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Ein Jahr nach den albtraumhaften Ereignissen in Bremen hofft die Gynäkologin Dr. Eva Mares auf Ruhe. Doch der Neuanfang auf dem Land steht unter keinem guten Stern: Ihre Tochter zieht sich zurück, das Geld wird knapp, die Ehe ist angespannt. Dann stehen eines Nachts ein fremder Mann und seine hochschwangere Tochter Nina vor Evas Tür, es geht ihr nicht gut. Eva untersucht die Schwangere und kann Entwarnung geben, doch Nina hinterlässt ihr eine Botschaft auf dem Spiegel im Gästebad, in der sie um Hilfe bittet. Am nächsten Tag sind die beiden verschwunden. Während die Polizei einen alten Vermisstenfall untersucht, folgt Eva einer eigenen Spur und gerät in ein Netz aus Angst, Gewalt und Lügen ...
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Seitenzahl: 394
Veröffentlichungsjahr: 2026
Cover
Über das Buch
Titel
Sie
Eva
Frauke
Eva
Frauke
Eva
Frauke
Eva
Frauke
Eva
Mina
Sie
Eva
Frauke
Eva
Mina
Eva
Mina
Frauke
Eva
Frauke
Eva
Sie
Frauke
Mina
Eva
Frauke
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Frauke
Eva
Frauke
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Mina
Eva
Frauke
Eva
Frauke
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Mina
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Frauke
Eva
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Frauke
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Frauke
Eva
Frauke
Eva
Sie
Eva
Mina
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Frauke
Eva
Frauke
Eva
Frauke
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Eva
Sie
Frauke
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Frauke
Eva
Frauke
Sie
Mina
Eva
Frauke
Eva
Sie
Frauke
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Fiona
Eva
Frauke
Eva
Frauke
Eva
Frauke
Eva
Frauke
Mina
Eva
Frauke
Mina
Fiona
Frauke
Eva
Frauke
Mina
Eva
Mina
Frauke
Eva
Frauke
Eva
Frauke
Eva
Frauke
Eva
Frauke
Eva
Frauke
Drei Tage später Eva
Mina
Nachwort
Dank
Über die Autorin
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Impressum
Ein Jahr nach den albtraumhaften Ereignissen in Bremen hofft die Gynäkologin Dr. Eva Mares auf Ruhe. Doch der Neuanfang auf dem Land steht unter keinem guten Stern: Ihre Tochter zieht sich zurück, das Geld wird knapp, die Ehe ist angespannt. Dann stehen eines Nachts ein fremder Mann und seine hochschwangere Tochter Nina vor Evas Tür, es geht ihr nicht gut. Eva untersucht die Schwangere und kann Entwarnung geben, doch Nina hinterlässt ihr eine Botschaft auf dem Spiegel im Gästebad, in der sie um Hilfe bittet. Am nächsten Tag sind die beiden verschwunden. Während die Polizei einen alten Vermisstenfall untersucht, folgt Eva einer eigenen Spur und gerät in ein Netz aus Angst, Gewalt und Lügen …
MEIKE DANNENBERG
DIE ÄRZTIN
THRILLER
GEFÄHRLICHER BESUCH
Das Kopfsteinpflaster glänzte nass in der Gasse zwischen den Fachwerkhäusern des mittelalterlichen Bremer Gängeviertels. Schief lehnten die altersschwachen Fassaden aneinander. Alles hier war aus der Zeit gefallen, genau wie sie selbst gerade. Es würde keine Zukunft mehr geben, wie sie sie kannte, die Gegenwart hatte sich als feindlich entpuppt und wenn eines das andere gab, wusste man irgendwann nicht mehr, wie es angefangen hatte. Tagsüber strömten Touristen durch den Schnoor, die Galerien und Kunsthandwerkerläden, saßen in den Cafés und Konditoreien, abends war es hier still, nur wenige der schmalen Gebäude waren bewohnt. Sie hatte diesen Weg gewählt, um sich zwischen den Häusern von den Jahrhunderten ummantelt zu fühlen und weil er einen weiteren Umweg bedeutete und den Moment hinauszögerte, in dem sie ihm in die Augen sehen musste.
Sie hatte längst heimgehen wollen. Und gleichzeitig auf keinen Fall. Die Angst zwang sie bei jedem Schritt vorwärts innerlich zwei zurück.
Wie sollte sie es ihm beibringen? Seine Nachrichten auf dem Handy: Weißt du, wie spät es ist? Jede wütender als die vorherige. Sie stopfte die Hände in die Taschen ihres Blousons und warf einen Blick in den Himmel. Regenschwere Wolken schienen die Gebäude in die Knie zwingen zu wollen. Alles brach, wenn man genug Druck ausübte. Sie zuckte zusammen. Im Schaufenster neben ihr bewegte sich eine Gestalt. Nur eine Frau, die dekorierte. Sie senkte den Kopf, doch der schnelle Herzschlag blieb. An der Gabelung der Straße erwachte ein Motor, Scheinwerfer blendeten im grauen Abendlicht auf. Die Tür der Beifahrerseite wurde geöffnet wie eine Einladung, doch niemand stieg aus. Sie blieb stehen.
»Es ist schon spät!« Sie kannte die Stimme. Leichter Wind sprühte erste kalte Tropfen in ihr Gesicht. Sie schlurfte auf das Auto zu, jetzt war die Entscheidung also für sie getroffen worden. Er lächelte, doch es war kein freundliches Lächeln, mehr das Blecken von Zähnen im Halbdunkel. Sie ließ sich schwer in den Sitz fallen.
»Danke!«
»Mach die Tür zu.«
Als die Schließe ihres Anschnallgurtes einrastete, sah sie zu dem Mann auf dem Fahrersitz. Sie hatte keine Angst. Noch nicht. Aus dem Fußraum hinter ihnen zog er eine Tüte. Teilnahmslos beobachtete sie, wie er darin etwas suchte. Ein chemischer Geruch stieg von seinen Händen auf, und bevor sie begriff, was geschah, presste er ihr einen feuchten Lappen auf Mund und Nase. Sie wand sich, drückte mit beiden Händen gegen seine Arme, rang nach Luft, doch ihr Atem wurde zu Eissplittern in ihrem Mund, Frost breitete sich vom Hals abwärts in ihr aus, bis ihre Glieder taub wurden.
Sie erwachte mit hämmernden Kopfschmerzen, ihr war übel. Das kleine Nachtlicht an der Decke warf nur eine Aureole schummerigen Gelbs über sie, es reichte nicht, den klammen, muffigen Raum auszuleuchten, in dem sie lag. Ihre Nasenflügel blähten sich vor Entsetzen, rasch ließ sie ihre Finger über ihren Körper gleiten, erstastete die raue Faser einer Wolldecke. Sie lag mit dem Rücken auf einer nackten Matratze, er hatte sie zugedeckt.
Ihre zitternden Hände eilten zu ihrem Hosenbund und dem Shirt, das ihren Bauch bedeckte. Ihr entfuhr ein Schluchzer der Erleichterung. Sie war angezogen, ihr Körper schien unversehrt. Sie spürte voller Angst in sich hinein, doch da war kein Schmerz außer dem hinter ihren Schläfen. Beim Aufsetzen kämpfte sie Brechreiz nieder, der Boden unter ihren Füßen war winterkalt. Schemenhaft traten Möbel aus dem Halbdunkel hervor, eine Kommode, ein Tisch, ein Stuhl, Vorhänge. Mit wackligen Knien stand sie auf, bewegte sich auf das Fenster zu, ertastete mit ausgestreckten Armen den Stoff und zog ihn zur Seite.
