis dahinten".

Sein Zeigefinger wandert zum Waldrand im Norden.

"Erst weit nach der Schlacht hatten die Bauern damit begonnen, die Flächen zu roden und fruchtbar zu machen. Es muss eine wahnsinnige Plackerei gewesen sein. Unser Glück, dass sie es taten! In dem Heidekraut hätten wir jetzt keinerlei Chance!"

Ich spüre das kühle Wasser in meiner Kehle und möchte die Flasche am liebsten gar nicht mehr absetzen.

"Und wie ist dann dieser kleine Wald hier rings um uns herum entstanden?", frage ich.

Er dreht sich um und deutet in die Richtung hinter mir.

"Die haben damals, als sie 1913 das Denkmal aufgestellt haben, einen kleinen Park dazu angelegt. Na ja, der hat sich dann sozusagen selbständig ausgesät und verwildert, das Ergebnis haben wir eben durchfahren".

Die Flasche wird in eine schattige Ecke unter das Fahrzeug geschoben. Später sind wir für jeden kühlen Schluck dankbar.

Langsam richte ich mich auf und sauge die nach Harz duftende Sommerluft ein.

Im Schatten der Kiefern tanzen die Schwärme der Mücken. Ein Buntspecht klopft über mir die Rinde nach Nahrung ab. Das Geräusch mischt sich mit dem Knacken der warmen Kiefernstämme in der Sonne, zu einer schläfrigen Melodie.

Alles ist so friedlich und still. Unvorstellbar für mich, dass sich hier so eine Tragödie abgespielt hat.

Mit einem leichten Quietschen öffnet sich die Heckklappe des Mercedes. Wortlos ergreifen wir unsere Ausrüstung. Das Gestänge wird zusammengesteckt, das Batteriefach wird überprüft, der Teller, das Herzstück der Sucherrute, ausgerichtet. Die Buchse des Kopfhörers verschwindet mit einem hörbaren Klicken im Gehäuse. Jetzt geht es also endlich los.

Es sind immer wiederkehrende Bewegungen. Ein Ritual, das zuverlässig zu einer Adrenalin-Ausschüttung bei mir führt. Ich höre meinen erhöhten Herzschlag, als ich die noch stummen Muscheln über die Ohren schiebe und tauche ab in eine andere Welt.

Ich tausche die Geräusche vom Wind, vom Zwitschern der Vögel und dem Knarren der trockenen Kiefernstämme mit dener einer technischen, synthetischen Welt, dessen Laute über den Erfolg oder Misserfolg beim Suchen entscheiden.

Mit der linken Hand ergreife ich meinen kleinen Spaten und trotte langsam auf das nur wenige Meter vor mir liegende erste Feld.

"Henrik, hier sollten wir anfangen. Wenn mich nicht alles täuscht, hatten die Franzosen hier oben auf dem Plateau ihre erste Linie, als der Sturm begann".

Er ruft mir noch etwas zu, ich kann ihn aber schon nicht mehr verstehen, da ich bereits das Programm meines Suchgerätes gestartet habe.

Mit all meinen Sinnen bin ich jetzt eins geworden mit dem Gerät. Es ist mit mir zu einem verlängerten Arm verschmolzen. Wir sind nun eine Einheit, um zu suchen und zu finden.

Ich spüre dabei diese immer wiederkehrende Ungeduld. Es ist ein Kribbeln in der Magengegend, wie man es bei seinem ersten Date mit einer schönen Frau hat. Bei diesem Gedanken muss ich unwillkürlich lächeln und beschleunige meinen Gang...ich will jetzt endlich suchen!

Mein Blick fliegt über das Feld. Kartoffeln haben hier gestanden, man sieht noch deutlich die Spuren der Erntemaschine. Vereinzelt, wie vereinsamt und zurückgelassen, liegen kleine, grünliche Knollen auf der Fläche.

Die Spitzen meiner Schnürstiefel durchpflügen den weichen Sand des Ackers. Bei jedem Schritt legt sich ein grauer Staubschleier auf meine Schuhe. Dabei komme ich mir vor wie der erste Mensch auf dem Mond und setze bedächtig einen Fuß vor den nächsten.

Langsam schwenke ich den Teller des Gerätes hin und her und laufe dabei die erste Ackerbahn ab. Dabei achte ich darauf, dass der Abstand des Tellers zum Boden auch in dieser monotonen Bewegung immer gleichbleibt. Langsam und konzentriert. Immer wieder überprüfe ich meine Spur. Bloß keinen Zentimeter auslassen, das ist oberstes Gebot.

Andere Sucher, die Anfänger, rennen wie von der Tarantel gestochen über die Fläche und wedeln dabei ihr Gerät mehr in der Luft als über den Boden herum. Das sind dann genau die Leute, die sich später verwundert die Augen reiben, wenn man vor ihren Füßen die vollen Taschen leert.

Ein helles, durchdringendes Quäken reißt mich aus meinen Gedanken!

Vorsichtig weiche ich einen Schritt zurück. Langsam wische ich mit der Fläche meiner Schuhsohle die ersten Zentimeter des Bodens beiseite und lasse zur Kontrolle den Teller des Gerätes nochmals darüberfahren "grrrröäääck“ kontert das Signal in meiner Muschel. Schnell ein Blick auf mein Display: "67" prangt dort in schwarzen Quarzbuchstaben.

