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Anna ist eine von den Avocados dieses Planeten, eine von diesen jutebeuteltragenden unverbesserlichen Weltverbesserern. Finn ist eher eine Bratwurst, zumindest wenn man der alten Weisheit glaubt: "Du bist, was du isst." Alles, was er vom Leben will, ist Spaß. Bloß nicht zu viel Gefühlsduselei. Als er zufällig auf Anna trifft, gibt er sich kurzentschlossen als Veganer aus. Denn eigentlich will er sie ja nur ins Bett kriegen. Eigentlich…
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Seitenzahl: 352
Veröffentlichungsjahr: 2023
Kurzbeschreibung
Anna ist eine von den Avocados dieses Planeten, eine von diesen jutebeuteltragenden unverbesserlichen Weltverbesserern. Finn ist eher eine Bratwurst, zumindest wenn man der alten Weisheit glaubt: „Du bist, was du isst.“ Alles, was er vom Leben will, ist Spaß. Bloß nicht zu viel Gefühlsduselei. Als er zufällig auf Anna trifft, gibt er sich kurzentschlossen als Veganer aus. Denn eigentlich will er sie ja nur ins Bett kriegen. Eigentlich…
Paula Körner
Die Avocado-Perspektive
RomanIns Deutsche übertragen von Paula Körner
Edel Elements
Edel Elements
- ein Verlag der Edel Verlagsgruppe GmbH
© 2023 Edel Verlagsgruppe GmbHNeumühlen 17, 22763 Hamburg
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Copyright © 2023 by Paula Körner
Covergestaltung: Designomicon, München.
Konvertierung: Datagrafix
Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.
ISBN: 978-3-96215-477-6
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Finn
FREE HUGS. LIEBE FÜR ALLE steht in schwarzen Großbuchstaben auf dem Pappschild direkt vor meiner Nase. Verdammt. Der Typ schon wieder. Das kommt davon, wenn man wie vernarrt auf seine Navigationsapp schaut. Man läuft irgendwelchen Irren in die Arme. Und von denen wimmelt es hier in Berlin nur so. Jedenfalls ist das mein ganz persönlicher Eindruck, der möglicherweise daher rührt, dass ich jahrelang in München studiert und durch den Umzug in die Hauptstadt gewissermaßen einen Kulturschock erlitten habe. Aber genau hier an dieser Straßenkreuzung mit der Bankfiliale, dem Bäcker und der leerstehenden Ladenfläche, wollte mich dieser Herr schon einmal umgrabschen.
„Eine Umarmung für Billy?“, fragt der korpulente Mann mit Haaren, die ganz sicher schon länger kein Wasser mehr gesehen haben, und dem penetranten Geruch nach Schweiß. Ich schüttle den Kopf, trete einen Schritt zurück und kann gerade noch einer unangenehmen Umklammerung entgehen.
„Liebe“, sagt er theatralisch und fasst sich mit beiden Händen auf die linke Brust. „Liebe ist so wichtig.“
Ich hole einmal tief Luft und wende mich beschäftigt meinem Smartphone zu. Der soll mich bloß in Ruhe lassen. Über den Rand des Telefons behalte ich ihn zur Sicherheit noch im Auge.
„Liebe für alle“, ruft er einer Gruppe vorbeischlendernder Passanten zu und sucht sich sein nächstes Opfer. Was haben sie nur alle mit dieser Liebe, denke ich noch. Tsss. Liebe ist was für Sentimentale und Träumer.
Der Grund, warum ich trotz Billy schon wieder diese Strecke gewählt habe, ist mein zweites Date diese Woche im Flamenco. Das ist eine neue angesagte Bar in der Gegend, auf die die Frauen anscheinend total abfahren. Und weil ich neu in der Stadt bin und mich voll und ganz auf Google Maps verlassen muss, bin ich ihm eben schon wieder in die Falle gegangen. Ich beschließe, meine Augen von nun an während des Laufens auf meine Umgebung zu richten. Von hier aus müsste ich den Weg auch allein finden. Es ist nur noch ein Katzensprung. Ich stelle mich an den Rand des Gehweges mit genügend Abstand zum Liebesmissionar und wechsle vom Navi auf Tinder, weil ich mich nicht mehr genau an ihren Namen erinnern kann. Irgendetwas mit englischem Touch. Da haben wir es: Alice. Und gleich eine neue Nachricht von ihr: „Freu mich auf dich“ mit drei Ausrufezeichen und Kuss-Smiley. Ich habe genug Erfahrung, um zu wissen, dass Frauen, die solche Nachrichten schreiben, am Ende doch viel anhänglicher sind als sie vorgeben. Ich erinnere mich noch zu gut an die Kleine mit den Locken, die mein Handy gehackt und meine Adresse herausgefunden hat. Ich habe nicht schlecht aus der Wäsche geguckt, als sie dann plötzlich vor meiner Tür stand. Der Schaden hielt sich dann Gott sei Dank in Grenzen, weil der Umzug bevorstand und ein neues iPhone bei meinem Kontostand kein Problem ist. Ich schaue mich noch einmal um. Meine Gedanken waren abgeschweift, und ich muss mich wieder auf die Route konzentrieren. Okay: Bäcker, Bank, leer ... doch nicht mehr leerstehend. Hinter den hohen Schaufenstern stehen Holztische und Stühle. Zwischendrin stellt eine Frau im schwarzen Jumpsuit Grünpflanzen auf. Eine schöne Frau. Groß und elegant auf eine natürliche Art. Die Wellen ihrer langen blonden Haare wippen bei jedem ihrer Schritte ein wenig, als würden sie tanzen. Ich schüttle meinen Kopf und konzentriere mich wieder aufs Wesentliche. Tanzende Haare. Ich schmunzle über mich selbst. Alles, was mich normalerweise an Frauen interessiert, sind Brüste und Po. Und die sahen bei ... wie hieß sie noch? ... Alice ... Genau. Also die Kurven von Alice sahen auf den Fotos jedenfalls ganz passabel aus.
„Bist du Joe?“ Die Blonde mit den Grünpflanzen hatte die Geschäftstür geöffnet und schaut in meine Richtung. Ich hoffe, sie hat nicht bemerkt, dass ich sie angestarrt habe. Auf einmal werde ich verlegen. Das ist ein Wesenszug, der bei mir nur in absoluten Ausnahmefällen eintritt.
„Ähh ...“ Wie geistreich von mir, gleich so etwas Intelligentes und Witziges zu sagen.
„Ach Mensch, der Nick hat ja schon erzählt, dass du ein bisschen schüchtern gegenüber Fremden bist, aber du hättest schon reinkommen können.“ Ihre braunen, mandelförmigen Augen lächeln mir zu, und unendlich viele winzig kleine Sommersprossen umspielen ihr ganzes Gesicht.