Sie hatte schon lähmende Angst erfahren, aber bisher nicht gewusst, dass sie sich anfühlen konnte, als werde ihr Körper in Beton gegossen. Hinter den Vorhängen war kein Fenster. Nur eine nackte Wand aus grauem Gestein.
Eva schloss die Autotür. Über der Krone der Eiche neben dem Haus ging der volle Mond zwischen den Wolken auf, als treibe er in Milchsuppe nach oben. Der noch warme Motor ihres Wagens tickte leise in der Dunkelheit. Mit Blick zum Himmel atmete Eva die klare Luft der Wildeshauser Geest, roch frühlingsnasse Wiesen und einen Hauch Nachtfrost. Endlich Feierabend. Wie ruhig es hier war, wenn ihre Familie verreist war. Auch wenn das Haus unter den hohen Bäumen und mit dem dunklen Horizont hinter der großen Weide einsam wirkte, war sie erleichtert. Vor den Kindern gab sie sich größte Mühe, ihre Erschöpfung zu verbergen. Der turbulente Samstag im Krankenhaus hatte ihr heute alles abverlangt. Morgen früh würde sie in aller Ruhe das stetig wechselnde Spiel der graublauen Wolken an dem endlosen Himmel über der norddeutschen Ebene betrachten. Sie würde die Triebe des Frauenmantels, der Iris und Taglilien vom Laub des Vorjahres befreien und ihre Finger in die schwarze Erde stecken, statt empfindsame Körper zu berühren, die Schmerzen litten oder denen ihre Intervention nicht behagte, selbst wenn sie notwendig war. Einer Schwangeren hatte sie heute mit einer Zervixcerclage den Muttermund vernähen müssen, um die frühe Geburt ihrer Zwillinge herauszuzögern. Ein Baby war so klein zur Welt gekommen, dass sie es auf die Neonatalstation verlegen mussten. Aber es hatte auch schöne Momente gegeben, erleichterte, frischgebackene Eltern, die intensivsten Gefühle des Lebens.
Eine Eule ließ sich mit ausgebreiteten Flügeln aus dem Geäst fallen, ein schwarzer Scherenschnitt vor dem irisierten Himmel, der Eva aus ihrer Trance weckte. An der Haustür gab sie den Code ein und steckte den Schlüssel ins Schloss. Sie hatten im Herbst eine Alarmanlage und stabile Jalousien an Fenstern und Terrassentüren einbauen lassen, sogar einen Notfallknopf im Haus, der einen Sicherheitsdienst alarmierte, der auch sonst sporadisch nach dem Rechten sah. Trotz der schrecklichen Erfahrung des letzten Jahres waren sie nicht bereit gewesen, ihren Traum vom Landleben aufzugeben. Und es war auch nicht einfach, ein halbfertiges Bauernhausprojekt mit hohen Krediten wieder loszuwerden, selbst wenn sie gewollt hätten.
Ein Bewegungssensor schaltete in der Diele das Nachtlicht ein, auch das große Wohnzimmer wurde in schwaches Licht getaucht. Wann war sie zuletzt ganz allein hier gewesen? Nicht seit letztem Sommer. Doch der Krankenstand in der Klinik hatte im nasskalten Frühling einen derart ungeahnten Höhepunkt erreicht, sie hätte unmöglich mit zu Jacobs Eltern fahren können. Erleichtert streifte sie die Stiefel von den schmerzenden Füßen.
Als sie kurz darauf frisch geduscht im Jogginganzug auf dem Sofa saß, vor sich ein Tablett mit belegtem Brot und Birnenschnitzen, nahm Eva die Fernbedienung mit dem Bedürfnis, eine Serie an- und sich selbst auszuknipsen.
In ihrer dünnen Fahrradkleidung und trotz des Buffs aus Wolle über der Nase fror Frauke bitterlich im schneidenden Fahrtwind. Nach der Fahrradtour durch das Blockland hatten sie und ihre Freundinnen Anke und Olivia sich noch eine große Portion Samosa und Tikka Masala beim Inder in Schwachhausen geteilt. Währenddessen war die Frühlingswärme verschwunden und die Nachtluft kündigte bereits Frost an. In hohem Tempo bog sie in die kleine Straße mit den zweigeschossigen Backsteinhäusern ein, sah eine Frau mit gesenktem Kopf aus ihrem Vorgarten treten und bremste scharf. Mina, eigentlich Fermina, deren dunkle Locken bei jedem Schritt federten, gehörte zu den fröhlichen Charakteren in ihrem Team. Jetzt zuckte sie zurück, als Frauke vor ihr zum Stehen kam. Sie wirkte angespannt und nachdenklich. »Gott, hast du mich erschreckt!«
Frauke lächelte. »Was machst du hier so spät?« Mina verschränkte die Arme über ihrer dünnen Übergangsjacke. »Entschuldige, dass ich dich am Samstagabend störe. Hast du einen Moment?«
Frauke schob das Rad in den Unterstand und kettete es fest. »Klar!«
Mina hatte einen netten Mann und drei Kinder. Es musste einen guten Grund geben, warum sie am Wochenende bei ihr auftauchte. Die heiße Dusche würde warten müssen.
Im Wohnzimmer setzte Mina sich auf das breite Sofa, das unter ihr nachgab wie ein Wattebausch. Frauke öffnete mit dem Karabiner an ihrem Schlüsselbund zwei alkoholfreie Biere und schob Mina eines zu, die sich aus der Umarmung des Möbels kämpfen musste, um es entgegenzunehmen. Frauke deutete mit dem Flaschenboden auf das tiefblaue Samt-Getüm.
»Hat Antje ausgesucht.« Sie setzte sich auf den eckigen Ledersessel Mina gegenüber und streckte ihre langen Beine aus, bereit zuzuhören.
Minas linker Fuß wippte in schnellem Takt. »Ich habe heute Mittag, kurz vor Feierabend, eine Vermisstenanzeige auf dem Ticker gelesen, die ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Also bin ich noch mal zurück ins Präsidium, die Akte einsehen. Ich denke, das K33 sollte eine Ermittlungsgruppe bilden.« Mina zog einen dünnen Hefter aus ihrem Rucksack. »Ich habe eine Kopie dabei.«
Frauke zog eine Augenbraue hoch. »K33?! Mord und Totschlag? «
Mina nickte. »Und verschwundene Menschen.«
»Also geht es nicht oder nicht nur um sexualisierte Gewalt? Sind wir mit dem K32 irgendwie involviert?«
»Nein. Aber ich kenne die Frau und ihre Ehe aus dem K7.«
»Eine Erwachsene?« Frauke schnippte sich die Fahrradschuhe von den Füßen. Sie wusste, die drei Monate, die Mina vor zwei Jahren im Rahmen ihrer Ausbildung zur Kriminalkommissarin im K7 verbracht hatte, setzten ihr nach wie vor zu. Das siebte Fachdezernat war für regionale Delikte zuständig, dazu gehörten Fahrraddiebstähle, aber auch häusliche oder Partnerschaftsgewalt. Und von allen Fachkommissariaten legte das K7 mit Abstand die meisten Akten ab, ohne dass es zu einem Verfahren kam; fehlende Zeugen, fehlende Beweise. Bei entwendeten Fahrrädern nachvollziehbar, aber bei Gewalt hinter verschlossenen Türen mehr als frustrierend.
»Warte doch erst mal ab, wie das K33 die Vermisstensache einstuft.«
Mina beugte sich vor. »Wie schon? Im Moment sind die voll ausgelastet. Bei der aktuellen Bandenrivalität am Hauptbahnhof und dem erweiterten Suizid in Bremerhaven braucht es eindeutige Hinweise auf ein Verbrechen, um weitere Ermittlungen einzuleiten. Die gibt es aber nicht. Wir könnten die Suche nach der Frau übernehmen.« Minas Fuß hörte auf zu wippen.
