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Mei-Ling, die Prinzessin des Lotusreichs, ist im Schloss für ihre Missgeschicke berüchtigt. Als ihr Vater zusammenbricht, zieht sie auf eigene Faust los, um ein Heilmittel für ihn zu suchen. Unterwegs stößt sie auf den grimmigen Silberdrachen Byakurai und geht versehentlich eine »Partnerschaft« mit ihm ein. Gezwungenerweise müssen sie nun zusammenarbeiten, um die unvollständige Verbindung zwischen ihnen wieder zu lösen. Doch dabei kommen die beiden sich immer näher. Das gefällt Byakurais eifersüchtigem Freund Seiran allerdings gar nicht, denn genau wie alle anderen Drachen hasst er die Menschen, die sein Volk einst betrogen haben. - Mit Zeichnungen der beliebten Mangaka sora (Eigentlich lieb ich dich). - Für Fans von Yona – Prinzessin der Morgendämmerung und Hüterin der Drachen. - Magisches Werk über eine mutige Heldin und die Bedeutung von Verantwortung.
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Seitenzahl: 209
Veröffentlichungsjahr: 2026
Prolog
Das Leben steckte voller unerwarteter Ereignisse. Mei-Ling lebte gerade einmal sechzehn Jahre auf dieser Welt und dennoch hatte sie dieser Wahrheit schon oft ins Auge blicken müssen. Jedoch nie so eindrucksvoll wie in diesem Moment. Sie konnte kaum glauben, was soeben geschehen war. Wer hätte gedacht, dass ihre Suche nach Löwenzahn zu so etwas führen würde …
»Zu Hilfe! Die Prinzessin hat …!«, kreischte ihre Zofe.
»Da ist ein gewaltiges Loch in der Wand!«, rief ein herbeieilender Diener.
»Ist der Prinzessin etwa schon wieder ein Missgeschick passiert?!«, schimpfte ein älterer Beamter.
Mei-Ling hörte die Schritte weiterer aufgeregter Menschen hinter sich. Langsam drehte sie sich um und setzte ein breites Lächeln auf.
»Das war ja wieder eine Glanzleistung. Was würde Prinz Ko-Ren sagen, wenn er Euch so sähe?«, meinte der Beamte.
»Urg … E… Er wäre auf jeden Fall sehr wütend auf mich. Und ich hätte es verdient«, antwortete Mei-Ling bedrückt.
»Ach was, wir sind Eure Missgeschicke bereits gewöhnt. Räumen wir hier auf, bevor Prinz Ko-Ren etwas merkt«, sagte ein Bediensteter lachend.
»Was ist mit mir?«, erklang eine unerwartete Stimme, die alle zusammenschrecken ließ.
Als sie sich zu ihr umdrehten, stand dort ein Junge, der Mei-Ling zum Verwechseln ähnlich sah. Sein Anblick war allerdings so imposant und Furcht einflößend wie der eines Teufels. Das glatte schwarze Haar des Jugendlichen war gerade lang genug, um seine Ohren zu bedecken. Seine Augen waren von jener außergewöhnlichen goldenen Farbe, die nur in der kaiserlichen Familie des Lotusreichs vorkam. Man hätte Ko-Ren als hübschen jungen Mann bezeichnen können, wenn er statt dieser abscheulichen Teufelsfratze ein ruhiges Lächeln aufgesetzt hätte. Stattdessen ähnelte er derzeit eher den Gottheiten Prajna oder Asura.
»K… Ko-Ren«, stammelte Mei-Ling eingeschüchtert.
»Da komme ich in den Garten, um zu sehen, was dieser Aufruhr zu bedeuten hat, und finde das hier vor. Willst du mir verraten, wie das passiert ist, Schwester? Wo kommt dieses gewaltige Loch in der Wand her? Ich kann mir nicht einmal ansatzweise vorstellen, wie es dazu gekommen sein könnte. Würdest du mich aufklären?«, verlangte er von ihr.
D… Das Prajna-Lächeln!, kreischte Mei-Ling innerlich und bekam am ganzen Körper Gänsehaut.
»A… Also … I… Ich wollte unserem erschöpften Vater nur einen wohltuenden Tee zubereiten«, setzte sie panisch zu einer Erklärung an.
»Einen Tee, ja?«, wiederholte Ko-Ren und Mei-Ling fühlte sich von ihrem zwei Jahre jüngeren Bruder seltsam unter Druck gesetzt.
