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1949 wird der Arzt Julius Brunner der gewerbsmäßigen Abtreibung angeklagt. Er hat es als seine Lebensaufgabe betrachtet, anderen Menschen zu helfen. Auch der jungen Kellnerin, die schwanger wurde von einem Mann, der längst mit einer anderen verlobt war. Mit 74 Jahren muss Julius Brunner monatelang zur Abklärung in die Heilanstalt und rettet sich dort mit imaginären Fahrten in einem Heißluftballon und mit Abenteuergeschichten, die er für seine Enkelin erfindet. Verena Stefan hat einen berührenden und humorvollen Roman über ihren Großvater geschrieben. Gestützt auf ihre Erinnerung sowie Originalzitate der Justiz und Psychiatrie, erzählt sie von seinem ungewöhnlichen Leben und ihrer wunderbaren Zuneigung.
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Seitenzahl: 282
Veröffentlichungsjahr: 2014
Nagel & Kimche E-Book
Verena Stefan
DIE BEFRAGUNG DER ZEIT
Roman
Nagel & Kimche
Der Verlag dankt
für die freundliche Unterstützung
© 2014 Nagel & Kimche
im Carl Hanser Verlag München
Umschlaggestaltung: David Hauptmann, Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich, unter Verwendung eines Fotos von © plainpicture/Design Pics
Herstellung: Andrea Mogwitz und Rainald Schwarz
Satz: Gaby Michel, Hamburg
Druck und Bindung: Friedrich Pustet
ISBN 978-3-312-00622-9
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Kreutzfeldt digital, Hamburg
Das Sein verstimmt das Bewusstsein.
Graffiti in Berlin
Licht braucht Zeit.
Jürgen Neffe:
Einstein. Eine Biographie
Die Welt ist blaugrün.
Sie stehen zwischen den Apfelbäumen in der Obstwiese und schauen in den Himmel hinauf. Das Summen der Bienen zittert in der Luft.
Mein Herz ist viel zu groß geworden, sagt der Großvater. Hoffentlich wird der Sommer nicht wieder so unsinnig heiß.
Rosa versucht blinzelnd, die Augen gegen die Sonne offen zu halten, dann lässt sie sie wieder zufallen.
Wenn er den Atem einzieht, hört sie es pfeifen. Manchmal nimmt er zwei-, dreimal Anlauf, um Atem zu holen, dann pfeift er keuchend. Er kann nicht mehr gleichzeitig sprechen und atmen, nur noch separat. Wenn er atmet, spricht er nicht, wenn er spricht, beginnt er zu rasseln.
Vormittags darf sie schnell zum Grüßen ins Parterre hinunter. Das Radio spielt Handorgelmusik, Großmutter Lina hält die hölzerne Kaffeemühle zwischen den Knien und mahlt Kaffee, Julius schreit durch die offene Schlafzimmertür: Himmelherrgottzuckerbäcker! Wo sind meine Manschettenknöpfe!
Wo du sie hingelegt hast!, schreit Lina und dreht die Kurbel der Kaffeemühle weiter.
Der Großvater braucht lange, bis er angezogen ist, immer tadellos, sagt Rosas Vater, eine abgetragene hellgraue Anzugshose, die dazupassende Jacke, ein weißes Hemd und polierte schwarze Halbschuhe. Nur eine Krawatte trägt er nicht mehr, und nachmittags, wenn er die Jacke auszieht, kommen Hosenträger zum Vorschein, die die Hose an ihm festhalten. Am Bund steht sie ein wenig ab, als stünde sie um ihn herum.
Enger geht es nicht, sagt er, und mit Gürtel schon gar nicht. Nichts, was drücken könnte. Nachts muss er aufstehen und umhergehen oder auf dem grünen Kanapee sitzen, weil er im Liegen nicht schlafen kann.
Rosa öffnet die Augen und schaut in den Schaum der Apfelblüten hoch, die das Sonnenlicht filtern. Es mischt sich in der Wärme mit ihrem Duft, dem Summen der Bienen und breitet sich in ihr aus.
Die Welt ist blaugrün, wiederholt er.
Sie greift mit beiden Händen nach seiner Hand und zieht daran. Dieser Tag ist ein Bilderbuch, in dem der Sommerwind eine Seite umblättert. Die Welt hat zu ihrem Zentrum zurückgefunden, sie ist blau und grün.
Das schönste Blumenbouquet, so ein blühender Apfelbaum!
Der Großvater seufzt tief auf, dann beginnt er zu rasseln. Ein Pfropf sitzt in seiner Kehle, hastig zieht er ein großes, weißes Taschentuch aus der Hosentasche und spuckt hinein. Rosa beginnt es im Hals zu würgen.
Tut mir leid, sagt er zu ihr, das ist nicht schön, ich weiß. Meine Lungen sind voll Schleim. Er schaut auf ihren weißblonden Schopf hinab. Das fisselige Haar fliegt nach allen Seiten auseinander.
Wo wäre er besser aufgehoben als in einer Löwenzahnwiese unter blühenden Apfelbäumen? Er hat den Winter überlebt, vielleicht wird ihm auch noch ein Sommer vergönnt sein.
Rosa hält sich an ihn, sein Name steht auf einem goldenen Schild neben der Haustür. Das Haus ist groß genug, um für alle Platz zu bieten, ihre Großeltern, Eltern und Frieder, ihren Bruder. Siebzehn Türen kann sie aufschieben, aus einundzwanzig Fenstern schauen, vier Treppen auf- und abstapfen. Man weiß nie, woher der Wind weht.