Deshalb war sie also hier. Um ihr zu zeigen, wie wichtig diese Frau ihr war. Frauke sah die Spannung in Minas Lippen, die Wut, die in ihr brodelte. Sie seufzte. »Wir könnten vielleicht unsere Unterstützung anbieten.«
»Das sollten wir. Und ich möchte dabei sein. Ich bin ihr zwei Mal begegnet, erst auf Streife, dann im Krankenhaus.«
Fraukes Blick ging zur Uhr, es war fast zehn. »Ich geh kurz unter die Dusche, dann erzählst du mir alles.«
Mina schloss für eine Sekunde die Augen. »Danke!«
Ein Klingeln schreckte Eva aus dem Schlaf. War sie auf dem Sofa eingedöst? Wie spät mochte es sein? Der Fernseher zeigte den Abspann eines Films, der ihr nicht bekannt vorkam, aber inzwischen startete der Streamingdienst ja vollautomatisch einen nach dem anderen. Eva tastete nach der Fernbedienung, schaltete das Gerät aus und lauschte. Beim erneuten summenden Ton richtete sie sich alarmiert auf.
Niemand klingelte so spät in dieser Einöde, wenn es sich nicht um einen Notfall handelte. Eine Schrecksekunde lang hatte Eva zwei Beamte vor Augen, die ihr mit ernsten Gesichtern mitteilten, ihrer Familie sei etwas zugestoßen. Sie hatte im letzten Jahr so viel mit der Polizei zu tun gehabt, ihre Gedanken sprangen wie pawlowsche Hunde in diese Richtung, wann immer sich Gelegenheit ergab. Sie atmete lang aus, schälte sich aus ihrer Decke. Die Kamera im Eingangsbereich erfasste einen blonden Mann in einer Wollwalkjacke. Eva schob sich die Haare aus dem Gesicht; sie fühlte sich zittrig, nachdem sie direkt aus dem Schlaf gerissen worden war. Kannte sie den Mann? Sein Gesicht war durch die Linse verzerrt, doch sie war sich ziemlich sicher, ihn noch nie gesehen zu haben. Die Tür schien ihr plötzlich trotz der Sicherheitsschlösser fragil, die Entfernung von einem Kilometer zu den nächsten Nachbarn unüberbrückbar.
Der Mann trat nervös von einem Bein auf das andere. Eva nahm den Hörer der Gegensprechanlage auf. »Ja?«
Er schob den Mund zum Lautsprecher. »Bitte! Wir brauchen Ihre Hilfe!« Er trat einen Schritt zur Seite und gab den Blick auf eine dünne, blasse Frau frei, die ihre Hände auf einen sichtbar gewölbten Bauch presste.
Eva und Jacob hatten den nächsten Nachbarn versichert, im absoluten Notfall könnten sie immer zu ihnen kommen. Zwei Ärzte nebenan, näher als die Krankenhäuser in Oldenburg oder Bremen, da war das ja selbstredend. Aber diese beiden Menschen kannte sie nicht. Eva legte die Hand an das Schloss. Was, wenn das eine Finte war? Warum passierte das ausgerechnet, wenn sie nachts alleine hier war? Sie griff nach dem Schlüssel, zögerte. Ihr war, als rausche eine kalte Welle durch ihren Körper und verwandle den Boden in Schlick, der ihre Fußsohlen einsaugte. Der Mann blinzelte erneut in die Kamera. »Hallo?!«
Eva sah, wie alt er war, schmächtig. Die junge Frau hinter ihm schwankte im Licht der Nachtbeleuchtung wie ein Halm im Wind. Ich bin immer noch Ärztin, egal wie viel Angst ich habe, dachte sie, drehte den Schlüssel und öffnete die Tür.
Frauke setzte Kaffee auf und holte eine Kladde aus Antjes Arbeitszimmer. Sie zogen von der Couchlandschaft an den Küchentisch um. Bis auf das leise Gluckern des Wassers durch den Filter war es so still, als befänden sie sich mitten in Bremen auf einem eigenen Planeten. Frauke verteilte Tassen. »Was ist mit deinen Kindern?«
Mina schreckte aus der Lektüre der Akte auf. »Die Jungs machen Filmabend mit Papa. Izzi schläft schon.«
Frauke setzte sich, schenkte Kaffee ein und schlug das leere Heft auf. Es gab immer nur ein erstes Mal eine grausame Geschichte zu hören, in der Regel war diese hochemotional, voller Widersprüche und Zwischentöne. Es war ihre Aufgabe, ein justiziables Fundament zu bauen, Ermittlungsansatz und Rechtslage einzuschätzen. Mina sah gerade durch die Brille ihrer Schuldgefühle. Sie dagegen musste sich auf die Fakten konzentrieren, vor allem, weil Mina vorschlug, das übliche Verfahren zu umgehen. Und nach Minas Gesicht zu urteilen, ließ diese Geschichte niemanden kalt.
»Ich habe Sonja Lehmann vor etwas über zwei Jahren kennengelernt, in meinen letzten Wochen in Uniform.« Mina entnahm einer dünnen Akte ein Foto und schob es über den Tisch. Die Blessuren der Frau hätten auch von der Kollision mit einem Auto stammen können.
»Als ich da war, wurden keine Bilder gemacht, das ist aus dem Jahr danach. Nachbarn hatten damals Lärm und Schreie aus der Wohnung gehört, weit nach Mitternacht. Als wir mit zwei Wagen eintrafen, war es still. Großer Altbau in der Bahnhofsvorstadt. Andreas und ich ließen uns von den Nachbarn eine Personenbeschreibung geben und klingelten im ersten Stock. Sonjas Mann Carsten Lehmann öffnete. Wir sagten, wir würden gerne mit seiner Frau sprechen. Er behauptete, sie habe sich schlafen gelegt und eine Tablette genommen. Es habe einen Unfall gegeben, deshalb der Lärm.« Mina bewegte die Hand, als wolle sie etwas aus der Luft wischen. »Das Übliche. Wir forderten ihn auf, uns hereinzulassen.« Mina sah kurz in die Ferne. Die Situation war ihr unübersehbar nahegegangen. »Er war so ein Typ gealterter Sonnyboy, Zahnpastalächeln, definierte Muskeln, vermutlich aus dem Gym, aber nicht aufgepumpt. Enges weißes Shirt, hellblaue Jeans, nicht unsympathisch. Hinter ihm ein langer Flur mit abgeschliffenem Dielenboden.« Sie runzelte die Stirn. »Weißt du, was ich für einen Typ ich meine?«
Frauke neigte den Kopf und kniff die Augen zusammen. »Eher Surfer oder Finanzberater?«
Mina lächelte. »Zu viel Körperspannung für einen Surfer, blaue Augen wie Murmeln. Attraktiv für Menschen, die auf Blender stehen, das war mein erster Eindruck.« Frauke nickte, sie ahnte, was Mina meinte.