»J… Ja, genau«, bestätigte sie mit Nachdruck. »Derzeit passieren so viele schreckliche Dinge im Land, dass Vater bis zum Umfallen arbeiten muss. Ich wollte ihm ein wenig dieser Last nehmen, indem ich ihm einen stärkenden Kräutertee zubereite. Ich habe hier nur nach Löwenzahn gesucht.«
»Aha. Zumindest verstehe ich jetzt, weshalb du nach Löwenzahn gesucht hast«, meinte Ko-Ren und seine Worte ließen Mei-Ling kurz aufatmen. Aber gleich darauf schien es in seinen Augen gefährlich zu blitzen. »Dennoch frage ich mich, wie man es dabei schafft, ein Loch in eine Wand zu reißen.«
Mei-Ling schielte hinter sich, bevor sie arglos den Kopf zur Seite neigte und beteuerte: »Keine Ahnung? Ich kann es dir nicht sagen.«
»Tu nicht so unschuldig. Normale Menschen reißen beim Löwenzahnsammeln keine Löcher in Wände«, fuhr Ko-Ren sie an.
»D… Das weiß ich auch. Aber während ich die Blumen gepflückt habe, kamen plötzlich Insekten auf mich zugeflogen. Da habe ich mich erschrocken und wäre fast gestürzt und … Ich musste einen Ausfallschritt machen, um nicht zu fallen, verstehst du? Aber da lag mein Tuch, sodass ich ausgerutscht und mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen bin. Trotzdem weiß ich nicht, wieso da jetzt so ein großes Loch ist«, erklärte Mei-Ling und legte nachdenklich die Hand an ihre rechte Wange.
Ko-Rens Augenbrauen zuckten gefährlich. »Na, genau deswegen. Du bist sprichwörtlich mit dem Kopf durch die Wand gegangen«, sprach er das Offensichtliche aus.
»A… Aber … ist es denn normal, mit dem Kopf Löcher in Wände zu schlagen?«, wunderte sich seine Schwester.
»Deshalb sage ich doch, dass es seltsam ist. Genauso seltsam wie die Häufigkeit, mit der dir solch merkwürdige Missgeschicke passieren«, machte Ko-Ren seinem Ärger Luft, bevor er einen schweren Seufzer ausstieß. Mei-Ling fühlte sich schrecklich und ließ die Schultern hängen. »Warum musst du nur immer für Ärger sorgen, Schwester?«
»E… Es tut mir leid. Ich tue es nie mit Absicht«, beteuerte sie.
»Natürlich nicht!«, brauste ihr Bruder erneut auf, doch da mischte sich eine ruhige und gelassene Stimme ein.
»Es gibt keinen Grund so zu schreien, Ko-Ren«, sagte ein Mann, der gerade erst den Ort des Geschehens erreicht hatte.
»Vater!«, rief der Kronprinz erschrocken aus.
»Hallo, Vater …«, murmelte Mei-Ling ertappt.
Die Geschwister wechselten einen Blick, um sich abzustimmen, dass sie das Geschehene besser nicht vor ihrem Vater Ko-Yo geheim halten sollten.
Nachdem dieser sich die Geschichte angehört hatte, blickte er erst zu dem großen Loch hinter Mei-Ling und anschließend zu seiner Tochter. »Mei-Ling«, sagte er in undeutbarem Ton.
»Ja?«, erwiderte sie untertänig und wappnete sich innerlich für eine Strafpredigt. Dieses Mal ließ sich ihre Schuld nicht bestreiten. Die Prinzessin war bereit, jegliche Zurechtweisung zu erdulden.
»Bist du verletzt?«, erkundigte sich Ko-Yo stattdessen.
»Bitte verz… Was?«, brach Mei-Ling ihre Entschuldigung ab und sah überrascht zu ihrem Vater auf, dessen Worte nicht ihren Erwartungen entsprachen.
»Bist du verletzt?«, wiederholte er seine Frage, woraufhin seine Tochter nur verwirrt den Kopf schüttelte.
»N… Nein. Ich habe nur eine kleine Schürfwunde an der Stirn. Nichts Ernstes«, antwortete sie.