„Also ...“, beginne ich, doch sie unterbricht mich.
„Jetzt komm schon rein. Mit den Palmen habe ich auf dich gewartet. Die müssen unbedingt noch an Ort und Stelle geschoben werden, bevor mein Kurs beginnt.“
„Ja klar“, sage ich, nicke und folge ihr ins Geschäft wie ein treuer Hund. Ich weiß nicht, warum ich das tue, aber diese Frau beeindruckt mich irgendwie, zieht mich in ihren Bann, auf eine Art, die ich nicht beschreiben kann.
Ehe ich mich‘s versehe, hieve ich eine Zwei-Meter-Palme, die gefühlt eine Kilotonne schwer ist, von einem blauen Rollwagen.
„Dort in die Ecke.“ Sie deutet auf eine freie Fläche zwischen zwei Tischen, die genau da liegt, wo die beiden Schaufensterfronten aufeinandertreffen. Ich gebe alles, und mit Hängen und Würgen platzieren wir das Monstrum von Pflanze letztendlich dort, wo es hinsollte. Spätestens jetzt bin ich viel zu durchgeschwitzt für ein Date. Ich kann nur hoffen, dass das im Getümmel, das im Flamenco herrscht, untergeht. Dabei ist mir gerade die Lust auf meinen potenziellen One-Night-Stand vergangen.
„Hey, ähm ... wie heißt du noch mal?“ Verflucht. Diese Sache mit den Namen. Oder hatte sie sich noch gar nicht vorgestellt?
„Anna.“ Der Wirbelwind von Frau hält kurz inne, um mich noch einmal anzulächeln. „Ich bin schwer enttäuscht. Hat denn Nick überhaupt nichts von mir erzählt?“ „Ja ... nein ... also ...“ Während sie auf meine Antwort wartet, stapelt sie Gläser von einem Tablett in den Schrank hinter dem Tresen. Das ist meine Chance. Ich müsste es nur hinbekommen, einen vernünftigen Satz zu formulieren, bis sie das letzte Glas verstaut hat und wieder unaufhaltsam von einer Ecke in die nächste düst. „Also gut, Anna. Die Sache ist die: Ich bin gar nicht Joe.“ Geht doch.
„Was? Oh mein Gott, das tut mir leid. Hätte ich mir gleich denken können. Du sahst auch nicht so aus, als ob du schwul bist, aber du hast in meinen Laden reingeschaut, und ich dachte: Für den Kurs ist er zu früh, und außerdem ist der garantiert kein Veganer. Und dann habe ich eins und eins zusammengezählt und ...“
„Schwul? Was? Der Kurs?“ Ich verstehe nur Bahnhof. Diese Frau macht mich wahnsinnig. Ich weiß überhaupt nicht, warum ich noch hier stehe, als hätte ich Wurzeln geschlagen. Muss wohl an den Palmen liegen.
„Oh, nein. Du bist tatsächlich wegen des Kurses hier.“ Sie fasst sich mit der flachen Hand an die Stirn. „Meine Güte, das hätte ich nun wirklich nicht erwartet. Und ich spanne dich gleich zum Arbeiten ein. Das darfst du mir echt nicht übel nehmen. Versprichst du‘s mir?“
„Versprochen.“ Das ist das einzige Sinnvolle, was ich sagen kann, damit sie aufhört, wie ein Wasserfall von Dingen zu erzählen, die absolut keinen Sinn ergeben. Jedenfalls für mich nicht. Weil ich zum zweiten Mal nicht der bin, für den sie mich hält. Zuzugeben, dass ich sie durchs Schaufenster angegafft habe, ist aber auch keine Option.
„Warte. Du heißt also nicht Joe, sondern ...?“
„Finn“, antworte ich wahrheitsgemäß.
Sie überfliegt mit einem Kugelschreiber in der Hand eine Liste, die auf einem der Holztische liegt.
„Du stehst gar nicht drauf.“ Sie runzelt die Stirn. „Bei mir ist grad alles ein bisschen chaotisch. Die Website, über die man buchen kann, ist noch nicht ganz ausgereift. Zum Glück stimmt meine Telefonnummer, und die meisten Probleme konnten aus der Welt geschafft werden. Ich schreib dich einfach noch dazu. Und weißt du was, als Entschuldigung bekommst du einen grünen Smoothie von mir.“
„Ach was“, ich winke höflich ab, um ihr zu verstehen zu geben, dass die ganze Aktion keine große Sache war. Nichts, wofür man sich revanchieren muss.
„Keine Widerrede.“
Noch ehe ich etwas sagen kann, ist sie hinter der Schwingtür, durch die sie vorhin die Palme mit fahrendem Untersatz hineingeschoben hat, verschwunden. Wenige Minuten später steht sie mit einem grünen, dickflüssigen Getränk wieder vor mir. Sehr grün. Ich beäuge es misstrauisch. Es sieht irgendwie unheimlich gesund aus. Ich ernähre mich normalerweise von Tiefkühlpizza oder verabrede mich mit Frauen in Nobelrestaurants. Im Flamenco habe ich Wodka auf Ananaseis probiert. Aber gewöhnlicherweise lasse ich die Finger von Nahrungsmitteln, die aussehen, als hätten sie einen exorbitant hohen Vitamingehalt.
„Wow. Das sieht mega aus“, sage ich. Mega eklig. „Was hast du da drin?“
„Das ist eigentlich ein Betriebsgeheimnis“, sie zwinkert mir zu, „aber weil ich dich ja heute sozusagen ungefragt zum Pflanzenschleppen verdonnert habe, gehörst du für heute zum Team. Also kann ich‘s verraten: Spinat, Apfel, Grünkohl, Petersilie, Mango und ein bisschen Matcha.“
„Wahnsinn“, sage ich und konzentriere mich darauf, mir meine Erschütterung nicht anmerken zu lassen.
„Na ja, du musst es probieren, damit du es beurteilen kannst.“
Augen zu und durch. Ich nippe am Glas und stelle zu meiner Verwunderung fest, dass es nicht so abartig ist, wie erwartet. Es ist nicht der Wahnsinn, aber es ist okay.
„Tja, da weiß ich gar nicht, was ich sagen soll“, kommentiere ich das Getränk, weil Anna mich immer noch erwartungsvoll ansieht.
„Das freut mich. Und das Beste ist: Es sind keine Farbstoffe und Geschmacksverstärker drin. Nur Natur und sonst nichts.“ Sie legt ihren Kopf schief. „Weißt du, als ich dich da vorhin gesehen hab, hätte ich gar nicht gedacht, dass du so ein Typ bist.“
„Was denn für ein Typ?“
„Na ja, jemand, der bei grünen Smoothies so ausflippt und sich vegan ernährt und so ... das finde ich echt klasse.“
„Also so ganz vegan ...“
„Keine Sorge, manchmal trinke ich auch ein Glas Milch. Ich denke, solche Rückfälle hat jeder von Zeit zu Zeit.“
„Ich mach das ehrlich gesagt auch noch nicht so lang.“ Seit einer Mahlzeit, um genau zu sein. Diesem Obst- und Gemüsematschgetränk, das in mir nicht das Verlangen nach mehr davon entfacht hat.