»Er tat gelassen, war aber wachsam bis zum Anschlag. Erst als die beiden Kollegen die Treppe raufkamen und Andreas sagte, wir würden uns Zutritt verschaffen, wenn er sich weiter sträubte, ließ er uns herein.«
Vier Beamte in Uniform. Er hätte seine Frau auch an die Tür holen können, aber das hatte Lehmann wohl nicht gewusst. »Und dann?«
»Sonja Lehman war jung, deutlich jünger als ihr Mann. Sie saß in der Ecke einer riesigen Designercouch, verheult und in eine Decke gewickelt, flackernder Blick. Sie war verletzt, aber nicht so schwer wie auf diesem Bild.« Mina deutete mit dem Kinn Richtung Foto. »Ihre Wange war rot, dem Kiefer war anzusehen, er würde noch blau werden, auf der Stirn hatte sie eine kleine Platzwunde. Sie war eindeutig geschlagen worden. Gleichzeitig war der Raum wie geleckt. Nirgendwo kaputtes Geschirr, alle teuren Möbel an ihrem Platz, der Glastisch glänzte.« Ihr Blick verlor sich an der Wand hinter Frauke. »Die Kollegen baten Carsten Lehmann in die Küche, während ich mit Andreas bei Sonja blieb. Sie hatte Angst.« Mina zog die Schultern hoch. »Ich war wütend und besorgt, fragte sie, ob ihr Mann ihr gegenüber handgreiflich geworden sei, aber sie verneinte. Ich erklärte ihr, dass wir ihn der Wohnung verweisen könnten, wenn sie das wollte, bot ihr an, einen Krankenwagen zu rufen, damit sie stationär aufgenommen werden konnte.« Mina hob beide Hände. »Sie behauptete steif und fest, gestürzt zu sein. Sie wollte nicht ins Krankenhaus und war nicht so schwer verletzt, dass wir darauf hätten bestehen müssen. Sie sah immer wieder zur Tür, als erwarte sie, bestraft zu werden, wenn sie etwas anderes sagte.« Mina zog eine traurige Grimasse. »Was sicher genau der Wahrheit entsprach! Wir schrieben eine Eingabe zu dem Einsatz. Es gab keine Zeugen und sie deckte ihn. Ich fühlte mich völlig hilflos, am liebsten hätte ich dem Typen die Fresse poliert. Wir haben ihre und die Daten ihres Mannes damals noch nicht an die Beratungsstelle für Partnerschaftsgewalt weitergeleitet, die hätten ja wenigstens noch einmal Kontakt aufgenommen. Aber so war der Fall für alle erledigt.«
»Außer für Sonja Lehmann?«
»Ganz genau.«
Der Mann stützte die Schwangere, bis Eva sie ihm abnahm. Sie hatte eiskalte Hände. Das Wollkleid war zu dünn für die frische Nachtluft.
»Haben Sie Schmerzen?«
Die Frau schüttelte den Kopf. Eva schätzte sie auf Anfang, höchstens Mitte zwanzig. Ihr Haar war stumpf, die Haut fahl. Wenn die Schwangerschaft sie nicht ausgezehrt hatte, war sie vorher schon sehr schlank gewesen. »Wie heißen Sie?«
»Nina.« Ihre Stimme war nicht mehr als ein Hauch. Sie zitterte und setzte sich vorsichtig auf das Sofa. »Nina Pottmer.«
Eva bat sie mit einer Geste sich hinzulegen und deckte sie mit der Decke zu, die noch warm von ihrem eigenen Körper war. Dann kniete sie sich neben Nina auf den Boden und betrachtete die junge Frau. Sie wirkte verschreckt, doch wenn ihr Blick zu ihr herüberflackerte, war er klar und wach. Keine Drogen. Es schien ihr lediglich schwerzufallen, Augenkontakt zu halten.
»In der wievielten Woche sind Sie?«
»Knapp in der dreißigsten. Bisher ging es mir gut.«
»Und was hat sich verändert?«
»Ich bin so müde.« Wie zur Bestätigung schloss sie die Augen.
»Was genau ist passiert?«
Sie schlug die Augen wieder auf. »Ich bin ohnmächtig geworden. Vielleicht habe ich zu wenig getrunken.« Sie zuckte mit den Achseln.
»Ich messe jetzt Ihren Puls.« Ihre Handgelenke waren dünn, fast ausgemergelt. Mit Blick auf den Sekundenzeiger der Küchenuhr zählte Eva die Schläge. Schnell und kräftig. Nina war nervös.
»Darf ich?« Auf ein schwaches Nicken von Nina zog Eva die Decke ein Stück herunter, das Kleid hoch, die Strumpfhose zur Seite. Sie legte beide Hände auf die Kugel ihres Bauches. Der Nabel hatte sich vorgewölbt, das war ab der zwanzigsten Woche normal. Eva tastete vorsichtig, drückte ein wenig. Das Kind hatte sich noch nicht gedreht, es war noch Platz im Uterus. Aber es lag ganz still. Eva wartete angespannt, fühlte ihr eigenes Herz in der Brust schneller schlagen. Sie sah zu dem Mann hinüber, der in ihrer Küche stand und sie beobachtete. Seine Augen waren angstvoll geweitet.
Mina tippte auf die Akte zwischen ihnen. »Ein Jahr später wurde die Polizei erneut zu den Lehmanns gerufen, ähnliche Situation, schlimmere Verletzungen. Da war ich schon in der Ausbildung bei der Kripo, aber es war Freitagabend. Sonja kam ins Krankenhaus, galt als nicht vernehmungsfähig, und Carsten Lehmann landete über Nacht in einer Zelle. Am Samstag hatte ich Haftprüfungsdienst. Schon als ich die Namen las, sah ich den Typen wieder genau vor mir.« Mina schauderte. »Ich fuhr in die Klinik. Sonja hätte einfach nur sagen müssen, wie es war, und Carsten Lehmann wäre in Untersuchungshaft gekommen. Ich sagte ihr, dass ich mich an sie erinnere.« Mina hob in hilfloser Verzweiflung erneut die Hände. Allmählich kehrte sie zu den expressiven Gesten zurück, die Frauke von ihr gewohnt war. Angesichts ihrer Starre zuvor war das beruhigend.
»Sie behauptete, sie sei auf der Treppe gestürzt, ein Schrank sei in der Wohnung von der Wand gefallen.«
Mina lehnte sich zurück. »Wir wussten beide, sie lügt. Bei unserem ersten Aufeinandertreffen wirkte sie so erschrocken, total überfordert mit der Situation. Aber ich traute ihr zu, ihn zu verlassen, wenn der Schock sich erst gelegt hätte.« Sie schüttelte den Kopf. »Frauke, die Frau im Krankenbett war ein anderer Mensch. Ausgezehrt, ihr Licht erloschen.« Mina seufzte. »Ich blieb fast zwei Stunden, wollte verstehen, was in ihr vorging. Wir haben uns über ihr Leben unterhalten, mir wurde ganz schlecht. Sie hatte Marketing studiert und aufgehört, als sie Carsten kennenlernte. Sie jobbte noch in einer Agentur, aber das passte ihm auch nicht. Familie und Freunde, Fehlanzeige. Ihre Mutter lebte in der Nähe, aber sie sah sie fast nie, der Kontakt zu ihrer Schwester war eingeschlafen. Carsten Lehmann hat Sonja manipuliert und isoliert. Um Themen, die mit ihm zu tun hatten, lavierte sie herum wie um Tretminen. Er habe es ja auch nicht leicht gehabt, und so weiter. Sie durfte mir nicht verraten, wie es wirklich war, obwohl wir es beide wussten! Als ich psychologische Hilfe und einen Platz im Frauenhaus anbot, machte sie komplett dicht. Kennst du das? Wenn jemand so neben sich steht, als habe die Person ihren Körper verlassen? Ich konnte sehen, wie sie sich vor meinen Augen verflüchtigte.«
Mina sah auf das Foto. »Das stammt von dem Freitagabend. Ich war gezwungen, die Haft für Carsten Lehmann aufheben zu lassen.« Mina starrte Frauke an. »Kannst du dir vorstellen, wie ich mich gefühlt habe?«
Frauke nickte. »Ich verstehe das. Und jetzt ist sie verschwunden. Aber Sonja ist eine erwachsene Frau, die allen Grund hatte, sich abzusetzen. Gibt es Anhaltspunkte für ein Verbrechen außer der Gewaltbereitschaft ihres Mannes?«
»Ich habe Sonjas Mutter angerufen. Die sagt, sie hätte sich bei ihr gemeldet, wenn sie ihren Mann verlässt. Sie macht sich große Sorgen.«
»Warum hat er dann selbst Anzeige erstatten?«
»Um zu vertuschen, was er getan hat?«
»Das K33 wird zu einer Dringlichkeitseinschätzung kommen. Wir können nur unsere Hilfe anbieten, okay?«
»Sie hat niemanden, der ihr helfen könnte. Kein Geld, wahrscheinlich nicht einmal ihre Papiere. Ich bin mir sicher, er hat ihr etwas angetan.«
Frauke musterte Mina. Sie sah todunglücklich aus. »Das ist ein ernster Vorwurf. Wir schreiben vermisste Erwachsene nur bei Gefahr für Leib und Leben zur Fahndung aus. Wenn wir alles in Bewegung setzen, lenken wir Aufmerksamkeit auf Sonja, die sie sich vielleicht nicht wünscht.«
Minas Blick wanderte unstet durch die Küche, sie kaute auf ihrer Unterlippe. Dann schüttelte sie den Kopf. »Trotzdem. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Mann seine Frau als vermisst meldet, nachdem er sie getötet hat. Denk an den Fall in Schleswig-Holstein, der Ehemann wurde sogar ohne ihre Leiche des Mordes angeklagt. Ich habe dieses beschissene Gefühl. Wenn es ihr gut geht, werden wir ihren Aufenthaltsort geheim halten. Aber wenn er ihr etwas angetan hat, darf er nicht damit davonkommen. Morgen ist Sonntag und ich weiß …«
Frauke winkte ab. »Antje ist verreist, das passt schon.« Minas Sorge und Anschuldigungen waren beunruhigend. Es gab zu viele schwelende Brände, als dass sie sie alle löschen konnten, bei einer Katastrophe blieb immer das Gefühl, es geahnt zu haben. Weil es fast immer so war.
