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1922 zum ersten Mal erschienen, gehört "Die Automaten" zu einem der unbekannteren Romane österreichischer Literatur.
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Seitenzahl: 204
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Frau Hermine Stadler fuhr auf ihrem alten Wagen an der Basiliuskirche vorbei, dem Stadtpark entlang, über das Bahngeleise und dann in nördlicher Richtung ins flache Land hinaus.
Sie trug wie immer ihren alten, etwas abgenützten Plüschmantel, einen alten schwarzen Filzhut, der mit einigen schwarzen Bändern geschmückt war, und um den Hals eine Fuchspelzboa, deren Haare schon stark abgestoßen und kurz waren.
Jedes Kind in der Stadt erkannte sie schon von weitem, wenn es den etwas klapprigen, auf der rechten Seite niedergedrückten Wagen mit den zwei behaglich trabenden Fliegenschimmeln daherkommen sah, die ein halbwüchsiger Junge lenkte; denn jeden Tag, ob Winter oder Sommer, Regen oder Sonnenschein, jeden Tag sah man Frau Stadler in diesem Wagen einmal über die alte Holzbrücke nach Süden, oder gegen die bis an die Stadt heranreichenden Hügelzüge nach Westen, auf der oder jener Straße aus der Stadt kutschen. Und immer saß sie im gleichen schwarzen Plüschmantel ruhig und unbewegt im Wagen, niemals in die Kissen zurückgelehnt, sondern immer etwas steif aufgerichtet und dabei den Kopf ein wenig nach links gesenkt.
Zahlreiche Leute grüßten sie. Sie dankte freundlich, aber genau abgestuft nach dem Rang und Ansehen der Person.
Ihr Blick ruhte scheinbar völlig teilnahmslos auf den Menschen und Häusern, an denen ihr Wagen sie vorüberführte. Aber in Wirklichkeit erfaßten die scharfen braunen Augen jede Einzelheit, prüften Mauern und Tore, Fensterstöcke und Dächer, stellten blitzschnell die kleinste Veränderung fest, die in den letzten Tagen vielleicht entstanden war, und während sich in dem etwas pergamentenen Gesicht mit der gelblichen Farbe keine der strengen, ein wenig starren Falten und Runzeln verzog, berechnete sie, unablässig schätzend, den Wert der Häuser, der Grundstücke und Gärten, schätzte die Geschäftstüchtigkeit und den Kredit dieses und jenes Kaufmanns – all das fast rein mechanisch, aus jahrelanger Gewohnheit, wie unter einem Zwang. Aber dieses ständige Schätzen und Bewerten war gut und machte sich täglich von neuem belohnt: mochte man an sie wann immer herantreten mit einem noch so ungewöhnlichen Angebot, Kauf oder Verkauf – sie hatte es nie nötig, in der Eile Erkundigungen einzuziehen und, beschwert mit der Sorge um einen etwaigen Verlust, unsicher vielleicht, ihre Entscheidung zu treffen; sondern klar stand vor ihr, was sie bereits bei früheren Gelegenheiten völlig ohne persönlichen Anteil erwogen und abgemessen hatte, und so konnte sie rasch, sicher und unbesorgt ihre Geschäftsschlüsse treffen, bei denen sie nie verlor, sondern stets, und zwar meist beträchtlich, gewann.
Sie mochte etwas über fünfzig Jahre zählen. –
Jetzt verließ der Wagen das holprige Katzenkopfpflaster, setzte mit zwei gewaltigen Stößen über das Bahngeleise und fuhr dann auf der großen Straße in gemächlichem Trab dahin.
Es war noch früh im Jahr; den Schnee hatten zwar ein paar warme Sonnentage von den Feldern und Wiesen genommen, aber dann war es wieder kalt und rauh geworden, und ein unangenehmer, naßkalter Schneewind strich von Norden her über die Ebene.