„Dafür ist der Kurs ja auch gut. Ich zeige euch viele neue Rezepte, und dann wird es total easy. Aber mal ganz unter uns – wie machst du das denn mit deinen Muskeln?“ Sie deutet auf meinen Oberarm, und ihre Wangen erröten kaum merklich. Ich muss gestehen, dass ich selten so viel Anerkennung für meinen eher durchschnittlich trainierten Bizeps bekomme.
„Das ist nur ein bisschen Fitness am Abend.“ Üblicherweise erwähne ich bei meinen Dates immer beiläufig, dass ich ein eigenes Gym in meiner Bude habe. Dann bekommen sie dieses Funkeln in den Augen, weil es Frauen sind, die auf Glitzer, Glamour und teure Dinge stehen. Aber irgendein Gefühl sagt mir, dass das bei Anna nicht der Fall ist. Ihr geht es um etwas anderes. Die Frage ist nur, um was es sich handelt? Und warum habe ich plötzlich diesen Ehrgeiz, ausgerechnet diese Frau rumzukriegen?
„Oh, das meinte ich nicht.“ Sie wirkt beinahe ein bisschen verlegen. „Es ist nur extrem schwer, sich eiweißreich vegan zu ernähren, und die meisten männlichen Veganer sehen jetzt nicht so aus wie du.“ Wieder huscht ein Hauch von Röte über ihre Wangen. Sie findet mich also attraktiv. Jedenfalls wenn ich das richtig verstehe. Eine todsichere Formel, um Frauen zu verstehen, habe ich bisher nicht entwickeln können. Da muss ich mich immer noch auf mein Bauchgefühl verlassen. Jetzt muss mir nur noch eine intelligente Antwort einfallen.
„Es gibt da so Pulver“, stammle ich etwas zusammen, was Theo mir über sein Fitnessprogramm ständig erklärt. Ich selbst ernähre mich grundsätzlich fleischhaltig genug, um zusammen mit dem Training eine für mich zufriedenstellende Figur zu erhalten. „Die kann man auch mit Wasser mischen oder ähm ...“
„Mandelmilch?“
„Ja, genau. Das geht auch.“
Finn
„Ich habe mir gedacht, wir starten heute mit Löwenzahnsalat und nächste Woche machen wir dann Kartoffelspalten mit Humus und Guacamole.“
Humus – das klingt nach Kompost und irgendwie zum Abgewöhnen. Guacamole hingegen könnte eine Weinschorle sein. Die ganzen Fremdwörter irritieren mich.
„Klasse. Also klär uns auf: Was ist diese Guacamole?“, frage ich im Namen aller und werde sofort fassungslos angeschaut. Das verrät mir, dass allgemein bekannt ist, um was es sich bei Guacamole handelt. Ich fühle mich wie in einer dieser von mir gefürchteten Gesellschafterversammlungen, bei denen es leider zur Tradition geworden ist, dass das meiste von dem, was ich sage, zu allgemeinem Entsetzen führt.
„Der Finn ernährt sich erst seit Kurzem vegan“, nimmt mich Anna in Schutz, und die Gesichter der anderen entspannen sich wieder. Sie blicken sogar freundlich.
„Also Guacamole ist ein rein pflanzlicher Dip aus Avocados und Gewürzen“, erklärt mir Gregor, neben mir der einzige Mann in unserer Kochgruppe. Ich muss feststellen, dass ich mit ihm wirklich nicht viel gemein habe. Er ist einen Kopf kleiner als ich und hat seine langen Haare zu einem Zopf zusammengebunden. Er ist hager, und die weiten ausgewaschenen Klamotten aus Baumwolle, die er trägt, lassen ihn aussehen wie einen Teenager. Dann gibt es noch Rose mit Yin und Yang, die untrennbar mit ihr verbunden sind, wie sie sagt. Neben Yin und Yang sind ihre Arme mit vielen merkwürdigen Mustern tätowiert. Neben ihr steht Viola, eine üppige Frau mit Rastazöpfen und einer runden John-Lennon-Brille. Und dann gibt es da noch die Zwillinge Lilly und Lena, die man nur unterscheiden kann, weil eine von ihnen eine Kurzhaarfrisur hat: identische Leinenkleidchen, identisches Gesicht. Ich fühle mich etwas unbehaglich zwischen der Rastazopf-Biotante und der gemusterten Yogalehrerin. Mittlerweile kann ich verstehen, dass Anna mich eher für den Palmenträger als für einen von ihnen gehalten hat.
„Das stimmt. Aber Guacamole ist nicht gleich Guacamole. Ich habe da einige Geheimtipps für euch.“ Sie zwinkert mir zu. Ein Flirt? Oder doch nur ein aufmunterndes „Halte durch!“? Ich lächle sie charmant an und verfalle damit wieder in meine altbekannte Aufreißer-Rolle.
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„Soll ich dir noch beim Geschirr helfen?“, frage ich. Ich hatte mir extra genügend Zeit gelassen, hatte Gregor in ein Gespräch über seinen Job verwickelt (er repariert Fahrräder). Eigentlich hat das nur dazu geführt, dass er ausführlich darüber berichtet hat, wie wir die Umwelt schützen könnten, wenn alle Menschen Fahrrad fahren würden. Ich musste nicht viel zu dieser Zeitschinderei beitragen, nur ab und zu nicken oder ihm mit einem knappen Satz beipflichten. In der Zeit sind die Frauen gegangen. Um der Letzte zu sein, bin ich noch mal kurz zum Händewaschen auf die Toilette verschwunden. Und jetzt stehe ich da, in der recht großen, holzmöblierten, im Landhausstil eingerichteten Küche. Auch hier gibt es reichlich Grün. Von der Decke hängen Schalen mit Kräuterpflanzen, von denen ich nur Basilikum und Schnittlauch eindeutig zuordnen kann. Auf der ebenfalls hölzernen großen Arbeitsplatte in der Mitte, um die wir vorhin alle standen, um gemeinsam mit Anna den Salat zuzubereiten, stapeln sich Brettchen, Schneidemesser, Teller, Schüsseln und Besteck.
„Nein, lass mal. Das gehört zum Service. Du weißt doch, der Kunde ist König. Du hast wirklich schon genug geholfen. Der Abwasch muss nur in die Spülmaschine. Das ist kein Problem.“
„Oh. Okay. Dabei fällt mir ein, dass die zweite Palme noch aufgestellt werden muss.“
Sie schmunzelt matt, und ich glaube, Erschöpfung in ihrem Gesicht zu erkennen.