Der Wind ist eine große Macht.
Der Großvater fasst sich mit beiden Händen an die Seiten und holt tief Luft.
Der Wind ballt die Luftmassen zusammen und zieht sie wieder auseinander, er schiebt Wolken am ganzen Himmel umher, schüttelt sie, beutelt sie, so groß ist seine Macht. Wenn man die Winde kennt, weiß man einen Weg.
Wenn sie draußen sind, spricht er über die Luft und die Fahrt im Ballon. Nachts sei es am schönsten, am allerschönsten zwischen Tag und Nacht. Der Ballon sei so groß gewesen wie ihr Haus, eine riesige, prallgefüllte Kugel. Dreißig Männer seien nötig gewesen, um die Seile zu lösen, damit der Ballon in den Himmel aufsteigen konnte.
Wie ein Höhenfeuer!, sagt er, wenn die Sonne untergeht, flammt der Himmel wie ein Höhenfeuer auf. Bevor die Farben ganz verlöschen, taucht sie alles in Gold. Dann sinkt sie unter den Horizont. Weit unten sieht man glitzernde Streifen und Schlangenlinien von Flüssen und Kanälen. Die abertausend Lichter in den Dörfern und Städten funkeln, als sei auch die Erde, nicht nur der Himmel mit Sternen bestickt.
Der Großvater ist groß und schwer, aber er tritt langsam und vorsichtig auf, als habe er sich einen Splitter in den Fuß getreten. Außer seinem Herzen gibt es noch etwas in ihm, was zu groß ist. Es drückt alles zur Seite. In Frieders Aquarium lebt ein Räuberfisch, der alle kleinen Fische aufgefressen hat. Jetzt schwimmt er allein im Leeren umher und starrt einen mit seinen Glubschaugen an.
Rosa zieht Julius an der Hand. Ist es leer oder schwer?, fragt sie.
Wie meinst du das?
Innen drin.
Er bleibt stehen, um Luft zu holen, dann neigt er seinen Oberkörper nach vorn, um ihr in die Augen sehen zu können.
Schwer, sagt er nach einer Weile, sehr schwer. Man müsste lernen, rechtzeitig Ballast abzuwerfen.
In Rosas Universum ist alles Kind wie sie, Grün und Blau, der Himmel, das Wasser, die Luft und ein alter Mann, der kaum noch Luft bekommt. Selten sagt sie Großvater zu ihm. Als Julius nimmt sie ihn unter ihre Fittiche, ein Erwachsener, den die anderen in ihre Richtung schieben, eine Mischung aus Mensch und einem Tier, das sie nicht haben darf. Ihre Eltern wollen nichts von Hunden und Katzen wissen, um die sie sich kümmern müssten.
Seit langem wünscht sie sich ein Geschöpf, das in ihre Obhut gehört, etwas, das sie allein hat, niemand sonst in der Familie. Die Eltern und Frieder haben den Krieg, Frieder hat außerdem Albträume.
Julius ist gleichzeitig erwachsen und anhänglich. Mit ihm gibt es keinen Streit darüber, wem was gehört, wer etwas besser weiß, wie man etwas tut, wer wem gehorchen muss. Er gehört ihr mehr als Vater und Mutter, ein anderes Kind oder eine Puppe. Puppen sind ihr langweilig geworden, seit er wieder da ist und ihre Gesellschaft braucht. Er sucht nach ihr, um Zeit mit ihr zu verbringen, mit ihr zu plaudern und ihr zuzuhören.
Sie ist die Einzige im Haus, die nicht betreten an ihm vorbeisieht, sich nicht seinetwegen schlaflos durch die Nacht wälzt.
Der Umgang mit ihm ändert ihr Verhältnis zu den andern Erwachsenen. Ohne dass jemand sagen kann, wie es dazu gekommen ist, macht Rosa es sich zur Gewohnheit, die Erwachsenen ihrer Familie beim Vornamen zu nennen. Ihre Mutter bemerkt hin und wieder seufzend, sie würde es vorziehen, wenn Rosa Mama statt Alice zu ihr sagte, worauf sich Rosa einige Tage lang bemüht, dies zu tun, weil sie das Gefühl hat, ihrer Mutter etwas wegzunehmen, obwohl sie nicht weiß, was es ist. Über kurz oder lang vergisst sie es jedoch wieder.
Wenn ich groß bin, fliegen wir zusammen im Ballon, und du wirst wieder gesund!, ruft sie Julius zu.
Er lacht. Wenn du groß bist, werde ich nicht mehr da sein. Man lebt nicht ewig.
Alice steht auf der Terrasse im ersten Stock und schaut in den Garten hinab. Die Obstwiese dahinter leuchtet ihr als schneeiges Blütenmeer entgegen, eine Verheißung, als könnten an so einem Tag alle noch einmal von vorn anfangen oder, was ihren Vater betraf, Dinge ungeschehen machen.
Rosa kümmert sich rührend um ihn, sie hat ihre Rolle perfekt begriffen. Was für ein herzerwärmendes Bild die beiden darstellen; Lebensanfang und Lebensende in einer Obstwiese, ein allerliebstes Motiv! Am liebsten würde sie sich mit dem Fotoapparat anschleichen, aber sie will nicht stören.
