Die Autistin - Michel Tapión - E-Book

Die Autistin E-Book

Michel Tapión

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Beschreibung

'Die Autistin' ist ein Erzählband. 'Die Autistin' stellt die Fortsetzung des Romans 'Trink aus! Die Täuschung' dar. Es haben sich jedoch zwei Erzählstränge daraus entwickelt. In 'Die Autistin' wird das Thema der Vergewaltigung Unmündiger in einer Klinik und der damit verbundenen Sorge und Angst der Mutter, sowie die Wichtigkeit des wertschätzenden Umgangs mit Patienten thematisiert. Im zweiten Erzählstrang 'Der Film' wird die illegale Filmbranche, die im Darknet ihre unappetitlichen Spuren hinterlässt, ertappt. Die Erzählung 'Kopf oder Keule' zeigt eine Pflegefamilie, die unliebsame Kinder durch intrigante Gewalt misshandelt. In 'Roquefort allein' wird von einem alltäglichen Einkauf mit amourösen Phantasien erzählt. Die Erzählung 'Wanja' blickt auf eine Begegnung eines ehemaligen Kollegen und einer leidenschaftlichen Turniertänzerin, die sich aus den Augen verloren haben und nach vielen Jahren einander auf dem Tanzparkett wiedersehen. Die Kurzgeschichten sind im Wesentlichen romantische Utopien 'Wasser' ist ein Essay

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Seitenzahl: 91

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Michel Tapión

Die Autistin

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Die Autistin

Der Film

Kopf oder Keule

Roquefort allein

Die Bratwurst

Heimat

Die Partei

Der Idiot

Die Weihnachtsfeier

Urlaub in Ägypten

Feliz Navidad

Wanja

Wasser

Impressum neobooks

Die Autistin

Dankesworte

Mit herzlichem Dank an Astrid und Julia

Ertrunken

Mein Mund ist voll, ich habe das Empfinden Bertl, der mich geschändet hat, ist noch in mir, doch was ich spüre fühlt sich kalt an. Der Verstand sagt es ist Wasser, das du schluckst und nicht Sperma. Das Empfinden ist jedoch das Gleiche. Ich schlucke und schlucke und sauge Wasser, bekomme keine Luft. Ich möchte schreien, doch ich muss schlucken, nur Wasser schlucken, statt zu atmen. Um mich herum ist es Nacht ich nehme noch wahr wie es schwarz über mich hereinbricht, das hält eine Zeitlang an, danach wird es grau um mich und ich stehe vor einer Grotte. Der Eingang ist versperrt, ein Gitter hindert mich daran die Grotte zu betreten. Ich stehe andächtig davor und überlege mir, ob ich sie betreten will. Bald wird mir klar, dass es danach kein Zurück mehr gibt, der nächste Schritt ist endgültig. Ich öffne das Gitter, ich habe mich entschlossen die Grotte zu betreten. An den Wänden waren Bilder angebracht, die mit Segeltuch verhangen waren. Als ich einen Fuß in das Innere setzte waren die Tücher verschwunden und die Bilder waren zu sehen. Ich hatte das Gefühl bei einer Vernissage zu sein, doch Köstlichkeiten außer den Bildern gab es nicht. Sie zeigten Erinnerungen aus meiner Jugendzeit. Ich durchschritt die Grotte, sah in der Ferne Licht, dem ich immer näherkam und das mir immer heller und gleißender erschien. Am Ende der Grotte wurde ich vom strömenden Licht aufgesogen ich wurde zu Licht und es trug mich in den Tag, der gerade erwachte. Ich hatte das Gefühl über einer am Brunnenbecken liegenden Person zu schweben.

