Die Bannister Girls - Jean Saunders - E-Book
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Die Bannister Girls E-Book

Jean Saunders

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Beschreibung

Ein Krieg. Drei Schwestern. Drei Schicksale.

London, 1915: der Krieg hat England fest im Griff und für die Londoner Bevölkerung bricht eine harte Zeit der Entbehrungen an. Auch für die Familie Bannister ist nichts mehr, wie es war. Bisher führten sie ein privilegiertes, sorgenfreies Leben und besaßen eine gut gehende Textilfirma. Jetzt aber liegen ihr altes Leben und die Pläne der drei Töchter in Schutt und Asche. Und so unterschiedlich die drei jungen Frauen sind, so unterschiedlich stellen sie sich auch den neuen Herausforderungen: Louise, die sich bislang immer bemühte es ihrer Mutter recht zu machen. Ellen, die sich mehr und mehr für die Rechte der Frauen einsetzt und sich gegen gesellschaftliche Konventionen auflehnt. Und Nesthäkchen Angel, die den Glauben an die große Liebe einfach nicht aufgeben möchte.

Werden die drei Schwestern zusammenhalten und neue Chancen ergreifen? Oder wird der Krieg sie schließlich auseinanderreißen und eine Familie zerstören?

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Über das Buch

Ein Krieg. Drei Schwestern. Drei Schicksale.

London, 1915: der Krieg hat England fest im Griff und für die Londoner Bevölkerung bricht eine harte Zeit der Entbehrungen an. Auch für die Familie Bannister ist nichts mehr, wie es war. Bisher führten sie ein privilegiertes, sorgenfreies Leben und besaßen eine gut gehende Textilfirma. Jetzt aber liegen ihr altes Leben und die Pläne der drei Töchter in Schutt und Asche. Und so unterschiedlich die drei jungen Frauen sind, so unterschiedlich stellen sie sich auch den neuen Herausforderungen: Louise, die sich bislang immer bemühte es ihrer Mutter recht zu machen. Ellen, die sich mehr und mehr für die Rechte der Frauen einsetzt und sich gegen gesellschaftliche Konventionen auflehnt. Und Nesthäkchen Angel, die den Glauben an die große Liebe einfach nicht aufgeben möchte.

Werden die drei Schwestern zusammenhalten und neue Chancen ergreifen? Oder wird der Krieg sie schließlich auseinanderreißen und eine Familie zerstören?

Über Jean Saunders

Jean Saunders, geborene Jean Innes (8. Februar 1932 – 3. August 2011) war eine bekannte britische Schriftstellerin und Verfasserin zahlreicher Liebesromane und Familiensagas. Ihre Werke wurden sowohl unter ihrem Klarnamen als auch unter verschiedenen Pseudonymen veröffentlicht.

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Jean Saunders

The Bannister Girls

Aus dem Englischen übersetzt von Nina Restemeier

Übersicht

Cover

Titelinformationen

Informationen zum Buch

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Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

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Impressum

Inhaltsübersicht

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Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Impressum

Kapitel 1

Die Mädchen aus der alten Konservenfabrik, in der mittlerweile Munition fürs Vaterland produziert wurde, schimpften lautstark, als plötzlich ein heftiger Regenguss auf sie niederprasselte und die Straßen mit einer glänzenden Schicht überzog wie Zuckerguss ein Milchbrötchen. Angel Bannister beachtete gar nicht, wie sich die Mädchen aneinanderdrängten und sich gegenseitig anrempelten, sondern ging mit plätschernden Schritten den Weg entlang, während sie in ihren Knopfstiefeln den Pfützen auswich. Der kalte Märzwind hatte aufgefrischt, peitschte gegen ihre Wangen und nahm Angel den Atem.

Der Rock klebte an den Knöcheln, und ihre Reisetasche rutschte fast aus der Hand. Sie zerrte sich die nassen Handschuhe herunter und stopfte sie in die Tasche. Ihren Seidenschal hatte sie bereits irgendwo verloren. Die Fabrikmädchen blickten zu ihr hinüber, taten sie als feine Dame ab und verschwanden in einer der dunklen Gassen.

Eine Dame zu sein, half Angel an diesem Abend auch nicht, ein Taxi zu bekommen, und als eines nach dem anderen an ihr vorbeifuhr und die Fahrer ihr verzweifeltes Winken ignorierten, wurde sie langsam wütend.

Die Straßen Londons waren voller Passanten, überrascht vom Unwetter, während Pferdekutschen, Straßenbahnen und Automobile versuchten, sich in Verkehrslücken zu drängen, die offensichtlich viel zu klein für sie waren.

Die Straßenbahn, mit der Angel auf dem Nachhauseweg gewesen war, hatte eine Panne gehabt, und nun war sie hier gestrandet. Und in dieser trostlosen Nacht waren die Taxifahrer entweder alle blind oder hielten lieber für Gruppen von Fahrgästen an als für eine einzelne schmächtige Gestalt, die so aussah, als sei sie eher gewohnt, in einem Rolls-Royce zu fahren.

Als die abgeblendeten Lichter eines Taxis vor ihr aufleuchteten, warf sich Angel beinahe auf die Straße, um die Aufmerksamkeit des Fahrers auf sich zu ziehen. Er musste sie bemerkt haben … Doch dann riss jemand sie auf den Bürgersteig zurück.

»Wollten Sie sich umbringen?«

Angel blickte finster zu dem jungen Mann in Uniform auf. Sein Abzeichen mit den Initialen RFC zwischen den ausgebreiteten Flügeln eines Mauerseglers befand sich genau auf Höhe ihrer Augen. Also gehörte er dem schneidigen Royal Flying Corps an … Aber sie war zu verärgert, um mehr als einen flüchtigen Blick darauf zu werfen. Mit ihren grünen Augen funkelte sie ihn an.

»Ich versuche, nach Hause zu kommen, und Ihretwegen ist jetzt das einzige Taxi weg, das in der letzten Viertelstunde für mich angehalten hätte.«

Sie vernahm ein hohes Kichern und bemerkte, dass noch zwei weitere Personen hinter dem Mann warteten.

»Wir wollen alle nach Hause, Schätzchen – oder davon weg, wenn S’ verstehen, was ich mein.«

Angel musterte die junge Frau, die gesprochen hatte. Sie war stark geschminkt, die Augen dramatisch umrahmt, der Lippenstift in diesem neuen knalligen Orangeton, der sich Tango nannte. Die Fingernägel waren passend dazu lackiert, und sie hatte sich besitzergreifend bei einem Mann eingehakt, der eine schlichte khakifarbene Soldatenuniform trug.

Trotz ihres eleganten grauen Wollmantels kam sich Angel verglichen mit der Frau in ihrem auffälligen pflaumenfarbenen Kostüm irritierend unansehnlich vor. Angels blonden Haare, die sie sich in einem teuren Friseursalon in Mayfair hatte schneiden und legen lassen, wirkten gegen die wasserstoffblonden Locken der anderen auf einmal farblos.

Es ärgerte Angel, dass ihr das überhaupt auffiel. Ihre Mutter hätte dieses Mädchen sofort in eine Schublade gesteckt: ein Flittchen, eine von denen, die seit Beginn des Kriegs, der alle Kriege beenden sollte, wie die Schmetterlinge schlüpften.

»Achten Sie gar nicht auf Dolly, Miss. So wie es aussieht, will heute ganz London ins Westend.« Der uniformierte Begleiter des Mädchens grinste beim Sprechen, offensichtlich bewunderte er Angels kultiviertes Erscheinungsbild. Kinn hoch, Schultern runter. Das hatte man ihr in der exklusiven Mädchenschule beigebracht, und ganz egal, wie zerzaust sie auch aussehen mochte, verlieh ihr diese Haltung offenbar den Anschein, jede Situation zu meistern.

Ein Taxi bremste; der Fahrer hatte die vier Personen am Straßenrand stehen sehen. Wieder ärgerte sich Angel. Ein Mann in Uniform bekam dieser Tage alles, was er wollte. Der Krieg gegen den deutschen Kaiser machte sie alle zu Helden, ganz egal, ob sie jemals ein Schlachtfeld aus der Nähe gesehen hatten oder nicht.

Angel stürzte vor und griff im selben Moment wie der Flying-Corps-Offizier nach dem Türgriff, so dass sich seine Finger um ihre schlossen. Zornig blickte sie ihm ins Gesicht, das sie nun zum ersten Mal aus nächster Nähe sah. Er war nicht gut aussehend im eigentlichen Sinne, hatte aber ausdrucksstarke Züge. Seine dunklen Augen waren aufmerksam, die Nase leicht gebogen, der Mund ein wenig streng. Oh ja, unter anderen Umständen hätte sie ihn anziehend gefunden. Doch im Augenblick wollte sie einfach nur hier weg.

»Sie lassen einer Dame doch sicherlich den Vortritt«, sagte sie mit Nachdruck.

»Nicht an so einem Abend«, erwiderte er ungerührt, und Angel blieb vor Verblüffung über ein derart dreistes Verhalten der Mund offen stehen. Seinem Auftreten und seiner Uniform nach musste er ein Offizier sein, aber er war ganz sicher kein Gentleman.

»Ach, lasst uns doch alle einsteigen.« Dolly hatte die Geduld verloren. »Wir können die Dame doch irgendwo absetzen. Wenn wir noch länger hier herumtrödeln, kommen wir noch zu spät zur Vorstellung.«

»Wir müssen wohl kaum in dieselbe Richtung, und ich habe nicht vor, auf Ihrem Fahrpreis sitzen zu bleiben«, setzte Angel an.