„Nein, geh nur. Wirklich.“
So schwierig habe ich es gewöhnlicherweise nicht. Sie ist eine harte Nuss. Dann auf die altmodische Art: „Na gut, vielleicht gehst du ja mal einen Kaffee mit mir trinken? Also wenn du Zeit hast.“ Ich weiß nicht, warum meine Knie auf einmal ein wenig weich werden und mein Puls steigt. Es ist nicht das erste Mal, dass ich eine Frau persönlich um ein Date bitte. Vielleicht bin ich aber mit Face-to-Face-ersten-Flirts ein bisschen aus der Übung.
„Ja. Vielleicht.“
Anna
Ich lehne mich gegen den Kühlschrank und rutsche mit dem Rücken an die Holzverkleidung gelehnt nach unten, bis ich mit ausgestreckten Beinen auf den terracottafarbenen Fliesen sitze. Mein rechtes Auge zuckt. Das ist der Stress.
Nick wirft einen Blick durch die Tür. „Meine Güte, ich dachte, ihr wolltet nur Salat machen. Hier sieht es aus, als hättet ihr der gesamten britischen Königsfamilie ein Drei-Gänge-Menü gekocht.“
„Genauso fühle ich mich auch.“ Ich raffe mich auf, um meinen ältesten und besten Freund zu umarmen. Nick hat extra eine Spätschicht eingelegt, um nach seiner Arbeit vom gläsernen Bankgebäude auf der anderen Straßenseite zu mir herüberzukommen und mir beim Aufräumen zu helfen. Das ist gut für die Work-Life-Balance, hatte er gesagt. Und ich hatte ganz genau gewusst, dass Geschirr einstapeln und den Boden wischen keinesfalls gut für die Work-Life-Balance ist. Aber ich fand es außerordentlich liebenswürdig, dass er mir, wie schon viel zu oft, unter die Arme greifen wollte. Und dabei versucht er auch noch jedes Mal so zu tun, als hätte die ganze Angelegenheit für ihn nur Vorteile, damit ich mich nicht schlecht fühle.
„Kein Problem“, er stützt die Hände in den Hüften ab und begutachtet das Chaos, „zu zweit geht das ganz schnell und macht auch noch Spaß.“
„Ach Nick“, ich umarme ihn erneut vor lauter Dankbarkeit. „Wenn es dich in hetero gäbe, würde ich dich vom Fleck weg heiraten.“
„Tja, meine Liebe“, sagt er, löst sich von mir und lockert seine schwarze Krawatte. „Hundert Prozent gibt es nie. Irgendwas ist immer.“
„Stimmt. Apropos: Wie läuft es mit Joe?“ Es hatte mich nicht gestört, dass er nicht, wie von Nick versprochen, aufgetaucht ist, um mir mit den Palmen zu helfen. Es hatte mich gewundert, denn Nick hatte ihn als zuverlässig beschrieben, zuverlässig und sensibel. Auch wenn ich den Kerl noch nie zu Gesicht bekommen habe, nehme ich seit drei Wochen an der Auf-und-Ab-Beziehung zwischen den beiden Anteil. Natürlich nur in beratenden und seelsorgerischen Funktionen.
„Ach, wir hatten mal wieder Streit.“ Nick stößt einen langen, tiefen Seufzer aus, zieht seine Krawatte über den Kopf und befestigt sie an einer der Ösen an der Decke, die eigentlich für eine Kräuterampel gedacht war. Koriander. Der fehlt mir noch und war weder im Blumenladen die Straße weiter noch in der Grünpflanzenabteilung des Baumarkts aufzutreiben.
„Was ist passiert?“, frage ich.
„Er hat eine Nachricht auf meinem Handy gelesen.“
„Was für eine Nachricht?“ Heute muss ich ihm wirklich jedes Detail aus der Nase ziehen. Ich reiche ihm ein Geschirrteil nach dem anderen, und er verstaut Teller, Gläser und Schüsseln in der Spülmaschine. Es ist nicht gerade die zeitsparendste Methode, aber es wird ohnehin genügend Gesprächsstoff für diesen Abend geben. Nick war schon immer gut im Tetris und hat vermutlich eine unheimlich ausgeklügelte Methode, um alles optimal zu verstauen. Anders kann ich mir nicht erklären, warum in diesem Teil immer noch Platz ist.
„Ein Kollege ist neu in unserer Abteilung. Der stellt mir ständig Fragen. Ich bin so eine Art Mentor. Und da habe ich ihm für Notfälle meine Handynummer gegeben.“
„Okay. Also für Notfälle?“ Ich werfe ihm einen skeptischen Blick zu.
„Wirklich.“ Er sieht nicht auf und rückt stattdessen weiter meine getupften Keramikschalen zurecht, um eine Lücke für den Schneebesen zu finden.
„Ernsthaft? Ein Schneebesen für Salat?“, fragt er, als das nicht klappen will.
„Fürs Dressing“, erkläre ich knapp. Auf ein Ablenkungsmanöver lasse ich mich nicht ein. „Ist er attraktiv?“
„Er ist verlobt.“
„Na ja, das ist nicht unbedingt für alle Männer ein Hindernis.“
„... mit einer Frau.“
„Okay, das vielleicht schon. Möglicherweise ist er bi.“
„Du bist schlimmer als Joe!“ Jetzt verliert er die Nerven und presst den Schneebesen mit Gewalt zwischen zwei Schüsseln – mit Erfolg.
„Ach, komm schon, ich weiß, dass du der treuste Mann der Welt bist. Aber wir kennen uns eine Ewigkeit. Er kennt dich nur ein paar Wochen. Und wenn man so richtig verknallt ist, kann man schon mal stutzig werden, wenn der Partner ununterbrochen Nachrichten von einem“, ich male Anführungszeichen in die Luft, „Arbeitskollegen bekommt.“
„Du hast ja recht“, er sieht mich verschmitzt an. „Süße, ich finde, du verschwendest deine Zeit. Du solltest Paartherapeutin werden.“
Ich lächle matt. „Nein, danke. Ich befasse mich lieber mit Möhren und Brokkoli anstatt mit Streithähnen.“
„Wie lief es denn mit den Möhren? Haben sie sich ergeben ihrem Schicksal gefügt?“ Er setzt ein gespielt düsteres Gesicht auf. Ich muss lachen.
„Es hat gut funktioniert, also haben sie sich offensichtlich nicht gewehrt. Der Salat hat geschmeckt, es ist niemand verblutet und es gab keine größeren Katastrophen.“ Ich hatte schon gestern Abend mit Nick telefoniert, weil ich vor meinem ersten Kurs so aufgeregt war, dass ich mir alle möglichen und unmöglichsten Szenarien ausgemalt habe. Von unangekündigten Kontrollen des Gesundheitsamtes bis hin zu abgeschnittenen Fingern war alles dabei gewesen. Ich hatte mir sogar vorsorglich jede Menge Erste-Hilfe-YouTube-Videos angesehen.
