Die beiden Sträflinge - Friedrich Gerstäcker - E-Book

Die beiden Sträflinge E-Book

Friedrich Gerstäcker

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Ein Abenteuerroman aus dem damals noch wilden Australien. Friedrich Gerstäcker war ein deutscher Schriftsteller. Er ist vor allem durch seine Bücher über Nordamerika bekannt

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Die beiden Sträflinge

Friedrich Gerstäcker

Inhalt:

Friedrich Gerstäcker – Biografie und Bibliografie

Die beiden Sträflinge

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Die beiden Sträflinge, F. Gerstäcker

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849615642

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Friedrich Gerstäcker – Biografie und Bibliografie

Roman- und Reiseschriftsteller, geb. 10. Mai 1816 in Hamburg, gest. 31. Mai 1872 in Braunschweig, Sohn eines seinerzeit beliebten Opernsängers, kam nach dessen frühzeitigem Tode (1825) zu Verwandten nach Braunschweig, besuchte später die Nikolaischule in Leipzig, widmete sich dann auf Döben bei Grimma der Landwirtschaft und wanderte 1837 nach Nordamerika aus, wo er mit Büchse und Jagdtasche das ganze Gebiet der Union durchstreifte. 1843 nach Deutschland zurückgekehrt, widmete er sich mit Erfolg literarischen Arbeiten. Er gab zunächst sein Tagebuch: »Streif- und Jagdzüge durch die Vereinigten Staaten von Nordamerika« (Dresd. 1844, 2 Bde.; 5. Aufl., Jena 1891) heraus, schrieb kleine Sagen und Abenteuer aus Amerika nieder und wagte sich endlich an ein größeres Werk: »Die Regulatoren in Arkansas« (Leipz. 1845, 3 Bde.; 10. Aufl., Jena 1897), worauf in rascher Reihenfolge »Der deutschen Auswanderer Fahrten und Schicksale« (Leipz. 1847; 3. Aufl., Jena 1899), »Mississippibilder« (Leipz. 1847–48, 3 Bde.), »Reisen um die Welt« (das. 1847–48, 6 Bde.; 3. Aufl. 1870), »Die Flußpiraten des Mississippi« (das. 1848, 3 Bde.; 10. Aufl. 1890) und »Amerikanische Wald- und Strombilder« (das. 1849, 2 Bde.) neben verschiedenen Übersetzungen aus dem Englischen erschienen. 1849–52 führte G. eine Reise um die Welt, 1860–61 eine neue große Reise nach Südamerika aus; 1862 begleitete er den Herzog Ernst von Koburg-Gotha nach Ägypten und Abessinien. 1867 trat er eine neue Reise nach Nordamerika, Mexiko und Venezuela an, von der er im Juni 1868 zurückkehrte. Seine letzten Jahre verlebte er in Braunschweig. Seine späteren Reisen beschrieb er in den Werken: »Reisen« (Stuttg. 1853–1854, 5 Bde.); »Achtzehn Monate in Südamerika« (Jena 1862, 3. Aufl. 1895) und »Neue Reisen« (Leipz. 1868, 3 Bde.; 4. Aufl.). Gerstäckers Reisen galten nicht wissenschaftlichen oder sonstigen allgemeinen Zwecken, sondern der Befriedigung eines persönlichen Dranges ins Weite; seine Schilderungen sind daher vorwiegend um ihrer frischen Beobachtung willen schätzbar. Ebenso verfolgte der fruchtbare Autor bei seinen zahlreichen Romanen und Erzählungen schlechthin Unterhaltungszwecke. Wir nennen davon: »Der Wahnsinnige« (Berl. 1853); »Wie ist es denn nun eigentlich in Amerika?« (2. Aufl., Leipz. 1853); »Tahiti«, Roman aus der Südsee (5. Aufl., das. 1877); »Nach Amerika« (das. 1855, 6 Bde.); »Kalifornische Skizzen« (das. 1856); »Unter dem Äquator«, javanisches Sittenbild (7. Aufl., Jena 1902); »Gold« (4 Aufl., Leipz. 1878); »Inselwelt« (3. Aufl., das. 1878); »Die beiden Sträflinge« (5. Aufl., das. 1881); »Unter den Penchuenchen« (das. 1867, 3 Bde.; 4. Aufl. 1890); »Die Blauen und Gelben«, venezuelisches Charakterbild (das. 1870, 3 Bde.); »Der Floatbootsmann« (2. Aufl., Schwerin 1870); »In Mexiko« (Jena 1871, 4 Bde.) etc. Seine kleinern Erzählungen und Skizzen wurden unter den verschiedensten Titeln gesammelt: »Aus zwei Weltteilen« (Leipz. 1851, 2 Bde.; 6. Aufl. 1890); »Hell und Dunkel« (das. 1859, 2 Bde.; 6. Aufl. 1890); »Heimliche und unheimliche Geschichten« (das. 1862, 3. Aufl. 1884); »Unter Palmen und Buchen« (das. 1865–67, 3 Bde.; 3. Aufl. 1896); »Wilde Welt« (das. 1865–67, 3 Bde.); »Kreuz und Quer« (das. 1869, 3 Bde.); »Kleine Erzählungen und nachgelassene Schriften« (Jena 1879, 3 Bde.); »Humoristische Erzählungen« (Berl. 1898) u. a. Unter seinen Jugendschriften verdienen »Die Welt im Kleinen für die kleine Welt« (Leipz. 1857–61, 7 Bde.; 4. Aufl. 1893), unter seinen Humoresken besonders »Herrn Mahlhubers Reiseabenteuer« (das. 1857, 11. Aufl. 1896) Auszeichnung. Gerstäckers »Gesammelte Schriften« erschienen in 44 Bänden (Jena 1872–79), eine Auswahl in 24 Bänden, hrsg. von Dietrich Theden (das. 1889–90); »Ausgewählte Erzählungen und Humoresken«, hrsg. von Holm in 8 Bänden (Leipz. 1903).