Der Taxifahrer beendete die Diskussion. »Es ist mir wirklich egal, wohin S’ wollen, aber wenn in den nächsten zehn Sekunden keiner hier drinsitzt, bin ich weg, und dann war’s das.«

Der Flieger zog am Türgriff, den Angel immer noch festhielt, und schob sie einfach in den Wagen. Hätte ihre Mutter gesehen, wie dieser Rüpel mit ihr umsprang, hätte sie Zustände bekommen!

Verstohlen beobachtete ihn Angel, während auch die beiden anderen ins Taxi kletterten, und der Soldat die Adresse irgendeines Clubs im Westend herunterratterte. Das Gesicht des Piloten sah so dunkel aus, dass er beinahe südländisch wirkte, vor allem mit dem Regenfilm darauf.

Er hatte ein markantes, äußerst männliches Kinn und war es zweifellos gewohnt, seinen Willen durchzusetzen. Angel durchlief ein Schauer, so beißend wie eine Vorahnung.

Er war ganz anders als die jungen Männer, die, bevor sie das Stadthaus von Angels Eltern besuchen durften, einer gründlichen Prüfung unterzogen wurden, oder als die noch langweiligeren, die Angel auf den Landsitz begleiteten.

Die Männer, die ihre Eltern für eine gute Partie hielten, waren in der Regel blond und willensschwach. Manche musterten sie durch ihr Monokel, als müsse Angel trotz ihres guten Elternhauses selbst inspiziert werden. Viele hatten einen Titel oder erwarteten, einen solchen zu erben. Und alle waren so sterbenslangweilig wie der Mann, den ihre ältere Schwester Louise geheiratet hatte. Dieser ehrenwerte Stanley Crabb.

Da Angel gerade erst achtzehn geworden war, gehörte es noch nicht zu der allerdrängendsten Aufgabe ihrer Mutter, einen Mann für sie zu finden. Angel war die jüngste der drei hübschen Bannister-Schwestern, und Lady Bannister schäumte immer noch vor Wut darüber, dass sich Ellen, ihre mittlere Tochter, vor etwa einem Jahr diesen entsetzlichen Suffragetten angeschlossen hatte.

Als Ellen ihr Zuhause verlassen und mit einer Gruppe dieser Frauen in ein grässliches Haus im Süden Londons gezogen war, hatte ihre Mutter sich von der eigenen Tochter distanziert.

Die liebe Louise dagegen war herrlich angepasst, und Lady Bannister ging davon aus, dass Angel genauso sein würde. Die jüngsten Töchter waren in der Regel formbar … Doch während sich die Mutter so sehr um das Schicksal ihrer beiden älteren gesorgt hatte, war ihr Angels wachsende Unabhängigkeit komplett entgangen.

Was für ein Segen es doch sei, die Töchter standesgemäß zu verheiraten, betonte Lady Bannister in den vornehmen Londoner Kreisen. Auch wenn man in diesen schrecklichen Kriegszeiten gezwungen war, mit den grässlichsten und unmöglichsten Leuten zu verkehren. Bald würden diese Zeiten jedoch vorbei sein, das sagten alle, auch wenn es bis letztes Weihnachten noch nicht vorbei gewesen war.

Angel spürte die Körperwärme des Flying-Corps-Offizier, als sie sich zu viert auf die Rückbank des Taxis drängten. Dollys billiges Parfüm und der eigentümliche Geruch feuchter Wolle von den Soldatenuniformen, vermischt mit der Enge des Taxis riefen in Angel ein seltsames Gefühl von Klaustrophobie hervor.

Das Atmen fiel ihr schwer, aber sie wollte sich ihr Unwohlsein nicht anmerken lassen. Je eher sie hier herauskam, desto besser, aber bis Hampstead hatte sie noch einen weiten Weg vor sich. Sie würde einfach still sitzen bleiben, bis die anderen ausgestiegen waren, und dann dem Fahrer ihre Adresse nennen.

Schon bald wurde ihr aber klar, dass der Offizier des Flying-Corps andere Pläne hatte. Von dem Moment an, als sie alle ins Taxi gestiegen waren, hatte er sie nicht aus den Augen gelassen. Das Dämmerlicht draußen war gerade noch hell genug, um mehr als Umrisse zu erkennen. Langsam wandte sie ihm den Kopf zu, als würde sie dazu gezwungen. Ihr lag eine bissige Bemerkung auf der Zunge, doch seine folgenden Worte überraschten sie.

»Sie haben das perfekteste Profil, das ich je gesehen habe. Sollten Sie jemals ein Porträt von sich anfertigen lassen, posieren Sie unbedingt vor einem dunklen Hintergrund und wählen Sie eine seitliche Beleuchtung, um die Kurven und Schatten zu betonen …«

Zu ihrer Verblüffung vernahm Angel zum ersten Mal seinen leichten Akzent. Er war ganz offensichtlich Europäer. Vielleicht Franzose. Aber was machte ein Franzose zu Beginn des Krieges im Royal Flying Corps? Sie war verwirrt.

Und das lag an seinem ausdauernden Starren. Es war so … so gewöhnlich … so unverschämt. Ein englischer Gentleman hätte eine Lady niemals so angesehen. Ein Gefühl, brennend wie eine Flamme durchfuhr sie.

Wieder kicherte Dolly, und der Soldat lachte leise, sein jugendliches Gesicht strahlte vor guter Laune. Er beugte sich zu Angel hinüber.

»Nehmen Sie es Jacques nicht übel, Miss. Wir kennen uns alle nur flüchtig, aber er hat mir und Dolly verraten, dass er vor dem Krieg gerne gemalt hat. Für ihn ist jedes hübsche Mädchen ein Modell. Er meint es nicht böse.«

»Sei still, Reg. Wenn du nicht weißt, wovon du sprichst, sag am besten gar nichts«, schnitt ihm der Offizier das Wort ab.

Wieder studierte er Angels Gesichtszüge, bis Hitze in ihren Wangen aufstieg und ihre Haut zu kribbeln begann. Einen solch durchdringenden Blick war sie nicht gewohnt. Er war einerseits sinnlich, andererseits sachlich, und sie wusste nicht, was davon sie beleidigender fand.

»Glauben Sie, Sie würden mich überhaupt wiedererkennen?«, fragte sie, und es ärgerte sie, dass sie nicht so selbstsicher klang wie sonst.

Der Mann stieß ein leises Lachen aus, das tief aus seiner Brust zu kommen schien. In der bedrückenden Enge des Taxis spürte Angel die Vibrationen dieses Lachens im ganzen Körper.

»Sie würde ich überall erkennen, Chérie.« Seine Stimme klang auf einmal eine Oktave tiefer, und nun war sie sich sicher, dass er Franzose war. Allein diese vertrauliche Bezeichnung verriet es ihr, aber mehr noch als an seinen Worten erkannte sie es an seiner Art zu sprechen. Die verführerische Weise, wie er den Moment zu einem intimen machte, als wären sie die beiden einzigen Menschen auf der Welt und nicht in der feuchten Wärme eines Londoner Taxis aneinandergedrängt.

Angel zwang sich, den Blick abzuwenden. Der Mann war unverschämt. Das absolute Gegenteil von dem, was ihre Mutter guten Umgang genannt hätte. Beim Gedanken daran kam sie sich ein bisschen rebellisch vor. In letzter Zeit fand sie zunehmend Gefallen daran, genau das zu tun, was ihre Mutter am wenigsten von ihr erwartete.

Sie bemerkte, dass Dolly und Reg lebhaft miteinander flüsterten. Sie warfen ihr verstohlene Blicke zu, und Dolly stieß Reg so fest in die Rippen, dass er aufstöhnte.

»Wenn Sie sonst nichts weiter vorhaben, Miss, warum kommen Sie dann nicht mit uns zu der Vorstellung im ›Beezer’s‹? Jacques hat Sie offensichtlich ins Herz geschlossen, also, was sagen Sie?«

Angel starrte ihn an. Sie war es nicht gewohnt, solche beiläufigen Einladungen zu erhalten oder gar anzunehmen. Ihr heutiger Besuch bei ihrer alten Schulfreundin Margot Lacey hatte wochenlange Planung und die Zusicherung erfordert, dass es wirklich vollkommen in Ordnung sei, wenn sie bei Margot übernachtete.

Nur um dann festzustellen, dass sich ihre Freundin eine heftige Erkältung eingefangen hatte und sich ganz und gar unpässlich fühlte. Sie hatten gemeinsam entschieden, den Besuch abzukürzen, und nur deshalb befand Angel sich nun auf dem Weg nach Hause. Sie klammerte sich an ihre Reisetasche wie an einen Rettungsring.

»Ich glaube, die junge Dame hat andere Pläne«, erwiderte Jacques träge.

Sie sah ihn an. Schon wieder hatte er sie überrascht. Sie hatte erwartet, er würde auf den Vorschlag des Soldaten anspringen und sie zu überreden versuchen. Hastig wandte sie den Blick ab, ihre Wangen glühten.

»Wer oder was ist ›Beezer’s‹?«, fragte sie die beiden anderen.