„Und mal abgesehen vom Gemüse. Wie war die Gruppe? Ein paar heiße Hipster dabei?“
Verdutzt gucke ich ihn an. Immerhin ist er in einer Beziehung, und das sieht ihm überhaupt nicht ähnlich. Außerdem hat er gerade felsenfest behauptet ...
„Nicht für mich. Für dich. Ich finde, du bist lange genug Single gewesen“, fügt Nick hinzu.
„Du weißt, dass das bei mir nicht so einfach ist.“
„Aber du hast auch ziemlich hohe Ansprüche. Er muss Kinder lieben, gut aussehen, am besten Veganer sein und außerdem charmant, großzügig, selbstlos, ehrlich und treu sein.“
Was ist da bitte zu viel verlangt? Außerdem übertreibt er maßlos. Ich suche ja nicht nach einem männlichen Unterwäschemodel, das gleichzeitig ein heiliger Samariter ist. Falls ich aber jemals wieder einen Kerl in mein Leben lasse, dann möchte ich einen von den Großartigen haben. Ich denke, dass das Hauptproblem unserer Gesellschaft ist, dass die großartigen Männer aus der Mode gekommen sind. Und da, wo vorher die waren, die Blumen mitgebracht und Türen aufgehalten haben, haben es sich heute die Arschlöcher bequem gemacht.
„So ist es gar nicht.“ Ich knuffe ihn in die Seite, während ich zusehe, wie das Wasser im Wischeimer steigt und sich allmählich Schaum an der Oberfläche bildet. Nick lässt vor Schreck fast das Besteck fallen, welches er gerade akribisch in das oberste Fach einsortiert. „Also einer war dabei, der sah schon richtig gut aus.“
„Erzähl!“
„Er hat dunkelbraune Haare, tolle blaue Augen, schöne Wangenknochen. Und er riecht wahnsinnig gut“, schwärme ich.
„Das klingt doch wunderbar.“ Nick strahlt mich an und erweckt den Eindruck, noch mehr hin und weg zu sein als ich selbst. Von der Tatsache, dass es ein Mann beinahe geschafft hat, mir den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Beinahe. Ich habe zu viele Erfahrungen gemacht und trage zu viel Verantwortung, um mich blindlings in einen dahergelaufenen, wildfremden Mann zu verlieben.
„Ich weiß nicht. Irgendwas stimmt nicht mit ihm. Das ist so ein Bauchgefühl.“
„Da haben wir‘s. Deine Männer-Paranoia. Da kommt einer, der ist perfekt. Und dann erfindet dein Gehirn eine Ausrede, warum er doch nicht der Richtige ist.“
Ich zucke mit den Schultern. „Besser als zu naiv. Du weißt ja, zu was das in der Vergangenheit geführt hat.“
„Die Sache mit Erik ist jetzt schon Jahre her.“
„Ich weiß. Wahrscheinlich geht es ihm jetzt blendend mit seiner Bauchtänzerin in Brasilien.“ Immer wenn ich an ihn denke, habe ich eine riesige Wut im Bauch, die ich jetzt damit kanalisiere, indem ich sämtliche Flecken vom Boden schrubbe.
„Tut mir leid. Ich wollte kein Salz in die Wunde streuen.“
„Schon gut.“ Man glaubt gar nicht, wie viel Dreck so eine Kleinkochgruppe auf dem Boden zurücklassen kann.
„Und immerhin hatte die Beziehung einen mittlerweile ziemlich groß gewordenen Vorteil.“ Meine Hand entkrampft sich ein wenig vom Scheuerlappen, und ich lächle ihn an. „Das stimmt.“
„Es gibt ja auch nicht nur Eriks auf dieser Welt.“ Nick stupst den Besteckschieber an, sodass der in die Spülmaschine fährt, und schnippt dann mit seinem Fuß den Deckel nach oben.
„Ja. Es gibt auch Finns.“ Habe ich das gerade wirklich gesagt?
„Finn. Soso.“
Ich verdrehe die Augen. „Ich glaube, in meinem Leben ist grade kein Platz für eine Beziehung. Ich habe jede Menge um die Ohren. Außerdem ergreifen sowieso alle Männer die Flucht, wenn sie erfahren, dass ...“
„Anna“, unterbricht er mich. Er drückt sich mit seinen Händen an dem Arbeitstisch ab und zieht sich nach oben, bis er auf der Platte sitzt. So kann ich den Boden neben der Küchenzeile putzen, ohne dass er mir im Weg steht und über den frisch gewischten Boden läuft. „Du musst ihm ja nicht gleich ewige Treue schwören und dein ganzes Herz verschenken. Lass es doch mal locker angehen. Ihr verbringt ein paar nette Abende zusammen, habt ein bisschen Spaß und dann kannst du immer noch entscheiden, ob er etwas taugt.“
„Also ich weiß nicht. Ist das nicht ein bisschen oberflächlich, wenn es nur um den Spaß geht?“
„Willkommen in der Neuzeit. Du bist doch die, die sich mit den ganzen Hippies umgibt. Freie Liebe. Liebe für alle. Sex ohne Liebe. Das haben die quasi erfunden.“
„Nur weil sie Veganer sind, sind sie noch lange keine Hippies“, sage ich mit gespielter Empörung.
„Vielleicht nicht zwangsläufig, aber die Schnittmenge zwischen Veganern und Hippies ist ziemlich groß.“
Ich muss schmunzeln, weil er wieder in seinen Bankerjargon verfällt, der durchblicken lässt, dass er bei seiner Arbeit viel mit Mathematik zu tun hat. „Finn ist kein Hippie, und ich werde ganz bestimmt keine Sex-Beziehung mit einem meiner Kunden anfangen. Ich kann so was gar nicht. Sex ohne Liebe – das ist der größte Blödsinn, den ich jemals gehört habe.“ Ich schütte das schmutzige Wischwasser weg und hänge den Lappen zum Trocknen über den Eimer, dann setze ich mich zu Nick auf den Tisch.
„Oho, wenn das mal keine Wasserverschwendung ist. Du hättest es noch zum Gießen nehmen können“, zieht er mich auf.
„Ja. Ich schätze nur, dass die Palmen mit dem Essigreiniger nicht zurechtkommen.“
„Ach, aber Ingwertee akzeptieren sie?“, provoziert er mich weiter. Ich hatte Nick vor einer Weile dafür kritisiert, dass mein Ingwertee, der zugegebenermaßen ungefähr eine halbe Stunde zu lange gezogen hatte, im Ausguss gelandet ist.
