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"Die Bartholomäusnacht" schildert das Frankreich des 16. Jahrhunderts, die Liebesgeschichte zwischen dem jungen Adligen Bernard de Mergy und der Hofschönheit Diane de Turgis, eng verwoben mit dem Kampf der Katholiken gegen die Hugenotten und den Ereignissen der Bartholomäusnacht.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Nicht weit von Etampes, in der Richtung von Paris, gewahrt man heute noch ein großes viereckiges Gebäude mit Spitzbogen-Fenstern, denen einige rohe Bildhauer-Arbeiten zur Zierde dienen sollen. Über dem Thor befindet sich eine Nische, welche ehedem eine steinerne Madonna enthielt; letztere hatte jedoch in der Revolution das Loos von gar vielen männlichen und weiblichen Heiligen, und wurde von dem Präsidenten des revolutionären Clubbs von Larcy feierlichst in Stücke geschlagen. Seither hat man eine andere heil. Jungfrau an ihren Platz gestellt, freilich nur eine aus Gips geformte; angetan indes mit einigen seidenen Lappen und mit etlichen Korallen geschmückt, stellt sie sich noch ziemlich gut dar und gibt der Schenke des Claude Giraut ein respektables Aussehen.
Vor beinahe drei Jahrhunderten, d. h. im Jahr 1572, hatte dieses Gebäude die gleiche Bestimmung, wie gegenwärtig, nämlich durstige Reisende aufzunehmen; aber die Außenseite war damals eine ganz andere. Auf den Mauern las man eine Menge Inschriften, herrührend von den verschiedenen Kriegsparteien. Neben den Worten: "Es lebe der Herr Prinz!" 1 las man: "Es lebe der Herzog von Guise! Tod den Hugenotten." An einer andern Stelle hatte ein Soldat einen Galgen und einen Gehenkten mit Kohle gezeichnet, und, damit man ihn ja nicht missverstehe, darunter die Inschrift gesetzt: Caspar von Châtillon." Indes schien es, dass die Protestanten bald darauf die Oberhand in diesen Gegenden gewonnen hatten, denn der Name ihres Oberhaupts war weggekratzt und der des Herzogs von Guise an seine Stelle gesudelt. Andere, halbverlöschte, ziemlich schwer zu lesende und noch schwerer auf anständige Weise auszudrückende Inschriften bewiesen, dass der König und seine Mutter eben so wenig verschont geblieben waren, als die Parteihäupter. Am allermeisten schien jedoch die arme Madonna unter der Wut des Bürger- und Religionskriegs gelitten zu haben. Ihre an zwanzig Stellen von Kugeln durchlöcherte Bildsäule zeugte von dem Eifer der hugenottischen Soldaten, das, was sie "heidnische Götzenbilder" nannten, zu zerstören. Indes der fromme Katholik, wenn er vor dem Bilde vorüber ging, ehrerbietig seine Mütze zog, hielt sich der protestantische Reiter für verpflichtet, ihm einen Lanzenstoß beizubringen, und achtete sich nach vollbrachter Heldentat nicht geringer, als wenn er das "apokalyptische Tier" erschlagen und den Götzendienst zerstört hätte.
Allerdings war seit mehreren Monden zwischen den zwei streitenden Sekten Frieden geschlossen worden; aber der Schwur kam aus dem Munde und nicht aus dem Herzen. Mit gleicher Unversöhnlichkeit dauerte die gegenseitige Erbitterung fort. Alles mahnte daran, dass der Krieg kaum aufgehört habe, - Alles verkündete, dass der Friede nicht von langer Dauer sein könne.
Die Schenke zum goldenen Löwen strotzte von Soldaten. An ihrer fremdländischen Aussprache und ihrem bizarren Aufzug erkannte man sie als deutsche Kavalleristen, Reiter genannt, welche der protestantischen Partei ihre Dienste angeboten hatten, zumal als sie einen guten Sold zu zahlen im Stande war.
Wenn die Geschicklichkeit dieser Ausländer in der Handhabung des Pferdes und ihre Gewandtheit im Gebrauch der Feuerwaffen sie an einem Schlachttage furchtbar machten, so standen sie andrerseits in dem vielleicht mit noch größerem Rechte erworbenen Ruf von vollendeten Räubern und unbarmherzigen Siegern. Der Haufen, welcher sich in der Herberge ausgepflanzt hatte, bestand aus fünfzig Reitern; sie waren Tags zuvor von Paris aufgebrochen und auf dem Wege nach Orleans, wo sie Garnison halten sollten.
Während die Einen ihre an die Mauer gebundenen Pferde besorgten, schürten Andere das Feuer an, drehten den Bratspieß und beschäftigten sich mit der Küche. Der Herbergsvater betrachtete, als geschlagener Mann, die Mütze in der Hand und die Träne im Auge, die Szene der Verwüstung, deren Schauplatz die Küche war. Er sah seinen Hofraum verheert, seinen Keller geplündert, seinen Flaschen, die man zu entpfropfen sich nicht einmal die Mühe nahm, den Hals gebrochen; und was das Schlimmste war, er wusste nur zu gut, dass trotz der strengen Befehle des Königs in Betreff der Kriegszucht er feine Entschädigung von denjenigen zu erwarten habe, welche ihn so feindlich behandelten. Denn in diesen unglückseligen Zeiten galt es als allgemein angenommene Wahrheit, dass eine bewaffnete Truppe, so im Frieden wie im Krieg, auf Unrechtskosten zehrte, wo immer sie sich befinden mochte.