Die beiden Sträflinge

1

Reges Leben herrschte heute auf der sonst so still und einsam am Murray gelegenen Station des Squatter Powell, – reges, jubelndes Leben, und der Ruf: »Die Karren kommen!« lief von Mund zu Mund.

Die Karren kamen allerdings, und irgendein Fremder würde darin auch nicht das geringste Außergewöhnliche gesehen haben; derjenige aber, der dort gelebt hat, oder die Verhältnisse näher kennt, weiß, was der Ruf bedeutet.

Die am Murray oder überhaupt im Innern von Australien gelegenen Stationen – deren Besitzer Squatter genannt werden – stehen nämlich mit der übrigen Welt fast nur durch Ochsenkarren in Verbindung. Diese schaffen die Produkte der Stationen: Wolle, Talg, Rindshäute und Schaffelle nach der nächsten Stadt, womöglich nach einem Hafen, und bringen dafür alles zurück, was »drin im Busch« gebraucht wird, Mehl in vollgestampften Säcken, Fässer mit Zucker, Kisten mit Tee, Tabak, Hufeisen, Nägel, Kleidungsstücke, Schuhwerk und andere Dinge. Da das nun jährlich, besonders bei den entfernteren Stationen, nur ein einziges Mal geschieht, so läßt sich denken, mit welcher Sehnsucht diese Karren erwartet und mit welchem Jubel sie begrüßt werden.

Heute morgen nun, noch vor dem Frühstück, brachte schon ein Stockkeeper oder Rinderhirt, der auf schnaubendem, schäumendem Pferde zur Station gesprengt kam, die fröhliche Kunde, daß die Karren nur wenige Meilen von dort entfernt die Nacht am Flusse »gebuscht« hätten und in wenigen Stunden eintreffen könnten; außerdem aber auch noch ein großes Brief- und Zeitungspaket, das der Haupttreiber ihm anvertraut hatte, um es so rasch wie möglich in die Hände des Herrn zu bringen.