„Ja, den mögen sie gern“, behaupte ich. So genau wissen kann es natürlich keiner.
Er seufzt. „Wo wir gerade sitzen, muss ich dir noch eine schlechte Nachricht überbringen. Hast du Wein oder etwas anderes Alkoholisches? Ich denke, wir könnten beide einen Schluck vertragen.“
„Ich kann uns einen Tee machen“, stichele ich.
„Nein. Es ist etwas Ernsteres“, sagt er, und nicht einmal ein klitzekleines Lächeln huscht über sein Gesicht.
„Geht es um den Kredit?“, rate ich ins Blaue hinein und hoffe inständig auf ein Nein, obwohl ich genau weiß, dass es eigentlich nur darum gehen kann. Das Thema konnte ich bis gerade eben noch verdrängen. Jetzt taucht es wie ein Schreckgespenst wieder in meinem Kopf auf. Ich angle, ohne mich von meinem Platz zu erheben nach der Flasche Burgunder, die ich, um mich daran zu erinnern, eine vegane Variante von Coq au vin zu entwickeln, neben den Herd gestellt hatte. Ich stütze mich auf der Tischplatte ab und strecke mein Bein aus, öffne mit meinem rechten Fuß eine Küchenschublade und suche den Korkenzieher heraus. Ich drehe die Spitze langsam in die Flasche, während ich unter Hochspannung auf eine Antwort warte.
„Ja. Weitere dreißigtausend Euro sind nicht drin.“
Ich habe es geahnt. „Das war‘s. Dann kann ich gleich wieder dicht machen. Der Vermieter hat die Kaution ja schon gestundet, aber die wird jetzt fällig. Ich muss Raten auf die Küche zahlen und dann die Lebensmittel. Der Laden läuft nicht so gut an, wie ich gedacht habe, und wenn nicht irgendein Wunder passiert, bin ich geliefert.“ Ich ziehe mit einem Ruck den Korken aus der Flasche und nehme einen großen Schluck.
„Sag das nicht.“ Er legt einen Arm tröstend um meine Schultern, und ich reiche ihm die Weinflasche. „Das Angebot steht immer noch. Ich leihe dir das Geld. Das liegt bei mir sowieso nur auf dem Konto. Es gibt keine Zinsen, also ist es Verschwendung, es dort zu parken.“
„Das kommt überhaupt nicht infrage.“ Ich habe keine Ahnung von Finanzen, aber eines weiß sogar ich: „Freunden leiht man kein Geld. Und das werde ich auch niemals annehmen.“
„Das ist ja kein Leihen“, protestiert er, stellt die Flasche weg, nimmt meine Hände in seine und sieht mich an. „Das ist eine Art Investment. Ich glaube an dich und diesen Laden und daran, dass du die Stadt und die Welt ein bisschen besser machst. Jetzt kommt Annas Bistro. Die Fleischindustrie soll sich schon mal warm anziehen.“
Ich ringe mich zu einem tapferen Lächeln durch. Da ist er wieder, der Nick, der so tut, als wäre es die beste Idee seit Langem, Geld in ein strauchelndes Unternehmen zu pumpen.
„Nick, ich weiß es wirklich zu schätzen. Dich und deine Art, wie du es schaffst, dass ich mich in einer Sekunde um Welten besser fühle. Aber ich werde kein Geld von dir annehmen.“
„Na gut“, sagt er und lässt mich mit einer Hand los, um sich nachdenklich am Kinn zu kratzen. „Aber ich kann für dich bürgen. Für die Kaution. Vielleicht lässt der Vermieter sich darauf ein und stundet sie noch eine Weile. Nur für ein paar Monate, bis sich dein Laden erholt hat. Du hast doch nächsten Samstag sowieso ein Termin mit ihm. Ich könnte mitkommen und ...“
„Nein“, unterbreche ich ihn. „Ich werde dich da nicht mit reinziehen.“
„Aber ...“
„Nein. Das ist mein letztes Wort.“
„Dann muss es doch ein Wunder geben.“ Er lässt seine Schultern hängen und sieht genauso traurig aus, wie ich mich fühle.
Ich seufze und lege meinen Kopf auf seine Schultern.
Finn
Ich schütte die Kohle in die Schale und mache Feuer. Ich öffne mir ein Bier und beobachte, wie der Grill vor sich hin raucht. Das habe ich mir wirklich verdient. Ich genieße das Zischen, das die Flasche von sich gibt, als ich mit dem Öffner den Deckel verbiege. Ich hatte einen Homeoffice-Tag eingelegt und bis vor Kurzem an der Power-Point-Präsentation für die morgige Gesellschafterversammlung gesessen. Theo hat mir seine Berichte geschickt, und ich habe sie komplett durchgelesen und jedes Detail, das ich nicht verstanden habe, genau recherchiert. Morgen werde ich einfach bestens informiert sein und Irina nicht erneut ins Messer laufen. Überhaupt hatte ich über Nacht den Entschluss gefasst, besser vorbereitet zu sein. In meiner Mittagspause habe ich auf meiner Joggingrunde nicht nur Bratwürste mitgenommen, sondern im Biomarkt auch Avocados eingekauft (in umgekehrter Reihenfolge natürlich). Im Biomarkt habe ich Viola getroffen, die es sicher sehr gewundert hätte, wenn ich ein Dutzend Würstchen dabeigehabt hätte. Ich hätte mir eine besonders gute Ausrede einfallen lassen müssen, und dieser Fauxpas hätte glatt das Gesprächsthema des nächsten Kochkurses werden können. Viola hätte mir beinahe neben den Avocados die gesamte Gemüseabteilung mitverkauft. Geistesgegenwärtig habe ich mir dann aber nur noch zwei Süßkartoffeln aufschwatzen lassen. Und das auch nur, weil sie mir dringend empfohlen hat, die zusammen mit der Guacamole zu probieren. Und dann ist da noch die Kiste Äpfel und der Eimer Tomaten, den ich vorbestellt habe, wegen des Vitaminhaushaltes und weil jeder zehnte Euro davon an ein afrikanisches Kinderdorf gespendet wird.
Mein Handy vibriert.
„Theo?“
„Ja, ich steh jetzt vor deiner Tür.“
„Alles klar. Ich mach auf.“
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„Also, ich fasse noch mal zusammen: Du hast gestern zufällig eine Frau kennengelernt, daraufhin ein Date mit Alice sausen lassen, die nebenbei bemerkt echt scharf ist, und jetzt beschließt du, anstatt Fleisch Avocados und diese Knollen da zu essen.“ Theo wendet die Bratwürste. Sie sind goldbraun und duften verdammt gut. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen.
„Das sind Süßkartoffeln, und die schmecken zu Guacamole ganz hervorragend“, wiederhole ich Violas Worte.