Nach dem Test geht er im Garten der Anstalt spazieren. Nachmittags sieht man ihn öfter die Kieswege entlanggehen. Ein Wärter läuft hinter dem blöden Walter her, der eine Schubkarre ergattert hat und im Rückwärtsgang schreiend im Hof umhermanövriert, ein junger Kerl, der die Zunge aus dem Mund hängen lässt und sabbert. Ein paarmal sieht der alte Brunner sich um, als könne ihn jemand beobachten, Nachbarn oder einer seiner Stammtischbrüder, die ihn hier sehen würden, ihren Dorfarzt, von Mauern und Idioten umgeben. Was hat er hier unter Tollhäuslern, die lallend und gestikulierend umhertrotten, verloren? Langsam geht er bis zu den Kastanien am andern Ende des Gartens, wo niemand sitzt. Zum Kartenspielen hat er heute keine Lust.
Die rote Katze ist wieder da und streicht um seine Beine. Er lässt sich in einem Korbstuhl nieder, um sie auf den Schoß zu nehmen. Seit Tagen hängt eine satte Spätsommerwärme zwischen den Bäumen, der er nachmittags den Rücken hinhalten kann, ohne wie in den Wochen davor unter der Bruthitze zu leiden. Der Brief, den ihm der Pfleger nach dem Mittagessen ausgehändigt hat, knistert in seiner Jackentasche; er zieht das Kuvert hervor und öffnet es. Eine kurze Mitteilung seiner Tochter Alice, sie habe für Sonntag mit Lina und Rosa eine Besuchsbewilligung bekommen.
Nachts hat er vom Meer geträumt. Stunde um Stunde fuhr er mit der Bahn durch fremde Länder, dann durch Tunnel, bis auf einmal das Meer vor ihm lag, so wie sich der Genfersee vor ihm ausbreitete, wenn er auf der Fahrt von Bern nach Lausanne aus dem Tunnel hinausfuhr. Mit einem Seufzer nahm er die weit geöffnete Landschaft in sich auf, als der Zug abrupt bremste, so dass er mit einem Ruck nach vorne flog und im Sitzpolster gegenüber aufprallte. Von fern hörte er, wie der Kondukteur vorbeiging und mit monotoner Stimme: Lokomotivschaden! Lokomotivschaden! rief, als sein Waggon zur Seite kippte. Im Fenster schräg über ihm bewegte der Wind die Blätter der Weinstöcke vor einem leuchtend blauen Himmel hin und her. Von Licht durchdrungen, hoben und senkten sie sich, während sein Herz im ohrenbetäubenden Rumpeln des Zuges holperte und raste, aussetzte und wieder zu holpern anfing, brüchig gewordenes Leder, falsch behandelt, ein Muskel, der nicht mehr fähig war, einen Todesschrecken elastisch zu verkraften, bis es in eine Stille hineinfiel, in der selbst das Wort Sterben fehlte, so unermesslich schwarz, weich und formlos umfing sie ihn.
Alle Organe, sein ganzes Blut wurden aus dem Körper herausgepresst. Er schaukelte wie eine Blase im Wind. Eine Leere begann sich in ihm auszubreiten und zog ihn in eine noch entleertere Leere hinab, als müsste er wieder und wieder das Bewusstsein verlieren, bis er ohne Mühe ruhig und gleichmäßig atmen konnte. Als sich in seinem Innern die Frage zu formen begann, wie oft er das Bewusstsein verlieren müsste, um Frieden zu finden, schoss das Blut dröhnend in seine Adern zurück; mit einem Ruck wachte er im Traum auf und saß im Sand. Vor ihm lag das Meer. Jetzt, wo er zu schwach war, um schwimmen zu gehen, hätte er gerne einfach am Meer gesessen, um zu sehen, was das sei, das Meer.
Ein Test, sagt der Psychiater, er solle assoziieren.
Julius Brunner hat dieses Frage- und Antwortspiel mitgemacht, eine der rätselhaften Prozeduren der Anstalt. Er selbst ist es gewohnt, von Untersuchungen zu sprechen, von einer körperlichen Untersuchung oder einem Laborbefund. Wenn ein neuer Patient zu ihm kommt, stellt er diesem natürlich auch Fragen. Aber er benutzt keine Uhr wie der Psychiater, um die Zeit zu stoppen, bis der Patient antwortet.
Es handle sich um einen Assoziationstest, fügt der Psychiater hinzu. Vor ihm auf dem Schreibtisch liegt ein aufgeschlagener Doppelbogen mit Stichworten. Er solle sagen, ohne nachzudenken sagen, was ihm zu jedem Begriff einfalle. Zuerst wird Brunners Neugier geweckt; gespannt wartet er darauf, was ihm in den Sinn kommt, dann aber hätte er gern mehr Zeit gehabt, um ausführlicher über alles sprechen zu können. Manchmal fallen ihm ganze Episoden ein, die beim nächsten Stichwort wieder verschwinden. Noch einmal bricht er auf dem gefrorenen See ein, steht in der Sommerhitze nackt unter dem tosenden Wasserfall, sieht Lina händeringend, in Tränen aufgelöst, am Ende der Wiese stehen; die Bilder wirbeln durcheinander und verblassen, als würden sie mit einem großen Schwamm weggewischt. Die Stimme des Psychiaters klingt eintönig, ein wenig blechern, wenn er die Stichworte vorliest.
Grün, kalt, Wasser, Reise, schwimmen, Fenster, reich, bös, Stolz, Mitleid, Vogel, Nadel, sündigen, blau, gelb, ungerecht, Tisch, Dorf –
Es will kein Ende nehmen. Schließlich fühlt Brunner sich der Anstrengung, Schlag auf Schlag antworten zu müssen, nicht mehr gewachsen, und wie nachts, wenn er nicht genug Luft bekommt, beginnt er zu keuchen. Warum stellt man ihm Fragen, wenn man nicht bereit ist zuzuhören?