Gerettet

Ich hörte Stimmen. Eine hörte ich beängstigt sagen: „Er steht, mach weiter, vielleicht kommt er noch. Um mich wurde es wieder dämmrig, dann hell. Jemand steckte seinen Finger in meinen Mund und befreite ihn vom Erbrochenen. Dann drückte mir jemand auf den Brustkorb. Ich sah wie sich die liegende Person wieder übergab. Der periodische Druck auf den Brustkorb wurde beibehalten, Wasser sprudelte aus ihrem Mund. Als der Schwall versiegte, wurde sie beatmet und danach in die Seitenlage gebracht. Ich war in meinen Körper zurückgekehrt. Um mich herum hatte sich eine Menge Schaulustiger versammelt. Als der Notarzt eintraf wurde ich auf eine Tragbahre gebettet. Während der Fahrt trug ich eine Sauerstoffmaske, die Herzfrequenz wurde ständig überwacht. Mein Kreislauf begann sich wieder zu stabilisieren. Als wir in der Klinik ankamen wartete schon ein Ärzteteam, das mich in Empfang nahm. Der Notarzt schilderte die vorgefundene Situation. „Er bestieg durch Wahnvorstellungen getrieben den Brunnen. Wegen seines versuchten Suizids habe er seit langer Zeit keine Nahrung mehr aufgenommen. Er wollte sich zu Tode hungern und wurde Waldmensch, hatte für einen Monat Medikamente gegen seine bipolare Störung dabei, als die jedoch aufgebracht waren zog er wieder in die Stadt. Er habe seine Selbsttötung durch verhungern nicht geschafft. Beim Erklettern des Brunnens und aufgrund der Anstrengung wurde er ohnmächtig und fiel mit dem Gesicht in eine der Brunnenschalen, verletzt habe er sich dabei nur unwesentlich.“ Der behandelnde Arzt fragt: „Wie heißen Sie?“ Die Frage nach meinem Namen wurde mir nun schon mehrmals gestellt und nun wieder. „Ich kann mich nur schwer artikulieren“, sage ich und krächze „Geh“, lege eine Pause ein, krächze wieder „Geh“, ich spucke Wasser, bin bei Bewusstsein. Ich versuche wieder meinen Namen zu artikulieren „Ge“, „org.“ Das glückte. „Sie heißen Georg?“ „Ja.“ „Haben Sie Kopfschmerzen?“ „Ja.“ „Was ist Ihnen passiert?“ „Ich weiß nicht wie lange mein Gesicht unter Wasser war, ich hatte kein Zeitgefühl, keine Ahnung, wie lange ich ohne Atmung im Wasser lag.“ „Und davor?“ „War ich mit meiner Frau Anna im Wald, wir wollten sterben. Leider habe ich nur für einen Monat Medikamente dabeigehabt. Sie waren aufgebraucht bevor der Hungertod eintrat.“ „Warum wollten Sie sterben?“ „Ein böser Mensch hat uns die Existenz genommen. Er hat mir die persönlichen Daten herausgelockt und mich dann mit dem Geburtstagkartentrick getäuscht. Ich bin auf diesen Trick hereingefallen, weil ich ihn für einen Studentenulk gehalten habe.“ „Wo ist Ihre Frau jetzt?“ „Ich weiß es nicht, ich vermute, sie ist zum Armenpfarrer um eine Herberge gegangen.“ „Und warum Sie nicht?“ „Der Armenpfarrer nimmt keine Gescheiterten, die haben seiner Meinung nach eine Chance gehabt, die Roma nicht.“

Auf Thorax

„Sie bleiben noch einige Tage zur Beobachtung hier“, stellte der Arzt fest. Ich lag noch einige Tage auf ‚Thorax‘. Als der Vorfall des Beinahe-Ertrinkens abgeklärt war, wurde ich in die Psychiatrische Klinik überstellt. In Anstaltskleidung wurde ich zur Aufnahme gebracht. Eine erfahrene Ärztin hatte Dienst. Sie quälte mich nicht, stellte nur unverfängliche Fragen. „Wie heißen Sie?“ „Georg“, war meine Antwort. „Wie fühlen Sie sich jetzt?“ „Ich beginne meine Erzählung mit dem Ende“, sage ich. „Aufgrund einer böswillig eingefädelten Täuschung eines ehemaligen Studienkollegen sind meine Frau und ich um unsere Existenz gebracht worden. Er heftete sich seit Jahren an meine Fersen, suchte immer wieder schwache Momente bei mir und nutzte sie, um mir eine Unterschrift abzunötigen. Ich wurde für einen Monat Waldmensch, nachdem der Gerichtsvollzier die Wohnung gepfändet hat. Für einen Monat hatte ich auch Medikamente dabei, doch das Verhungern stellte sich in dieser Zeit nicht ein, so zog ich wieder in die Stadt. Ich wusste nicht, was tun, da ich seit einer Woche keine Medikamente hatte. Ich wollte gesund sterben, nicht in meinem beginnenden Wahn Gewalttaten verüben. Der Brunnen kam mir gelegen, in meiner größten Not betete ich, dann erklomm ich in meinem Wahn den Brunnen, wurde bewusstlos und rutschte aus, mehr weiß ich nicht.“