»Ein Glück. Es wäre eine Katastrophe, wenn eine Narbe auf deinem hübschen Gesicht zurückbliebe. Sicherheitshalber solltest du trotzdem den Hofarzt aufsuchen«, bat Ko-Yo seine Erstgeborene. Anstatt mit ihr zu schimpfen, sorgte er sich offensichtlich um sie.
Das verwirrte sie nur noch mehr. »D… Das werde ich. Nur …«
»Ja? Was ist, Mei-Ling?«, fragte er sanft und musterte sie aufmerksam.
»W… Wollt Ihr mich denn gar nicht bestrafen? Schließlich habe ich diesen ganzen Ärger verursacht«, sprach sie aus, was ihr auf der Seele lag.
»Was redest du denn da? Ist das denn nicht geschehen, während du meinetwegen nach Löwenzahn gesucht hast? Eine solche gute Tat sollte nicht gerügt werden«, erwiderte Ko-Yo mit einem sanften Lächeln, woraufhin Mei-Ling fast die Tränen kamen.
Im Gegensatz zum brillanten Ko-Ren, der sich als Kronprinz mit seinen gerade einmal vierzehn Jahren bereits über die Landesgrenzen hinaus einen Namen gemacht hatte, kannte man Mei-Ling innerhalb des Palasts nur als die Unglücksprinzessin.
Wann immer sie etwas anstellte, kam ihr Vater sofort herbeigeeilt. Dabei zeigte er allerdings öfter Verständnis, als dass er mit ihr schimpfte.
Mei-Ling war jedoch bewusst, dass Ko-Yo mit Ko-Ren niemals nachsichtig war. In letzter Zeit wurde ihr Bruder nicht mehr so oft zurechtgewiesen, doch in der Vergangenheit hatten die häufigen Belehrungen ihren kleinen Bruder stark belastet. Damals hatte sie ihn als große Schwester stets getröstet. »Vater schimpft nur so mit dir, weil er hohe Erwartungen an dich hat«, hatte sie Ko-Ren unzählige Male versichert.
Im Umkehrschluss musste das jedoch bedeuten, dass von Mei-Ling nicht viel erwartet wurde. Nach dem ganzen Ärger, den sie bisher verursacht hatte, überraschte sie das nicht im Geringsten. Dennoch blieb sie die Tochter des Kaisers. Sie bewunderte ihren Vater, der aufgrund seiner gütigen Regierungsweise vom Volk respektiert wurde.
Mei-Ling wollte Ko-Yo eine Tochter sein, die seinen Erwartungen entsprach. Aber vielleicht war dieser Gedanke egoistisch. Möglicherweise war es auch nicht richtig, seine Anerkennung an seinen Tadeln zu bemessen. Dabei wünschte sich die Prinzessin nichts sehnlicher, als ihrem Vater irgendwie nützlich sein zu können. Allerdings endete alles, was sie sich vornahm, im Chaos.
»Es ist überhaupt nichts in Ordnung, Vater. Was sollen wir mit diesem Loch in der Wand machen? Zurzeit ist jeder schwer beschäftigt. Wer soll das reparieren?«, verlangte Ko-Ren zu wissen.
Derzeit sah sich das Lotusreich einer noch nie dagewesenen Krise gegenüber. Es war ein kleines Land, das dank seines milden Klimas und fruchtbaren Bodens zwar nicht als reich, aber doch als wohlhabend und friedlich bezeichnet werden konnte. Derzeit wurde es jedoch von einem ungewöhnlichen Wetterphänomen heimgesucht. Eigentlich hätte es zu dieser Jahreszeit bereits wärmer sein müssen, sodass die Blumen in voller Blütenpracht hätten stehen sollen. Doch noch verbargen sie ihre Gesichter scheu in den Knospen. Selbst den paar mutigen, die sich bereits dem Himmel entgegenstreckten, fehlte der Glanz und sie welkten bald dahin.
Ein kalter Wind fegte über das Reich hinweg und gelegentlich erreichten den Palast Berichte über späte Schneefälle aus allen Regionen. Überall herrschte tristes Wetter. Man hatte die Sonne seit Tagen nicht mehr gesehen und wenn sie doch einmal ihr Antlitz zeigte, versteckte sie es alsbald wieder hinter einer dichten Wolkendecke.