»Ich wette, das ist nichts für Sie«, sagte Dolly. »Tut mir leid, dass ich überhaupt davon angefangen hab. ’s ist ein Club, wissen S’, und da gibt’s eine Vorstellung. Tänzerinnen und ein paar Sänger und einen Komiker. Ich könnt mir vorstellen, dass die Witze zu vulgär für Ihre zarten Öhrchen sind.«

»Glaubst du, ich lebe hinterm Mond?«, fuhr Angel sie an. Aber im Vergleich zu Dollys Weltgewandtheit wirkte sie wahrscheinlich tatsächlich so.

Da spürte sie eine Hand auf ihrer. Warme Haut und die sanfte Berührung von Fingern. Auf einmal wurde ihr Mund trocken. Machte er sich etwa an sie heran? Oder Schlimmeres? Warum um Himmels willen war sie so gereizt?

Doch die alten Konventionen waren einfach zu fest in ihrem Kopf verankert, und langsam beunruhigte es sie, wie sie sich nur in diese Lage hatte bringen können …

»Warum kommen Sie nicht mit uns?«, fragte nun Jacques. »Falls ich Ihnen zu nahegetreten sein sollte, so möchte ich um Entschuldigung bitten. Aber mit Ihrer Gesellschaft würden Sie mir Ehre erweisen, und diese beiden könnten endlich aufhören, eine ›Begleitung‹ für mich zu suchen. Ich werde auch dafür sorgen, dass Sie am Ende des Abends in einem Taxi sitzen und Ihnen garantieren, dass Sie nicht zu Schaden kommen.«

Seine Persönlichkeit glich einem Chamäleon. Mal war er der charmante Europäer, mal unvorhersehbar und manchmal schlicht anstößig. Angel zögerte. Sie sollte diesen Vorschlag nicht einmal in Erwägung ziehen. Sie sollte die drei auffordern, unverzüglich auszusteigen, sobald das Taxi vor dem »Beezer’s Club« – was auch immer das war – zum Stehen käme, und den Taxifahrer bitten, sie auf direktem Weg nach Hause zu bringen.

Da drang eine Stimme vom Fahrersitz zu ihnen nach hinten. »Na los, Schätzchen, gönnen S’ sich mal was. Man wird ja nicht jeden Abend von einem Vogelmann in die Stadt eingeladen.«

Die anderen lachten über die Worte des Fahrers. Angel sah, wie Erheiterung das Gesicht des Offiziers erhellte. Die harte Linie seines Mundes wurde weicher, zarte Fältchen bildeten sich in seinen Augenwinkeln … und auf einmal raste ihr Herz.

Wieso nicht?, fragte das Teufelchen in ihr. Warum nicht ausnahmsweise einmal etwas wagen, statt ein so langweiliges, ordentliches Leben zu führen? Hatte sie sich nicht immer gewünscht, etwas Aufregendes zu erleben? Und was sollte schon passieren? Trotz ihrer anfänglichen Zweifel war sie unbestreitbar fasziniert von diesem Jacques …

»Sie müssen wohl zurück zu Ihrer Mummy, nich wa?«, fragte Dolly, als Angel nicht sofort antwortete. »Mach dir nichts draus, Jax, bei ›Beezer’s‹ finden wir schon jemanden für dich …«

Wieder spürte Angel, wie ihre Finger gedrückt wurden, als wollte der Mann sie dazu überreden, mitzukommen. Sie riss die Hand weg. Sie war durchaus in der Lage, ihre Entscheidungen selbst zu treffen.

Rasch dachte sie nach. Niemand erwartete sie heute Abend zu Hause. Es wäre egal, wie spät sie heimkäme. Nicht zum ersten Mal würde sie sich zur Tür hineinschleichen, während alle anderen schon schliefen. Sie beugte sich zu Dolly und sprach leise zu ihr:

»Ich denke darüber nach. Es könnte spaßig werden, sich mal unters gemeine Volk zu mischen.«

Dollys Augen blitzen zornig, genau wie Angel erwartet hatte. Normalerweise war sie nicht so snobistisch, aber Dollys Art ärgerte sie.

»Haben Sie das ernst gemeint? Werden Sie mir ein Taxi rufen, sobald ich Sie darum bitte?«, fragte sie an Jacques gewandt und stellte fest, dass ihre Stimme irgendwie atemlos klang.

»Ich gebe Ihnen mein Wort.«

Angel lehnte sich im Taxi zurück und hatte die seltsame Vorahnung, sich ins Unbekannte zu stürzen. Vielleicht fühlten sich so die Piloten des Flying Corps, wenn sie sich mit ihren zerbrechlichen hölzernen Maschinen in die Lüfte schwangen …

»In Ordnung. Warum nicht? Das wird ein Spaß«, sagte sie kühn, und es klang deutlich gelassener, als ihr zumute war.

Es war schon ziemlich dunkel, als das Taxi nach einer scheinbar endlosen Fahrt anhielt. Offensichtlich waren sie am »Beezer’s« angekommen. Zu Angels Bestürzung befanden sie sich in Soho, ein weiterer Punkt, der gegen diesen Ausflug sprach.

Von der auf Anordnung der Regierung unbeleuchteten Straße aus ließ sich nicht erahnen, was sich hinter dem kahlen Schild verbarg, das traurig im Regen über einer steilen Kellertreppe hin und her schwang. Wieder kam sich Angel außerordentlich verwegen vor, als der Offizier der Flying Corps sie fest am Arm fasste, während Reg den Taxifahrer bezahlte. Dann verschwand der Wagen in der Nacht, und Angel spürte Panik in sich aufsteigen.

»Haben Sie es sich anders überlegt?«, raunte ihr Jacques ins Ohr. »Ich versichere Ihnen, das hier ist keine Entführung. Aber wenn es eine wäre, könnte ich mir keine angenehmere Begleitung vorstellen.«

Ehe sie antworten konnte, schob er sie die Treppe hinunter und ins Trockene. Unten mussten sich die vier eng aneinanderdrängen, da sie zuerst die Außentür hinter sich schließen mussten, ehe die innere geöffnet wurde. Sobald sie sich öffnete, verstand Angel auch warum.

Der Kontrast war überwältigend. Draußen war alles düster und bedrückend. Hier im »Beezer’s« flackerten die Gaslampen und erzeugten schimmernde Reflexionen auf den glitzernden Kleidern der Frauen. Die meisten waren jung, hatten die Haare zu starren Wellen gelegt, Armreifen klimperten, die Münder waren rot oder orange. Zur Musik einer heftig schwitzenden Band wirbelten Paare auf der engen Tanzfläche. Die Männer trugen ausnahmslos alle Uniform, und über der Bühne am hinteren Ende des Raums hingen mehrere Flaggen des Vereinigten Königreichs.

»Eine Uniform ist hier die Eintrittskarte«, erklärte ihr Jacques über den Lärm hinweg. »Aber natürlich bitten sie uns trotzdem zur Kasse.«

»Bitte lassen Sie mich meinen Anteil übernehmen«, sagte Angel sofort und griff in ihre Tasche. Jacques schob ihre Hand weg.

»Seien Sie nicht so neumodisch.« Er grinste. »Ein Franzose lässt seine Dame nicht zahlen.«

Angel reichte dem Mädchen am Empfangstresen Hut, Mantel und Reisetasche und erhielt eine Marke, mit der sie ihre Sachen später wieder abholen konnte. Sie bemerkte, wie Jacques sie musterte: ihre glänzend weiße Seidenbluse, die sich an ihren Körper schmiegte, die hübsche kleine Kamee-Brosche am hochgeschlossenen Kragen, die sie von ihren Eltern zum achtzehnten Geburtstag geschenkt bekommen hatte, und den eleganten grauen Wollrock, der zu ihrem Mantel passte.

Die anderen Frauen im Raum waren herausgeputzt wie Pfauen, aber Angel Bannister überstrahlte sie alle mit ihrer klassischen Eleganz. Jacques de Ville fühlte sich stärker zu ihr hingezogen als zu jeder anderen Frau, die er in seinem Leben kennengelernt hatte, und das hatte nur wenig damit zu tun, dass er sich vom ersten Augenblick an gewünscht hatte, sie zu malen.

Ein Mann hielt einen Finger hoch, um ihnen zu bedeuten, dass für den Offizier und seine Begleitung ein Tisch frei sei. Als Angel Jacques durch die dichte Menschenmenge folgte, Dolly und Reg direkt hinter sich, hallten seine Worte noch immer in ihr nach. Seine Dame? Es war sicher nichts als eine weitere seiner albernen Bemerkungen gewesen, und dennoch hatte ihr Herz schneller geschlagen.

»Da sind wir ja gerade noch rechtzeitig gekommen«, flüsterte Dolly, als sie ihre Plätze einnahmen und die flackernden Gaslampen eine nach der anderen niedriger gestellt wurden. »’ne Minute später, und wir hätten den Anfang der Vorstellung verpasst.«

Geisterhafte Silhouetten zeichneten sich vor der hell erleuchteten Bühne ab, als sich die Paare auf der Tanzfläche zerstreuten. Eine Gruppe von Tänzerinnen trat auf. Zum wilden Applaus der uniformierten Männer und ihrer Begleiterinnen schwangen sie die Beine hoch in die Luft.