Edelmetall! durchzuckt es mich.

Ich gehe in die Hocke und mein Blick gleitet über die Ackerfläche. Dann sehe ich den schaukelnden Oberkörper von Henrik, der 20 Meter hinter mir ebenfalls eine andere Bahn absucht.

Vorsichtig lege ich das Gerät aus der Hand und steche mit dem Spaten ein "U" in den weichen Boden, genau um das Zentrum des Signales herum.

Der Geruch von warmer Erde zieht in meine Nase. Ein leichtes Kribbeln in der Magengegend und ein wohliges Vibrieren durchzuckt mich. Mit der freien Hand durchpflüge ich den Sandhaufen und stoße mit dem Zeigefinger auf etwas Hartes!

Meine Anspannung wächst. Schnell habe ich den Gegenstand vom Dreck befreit. Meine Augen starren auf eine kleine Kugel aus Blei. Seit damals bin ich der erste Mensch, der diese Musketenkugel wieder in den Händen hält.

Eingehend betrachte ich diese Bleikugel. Deutlich kann man die schwarzen Pulverschmauchspuren an der Rückseite des Geschosses erkennen. Sie ist abgefeuert worden. Wer war dieser Mensch, der diese Kugel geladen hat? Der verschwitzt, vielleicht verängstigt oder verwundet seine Waffe geladen hat. Ich bekomme ein Bild vor meinem geistigen Auge und versuche mir dabei vorzustellen, wie es damals war.

Das Laden einer Steinschlossmuskete war damals eine zeitaufwendige und gefahrvolle Prozedur. Die bleigegossene Kugel war zusammen mit dem Schwarzpulver und einem Blatt Papier zu einer Zigarre verdreht. Diese musste der Soldat beim Laden mit den Zähnen aufbeißen. Das Pulver von vorne in den Lauf gießen, um dann das Papierröllchen mitsamt der Kugel durch einen Ladenstock in den Lauf nach unten zu schieben. Als letztes musste der Hahn mit dem Feuerstein gespannt werden ...und fertig war die Waffe.

Die Schusskadenz dieser Tage war mit etwa einen Schuss pro Minute nicht besonders hoch. Und so kam es häufig vor, dass der Soldat während des Ladevorganges, wo er wehrlos war, sein Leben verlor.

Henrik schlurft an mir vorbei. Sein Blick ist starr auf den Boden geheftet. Ich halte ihm kurz und wortlos den Fund entgegen. Dabei blinzle ich kurz in die Sonne. Er strahlt mich an, lässt sein Gerät und den Klappspaten in den Sand sinken und kommt die paar Schritte zu mir hinüber. Langsam erhebe ich mich. Er nimmt seine Brille ab und begutachtet geradezu liebevoll die Kugel indem er sie vor seinem rechten Auge kreisend prüft.

"Schöner Fund Tim! ...es müsste ein preußisches Kaliber sein, 17mm. Wir sollten hier unbedingt weitersuchen!“

Er mustert dabei meine Hände.

„... hast du noch mehr gefunden?"

Ich verneine und lasse dabei die Kugel mit etwas Stolz in meine Jackentasche verschwinden. Der Anfang wäre gemacht.

Der französische Soldat schwitzt an diesem Tag. Er hebt seinen Leder-Tschako an und wischt sich mit dem Taschentuch über die Stirn. Die Sonne steht gerade drei Stunden am Himmel und die Luft ist jetzt schon unerträglich heiß.

Heute haben sie ihre beste Uniform angelegt, sie wollen voller Stolz für ihren Kaiser kämpfen und gut aussehen, wenn sie nach der Schlacht, nach dem Sieg an ihrem General vorbeimarschieren.

Sein Leutnant wirkt konzentriert. Dann hebt er den Säbel. Der Befehl "Bataillon vorwärts Marsch!" gellt über die Reihen. Das monotone Stampfen der Stiefel erfüllt den Heidegrund. Die Tornister klappern gegen die Gewehre. Der Soldat schwitzt noch mehr. Es rinnt über sein Gesicht und tropft dann auf die weiße Baumwollhose.

Er schaut über den Hügel in das Tal vor ihm. Sie haben den höchsten Punkt erreicht. Der Leutnant fuchtelt wieder mit dem Säbel in der Luft. "Ganzes Bataillon in Linie!"

Die Soldaten stellen sich in einer breiten Dreierreihe auf. Unser Soldat kniet ganz vorne in der ersten Reihe. Nervös tastet er nach seiner Patronentasche. Alles hat noch seinen Platz. Das Knie seines Hintermannes drückt gegen den Tornister auf seinen Rücken.

"Ladet das Gewehr!" tönt es von neuem. Es scheppert und raschelt. Man spürt die Anspannung, die in der Luft liegt. Umständlich zieht er den Ladestock heraus, greift in die Tasche und zieht eine Patrone hervor.

Dann beißt er das Papier auf. Der bittere Geschmack des Pulvers betäubt seinen Gaumen.

Es geht gleich los - er weiß es.

Am jenseitigen Horizont, direkt am Waldrand, blitzt es plötzlich in einer Reihe auf. Die Wölkchen der abgefeuerten Kanonen stieben wie weiße Farbtupfer hervor. Dann orgelt es heran. Das Brausen wird in der Luft zu einem Orkan.