Vor einem eichenen, von Schmutz und Rauch geschwärzten Tische faß der Hauptmann der Reiter. Er war ein großer und gewaltiger Mann von ungefähr fünfzig Jahren, mit breiter Adlernase, flammenden Gesichtszügen, gräulichen und dünn gesäten Haaren, unter welchen eine breite , vom linken Ohr anfangende und in seinem dichten Schnurrbart sich verlierende Narbe deutlich durchschimmerte. Er hatte Panzer und Helm abgelegt und nur ein Wams von ungarischem Leder anbehalten, woran die schwarzen Spuren sich abreibender Waffen und sorgsam geflickte Löcher zu erkennen waren. Auch Säbel und Pistolen hatte er neben sich auf die Bank gelegt und nur den breiten Dolch an sich stecken, den ein kluger Mann damals nur im Bette vom Leibe tat.
An seiner linken Seite saß ein hochroter, großer und wohlgestalteter Jüngling. Sein Wams war mit Stickereien besetzt, und man bemerkte in seinem Anzug mehr Gewähltheit, als in dem feines Genossen. Es war indes nur der Cornett des Hauptmanns.
Zwei junge Dirnen von zwanzig bis fünfundzwanzig Jahren leisteten, am gleichen Tische sitzend, ihnen Gesellschaft. Eint Mischung von Elend und Luxus spiegelte sich in den Kleidern derselben, die nicht für sie gemacht und nur durch das Kriegsglück ihnen zugeworfen zu sein schienen, ab. Die Eine trug einen damastenen, goldgestickten, aber ganz vergilbten Spenser über einem einfachen linnenen Rock. Die Andere hatte ein blaues Atlaskleid nebst einem graufilzenen, mit einer Hahnenfeder geschmückten Männerhut. Beide waren hübsch; aber die Frechheit ihrer Blicke und die Zügellosigkeit ihrer Rede rochen überlaut nach der Gewohnheit, mit Soldaten zu leben. Der Atasrock war eine Zigeunerin; sie sonnte Karten und Zither schlagen. Die Andere hatte chirurgische Kenntnisse und schien sich eines ausgezeichneten Ranges in der Achtung des Cornetts zu erfreuen.
Diese vier Personen, jede hinter einer großen Weinflasche, plauderten mit einander und tranken in Erwartung des Essens.
Eben begann, wie das bei Hungrigen gewöhnlich der Fall ist, die Unterhaltung zu stocken, als ein junger, schlank und hochgewachsener, ziemlich elegant gekleideter Mann vor dem Thor der Herberge feinen trefflichen Schweißfuchs anhielt. Der Trompeter der Reiter stand von der Bank, wo er sich gelagert, auf und fasste, dem Fremden entgegengehend, des Pferdes Zügel. Der Fremde war im Begriff, ihm für den vermeintlichen Höflichkeitsdienst zu danken; aber er wurde sogleich enttäuscht, denn der Trompeter öffnete das Maul des Rosses und betrachtete dessen Zähne mit einem Kennerauge; dann beschaute er sich, einige Schritte zurücktretend, die Füße und den Rücken des edlen Tiers, nickte mit dem Kopf, als sehr zufriedener Mann, und sagte in seinem Kauderwälsch: Schön Gaul, myn Herr, das Ihr da reitet! und fügte noch einige deutsche Worte bei, welche seinen Kameraden, in deren Mitte er sich wieder niederließ, Anlass zum Lachen gaben. Diese ohne viele Umstände vorgenommene Prüfung war nicht nach dem Geschmack des Reisenden; er begnügte sich indes, einen verächtlichen Blick auf den Trompeter zu werfen, und stieg ohne Jemands Hilfe ab.
Der jetzt aus dem Hause tretende Gastwirt nahm ihm ehrerbietig die Zügel ab und flüsterte ihm so leise, dass die Reiter nichts verstehen konnten: "Gott steh' Euch bei, mein junger Edelherr! Aber Ihr kommt sehr zur bösen Stunde; denn die Compagnie dieser Kopfhänger, welchen St. Christoph den Hals umdrehen möge, ist gar nicht angenehm für gute Christen, wie Ihr und ich."
Der junge Mann lächelte bitter. "Diese Herren," sagte er, "sind also protestantische Kavalleristen?"
"Und Reiter obendrein," fügte der Gastwirt bei. "Unsere liebe Frau soll ihnen die schwere Not machen! Seit der Stunde, dass sie da sind, haben sie die Hälfte meines Gerätes zerbrochen. Es sind lauter unbarmherzige Raubgesellen, wie ihr Anführer, Herr von Châtillon, der saubere Teufelsadmiral."
"Für einen Graubart, wie Ihr," entgegnete der junge Mann, "ist das sehr unvorsichtig gesprochen. Wenn nun zufällig Euer neuer Gast ein Protestant wäre, so könnte er Euch gar wohl mit einem guten Puff darauf dienen." Dabei schlug er mit seiner Reitpeitsche an seinen blank gewichsten Stiefel.
"Wie!.... Was!.... Ihr ein Hugenott?.... Protestant will ich sagen!" rief der erstarrte Gastwirt aus. Dann wich er einen Schritt zurück und betrachtete den Fremden vom Wirbel bis zur Zehe, als suche er an dessen Anzug irgend ein Zeichen, woraus er auf seine Religion schließen könnte. Diese Prüfung und das offene freundliche Gesicht des jungen Mannes beruhigten ihn allmählich und er fuhr leiser fort: "Ein Protestant mit grünem Atlaswams? ein Hugenott mit spanischem Halskragen? Ei, das ist ja nicht möglich! Ah, mein junger Edelherr, so viel Flottität sieht man nicht bei den Ketzern. Heilige Maria! Ein feines Atlaskleid ist allzuschön für solche Schmutzhämmel!"
