Die Bahnschule - Arhan Kardas - E-Book

Die Bahnschule E-Book

Arhan Kardas

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Beschreibung

Was wäre, wenn jede Bahnfahrt eine neue und unterhaltsame Erfahrung wäre? Wie eine Schule, die die freie Entfaltung ihrer Schülerinnen und Schüler ermöglicht, ohne sie einzuschränken oder ihre Liebe zum Wissen zu dämpfen? In „Die Bahnschule“ nimmt Arhan Kardaş uns mit auf Reisen voller Dialoge, Begegnungen und überraschender Erkenntnisse. Zwischen flüchtigen Fremden, philosophischen Fragen und Momenten der Stille entsteht ein Panorama menschlicher Suche – mitten im Rhythmus des rollenden Zuges. „Dialoge über Gott und die Welt auf den Gleisen“ öffnen neue Perspektiven und laden dazu ein, auch einmal die Erfahrungen Unbekannter und Fremder als Bereicherung zu entdecken.

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Seitenzahl: 62

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Copyright © Define Verlag, Berlin, 2025

Es ist nicht gestattet, Teile dieses Buches zu scannen, auf Computern oder auf CDs zu speichern oder auf Computern zu verändern oder einzeln oder zusammen mit anderen Vorlagen zu manipulieren, es sei denn mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.

Autor und Herausgeber: Dr. Arhan Kardaş

Redaktion: Yasin Çakır

Lektorat: Aya Tuffaha, Frank Giesenberg

Satz & Cover: Onur Alka, Adnan Sarıkabak

Cover-Illustration: Beyzagür Uğurlu

Linemarketing GmbH

Wilhelmstr. 29 A/2 – 13593 Berlin

www.deinbuchshop.de

ISBN: 978-3-946871-86-6 (E-Book)

ISBN: 978-3-946871-85-9 (Hardcover)

Vorwort

Die Bahnschule – Dialoge über Gott und die Welt auf den Gleisen

Seitdem ich mich im „Lichterland“ befinde – ich vermeide es, Europa als Abendland zu bezeichnen –, verbringe ich einen erheblichen Teil meiner beruflichen Zeit auf Reisen mit der Bahn. Als ich im August des Jahres 1999 in Wien ankam, unternahm ich meine erste europäische Bahnreise von Wien nach Antwerpen mit den Österreichischen Bundesbahnen, eine lange Reise, die mich stark geprägt hat. Bei diesen Fahrten waren die Bahnfenster für mich nicht nur Tore, durch die ich die Landschaften und neue Städte betrachtete, sondern auch die Zugänge, durch die ich neue Welten, neue Menschen und neue Lebensweisen entdecken konnte. Mit der Zeit wurde die Bahn für mich sogar zu einer reisenden Schule, deren Abteile meine Schulzimmer waren, in denen ich Europa anhand spannender Menschen mit unterschiedlichen Farben kennenlernen durfte, im gegenseitigen Austausch, versteht sich.

Seit 2008, also meiner Ankunft in Deutschland, besuche ich die Klassen dieser Schule immer häufiger. Jedes Jahr eine BahnCard 50, ja in manchen Jahren sogar eine BahnCard 100 für das ganze Jahr.

Ich verreise mindestens zweimal im Monat mit Fernzügen. Seit meiner Ankunft im Jahr 2008 ergibt das mindestens 600 Fahrten, ja sogar circa tausend Fahrten, wenn man die kürzeren Strecken dazuzählen würde. Je fünf Stunden pro Fahrt ergeben circa 3000 Semesterwochenstunden in 26 Jahren. Überlegen Sie, wie viele neue Menschen ich durch diese Schule in der Bahn kennenlernen und wie viele neue Kenntnisse ich gewinnen durfte.

Diese öffentliche Schule war zugleich auch sehr privat. Denn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihrer Klassen waren anonym. Selten fragte man mich nach meinem Namen, ebenfalls war es sehr selten, dass ich den Namen meines Mitfahrers oder meiner Mitfahrerin erfragt habe. Die Anonymität war einer der Gründe, warum wir ehrliche und weniger diplomatische Gespräche miteinander geführt haben. Wir wussten, nach fünf Stunden Fahrt wird dieses Gespräch ein Ende finden, und wir werden uns nie wiedersehen, es sei denn, wir möchten unsere Kontaktdaten austauschen. Tatsächlich bin ich in all diesen Jahren keinem meiner Mitschüler, keiner meiner Mitschülerinnen ein zweites Mal auf einer Fahrt begegnet.

Die Themengebiete dieser Unterrichtseinheiten waren sehr breit gefächert. Von Philosophie bis hin zur Theologie, von Musik und Kunst bis zu den Naturwissenschaften, von Geschichte bis hin zur Politik.

Selbstverständlich kam es nicht bei jeder Reise zu einem „Unterricht“, denn ich musste unterwegs oftmals auch etwas erledigen. Ein Buch oder eine Zeitschrift redigieren, einen Artikel verfassen. Auch Telefonate während dieser Bahnreisen zu führen, war mein Schicksal.

Außerdem verfasste ich einen erheblichen Teil meiner Werke, nicht zuletzt meine Dissertation, auf diesen Reisen. Die Bahn war zuweilen mein Zuhause, zuweilen meine Hoffnung, zuweilen meine Schule.