Frau Stadler war unempfindlich gegen alle Witterung. Sie saß ruhig, etwas steif, im Wagen, ohne die lässig im Schoß liegenden Hände, die in derben gestrickten Wollhandschuhen steckten, unter der Decke zu bergen.
Langsam kam der Wagen den niederen Hügelreihen näher, rollte durch ein kleines Dorf und fuhr dann auf einer schon etwas holprigen Nebenstraße in ein Tal hinein, das, eingeschlossen von bewaldeten Hügeln, einen kräftigen Bach in die Ebene sendete.
Einige Hütten. Das rhythmische Geräusch einer Sägemühle tönte hinter einer Wegkrümmung hervor, und als auch diese genommen war, hielt der Wagen vor einem großen offenen Schuppen, der an seiner dem Bach zugewendeten Seite ein mächtiges Schaufelrad trug, das sich schnell im schäumenden Wasser drehte. Oben aber fraß sich singend, kreischend und heulend eine sausende Kreissäge durchs Holz, während daneben ein wuchtig auf und nieder stoßendes Sägeblatt, keuchend und zischend wie eine Lokomotive, einen langen, schneeweißen Fichtenstamm in dünne Bretter zerlegte, der sich auf einem mächtigen Schlitten langsam und stetig dem scharfen Eisen entgegenbewegte.
Frau Stadler stieg ab. Mit einem Blick übersah sie die zahlreich aufgestapelten Baumstämme und das fertiggeschnittene Bauholz, Balken, Bretter und Latten, und betrat dann den leise schwingenden Boden des Sägewerkes.
Der Werkmeister, ein kräftiger Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, kam ihr entgegen und lüftete die Kappe. Sie fragte, fortwährend die umherliegenden Holzvorräte musternd, nach diesem und jenem Auftrag. Der Werkmeister gab, bescheiden und demütig fast, Auskunft. Auch die Arbeiter, die vorher schon wahrlich nicht gefeiert hatten, duckten sich unter dem ruhigen, strengen Blick der Frau und griffen doppelt eifrig zu. Der Werkmeister meinte, daß für die Kreissäge ein neues Blatt nötig sei. Sie ließ es sich zeigen. »Das geht noch. Da käme ich weit, wenn ich immer nur kaufen und anschaffen wollte! Muß noch gehen!«
Der Werkmeister nickte. Jawohl, es wird gehen. Dann gab sie neue Bestellungen in Arbeit. Der Meister schrieb mit seinen derben Händen etwas mühsam die Zahlen auf einen Balken der Mühle. Frau Stadler sagte ihm ruhig und bestimmt etliche zwanzig Zahlen an. Sie schrieb nie etwas auf. Ihr Gedächtnis war ein Geschäftsbuch, das keine einzige Ziffer jemals verlor. Preise von Bauplätzen und Grundstücken, Vieh und Getreide, Bestellungen und Maße von Brettern und Ziegeln – alles lag bereit darin und konnte jederzeit mühelos abgelesen werden. Sie gab noch ein paar Befehle, dann wandte sie sich kurz, bestieg den Wagen und fuhr zurück.
Im Dorf hielt sie bei einem Hof und trat ein. Sie fragte nach dem Bauern. Er war im Stall. Sie ging in den Stall. Er grüßte sie lässig nach Bauernart, aber mit einem gewissen Respekt.
Sie fragte nach dem Vieh. »Die zwei hätt' ich.«
Sie musterte die beiden Mastochsen. »Müssen noch ansetzen!« Der Bauer schmunzelte kaum merklich. Das war Händlerart. »Ist genug, zahl' sonst drauf!« »Ja, du zahlst drauf! – Wieviel forderst?«
Der Bauer nannte nach einigem Hin und Her den Preis. Sie handelte dreißig Gulden ab und gab den Handschlag. »Morgen hol' ich sie.« Noch ein Blick streifte die Ochsen, prägte sich Gestalt und Farbe und Merkmale ein, dann verließ sie den Hof.