Sie trugen leuchtend pinkfarbene Höschen, einen Kopfschmuck mit passenden pinkfarbenen Federn, und ihre Münder leuchteten im selben Farbton. Ihre kurzen Blusen reichten ihnen nicht ganz bis zur Taille, so dass mit jeder ihrer Bewegungen ein Stück Haut aufblitzte. Ihre Brüste hüpften fröhlich, wenn sie ihre Beine zum zunehmenden Johlen der Zuschauer in die Luft warfen. Am Ende ihres Tanzes spielte die Band ein patriotisches Lied, und die Mädchen drehten sich langsam im Kreis, salutierten und sanken auf ein Knie herab, ehe sie sich wieder erhoben und seitwärts von der Bühne sprangen.

»Wie gefällt’s der Dame?« Dolly beugte sich über den Tisch und warf Angel einen anzüglichen Blick zu.

»Es ist zauberhaft. So etwas habe ich noch nie gesehen.«

Dolly schien verblüfft über Angels offenkundige Begeisterung, aber es entsprach nun mal die Wahrheit. Anfangs hatten ihr die Augen getränt vom Rauch, der dichter war als der typische Londoner Nebel, doch sie hatte sich rasch daran gewöhnt und genoss nun den ungewöhnlichen Abend.

»Das meinen Sie wirklich ernst, nicht wahr?«, sagte Jacques erfreut. »Sie sind nun ein völlig anderer Mensch als das Mädchen, das so aufgebracht war, weil es kein Taxi bekommen hat.«

Angel lachte, nun war sie vollkommen entspannt. Sie fühlte sich auch anders – zum ersten Mal in ihrem Leben war sie unbefangen. Nicht einmal während ihrer kühnsten Ausbrüche von zu Hause hatte sie sich so lebendig gefühlt, und sie konnte sich nicht erklären warum. Sie wollte es auch gar nicht erklären oder auch nur hinterfragen. In diesem Augenblick identifizierte sie sich vollständig mit den Menschen hier, die sich heute Abend um jeden Preis amüsierten, weil niemand wusste, was der morgige Tag bringen würde.

»Sie kennen nicht einmal meinen Namen«, sagte sie auf einmal, als ihr die guten Manieren wieder einfielen. »Ich bin Angel – Angel Bannister …«

»Angel! Also das ist ja mal ’n Name!«, kreischte Dolly.

Reg beugte sich über den Tisch. »Ich hatte mal ’nen Freund in Yorkshire, der hat für so einen Bonzen namens Fred Bannister gearbeitet. Muss ein ziemlicher Mistkerl gewesen sein. Kam nur ein- oder zweimal im Jahr in die Firma, um zu sehen, dass sich auch niemand vor der Arbeit drückt, und verbrachte den Rest seiner Zeit in seinem schicken Haus in London oder auf seinem Landsitz in Somerset.«

Dolly musterte Angels Gesicht nach Gefühlsregungen. »Zieh lieber nicht so über ihn her, Reg. So wie’s aussieht, hat unser Engelchen hier auch schon von ihm gehört.«

»Er ist mein Vater«, erklärte Angel ruhig. »Und wenn man ihn näher kennt, ist er gar kein so schlechter Kerl, Reg. Es hängt immer davon ab, mit wem er es zu tun hat.«

»Touché!«, murmelte Jacques lächelnd. »Dann haben wir also heute eine Berühmtheit in unseren Reihen, nicht wahr?«

»Nein, nur einen einfachen Menschen«, erwiderte sie rasch. Innerlich verkrampfte sie immer, sobald die Rede auf die Upper-class kam. Abgesehen davon klang der Kommentar dieses Jacques Wer-auch-immer nicht wirklich überzeugend. Sie fragte ihn rundheraus, wer er denn sei.

»Nur ein einfacher Offizier der Flying Corps«, antwortete er im selben Tonfall wie sie. »Aber mein voller Name ist Captain Jacques de Ville.«

»Und ich bin Dolly Dilkes, und das hier ist Reg Porter. Wo wir uns jetzt alle kenn’, lasst uns endlich die Vorstellung gucken«, sagte Dolly gelangweilt von all diesen Förmlichkeiten. Sie und Reg hatten Jax nur für diesen Abend unter ihre Fittiche genommen, weil er so einsam und verloren ausgesehen hatte, und nun bereute sie es fast schon wieder.

Eines der Tanzmädchen trat mit einem Pappschild auf die Bühne, auf dem als nächste Nummer Miss Eliza Kent, Singvogel des Südens, angekündigt wurde.

»Oh, sie ist zauberhaft«, seufzte Dolly. »Wenn sie singt, könnt ich immer weinen.«

»Tja, weine lieber nicht zu sehr, sonst hast du das ganze Gesicht voller schwarzer Farbe.« Reg grinste, und sie klimperte ihm mit ihren dichten schwarzen Wimpern demonstrativ zu.

Miss Eliza Kent war klein und schmächtig wie ein Waisenkind. Sie trug ein langes Kleid und einen breiten, mit Blumen besetzten Hut, unter dem sie wie ein Zwerg aussah. Aber ihre Stimme war rein und kraftvoll, und sobald sie anfing, von Leid und Herzschmerz zu singen, ging allen das Herz auf. Sie endete mit pathetischen Stücken, wie sie der Krieg haufenweise hervorbrachte, und forderte die Zuschauer zum Mitsingen auf. Inbrünstig stimmten alle ein, mit Tränen in den Augen oder mit erstickter Stimme.

… and we’ll never see our Johnny,

no, no, never again …

now he’s gone to join his brothers

and the glo-o-ry …

Unter donnerndem Applaus und Pfiffen verbeugte sich Miss Eliza Kent tief und versprach, im Finale der Show noch einmal zu singen.

»Ich weiß nicht, ob ich noch mehr Kitsch und Gefühlsduselei vertrage«, raunte Jacques Angel zu.

»Wo bleibt Ihr Patriotismus?« Sie grinste ihn an. »Sehen Sie nicht, wie gern die Leute stellvertretend leiden? Der Krieg dauert erst sieben Monate. Stellen Sie sich nur mal vor, wie viel Arbeit er den Sängern und Komponisten beschert!«

»Das ist typischer Oberschichtzynimus, Miss Bannister«, zog Jacques sie auf.

»Ja. Es tut mir leid. Das hätte ich nicht sagen sollen …«

»Wieso nicht? Warum sollten wir nicht sagen, was wir denken, solange wir keine Staatsgeheimnisse ausplaudern? Wir könnten morgen alle tot sein, und doch verbringen wir unser halbes Leben damit, Dinge, die wir nicht so meinen, Leuten zu sagen, die uns egal sind.«

Sie sahen einander an. Es war ein seltsam aufgeladener Augenblick. Nur ganz kurz, dann schauten sie weg. Es war, als hätten sie einen Blick auf eine geheime Wahrheit erhascht, die sie sich beide noch nicht eingestehen wollten.

Kapitel 2

Als Nächstes trat der ordinäre Komiker auf die Bühne. Seine Witze waren anstößig, und er nahm kein Blatt vor den Mund. Dolly quietschte vor Lachen und klammerte sich an Reg, der genauso herzhaft lachte. Bei den obszönen Witzen über Kaiser Wilhelm und seine Ballons johlten die Zuschauer noch lauter, aber Angel musste zugeben, dass die derben Scherze die Angst vor den gefürchteten Zeppelin-Luftangriffen ein wenig milderten.

Dennoch war sie froh, als der Komiker seinen Auftritt beendete und die Jongleure auf die Bühne kamen, gefolgt von einem Feuerschlucker, der ungläubiges Keuchen aus dem Publikum erntete.

»Gefällt’s der Dame, sich unters gemeine Volk zu mischen?«, fragte Dolly schelmisch, als Angel sich auf Jacques’ Hinweis Bierschaum von der Oberlippe wischte.

»Es ist nicht schlecht«, antwortete Angel leichthin. »Es ist mal eine Abwechslung zu meinen sonstigen Abendbeschäftigungen. Und wie heißt es so schön, Abwechslung ist so gut wie Ausruhen.«

»Und wie verbringen Sie üblicherweise Ihre Abende?«, erkundigte sich Jacques. »Sie sind ein wenig rätselhaft, Angel.«

»Bin ich das? Sie meinen, weil ich mich einfach in ein Taxi habe stecken lassen, ohne mich anständig vorzustellen?«, spottete sie. »Ich weiß auch nichts über Sie, abgesehen von Ihrem Namen und Ihrer derzeitigen Beschäftigung.«

»Ist das nicht alles, was wir von den meisten Menschen wissen? Wir erfahren nur so viel, wie wir selbst von uns preiszugeben bereit sind.«

Angel fühlte sich zunehmend zu ihm hingezogen. Es gefiel ihr, dass dieser Mann über das Offensichtliche hinausblickte. »Wie scharfsinnig Sie doch sind. Nicht viele Menschen machen sich die Mühe, es so treffend zu analysieren. Aber Sie haben recht. Wir treten jedem, den wir kennenlernen, mit einem anderen Gesicht entgegen. Als würden wir uns für einen Maskenball verkleiden.«

»Jetzt sind Sie die Scharfsinnige …«

Ein Zischeln um sie herum unterbrach ihre Unterhaltung, sehr zu Angels Verdruss. Jacques de Ville war eindeutig der interessanteste Mann, den sie seit Langem kennengelernt hatte. Deutlich intelligenter als so manch einer dieser sogenannten Intellektuellen, die ihre Eltern einluden. Jacques war auf eine einfache, lebendige Weise intelligent, ohne dieses aufgeblasene Gewäsch, das einige der jungen Studenten von sich gaben.