Er würde anders erzählen, wenn jemand einen Stuhl heranzöge und sich zu ihm setzte, es würden ihm andere Dinge einfallen, zum Beispiel, wie er verzweifelt um sich schlagend nach dem Wasserloch sucht, an dem er eingebrochen ist. Seine Ohren sind voll Wasser und beginnen innen zuzufrieren. Alles an seinem Körper beginnt von außen nach innen zuzufrieren. Die Kälte presst ihm den Brustkorb zusammen. Seine Beinunterkleider sind an den Knöcheln zugebunden und füllen sich mit Wasser. Ihr Gewicht zieht ihn hinab, panisch nach Luft schnappend, kämpft er um jeden Atemzug. Ein Schatten. Werner, sein Schulkamerad, robbt über das Eis auf ihn zu. Mit letzter Kraft zieht er sich hoch und bleibt auf dem Eis liegen. Nie wieder ist ihm die Todesangst so tief in die Knochen gefahren. Erst jetzt hört er, dass Werner unablässig ruft: Du bist gerettet! Du bist gerettet!
Wenn Spelterini und seine Helfer während einer Flaute einen Sandsack nach dem anderen über den Korb ausleerten, rauschte Zeit in die Tiefe, ein glitzernder Sandregen. Sofort stieg der Ballon bolzengerade auf und glitt majestätisch weiter. Könnte man Lasten einfach so abwerfen, durchs All gleiten und alles hinter sich lassen! Jedem Menschen müsste zugerufen werden: Du bist gerettet! Den wenigsten geschieht es. Diesmal würde er nicht mehr davonkommen.
Der Mensch schwimmt in Wasser, bevor er zur Welt kommt, und verlässt sie wieder als ein Sack Wasser, jedenfalls bei ihm ist es so. Herzwassersucht, daran wird er zugrunde gehen, Herzwasserschwindsucht sollte es besser heißen. Er gibt sich noch ein halbes Jahr. Dieser lächerliche Zerfall, mein Gott, was für einen Anblick er den Schwestern und Ärzten bietet: der alte Arzt aus Oberfelden, mit wabbeligem Bauch, einer Nabelbinde, der ganze Körper aufgeschwemmt, Ödeme an beiden Beinen. Majestätisch ist hier gar nichts mehr. Ein Wassersack mit einem grotesk erweiterten Herzen und einer Leberzirrhose, das ist alles, was von dem Mediziner übrig geblieben ist, der einmal jung, für alles offen in einem Fesselballon über die Erde glitt. Weit unten sah er die winkenden und brüllenden Menschen, die schon nach ein paar Atemzügen winzig klein wurden und entschwanden.
Er war froh, dass sein Vater sich nicht getraut hatte mitzufliegen. Der Tag war angenehm warm, voll fächelnder Winde, ein Junitag, an dem er sonst zu Fuß, hemdsärmlig, zum Fischen oder zum Wandern ausgeschritten wäre. Der Tag schien ihm voller Möglichkeiten zu sein, wie der Anfang des Jahrhunderts selbst. So wie er, im Ballonkorb stehend, durch den Raum glitt, sah er sich mitten in etwas hineingestellt, das ihn mit einem rauschenden Flügel in eine Bewegung aufnahm. Dort oben war die Luft ganz anders als der Fahrtwind auf dem Kutschbock oder der Wind, in den er sich beim Skifahren hineinlegte. Nicht schneller, nicht langsamer rauschte sie. Fülliger, massiver. Am meisten erstaunte ihn, dass der Raum nicht leer war, dass er die Luft mit allen Winden und Strömungen, den darin verborgenen Stürmen, mit jedem Lüftchen und Hauch spürte. Eigentlich war es voller als auf der Erde. Wie am Boden musste man Straßen und Kreuzungen kennen.
Unter ihnen schoben sich Hügel und Berge ineinander, über ihnen thronte die mächtige, kupfrig glänzende Ballonkugel. Er hätte keinen Gipfel mehr benennen können. Ein gewaltiges Gefühl ergriff ihn, als ob alle Winde mit einem Mal in ihm herumfuhren und ihn mit ihrem Brausen in einen Schwindel versetzten. Sie schwebten über der Erde, über den aneinandergestückelten Wiesen und Feldern und stiegen gleichzeitig immer höher hinauf, jetzt durch eine nebelschwere Decke hindurch und höher hinauf in ein anderes Blau hinein. Er sah von oben auf die Wolken hinab. So war es, wenn man in eine andere Dimension eintrat, wenn man zum ersten Mal erfuhr, was der Himmelsraum war. Ich lebe in einem Zeitalter gewaltigen Fortschritts!, sagte er sich. Ich werde an allen Erfindungen teilhaben! Spelterini, der Pionier unter den Luftschiffern, wollte sogar die Alpen überqueren.
Wieder dreht er sich um, um festzustellen, ob ihn jemand beobachtet. Bevor ihn der Landjäger holte, hat er die längste Zeit das Bett gehütet, um das Herz zu entlasten. Warum in Dreiteufelsnamen ist er wegen dieser Beatrice Tanner aufgestanden? Elendes Ratschmaul. Das ist gerade erst gewesen, eine Serviertochter, wie viele andere auch. Wegen ihr muss er jetzt Rede und Antwort stehen.