Diese Witterung hielt bereits so lange an, dass die Pflanzen auf den Feldern nicht wuchsen und die Notreserven langsam knapp wurden. Die Bewohner des Lotusreichs litten unter einer noch nie dagewesenen Hungersnot. Ko-Yo arbeitete Tag und Nacht an Gegenmaßnahmen, doch keiner seiner Pläne fruchtete. Die Palastbewohner mussten nicht nur ihrem üblichen Tagewerk nachgehen, sondern auch durchs Land reisen, um Abhilfe zu schaffen.
Selbstverständlich war Mei-Ling über die Zustände im Bilde. Deshalb hatte sie überlegt, einen Tee aus Löwenzahn zu brauen, denn diese widerstandsfähige Pflanze wuchs überall. Als Erstes sollte ihr Vater davon kosten dürfen, da er sogar den Schlaf vernachlässigte, um sein Reich zu retten.
Doch ihre gute Absicht hatte zu einem Loch in der Wand geführt, sodass sie gewillt war, es selbst zu reparieren. Zum Glück hatte sie geschickte Hände und konnte von der Hausarbeit bis hin zu kleinen Reparaturen alles erledigen. Das Gelernte war ein Zeugnis all ihrer verzweifelten Bemühungen, sich nützlich zu machen, aber bisher hatten sich die Dinge immer in die falsche Richtung entwickelt. Dies war der perfekte Moment, um ihr Können unter Beweis zu stellen.
»I… Ich könnte doch …«, ergriff Mei-Ling das Wort, doch ihr Bruder ließ sie nicht aussprechen.
»Du hältst dich fern, Mei-Ling«, wies Ko-Ren sie mit eiskaltem Blick zurecht.
»Jawohl«, erwiderte sie kleinlaut.
»Hör mir gut zu, Schwester. Es gehört sich nicht für eine Prinzessin, sich die Hände schmutzig zu machen. Bitte benimm dich in Zukunft gemäß deines Standes. Gib dich damenhaft und hört auf, für Chaos zu sorgen. Oder versuch wenigstens, das Schloss nicht weiter zu zerstören«, ermahnte sie Ko-Ren.
Mei-Ling sank unter seinen harschen Worten immer weiter in sich zusammen, während sie ihnen gewissenhaft lauschte. Ko-Yo versuchte, seinen Sohn zu besänftigten, doch dessen Wut kannte keine Grenzen. »Vielleicht wäre es für das Reich und meine Schwester besser, wenn du sie nur einmal ordentlich züchtigst, Vater. Nur ein einziges Mal … Vater?«
Ko-Ren unterbrach sich mitten im Satz. Verwundert blickte Mei-Ling auf und wurde Zeuge, wie ihr eben noch gefasster Vater sich vor Schmerzen krümmte. Die Geschwister eilten Ko-Yo zur Seite und stützten ihn gemeinsam.
»Was ist mit dir, Vater?«, fragte Mei-Ling verzweifelt, erhielt jedoch keine Antwort. Aus der Nähe erkannte sie nun, wie blass er war. »Ko-Ren, Vater ist bewusstlos!«, erkannte sie mit Schrecken.
»Eine Katastrophe! Ruft sofort den Hofarzt!«, wandte dieser sich an die umstehenden Bediensteten. Sofort hörten sie, wie jemand davonrannte.
Die Menschen versammelten sich um die Kaiserfamilie, während Ko-Ren immer wieder nach seinem Vater rief. Mei-Ling kam es vor, als betrachte sie das Geschehen aus weiter Ferne.
Nachdem der Hofarzt Ko-Yos Untersuchung abgeschlossen hatte, verließ er das Schlafgemach und wandte sich mit sanftem Blick an die besorgten Kinder des Kaisers: »Ich habe alles in meiner Macht Stehende getan. Mir ist zu Ohren gekommen, dass Seine Majestät in letzter Zeit nicht richtig gegessen hat. Obendrein soll er kaum geschlafen haben. Es handelt sich um einen klassischen Schwächeanfall durch Überarbeitung. Wenn Seine Majestät sich weiterhin selbst vernachlässigt, riskiert er sein Leben.«
»Oh nein! Was sollen wir tun? Wie können wir unseren Vater retten?«, fragte Mei-Ling panisch.
»Seine Majestät kann sich nur selbst retten«, antwortete der Hofarzt niedergeschlagen.
Entsetzt schlug sich Mei-Ling beide Hände vor den Mund, um nicht jämmerlich zu weinen.
»Ist der Zustand Seiner Majestät wirklich so ernst?«, fragte Ko-Ren ruhig, doch in seiner Stimme war ein leichtes Zittern zu hören.
