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"Befragt, wie er heiße, antwortet er: Otto B., irgendwer habe ihm diesen Namen zugeordnet, habe gesagt, er werde nun so gerufen, habe gerufen, rief: ich rufe dich: Otto B. Gegenwehr nutzlos, jetzt höre er drauf. Was er von der Nummerierung halte? Sei ihm gleichgültig, mache keinen Unterschied, wer höre, gehöre auch …" Für Otto B. sind die Zwänge von Herkommen, Ausbildung und Zukunft Sackgassen. Doch seinem Aufbäumen gegen die gesellschaftlichen Zwänge, dem Entwurf einer lebenswerten Utopie, setzt der normale Kreislauf der Produktionsgewalten Idee und Mensch zerschlagende Gesetze entgegen. Und so sieht sich Otto B. bald vor Gericht stehen und hochnotpeinlich zu seinem Leben befragt werden … "Ein Band über die Kälte in den Köpfen der Kleinbürger und Bürokraten, für den man sich erwärmen kann." So urteilte der Kritiker Klaus Antes vor mehr als 40 Jahren über das Erstlingswerk des heutigen Schriftstellers und Übersetzers Wolfgang Schiffer. Mehr als 40 Jahre später blickt dieser in einer Nachbemerkung anlässlich der Neuauflage in der Edition Elektrobibliothek des Verbrecher Verlags selbster noch einmal auf seinen Erstling zurück und fragt dabei auch nach den gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten heute.
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Seitenzahl: 74
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Wolfgang Schiffer
Die Befragung des Otto B.
BÜCKT SICH EINER raus, hebt sich einer rein, kriecht sich wieder raus, schiebt sich einer rein, kommt auch wieder raus, geht einer rein, schnell, tut sich wieder raus, langsam, ebenfalls rein, ebenfalls raus, rein: Otto B. ist drin
BEFRAGT, WIE ER heiße, antwortet er: Otto B., irgendwer habe ihm diesen Namen zugeordnet, damals, als er sich noch im embryonalen Zustand befunden habe, direkt jedoch erst nach dem Datum seiner Geburt, da sei wieder irgendwer gewesen, habe gesagt, er werde nun so gerufen, habe gerufen, rief: ich rufe dich: Otto B. Damit habe es angefangen, und nach Verlauf einiger Geburtsdatenwiederholungen sei es ihm sicher geworden, dass eine Erwähnung des benannten Namens sich auf ihn beziehe; Gegenwehr nutzlos, jetzt höre er drauf.
Was er von der Nummerierung halte? Sei ihm gleichgültig, mache keinen Unterschied, wer höre, gehöre auch...
Aufgefordert, das Datum seiner Geburt zu benennen, bedarf es Otto B. keiner Zeit der Besinnung; es sei der fünfte Mai des Jahres neunzehnhundertsechsundvierzig gewesen, ein für die fortgeschrittene Jahreszeit extrem nasskalter Tag, wie er dem Wetterbericht einer unter dem gleichen Datum erschienenen Lokalzeitung entnommen habe, im Archiv des Chefredakteurs ebenjener Zeitung, wechselnd wolkig, zumeist bedeckt mit vereinzelten Niederschlägen und Temperaturen zwischen zwei und fünf Grad sei da abgedruckt gewesen, und auf die Frage, ob er der Beschreibung seines Geburtstages etwa größere Wichtigkeit beimesse, antwortet er, ja, sie sei von Interesse, denn die an jenem Tage vorherrschenden klimatischen Bedingungen seien der Grundstein einer Pneumonie gewesen, der er in der siebten Woche seines Daseins beinahe erlegen wäre, wenn ihn nicht ein versierter Landarzt namens Sandbeck oder Sandberg quasi in letzter Sekunde dem Tode entrissen hätte; die möglichen Konsequenzen eines Ausbleibens jenes Arztes brauche er im Einzelnen wohl nicht darzulegen, es sei ihm nur drum anzumerken, dass er, bei einem Ausbleiben, womöglich nicht Gegenstand der jetzigen Befragung sein könnte.