Sie ließen die Vorstellung einer falschen Ballerina über sich ergehen. In einer grässlichen Parodie von »Schwanensee« taumelte die Tänzerin auf Zehenspitzen auf der Bühne herum. Angel bemühte sich, nicht an die hervorragende Aufführung des Royal Ballets zu denken, die sie einmal in Covent Garden gesehen hatte.

Darauf folgte eine alberne Persiflage der Ruderregatta zwischen Oxford und Cambridge, die bis auf Weiteres ausgesetzt war – eine schreckliche, schicksalsschwangere Formulierung, die man in diesen Tagen viel zu häufig hörte. Zwei Gruppen von jungen Männern mit dunkelblauen oder hellblauen Schals und Kappen saßen an den gegenüberliegenden Enden der Bühne hinter Pappschablonen der Universitätsruderboote, taten so, als legten sie sich in die Riemen. Dabei sangen sie ein grässliches Lied, das extra zu diesem Anlass komponiert worden war.

… we’ll pull till we burst,

and we’ll get our end in first,

and we’ll thumb at the accurs’d

other fe-e-llows …

»Kein Vergleich zum Original, Angel«, sagte Jacques, während sie pflichtschuldig applaudierten.

»Waren Sie schon einmal da? Haben Sie in England gelebt?«

Er lächelte. »Meine Mutter war Engländerin, und ich habe eine englische Schulbildung erhalten, allerdings lebt meine Familie in Frankreich in der Nähe von Bordeaux.«

»Oh«, sagte sie leise.

Sie hätte ihn gerne noch mehr gefragt, aber der Singvogel des Südens kam zurück auf die Bühne, um zum letzten Mal ein mitreißendes Lied zum Besten zu geben, das alle Herzen rührte. Als es beendet war, wandte sie sich wieder Jacques zu.

»Hatte Ihre Familie unter den Deutschen zu leiden?«

»Meine Familie nicht. Aber wenn das eigene Land bedroht ist, dann leiden wir alle.« Er sprach mit einer Würde, die sie tiefer berührte als eine lange bedrückende Abhandlung über das Übel des Krieges.

»Also bitte, Jax. Sei nicht so trübsinnig.« Dolly beugte sich vor, und ein Hauch ihres »Californian-Poppy«-Parfüms wehte zu ihnen herüber. »Warum wagste nicht ’n Tänzchen mit Angel, so wie Reg und ich?«

Da fiel ihnen auf, dass die Vorstellung beendet war und die Gaslampen wieder aufflackerten. Dolly zog Reg am Arm und forderte die beiden anderen lebhaft dazu auf, sich ihnen anzuschließen.

»Sie wird uns nicht in Ruhe lassen, bis wir nachgeben.« Jacques grinste. »Darf ich bitten, Miss Bannister?«

»Sehr gern, Monsieur de Ville.«

Sie antwortete so anmutig, als handelte es sich um einen gesellschaftlichen Anlass und nicht um irgendeinen anonymen kleinen Kellerclub, in dem sie vorübergehend vor den Luftangriffen der Deutschen sicher waren. Nachdem sie sich in seine Arme begeben hatte, stimmte die Band einen langsamen, verträumten Twostepp an und weitere Paare sammelten sich auf der Tanzfläche. Sie hatten nicht viel Bewegungsfreiheit, und das Tanzen war nicht viel mehr, als sich langsam im Takt zu wiegen.

Es war so ganz anders als die Tanzveranstaltungen, die Angel mit ihren Eltern besuchte. Kein Gentleman würde es wagen, seine Dame so eng an sich zu ziehen, und die würde ihren Kopf nicht ganz so schamlos an seine Schulter legen. Doch alle Soldaten in diesem Raum hielten ihr Mädchen im Arm, als wäre es das letzte Mal, und dieses Gefühl übertrug sich zwangsweise auf Angel Bannister. Sie spürte das Pochen von Jacques’ Herzen in ihrem Körper, und es spiegelte ihren eigenen Herzschlag wider. Sie spürte seinen Atem auf ihrer Wange und die plötzliche sanfte Berührung seiner Lippen auf ihren Haaren.

»Ich wünschte, diese Nacht ginge nie zu Ende.«

Er sprach ganz unvermittelt, und Angel erkannte das tiefe Verlangen in seiner Stimme. »Ich wünschte, ich könnte dich ewig so halten, Chérie, weil ich Angst habe, dich nie wiederzusehen, wenn ich dich loslasse.«

»Sag das nicht«, flüsterte sie. »Das hört sich so endgültig an.«

Er stieß ein knappes, freudloses Lachen aus. »Weißt du nicht, dass wir in diesen Zeiten darauf abgerichtet werden, so zu denken? Macht das Beste aus eurem Heimaturlaub, Jungs, denn vermutlich wird es euer letzter sein.« Das sagte er mit einem übertriebenen englischen Akzent.

»Du bist auf Urlaub?«

»Warum sonst sollte ich jede Minute dieses Abends mit einer wunderschönen Frau auskosten?«

Die Worte schienen zwischen ihnen zu schweben. Die Musik spielte weiter, die anderen Paare tanzten an den Rändern ihres Sichtfelds, aber sie beachteten sie gar nicht. Ihre Schritte wurden langsamer, bis sie sich einfach mitten auf der Tanzfläche in den Armen hielten.

»Ich glaube, ich sollte nach Hause gehen«, murmelte Angel, auf einmal war ihr bange. »Du hast versprochen, mir ein Taxi zu rufen, Jacques.«

»Selbstverständlich. Wir gehen sofort.«

Er führte sie durch die Menge und winkte Dolly und Reg zum Abschied, die ihm die erhobenen Daumen zeigten und weitertanzten. Angel holte ihren Mantel und die Reisetasche von der Garderobe. Alles verlief nun in umgekehrter Reihenfolge. Sie würden den Club verlassen und sorgfältig darauf achten, kein Licht nach außen dringen zu lassen, um den feindlichen Flugzeugen am Himmel kein Zeichen zu geben. Sie würden die steilen Stufen zur Straße hinaufsteigen. Jacques würde sie in ein Taxi setzen, und wahrscheinlich würden sie sich niemals wiedersehen.

Als sie draußen standen, waren sie auf einmal verlegen. Der Regen hatte aufgehört, der Märzwind war inzwischen nur noch eine frische Brise. Dennoch zitterte Angel.

»Musst du wirklich schon nach Hause?« Jacques’ Stimme war dunkel und tief. Er versuchte nicht, sie zu überreden, es war vielmehr, als wollte er – genau wie sie -, dass dieser Abend noch nicht endete.

»Ich muss nicht«, sagte sie langsam und blickte zu ihm auf.

»Wollen wir ein wenig spazieren gehen, oder ist dir das zu kalt?«

»Natürlich nicht. Ich meine, nein, es ist mir nicht zu kalt, und ja, ich würde gern spazieren gehen.« Wieso war sie auf einmal so gehemmt, so unbeholfen und schüchtern, wo sie sich Minuten vorher noch so kultiviert und selbstbewusst gefühlt hatte?

Jacques nahm ihr die Reisetasche ab und bot ihr schützend seinen Arm. Sie spürte seine Wärme, und als sie ihn in dem schwachen Licht, an das sie sich rasch gewöhnte, lächeln sah, überkam sie eine neue Stimmung: eine Art Leichtsinn.

»Wohin gehen wir?«, fragte sie. »Es hört sich wahrscheinlich schrecklich albern an, aber ich bin noch nicht oft nachts durch London gelaufen, schon gar nicht ohne meine Eltern oder eine angemessene Begleitperson.«

»Bin ich etwa keine angemessene Begleitung, Chérie?« Er zog sie fester an sich. »Bei mir bist du immer in Sicherheit.«

»Ich weiß«, antwortete sie so ernsthaft, als würde sie ihn schon ihr ganzes Leben lang kennen. Es war nahezu grotesk durch die dunklen Straßen zu gehen, irgendwohin, in eine Gegend, die sie nicht kannte.

Und dennoch kam es ihr vor, als geschehe alles heute Abend mit einer süßen Unvermeidlichkeit. Ihre Schritte führten sie zu einem der kleinen grünen Londoner Parks, dessen schmiedeeiserne Umzäunung im abendlichen Nebel wie schwarze Spitze wirkte. Sie setzten sich dicht nebeneinander auf eine Bank, und Jacques legte Angel einen Arm um die Schultern.

»Hätten wir doch nur mehr Zeit.« In seiner Stimme lag eine eigentümliche Verzweiflung, während die Geräusche der Stadt abwechselnd anschwollen und wieder in den Hintergrund traten. »Wie alle in diesem verdammten Krieg haben wir so wenig Zeit …«

Als er unvermittelt abbrach, blickte sie zu seinem markanten Profil auf, die Brise zerwühlte ihm die dunklen Haare, und ihr Herzschlag beschleunigte sich. Er meinte offenbar, dass sie so wenig Zeit zusammen hatten …

»Wie lange bist du schon beim Royal Flying Corps?«, fragte sie ihn leise in ihrer neuen Vertrautheit, die wohl noch sehr zerbrechlich war.

»Sieben Monate. Aber seit sechs Wochen bin ich in der Pilotenausbildung. Es ist genau das, was ich immer wollte, doch nun habe ich etwas gefunden, was ich noch mehr will.«

Er sah sie an. Seine Finger folgten der sanften Kurve ihrer Wange, und Angel hielt den Atem an. Das Brummen des spätnächtlichen Verkehrs umgab sie, aber sie hörte nur ihr Herzklopfen und Jacques’ Stimme.