„Was zur Hölle hat die mit dir gemacht? Gehirnwäsche?“
„Nein, wir haben nur einen Salat zubereitet“, weiß ich noch ziemlich genau, weil ich heute Morgen mit einem heftigen Magenknurren aufgewacht bin. Der Salat war lecker. Jedenfalls so lecker, wie veganes Essen eben sein kann. Ein paar Putenstreifen hätten ihm sicher nicht geschadet. Er hat jedoch überhaupt gar nicht satt gemacht.
Als ich merke, dass Theo mich immer noch anschaut, als wäre ich ein Marsmännchen, das seinen Kumpel entführt hat, füge ich noch an: „Die war halt irgendwie heiß, und ich muss sie beeindrucken, um sie rumzukriegen.“
„Die halbe Stadt will mit dir schlafen, und du musst jetzt unbedingt die eine haben, oder was?“ Theo schüttelt ungläubig den Kopf.
„Ja. Das ist es doch. Es wird langsam langweilig. Das ist sozusagen ein neues Level. Eine ganz neue Erfahrung.“
„Eine neue Erfahrung. Allerdings.“ Theo hebt eine der grünen Früchte vom Tisch hoch und beäugt sie misstrauisch.
„Und das meiste schmeckt auch gar nicht so schlimm, wie es aussieht.“ Ich nehme Theo die Avocado aus der Hand und beiße demonstrativ hinein.
„Und?“
„Die Außenseite ist etwas ledrig.“
„Du hast sie ja auch nicht geschält“, bemerkt Theo spitz.
„Meinst du, das Ding hätte man häuten müssen?“ Ich fasse mir instinktiv an den Bauch, wo der gesamte Bissen gelandet ist. Ich habe keine Lust, Durchfall oder Ähnliches zu bekommen. Nicht vor der Präsentation.
„Keine Ahnung. Frag doch diese Anna.“
Sehr witzig. „Also der Rest der Avocado hat jedenfalls neutral geschmeckt“, erkläre ich, um das Positive hervorzuheben.
„Das klingt ja wahnsinnig überzeugend.“ Ich bemerke Theos ironischen Tonfall. „Was glaubst du, warum die Männer damals gejagt und die Frauen gesammelt haben?“ Er lädt sich drei Würste gleichzeitig auf den Teller und garniert sie mit einem großen Klecks BBQ-Soße.
„Jagen war der gefährlichere Job. Die Frauen hatten häufig die Kinder mit dabei und mussten sich um sie kümmern“, bemühe ich mich um eine Erklärung, ohne zu wissen, wohin diese Diskussion eigentlich führen soll. Aber anstatt allzu viel Energie damit zu verschwenden, mir über Theos Theorien Gedanken zu machen, reiße ich meinen Blick lieber von dem Fleischteller los und fokussiere meine angebissene, trostlose Avocado.
„Falsch. Männer brauchen Fleisch. Das ist schon im Steinzeitalter so gewesen und hat sich nicht geändert. Frauen kommen mit ein bisschen Rinde und ein paar Früchten aus, aber Männer brauchen ein Mammut.“ Er deutet auf den Rost und preist mir das noch darauf liegende Grillgut an. „Oder eine kleinere Variante davon. Rind oder Schwein.“
Ich zucke nur mit den Schultern, als wäre mir der Duft von Rauch und verdunstendem tierischen Fett und Bier vollkommen gleichgültig. „Rein anatomisch sind sich Frauen und Männer ziemlich ähnlich“, ergreife ich kämpferisch wie ein Löwe stellvertretend für die ganze Veganerbande, die ich gestern getroffen habe, Partei. Aber Theos Behauptungen sind ja auch der größte Blödsinn. Das kann auf keinen Fall so stehen bleiben.
„Finde ich nicht. Frauen haben entschieden größere Brüste. Jedenfalls die meisten. Und wenn du dir gestern nicht so viel Unfug angehört hättest, sondern bei Alice gewesen wärst, wäre dir das auch aufgefallen.“
„Ist ja gut. Ich gebe dir ihre Nummer, dann kannst du sie darüber hinwegtrösten, dass ich nicht aufgetaucht bin.“
Er nickt zufrieden. „Gut. Und jetzt probiere endlich.“ Er spießt eine der Würste auf die Gabel und wedelt damit vor meiner Nase herum. Eine Frechheit. Ich glaube es einfach nicht.
„Nein. Ich werde das nicht probieren. Ich werde superleckere Süßkartoffeln verspeisen und dir nichts davon abgeben“, sage ich stur und ein wenig erbost und packe energisch die Gemüsebrocken auf die freigewordenen Flächen des Grills. Ich beschließe, meine Avocadoerfahrungen auf den nächsten Kurs bei Anna zu vertagen und mich den Kartoffeln zu widmen, wobei ich hoffe, dass es nicht nur eine Verkaufsmasche war, als Viola sagte, die Dinger würden schmecken.
„Ja, die wirken doch recht hart“, kommentiert Theo die rosafarbenen, unförmigen Teile. Es ist die Hochnäsigkeit, mit der er redet, oder mein wahnsinniger Hunger, der mich beinahe zum Explodieren bringt. „Na ja, ich schätze, die brauchen eine Stunde, bis sie gar sind.“ Jetzt ist er auch noch im Begriff, genüsslich in die Bratwurst zu beißen, die er mir gerade angeboten hat. Es reicht. Ich kann diese psychischen Qualen nicht länger aushalten. Blitzschnell nehme ich ihm die Gabel aus der Hand und beiße selbst hinein, ohne groß darüber nachzudenken. Es schmeckt vollkommen, würzig und saftig und knackig – eine perfekte Bratwurst mit einem Beigeschmack schlechten Gewissens.
„Jetzt bist du also doch noch zur Vernunft gekommen.“ Theo klopft mir auf die Schultern, und ich schüttle genervt seine Hand ab. Das, was ich gerade tue, ist definitiv nichts, worauf ich stolz sein kann. Ich habe ein ziemlich schlechtes Gefühl dabei, denn jetzt wird die ganze Geschichte von gestern eine Lüge. Ja sicher, es war von Anfang an ein Missverständnis, und ich habe das ein oder andere Mal geflunkert oder Wahrheiten verschwiegen, aber ich hätte mich da immer noch rauswinden können, wenn ich für die Dauer des Kurses auf Fleisch und tierische Produkte verzichtet hätte. Ich hätte mit Anna geschlafen, sie nie wiedergesehen und danach Hunderte von Bratwürsten essen können. Mit diesem Happen bin ich zu einem hinterlistigen Schwindler geworden. Und das widerstrebt mir ganz gewaltig. Solcher Methoden bediene ich mich normalerweise nicht, um eine Frau ins Bett zu kriegen. Das verstößt gewissermaßen gegen meine Ehre.