Frauke schlug die Kladde zu. »Dann ist es beschlossene Sache. Ich finde morgen im Präsidium heraus, was das K33 unternommen hat und biete notfalls unsere Unterstützung an.«
Mina lächelte traurig. »Danke.«
»Eine Sache noch. Hast du an Suizid gedacht?«
»Ich glaube nicht, dass sie sich das Leben genommen hat. Laut ihrem Mann ist sie schwanger.«
Die Minuten zogen sich endlos. Eva schüttelte Ninas Bauch leicht, ein sanftes Wecksignal. Plötzlich drückte etwas gegen ihre Handfläche, klein und hart. Ein Füßchen oder Knie. Eva atmete aus. »Na, hallo du!«
Sie sah die Erleichterung in Ninas Gesicht. Was musste sie für Angst gehabt haben. Aber noch konnte sie keine Entwarnung geben.
Eva bedeutete Ninas Begleiter, sich zu entfernen. Er wurde rot, drehte sich um und sah durch das große Fenster über der Arbeitsplatte in die Nacht hinaus. Eva zog Ninas Strumpfhose herunter. Kein Blut. Die Schwangere litt nicht unter Atemnot, ihr Puls war regelmäßig. Scheinbar keine Wehen oder Vorwehen. Allmählich kehrte auch Farbe in ihr Gesicht zurück.
»Warum haben Sie keinen Notarzt gerufen oder sind direkt in die Klinik gefahren, als Sie umgekippt sind? Ich habe hier nur begrenzte Mittel für eine Untersuchung.«
Nina schüttelte den Kopf. »Bitte, kein Krankenhaus.« Ihre Stimme kippte einen halben Ton höher. Eva runzelte die Stirn, stand auf und trat an den Esstisch. »Und wie ist Ihr Name?«
Der Mann wandte sich um. »Siegmund Pottmer.«
Er war ebenso dünn und hatte das gleiche blonde Haar wie Nina, nur dass es bei ihm fusselig um sein scharfkantiges Gesicht lag. Seine Jacke aus Wollfilz hing inzwischen über einer Stuhllehne, darunter trug er einen grauen Strickpullover voller Knötchen, der um seinen dünnen Körper schlackerte. Er erschien Eva alt, aber drahtig. Vorzeitig gealtert oder schon fast ein Greis? Er wirkte noch weniger bedrohlich als durch die Kameralinse.
»Nina ist Ihre Tochter?«
»Ja.« Siegmund Pottmer sah sich nervös um.
»Hat sie ausreichend gegessen und getrunken?«
»Weiß ich nicht. Sie ist einfach umgekippt.« Wieder hielt er nur kurz Blickkontakt.
»Sind Sie die Mieter der Meyers? In dem Bauwagen auf der Futterwiese?«
Eva hatte gehört, dass ein Mann und eine Frau über den Sommer dort wohnen wollten. Aber noch gab es Nachtfrost. Siegmund Pottmer nickte, er wirkte überrascht.
Eva war erschöpft, sie wollte nicht hier und jetzt die Verantwortung dafür übernehmen, ob es sich bei Ninas Kreislaufkollaps um eine ernste Komplikation handelte.
»Nina sollte im Krankenhaus komplett durchgecheckt werden. Ich rufe einen Krankenwagen, das ist das Sicherste.«
Der Mann fuhr sich nervös mit der Hand über die Platte zwischen seinen schütteren Haaren. »Wir haben keine Krankenversicherung.«
Genau das hatte Eva befürchtet. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Was für ein Mist. Es gab einen Rattenschwanz an Problemen, wenn die beiden in einem Krankenhaus auftauchten, in dem alle Töpfe für Pro-Bono-Behandlungen schon ausgeschöpft waren. Wenn es keine Indikation für einen Notfall gab, konnten da ein paar tausend Euro zusammenkommen.
»Ich habe hier wirklich nur eingeschränkte Möglichkeiten.«
Er hob die dürren Schultern. »Das ist wenigstens etwas. Wir haben einen kleinen Marktstand mit Kunsthandwerk, kommen gerade so über die Runden. Nina wollte sich die ganze Zeit schon beim Sozialamt anmelden, aber irgendwie ist die Zeit so schnell vergangen.«
Eva schüttelte den Kopf. Über Siegmund und Nina, die sich ihren Feierabend ausgesucht hatten, um auf dem Boden der Realität einer Schwangerschaft und ihrer Folgen anzukommen. Und über das duale Gesundheitssystem in Deutschland. Obwohl es eine Krankenversicherungspflicht gab, sah die gesetzliche Krankenkasse für Selbstständige, die am Existenzminimum wirtschafteten, keinen bezahlbaren Tarif vor. Sie wechselten zuerst in eine private Kasse, konnten sich irgendwann die steigenden Beiträge nicht mehr leisten und ihnen wurde gekündigt. Und das fiel erst auf, wenn diese Person ärztliche Hilfe brauchte. Siegmund Pottmer hatte seine Tochter da anscheinend mit reingezogen, und sie tat Nina keinen Gefallen, wenn sie einen Krankenwagen rief. Wenn sie die beiden andererseits bat, eigenständig in die Klinik in Oldenburg zu fahren, würden sie wohl kaum dort ankommen, jetzt, wo es Nina schon ein wenig besser ging.