Augenblicklich pfiff die Reitpeitsche und der Schlag, den der arme Herbergvater auf die Wange erhielt, war für ihn ein Glaubensbekenntnis dessen, mit dem er redete.
"Unverschämtes Lästermaul! Wart, ich will Dich Deine Zunge zähmen lehren! Fort mit meinem Pferde in den Stall, und dass ihm nichts abgehe!"
Der Gastwirt ließ traurig den Kopf hängen und führte das Pferd unter eine Art Schuppen, wobei er ganz leise tausend Flüche gegen die deutschen und französischen Reger hervormurrte; und wäre ihm der junge Mann nicht auf dem Fuße gefolgt, um die Behandlung seines Pferdes zu überwachen, so hätte das arme Tier in seiner Eigenschaft als Ketzer ohne Zweifel den Abend hindurch fasten müssen.
Der Fremde trat in die Küche und grüßte die dort versammelten Personen, indem er mit Anmut die Krempe seines großen, von einer gelben und schwarzen Feder beschatteten Hutes lüftete. Nachdem ihm der Hauptmann seinen Gruß zurückgegeben, betrachteten sich beide eine Zeit lang wortlos.
"Hauptmann," sagte der junge Fremde, "ich bin ein protestantischer Edelmann, und es freut mich, hier einigen meiner Glaubensgenossen zu begegnen. Ist es Euch genehm, so speisen wir zusammen."
Der Hauptmann, günstig eingenommen von dem ausgezeichneten Benehmen und dem eleganten Anzug des Fremden, erwiderte ihm, dass er sich geehrt fühle. Sogleich machte ihm Jungfer Mila, die junge Zigeunerin, Platz auf ihrer Bank neben sich, und da sie von Natur sehr dienstfertig war, gab sie ihm sogar ihr Glas, welches der Hauptmann sofort füllte.
"Ich heiße Dietrich Hornstein," sagte der alte Haudegen, mit seinem Glas an das des jungen Mannes anstoßend. "Ohne Zweifel habt Ihr von Hauptmann Dietrich Hornstein gehört? Ich war es, der die verlorenen Kinder in der Schlacht von Dreux und darnach in der von Arnay-le-Duc führte."
Der Fremde verstand diesen Umweg, womit man nach seinem Namen forschte, und antwortete: "Ich bedaure, Euch keinen so berühmten Namen nennen zu können, wie der Eurige, Hauptmann; meinen eigenen meine ich, denn der meines Vaters ist wohl bekannt in unsern Bürgerkriegen. Ich heiße Bernhard v. Mergy."
"Wem sagt Ihr diesen Namen!" rief der Hauptmann, sein Glas bis zum Rande füllend. "Ich habe Euren Vater gekannt, Herr Bernhard v. Mergy. Ich habe ihn gekannt von den ersten Kriegen an, wie man einen vertrauten Freund kennt. Auf seine Gesundheit, Herr Bernhard!"
Der Hauptmann hob sein Glas empor und sagte einige deutsche Worte zu seiner Truppe. Im Augenblick, wo der Wein seine Lippen berührte, warfen alle seine Reiter mit lautem Zuruf ihre Hüte in die Luft. Der Wirt meinte, es sei das ein Zeichen zum Gemetzel, und warf sich in die Knie. Bernhard selbst war etwas betroffen von dieser außerordentlichen Ehre; er hielt es indes für seine Schuldigkeit, diesen acht germanischen Gruß zu erwidern, indem er auf die Gesundheit des Hauptmannes trank.
Die Flaschen, welchen man schon vor seiner Ankunft mächtig zugesetzt hatte, konnten für diesen neuen Toast nicht zureichen.
"Steh' auf, scheinheiliger Ketzer," herrschte der Hauptmann dem immer noch knienden Wirte zu; "steh' auf und hole uns Wein! siehst Du nicht, dass die Gläser leer sind?"
Und der Cornett warf ihm zum Beweise davon eins an den Kopf. Der Wirt eilte in den Keller.
"Dieser Mensch ist ein unverschämter Schuft," sagte Mergy, "aber Ihr hättet ihm doch mehr Übels, als Ihr gewollt, zufügen können, wenn ihn diese Flasche traf."
"Bah!" sagte der Cornett mit rohem Lachen.
"Der Kopf eines Papisten," bemerkte Mila, „ist härter als diese Flasche, obgleich noch leerer."
Das Lachen des Cornets steckte alle Zuhörer an und sogar Mergy, der indes mehr dem hübschen Munde der Zigeunerin, als ihrem grausamen Spott zulächelte.
Man brachte Wein, dann das Abendessen, und nach kurzem Stillschweigen fuhr der Hauptmann mit vollen Backen fort:
"Ob ich Herr v. Mergy gekannt habe! Er war Oberst des Fußvolks zur Zeit des ersten Feldzuges des Herrn Prinzen. Wir wohnten zwei ganze Monate in demselben Quartier während der ersten Belagerung von Orleans. Und wie befindet er sich jetzt?"
"Ziemlich gut für sein hohes Alter, Gott sei Dank! oft hat er mir von den Reitern erzählt und den schönen Angriffen, die sie in der Schlacht von Dreux machten."
"Auch seinen älteren Sohn ... Euren Bruder, den Hauptmann Georg, habe ich gekannt. Das heißt vor..."
Mergy chien verlegert.
"Es war ein gewaltiger Haudegen," fuhr der Hauptmann fort, "aber, Donner und Teufel! ein Hitzkopf. Es tut mir Leid um Euren Vater; dass derselbe seinen Glauben abschwur, musste ihm sehr wehe tun."