Angel zitterte. Sie musste keine Hellseherin sein, um zu wissen, dass Jacques bald eines dieser kleinen fragilen Flugzeuge auf ihrer gefährlichen Mission über Frankreich steuern würde.

»Dauert dein Heimaturlaub noch lange?« Mehr als nüchterne Worte brachte sie im Augenblick nicht heraus. Sie erinnerte sich nicht einmal, ob er es ihr schon erzählt hatte. Das alles ging so schnell … so beängstigend schnell.

»Nur noch heute Abend.«

An seinem disziplinierten Tonfall erkannte Angel, dass er das nicht sagte, um sie emotional zu erpressen. Sie hatte ihn gefragt, und nun klaffte die Antwort wie ein Abgrund zwischen ihnen. Nur noch heute Abend. Und danach?

»Jacques, ich glaube, ich sollte besser gehen«, hörte sie ihre eigene schwache Stimme mit einem Hauch von Panik darin. Er streichelte mit den Fingerspitzen ihre Hand.

»Wenn du das willst, dann rufe ich dir auf der Stelle ein Taxi, Chérie. Ich habe es dir versprochen. Doch eigentlich möchte ich dich mehr als alles auf der Welt mit in mein Hotel nehmen. Schrei, wenn es dich schockiert, aber ich ertrage den Gedanken nicht, dich gehen zu lassen. Ich möchte den Rest der Nacht nicht allein verbringen, mit nichts als der Erinnerung an dich.«

Ihr Mund war zu trocken, um zu sprechen. Ihr Puls raste. Sie wusste genau, was Jacques’ Worte bedeuteten. Und oh, sie wollte es auch … Sie wollte ihn, und es war für sie vollkommen neu und aufregend und wunderbar.

»Ich neige normalerweise nicht zum Schreien«, flüsterte Angel, und die Antwort lag in ihren Fingern, die sie um seine schloss, und in seinen Armen, die er um ihren Körper schlang. Es kam ihr vor, als entdeckte sie eine uralte Wahrheit. Wie lange dauerte es, sich zu verlieben?

Sie sprachen kaum, als sie mit dem Taxi zum Hotel »Portland« fuhren, wo Jacques für diese Nacht ein Zimmer gemietet hatte. Falls er sie verführte, dann war sich Angel nur zu bewusst, dass sie es zuließ. Niemand zwang sie zu etwas, dabei war es genau das, wovor ihre Mutter sie stets gewarnt hatte und was ihre Schwestern verachteten. Louise wäre entsetzt, und Ellen würde spotten, sie habe schon immer gewusst, dass Angel nicht in der Lage sein würde, die Finger eines Mannes abzuwehren.

Im Zimmer zog Jacques die schweren Vorhänge zu und drehte die Gaslampen auf. Der Raum wurde in ein sanftes warmes Licht getaucht, das über das schlichte Dekor und die einfache Einrichtung hinwegtäuschte. Es war nicht das »Ritz«, aber das brauchten sie auch nicht.

Jacques stellte Angels Reisetasche auf einen Stuhl, dann knöpfte er ihr zärtlich den Mantel auf und nahm ihr den Hut ab. Sie war auf einmal viel zu betäubt, um etwas zu sagen. Sie war hier in einem Hotelzimmer, mit einem Fremden, den sie noch keinen Tag kannte, und die Ungeheuerlichkeit des Ganzen wurde ihr jetzt langsam bewusst.

Die verzweifelt fröhliche Morgen-sind-wir-tot-Atmosphäre unter den Soldaten und den geschminkten Mädchen im Club, der ungewohnte Geschmack von Bier, die dicke rauchgeschwängerte Luft, das Charisma des Mannes, mit dem sie nun hier war und der so anders war als alle anderen … all das machte sie zu einer vollkommen anderen Angel Bannister als diejenige, die mit ihren Freundinnen Spaß hatte, aber so etwas noch nie getan hatte.

Einige ihrer Freundinnen hatten kühn davon gesprochen, ihre Jungfräulichkeit noch vor ihrem Schulabschluss verlieren zu wollen, aber für Angel war das immer der kostbarste Teil ihrer selbst gewesen, den sie nicht leichtfertig verschenken wollte.

Jacques nahm sie in die Arme. Verständnisvoll sah er ihr in die Augen, die nun geweitet und dunkel vor plötzlicher Furcht waren. Ohne Leidenschaft oder Drängen legte er seine Lippen auf ihre.

»Hab keine Angst vor mir, Angel. Es passiert nichts, was du nicht willst. Du bist so … so verletzlich … und unschuldig.«

Sie lächelte scheu. »Das liegt daran, dass ich unschuldig bin.« Sie errötete bei diesen Worten und hoffte, er würde sie verstehen. Wie absurd, zu erröten, wenn sie zugab, dass sie nicht besonders erfahren war, sondern so unberührt wie der erste Schnee im Winter.

Sie war achtzehn Jahre alt, hatte gerade erst die Schule abgeschlossen und war verglichen mit Dolly Dilkes so unwissend wie ein Neugeborenes.

»Glaubst du, ich hätte etwas anderes erwartet?«, fragte Jacques. »Vom ersten Augenblick an habe ich gespürt, dass du die Frau meines Herzens bist. Ich würde dir die Welt zu Füßen legen, wenn ich könnte. Aber fürs Erste kann ich dir nur mich schenken – wenn du mich willst.«

Seine Worte waren liebevoll, die Bedeutung sonnenklar. Vielleicht war er ein Schuft, vielleicht war er vor Gefühlen wie von Sinnen. Sie konnte es nicht wissen. Aber ihr Herz machte bei der Sinnlichkeit in seiner Stimme einen Sprung. Angesichts seiner Nähe floss das Blut in ihren Adern schneller. Sie hatte einige langweilige Verehrer gehabt, aber keiner von ihnen hatte sie auf diese Weise angesprochen. Niemand hatte ein vergleichbares Verlangen in ihr entfacht.

Die jungen Männer, mit denen sie normalerweise Umgang pflegte, überhäuften sie mit gestelzten englischen Komplimenten. Doch niemand berührte all ihre Sinne, wie dieser Mann es tat. Nun, da der Augenblick gekommen war, wollte sie ihn denn auf die Weise, die er wollte? Wollte sie, mit den Worten der Bibel ausgedrückt, fleischliche Kenntnis von ihm?

Die strengen Worte aus dem Religionsunterricht kamen ihr in den Sinn. Sie waren überholt und unrealistisch, manche hielten sie in diesen rauen Tagen Anfang 1915 sogar für lächerlich, und doch … und doch …

Angel musste angesichts dieser wichtigen Entscheidung schlucken. Jacques nahm sie bei der Hand und führte sie zum Fenster. Noch bevor sie dort ankamen, drehte er die Gaslampe aus, so dass sie im Dunklen standen, dann zog er die Vorhänge zurück, und Mondlicht flutete den Raum. Draußen vor dem dunklen marineblauen Himmel zeichneten sich die Umrisse der Gebäude und Dächer zartgrau ab. Die Zweige eines einsamen Baumes seufzten und flüsterten im Wind.

»Wenn der Krieg vorbei ist, Angel, werden wir beide in genau dieses Hotelzimmer zurückkehren und uns die Lichter von London ansehen. Das verspreche ich dir.«

Als sie hereingekommen waren, hatte sie seine Reisetasche auf dem Boden gesehen. Ansonsten hatte nicht viel herumgelegen. Es war, als hätte er für diese letzte Nacht bereits alle seine Sachen verstaut. Es hätte eine unpersönliche Nacht werden sollen. Doch nun hatten sie einander.

In diesem gemütlichen kleinen Zimmer im Hotel »Portland« schien der Krieg sehr weit weg zu sein. Sie ließen das Licht aus. Im Mondlicht entkleideten sie sich, betrachteten einander und staunten über die Schönheit, die Gott ihnen geschenkt hatte. Sie erkundeten einander zwischen den kühlen Laken, aber es war nicht nur der frische Baumwollstoff, der Angel erschauern ließ.

Sie war romantisch veranlagt und hatte sich immer vorgestellt, dass dieser Moment von Trompetenstößen und Glockengeläut begleitet würde, doch als Jacques’ feste Wärme in ihren Körper eindrang, verflogen all die diffusen herrlichen Phantasien ihrer Jugend. Dem kurzen beißenden Schmerz am Anfang folgte köstliche Hingabe. Das war es, wofür sie gemacht war, was sie mit allen Sinnen herbeigesehnt hatte. Das war Liebe.

»Meine wunderschöne Angel«, hauchte Jacques an ihrer Haut. »Du bist wirklich die perfekte Frau für mich. Sollte ich in den nächsten hundert Jahren, die wir gemeinsam verbringen werden, jemals vergessen, es dir zu sagen, denk immer daran, dass ich es dir heute Nacht gesagt habe.«

Sein Gesicht über ihrem glänzte vor Leidenschaft, als er sich in ihr bewegte. Seine Worte beseelten und beschämten sie zugleich.

»Du glaubst also, wir werden hundert Jahre zusammen sein?«, fragte sie zittrig und wollte dabei nur von ihm hören, dass es eine Ewigkeit sein würde.

»Nein. Ich hätte ›für immer‹ sagen sollen«, flüsterte er ihr ins Ohr, wobei seine Lippen sanft ihr Ohrläppchen streiften.