Eva deutete auf die Schwangere. »Hat Ihre Tochter Vorerkrankungen?«
Sein Blinzeln wurde hektisch, ein Mann in Aufruhr. »Nicht, dass ich wüsste.« Eva stellte noch ein paar weitere Fragen, die er mit zitternder Stimme beantwortete. Anscheinend schämte er sich, und Eva kam nicht umhin, ihm da recht zu geben. Er hatte sich für diese Existenz entschieden, aber eine Schwangerschaft konnte Komplikationen mit sich bringen. Nina war dreiundzwanzig, längst kein Kind mehr, aber sie wäre nicht die erste junge Erwachsene, die in diesem Alter noch keine Ahnung vom deutschen Versicherungsdickicht hatte.
Eva blickte zu der jungen Frau, die die Hände über ihrem Bauch gefaltet hatte. Das Licht der Stehlampe hinter dem Sofa warf Schlagschatten in ihr verhärmtes Gesicht, die Augen schienen so noch tiefer in ihren Höhlen zu liegen. Alles, was mit ihrem Körper derzeit passierte, hatte sie bisher alleine durchstehen müssen. Wo war der Vater des Kindes? Sie tat ihr leid. Und ein wenig tat sie sich auch selbst leid. Die Müdigkeit saß wie Blei in ihren Knochen, aber Nina hatte zu ihr gefunden. Evas Widerstand schwand, es war, wie es war. Sie setzte sich neben Nina auf das Sofa, nahm ihre immer noch kühle Hand.
»Ich untersuche Sie so gründlich, wie es mir hier möglich ist. Sollte mir auch nur die kleinste Unstimmigkeit auffallen, rufe ich einen Rettungswagen, der Sie nach Oldenburg bringt.«
Ninas Vater war näher gekommen, er wirkte nach wie vor angespannt. Eva ignoriert ihn und sah Nina in die Augen. »Wir bekommen das hin, okay?« Sie ließ ihre Hand los und wandte sich an Siegmund Pottmer. »Ich hole jetzt meinen Arztkoffer, kochen Sie uns bitte einen Tee.« Eva deutete in Richtung Küche. »Steht alles rechts auf der Anrichte.«
Der Körper des Mannes bebte.
»Lassen Sie das.« Eva schüttelte den Kopf. »Hören Sie auf zu weinen. Es gibt sicher einiges zu regeln und Sie müssen Nina dabei unterstützen. Sie sollte sich gleich Montag arbeitslos melden, aber das besprechen wir später. Jetzt schauen wir erst einmal nach dem Baby.«
Eva war erleichtert, auf der Treppe ein wenig Abstand zu gewinnen. Was für ein Tag!
Im Schlafzimmer zog sie ihre Arzttasche aus dem Schrank, Jacobs stand daneben; sie hielten sie beide immer mit allem Notwendigen gepackt. Es war nicht sonderlich überraschend, dass Meyers Untermieter erst bei ihr auftauchten, bevor sie ohne Krankenversicherung eine Klinik aufsuchten. Aber so war das Angebot der Nachbarschaftshilfe eigentlich nicht gedacht gewesen. Sie würde ein ernstes Wort mit Edith Meyer reden müssen, die die beiden mit Sicherheit geschickt hatte.
Nachdem Mina gegangen war, las Frauke sich ihre Notizen durch und fertigte eine Liste der Schritte an, die es einzuleiten galt. Dann lehnte sie sich zurück. Heute Nachmittag, als sie mit hoher Geschwindigkeit in der ersten Frühlingswärme über den Deich im Blockland geradelt war und den Zugvögeln nachgeschaut hatte, die auf die Feuchtwiesen zurückkehrten, war ihr Job weit weg gewesen. Als Leiterin des K32 kam das fast nie vor. Sie hatte mit so vielen grauenhaften Situationen zu tun, es fiel ihr immer schwerer, das Leben außerhalb zu genießen und auch mal abzuschalten. Besonders wenn Antje nicht da war und sie mit ihrem sanften Humor aus dem eckigen Gefühl herausholte, in dem sie sich zusehends der Welt und die Welt sich ihr präsentierte. Als seien scharfe Kanten die einzig mögliche Verteidigung gegen Gewalt und Elend. Frauke seufzte. Eigentlich hatte sie Antje anrufen wollen, aber jetzt war es zu spät. Das Reizklima auf Juist und ihre alte Mutter, die auf Unterhaltungsshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen stand, sorgten dort spätestens ab acht für komatöse Müdigkeit. Sie räumte die Kaffeetassen in die Spülmaschine und ließ sich auf das neue Sofa fallen. Antje hatte es unlängst entdeckt und sich sofort in dessen verschlingende Polster verliebt. Frauke dagegen war es eher unheimlich, sich erst aus seiner Umklammerung herauswinden zu müssen, wenn man aufstehen wollte. Es schien nicht gemacht für Menschen in ständiger Alarmbereitschaft.
Jetzt legte sie den Kopf in den Nacken, gab sich der Schwere in den Beinen und dem Kribbeln am Steiß hin, Nachwirkungen der Fahrradtour. Allmählich spürte sie, was Antje meinte. Das Sofa war nicht nur ein schlaffes Möbel, geeignet darin zu versinken, es war wie ein Marshmallow, der ihren Körper trug, wenn sie es nur zuließ. Hätte Mina sie nicht mit ihrer Sorge angesteckt, würde sie jetzt direkt hier einschlafen.
Eva maß Ninas Blutdruck, hörte Lunge und Herz ab. Mit dem Pinard-Rohr suchte sie auf ihrem runden Bauch nach dem Herzschlag des Kindes. Es war jetzt wach und rollte sich hin und her. Eva suchte eine Position, bei der der Trichter des Stethoskops am Rücken des Fötus lag, so war sein Herz der Bauchdecke am nächsten. Sie zog das hohle Holzrohr den elektronischen Mini-Fetal-Dopplern vor. Es gab inzwischen Kleinstgeräte, Smartphone-Apps, mit denen man die Herztöne eines Kindes aufzeichnen und sogar direkt posten konnte. Zuletzt hatte sie mehrfach Eltern in der Klinik beruhigen müssen, weil das Gerät keinen Herzschlag fand. Dabei war es für Laien schlicht nicht so einfach, wie die Hersteller es ihnen weismachen wollten.
Eva hörte und tastete geduldig, bis sie im regelmäßigen Rauschen von Ninas Blut ein schnelles Pochen vernahm. Das Intervall war gut. Eva ahmte das Geräusch nach und freute sich über Ninas vorsichtiges Lächeln. Siegmund Pottmer stellte eine Kanne Tee auf den Couchtisch. Er reichte Nina eine Tasse und Eva wartete, bis sie ein paar Schlucke getrunken hatte. »Ich werde jetzt den Muttermund abtasten, in Ordnung?«
Auf ihren Blick hin flüchtete Ninas Vater wieder in die Küche. Die junge Frau runzelte die Stirn, kurz hatte Eva das Gefühl, sie wolle etwas sagen. Dann huschte ein Schatten über ihr Gesicht, sie rutschte tiefer und stellte die Beine auf.
»Alles in Ordnung?« Eva sah sich um, ob Siegmund Pottmer außer Hörweite war. Nina nickte leicht und blickte zur Wand. »Das wird jetzt kurz kalt.« Eva rieb ihre Hände aneinander, um mehr Wärme in die Finger zu bringen. Sie fühlte die Muskelkontraktionen der jungen Frau und ihre eigenen Armhaare sträubten sich, weil ihre Patientin sich bei der intimen Untersuchung so offensichtlich unwohl fühlte. Aber was sollte sie tun? Es gab keine andere Möglichkeit.