Mergy ward rot bis in's Weiße der Augen; er stotterte einige Worte zur Entschuldigung seines Bruders; aber unverkennbar beurteilte er ihn noch strenger, als der Reiterhauptmann.
"Ah, ich sehe, dass Euch das Kummer macht," sagte der Hauptmann; gut! schweigen wir davon. Es ist ein Verlust für die Religion und ein großer Gewinnst für den König, der, wie es heißt, ihn sehr ehrenvoll behandelt."
"Ihr kommt von Paris," unterbrach Mergy, in der Absicht, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben: "Ist der Admiral dort angekommen? Ihr habt ihn ohne Zweifel gesehen? wie befindet er sich dermalen?"
"Als wir abzogen, kam er mit dem Hof von Blois an; er befindet sich trefflich, frisch und stark. Er hat noch zwanzig Bürgerkriege im Magen, der teure Mann! Seine Majestät behandelt ihn mit so viel Auszeichnung, dass alle Papisten darob vor Ärger platzen möchten."
"Wirklich? nie wird der König sein Verdienst nach Gebühr zu erkennen im Stande sein."
"Denkt nur, gestern sah ich, wie der König auf der Treppe des Louvre dem Admiral die Hans drückte. Herr von Guise, der hinterher ging, sah so gottserbärmlich aus, wie ein gepeitschter Dachshund; und ich, was meint Ihr, dass ich dachte? Mir kam es vor als ob einer einen Löwen auf den Markt führte; er lässt ihn Patsch geben, wie einen Hund, aber obgleich Hanswurst zuversichtlich und freundlich tut, so vergisst er doch niemals, dass die Tasse, die er drückt, furchtbare Krallen hat. Ja, bei meinem Bart! man hätte sagen mögen, der König fühle die Krallen des Admirals."
"Der Admiral hat eine lange Hand," meinte der Cornett. (Es war dies ein bei der protestantischen Armee gebräuchliches Sprichwort.)
"Für sein Äster ist er ein recht schöner Mann," meinte Jungfer Mila.
"Ich möchte ihn lieber zum Schatz haben, als einen jungen Papisten," fiel Trudchen, die Freundin des Cornetts, ein.
"Er ist die Säule der Religion," sagte Mergy, der auch seinen Senf zu dem Lobe geben wollte.
"Ja, aber verteufelt streng im Punkte der Kriegszucht," sagte der Kapitän kopfschüttelnd. Sein Cornett blinzte ausdrucksvoll mit einem Auge und seine dicke Physiognomie verzog sich zu einem Zerrbild, das ein Lächeln vorstellen sollte.
"Ich erwartete nicht," sagte Mergy, "von einem alten Soldaten, wie Ihr, Hauptmann, dem Herrn Admiral über die genaue Kriegszucht, die er in seinem Heerlager hält, Vorwürfe machen zu hören."
"Ja freilich muss Ordnung sein; aber man darf auch den Soldaten bei all dem Ungemach, das er aussteht, nicht vergessen und ihm nicht verbieten, von dem guten Wetter, das ihm zufällig lächelt, Vorteil zu ziehen. Bah! jeder Mensch hat seine Fehler und wenn er mich gleich hat hängen lassen, so wollen wir doch auf die Gesundheit des Herrn Admirals trinken."
"Der Admiral hat Euch hängen lassen?" rief Mergy, "Ihr seid sehr gesund für einen Gehenkten."
"Ja! Sacrement! Er hat mich hängen lassen; aber ich bin nicht rachsüchtig, darum trinken wir auf seine Gesundheit!"
Noch bevor Mergy weiter fragen konnte, hatte der Hauptmann alle Gläser gefüllt, seinen 'Hut gezogen und seinen Reitern ein dreimaliges Hurrah auszustoßen befohlen. Nach Leerung der Gläser und Stillung des Tumultes fuhr Mergy fort:
"Warum seid Ihr denn gehenkt worden, Hauptmann?"
"Um eine Kleinigkeit: die Plünderung eines armseligen Klosters in der Provinz Saintonge, das beiläufig in Flammen aufging."
"Ja, aber nicht alle Mönche waren herausgegangen," unterbrach mit dem grellen Lachen des grausamsten Hohns der Cornett.
"Ei was liegt daran, ob eine solche Canaille etwas früher oder später brennt? Jedennoch, könntet Ihr's glauben, Herr v. Mergy? geriet der Admiral in schrecklichen Zorn; er ließ mich verhaften und ohne weitere Zeremonien warf sein Großprofos sein Halfter über mich. Da baten ihn alle Kavaliere und Edelherrn seiner Umgebung, sogar Herr v. La Noue, der wie man weiß, nicht gar zärtlich für den Soldaten ist, und alle Hauptleute um Gnade für mich, er, aber schlug es rund ab. Mordelement! was der wütend war! er zerbiß seinen Zahnstocher vor Grimm; und Ihr kennet ja das Sprichwort: Gott behüte uns vor den Paternostern des Herrn V. Montmorency und dem Zahnstocher des Herrn Admiral! "Gott verzeihe mir's," rief er, "man muss die Mordbrennerei ausrotten, so lange sie noch ein Kind ist; fassen wir sie zur großen Dame werden, so wird sie uns erwürgen! Mittlerweile kommt der Prediger mit seinem Buch unter dem Arm; man führt uns unter eine gewisse Eiche.... mir däucht, ich sehe sie noch, mit ihrem vorgestreckten Ast, der ausdrücklich zu diesem Zweck hervorgeschossen zu sein schien; man legt mir den Strick um den Hals .... so oft ich an diesen Strick denke, wird meine Gurgel trocken wie Zunder."