Die erste Kanonenkugel spritzt vor ihm links in den Boden, fast zeitgleich mit dem dumpfen Knall der Abschüsse. Sie prallt vom Boden hoch, zischt direkt in die Reihen der Soldaten.

Wie eine Sense des Todes hält sie Ernte. Menschliche Leiber werden von ihr zerrissen, hochgeschleudert, zerfetzt. Das Blut pocht ihm in seiner Schläfe...diese Anspannung, diese entsetzlichen Schreie der Soldaten!

Vor ihm kracht es wieder in die Erde. Die Erde zittert, bebt. Er spürt es unter seinen Füßen. Moos, Dreck und Heidebuschwerk spritzen ihm ins Gesicht. Die Soldaten werden langsam unruhig. Ihr Leutnant schaut in ihre ernsten Gesichter.

"Haltet aus meine Soldaten! haltet aus!" Dabei zupft er mit seiner Hand nervös am Schnurrbart, während er sein scharrendes Pferd hart an die Zügel nimmt.

Dann lösen sich vor ihnen schwarze Schatten aus dem Wald. Es sind Reiter. Sehr viele Reiter. Wie schwarze Finger einer Hand greifen sie zangenartig nach der kleinen Brücke unten am Bach, dort wo das französische Vorpostenbataillon steht. Wie schnell sie sind. Der Soldat sieht das Blitzen ihrer Säbel in der Sonne. Er hört das Geknatter der Musketen und die Schreie der Getroffenen.

Die schwarzen Reiter greifen wieder an, wirbeln im schnellen Galopp immer erneut in das französische Karree am Bach. Die Säbel sind gnadenlos. Sie schlagen alles nieder - immer wieder. Jeder Widerstand erstirbt unter ihren Klingen.

Eine neue Reihe weißer Wolken löst sich vom Waldrand. Der Soldat beißt die Zähne zusammen. Er zittert, möchte sich vergraben, tief eingraben in diese fremde Erde.

Dann zischt es schon heran. Einige Meter neben ihm klatscht die Stahlkugel direkt durch das Karree. Ein Zischen, gefolgt von einem schrecklichen dumpfen Aufprall. Das Geräusch, dieses grässliche Geräusch von brechenden Knochen, von Stahl auf Fleisch. Niemals zuvor hat er Menschen so schreien hören. Sie reißt eine rote Schneise des Verderbens. Eine ganze Reihe von Soldaten wird in einer Sekunde ausgelöscht. Gliedmaßen und Dreck wirbeln durch die Luft.

"Pflanzt auf das Bajonett!" In dem Toben und Schreien kann er die Stimme genau heraushören. Er ist froh, dass er etwas tun kann. Das Warten ist kaum zu ertragen. Nur schemenhaft kann er das Getümmel am Bachlauf erkennen, alles ist in dem Rauch des Pulvers versunken.

Der Boden unter ihm fängt an zu vibrieren und vermischt sich mit dem Klappern seiner Zähne. Dann kann er sie kommen sehen. Ihre schwarzen Uniformen mit den schwarzen Tschakos. Das Schnauben der Pferde, das Schlagen ihrer Hufe. Immer schneller trommelt es heran. Wie eine dunkle Wand bricht es aus dem Nebel des Todes.

Hundertfach hatten sie es erprobt, jetzt ist die Stunde, in der sie es anwenden sollten.

"Feuerrrr!" Der Befehl geht im Feuertanz fast unter. Die mittlere Reihe schießt zuerst. Wie sie fallen, stürzen. Pferde begraben ihre Reiter. Doch schon sind sie da. Er schießt auf einen dieser Schatten - diese schwarzen Teufel. Deutlich kann er das Gesicht des Preußen erkennen. Er sieht seinen Oberlippenbart, der steil und wütend nach oben gezwirbelt ist. Verschwitzt und zornig, seine Pistole im Anschlag, in der anderen Hand den Säbel. Es blitzt auf und klatscht plötzlich bei seinem Nebenmann. Die Hände vorm Gesicht, kippt dieser blutüberströmt über.

Unser Soldat reißt das Gewehr nach vorne. Er will nicht sterben. Nicht jetzt, nicht hier. Es knattert wieder los, die dritte Reihe schießt. Seine Ohren sind betäubt. Die Reiter brechen durch die Linie, einfach durch die Leiber, durch die Schreie. Schon ist das Pferd über ihm, riesengroß und übermächtig. Seine Sehnen bewegen sich reflexartig. Er will sich wegrollen, will raus aus diesem Grauen. Da trifft ihn der Huf des Pferdes.

Alles wird schwarz in ihm, es wird dunkel und ruhig...so still und friedlich.

Eine warme Windböe streichelt mein Gesicht. Ich schätze die

Entfernung bis zum Ende des Ackers ab und stehe wieder auf. Der Sommerwind lässt immer wieder kleine Windhosen auf dem trockenen Acker entstehen. Fasziniert schaue ich ihnen zu, wie sie spielerisch über den Boden tanzen. So schnell wie sie gekommen sind, verschwinden sie auch wieder. Kaum lasse ich den Plastikteller über den Boden pendeln, klingelt es erneut in meinem Kopfhörer. Diesmal steht eine "11" auf der Anzeigetafel des Bildschirmes. Ich bleibe gelassen, Zahlen bis 15 sind in der Regel Stanniolpapier, Dosenverschlüsse oder Ähnliches. Also so ziemlich das Gegenteil von wertvoll.