Der Hofarzt sah die Geschwister betroffen an und nickte leicht. »Ich werde alles in meiner Macht Stehende für ihn tun, doch … Eure Hoheiten sollten sich auf das Schlimmste gefasst machen«, teilte er ihnen mit, bevor er sich tief vor den Kindern verbeugte und den Raum verließ.
Nachdem der Hofarzt sich verabschiedet hatte, konnte Mei-Ling ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. »Das ist alles meine Schuld. Hätte ich nur nicht diesen ganzen Ärger verursacht. Dabei wusste ich doch, dass Vater angeschlagen ist. Ich hoffe, er kann mir verzeihen. Oh, bitte vergib mir, Vater!«, schluchzte sie, obwohl sie wusste, dass Ko-Yo sie nicht hören konnte.
So war es schon immer gewesen. Im Gegensatz zum perfekten Kronprinzen Ko-Ren verursachte Prinzessin Mei-Ling Probleme, wo immer sie hinging. So leid es ihr auch tat, sie konnte nichts dagegen tun. Je mehr sie sich bemühte, dem Beispiel ihres kleinen Bruders zu folgen, desto fataler fielen ihre Missgeschicke aus.
Mei-Lings Mutter lebte derzeit nicht im Lotusreich. Sie war schon immer von schwacher Konstitution gewesen und erholte sich nach einer schweren Erkrankung für eine Weile in einem befreundeten Nachbarland, dessen medizinische Versorgung fortschrittlicher war.
Jedes Mal, wenn Mei-Ling beschloss, die Aufgaben ihrer Mutter zu übernehmen, sorgte das für die verschiedensten Probleme am Hof. So wie auch an diesem Tag. Die Prinzessin hatte doch nur helfen wollen, aber das hatte zum Zusammenbruch ihres Vaters geführt. Als ihr ihre Erbärmlichkeit nun bewusst wurde, musste sie nur noch mehr weinen.
»Mei-Ling … Ich glaube, dass Vater dieses Mal auch ohne dein Zutun bald zusammengebrochen wäre«, tröstete Ko-Ren sie leise.
»Wie kommst du darauf?«, stutzte sie.
»Du bist dir doch der aktuellen Lage unseres Reichs bewusst. Vater sucht die ganze Zeit allein nach einer Lösung. Obwohl ich der Kronprinz bin, war ich so naiv, zu glauben, dass Vater das schon irgendwie regeln wird. Dieses Mal liegt die Schuld bei mir«, erklärte Ko-Ren, biss sich auf die Lippe und wandte sich von Mei-Ling ab.
Doch schon bald drehte er sich wieder um und sah seiner Schwester direkt in die Augen. Obwohl sie die gleiche Augenfarbe hatten, strahlten seine durch den dahinter verborgen starken Willen heller. Sie glänzten, als wären sie tatsächlich aus Gold, nein, sogar noch kräftiger, sodass Mei-Ling bei ihrem Anblick die Luft wegblieb.
»Ich werde alles daransetzen, Vater würdig zu vertreten. Du musst dich um nichts sorgen, liebste Schwester. Kümmere du dich um Vater, während ich mich um das Reich kümmere«, verkündete der Kronprinz voller Überzeugung.
»Ko-Ren …«, setzte Mei-Ling zu einem Gegenargument an.
»Ich bin sicher, dass sich Vater mit dir an seiner Seite schnell erholen wird. Du hast eine Kraft, die die Menschen um dich herum erstarken lässt«, unterbrach er sie.
»Aber ich …«, versuchte es seine Schwester erneut.
Ko-Ren schien jedoch bereits zu ahnen, dass sie ihre Hilfe anbieten wollte, daher sagte er abwehrend: »Ich werde tun, was ich tun kann. Und du solltest tun, was nur du tun kannst.« Dann fügte er noch mit einem sanften Lächeln hinzu, dass sie sich gut um ihren Vater kümmern solle, bevor er den Raum verließ. In diesem Moment wirkte Mei-Lings kleiner Bruder ehrwürdiger und ernsthafter denn je.
Doch obwohl dieser Anblick sie beruhigte, fühlte sich die Prinzessin innerlich nach wie vor verunsichert. Sie würde wirklich gern behilflich sein, wusste aber genau, dass das wieder in einem Missgeschick enden und alles nur noch schlimmer machen würde.