"Hier ist etwas zum Anfeuchten," sagte Mila, und füllte des Erzählers Glas bis zum Rand.
Der Kapitän leerte es mit Einem Zug und fuhr fort:
"Schon betrachtete ich mich für nichts mehr, noch minder als eine Eichel, als es mir beiging, zu dem Admiral zu sagen:
"Ei! gnädigster Herr, henkt man so den Mann, der die verlorenen Kinder bei Dreux kommandiert hat?" Ich sah ihn seinen Zahnstocher ausspucken und einen neuen nehmen. Das ist, dachte ich, ein gutes Zeichen. Er rief dem Hauptmann Carmier und redete leise mit ihm, dann sagte er zum Prosoß: "Mache vorwärts, hinauf mit ihm!" dann drehte er sich um. Man zog mich, mir nichts dir nichts, in die Höhe, aber der wackere Carmier zog den Degen und fuhr augenblicklich durch die Schnur, dass ich von meinem Aste fiel, so rot wie ein gesottener Krebs."
"Ich bringe Euch meinen Glückwunsch," sagte Mergy, "dass Ihr so guten Kaufs davon kamet."
Dabei betrachtete er den Hauptmann mit Aufmerksamkeit und schien sich unbehaglich zu fühlen in der Gesellschaft eines Mannes, welcher mit Fug und Recht den Galgen verdient hatte; doch waren in jener unglücklichen Zeit die Verbrechen so gäng und gebe, dass man sie nicht mit derselben Strenge, wie heut zu Tage, beurteilen durfte. Die Grausamkeiten einer Partei ermächtigten einigermaßen zu Repressalien, und Religionshass erstickte fast jedes Gefühl der Nationalsympathie. Zudem, um aufrichtig zu sein, flößten ihm die geheimen Lockungen der Jungfer Mila, welche er sehr hübsch zu finden begann und die Dünste des Weins, der auf sein junges Gehirn stärker wirkte, als auf die harten Reiterschädel, in diesem Augenblick eine außerordentliche Nachsicht für seine Tischgenossen ein.
"Ich habe den Hauptmann acht Tage lang in einem bedeckten Wagen verborgen," sagte Mila, "und nur Nachts herausgehen lassen."
"Und ich," setzte Trudchen bei, "brachte ihm zu essen und zu trinken: er kann es selbst bezeugen."
"Der Admiral stellte sich sehr zornig gegen Carmier; das war aber nur eine angelegte Comödie zwischen Beiden. Ich meinerseits folgte der Armee lange, ohne dass ich mich dem Admiral zu zeigen wagte; endlich, bei der Belagerung von Langeac, entdeckte er mich in einem Laufgraben und sagte zu mir: 'Dietrich, mein Freund, da Du nicht gehenkt worden bist, so lass Dich erschießen. Dabei zeigte er mir die Bresche; ich begriff, was er sagen wollte, lief tapfer Sturm, und trat ihm am andern Tag auf offener Straße entgegen, meinen durchlöcherten Hut in der Hand haltend.-'Gnädigster Herr,' redete ich ihn an, ich bin erschossen worden, wie ich gehenkt ward!' er lächelte mir zu und gab mir seine Börse mit den Worten: Da, lauf Dir einen neuen! - Seit der Zeit sind wir immer gute Freunde gewesen. Ah! was war diese Stadt Langeac ein fetter Bissen! wenn ich nur daran denke, gerinnt mir das Wasser im Munde!"
"Ah! welch schöne Seidenstoffe!" rief Mila.
Welche Menge schöner Leinwand!" rief Trudchen.
"Wie haben wir uns bei den Nonnen des großen Klosters erlustiert!" sagte der Cornett. "Zweihundert berittene Arkebusiere im Quartier bei hundert Nonnen! ..."
"Mehr als zwanzig derselben schwuren das Papstthum ab," bemerkte Mila, "o sehr fanden sie die Hugenotten nach ihrem Geschmack."
"Hier," schrie der Kapitän, "musste man unsere leichten Reiter sehen, wie sie mit dem Messgewand auf dem Rücken zur Schwemme ritten; unsere Gäule fraßen Haber auf dem Altar und wir soffen den Firnewein der Pfaffen aus ihren silbernen Kelchen!"
Er drehte den Kopf um Trank zu fordern, und sah den Gastwirt mit gefalteten Händen und zum Himmel gerichteten Augen, worin sich ein unbeschreiblicher Ausdruck des Entsetzens malte.
"Schwachkopf!" sagte der tapfere Dietrich Hornstein achselzuckend. "Wie kann es doch einen so dummen Menschen geben, der an alle die Abgeschmacktheiten glaubt, welche die Papsteinpfaffen auftischen! Denkt nur, Herr v. Mergy, in der Schlacht von Montcontour tötete ich mit einem Pistolenschuss einen Edelmann des Herzogs von Anjou; als ich ihm seinen Roller auszog, was meint Ihr, dass ich auf seinem Magen fand? Ein groß Stück Seide, ganz voll von Heiligen-Namen; er wähnte sich damit vor den Kugeln zu schützen. Ich bewies ihm, dass es kein Scapulier gibt, durch welches eine protestantische Kugel nicht führe."
"Ja Scapuliere, das lass ich gelten," unterbrach der Cornett; "aber bei mir zu Hause verkauft man Pergamente, welche vor Blei und Eisen bewahren."
"Ich würde doch einen gut geschmiedeten Stahlharnisch vorziehen," sagte Mergy, "wie sie Jakob Leschot macht, in den Niederlanden."