Nach einigen Minuten rollte Eva die Handschuhe ab, warf sie in einen Müllbeutel und nahm neue. »Der Muttermund ist geschlossen, das Gewebe elastisch, genau, wie es zu diesem Zeitpunkt sein sollte.« Sie musterte die junge Frau, die angestrengt an die Decke starrte und leicht zitterte. Eva neigte sich näher. »Haben Sie etwas auf dem Herzen?«
Nina schloss die Augen, eine Träne lief aus ihrem Augenwinkel. Sie schüttelte erneut den Kopf. »Ich mache mir nur Sorgen um das Baby.«
»Dem scheint es gut zu gehen! Wir testen jetzt Ihren Urin und Blutzucker, und wenn die Ergebnisse ebenfalls unauffällig sind, müssen Sie heute Nacht nicht mehr ins Krankenhaus. Aber morgen kommen Sie zu mir in die Klinik und wir checken Sie komplett durch.« Eva lächelte beruhigend. »Ich habe nachgedacht, wir können die Untersuchung über eine gemeinnützige Organisation abrechnen oder ich regle das mit der Klinikleitung. Wir machen ein großes Blutbild und einen Ultraschall.« Eva drückte Ninas Hand. »Dann können Sie Ihr Baby auch sehen.« Sie zog eine Lanzette aus der Glucosetest-Box. »Das pikst jetzt kurz.«
Das Blutzuckermessgerät zeigte einen ziemlich hohen Wert. Die Zuckerwerte waren während einer Schwangerschaft häufig erhöht, konnten aber auch auf einen beginnenden Diabetes hinweisen. Sie reichte Nina einen sterilen Plastikbecher. »Die Toilette ist neben der Eingangstür. Lassen Sie den Becher einfach dort stehen.«
Nina rappelte sich auf. Eva sah ihr nach, als sie Richtung Bad ging. Sie war weniger wackelig auf den Beinen als zuvor. Sie drehte sich zu Ninas Vater um. »Haben Sie gehört? Sie kommen morgen zu mir in die Klinik. Dann sind wir auf der sicheren Seite und es kostet auch nichts. Bisher scheint alles in Ordnung zu sein!«
Pottmer war die Erleichterung deutlich anzusehen. Er nickte.
Als Nina zurückkam, ging Eva mit den Teststreifen in das kleine Bad. Bei einem Diabetes wäre auch Eiweiß im Urin. Ihre Augen tränten inzwischen vor Müdigkeit. Zum Glück war auch dieser letzte Test unauffällig und es gab keine Entzündungsanzeichen. Eva legte den Teststreifen auf ein Stück Klopapier am Rand des Waschbeckens und kehrte zu ihren ungebetenen Gästen zurück.
»Ich kann im Moment keine Ursache für den Schwindel finden. Ihre Zuckerwerte sind erhöht, aber das ist noch nicht per se ein Grund zur Sorge. Meine Schicht im Klinikum Bremen beginnt morgen um fünfzehn Uhr, kommen Sie direkt in den vierten Stock zur Aufnahme der Gynäkologie. Wir werden als Erstes einen Glukosebelastungstest durchführen, also bleiben Sie nüchtern. Acht Stunden vorher nur Wasser trinken, nichts essen. Ich weiß, das ist schwer, aber ein Diabetes kann für Sie und das Kind gefährlich werden, den müssen wir ausschließen.« Sie sah den Schrecken in Ninas Gesicht. »Machen Sie sich keine unnötigen Sorgen. Wenn man ihn rechtzeitig erkennt, ist er mit einer Diät gut kontrollierbar und verschwindet nach der Geburt wieder.«
Nina sah sie unverwandt an, stand dann langsam vom Sofa auf.
Eva lächelte. »Wir haben ein großartiges Ultraschallgerät mit Farbe und in 3D, ein EKG machen wir auch. Also bringen Sie etwas Zeit mit.« Sie schrieb die Durchwahl der Station auf einen Notizzettel. »Und wie gesagt, Sie bekommen keine Rechnung.« Sie legte Nina sanft die Hand an den Arm. »Sonntags ist es meist ruhig auf der Station. Wir bestimmen den Geburtstermin und reden darüber, was noch alles bis dahin zu erledigen ist. Auch damit Sie in die Krankenkasse kommen und welche Ansprüche auf Unterstützung Sie für die restliche Schwangerschaft und die ersten Monate mit dem Baby haben, auch finanziell. Sie sind nicht allein!« Eva begleitete die beiden zur Tür.
»Danke!«, wisperte Nina. Siegmund Pottmer nickte und ging auf den Wagen zu, der auf dem Rand der Wiese gegenüber parkte. Nina stand noch da, sah sie an, als wandle sie in einer Traumwelt.
Ein eigenartiges Paar. »Sie kommen zu mir ins Krankenhaus, wir kriegen das hin.« Trotz ihres kurzen Nickerchens vorhin zog die Erschöpfung an Evas Gliedern. Das hier war kein Notfall, morgen war auch noch ein Tag. Auch Ninas Vater wirkte jetzt ungeduldig, vielleicht war es ihm unangenehm, sie so spät und ohne echte Not behelligt zu haben. Nina sah sich nach ihrem Vater um. Er hatte den Wagen erreicht und schaute zu ihnen herüber. Sie drehte sich um und trottete ihm hinterher.
Eva hob die Hand. »Bis morgen! Ich warte auf Sie!«
Sie schloss die Tür, holte tief Luft und ging in die Küche. Aus dem untersten Fach des Küchenschranks nahm sie den Sterilisator und legte die Instrumente hinein. Sie knotete den Beutel mit dem medizinischen Abfall zu und warf ihn in den Mülleimer unter der Spüle. Evas Blick fiel auf das Teegeschirr. Sie war bis Dienstag allein zu Hause, das konnte warten. Schlafen, nur noch schlafen.
Eine Wohnung, in der vier Personen tief und fest schliefen, schien fast selbst zu atmen, fand Mina. Sie lag mit offenen Augen im Bett und meinte sogar, Izzis leises Schnaufen aus dem Zimmer am Ende des Flures hören zu können. Dazu den tiefen, gleichmäßigen Atem ihrer beiden neunjährigen Söhne, die dazu neigten aufzudrehen, bis sie irgendwann umfielen und bis zum Morgen durchschliefen. Am lautesten allerdings war Raimunds pfeifendes Schnarchen an ihrer Seite. Mina kuschelte sich an ihn, hoffte, die Geborgenheit seines Körpers verscheuche ihre düsteren Gedanken, die um die einsame Sonja kreisten. Sie versuchte, an etwas Schönes zu denken. Spanien, das Meer, die prickelnde Hitze der Mittagssonne auf ihrer Haut. Sie sah sich als kleines Mädchen, wie sie bei ihrer Abuelita im Olivenhain spielte. Sie wurde ermahnt, nicht durch das knisternde gelbe Gras zu laufen, oben am Hang, wo die Erde hart war und die Schlangen unter den heißen Steinen Mittagsschlaf hielten. Doch sie hatte keine Angst. Die Angst kam zurück, wenn sie wieder in der kleinen verschatteten Wohnung in Barcelona war, die zusätzlich beengt wirkte, weil ihr Vater ihr dort die Luft zum Atmen raubte. Die sonnenflirrende Hitze der Küste verwandelte sich in Minas Gedanken in eine drückende Abgasglocke über der sommerlichen Stadt. Sie rollte sich auf den Rücken. So würde sie nicht einschlafen. Sie stand auf, ging über den kühlen Dielenboden in die Küche und setzte Wasser auf. Damals hatte sie sich gefragt, was ihre Mamita angestellt hatte, dass Papá sie so schlug. Sie hatte nicht infrage gestellt, dass der Gewalt irgendetwas vorausgegangen sein musste. Ihr Papá war ja lieb zu ihr. Mina pustete in ihre Tasse, doch gegen die Traurigkeit, die sie empfand, wenn sie an ihre Mutter dachte und sich selbst als Dreikäsehoch in der kleinen Wohnung, kam der heiße Kräutertee nicht an. Sie war immer leiser geworden inmitten dieser lauten Stadt, hatte sich gefürchtet, irgendwann des gleichen Verbrechens bezichtigt zu werden wie Mamá und die gleiche Strafe zu erhalten. Wie konnte sie verhindern, etwas falsch zu machen, wenn sie nicht wusste, was es war?