Allerdings hatte Ko-Ren von etwas gesprochen, das nur Mei-Ling tun konnte. Aber was sollte das sein? Welches Talent besaß nur die Unglücksprinzessin?
In ihrem Gemach setzte Mei-Ling sich aufs Bett und starrte das Bild an, das die Wand zierte. Darauf war eine Szene abgebildet, in der sich ein legendärer Drache und ein Mensch die Hände reichten. Als Kind hatte sie dieses Kunstwerk in den Archiven gefunden und es mit der Erlaubnis ihres Vaters in ihren Räumlichkeiten aufgehängt.
Den Legenden zufolge lebten Drachen zehnmal länger als Menschen und besaßen angeblich besondere Kräfte, mit denen sie das Land segnen konnten. Obwohl man sie allgemein als Fabelwesen betrachtete, hieß es, es gäbe Königreiche, die dank ihnen mit einer üppigen Flora gesegnet waren und jedes Jahr ertragreiche Ernten einfuhren. Aber das waren nur Legenden, an die dieser Tage kaum noch jemand glaubte.
Mei-Ling fragte sich, ob ihr Vater vielleicht nicht zusammengebrochen wäre, wenn ein Drache im Lotusreich residieren würde. Hastig schüttelte sie den Kopf, um diesen Gedanken zu verscheuchen. Diese Überlegungen waren sinnlos, man sollte nicht nach etwas verlangen, das nicht existierte.
Also überlegte Mei-Ling weiter, wie sie sich nützlich machen könnte. Da erinnerte sie sich, dass das Buch über Drachen neben anderen Fabelwesen und legendären Pflanzen auch Geisterkräuter erwähnt hatte.
Mei-Ling holte das Buch hervor, schlug die gesuchte Seite auf und begann zu lesen. »Das bevorzugte Heilkraut des damaligen Kaisers war die Schneelotusblüte. Es heißt, er sei dank ihrer Wirkung sein Leben lang frei von Krankheit gewesen. Jedoch kommt dieses Kraut nur in großen Höhen vor und wer es sucht, muss dabei sein Leben riskieren.« Die Prinzessin war sich sicher, ihren Vater heilen zu können, wenn es ihr gelänge, dieses Heilkraut zu beschaffen.
Derzeit hatte jeder im Palast alle Hände voll zu tun. Darüber hinaus war nun auch noch der Kaiser zusammengebrochen, was für zusätzlichen Aufruhr sorgte. In all diesem Chaos war Mei-Ling die Einzige, die sich frei bewegen konnte.
Solange sie im Palast blieb, gab es keine Aufgabe, bei der sie behilflich sein konnte, weshalb es besser wäre, wenn sie sich anderweitig nützlich machte. In dieser Überzeugung begann Mei-Ling eilig, für eine längere Reise zu packen. Zum Schluss legte die Prinzessin ihre Palastgewänder ab und zog sich stattdessen etwas an, in dem sie sich gut bewegen konnte.
Dann war der Moment gekommen, um sich unbemerkt aus dem Palast zu schleichen. Mei-Ling war bewusst, dass Ko-Ren toben würde, wenn er sie erwischen sollte, aber das Risiko musste sie eingehen.
Davon abgesehen glaubte sie, ihrem kleinen Bruder durch ihr Verschwinden zumindest eine Sorge zu nehmen. Das Reich brauchte jetzt seinen Kronprinzen und nicht sie. Der Verlust einer nutzlosen Prinzessin sollte es weder schwächen noch nennenswerten Schaden verursachen.
Mei-Ling war fest entschlossen, die Schneelotusblüte zu finden und zurückzubringen. Dadurch würde sie auch verhindern, dass sie für weiteren Ärger am Hof sorgte. All ihre Gedanken drehten sich darum, dass sie ihrem Vater helfen musste, so gut sie konnte.
Voller Motivation schlich sich Mei-Ling aus dem Palast, um nach dem legendären Schneelotus zu suchen. Es war das erste Mal, dass sie seine sicheren Mauern verließ.
Kapitel 1
Mei-Ling brauchte zu Pferd einen ganzen Tag, bis sie ein Gasthaus erreichte, das am Fuße des höchsten Berges in der Nähe des Palasts errichtet worden war. Sie entlohnte den Besitzer großzügig für die Unterbringung ihres Pferdes, bevor sie ihren Weg zum Gipfel zu Fuß fortsetzte. Da dieser hinter einem dichten Wolkenschleier verborgen lag, hegte die Prinzessin große Hoffnung, dort eine Schneelotusblüte finden zu können.