In der Psychiatrie

„Welche Erkrankung haben Sie?“, Fragt mich die Ärztin. „Schizoaffektive Störung, seit vielen Jahren. Sie war gut behandelt, ich habe schon seit Jahren keine Probleme mehr damit. Die modernen Neuroleptika sind ausgezeichnet.“ „Ich gebe Ihnen die gleiche Dosis, die Sie schon lange nehmen und Sie bleiben für ein paar Wochen zur Beobachtung hier.“ Auf der Station nahm mich der Pfleger in Empfang sagte: „Georg, wir sind nun auf Station E3 und Sie sind auf Zimmer 104 untergebracht, Sie beziehen das Bett beim Fenster. Ich wünsche Ihnen baldige Genesung!“ Dann war er entschwunden. Ich hatte so gut wie keine passende Kleidung, außer der, die ich von der Anstalt bekommen habe. Es war Frühjahr, ich blickte aus dem Fenster auf die Zufahrtstraße zum Heizhaus und musste schmunzeln, das Heizhaus war im Stil der zwanziger Jahre erbaut und tat noch immer seinen Dienst. Damals wurde sehr viel in große Krankenhäuser investiert. Der Narrenturm trat den Rückzug an, modernere Psychiatrie begann sich, nicht zuletzt durch die Arbeiten Sigfried Freuds, zu etablieren. Ich trat aus meinem Zimmer und sah einen Patienten, der in Anstaltskleidung in einer Ecke stand, ständig hin- und herwippend, sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen verlagerte. Das Mittagessen war angekommen, gebracht in großen blauen Menagebehältern. Davor wurden die Medikamente ausgegeben. Jeder nahm im Speisesaal seinen gewohnten Platz ein. Da ich das erste Mal hier war fragte ich, ob da noch Platz für mich wäre. Ich setzte mich zu einem „aufgeweckten“, etwa fünfundzwanzig jährigen Burschen. Ich stellte mich vor: „Georg heiße ich und du?“ „Otto“, erwiderte er. „Was führt dich da her?“, fragt er mich. „Ich bin zur Beobachtung hier.“ „Warum beobachtet man dich?“ „Ich habe den Stadtbrunnen bestiegen.“ „Hast du ihn für eine schöne Frau gehalten?“ „Ja, es gibt dort sogar vier Frauen, die schönste habe ich mir ausgesucht.“ „Hast du keine andere Gelegenheit gefunden, um sie zu vögeln?“ „Wie kommst du darauf, ich habe Oralsex mit ihr gehabt und dabei bin ich ertrunken, oder beinahe ertrunken. Die Passanten haben mich gerettet und mich aus ihrer Umklammerung befreit. Und du, was machst du hier, oder warum bist du hier?“, frage ich ihn. „Ich bin Schizo‘. Ich bin ein Hund. Ich stecke meine Schnauze gern in was Weiches hinein. Bei der Visite wurde ich gefragt, ob ich jeden Tag spazieren gehe und ich habe gesagt, ich stecke meine Schnauze lieber beim Fenster hinaus. Da kam die Frage: ‚Sind Sie ein Hund?‘ Ich habe geantwortet: ‚Nicht immer, nur wenn das Mädel es wünscht‘. Ha, ha, ha.“ „Was sagte der Arzt darauf?“ „Gar nichts, aber ich habe um einen Freigang in den Park gebeten, um täglich spazieren gehen zu können, damit ich nicht immer ein Hund sein müsse.“ „Das ist eine gute Idee, darum suche ich auch an.“ An einem der nächsten Tage treffe ich Otto mit einem hübschen jungen Mädel im Park. Ich stelle mich vor: „Ich heiße Georg und du?“ Es kommt keine Antwort daher wiederhole ich mich. Otto sagt: „Sie redet nicht viel.“ Ich sage zu ihr: „Bist du Autistin?“ Sie nickt beschämt und flüstert ‚Kanner‘, was ich nicht zuordnen kann. Dann erklärt Otto: „Sie redet kaum, aber sie vögelt phantastisch.“ Ich frage: „Hast du sie?“ Er sagt: „Ja, es war ihr erstes Mal.“ Ich frage: „hast du verhütet, oder aufgepasst?“ Er sagt: „Ist nicht notwendig, beim ersten Mal passiert nichts.“ „Wer sagt so einen Unsinn?“ „Ist ja allgemein bekannt!“, meint Otto. „Wo habt ihr es gemacht?“ Otto nimmt die Autistin bei der Hand und wir gehen in einen Wäschepavillon ganz in der Nähe. Wäsche, die in die Wäscherei gebracht wird, ist dort zwischengelagert. Otto erzählt ganz stolz von seiner Errungenschaft und der glorreichen Idee sein Schäferstündchen hier durchzuführen. Die Autistin bekam einen besonderen Glanz in den Augen und legt sich auf einen Wäscheballen, da nimmt sie Otto bei der Hand und wir verlassen den Pavillon. Ich ging auf die Station zurück. Auf dem Weg dorthin komme ich bei der Aufnahme vorbei und spiele Denunziant. Ich zeige den Vorfall dem Pfleger an, doch der fragte nur: „Waren Sie dabei, haben Sie den Vorfall beobachtet?“ Was ich verneinen musste. Doch die Autistin und vor allem die Eltern taten mir unsagbar leid und ich konnte nichts Hilfreiches beitragen. Aber ich überlegte mir einen Plan. Von Otto erfuhr ich den Namen der Autistin. Er nannte mir nur den Vornamen, mehr wusste auch er nicht.

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