Minas Kiefer verhärtete sich. Die kleine Lampe auf der Fensterbank schien auf die üppig grünen Kräutertöpfe, die Raimund gepflanzt hatte, daneben lag ein Bild, das Izzi vor dem Einschlafen für sie gemalt hatte. Bunte Kreise mit Wachsmalern.
Barcelona war lange her. Mina wusste jetzt, eine Liebe, die hochgehalten wurde wie eine Handgranate, war keine echte Liebe. Und die Liebe, die ihr Vater empfunden haben mochte, war ihm Bürde und Waffe zugleich gewesen. Das Verbrechen ihrer Mutter: ihre Schönheit und Fröhlichkeit, wenn sie mit Menschen plauderte, ihr lautes Lachen und breites Lächeln. Das waren ihre Vergehen.
Sie lief im Kreis, nach jeder zweiten Runde schlug sie mit der flachen Hand gegen die Metalltür. Trotz ihrer Erschöpfung und erneutem Schwindel hielt die Panik sie auf den Beinen. Ihre Handflächen waren rot und schmerzten, dennoch schlug sie zu, nach jedem zweiten Kreis, der zehn Schritte umfasste.
»Du Arschloch! Ich bekomme ein Kind. Was soll das?!«
Sie rief, obwohl ihre Kehle brannte und sie selbst hörte, wie dünn ihre Stimme war. Die Wut war glühend, sie versengte ihren Körper von innen. Sie wusste, sie gab ihr ihren Hass als Zunder, nährte sie verzweifelt. Selbst der verzehrende Zorn war leichter zu ertragen als die Angst. Ihre aussichtslose Lage drückte ihr die Kehle zu, bis sie keine Luft mehr bekam. Schiere Panik wurde zu Qual, die aus ihrer Körpermitte heraus jede Zelle mit Schmerz flutete, bis sie das Gefühl hatte, in Flammen zu stehen. Dann zitterte und schlotterte sie, wusste mit jeder Faser: Sie hatte nicht auf ihr Kind aufgepasst. Niemand würde sie je hier finden.
Die kleinen Eiskristalle an Narzissen und Tulpen schmolzen schnell in der warmen Frühlingsluft, aus den braunen Herbstblättern der Taglilien, Himbeeren und Prachtspiere stachen grüne Triebe hervor. Geschäftige Meisen schossen zwischen den Büschen hin und her wie Pingpongbälle; zukünftige Vogeleltern, die Eva misstrauisch beäugten und mit Nistmaterial im Schnabel im Unterholz verschwanden. An einem ähnlich klaren Sonntag im letzten Frühjahr, bevor das alles passiert war, hatten sich Eva und ihre Kinder an einer Vogelzählung beteiligt. Anschließend hatten sie sich gewundert, wie viele Lerchen, Wiedehopfe, Spechte, Wachteln, Fasane und Eichelhäher in dieser Gegend gesehen worden waren, während auf ihrer Liste nur Kohl- und Blaumeisen, Rotkehlchen, Amseln und der Zaunkönig standen, der regelmäßig bei ihnen nistete. Inzwischen kannten sie die Unterschiede zwischen Tannen- und Sumpfmeisen, konnten Habichte und Bussarde auseinanderhalten und hatten sogar einen Eisvogel an der Hamme erspäht, aber Eva wurde das Gefühl nicht los, im Unterholz lebten noch zahlreiche Tiere, die sie beobachteten, während die ehemaligen Städter zu blind waren, sie zu bemerken. Sie hoffte, mit den Jahren änderte sich das. Es war einer ihrer größten Wünsche, ihren Kindern für die Schönheit der Natur und allen Lebens darin die Augen zu öffnen.
Eva trat über die Steine im Bachlauf hinter dem Haus. Der Untergrund schlotzte unter ihren Wanderstiefeln, und Schlamm quoll zwischen hellen Halmen hervor. Sie erreichte den Feldweg, der am Wald entlangführte. Die Bäume zeigten erste frische Knospen, auch im Garten zeichnete sich ab, wie üppig die Stauden sich ausbreiteten, die sie erst vor zwei Jahren gepflanzt hatte. Doch trotz der betörenden Aufbruchsstimmung der Natur empfand Eva nicht die Freude, die ihr ihre Spaziergänge früher bereitet hatten. Auch die Erholung, die sie sich von der Einsamkeit erhofft hatte, war ausgeblieben. Sie hielt ihr Gesicht in die Sonne. Inzwischen wusste sie, als Familie Opfer eines Verbrechens zu sein, hieß Teil einer Gemeinschaft mit veränderter Realität zu werden, die sich in Therapiezentren traf und Blicke ertrug, wenn Kinder eskalierten. Und sie hatte die Tiefe des Grabens unterschätzt, der vorher und nachher trennte, die Angst, jederzeit könne erneut etwas passieren. Sie hatte gewusst, niemand war unantastbar, trotzdem war der Gedanke früher abstrakt und fern gewesen. Jetzt hatte sich die Verwundbarkeit in ihren Körper eingeschrieben und zurrte Muskeln zwischen den Schulterblättern zusammen. Eva fürchtete, wenn sie aufhörte, die Angst um ihre Familie in Schach zu halten, würde sie womöglich zusammenfallen wie eine Marionette mit gekappten Schnüren. Dabei brauchte Nelly sie. Und ihre Patientinnen, besonders solche wie Nina. Eine Schwangere, die nicht versichert war! Womöglich war sie vor Angst und Überforderung umgekippt. Nina Pottmer schien Eva wenig gewappnet für die kommenden Herausforderungen. Neben der Versorgung gehörte viel Organisation dazu, ein so kleines Wesen in dieser Gesellschaft willkommen zu heißen. Sozialleistungen für die sie eine Meldebestätigung brauchte, eine Geburtsurkunde für das Kindergeld. Aber wenn sie keinen festen Wohnsitz hatte, und eine Wiese mit Bauwagen zählte da sicher nicht, konnte das Amt sie schon vor der Geburt in einer Mutter-Kind-Unterkunft unterbringen oder bei der Wohnungsvermittlung helfen. Sie würde ihr später die Nummer der Schwangere-in-Not-Hotline geben, das hätte sie gestern schon tun sollen.
Eva sah einem Entenpaar hinterher, das quakend über sie hinwegflog. Vielleicht war es auf dem Weg zur Hamme, um dort im Schilf zu brüten? Mit dem Hof auf dem Land hatten sie sich ihren Traum verwirklicht, sie musste nur wieder lernen, ihn zu genießen.
Eva vermied den Blick in die tiefen Schatten zwischen den Tannen, die auf dem Hügel hinter der Weide standen. Es hieß, unter den Bäumen liege ein Hünengrab aus der Megalithkultur; die Gegend war voll davon. Früher hatte sie das Zeugnis der Menschen gemocht, die seit Jahrtausenden hier sesshaft waren, jetzt kam ihr der Staub der unzähligen Knochen unter der Erde gelegentlich morbid vor, und Nelly machte inzwischen einen großen Bogen um die Gräber. Sie ging auch nicht mehr in den Eiskeller, fürchtete sich vor dem kleinen dunklen Erdbau aus Ziegeln, dabei hatte sie sich ausgemalt, dort einen Partykeller oder Proberaum einzurichten, eine Band zu gründen.