Der Wirt versuchte, Mei-Ling von ihrem Vorhaben abzubringen, weil die Hänge angeblich zu steil für einen sicheren Aufstieg seien. Diese bedankte sich zwar für die Warnung, doch keine Gefahr konnte sie davon abhalten, das Heilmittel für ihren Vater zu besorgen. Mit diesem Ziel fest vor Augen begann sie, den Berg zu erklimmen.
Der schlammige Weg machte es Mei-Ling nicht leicht und der trostlose Anblick der Umgebung wirkte deprimierend auf sie. Wahrscheinlich lag es am schlechten Wetter, dass die Blätter der Bäume dünn und zerbrechlich wirkten, als könnten sie jeden Augenblick dahinwelken. In diesen Bergen war alles in einen leichten Dunst gehüllt. Sicher war es ihm geschuldet, dass sie eine beklemmende Einsamkeit verspürte.
Der Geruch des verrottenden Laubs zu Mei-Lings Füßen erfüllte die feuchte Luft und mit jedem Schritt drang die Nässe ein Stück weiter in ihre Schuhe ein und ließ sie an den Zehen frieren.
Je höher die Prinzessin kletterte, desto kälter wurde es. Auch das Atmen fiel ihr zunehmend schwerer. Aufgrund der schlechten Sichtverhältnisse konnte sie unmöglich abschätzen, wie weit sie bereits gekommen war. Wenn sie sich umdrehte, sah sie nichts als eine weiße Nebelwand hinter sich. In ihr kamen Zweifel auf, ob sie den Abstieg heil überstehen würde. Sie bedauerte, dass sie keine Markierungen hinterlassen hatte.
Doch nun war es zu spät für Reue. Mei-Ling blieb nichts anderes übrig, als nach vorn zu blicken und ihren Weg zum Gipfel fortzusetzen. Im Herzen betete sie dafür, dort einen blühenden Schneelotus zu finden, während sie angetrieben von der Kraft der Verzweiflung unbeirrbar einen Fuß vor den anderen setzte.
Wie weit mochte sie inzwischen gegangen sein? Der dichte Nebel nahm Mei-Ling jegliche Orientierung und auch auf ihr Zeitgefühl war kein Verlass mehr. Allerdings kam ihr die Umgebung dunkler vor als zu Beginn ihres Aufstiegs. Sie fragte sich gerade, ob die Nacht bereits hereingebrochen war, als sie ein Geräusch hörte, das sie innehalten ließ.
War es der Ruf eines Tieres gewesen? Oder hatte sie sich das nur eingebildet?
In diesem Augenblick erkannte Mei-Ling, dass sie auf diesem Berg bisher noch kein einziges Tier gesehen hatte. Sie war darauf gefasst gewesen, auf ihrer Reise diversen wilden Kreaturen zu begegnen, doch bisher hatte sie nicht einmal eine Ameise entdeckt.
Während Mei-Ling überlegte, ob das vielleicht mit dem ungewöhnlichen Wetter zusammenhing, hörte sie noch einmal das unbekannte Geräusch. Dieses Mal klang es eindeutig wie ein Tierlaut. Als sie sich umsah, entdeckte sie ein kleines weißes Wesen, das wie ein Fuchs aussah und sie aus einiger Entfernung aus dem Schatten eines Baumes heraus beobachtete.
Als Mei-Ling darauf zugehen wollte, verlor sie jedoch den Halt und landete schmerzhaft auf dem Hintern. »Au!«, ächzte sie, als sie auf dem Boden aufschlug. Sie rieb sich den Hintern und sah auf. Was die Prinzessin dort erblicke, ließ sie erstarren.
Vor ihr stand ein riesiges Wesen, dessen langer Körper vollkommen mit silbernen Schuppen bedeckt war und dessen scharfe Krallen auf sie gerichtet waren. Der intelligente Blick seiner goldenen Augen schien nicht von dieser Welt zu sein.