Jetzt aber fuhr der Wagen nicht geradeswegs zur Stadt zurück, sondern bog links ab. Langsam kam er auf dem schlechten Fahrweg weiter, der Wind hatte sich zum Sturm entfacht, zerfetzte Schneewolken jagten über die Hügelkämme herunter. Kutscher und Pferde froren. Frau Stadler saß unbeweglich im Wagen, den Kopf etwas nach links geneigt. Sie schien von Wind und Schneetreiben nichts zu bemerken.
Jetzt tauchte das schöne Schloß des Freiherrn von Pangraz vor ihr auf und dahinter anschließend die weiten, reinlichen und geräumigen Wirtschaftsgebäude, riesige Stallungen, Scheunen und Speicher.
Das Schloß lag breit und wuchtig in der Ebene, ein gewaltiger Mittelbau mit etwas niedrigeren Flügeln, mit schlanken Halbsäulen, die kaum aus der Mauerfläche hervortraten, ein leicht ins Barock spielender Renaissancepalast, an dem das seltsamste wohl war, daß er in dieser Gegend und in der Umgebung von Wirtschaftsgebäuden gar nicht so übel aussah.
Der Wagen fuhr in den Wirtschaftshof und hielt vor dem rückwärtigen Eingang des linken Seitenflügels. Frau Stadler stieg ab. Da die Besprechung hier etwas länger dauern konnte, befahl sie dem Kutscher zu füttern. Er löste den alten, mit Heu gefüllten Sack von der Hinterachse des Wagens, an die er gebunden war, und warf den Pferden das Heu vor.
Frau Stadler saß im Zimmer des Verwalters neben dem Schreibtisch. Nach einer halbstündigen Besprechung hatte sie einige Stücke Vieh gekauft, ein an den Besitz des Freiherrn angrenzendes Grundstück, das in ihren Händen war, mit ansehnlichem Gewinn verkauft, eine Bestellung auf Ziegel und Bauholz erhalten und den Auftrag entgegengenommen, sich unter der Hand zu erkundigen, ob ein großes Grundstück mit Obstgarten, das der Freiherr zu erwerben wünschte, verkäuflich sei. Aber unter der Hand, versteht sich! Niemand durfte erfahren, wer es haben wollte, sonst trieb man den Preis unsinnig in die Höhe. Pangraz war Millionär.
Frau Stadler hörte ruhig zu und nickte. – Die Bauern, Gutsverwalter und Geschäftsleute arbeiteten gern mit ihr. Sie galt als unbedingt reell. Es hatte sich niemals ereignet, daß sie jemanden irgendwie übervorteilt hatte. Sie nahm ihren Gewinnanteil, gewiß, aber man ging sicher mit ihr. Man konnte unbesehen, auf ihr Wort hin, Käufe mit ihr abschließen, ohne die Ware gesehen zu haben. –
Es hatte zu schneien begonnen. Auf dem Hut und den Schultern, im Fuchspelz, überall lagerte sich eine dünne Schneeschicht ab. Frau Stadler achtete nicht darauf. Sie saß unbeweglich, wie teilnahmslos. In Wirklichkeit berechnete ihr unermüdlicher Geist bereits neue Unternehmungen, erwog Käufe und Verkäufe. Das Ergebnis dieser Betrachtung machte sie zufrieden. Es war ein guter Tag gewesen. Aber ihr etwas gelbliches, runzeliges Gesicht blieb unbewegt und streng.
Das Sägewerk im Waldtal hatte Frau Stadler von ihrem Gatten geerbt, der vor siebzehn Jahren an einer Lungenentzündung gestorben war. Sie hatte ihn nicht sonderlich betrauert; eigentlich hatten sie sich nie recht verstanden. Hermann Stadler war der Sohn eines Försters, wollte studieren, verbummelte sich ein wenig, weil er zuviel anfing und sich nicht auf eines beschränken konnte; schließlich kaufte ihm der Alte das billige Sägewerk, und Hermann sollte selbst zusehen, wie er fortkam. Und es ging. Als er heiratete, galt er als wohlhabender, ja reicher Mann, als gesetzter Bürger, der über die wirren Brausejahre der Jugend lächelte.