„Schmeckt‘s?“, fragt Theo mit vollem Mund, der keine Ahnung von meinem Gewissenskonflikt hat. Wie sollte er auch?
Ich nicke und beiße noch mal ab. Es ist einfach zu verführerisch. Außerdem hat sich Anna die ganze Veganersache selbst zusammengesponnen. Ich habe das nie behauptet, beruhige ich mein noch immer ziemlich aufmüpfiges Gewissen, damit es mich nicht daran hindert, die komplette Wurst zu verdrücken. Nach der zweiten Wurst fühle ich mich nur noch ein bisschen unwohl. Aber auch das ist entschuldbar, weil ich seit gestern Abend das erste Mal wieder richtig satt bin.
Finn
Es ist so weit. Ich sitze an der Stirnseite des langen Tisches. An jedem der Plätze sitzt ein Mann im Anzug oder eine Frau im Kostüm mit einem Glas Wasser vor sich und einem Block oder einer Mappe für Notizen. Es ist leise. Man wartet ab, was ich zu sagen habe. Ich stehe auf und räuspere mich kurz. „Sehr geehrte Damen und Herren Gesellschafter. Heute möchte ich Ihnen die Zukunft von Wimba Windeln präsentieren“, sage ich meinen Text auf, wie ich es gestern vor dem Spiegel trainiert habe. Ich setze den geübten Gesichtsausdruck auf. Überzeugend. Wissend. So hoffe ich, sieht es aus. „Bevor wir einen Blick in die Zukunft werfen, lassen Sie mich kurz in die jüngste Vergangenheit schweifen.“ Ich blättere eine Folie nach der anderen auf. Das Licht des Beamers lässt mich die Leute weiter hinten nicht sehen, sodass es mit dem blendenden, grellen Scheinwerfer nicht mehr ganz so beängstigend wirkt wie vorher. Ich nenne Zahlen und Fakten zu Produkten und Verkäufen. Aus dem Augenwinkel nehme ich wahr, dass Irina fleißig am Schreiben ist. Ich versuche, konzentriert und unbeirrt zu bleiben und nicht darauf zu achten, dass es nach meiner Präsentation Kritik hageln wird. Irina ist eine der geschätztesten Kolleginnen meines Vaters, die mich auf dem Kieker hat, seit er mich zum Geschäftsführer ernannt hat. Natürlich wird man nicht so einfach ernannt. Ich wurde selbstverständlich ordnungsgemäß gewählt. Aber das war ein Leichtes. Mein Vater hat sechzig Prozent der Anteile an der Firma. Die Wahl, die im Grunde keine war, ging einstimmig aus, weil jeder, der es sich mit meinem Vater nicht verscherzen wollte, nach seinem Wunsch gestimmt hat. In Wahrheit hätte wohl niemand einen Grünschnabel wie mich engagiert. Und ganz besonders Irina nicht. Ich komme frisch von der Uni. Ein Theoretiker ohne Lebenserfahrung und ohne einen Plan von Windeln, dem Produkt, was unser Unternehmen herstellt. Das wäre vermutlich alles nur halb so schlimm gewesen, wenn ich mich in die erste Gesellschafterversammlung nicht vollkommen unvorbereitet gestürzt hätte. Das war ein glatter Genickbruch. Denn Irina hat allen bewiesen, wie ungeeignet ich bin. Es gibt nur einen Weg, das wieder geradezubiegen. Und das ist die Präsentation heute.
Ich nehme ein Handzeichen von Irina wahr, die sich direkt auf den Stuhl neben mich gesetzt hat. Ich weiß, dass sie zu gern meinen eigenen Platz eingenommen hätte. Aber so leicht werde ich es ihr nicht machen.
„Ja, bitte?“
„Ich denke, wir konnten einen allgemeinen Überblick darüber gewinnen, dass das Unternehmen floriert und die Umsätze zufriedenstellend sind. Es würde uns alle freuen, nun etwas darüber zu erfahren, was Sie sich zukünftig vorstellen.“ Ich vernehme ein allgemeines Gemurmel, das ich als Zustimmung deute. Auf den vorderen Plätzen erkenne ich bei manchen ein verhaltenes Nicken.
„Also gut.“ Wenn sie glaubt, dass sie mich mit so etwas aus der Bahn wirft, dann hat sie sich geirrt. Ich spule ein paar Seiten vor und fahre fort. „Unsere Entwicklungsabteilung hat ein neues Produkt entwickelt. Es gibt heute intelligente Uhren, Kaffeemaschinen, Rollos oder Deckenleuchten. Der Fortschritt liegt darin, dass leblose Dinge unsere Bedürfnisse erkennen und entsprechend reagieren. Was die Welt noch nicht kennt, sind intelligente Windeln.“ Ich mache eine rhetorische Pause, um die Aufmerksamkeit ganz bei mir zu haben. Ich spüre förmlich, wie sich alle Augenpaare auf mich richten. „Das wird sich ändern mit der neuen Produktionsreihe von Wimba Windeln. Ein Sensor nimmt etwa Feuchtigkeit oder Gewicht wahr und kann so bestimmen, wann die Windel voll ist und gewechselt werden muss. Dann erscheint eine Meldung auf dem Smartphone. Es ist sogar ein Upgrade denkbar. Kot und Urin kann analysiert werden. Die Windel könnte potenziell vor Stoffwechselerkrankungen oder Mangelernährung warnen, Blähungen oder Verstopfungen erkennen.“ Ein Raunen geht durch den Saal.
„Was kostet denn der Spaß?“, will Irina wissen, die es als Einzige wagt, unverfroren meinen Vortrag zu unterbrechen. Auch darauf bin ich vorbereitet.
„Es gibt eine Übertragungseinheit, die man einmal kauft und in die verschiedenen Windeln jedes Mal einbauen muss. Sensoren muss jedoch jedes Exemplar haben. Momentan sind es 3,20 EUR pro Windel, aber unsere Entwicklungsabteilung ...“ Ich komme nicht weiter.
„Drei! Euro! Zwanzig!“, Irina schnappt für alle laut hörbar nach Luft, „pro! Stück!“ Sie betont die Wörter so, als ob jedem einzelnen von ihnen eine überragende selbstständige Bedeutung zukommt. „Wie haben Sie sich das denn vorgestellt? Wissen Sie, wie viele Windeln ein Kleinkind braucht?“
Ich schüttle den Kopf. Das ist eine der Variablen, die ich nicht mit einkalkuliert hatte. Ich hatte mich zu sehr auf Theos wissenschaftliche Berichte fokussiert und keinen Gedanken an die Praktikabilität verschwendet. Ein äußerst dummer Fehler, der Irina nur noch mehr Rückenwind gibt. Aber sie, eine eingefleischte Mutter von vier Kindern, würde wahrscheinlich bei allen unseren Ideen ein Haar in der Suppe finden.