Er hätte ein Glas Schwarztee mit Zitrone in den Garten mitnehmen sollen, seine Kehle ist ausgetrocknet, und er schwitzt, obwohl er reglos im Sessel sitzt. Seine Beine schmerzen, er müsste sie hochlegen. Er bleibt sitzen.
Zu Hause lässt sich Alice mehrmals am Tag kaltes Wasser über Handgelenke und Unterarme bis zum Ellbogen laufen.
Man meint, die Sonne gehe jeden Morgen mitten im Gartenboden, nicht am Himmel auf, sagt sie in die flimmernde Luft, während sie auf der Terrasse das Sonnendach herunterkurbelt. Die Gluthitze dieses Sommers heischt nach gesammelter Aufmerksamkeit. Sie verändert den Ablauf von Tagen und Nächten, von Tätigkeiten, von Räumlichkeiten.
Sie lehnt sich aus einem Fenster, greift mit den Händen weit nach rechts und links und löst die Holzläden aus der Halterung, zieht sie mit einem knarrenden Ton aus Holz und rostigen Scharnieren zu, hängt die Metallbügel von innen in die gelochte Leiste ein, als sei Frieden!, denkt sie, plötzlich von heillosem Zorn erfüllt, das Zuziehen der Fensterläden nachts hat hier im Haus noch nie Frieden bedeutet!, höchstens Sicherheit gegen außen, und im Sommer tagsüber ein abgedunkeltes, kühles Haus garantiert.
Jeden Vormittag geht sie vom Parterre bis unters Dach durch alle Zimmer und zieht die Fensterläden zu, auch an dem Tag, an dem Beatrice Tanner in die Sprechstunde kommt.
Eine Frau öffnete mir die Haustür.Ich habe mich zu Tode erschrocken, gibt Beatrice Tanner später zu Protokoll, weil sie so steinalt war, mit schneeweißen Haaren und mich gefragt, ob der Doktor am Ende auch so alt sei, oder ob sie vielleicht seine Mutter war? Sie sagte mir, Doktor Brunner schlafe ein wenig, ich solle mit meinem Töchterchen im Wartezimmer Platz nehmen. Nach etwa zehn Minuten kam der Doktor aber schon herein. Er war auch ein alter Mann, aber nicht so alt wie sie. Ich wurde ins Sprechzimmer geführt, mein Kind blieb unterdessen im Garten.
Lina hat Glück gehabt. Die Serviertochter, die der Doktor zur Frau nahm, so hieß es damals, öffnet einer der glückloseren Frauen die Tür. Mit einem Blick sieht sie, was los ist. Wieder eine, die sich hat leimen lassen, die ihr Leben in die Hände des Doktors legt, ihres Mannes: Wegmachen, schnell.
Was heißt hier: sich leimen lassen. Diese Frau ist kein junges Ding mehr, das zum ersten Mal hereingelegt wurde, Lina gibt ihr mindestens fünfundzwanzig Jahre, legt den Kopf ein wenig schief, um sie zu begutachten, und ein Kind hat sie auch, ein kleines Mädchen, in einem zipfeligen Röckchen und einem Schürzchen mit aufgesetzten Flicken, etwas älter als Rosa. Der Geruch der Ärmlichkeit geht von beiden aus, in den sich Angst und Aufregung mischt, als die Frau nach dem Doktor fragt. Ihre Augen bewegen sich hastig hin und her, sie wird rot.
Es gibt nichts, was Julius fürchtet. Lina musste ihm oft genug zur Hand gehen, musste einen Arm oder ein zentnerschweres Bein halten, wenn ein Bauer in eine Maschine geraten oder von einem Stier angegriffen worden war, den Fuß oder die Wade am Zinken einer Heugabel oder Mistgabel aufgerissen hatte. Der Doktor müsste erst noch ausziehen, das Fürchten zu lernen.
Wenn der Zorn gegen ihn über ihr zusammenschlägt, spricht sie von ihm in der dritten Person.
Er schaut sich eine Wunde gründlich an, bevor er entscheidet, schnell entscheidet, als hinge jedes Leben an einem seidenen Faden. Er ist immer fürs Aufschneiden. Ein sauberer Schnitt, desinfizieren, nähen. Sie muss die Nierenschalen für Blut und Eiter hinhalten. Er arbeitet rasch, exakt, mit ruhiger Hand, auch mit ruhiger Stimme. Bei einem Notfall reagiert er wie ein ganzes Krankenhaus, greift zu, handelt, behält den Überblick, schneidet und näht, ohne viel Federlesens zu machen, kümmert sich nicht um Aufschreie und schmerzverzerrte Gesichter, schnell muss es gehen, schnell und sauber.
Keine Infektion! ist sein oberstes Gebot, dann beginnt er von Agram zu erzählen, zum hunderttausendsten Mal, was er im Ersten Weltkrieg über aseptische Wundversorgung gelernt habe; ihr ist es ganz gleich.
Hundertachtzig Franken. Am dreizehnten Juli neunzehnhundertneunundvierzig, einem Mittwoch, nimmt Beatrice Tanner die Dose mit ihren Ersparnissen aus dem Schrank und zählt das Geld ab. Eine Fünfzigernote, sechs Zwanzigernoten und zwei Fünfernoten. Dreißig Franken bleiben übrig. Von Ernst Strahm hat sie nichts zu erwarten, das weiß sie jetzt mit Sicherheit. Metzgermeister Lüthi, der Vormund ihrer kleinen Tochter, sorgt wenigstens für alles, was das Kind an Kleidung braucht. Sie selbst wird von niemandem unterstützt. Nebenan hört sie ihre Mutter jammern und seufzen, sie wird ihr den Rücken noch mit Franzbranntwein einreiben, bevor sie zum Bahnhof geht.