"Hört doch," fiel der Hauptmann ein, "man darf nicht leugnen, dass man sich fest machen kann; ich, wie ich mit Euch spreche, habe einen Edelmann bei Dreux gesehen, der von einer Kugel mitten auf die Brust getroffen ward; derselbe aber kannte die Salbe, womit man sich fest macht, und hatte sich unter seinem Büffelwams damit eingeschmiert; gut! nicht einmal das schwarz-rote Mal einer Quetschung fand man nachher auf seinem Leib."
"Aber glaubt Ihr nicht lieber, dass die Büffelhaut, wovon Ihr geredet, hinreichte, die Kugel zu entkräften?"
"O! Ihr Franzosen, Ihr wollt an gar nichts glauben. Aber was wolltet Ihr sagen, wenn Ihr, so wie ich, gesehen hättet, dass ein schlesischer Landsknecht seine Hand auf einen Tisch legte und kein Mensch dieselbe mit Messerstößen durchbohren konnte? Doch Ihr lacht und haltet das für unmöglich? fragt nur Mila. Betrachtet einmal diese Dirne! sie kommt aus einem Land, wo die Hexenmeister so gemein sind, wie die Mönche in diesem; sie könnte Euch schauerliche Geschichten erzählen. Zuweilen in den langen Herbstabenden, wenn wir unter freien Himmel um das Feuer sitzen, sträuben sich mir die Haare auf dem Kopf über die Abenteuer, die sie zum Besten gibt."
"Ich wäre entzückt eines davon zu hören," sagte Mergy; "schöne Mila tut mir den Gefallen."
"Ja, Mila," fuhr der Kapitän fort, "erzähl' uns eine Geschichte, derweil wir diese Flaschen vollends leeren."
"Hört, also," begann Mila, "und Ihr, mein junger Edelmann, der an nichts glaubt, möget dann Euren Zweifel, wenn's Euch beliebt, für Euch allein behalten."
"Wie könnt Ihr behaupten, dass ich an nichts glaube?" antwortete ihr Mergy mit leiser Stimme; "mein Wort darauf, ich glaube, dass Ihr mich behext habt, denn ich bin bereits zum Sterben verliebt in Euch."
Mila stieß ihn sanft zurück, denn Mergy’s Mund berührte fast ihre Wange; und nachdem sie rechts und links einen verstohlenen Blick geworfen hatte, um sich von der allgemeinen Aufmerksamkeit zu versichern, begann sie folgender Weise:
"Hauptmann, Ihr waret gewiß in Hameln?"
"Niemals."
"Und Ihr, Cornett?"
"Ich auch nicht."
"Wie! werde ich denn Niemand finden, der in Hameln gewesen ist?"
"Ich war ein Jahr lang dort," sagte ein Reiter vortretend.
"Gut, Fritz! Du hast die Kirche in Hameln gesehen?"
"Mehr als hundertmal."
"Und ihre buntfarbigen Scheiben?"
"Das will ich meinen."
"Und was war auf diesen Scheiben gemalt?"
"Auf diesen Scheiben? ... Auf dem Fenster links ist, glaube ich, ein großer schwarzer Mann, der Flöte spielt, und kleine Kinder, die ihm nachlaufen."
"Richtig. Wohlan! Ihr sollt die Geschichte dieses schwarzen Mannes und seiner Kinder von mir erfahren."
Es sind lange Jahre her, dass die Leute von Hameln durch eine unzählige Menge Ratten gequält wurden, welche in so dichten Haufen vom Norden kamen, dass die Erde davon ganz schwarz wurde, und kein Fuhrmann es gewagt hätte, mit seinen Pferden über einen Weg, wo diese Tiere liefen, hinzufahren. Im Nu war Alles rattekahl genagt; und wenn diese Ratten in einen Speicher fielen, so brauchten sie nicht mehr Umstände, einen Walter Waizen zu fressen, als ich, ein Glas dieses guten Weins zu trinken."
Sie trank, wischte sich den Mund und fuhr fort:
"Fallen, Schlingen, Gift, Alles war vergeblich. Von Bremen hatte man ein mit elfhundert Ratzen beladenes Schiff kommen lassen; unnütze Mühe! Für tausend, die man umbrachte, kamen zehntausend noch hungriger wieder. Kurz, wäre nicht Hilfe gegen diese Plage erschienen, so mussten alle Einwohner Hamelns Hunger sterben, denn kein Körnlein Getraide wäre von den hässlichen Gästen verschont geblieben. Doch an einem gewissen Freitag trat vor den Bürgermeister der Stadt ein großer, vermitterter, dürrer Mann mit großen Augen und sperringelweitem Maul, das von einem Ohr zum andern reichte, angetan mit rotem Wamms, spitzigem Hut, weiten, mit Bändern besetzten Hosen, grauen Strümpfen und Schuhen mit feuerfarbigen Maschen. Mit ist, als sähe ich ihn noch vor mir."
Unwillkürlich wandten sich alle Augen nach der Mauer, auf welche Mila hinstarrte.
"Ihr habt ihn also gesehen?" fragte Mergy.
"Nicht ich, sondern meine Großmutter; und sie erinnerte sich seines Gesichtes so deutlich, dass sie ihn hätte aus dem Kopf malen können."
"Und was sagte er zu dem Bürgermeister?"