Aber es war nicht ganz so. Hermann Stadler lächelte. Aber etwas wehmütig und bitter. Im Grund war ihm der ganze Handel und Wandel, Holz und Säge völlig gleichgültig. Und hätte er rührige Konkurrenten gehabt, er wäre nie auch nur zu bescheidenstem Wohlstand gelangt.
Da war seine Frau aus anderem Zeug. Der kleine Haushalt gab ihr wenig genug zu tun. Ihre Natur verlangte unausgesetzt nach Tätigkeit. Leere Zeit konnte sie nicht ertragen, weil sie unfähig war, die Stunden aus eigenem zu füllen. Das nannte sie »spintisieren« und verachtete es. Zu ihrem höchsten Ärger war Hermann nur zu sehr ein solcher Spintisierer, und sie begriff niemals, wie ein ernsthafter Mann, der ein Geschäft hatte, sich um dies so wenig bekümmern und dafür lieber des Abends in Büchern lesen konnte. Wozu war das? Wenn es Geschäftsbücher gewesen wären – so hätte sie eher verstehen können, obwohl ihr ausschließlich aufs tätige, unmittelbar erfaßliche Leben des Tages gerichteter Sinn allem Bücherwesen feind war.
Sie war die Tochter eines reichen Landwirtes und war von Kindheit auf unausgesetzt zur Tätigkeit angehalten worden. Stillsitzen und In-die-Luft-Schauen wurde im Elternhaus nicht geduldet.
So mischte sich Hermine denn auch frühzeitig ins Geschäft des Mannes, und er ließ es gern zu. Auch als ihnen im siebenten Jahr ihrer Ehe ein Mädchen geboren wurde, das sie nach Stadlers Mutter Elisabeth taufen ließen, änderte sich daran nichts. Frau Stadler widmete dem Kind nicht sehr viel Zeit und Liebe, deren ihre strenge und nüchterne Natur vielleicht auch gar nicht fähig war. Desto mehr war der Vater um das Kind.
Die Nachbarn und Freunde lachten über das verkehrte Hauswesen der Stadler. Der Mann war Kindsmagd und spielte stundenlang mit dem Mädchen, die Frau gewann von Jahr zu Jahr mehr Einfluß im Geschäft und führte es schließlich allein, und ihr einst frisches und volles Gesicht wurde allmählich immer schärfer und strenger, hager und gelb wie altes Papier und bekam vor der Zeit Falten und Runzeln und die Augen blickten immer strenger und kälter.
Dabei war Hermine keine unliebe, karge Frau; sie hatte ihren Mann ganz gern und liebte auch das Kind. Aber sie konnte es nicht zeigen und hielt alles Weiche für Unsinn und Heuchelei. Sie nannte das »Gefühlsduselei«. Der Mensch mußte fest auf beiden Füßen stehen, sonst warf ihn der Strom um. Sie war eine entschlossene, tatkräftige Frau, was sie anfaßte, mußte gelingen. Und sie faßte fest zu.
Sie war durchaus nicht geizig, aber sehr sparsam. Wer essen wollte, mußte arbeiten. Es wurde ihm nichts geschenkt, so wie sie nichts geschenkt bekam. Das war der Grundsatz, nach dem sie im Haus und Geschäft herrschte. Und die Leute duckten unter vor der Frau. Der Herr – das war ein guter Mann, mit dem ließ sich eher reden. Der nahm's nicht so genau.