Von Doktor Brunner aus Oberfelden zurück, schaut sie im Kreuz vorbei, wo sie als Aushilfe arbeitet. Göttlich froh!, flüstert sie ihrer Kollegin zu, kaum steht sie in der Gaststube.
Ich bin so göttlich froh!, wiederholt sie.
Wenn zehn Ärzte mich untersuchen täten, würde keiner mehr etwas finden, das kannst du mir glauben!, und verschwindet ebenso rasch, wie sie gekommen ist, um ihrer Mutter die gute Nachricht zu überbringen.
Ihre Worte setzen ein Gerücht in Umlauf, das ein Verhängnis für sie und Doktor Brunner heraufbeschwören wird. In der Julihitze bleibt es zunächst träge, wie die Hühner und Dorfhunde, die vor sich hin dösen. Erst als eine gewisse Frau Strahm davon hört, springt ein Funke über. Hat sie nicht mit eigenen Augen gesehen, dass Beatrice Tanner schwanger war? Und jetzt brüstet diese sich im ganzen Dorf damit, man würde nichts mehr finden! Das Luder hat also abgetrieben, darauf steht Gefängnis, und damit wären wir sie los. Sie macht sich im Laufschritt zum Haus des Gemeindepräsidenten auf.
Am Donnerstagabend, dem einundzwanzigsten Juli, meldet der Gemeindepräsident aus Oberfelden dem Gerichtspräsidenten in Kreisfelden, seiner Ehefrau sei von einer Frau Strahm berichtet worden, dass Frl. Beatrice Tanner, von ihrem Sohn, Strahm Ernst, geschwängert sein solle, und dass man Beatrice Tanner die Schwangerschaft äußerlich schon gut angesehen habe. Frau Strahm habe erklärt, sie könnte ihren Sohn wirklich durchprügeln, denn er habe bereits eine Verlobte, ein anständiges Mädchen, das einen guten Einfluss auf ihn ausübe.
Frl. Tanner soll sich nun geäußert haben, dass sie 10 Ärzte untersuchen könnten, aber keiner würde bei ihr noch etwas finden. Die Möglichkeit bestehe, dass eine Abtreibung vorgenommen worden sein könnte. Er fühle sich als Gemeindepräsident verpflichtet, diese Meldung zu erstatten, umso mehr, da Frl. Tanner bereits Mutter eines unehelichen Kindes sei. Frl. Tanner habe angeblich wieder ziemlichen Zuzug von jungen Burschen, insbesondere bevorzuge sie den obenerwähnten Strahm Ernst.
Er habe sich auch mit der Kreuzwirtin in Verbindung gesetzt. Diese habe nichts Nachteiliges über Beatrice Tanner zu berichten. Sie sei fleißig, der Verkehr mit den Gästen soll immer korrekt gewesen sein, irgendwelche Klagen seien nicht bekannt geworden. Was sie außerhalb der Wirtschaft getrieben habe, wisse sie nicht.
Um mich soll ein Gerede zirkulieren. Beatrice Tanner packt den Stier bei den Hörnern und geht zum Angriff über.
Das hat mir der Vormund meiner Tochter Lilo gesagt, Metzgermeister Hans Lüthi.Die Leute sagen, ich sei schwanger. Ich fühle mich gar nicht schwanger. Im Gegenteil, ich habe z.Zt. die Periode.
Sie muss reden, ohne Punkt und Komma reden, bis sie aus der Sache heraus ist und wieder nach Hause gehen kann. Der Brief mit der Vorladung kam tags zuvor mit der Nachmittagspost. Sie habe am26.Juli 1949, nachmittags, 15Uhr, im Gemeinderatszimmer Oberfelden zu erscheinen, zur Einvernahme als auskunftgebende Person in einem polizeilichen Ermittlungsverfahren. Zu spätes Erscheinen u. unentschuldigtes Ausbleiben werden bestraft. Ausbleiben kann Vorführung zur Folgen haben.
Ihre gebrechliche Mutter rief voller Angst durch die Küche, wo sie hingehe, als sie nach dem Mittagessen eine frische Bluse anzog und sich vor dem fleckigen Spiegel mit dem Kamm durch die Haare fuhr. Nur zur Gemeinde, gab sie zurück, bin gleich wieder da, und schlüpfte zur Tür hinaus.
Der Gemeindeschreiber legt die Finger auf die Tasten der Schreibmaschine und wartet. Ihr ist eng im Hals. Landjäger Scholl stand noch im Flur, als sie das Gebäude betrat und sich suchend umsah.
Letzte Tür rechts, sie warten nur auf dich!, sagte er. Heute wird mir wohl eine andere ein Bier servieren!
Sie wurde rot vor Scham und Zorn und warf den Kopf zurück. Er pfiff durch die Zähne und ging hinaus. Sie würde sich gern hinsetzen. Die Blutung hat noch nicht aufgehört.
Seit Anfang Mai d. J. unterhalte ich ein Liebesverhältnis mit Strahm Ernst. Strahm ist unglücklich verlobt mit einer Tochter aus Unterfelden. Strahm erklärte mir, er wolle diese Verlobung auflösen und mit mir ein Verhältnis aufnehmen. Ich lernte Strahm im Kreuz in Oberfelden, wo ich serviere, näher kennen.