Unfähig, sich zu rühren, spürte Mei-Ling instinktiv, dass diese Kreatur keinem Lebewesen glich, dem sie bisher begegnet war. Vielmehr erinnerte es sie an das Bild in ihrem Zimmer. Sollte es sich tatsächlich um einen Drachen handeln? Niemand hatte jemals die Existenz dieser Fabelwesen beweisen können. Dennoch blieb es die einzig logische Erklärung für das, was sie sah. Sie konnte kaum fassen, dass diese schlangenähnlichen legendären Wesen tatsächlich existierten.
Drachen faszinierten Mei-Ling. Besonders die Volksmärchen über die Zusammenarbeit zwischen ihnen und den Menschen hatten sie immer gefesselt. Dank dieser Legenden hatte sie eine große Bewunderung für diese edlen Kreaturen entwickelt.
Es gab zwar nicht viele Bücher über Drachen, aber die Prinzessin hatte sie alle gelesen, um mehr über sie zu erfahren. Keines hatte jedoch detaillierte Informationen enthalten oder die Existenz der Drachen beweisen können. Doch das hatte ihre Faszination nur verstärkt. Lange hatte sie davon geträumt, einen zu treffen, und nun war ihr Wunsch wahr geworden.
Um sicherzugehen, dass sie nicht träumte, kniff sich Mei-Ling in den Handrücken. Der Schmerz machte ihr bewusst, dass alles real war.
Nun tat sich jedoch ein anderes Problem auf. Das Mädchen war von der Situation dermaßen ergriffen, dass es vor Freude hätte weinen können. Mit Tränen in den Augen starrte es den Silberdrachen an.
»Was führt dich hierher, Fremde?«, verlangte dieser plötzlich zu erfahren.
Seine Stimme holte Mei-Ling in die Realität zurück. Schnell besann sie sich und verbeugte sich tief vor ihm. »V… Verzeiht bitte mein Eindringen. Mein Name ist Mei-Ling und ich bin die Prinzessin des Lotusreichs«, stellte sie sich höflich vor. »Ich habe diesen Berg auf der Suche nach einem Heilkraut bestiegen, dabei jedoch einen weißen Fuchs entdeckt und ehe ich mich’s versah, bin ich aufgrund meiner Unaufmerksamkeit einen Steilhang hinabgestürzt.«
»Ich werde dir nicht helfen«, stellte der Silberdrache mit misstrauisch hochgezogenen Augenbrauen klar. Seiner Stimme und dem Tonfall nach zu urteilen, handelte es sich um ein Männchen. Seine Reaktion verwirrte Mei-Ling.
»Gib mir lieber sofort meine Schuppe zurück«, forderte der Silberdrache plötzlich.
»Was für eine Schuppe?«, wunderte sich die Prinzessin. Sie hatte keine Ahnung, wovon er sprach, aber sein Gesichtsausdruck machte ihr Angst.
»Die, die du mir ausgerissen hast, natürlich! Willst du etwa behaupten, du erinnerst dich nicht?«, donnerte der Drache.
»Oh! D… Die meint Ihr«, erkannte sie. Sie erinnerte sich wieder an die hübsche silberglänzende Schuppe, allerdings nicht daran, was mit ihr geschehen war. Mei-Ling wusste noch, dass sie sich gelöst hatte, als sie versucht hatte, sich daran festzuhalten, um ihren Sturz zu verhindern.
»Du erinnerst dich also wieder. Dann gib sie mir endlich zurück«, schnaubte der Silberdrache ungeduldig. Doch statt einer Antwort brachte Mei-Ling nur ein verlegenes Lächeln zustande. »Jetzt sag mir nicht, du hast sie verloren …«
Die Prinzessin spürte, dass sie auf diese Frage auf keinen Fall mit der Wahrheit antworten durfte. Ratlos blickte sie sich um und sah in einiger Entfernung etwas im Gebüsch glitzern. Hoffnungsvoll näherte sie sich dem Gestrüpp und entdeckte die glänzende Schuppe im Gras.
Erleichtert atmete Mei-Ling auf. Ein Glück, dass sie in der Nähe gelandet war! In diesem Augenblick war ihr, als leuchte die Schuppe, doch kurz darauf verdunkelte sie sich wieder. Sie fragte sich, ob sie es sich nur eingebildet hatte, während sie gedankenverloren die Silberschuppe anstarrte.
»Was trödelst du so? Gib sie mir. Schnell!«, erklang die erzürnte Stimme des Drachen. Erschrocken hob Mei-Ling die Schuppe auf und lief zu ihm.