Die kleine Elsbeth – Frau Stadler nannte sie Lisi und ärgerte sich über das dumme »Elsbeth« – hing mit einer schwärmerischen Liebe am Vater. Die Mutter fürchtete sie fast. Er führte das Kind spazieren und fuhr mit ihm hinaus in den Wald zur Säge. Dort war es herrlich im Sommer, und der Vater spielte stundenlang mit Elsbeth unter den schattigen Bäumen und am rauschenden Bach und ließ die Säge Säge sein. Als das Kind kaum fünf Jahre vorüber war, lehrte er es zum größten Ärger seiner Frau lesen, und als es zur Schule kam, malten die kleinen unbeholfenen Finger, die den Bleistift krampfhaft umklammert hielten, schon wirklich leserliche Worte und Sätze aufs Papier, während die anderen Kinder stumm und dumm die Schiefertafel anstarrten und nicht begriffen, was man von ihnen wollte.
Als Elsbeth sieben Jahre alt war, erkältete sich der Vater an einem stürmischen Vorfrühlingstag auf der Fahrt zur Säge und starb etliche Tage nachher. Er konnte nicht Abschied nehmen von seinem Kind, das nicht vom Krankenbett weichen wollte; die letzten zwei Tage und Nächte lag er bewußtlos.
Als das Kind begriffen hatte, daß der Vater nie mehr zurückkehren werde, war es wie unsinnig vor Schmerz und erkrankte endlich selbst. Die Ärzte stellten ein Nervenfieber fest, und es war nur der überaus gesunden Konstitution des Kindes zu danken, daß es überhaupt genas. Aber aus der kleinen, ewig lachenden Elsbeth mit den dicken, roten Wangen war ein müdes, trauriges, immer ernstes Kind geworden, mit schmalen, blassen Wangen und dunklen Augen, die wehmütig ins Leben blickten, aus dem für sie alle Freude und jedes Glück geschwunden waren. Es dauerte lange, ehe sie wieder völlig gesundete. Aber ihr Wesen blieb so. Immer ernst und leise wehmütig, abhold den Spielen der Kameradinnen, still und versonnen. Verträumt. »Sie hat es vom Vater. Der war auch so ein Spintisierer«, sagte die Mutter mit hartem Seitenblick auf das Kind, das ängstlich zusammenzuckte.
Man drängte die junge Witwe zum Verkauf. Das fiel ihr nicht ein. Man gab ihr wohlmeinend zu verstehen, daß eine Frau auf die Dauer ein solches Geschäft nicht allein führen könne. Allein es gedieh weit besser als früher. Man bekam Achtung vor ihr.
Das Geschäft führte sie mit Baumeistern und Zimmerleuten, mit Holzhändlern und Förstern zusammen. Ihr klarer Blick sah in alle Berufe. Da griff sie, erst bedachtsam vorsichtig, dann immer fester selber zu und erweiterte das Geschäft: sie ließ einen Wald niederlegen und lieferte das Holz einem Händler in die Hauptstadt.
Damals war sie doch noch ein wenig ängstlich und beklommen. Fast unausgesetzt weilte sie im Waldschlag. Einem faulen, frechen Bengel, der sich über sie lustig machte, gab sie eine schallende Ohrfeige. Der Junge wollte sich mit der Axt auf sie stürzen. Man riß ihn zurück. Sein Vater verklagte Frau Stadler beim Gericht. Sie wurde zu fünf Gulden Strafe verurteilt, die sie zugunsten der Armenpflege erlegen mußte. Sie gab zehn Gulden und dem Burschen vor dem Richter die zweite Ohrfeige. Der erteilte ihr einen Verweis und verurteilte sie zu fünfzig Gulden Strafe oder drei Tagen Arrest. Da gab sie zweihundert Gulden für die Stadtarmen.