Meine letzte Periode hatte ich glaublich vom 4. bis zum 9.Mai. Das weiß ich so genau, weil ich am 4.Mai Geburtstag habe. Seit der Geburt meines Kindes Lilo (1944) menstruiere ich nicht mehr regelmäßig. Gelegentlich kommt die Blutung schon nach drei Wochen, dann wieder geht es länger, sogar bis fünf Wochen und noch mehr. Kalendermäßig kontrolliere ich meine Regel nicht.
Am 21.Mai, anlässlich des kantonalen bernischen Feldschießens, hatte ich mit Strahm zum ersten Mal Geschlechtsverkehr. In der Folgezeit, d.h. bis Anfang Juni, hatte ich mit Strahm noch 4- oder 5-mal Geschlechtsverkehr.
Der Untersuchungsrichter will wissen, wo der Verkehr mit Strahm stattgefunden habe?
Im Freien, wir gingen hinter den alten Holzschuppen bei der Sägerei.
Wo hätten sie auch hingehen sollen? Die Nächte blieben warm, am Morgen lag kein Tau auf den Wiesen.
So um den 4.Juni habe ich meine nächste Periode erwartet. Sie kam nicht. Ich dachte, es handle sich um eine Verspätung, wie auch schon, aber als am 10.Juni immer noch nichts kam, war mir die Sache doch suspekt, deshalb bin ich am 14.Juni zu einer Frauenärztin nach Bern gegangen, zu Fräulein Doktor Neuenschwander, um mich untersuchen zu lassen.
Woher sie die Adresse dieser Frauenärztin erfahren habe?
Sie räuspert sich, tritt von einem Fuß auf den andern. Es ist zu trocken im Gemeindezimmer. Hätte sie die Frauenärztin nicht erwähnen sollen? Die Tabletten halfen nicht, also hat sie nichts Verbotenes getan. Sie hat Angst, nicht mehr zu verstehen, was in ihrem Leben geschieht. Wie in den Auseinandersetzungen mit Ernst Strahm verheddert sie sich mit jedem Wort mehr in einer Situation, die sich von allen Seiten um sie zusammenzieht und in sich einschließt. Wenn sie in der Gastwirtschaft plötzlich nicht mehr wüsste, wie die vollen Gläser auf ihr Servierbrett geraten sind und welche Bestellung an welchen Tisch gehört, würde sie auf ähnliche Weise von panischer Angst ergriffen.
Woher sie die Adresse gehabt habe? Ihr Mund ist trocken. Was fragen die so dumm. Schließlich stehen alle Ärzte im Telefonbuch.
Aus dem Telefonbuch, sagt sie und spürt, wie sich ihre Stimme zusammenballt, wie in ihrem Körper gleichzeitig etwas nachgibt, als seien ihre Knochen aus Sülze.
Fräulein Doktor Neuenschwander untersuchte mich und erklärte dann, sie könne nichts feststellen, wolle mir aber eine Spritze geben, um eine Blutung auszulösen und auch ein Rezept für Tabletten. Es sei allerdings möglich, dass eine Blutung längere Zeit auf sich warten lasse. Wenn es noch zwei Monate dauern würde, müsste man eine Schwangerschaft annehmen, und dann könne sie als Ärztin nichts mehr machen. Sie gab mir eine Spritze in die rechte Gesäßbacke.
Ja, Sie können bei der Ärztin und dem Apotheker nachfragen. Dann, am Tag nach der Einspritzung, verspürte ich ziehende Schmerzen im Unterleib und in den Oberschenkeln, als würde gleich der Fluss einsetzen, jedoch keine Blutung.
Sie hat noch nie in einem Verhör Rede und Antwort stehen müssen. Neben dem Untersuchungsrichter sitzt ein zweiter Herr, der sie von oben bis unten mustert. Sie hat nicht verstanden, wer er ist.
Wenn man sie nur nicht einsperrt und von ihrem Kind wegnimmt. Was geschah dann? Diese abscheuliche Frau stürzte in ihre Küche, die Strahm.
Beatrice Tanner holt tief Luft. Die Szene, die sich bei ihr zu Hause abspielte, ist ihr noch haarklein in Erinnerung, und die Wut, die sie in sich aufsteigen fühlt, gibt ihr Kraft weiterzumachen. Die Strahm ist der Ausweg, sie muss alles auf sie abwälzen.
Montag, den 18. Juli, abends 17.30, sprach Frau Strahm, die Mutter meines Freundes Ernst Strahm, in unserem Hause vor. Sie war furchtbar aufgeregt, machte mir mit lauter Stimme, ja, sogar brüllend, so dass man es in der Nachbarschaft hören konnte, die ärgsten Vorwürfe wegen meines Verhältnisses mit ihrem Sohn Ernst. Sie titulierte mich schreiend «Hure», «Moore» (Sau) und hielt mir mit anderen Worten noch vor, ich führe einen unsittlichen Lebenswandel. Ich muss sagen, ich habe mich noch nie in meinem Leben so aufgeregt wie anlässlich der Auseinandersetzung mit dieser Frau Strahm. Ich war vollständig kaputt.
Die Wut, in die sie sich hineingeredet hat, lässt sie ausgelaugt zurück, aber sie muss reden, immer weiterreden. Man muss sich zu helfen wissen, wenn man in der Klemme sitzt. Sie schaut zwischen beiden Herren hindurch an die Wand.