Das Gerät misst im Prinzip die Veränderung des Magnetfeldes der Erde. Je leitfähiger der Gegenstand ist, desto größer ist die Störung des Magnetfeldes. Eine kleine Zahl lässt also auf einen geringen Edelmetallanteil schließen.

Dennoch wische ich wie gewohnt die ersten Zentimeter mit der Stiefelsohle beiseite. Jeden Moment erwarte ich das Aufblitzen der Folie in der Sonne. Doch es blitzt nichts auf. Ich gehe erneut in die Hocke und hebe mit dem Spatenblatt eine Handbreit Erde beiseite. Routiniert kreise ich den Teller über den Auswurf. Nichts! Ein kurzer Schwenk über das kleine Loch. Das Stanniolpapier ist offenbar noch in der Erde. Schnell ein Blick auf das Display.... "22".

Verteufelt, was ist das? Je tiefer, desto besser denke ich mir. Jetzt wird es spannend. Das Glück zwingen, Tim, das Glück zwingen!

Wieder gleitet mein Spatenblatt in den warmen Sand, diesmal jedoch tiefer. Der ausgehobene Haufen wächst an. Nach jedem Graben wird das Erdreich auf beiden Seiten kontrolliert, immer mit dem gleichen Ergebnis! Es liegt noch drin! Und es liegt sehr tief!

Die Zahl auf dem Display hat sich inzwischen bei 25 eingependelt. Ich weiß, dass eine 25 in dieser Tiefe noch wertvoller ist.

Eine Schweißperle löst sich von meiner Augenbraue und rinnt in meinen Augenwinkel. Es brennt. Ich wische mir mit dem Handrücken über meine Stirn und suche den Blick zu Henrik. Zuerst erkenne ich ihn gar nicht. Mit seinem grauen Parka ist er, in der Hocke sitzend, wie ein Chamäleon mit seiner Umgebung verschmolzen.

Er hat etwas ausgegraben und prüft den Fund. Er reibt den Gegenstand an seiner Hose, um ihn dann vor seinem Auge zu halten. Dann verschwindet das Objekt in seiner linken Parkatasche.

Ich kenne ihn und weiß, dass dort nur seine wertlosen Müllsachen landen.

Schnell widme ich mich wieder meinem Fundplatz. Diesmal drücke ich die Schaufel tief in das Erdreich. Der erdige, feuchte Geruch des Bodens strömt in meine Nase als ich den Erdklumpen neben mir wende. Mit einer geschickten Handbewegung husche ich mit dem Gerät darüber.

Ob ich diesmal Erfolg habe? Erlösend piept es, diesmal schrill und kurz! Vorsichtig hebe ich den Klumpen auseinander...da! Da sehe ich grüne Patina! Ein kleiner grün-glänzender Rand wird sichtbar! Meine Finger sind auch schon zur Stelle. Etwas stolz halte ich die Münze in der Hand. Ganz vorsichtig streiche ich mit den Fingern über die patinierte Oberfläche. Ich kneife die Augen zusammen, um die kleine Schrift zu erkennen.

"1 Pfennig Scheide Münze 1790".

Auf der Rückseite prangt das Niedersächsische Pferd.

Volltreffer!

Die Münze ist vor der Schlacht geprägt worden. Bisher hatte ich zwei Ausschläge, zwei Funde und beide stammen eindeutig aus der Schlacht.

Man findet sehr häufig Münzen. Genau genommen liegen immer Münzen auf einen Acker.

Im Geiste habe ich mir dabei die löchrigen und zerschlissenen Beinkleider der Bauern vorgestellt, aus denen sie bei harter Arbeit purzelten. Oder es wurden alte Wander- und Spazierwege überpflügt, auf denen diese Hinterlassenschaften ihre letzte Ruhe fanden.

Vielleicht damals, als die feine Dame bei ihrem Sonntagsausflug zu dem alten Denkmal ihr Taschentuch aus dem seidenen Handtäschchen zog. Dabei fiel ihr der 1914 geprägte Groschen zu Boden. Oder vielleicht, als der mittelalterliche Landsknechtsohn im schnellen Ritt zur Schenke seinen ledernen Beutel mit den silbernen Talern verlor.

Ich kehre aus meinen Gedanken wieder zurück, als eine Hummel laut brummend an meinem Ohr vorbei surrt. Verflucht ist mir heiß! Ich schiebe meine Schirmmütze zurecht und wische mir über den Nacken.

Schnell sortiere ich meine Sachen und laufe die Ackerfurche weiter ab, als es im Kopfhörer laut wird.

Ich will den Spaten gerade wieder ansetzen, da habe ich plötzlich so ein Gefühl, einen Instinkt. Mich überkommt ein schlechtes Gewissen. Ich war die letzten Minuten abgelenkt, vertieft mit meinen Funden. Dadurch habe ich ihn völlig vergessen. Den Kontrollblick!

Schnell schaue ich hinter mich und zucke zusammen. Ich weiß, dass der Ärger nun vorprogrammiert ist.

Henrik, der stets ohne Kopfhörer sucht, hat ihn bereits kommen sehen. Er hat seine Sachen in den Sand gelegt und geht direkt auf den Traktor zu. Gute Miene zum bösen Spiel stapfe ich Henrik hinterher.