Drei Tage sprach man in der Stadt von der tapferen Frau Stadler und ihrer »Schneid«. Man beglückwünschte sie, und die alten Zechbrüder blinzelten einander bei der abendlichen Sitzung zu: der arme Stadler! Der hat sich mit dem Sterben nicht umsonst so beeilt! –
Einen unredlichen Waldhüter entließ sie auf der Stelle und brachte ihn unbarmherzig vor Gericht, obwohl sein hungerdürres Weib mit zwei Kindern ihr ins Haus gelaufen kam und sie kniefällig um Nachsicht bat. Als man ihr vor Gericht ihre Strenge vorhielt und sie aufforderte, dem armen Teufel sein Vergehen nachzusehen und der mildesten Bestrafung zuzustimmen, sagte sie: »Ich bin eine alleinstehende, schutzlose Frau, die für sich und ihr Kind zu sorgen hat und die jeder betrügen zu dürfen glaubt. Wenn ich diesmal Nachsicht übe, so heißt das, den Diebstahl belohnen, und man wird mir in acht Tagen das Dach über dem Kopf wegstehlen. Ich bitte um strengste Bestrafung des Schuldigen.«
Er bekam vier Wochen Gefängnis. Aber während dieser Zeit schickte sie seinem Weib täglich Lebensmittel und Geld. »Das arme Weib mit den unschuldigen Würmern soll es nicht büßen, daß sie einen Lumpen zum Mann hat«, sagte sie.
Danach war Frau Stadler die Heldin der Stadt. Man sprach zwei Wochen lang von ihr. Ihr Ruf war von der Zeit an festbegründet, und wo sie hinkam, zu Bauern oder Arbeitern, städtischen Händlern oder Baumeistern – ihr Ansehen war überall das gleiche. Es fiel überhaupt niemand mehr ein, sie zu hintergehen.
Das erste große Holzgeschäft gelang. Da griff sie beherzt zu und unternahm ein zweites.
Bei ihrem Verkehr mit Baumeistern, denen sie Bauholz lieferte, gewann sie Einsicht in die Bodenspekulation, und sie versuchte sich auch hier, anfangs bescheiden, später in großem Maßstab, kaufte Grundstücke oder vermittelte geschickt Verkäufe. Dabei ward sie von selbst aufmerksam auf die Frucht des Bodens und sie begann mit Getreide zu arbeiten, schließlich mit Vieh. Und sie gewann überall.
Fünf Jahre nach dem Tod ihres Mannes – sie ließ an jedem Todestag eine Seelenmesse lesen und besuchte an diesem Tag und am zweiten November sein Grab – geriet die Ziegelfabrik in der Nähe der Stadt in Konkurs. Und das Unglaubliche geschah: Frau Stadler kaufte auch sie noch und hatte in wenig Jahren die Schulden getilgt, den altmodischen Handbetrieb allmählich durch Maschinen ersetzt, und das Unternehmen gedieh.
Es war beinahe unverständlich, wie diese Frau imstande war, so unendlich viele und vielfach verzweigte Geschäfte zu betreiben und zu übersehen. Denn es handelte sich dabei nicht wie bei den meisten jener kleinen Vermittler des Landes um Käufe, denen sofort der Verkauf folgte. Man mußte da etwa eine Wiese, einen Acker jahrelang halten, bis der Tag kam, da man ihn mit einem Riesengewinn losschlagen konnte. Aber man mußte vorher wissen, ob dieser Tag auch wirklich jemals kommen würde! Und so war es fast überall. Wer wußte, wenn man im Frühjahr das stehende Getreide kaufte, wie im Herbst die Ernte werden mochte? Und wenn man einen Wald niederlegte, wer wußte, wie nach zwei bis drei Jahren die Holzpreise standen?