Angel war überwältigt von ihm. Wenn dies der europäische Charme war, dann besaß Jacques ihn im Überfluss. Falls er bloß gespielt war, dann wollte sie es nicht wissen. In diesen kostbaren gestohlenen Stunden vor Morgengrauen eines weiteren trüben Märztages kam es ihr nicht einmal in den Sinn.

Angel erwachte langsam. Ihr war kalt. Es kam ihr vor, als hätte sie erst vor wenigen Minuten Wärme und Geborgenheit gespürt. Sie hatte in den Armen eines Mannes gelegen und war an ihn geschmiegt eingeschlafen. Sie war zur Frau geworden, in jeder Hinsicht. Nun wusste sie, was Erfüllung bedeutete …

Sie schlug die Augen auf und wusste im selben Augenblick, dass sie in dem eisigen kleinen Zimmer nicht den Kopf wenden wollte. Oder die Hand ausstrecken, nur um nichts weiter zu spüren als das kalte Kissen neben sich. Für einen weiteren kurzen Moment weigerte sie sich, zu glauben, was ihr Verstand längst wusste. Jacques war fort …

Aber sie musste es glauben. Sie drehte den Kopf so hastig, dass ihr Nacken knirschte. Abgesehen von ihr selbst war das Bett leer.

Wie erstarrt lag sie da, dann zwang sie sich dazu, sich im Zimmer umzublicken. Sie sah seine Reisetasche nicht mehr, keine persönlichen Gegenstände auf dem Toilettentisch, nichts, was verriet, dass Jacques de Ville jemals hier gewesen war oder überhaupt existierte hatte. Angel spürte ein Schluchzen in ihrer Kehle aufsteigen. Sie konnte es nicht glauben. Was für ein grausamer Alptraum.

Sie schlüpfte aus dem Bett und verspürte beim Anblick ihres nackten Körpers einen Anflug von Scham. Mit zitternden Händen wollte sie nach ihrer Kleidung greifen, da sah sie den Brief, der sorgfältig darauf platziert war. Sie riss ihn auf.

Meine liebe Angel, ich weiß, Du wirst enttäuscht sein, wenn Du allein aufwachst. Ich muss früh aufbrechen, und was wir gestern Abend gefunden haben, ist zu wertvoll, um es mit Tränen und Abschied zu verderben. Wenn diese schreckliche Zeit vorüber ist, dann werden wir uns wiedersehen, das verspreche ich Dir. Wir haben eine besondere Verabredung an einem ganz bestimmten Fenster.

Für immer, Dein Jacques

Angel presste sich den Brief an die Lippen und spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Doch im nächsten Moment durchfuhr sie ein lodernder Zorn. Wie konnte er es wagen! Wieso hielt er sie für so schwach, dass er ihr keinen Abschied zumuten konnte? Sie war kein Kind mehr. In Kriegszeiten mussten sich Frauen ständig von ihren Männern verabschieden.

Beschämt stellte Angel fest, dass sie sich darüber noch nie Gedanken gemacht hatte. Es hatte ihr eigenes Leben bis jetzt einfach nicht betroffen. Der Krieg fand in Frankreich statt, außer den lästigen Luftangriffen und Verdunkelungsvorschriften und der drohenden Lebensmittelknappheit und dergleichen. Und sie fand es sogar ein bisschen lustig, dass selbst ihr aufgeblasener Schwager Stanley vage davon sprach, sich bei der Armee zu verpflichten.

Abgesehen davon strickte ihre Mutter regelmäßig mit anderen Frauen für die Soldaten, und ihr Vater klagte düster, es müsse erst schlimmer werden, bevor es besser werden könne, eine Logik, die Angel vollkommen unverständlich fand. Der Krieg hatte Angel Bannister bisher überhaupt nicht betroffen – bis jetzt.

»Jacques de Ville, du Bastard!«

In ihrer Qual sprach sie es laut aus – zum Teil, weil es einfach guttat, zu fluchen, und zum Teil, weil es ihren Schmerz darüber linderte, dass er sie einfach so verlassen hatte. War Angel etwa stärker als er, weil sie in der Lage gewesen wäre, sich diesem Abschied zu stellen, und er nicht?

Wenn überhaupt, hatte sie während der Stunden in seinen Armen mit einem gewissen Stolz an den Abschied gedacht, als schenkte sie ihrem Mann einen Glücksbringer, den er mit in den Krieg nehmen könnte.

Indem er sie hier zurückgelassen hatte, hatte Jacques diese noble Vorstellung zerstört. Stattdessen fühlte sie sich billig – so billig wie Dolly Dilkes, die zweifellos die Nacht mit Reg Porter verbracht hatte. Bei diesem Vergleich fühlte Angel sich nicht besser.

Trotz Jacques’ Brief, der eine gemeinsame Zukunft andeutete, schämte sie sich, in diesem Zimmer zu sein, bei dessen Anblick ihre Mutter vermutlich vor Entsetzen in Ohnmacht gefallen wäre.

Ein plötzliches Pochen an der Tür ließ sie zusammenfahren und brachte ihr Herz zum Rasen. Sie schnappte sich das Bettlaken und schlang es sich um den Körper. Dann öffnete sie die Tür einen Spalt und sah ein Zimmermädchen draußen stehen, bewaffnet mit frischer Bettwäsche. Sie schien sofort zu erkennen, was hier letzte Nacht geschehen war, und Angel fühlte sich so gedemütigt wie noch nie.

»Der Herr aus diesem Zimmer hat gestern alles bezahlt, und ich muss jetzt hier saubermachen, Miss.«

Ihre Stimme implizierte, dass sie diese Situation schon viel zu oft erlebt hatte, um noch schockiert zu sein, aber sich immer noch den kleinen Flittchen überlegen fühlte, die für ein paar Stunden Spaß und ein paar Schillinge Bezahlung mit einem Soldaten aufs Zimmer gingen. Angels Wangen brannten.

»Ich gehe gleich«, sagte sie steif. »Hat mein … Mann nicht erwähnt, dass ich noch ein wenig länger hierbleiben würde?«

Die Frau grinste, ihre Augen wanderten an Angels gequältem Gesicht vorbei zu den teuren Kleidungsstücken auf dem Stuhl. Sie zuckte die Achseln. Die Menschen waren so unterschiedlich, und nur, weil eine junge Frau schicke Sachen trug, hieß das nicht, dass sie nicht für einen gut aussehenden Mann die Beine breitmachen würde. Und der große, dunkelhaarige Mann mit dem lustigen Akzent war so attraktiv gewesen, dass sich alle Zimmermädchen im Hotel nach ihm umgedreht hatten.

»Nein, das hat Ihr Mann nicht, Miss. Ich komme in einer halben Stunde wieder. Wir brauchen das Zimmer, verstehen Sie?«

»Bis dahin bin ich weg«, gab Angel scharf zurück und schlug der Frau die Tür vor der Nase zu.

Zitternd starrte sie die Tür einige Sekunden lang an. Diese Frau hatte sie kleingekriegt. Jetzt fühlte sie sich wie eine Hure.

Allein schon dieses Wort ließ sie zusammenzucken. Angel zog sich an, so schnell sie konnte. Ihre Hände waren so schweißnass, dass sie kaum die Knöpfe zubekam. Und sie konnte nicht richtig denken.

Es schien, als wären seit gestern zehn Jahre vergangen. In einer Nacht war sie erwachsener geworden als in den vergangenen achtzehn Jahren. Sie hatte mit einem Mann geschlafen und den Spott in den Augen des Zimmermädchens gesehen. Ohne es zu wollen, hatte sie ihre Eltern hintergangen. Sie hatte gestern Abend wirklich vorgehabt, direkt nach Hause zu gehen. Stattdessen …

Auf einmal schnürte sich Angel der Hals zusammen. Alles war verdorben. All die zärtlichen Liebesgefühle zwischen ihr und Jacques waren verpufft, und so sehr sie es auch versuchte, sie kehrten nicht zurück. Sie wollte verzweifelt jeden Moment noch einmal erleben, sich an jedes Wort erinnern, das er gesagt hatte. Aber es gelang ihr nicht. Vielleicht war auch dies ein Teil des Erwachsenwerdens, dachte sie bitter. Nichts blieb so wunderbar, wie man sich das wünschte. Alles verging.

Sie verließ das kleine Hotel ohne einen Blick zurück, doch ihr entging nicht, wie die Rezeptionistin und das Zimmermädchen einander anstupsten. Mit weiß hervortretenden Knöcheln umklammerte sie den Griff der Reisetasche. Die Blicke der Frauen erdrückten sie, und doch konnte sich ein Teil von ihr voll und ganz mit ihnen identifizieren. Gestern noch hätte sie ein Mädchen, das mit einem Fremden ins Bett ging, für nichts anderes als ein schamloses Flittchen gehalten.

Die Luft draußen war frisch und kühl, aber Angel freute sich über die klare, beißende Kälte auf ihrer Haut. Sie zog sich den Pelzkragen ihres Wollmantels ums Gesicht, vergrub das Kinn in dem weichen Fell. Auf einmal war sie desorientiert. Nicht von ihren verwirrten Gefühlen oder ihrer Umgebung, sondern von der Tageszeit.