Der Bauer ist direkt bis auf den Acker gefahren. Durch seine Wendung hat er mit den großen Reifen eine tiefe Furche in den Boden gedreht. Unter einem Jaulen erstirbt der Motor. Die Tür springt auf und ich kann die massige Gestalt dahinter erkennen.

Wir lächeln ihn beide an, als er aus seinem Führerhaus springt und auf uns zu geht.

"Hey ihr twee! Wat mokt ihr denn hie auf mien Acker? Die Swiene heff mie dat letzte Vörjahr die ganzen Kartüffeln anfreten. Ick will hie meene Ruh hebben"

Ich starre in ein wettergegerbtes Gesicht. Seine blaue Latzhose wird von einem stattlichen Bauch getragen und aus seinem karierten Hemd wächst ein Büschel Haare heraus. Alles wirkt sehr abgetragen und verschlissen. Vor mir steht ein Mensch, der nur die Arbeit auf dem Feld kennt.

Henrik ist die Ruhe selbst. Er versucht zu beschwichtigen.

"Entschuldigen Sie, dass wir auf ihren Acker gegangen sind. Er ist abgeerntet und daher dachten wir, es würde Sie nicht stören".

Ein Paar stechend blaue Augen schauen uns abwechselnd an. Henrik lässt den Satz wirken und fährt dann fort.

"Wir sind Schatzsucher und wollen hier nach alten Sachen aus der Schlacht der Franzosen suchen. Die Löcher machen wir selbstverständlich immer wieder zu und alten Schrott den wir finden, holen wir im Gegenzug für Sie heraus".

Er öffnet seine linke Tasche und befördert ein paar rostige Teile ans Tageslicht. Der Bauer schaut ungläubig auf den Schrott. Im Hochdeutsch antwortet er.

"Da werdet ihr nichts mehr finden. Der alte Kalli war doch schon jahrelang hier gewesen. "

Sein Blick geht dabei ins Leere, als wollte er einen Punkt im Himmel fixieren.

"Ich glaube, sein Sohn hat ihn beerbt. Den habe ich hier auch schon gesehen. Ein bisschen verrückt war er ja schon, der Kalli. Wie er hier rumlief mit seiner Wünschelrute. Es hat ja auch ein böses Ende genommen mit ihm. Vom Grenzschutz ist er gekommen...ja und dann haben sie ihn in Rente geschickt, gleich nach der Vereinigung. Da hat er angefangen sich fürs Sondeln zu interessieren, hat er mal erzählt der Kalli."

"Sie meinen so ein Suchgerät wie wir es haben?", unterbreche ich ihn und zeige auf mein Gestänge im Sand.

"Nee, nee" , winkt er ab.

"Der hatte so einen gebogenen Draht, so ne Schlaufe aus Draht. Ausgelacht haben wir ihn in der Schenke. Manchmal setzte er sich abends dazu und wollte uns Geschichten erzählen. Kein Wort haben wir ihm geglaubt. Und er sagte dann, dass wir noch alle staunen werden, weil er etwas weiß aus der Franzosenzeit. Na ja, am Anfang war auch seine Frau mit dabei. Sie ging immer brav mit auf dem Acker und half ihm. Ja, die ist dann gestorben irgendwann. Krebs hatte die, glaube ich."

Er reibt sich kurz übers Kinn und fährt fort.

"Ja, er wurde dann immer komischer. Miene Fru hat ihn einmal sogar nachts gesehen, wie er hier vorne mit der Taschenlampe durch die Kiefern lief. Später hat er hier am Weg einen Wohnwagen aufgestellt. Der Bürgermeister hat ihm das erlaubt, hat er mir erzählt. Eines Tages hat er mich vom Traktor runter gerufen. Ganz wild hat er ausgesehen. Die Toten hätten mit ihm gesprochen hat er gesagt. Sie sollen ihm geflüstert haben, dass er hier weitersuchen soll. Deswegen kann er nicht mehr weg. Wegen der Geister hat er mir erzählt. Ja und dann haben sie ihn gefunden, so ne Woche später, glaube ich. Die Polizei war auch da und der Bürgermeister und die Leute von der Presse. Hier war richtig was los, das kann ich Ihnen sagen."

Er hält dabei den Zeigefinger nach oben.

"Was war denn passiert?", unterbricht ihn Henrik.

"Tot war er. Mausetot! Im Wohnwagen haben sie ihn gefunden. Herzschlag oder so. Da müsst ihr den Bürgermeister fragen. Ja, komisch war der Kalli."

Er greift mit der Hand in den losen Ackerboden und lässt den Sand durch die Finger gleiten.

"Trocken ist es, viel zu trocken".

Er dreht sich wieder zu uns.

„Macht mir hier nix kaputt Jungs und wenn ich eingesät habe, habt ihr hier so gar nichts zu suchen. Ja, hier braucht ihr eh nicht suchen. Ihr werdet hier nix finden. 8 Jahre hat der Kalli hier gesucht. Und nix hat er gefunden."

Er macht eine kurze Pause.

"Nur seinen Tod, den hat er gefunden!".

Der Bauer wendet sich ab und steigt in seinen Traktor. Der Motor jault wieder auf. Der Bauer verschwindet in einer Wolke von Sand und Staub.

Henrik und ich starren uns an.

Schließlich unterbreche ich die Stille.