"Er machte ihm das Anerbieten, gegen eine Belohnung von hundert Dukaten die Stadt von der verheerenden Geißel zu befreien. Ihr könnte Euch denken, dass der Bürgermeister und die Bürger sogleich einschlugen. Da zog der Fremdling alsbald eine metallene Flöte aus seinem Sack, und nachdem er sich auf dem Marktplatz, vor der Kirche, aber, wohlgemerkt! ihr den Rücken kehrend, aufgepflanzt hatte, begann er eine seltsame Weise zu spielen, wie nie ein deutscher Flötenspieler auf eine verfallen ist. Raum hörten die Mäuse und Ratten diese Melodie, als sie von allen Dachböden, allen Mauerlöchern, allen Sparren und Ziegeln der Dächer hervor hundert-, tausendweise zu ihm herbeiliefen. Der Fremdling ging, immer flötend, zur Weser hin; dort zog er seine Schuhe aus und stieg ins Wasser; ihm nach alle Ratten von Hameln, welche sogleich ersoffen. Nur eine blieb in der ganzen Stadt, und Ihr sollt gleich sehen, warum. Der Zauberer, denn ein solcher war es, fragte eine Nachzüglerin, die noch nicht in die Weser gegangen war, warum Klaus, die weiße Ratte, noch nicht gekommen sei. Herr, antwortete die Ratte, sie ist so alt, dass sie nicht mehr gehen kann. Hole sie also selbst, erwiderte der Zauberer. Stracks lief die Ratte zurück nach der Stadt und kam bald mit einer alten, dicken, weißen Ratte wieder, die so alt, so alt war, dass sie sich nicht mehr fortzuschleppen vermochte. Die beiden Ratten, die alte von der jungen am Schwanz gezogen, gingen nun auch in die Weser und ersoffen, wie die übrigen. So wurde die Stadt von ihnen gereinigt. Aber als der Fremdling auf dem Mathhause erschien, um den versprochenen Lohn zu holen, da bedachten der Bürgermeister und die Bürger, dass sie jetzt nichts mehr von den Ratten zu fürchten hätten, und boten ihm, in der Überzeugung, mit einem schutzlosen Manne leichtes Spiel zu haben, ohne Schamgefühl statt der versprochenen hundert Dukaten zehn an. Der Fremdling machte Gegenvorstellungen; man blies dieselben über ein Haus hinaus. Darauf drohte er, sich noch viel teurer bezahlen zu lassen, wenn man den Vertrag nicht buchstäblich erfülle. Die Bürger brachen über diese Drohung in ein schallendes Gelächter aus und warfen ihn vor das Thor des Rathauses, ihn einen alten Rattenfänger schimpfend. Die Kinder der Stadt griffen dieses Schimpfwort auf und verfolgten ihn damit durch die Straßen bis zum Neuthor. Am folgenden Freitage erschien der Fremde wieder auf dem Marktplatz, aber diesmal mit einem purpurner, ganz wunderlich aufgestutzten Hut. Aus seinem Sack zog er eine von der ersten ganz verschiedene Flöte; und sobald er darauf zu spielen angefangen, folgten ihm alle Knaben der Stadt vom sechsten bis zum vierzehnten Jahr und gingen aus dem Thor mit ihm."
"Und die Einwohner von Hameln ließen sie fortführen?" fragten Mergy und der Hauptmann zugleich.
"Sie liefen ihnen nach bis zum Koppenberg, an eine Höhle, die jetzt verstopft ist. Der Flötenspieler trat in die Höhle und alle Kinder mit ihm. Eine Zeitlang hörte man den Flötenton; allmählich wurde er schwächer; endlich hörte man gar nichts mehr. Die Kinder waren verschwunden, und seitdem hat man keine Kunde von denselben erhalten."
Die Zigeunerin hielt ein, um den Eindruck in den Gesichtern der Zuhörer zu beobachten, welche ihre Erzählung auf sie hervorgebracht.
Da nahm der Reiter, welcher in Hameln gewesen war, das Wort und sagte: "Diese Geschichte ist so wahr, dass, wenn man in Hameln von etwas Merkwürdigem reden will, man zu sagen pflegt: dies und das ist geschehen zwanzig Jahre, zehn Jahre nach dem Auszug unserer Kinder ... Der Herr v. Falkenstein hat unsere Stadt sechzig Jahre nach dem Auszug unserer Kinder geplündert."
"Aber das Merkwürdigste," fiel Mila ein, "ist, dass um dieselbe Zeit, weit von da, in Siebenbürgen, gewisse Kinder erschienen, die deutsch redeten und nicht sagen konnten, woher sie kamen. Die verheirateten sich in dem Land und lehrten ihre Kinder ihre Sprache, daher es kommt, dass man bis auf diesen Tag in Sibenbürgen deutsch redet."
"Und es sind die Kinder von Hameln, die der Teufel Dorthin versetzt hat?" fragte Mergy lächelnd.
"Ich rufe den Himmel zum Zeugen, dass das wahr ist," rief der Hauptmann, "denn ich bin in Siebenbürgen gewesen und weiß gar wohl, dass man dort deutsch redet, während man rund ums her ein höllisches Kauderwälsch baladert."
Das Zeugnis des Hauptmanns mochte so viel gelten, als manche andere Beweise.
"Soll ich Euch Euer Glück weissagen?" fragte Mila Herrn v. Mergy.
"Gerne," antwortete Mergy, seinen linken Arm um die Hüfte der Zigeunerin schlingend, während er ihr die offene Rechte hinreichte.
Mila betrachtete dieselbe mehrere Minuten lang stumm, von Zeit zu Zeit nachdenklich den Kopf schüttelnd.
"Nun! mein schönes Kind, wird die, die ich lieb habe, mein werden?"
Mila gab ihm einen Klaps auf die Hand. "Glück und Unglück," sagte sie; "blaue Augen tun wohl und wehe. Das Schlimmste ist, dass Du Dein eigenes Blut vergießen wirst."
Der Hauptmann und Cornett schwiegen stille, beide sichtlich bewegt von dem unheilverkündenden Ausgang dieser Prophezeiung.