Es war noch zu früh am Morgen, um nach Hause zu gehen. Ihre Mutter würde Verdacht schöpfen, wenn sie so bald von ihrem angeblichen Besuch bei Margot zurückkäme. Angel musste mindestens bis zum späten Vormittag warten, bevor sie im Hause Bannister erschien.

Am Ende der schmalen Straße entdeckte sie ein kleines Café und trat ein, um sich einen Tee und Frühstück zu bestellen. Sie hatte eigentlich keinen Appetit, aber es würde helfen, die Zeit zu vertreiben, auch wenn das Angebot dürftig und die Umgebung nicht besonders sauber waren.

Kaum hatte sie das Café wieder verlassen, sah sie ein Taxi und rannte winkend darauf zu. Eine Lady rennt niemals, hatten ihr die Lehrerinnen an der Schule mit strenger Stimme eingetrichtert. Eine Lady bleibt unter allen Umständen kühl und würdevoll.

Eine flüchtige Vision von ihr und Jacques de Ville schoss ihr durch den Kopf. Hingebungsvoll ineinander verschlungen … Herzen, die im Gleichtakt schlugen, Körper, die vor Verlangen pulsierten.

»Wollen Sie jetzt dieses Taxi oder nicht, Miss?«, vernahm sie eine gereizte Stimme. »Ich kann nicht den ganzen Tag auf Sie warten, während Sie vor sich hinträumen.«

Angel zuckte zusammen. Sie konnte sich gar nicht erinnern, dass sie sich dem Wagen genähert hatte, nun stand sie daneben, die Hand auf dem Türgriff. Ihr Blick verschleierte sich für einen Moment, als sie daran dachte, wie sich eine Hand auf ihre gelegt hatte, an einem anderen Taxi … Ärgerlich schüttelte sie sich, sie kam sich vor, als hätte sie der Aberwitz ergriffen – so wie sie sich gerade benahm. Sie war doch kein liebeskrankes Ladenmädchen.

»Können Sie mich nach Hampstead bringen?«, stieß sie hervor.

Der Taxifahrer verengte die Augen. Die junge Frau sah zwar aus, als könne sie diese Fahrt bezahlen, aber sie war gerade aus einer schmalen Seitengasse gekommen, und es schadete nicht, sich zu vergewissern.

»Können Sie sich das auch leisten, Miss? Hampstead ist ziemlich weit weg …«

»Natürlich«, gab Angel schnippisch zurück. »Also nehmen Sie mich nun mit oder nicht? Ich kann mir auch gern ein anderes Taxi rufen.«

Der Mann beugte sich nach hinten und öffnete die Tür. Er würde sich dieses leichtverdiente Geld nicht entgehen lassen.

»Wie lautet die Adresse?«, fragte er, als Angel einstieg.

Mit geübten Augen musterte er sie durch den Rückspiegel. Was für ein heißer Feger, dachte er. Augen wie Smaragde und die Haare in diesem kräftigen Blond, das nicht gefärbt war. Und vermutlich eine wohlgeformte Figur unter diesem schicken grauen Mantel. Sie hatte ihn hochgehalten, als sie durch die Regenpfützen auf sein Taxi zugelaufen war, und er hatte einen Blick auf hübsche Beine in teuer aussehenden Stiefeln erhascht. Ja, er würde sein Geld schon bekommen.

Rasch nannte sie ihm die Adresse. Es würde eine Erleichterung sein, endlich nach Hause zu kommen. Sie fror und fühlte sich elend, und der Gedanke an ein heißes Bad wurde mit jeder Minute verlockender. Sie musste sich irgendeine Ausrede überlegen, warum sie nicht bei Margot gebadet hatte, bevor sie aufgebrochen war.

Angel biss sich auf die Lippe. Märchen zu erzählen, um irgendeinen albernen Streich zu vertuschen, war eine Sache, aber nun zog jede Lüge eine weitere Lüge nach sich. Wie konnte eine verbotene Nacht nur so kompliziert werden? Sie fragte sich flüchtig, wieso manche die Mühen auf sich nahmen, so etwas zur Gewohnheit zu machen. Dann erinnerte sie sich an Jacques’ warme und verführerische Stimme an ihrer Haut, und sie wusste wieder ganz genau wieso.

Er hatte sie nach ihrer Adresse gefragt, damit er sie wiedersehen könnte. Allein bei dieser Bitte hatte sie sich so lebendig, so geliebt gefühlt. Nun fühlte sie sich verlassen und betrogen, und sie bezweifelte, dass sie jemals wieder von ihm hören würde. Gnade ihr Gott, wenn ihre Eltern jemals herausfänden, wo sie letzte Nacht tatsächlich gewesen war.

Kapitel 3

Sir Fred Bannister hatte seinen Titel von seinem Vater geerbt, und das war ihm stets unangenehm gewesen. Es war nicht so, dass er die Vorteile verachtete, die Wohlstand und gesellschaftlicher Stand mit sich brachten. Doch in seinen Kreisen war Fred eine Seltenheit. Er wollte es selbst zu etwas bringen, worauf er stolz sein konnte, und da ihm sein Familienunternehmen auf dem Silbertablett serviert worden war, war ihm dieser persönliche Erfolg verwehrt geblieben.

Natürlich hätte er einfach der Textilwirtschaft den Rücken kehren und sich etwas Neuem und Aufregendem zuwenden können, doch die Ehe mit der Tochter eines alten Eton-Absolventen hatte ihm derartige sozialistische Ideen ausgetrieben. Clemence war durch und durch ein Produkt ihrer Herkunft, und weil Fred sie in seinem jugendlichen Überschwang so unbedingt hatte heiraten wollen, hatte er einfach nachgegeben und ihr erlaubt, nicht nur sein Herz, sondern auch sein Leben zu beherrschen.

Nur gegenüber den Arbeitern in seiner florierenden Weberei in Yorkshire setzte er sich durch, wie es ein Mann seiner Meinung nach tun sollte. Das hatte ihm den Ruf eines Despoten eingebracht, und seine Angestellten wären überrascht gewesen, wie schnell diese Fassade von ihm abfiel, sobald er zu Hause über die Türschwelle trat.

Die simple Wahrheit war, dass Fred vollkommen unter der Fuchtel der Frauen in seiner Familie stand, abgesehen von den seltenen Momenten, wenn sie zu weit gingen. Dann brüllte er wie eine englische Bulldogge und bestand darauf, seinen Willen durchzusetzen. Die Frauen wussten, dass sie ihm dann besser nachgaben. Ansonsten war es ihm einfach nicht die Mühe wert, sich mit drei willensstarken Töchtern auseinanderzusetzen, die sich von niemandem bändigen ließen. Die harmonischste Lösung war, alles Clemence zu überlassen.

Seine gute alte Clemence hatte alles, was eine perfekte Ehefrau ausmachte, vor allem ihrer eigenen Meinung nach. Sie saß an der Spitze seiner Tafel und gab Dinnerpartys, die in der ganzen Stadt wohlbekannt gewesen waren, bis die neuen Plakate dazu aufriefen, sich einzuschränken. Neuerdings organisierte Clemence einen Strickkreis mit einigen ihrer alten Freundinnen, die Sir Fred nicht ausstehen konnte. Heimlich nannte er sie die Perlen-und-Lorgnette-Brigade.

Clemence ging vollständig in der Wohltätigkeitsarbeit auf. Sie hatte pflichtschuldig drei Töchter in die Welt gesetzt, und das schon vor langer Zeit für genug befunden. Mit diesem Teil ihres Ehelebens hatte sie abgeschlossen. Somit gab es keine Aussicht auf einen Sohn, der das Unternehmen weiterführen würde. Und auch sonst passierte nichts mehr, nachdem im Schlafzimmer das Licht ausgegangen war. Hätte Fred nicht seine nette Bekanntschaft in einem Dorf in Yorkshire gehabt, was bei seinen regelmäßigen Besuchen im Norden äußerst praktisch war, wäre er vermutlich schon längst verrückt oder blind geworden.

An diesem Märzmorgen fuhr er nach einer besonders befriedigenden Nacht mit Harriet mit seinem komfortablen Daimler zurück nach Hampstead. Sie machte sein Leben lebenswert, dachte er zufrieden. Harriet … und seine drei Mädchen … Er summte ein kleines Liedchen vor sich hin und zwirbelte sich den Schnurrbart, wie immer, wenn er mit sich und seinem Leben im Reinen war und beim Fahren an seine Töchter dachte.

Louise kam ganz nach ihrer Mutter. Sie war adrett und gescheit und würde ihm vermutlich in nicht allzu ferner Zeit einen oder zwei Enkel schenken. Auch Ellen hatte Köpfchen, obwohl Fred sich wünschte, sie würde es für etwas anderes einsetzen, als sich mit diesen radikalen Frauen einzulassen, die sich an Geländer ketteten und sich überall unbeliebt machten.

Gott sei Dank hatte sie sich diesen verdammten Suffragetten erst angeschlossen, lange nachdem eine von ihnen so entsetzlich dumm gewesen war, sich beim Rennen vor das Pferd des Königs zu werfen. Was um alles in der Welt hatte es ihnen gebracht, abgesehen davon, dass sie nun vollkommen verantwortungslos wirkten?

Ellens Bestrebungen konnte Fred, im Gegensatz zu Clemence, jedoch nachempfinden. Warum sollte sie sich den Konventionen ihrer Herkunft beugen, wenn ihr das nicht gefiel? Was nützte es, Geld zu haben, wenn man damit nicht tun konnte, was man wollte?