"Was soll man davon halten, das ist ja eine wilde Geschichte. Die Ersten sind wir hier jedenfalls nicht".

Langsam trotte ich zu meinem Suchgerät.

"Das war auch nicht anders zu erwarten", murmelt mir Henrik herüber.

Wir nehmen unsere Suche wieder auf. Den halben Acker haben wir mittlerweile abgeschritten und langsam füllen sich unsere Taschen. Wir finden Schnallen, Gürtelschliessen, Knöpfe, Münzen und Kugeln. Ein ganzes Sammelsurium an Ausrüstungsstücken und Überbleibseln der Schlacht. Fehlen tut jedoch noch der direkte Nachweis darüber, wer hier damals gestanden hat.

Ich habe den Acker fast abgesucht, als mich das schon gewohnte Geräusch hochreißt. Ich will gerade den Spaten ansetzen und halte plötzlich inne. Vor mir auf der Ackerscholle liegt er ganz offen. Schnell ergreife ich den Knopf. Er ist wunderschön gearbeitet. Ein florales Muster fasst eine große "75" ein. Ich wische mit dem Finger über die grün patinierte Oberfläche.

75. Linienregiment der Franzosen! Endlich der Beweis. Ich schreie es fast heraus.

"Henrik, hier. Schau dir das an".

Wir treffen uns auf halben Weg. Er prüft den Fund und sagt dann mit einer triumphierenden Stimme:

" Jaa, das ist es. Das 75. Linienregiment der Franzosen. Ich habe darüber gelesen. Es waren ganz junge Burschen, die hier oben verblutet sind. Das ist der Beweis Tim, sie waren hier oben, genau an diesem Punkt".

Er drückt zum Beweis, dass sie an diesem Punkt standen einen Stiefelabsatz in den Boden. Zufrieden stehen wir beide andächtig in der Sommerbrise.

"Lass uns Pause machen Henrik, ich habe echt Durst und muss endlich etwas trinken. Wie weit bist du denn gekommen? Zeig mal, was du gefunden hast."

Wir stapfen zum Feldrand und lassen uns auf der Rasenkante nieder.

Ich hole unsere Rucksäcke aus dem Auto. Das Picknick kann beginnen. Henrik zieht eine Plastiktüte aus der Tasche und breitet sie auf den Boden zwischen uns aus, sodass wir vorsichtig unsere Funde darauf schütten können. Hier im Schatten lässt es sich gut aushalten.

„Meine Güte“, denke ich, den Blick auf die Tüte gerichtet. Es ist ganz schön was zusammengekommen in den paar Stunden. Zufrieden lasse ich mich auf den Boden plumpsen. Ich bin durstig und hungrig, aber glücklich.

Langsam packe ich mein Stanniolpapier mit dem Brot aus. Henrik schnippt eine Ameise von seinem Knie auf den Sand.

"Ich habe eine Idee, warte mal".

Er springt auf und verschwindet in den Kiefern. Nach fünf Minuten kehrt er zurück und drückt mir eine Handvoll armlanger Stöcker in die Hand. Ich schaue etwas verblüfft. Er grinst mich an.

"Wir gehen jetzt nochmal auf den Acker und jeder von uns steckt jeweils einen Stock in seine alten Fundlöcher, ich habe da eine Idee".

Schon ist er in Richtung seiner Hälfte unterwegs. Ich stapfe zurück. An dem dunkleren, feuchteren Sand erkennt man sofort die Löcher. Wir hatten sie ja sorgfältig wieder verfüllt, doch es dauert immer eine Weile, bis sie wieder die gleiche Farbe annehmen. Nach 10 Minuten habe ich meine 23 Löcher markiert.

Still stehen wir beide nebeneinander und betrachten unser Werk. Was wir dort sehen, hätten wir niemals erwartet.

Wie von Geisterhand ist vor uns ein altes Karree der Franzosen wieder zum Leben erwacht. Dort, wo sie einst standen und fielen.

Die Stöcker ragen fast symmetrisch in die Höhe und man kann deutlich das große Rechteck erkennen, das sie bilden.

Als wären nach fast 200 Jahren die Soldaten wieder aus dem Staub und Sand auferstanden. Als stünde die Armee der Stöcker erneut hier, um für ihren Bonaparte bereit zu sein. Henrik bricht als erster das Schweigen.

"Siehst Du Tim, man kann genau sehen, wo sie das Karree gebildet haben. Schau mal, sie müssen da runter marschiert sein. Dort müssen wir weitermachen".

Er zeigt mit seinem Spaten Richtung Norden. Ich zische die Luft durch die Lippen und deute mit dem Kinn auf die Ackerfläche vor mir.

"Hier haben ja noch mehr Karrees gestanden. Die müssen wir auch noch finden. Bis wir den Hügel hier abgesucht haben, wird das dauern".

Er nickt zustimmend.

Ein leichter Wind ist aufgekommen. Spielerisch fährt eine Böe durch Henriks Haare. Er nimmt seine Brille ab, putzt sie umständlich mit dem Ende seines T-Shirts und schaut mich fragend an.

"Es ist mir ein Rätsel, wieso diese Sachen hier so lange im Verborgenen liegen konnten"

"Du hast doch gehört Henrik, der Kalli hatte hier jahrelang die Oberhand gehabt. Außerdem denke ich, dass die Sucher hier immer falsch gesucht haben. Das Denkmal ist locker 500 Meter von uns entfernt. Sicherlich haben die Leute nur dort gesucht, weil sie glaubten, genau da wäre die Schlacht gewesen."