Dass solche, die befragen, gelegentlich Pausen in ihre Befragung einlegen, wertet Otto B. als konzessives Verhalten gegenüber den Befragten, das der wachsende Widerspruch zwischen Befragen und Befragtwerden notwendig macht. Bisweilen gebiete auch eine gewisse Fehlvorstellung von Pietät ein solches Verhalten, so Otto B., die unter eigennütziger Anleitung der Befrager herangezogen worden sei. Demnach frage zum Beispiel ein Arbeiter niemals den Arbeitgeber, nachdem dieser Konkurs angemeldet habe, nach dem Verbleib des Geldes, und ein Arbeitgeber niemals seinen Arbeiter, dessen Frau und Kinder mehrerer Lebensmittel entbehren, ob er eine Lohnerhöhung wünsche. (Zu einem späteren Zeitpunkt eingeschobene Anmerkung des Protokollanten aufgrund einiger Pausenfragen an den Befragten.)
Wer sein Vater sei? Leonhard B. Während der Hitlerzeit sei er parteilos gewesen, jedoch mehr aus Abneigung gegen Parteikram, ansonsten deutliche Tendenz zum Faschismus, später, nach dem verlorenen Krieg, in dem er seinen Reden nach eine nicht unbedeutende Rolle gespielt habe, pazifistisch, pantheistisch, kleingeistig, eigenbrötlerisch, zum Schluss irrsinnig, jedoch im Urteil der Verwandten, Nachbarn und solcher, die ihn dennoch kannten, stets ein rechtschaffener, arbeitswilliger Mensch geblieben.
Ob er sich an das Geburtsdatum seines Vaters erinnere? Ob er sich an das Todesdatum seines Vaters erinnere?
Befragt, ob er sich noch seiner Mutter entsinne, sitzt Otto B. der Frage groß und schlankäugig gegenüber.
Befragt, was er in der letzten Zeit denn so gemacht habe, außer dem, nun, er wisse schon, erwidert Otto B., er wisse nicht genau, wie es gekommen sei, es sei jedenfalls schlecht gekommen, ob es an ihm gelegen habe, an etwas anderem, wer wage da zu richten, er sei runtergekommen, wie man so zu sagen pflege, er habe gar, was ihn immer noch bedenklich stimme, einem stadtansässigen Zionisten Deutschunterricht gegeben und auf dessen Frage, was er denn so werden wolle, schamhaft Kanzler geflüstert, und dass er ihm im Rahmen der Wiedergutmachung nach Erreichen seines Zieles Berlin schenke, Ostberlin; das habe selbst die Zionistenmutter freundlich gestimmt, die ihm zuvor mehr feindselig entgegengetreten sei, à cause de l'apparence, und letzteres nur auf Französisch wegen Basel und Herzl beim ersten Zionistenkongress, damals, siebenundneunzig, da sei sie schon dabeigewesen, habe sie ungefragt berichtet. Natürlich sei ihm so einiges aufgefallen, so zum Beispiel das jugendliche Aussehen und entsprechend das siebzehnjährige Alter ihres Sohnes, und zudem wisse er gar nicht, ob man in Basel, damals, tatsächlich französisch gesprochen habe, sei ihm also seltsam vorgekommen, das mit siebenundneunzig, und Französisch lerne sich ja überall, er selbst sei gar ein wenig in dieser Sprache bewandert, doch auf einer Klärung, nein, darauf habe er nie bestanden; dies sei ja auch in diesem Falle nicht unbedingt von Interesse, nicht wahr? Worauf einer der Befrager fragt, ob der Befragte berechtigt sei, Fragen zu stellen.
Abermals befragt, ob er sich noch seiner Mutter entsinne, sitzt Otto B. der Frage groß und schlankäugig gegenüber.
Nochmals befragt, ob er sich noch seiner Mutter entsinne, sitzt Otto B. der Frage groß und schlankäugig gegenüber.
Ob es zurzeit noch eine Frage gebe, fragen sich daraufhin die Befrager, nein, wenn nicht, dann unterbreche man für eine Weile; einigt sich wortlos auf eine Stunde.