Frau Stadler »wußte« all dies natürlich ebensowenig wie jeder andere. Aber sie »fühlte« es; sie witterte es. Und die anderen richteten sich nach ihr. Kaufte sie, so kauften die anderen. Lehnte sie ab, so behielten auch sie die Hände in der Tasche. Aber es konnte auch ganz gut geschehen, daß die Felder, deren kommende Ernte Frau Stadler gekauft, im Juli goldgelbe, pralle Ähren der Sense boten, während knapp daneben eine Überschwemmung oder ein Hagelstrich alles vernichtet hatte. Es konnte alles vorkommen! –
Aber sie war auch rastlos tätig. Es gab in ihrem Tag keine müßige Minute, und nichts konnte sie mehr ärgern und in Zorn versetzen, als wenn Lisi stundenlang am Fenster des Hinterzimmers saß und nach den in der Ferne blauenden, mächtig aufzackenden Gebirgszügen starrte, die dort die weite Ebene abschlossen. Frau Stadler hatte diese Berge vielleicht nie recht bemerkt. Sie wußte, daß sie dort waren. Aber ihre Geschäfte reichten nicht bis in jene Gegend; was ging sie also das Gebirge an?
Sie erhob sich im Sommer um fünf, im Winter um sechs Uhr. Und dann war sie den ganzen Tag unterwegs, überall erschien sie zur rechten Zeit, kaufend, verkaufend, vermittelnd. Sie sah und wußte alles.
Mittags war sie ein bis zwei Stunden daheim. Da empfing sie ihre Stadtkunden, beantwortete kurz und knapp die Geschäftsbriefe – das war ihr der einzig unangenehme Teil ihres Berufes – sah ein wenig nach dem Kind, und in den ersten Stunden des Nachmittags fuhr sie schon wieder nach irgendeiner Richtung aus der Stadt, in einen ihrer Holzschläge, zu einem Bauern oder Gutsbesitzer oder in die Ziegelfabrik »Hermann Stadlers Witwe«.
Dergestalt verbrachte sie ihre Zeit. Nie kam ihr die Frage in den Sinn, wozu sie eigentlich so mühevolle und gewagte Geschäfte unternehme und ihr Leben ohne allen Genuß, ohne jede Freude hinbringe. Diese rastlose, unausgesetzte Tätigkeit war ihr Lebensbedingung, naturnotwendig. Wie der Fluß fließt, der Wind weht – so mußte sie arbeiten.
Aber es fiel ihr selbstverständlich nie ein, jene Frage zu stellen, und auch keinem ihrer Bekannten. Das war doch natürlich, so zu leben, und man empfand mit Recht ungeteilte Hochachtung vor dieser einzigen Frau.
Das Schneetreiben wurde immer dichter. Man sah kaum den Weg vor dem Wagen. Aber die Pferde kannten ihn und trotteten mit mißmutig hängenden Köpfen langsam dahin. Dann tauchte zur Linken ein etwas baufälliges Geländer auf. Das war sehr wichtig: denn unmittelbar dahinter ging es senkrecht in die Tiefe, mehr als hundert Fuß. Das waren die Lehmgruben der Ziegelfabrik. Dann erschienen die Umrisse von Gebäuden und der hohe Schlot, der sich irgendwo im weißen Nebel des Schneegestöbers verlor, und der Wagen rollte in den Hof unter ein Flugdach.
Der Kutscher sprang vom Bock, klopfte sich den Schnee vom Mantel und deckte die Pferde zu. Frau Stadler ging in die Schreibstube zum Werkmeister.
Sie gab die neuen Aufträge in Arbeit, beorderte die Lieferung für den Freihern von Pangraz, entließ einen säumigen Arbeiter, unterschrieb Offerte und Rechnungen, übergab das Geld zur wöchentlichen Lohnauszahlung und fuhr dann endlich der Stadt zu. Als sie das Bahngeleise übersetzte und der Wagen wieder auf dem Katzenkopfpflaster hinratterte, begannen in der Basiliuskirche die Mittagsglocken zu läuten.
Am Rathausplatz sah sie zum Fenster eines Eckhauses im ersten Stock hinaus, unter dem ein schwarzes Schild in Goldbuchstaben die Aufschrift trug: »Dr. Leopold Körner, Rechtsanwalt«. Am Fenster stand ihre Tochter Lisi, die seit zwei Jahren an den Advokaten verheiratet war, und winkte ihr zu. Sie lächelte ein wenig – das Lächeln stand seltsam auf dem harten, strengen Gesicht – und grüßte mit der Hand zurück.