Er nickt stumm zurück.

"Da magst du recht haben. Glaubst du, der Kalli hat auch jahrelang an der falschen Stelle gesucht? "

Er setzt sich die Brille wieder auf.

"Mmh...wir werden sehen Henrik, wir werden sehen".

Wir sammeln unsere Stockarmee wieder ein und setzen unsere Suche auf dem Ackerstück weiter fort. Immer wieder bleibe ich stehen und mein Blick wendet sich dabei Richtung Norden, dorthin, wo das Karree geflohen ist. Der Acker fällt dort in einer Senke ab und wenn ich für einen kurzen Moment die Augen schließe und innehalte, kann ich sie hören, das Klappern ihrer Ausrüstung, das Stampfen ihrer Füße…

2.

Marie steht vor ihm. Ihr blondes Haar fällt sanft über ihre zierlichen Schultern. In dieser Dunkelheit wirkt sie vor ihm wie ein leuchtender Engel. Wortlos streckt sie ihm ihre zarte, weiße Hand entgegen.

Sie zieht an ihm. Er will ihr antworten, doch aus seinem Mund kommen keine Worte. Er spürt ihren Druck, ihren Sog. Er will zu ihr, zu seiner Liebe. Doch er kann sich nicht bewegen. Seine Beine sind wie Blei. Immer stärker zieht und zerrt sie an ihm. Sie reißt an ihm, an seinem Arm und er fühlt sich so schrecklich hilflos dabei.

Dann hört er diesen unbeschreiblichen Lärm, es trommelt so fürchterlich an sein Ohr. Das Krachen, das Getöse um ihn, er will das nicht, er will zu seiner Marie.

Plötzlich reißt die Dunkelheit auf und er öffnet seine Augen. Der stechende Geruch verbrannten Pulvers zieht ihm in die Nase und lässt ihn unmittelbar zu sich kommen. Er sieht helle Rauchschwaden über seinem Kopf am Himmel vorbeiziehen.

„Steh auf Jacques! Komm, wir müssen weiter!“

Diese flehende, fast weinerliche Stimme zerrt an seinemTrommelfell. Sein Kamerad steht vor ihm und versucht ihn hochzuziehen. Schließlich nach endlosen Sekunden zieht er ihn auf seine wackeligen Beine. Er spürt das warme Rinnsal an seiner Stirn, das ihm von der Nase tropft. Er spürt den Schmerz, den Druck in seinen pochenden Schläfen.

Völlig benommen steht er auf, wackelt, wankt und sucht sein Gewehr. Erst jetzt nimmt er die Konturen seiner Umgebung wahr. Vor ihm türmt sich ein Berg von Leibern, Pferde mit zerrissenen Bäuchen, aus denen bläulich schimmernd die Gedärme hervorquellen, darunter und daneben tote Soldaten, Preußen und Franzosen. Ihre Beine und Arme seltsam verdreht. Sie liegen kreuz und quer, Freund und Feind nebeneinander im Tod vereint.

Ja, so viele tote Franzosen sieht er, ihre gebrochenen Augen starren ihn fragend an: „Jacques! Warum nur Jacques?!“ Rufen sie ihm still zu. Angewidert wendet er sich ab. Das gesamte

Heideplateau ist in Rauch gehüllt, das dumpfe Rollen der Artillerie klingt nun ferner.

Ein Adjutant reitet heran, sein Tschako und sein rechter Ärmel hängen zerfetzt herab, das Messingschild des Regiments ist heruntergerissen. Die Augen und Nüstern des Pferdes sind weit aufgerissen und das Tier steigt immer wieder nervös in die Höhe.

„Auuufschließen! Los ihr Backfische! Setzt euch in Bewegung…wir müssen Anschluss halten!“

Sie versuchen sich zu beeilen, andere Versprengte folgen ihnen. Immer wieder stürzen sie über das struppige Heidekraut und richten sich nur mühsam wieder auf. Nur noch wenige Meter trennt sie von ihren Kameraden. Das zusammengeschrumpfte Karree ist schon über die Kuppe und wendet sich nach Norden zu, dem dunklen Waldrand entgegen, der ihre Rettung bedeutet.

„Sie werden wiederkommen, die Reiter Jacques…sie kommen bestimmt wieder! Wir müssen uns beeilen sonst sind wir verloren“.

Kugeln zischen hell pfeifend über ihre Köpfe. Sie beschleunigen ihren Gang. Jacques bewegt sich mechanisch, er hört das Keuchen aus seinen Lungen, spürt das schnelle Klopfen seines Herzens. Es pumpt ihm bis zum Hals. Er kann keinen klaren Gedanken fassen, ein stechender Schmerz bohrt sich bei jedem Schritt in seinen Kopf.

Wieder knallt eine Salve der Musketen hinter ihnen los, der Feind ist ihnen scharf auf den Fersen und feuert direkt von der Kuppe auf sie herunter. Laut trällernd jault eine Kugel nur knapp an seinem Kopf vorbei.

Sie humpeln weiter. Es ist der reine Trieb. Der französische Soldat möchte leben und er läuft um sein Leben. Zurückbleiben bedeutet den Tod!