P., nachdem er als Letzter und in der durch zweimalige Überprüfung verbürgten Gewissheit, seine protokollarischen Eintragungen durchaus korrekt und sicherlich zur vollen Zufriedenheit der Verantwortlichen vorgenommen zu haben, den Sitzungssaal verlassen und die schwere Holztüre gegen ungebetene Eindringlinge verschlossen hat, nutzt die Gelegenheit zu einem kurzen Gespräch mit dem zuvor hinausgeführten Otto B. auf einer der Holzpritschen in dem dem Raum vorgelagerten Gang. Während er zur Einleitung des Gespräches den dem Verhörten zugeteilten Bewachern vertraulich zulächelt, stellt er mit Genugtuung fest, dass es bei seiner Position nur einer freundlichen Geste gegenüber einigen behördlichen Kollegen bedarf, um seinerseits einige Fragen an den Abzuurteilenden zu stellen, und er macht sogleich mit einem nicht zu unterdrückenden Gefühl der Überlegenheit, das ihm noch zudem ein wenig Wärmesröte in den Kopf treibt, von diesem Vorrecht Gebrauch.
Schon Otto B.s Beantwortung der ersten Frage erscheint ihm für die gesamte Beurteilung der zur Frage stehenden Person dermaßen bedeutungsvoll, dass er sich entschließt, diese den Eintragungen in angemessener Formulierung und an geeigneter Stelle beizufügen und somit zur allgemeinen Kenntnisnahme verfügbar zu machen. Durch diesen sich selbst bestätigten Erfolg sieht P. sich geradezu verpflichtet, in seinem Vorhaben fortzufahren, doch schon bei der gedanklichen Formulierung der nächsten Frage gibt er plötzlich sichtbar auf, und, sich eines Versprechens erinnernd, das er beim Frühstück hinter der Morgenzeitung verborgen seiner Frau gegeben hat, wendet er sich brüsk von Otto B. ab und beschließt, die verbleibende Zeit der Pause zu einem Gang in die nahe gelegene City zu nutzen, um dort einige, nämlich versprochene, Besorgungen zu machen. Trotz der Eile, die ihm die in ihrer Gesamtheit auf eine Stunde festgesetzte Unterbrechung gebietet, geht P. den engen und wegen der zwar hohen, aber in ihrer Breite gering gehaltenen Fenster eher als dunkel zu bezeichnenden Gang gemäßigten Schrittes entlang, und, ohne sich auch nur noch andeutungsweise nach Otto B. umzublicken, betritt er den Lichthof, in welchen der Gang einmündet. Erst im Freien trägt er, schneller voranschreitend, der begrenzten Zeit Rechnung; er überquert einen frostigen Vorplatz, Sonne drückt ihm die Lider runter, betritt eine Nebenstraße, passiert sie bei grüner Ampel, geht eine achtstufige Steintreppe hinunter, hinkelt dabei übermütig auf einem Bein und ruft sich, kaum dass er es bemerkt, schnellstens zur Ordnung auf, biegt in eine großflächig betonierte Geschäftsstraße ein und verliert sich schließlich im Gedränge.
Währenddessen geht ein Bankier auf einen Sprung in seine in der Nähe des Sitzungsgebäudes gelegene Bank, bemerkt, wie jeden Tag, dass die Geschäfte gut gehen, und verlässt seine Bank.
Ein Fabrikant telefoniert von einer im Lichthof installierten Rufzelle mit einem seiner Auslieferungslager, erfährt, wie jeden Tag, dass sich seine Ware gut verkauft, und legt den Hörer auf die Gabel zurück.
Ein Kaufhausdirektor betritt seine Büroräume, befingert, wie jeden Tag, während eines oberflächlichen Gespräches über eventuelle Absatzschwierigkeiten die Brüste einer seiner Sekretärinnen, bekommt einen hoch und verlässt die Etage.
Ein Stadtabgeordneter kehrt aufrechten Ganges in ein bekanntes Feinschmeckerrestaurant ein, bestellt, wie jeden Tag, das letzte Gericht auf der Tageskarte, wischt nach Beendigung der Mahlzeit mit der Hausserviette die Reste aus den Mundwinkeln und lässt sich durch den Ober eine Taxe rufen.
P. ersteht in einem Parfümerieladen zwei Stücke Seife der Marke, die, wie er glaubt, seiner Frau am ehesten zusagt, und eine Packung Papiertaschentücher, bezahlt, wie immer, wenn er etwas kauft, und geht langsam den auf dem Hinweg beschrittenen Weg zurück.
Zur selben Zeit, genau zwischen elf Uhr zweiundzwanzig und elf Uhr fünfunddreißig, bittet ein Mensch in einer Gasse stumm um Feuer für die plakatierte Zigarette. Passanten bewundern seine zwölf Minuten andauernde Ausdauer, doch ein Polizist nimmt wenig später unverzüglich die Verfolgung auf...