Vor der Eisenhandlung en gros der Brüder Einhart, die im Erdgeschoß des Rathauses ihre Verkaufsräume hatten, ließ sie halten. Der eine von den Chefs begrüßte sie mit ausgesuchter Liebenswürdigkeit, schüttelte ihr die Hand und begann ein Gespräch, das beim heutigen Wetter anfing, dann allmählich zu verschiedenen geschäftlichen Angelegenheiten überging. Sie machte ihn aufmerksam, daß sie seine Felder am Marienberg schlecht gedüngt gesehen habe, und er dankte ihr vielmals für ihre liebenswürdige Mitteilung. Aber sein Geschäft fesselte ihn an die Stadt und sie wisse ja, wie es gehe, wenn man nicht ständig hinter den Untergebenen her sei. Sie nickte. Endlich kam sie zu ihren eigenen Wünschen und bestellte für ihre Säge und die Ziegelfabrik mehrere Maschinenteile und Sägeblätter; für die Waldarbeiter Äxte und Sägen. Sie wußte, daß in Eisenwaren eine Preissteigerung bevorstand und wollte vorsorgen. Herr Einhart wußte das natürlich auch und wollte seine Waren gerne zurückhalten. Aber gegenüber einer so alten, geschätzten Kundschaft –!
Beim Weggehen nickte sie ihm mit einem kleinen, wissenden Lächeln zu: »Aber natürlich zum alten Preis – selbstverständlich!« Er hob lächelnd die Hand, wie in Abwehr eines ganz unbegründeten Verdachtes, und geleitete sie höflich zur Tür.
Dann bog der Wagen am Rathaus vorüber in die Postgasse. Dort, fast schon am Rande der Stadt, fuhr er in einen großen Hof ein, der als Holzlager diente.
Frau Stadler stieg aus dem Wagen, nickte dem grüßenden Kutscher kaum merklich zu und betrat das Haus.
Sie ging durch die Küche, tadelte eine Magd, die zuviel Holz in den Kochherd schob, kam durch den Hausgang in ein kahles, einfenstriges Gassenzimmer und legte Hut und Mantel ab. Es war ihr »Kontor«.
Die Wände trugen ein längst verblichenes, grau in grau verschwimmendes Tapetenmuster. Der Fußboden war blendend weiß gescheuert und mit etwas Sand bestreut. Ein alter, solider Kleiderschrank lehnte an der Wand. Er nahm jetzt Hut und Mantel auf. In der Mitte des Zimmers ein ovaler Tisch mit verschnörkeltem Fuß, der immer etwas wackelte. Beim Fenster ein kleiner uralter Schreibtisch, mit einem Wachsleineneinsatz auf der tintenbespritzten Platte, einigen kleinen Schubladen und einer Flasche Tinte an Stelle eines Tintenfasses. Man konnte wegen der seitlichen Schubladen an diesem Tisch nur mit Mühe sitzen. Aber man sah es ihm an, daß er, wenigstens gegenwärtig, nur dem Namen nach ein Schreibtisch war.
Ein paar steiflehnige, ungepolsterte Stühle noch – das war der ganze Hausrat dieses Zimmers. Die Magd deckte den Mitteltisch zur Hälfte und trug das Essen auf. Frau Stadler saß ebenso steif und streng aufgerichtet bei ihrer einsamen Mahlzeit wie früher im Wagen. In weniger als zehn Minuten hatte sie das mehr als einfache Mittagsmahl verzehrt, da betrat auch schon der Platzmeister des Holzlagers, der täglich um diese Stunde Meldung erstattete, das Zimmer, wünschte gesegnete Mahlzeit und begann seinen Bericht, lieferte Geld ab, bekam neue Aufträge. Ihm folgte ein Bauer, der Bauholz brauchte, ein anderer, der Vieh anbot, und so begann Frau Stadler ihre Nachmittagsarbeit.