Dann vernehmen seine geschundenen Ohren dieses Geräusch. Es ist ein Zischen, ein langgezogenes Zischen. Schüchtern hebt er den Kopf in den Himmel und blinzelt in die rauchgeschwängerte Luft. Ein leuchtender Schweif zieht seine Bahn. Kometengleich kommt er immer näher, senkt sich plötzlich ab, direkt auf das Karree vor ihnen zu. Er zuckt zusammen, wie ein gejagtes Tier geht er in die Knie und sucht Deckung.

Eine ohrenbetäubende Explosion zerreißt die Luft, eine Welle des Druckes presst gegen seine Brust und nimmt ihm für einen Moment den Atem.

Die Rakete zerplatzt in der Luft zu einem Feuerball und spuckt seine bleierne Ladung aus. Wie sie laufen, fallen, schreien. Das Pferd des Adjutanten geht getroffen nach hinten in die Knie, fällt auf die Seite und begräbt seinen schreienden Reiter unter sich. Er stolpert weiter, den Hang hinunter, fällt über einen Kameraden, der sich am Kopf fasst und ihn wild hin und her schüttelt. Über und über mit Blut besudelt.

Er will das nicht sehen, das Grauen, das Sterben. Instinktiv fasst er sich im Laufen an den Hals, ergreift die Kette mit dem kleinen Kreuz aus Gold. Es ist noch da. Seine mit Schmutz verkrustete Hand umschließt es fest. Es wird ihn beschützen, wie es ihn immer beschützt hat und es wird ihn zurückbringen. Zurück zu seiner Marie!

Die Sonne steht schon tief und wirft ein zartes Tuch von tausenden Orangetönen über die Landschaft. Ein Krächzen erfüllt die Luft, die Saatkrähen ziehen über ihnen ihre Kreise, finden sich ein und sammeln sich über ihren Schlafbäumen. Mein Handgelenk beginnt zu schmerzen und ich stelle das Suchgerät an meiner Hüfte ab um die müden Knochen zu reiben. Ich werfe den Spaten lustlos in den Sand. Seit 20 Minuten bleibt mein Gerät still. Das Adrenalin weicht der Ernüchterung. Die Anspannung der letzten Stunden klopft mahnend an. Mein Blick geht über die Fläche, ich suche Henrik.

Ich sehe ihn völlig vertieft an einem Loch schaufeln. Mit der Hacke meines Stiefels zeichne ich eine gerade Linie in den Acker. Bis hierhin habe ich gesucht, es soll meine Markierung werden, an der ich mich später wieder orientieren kann. Dann zerre ich das Gerät wieder hoch und gehe damit pendelnd in seine Richtung. Es sind gut 100 Meter, die uns trennen.

Abwechselnd schaue ich auf Henrik und auf mein Display, das sich in der herabsenkenden Dunkelheit deutlich hellgrün leuchtend abzeichnet.

Dann, plötzlich, ein starkes Signal. Wie elektrisiert bleibe ich stehen. Ich bin einfach darüber hinweggegangen. Ich gehe einen Schritt zurück und lasse die Spule noch mal über meine Fußspuren im Sand pendeln. Da! Eine 55 springt mir von der Anzeige entgegen. Ich gehe in die Hocke. Die neue Körperhaltung tut mir gut und mein kleiner Spaten verschwindet geräuschlos in den Boden.

Ich spüre keine Müdigkeit mehr, alles ist wie weggewischt. Ein leichtes Kribbeln durchströmt mich. Mein Blick fixiert die frisch aufgeworfene Ackerscholle. Meine Finger bohren sich in die Erde. Wie ein Kamm gleiten sie durch den kühlen Sand. Mein Zeigefinger stößt auf etwas Hartes! Schnell ziehe ich meine Hand wieder heraus. Dunkelgrüne Patina leuchtet mich an.

Eine Krone, wunderschön gearbeitet, aus massivem Messing. Auf der Rückseite sind zwei Ösen zur Befestigung. Jeder französische Soldat hatte sie zusammen mit einem großen „N“ auf der ledernen Patronentasche befestigt. Es ist die Krone Napoleons. Das Zeichen des Imperators, des Kaisers, der sich bei der Krönung dieses Symbol der Macht selbst aufsetzte.

Gespannt stehe ich auf und gehe nun die Fundstelle vom Mittelpunkt an zentimetergenau ab und lasse dabei den Teller hart über den Boden schleifen, ich will keinen Millimeter Suchtiefe verschenken. Der schwarze Teller hebt sich bei der eingesetzten Dunkelheit nun fast nicht mehr vom Untergrund ab. Ich verlasse mich ausschließlich auf mein Gehör. Jedes noch so feine Summen im Kopfhörer führt dazu, dass ich abbremse und den Teller in halber Geschwindigkeit noch einmal darüber laufen lasse.

Vergessen ist Henrik, vergessen die Krähen, die Schmerzen, die Müdigkeit. Ich spüre nur den Trieb zu suchen und zu finden. Keiner kann mich nun aufhalten. Ich bin jetzt eine Suchmaschine.

Ein kühler Wind kommt auf. Ich interessiere mich nicht für den Wind. Plötzlich halte ich ein, war da nicht eben eine Stimme? Eine raue Männerkehle? Ich stutze kurz, drehe mich um. Ich meine nun etwas zu hören, ganz leise.