Natürlich erzählte ich anderen von meinen bahnbrechenden Unterrichtsstunden und Erfahrungen in dieser Schule, auch meinen Freundeskreisen. Sie fanden diese Dialoge sehr beeindruckend und inspirierend. Der geschätzte Geschäftsführer unseres Verlags, Herr Metin Akbaş, schlug vor, dass ich einige dieser Erfahrungen doch niederschreiben solle, damit auch andere Menschen davon erfahren könnten. Von dieser Motivation getrieben, begann ich, einige prägende Dialoge niederzuschreiben.

Das erinnerte mich an Geoffrey Chaucer (gest. 1400), dem Verfasser der Canterbury Tales, in denen er 24 Geschichten von Pilgern erzählt, die gemeinsam zum Grab des heiligen Thomas Becket in Canterbury reisen. Chaucer ist für mich ehrlich gesagt beeindruckender als Shakespeare. Statt Bürger des Königshofes zu amüsieren, beschäftigte er sich mit den Sorgen seiner Gesellschaft. So schrieb ich Dialoge dieser Bahnreisen in diesem Sinne nieder, ohne dabei auf literarische Künste zu achten, im Gegensatz zu Geoffrey Chaucer.

Der Titel dieses Werkes muss eine Inspiration meines Unterbewusstseins sein. Der ehrwürdige Bediuzzaman (gest. 1960) reiste im Juli 1911 kurz vor dem Balkankrieg (1912–1913) mit Sultan Reschad in einem Zug nach Osteuropa. In seinem Abteil waren noch zwei Lehrer der Naturwissenschaften, die ihn über Themen des Nationalismus fragten. Er gab ihnen eine Antwort und fügte diese als Anhang zu seiner berühmten Predigt von Damaskus (1911) hinzu. Dabei beschrieb er den Zug als „şimendufer denilen bu medrese-yi seyyaremiz“, heißt so gut wie: „diese reisende Schule, die als Eisenbahn bezeichnet wird“.

Höchstwahrscheinlich hat mein Unterbewusstsein diesen Titel aus der Beschreibung von Bediuzzaman neu zusammengebastelt.

Mir meiner Unzulänglichkeit sowohl in der Schreibkunst als auch in der deutschen Sprache bewusst, bitte ich meine Leserschaft um Nachsicht, wenn sie hier und da stilistische oder inhaltliche Fehler sieht. Man kann mich jederzeit korrigieren, denn meine Lebensschule verläuft noch auf ihrer Bahn. Möge Gott sich meiner erbarmen und all jene, die an der Publikation dieses bescheidenen Werkes teilhaben, reichlich belohnen. Ein besonderer Dank gilt unserem Redakteur des Verlags, Herrn Yasin Çakır, dafür, dass er sich sowohl bei der Betitelung als auch bei der Drucklegung dieses Werkes eingesetzt hat. Außerdem danke ich Herrn Onur Alka und Herrn Adnan Sarıkabak für ihr kreatives Layout und Herrn Frank Giesenberg und Frau Aya Tuffaha für ihr fachkundiges Lektorat.

Für Frieden mit Frieden

Athen, 25. Juli 2025

Arhan Kardaş

Maria, Mutter aus Eisenach

über die heilige Maria

Am 12. Oktober 2019 fahre ich für eine fakultätsübergreifende Promotionsfeier nach Erlangen. Der Zug fährt um 6:40 Uhr in Berlin, Südkreuz, ab. Ich sitze an einem Vierertisch, wie es öfter bei mir der Fall ist. In Leipzig steigt eine Mutter mit drei Kindern, zwei Mädchen und ein Junge, zu und sucht einen geeigneten Platz. Die Mutter wirkt trotz der kleinen Kinder im Alter von 18 Monaten sowie sieben und neun Jahren sehr ausgeglichen. Sie setzt sich mit ihrem Sohn mir gegenüber hin. Währenddessen döse ich vor mich hin, da ich letzte Nacht aus Angst, meinen Zug zu verpassen, nicht schlafen konnte.

An dem Tag feiert mein Doktorvater seinen 60. Geburtstag, welch ein glücklicher Zufall, nur leider kann er aus diesem Grund nicht an der Promotionsfeier teilnehmen. Trotzdem nehme ich das zuletzt herausgegebene Buch „Gottes geheimer Name“ unseres Verlages mit, an dessen arabischer, persischer und türkischer Kalligrafie ich mitgewirkt und für das ich ein Vorwort beigesteuert habe. Da ich keine Zeit fürs Einpacken hatte, will ich es in einer Stofftasche des „House of One“ verschenken. Ich bin ein wenig angeschlagen. Die Woche war ziemlich herausfordernd, einerseits die plötzliche Beschneidung meines Sohnes in Hessen aufgrund einer Infektion, andererseits der Angriff auf die Synagoge in Halle ...

Ich bin in Gedanken versunken, als mich die Mutter anspricht. Sie deutet auf meine Stofftasche.

Ich kenne das Projekt „House of One“, ich habe in Chrismon einen Beitrag dazu gelesen.

Ich bin der Projektbotschafter.

Völlig überrascht von meiner Erwiderung, will sie mehr über das Projekt wissen.

Soweit ich erfahren habe, hat man das Fundament gelegt, und die Bauarbeiten haben angefangen.

Die zwei Mädchen kommen und stellen sich vor, und der kleine Klemens will mit mir spielen. Ich lächle sie an und stelle allen einige Fragen, wie alt sie sind und welche Schule sie besuchen. Aber eigentlich bin ich zu müde und möchte nicht länger sprechen.