Ich holte dann noch Milch und begab mich gegen 19.00Uhr ins Wirtshaus, weil ich wissen wollte, ob Frau Strahm mich auch dort verleumdet habe. Das war der Tag, an dem der Kreuzwirt einen Schlaganfall hatte. Kaum war ich dort angekommen, bekam ich einen regelrechten Anfall von Bauchschmerzen. Ich hatte das Gefühl, es fließe etwas aus meiner Scheide. Ich begab mich sofort nach Hause und kontrollierte. Ich stelle fest, dass meine rosarote Unterhose und auch das Unterhemd bereits mit Blut verschmiert waren.
Der Herr neben dem Untersuchungsrichter räuspert sich. Wie das Blut ausgesehen habe? Hellrot oder dunkelrot? Ob gestocktes Blut dabei gewesen sei?
Was soll sie sagen? Als ob man Zeit hätte, sich so etwas zu merken. Ich trage immer noch Binden, sagt sie. Das Blut war eher dunkel, aber nicht gestockt. Am Sonntag gingen auch kleine Fetzen ab.
Wie groß die Fetzen gewesen seien, will der zweite Herr wissen und deutet mit Daumen und Zeigefinger verschiedene Längen an, zwei, drei oder vier Zentimeter?
Sie kann sich nicht entscheiden. Etwa vier, sagt sie schließlich.
Und wie dick? Fünf Millimeter oder zehn? So oder etwa so? Wieder deutet der zweite Herr verschiedene Abstände an.
Sie muss es hinter sich bringen. Fünf Millimeter, sagt sie aufs Geratewohl. Am Sonntag war in drei Binden solches Zeug. Die früheren Binden sind gewaschen. Die von heute sind noch eingedrückt. Meine Mutter kann darüber Auskunft geben.
Das werde man bei der Haussuchung genaustens feststellen, schaltet sich der Untersuchungsrichter ein.
Sie blickt ihm starr ins Gesicht.
Ja, gehen Sie ruhig zu uns nach Hause und nehmen Sie alles mit, was das Gericht interessiert, es wäre mir eine Beruhigung, sagt sie, dann bricht ihr der Schweiß am ganzen Körper aus.
Mit meinem Geliebten Ernst Strahm habe ich in der fraglichen Zeit wohl einige Male gesprochen. Ich meinte, er müsse wissen, dass ich mich ärztlich untersuchen ließ.
Der Unterrock klebt an ihrem Körper, sie möchte sich am liebsten die Kleider vom Leib reißen. Sie tritt von einem Fuß auf den andern und wischt sich mit einer Hand den Schweiß aus der Stirn.
Nehmen Sie sich einen Stuhl und setzen Sie sich, sagt der Experte vom Gerichtsmedizinischen Institut. Ist Ihnen schwindlig?
Sie nickt.
Sie sagen, dass Sie derzeit die Periode haben. Wann hat sie denn eingesetzt, Fräulein Tanner? Am vierten Mai war Ihre letzte Periode, haben Sie gesagt. Welches Datum haben wir heute?
Sie schweigt. Wenn sie schweigt, werden die Herren nie erfahren, was gewesen ist.
Welches Datum haben wir heute?, wiederholt der eine Herr. Wann hat Ihre Periode schließlich eingesetzt?
Seine Stimme klingt gedämpft, als habe sie Watte in den Ohren. Sie wird nicht sagen, dass sie noch einmal nach Bern zu dieser Frauenärztin ging, dass diese ihr sagte, sie könne nichts machen. Sie möchte umfallen und die ganze Geschichte vergessen, vor allem den Strahm, der an einem Tag sagt, er werde sie heiraten, er habe sowieso kein Zuhause, und eine Woche später alles ableugnet. Von ihm sei sie nicht schwanger! Er werde jedenfalls keine Kosten tragen!
Es wurmte sie, dass er nur vom Geld sprach, und so sagte sie, wenn es eine Rechnung gebe, könne sie diese schon selber bezahlen. Manchmal kam er wochenlang nicht ins Kreuz, er ging keiner regelmäßigen Arbeit nach. Sie sah ihn erst Anfang Juli wieder.
Falls sie schwanger sei, dann nicht von ihm, er sei nämlich beim Verkehr nicht zum Empfinden gekommen!, schrie er sie an.
Sie standen an einem Holzstapel bei der Sägerei unten. Sie sagte, seit der letzten Periode seien bald sieben Wochen vergangen, sie müssten heiraten, ob er das Verhältnis mit seiner Verlobten da wirklich gelöst habe? Wenn nicht, dann müsse er jetzt aber vorwärtsmachen.
Er sagte immer wieder ganz hartnäckig, er sei hundertprozentig sicher, dass sie nicht von ihm schwanger sein könne, außerdem habe sie ja schon einmal ein uneheliches Kind gehabt, und schon deshalb bezweifle er seine Vaterschaft, hier begann er wieder zu schreien und fuchtelte mit geballten Fäusten vor ihrem Gesicht herum, wie könne er denn sicher wissen, ob sie nicht doch noch mit einem anderen Mann etwas habe? Dann lief er weg.
Fräulein Tanner! Fräulein Tanner! Das ist nicht Strahms Stimme. Sie fühlt, wie sie vom Stuhl rutscht.
Sie hat Fieber, sagt eine Männerstimme. Jemand klopft ihr auf die Wange.
Fräulein Tanner! Hören Sie uns? Antworten Sie!
Die ganze Zukunft stand schwer vor mir, sagt sie, bevor sie ohnmächtig wird.