Der Gastwirt schlug ins Geheim große Kreuze.
"Ich werde glauben, dass Du in der Tat eine Zauberin bist," sagte Mergy, "wenn Du mir sagen kannst, was ich zu tun m Begriff bin."
"Du wirst mich küssen," flüsterte ihm die Zigeunerin ins Ohr.
"Sie ist eine Zauberin!" rief Mergy, sie umschlingend. Er fuhr fort, sich leise mit der schönen Prophetin zu unterhalten, und ihr gutes Einvernehmen schien mehr und mehr zu wachsen.
Trudchen ergriff eine Art Zither, welche noch fast alle Saiten hatte, und nahm einen deutschen Marsch zum Vorspiel. Dann sang sie, als sie einen Kreis von Soldaten um sich sah, in ihrer Sprache ein Kriegslied, in dessen Refrain die Reiter wie rasend einfielen. Von ihrem Beispiel aufgemuntert, begann der Hauptmann mit einer Stimme, von der die Gläser zerspringen konnten, ein altes hugenottisches Kriegslied zu fingen, dessen Musik mindestens eben so barbarisch war, als der Text:
"Der Prinz von Condé,
"Der liegt im Grunde;
"Herr Admiral jedoch
"sitzt noch zu Rosse hoch,
"mit Rochefoucauld im Bund,
"jagt die Papsteinhund',
"Hund', Hund', Hund', Hund."
Alle Reiter, vom Wein erhitzt, huben jeßt, jeder eine andere Melodie zu singen an. Schüsseln und Flaschen bedeckten mit ihren Trümmern den Fußboden; die Küche widerhallte von Flüchen, Gelächter und Saufliedern. Bald jedoch ließ der Schlaf, begünstigt von dem Dunst des Orleans-Weines, die Mehrzahl der Helden dieser bacchantischen Szene seine Macht fühlen. Die Soldaten warfen sich auf die Bänke. Der Cornett, nachdem er zwei Schildwachen vor die Türe gestellt, schleppte sich wankend nach seinem Lager hin; der Hauptmann, welcher noch so viel Tastsinn beibehalten, um in gerader Linie zu marschieren, stieg, ohne zu lavieren, die Treppe in das Zimmer des Wirtes hinauf, das er, als das beste der Herberge, für sich gewählt hatte.
Und Mergy und die Zigeunerin? Noch vor dem Gesang des Hauptmanns waren beide miteinander verschwunden.
Es war schon lange hoher Tag, als Mergy aufwachte. Die Vorgänge des gestrigen Abends waren in seinem Kopfe noch keineswegs verdämmert. Seine Kleider lagen zerstreut in der Stube umher und sein Mantelsack gähnte offen am Boden. Sich aufrichtend, betrachtete er eine Weile diese Szene der Verwirrung, indem er sich die Augen rieb, um seine Gedanken zu sammeln. Seine Züge drückten zugleich Ermüdung, Erstaunen und Unruhe aus.
Ein schwerer Schritt machte sich auf der Steintreppe, die in feine Stube führte, vernehmlich. Ohne dass man sich anzuklopfen die Mühe genommen hatte, ging die Türe auf, und herein trat der Wirt mit noch saurerem Gesicht, als Tags zuvor; aber in seinen Blicken ließ sich die Unverschämtheit, welche an die Stelle der Furcht getreten war, ohne Mühe lesen.
Er warf einen Blick auf die Stube und bekreuzte sich, als wäre er durch solchen Wirrwarr von Entsetzen ergriffen.
"Ei, ei! mein junger Edelmann," rief er, "noch im Bette? Nur aufgestanden, denn wir müssen mit einander rechnen."
Mergy setzte einen Fuß aus dem Bette und gähnte erstaunlich dazu: "Woher," fragte er, "all' diese Unordnung? Warum ist mein Mantelsack offen?" und gebärdete sich dabei wenigstens eben so ärgerlich, als sein Wirt.
"Warum? Warum?" erwiderte dieser; "was weiß ich das von? Ich werde mich wohl um Euren Mantelsack bekümmern? Ihr habt mein Haus, in eine noch viel ärgere Unordnung gebracht! aber bei St. Gustach, meinem guten Schutzpatron, Ihr werdet mir's bezahlen."
Derweil er sprach, zog Mergy seine scharlachenen Beinkleider an, und durch eine Bewegung, die er machte, fiel seine Börse aus der offenen Tasche. Der Klang, den sie von sich gab, musste ein ganz anderer sein, als der, den er erwartete, denn er hob sie sogleich mit Bestürzung auf und untersuchte sie.
"Man hat mich bestohlen!" rief er aus, sich zum Gastwirt wendend.
Statt der zwanzig Goldtaler, die darin gewesen, fand er nur noch zwei.
Meister Eustach zuckte die Achseln und lächelte verächtlich.
"Man hat mich bestohlen," wiederholte Mergy, rasch seinen Gürtel schnallend. "Ich hatte zwanzig Goldtaler in dieser Börse, und fordere dieselben zurück: In Eurem Hause hat man mir sie genommen."
"Bei meinem Bart! das freut mich," entgegnete beleidigend der Wirt; "das wird Euch lehren künftig vor Hexen und Diebinnen auf Eurer Hut zu sein. Doch," fügte er leiser bei, "Gleich und Gleich gesellt sich gern. All dieses Galgenfutter, Ketzer, Hexen und Diebe sind ein Kuchen und Muss."
"Was sagtest Du, Kröte?" schrie Mergy um so zorniger, als er die innere Wahrheit des Vorwurfs fühlte, und ergriff, wie jeder Unrechthabende, die Gelegenheit zum Streit bei den Haaren.