Briefe aus der Heimat! Solch ein Tag ist ein Fest in dem sonst so stillen, einförmigen Leben des Ansiedlers, und die Briefe werden wieder und wieder gelesen, erst still und allein, dann laut im versammelten Familienkreise, und man wird nicht müde, die lieben, teuren Züge zu betrachten.

Powells machten keine Ausnahme. Das Frühstück ward hereingebracht, aber bald auf dem Tische kalt, denn niemand, die Kinder ausgenommen, dachte daran, es zu berühren.

John Powell war einer der angesehensten Squatter am Murray, mit weitverbreiteten Herden und einer ziemlich wohnlich eingerichteten Station, das heißt wohnlich für den Busch, denn in einer zivilisierten Gegend hätte sie wohl kaum den Ansprüchen genügt, die ein Mann in seiner Stellung an das Leben zu machen berechtigt war.

John Powell war verheiratet und hatte fünf Kinder: zwei Töchter, die eine von neunzehn, die andere von siebzehn Jahren, und drei Söhne, von denen der älteste zwanzig, die beiden anderen dreizehn und zwölf Jahre zählten, und war vor sieben Jahren hier an den Murray gezogen, um Raum für seine Herden zu gewinnen. Raum bekam er allerdings, denn sein nächster Nachbar wohnte einige dreißig englische Meilen von ihm entfernt; aber er hatte seine Familie zugleich in eine Wildnis geführt, in der sie nur in ihrem eigenen Beisammensein, nicht einmal durch die monotone Szenerie des einförmigen australischen Gumwaldes Entschädigung finden konnte. War es ein Wunder, daß sie da der Zeit entgegenharrten, wo der Vater, wie sie hofften, sein Besitztum wieder zu Geld machen und nach dem alten Vaterlande zurückkehren würde?

»Gott sei gedankt, – sie sind alle wohl und gesund«, brach Mrs. Powell endlich das Schweigen, indem sie sich rasch und verstohlen eine Träne aus dem Auge wischte und die Brille neben sich auf das Fensterbrett legte, »selbst die Mutter noch. Lieber Gott, die alte Frau hat selber geschrieben, wenn sie auch klagt, daß es mit den Augen gar nicht so recht mehr gehen wolle. Du mußt den Brief nachher lesen, John. Sie sehnt sich so sehr danach, uns noch einmal zu sehen, eh' sie stirbt.«

»Nun, wer weiß, wer weiß«, lächelte der Gatte, selber einen Brief zusammenfaltend und einen neuen öffnend, »mein Bruder ist auch glücklich in Bombay angekommen, und es geht ihm gut.«

»Wie zerstreut sind wir in der Welt«, sagte Sarah, die älteste Tochter Powells, indem sie einen Brief gedankenvoll in den Schoß sinken ließ, »welche entsetzlichen Strecken liegen zwischen allen denen, die uns lieb und teuer sind.«

»Wir sind unserer fünf Brüder, und davon lebt nur einer noch in Altengland; ich bin hier, Ernst in Kanada, Eduard in Bombay, und der fünfte schwimmt jetzt, Gott weiß wo, auf einem von Ihrer Majestät Kriegsschiffen entweder im Chinesischen oder Stillen Meere umher. Das wäre ein Festtag, der uns einmal alle wieder um einen Tisch versammelte, aber daran ist freilich nicht zu denken, wir müßten denn sämtlich alt und grau geworden sein.«

»Gebe dann nur Gott, daß der Tisch in England steht«, sagte die Mutter lächelnd, »wenn mir ein guter Geist das Fest vorher versprechen könnte, wollte ich ja alles gern und willig tragen.«

Ihr Gatte vertiefte sich bald wieder in den eben erbrochenen und begonnenen Brief.

Mit diesem war er kaum zu Ende, als das Bellen der Hunde und das pistolenschußähnliche Knallen der langen Ochsenpeitschen die nahenden Karren verkündete. Die ganze Familie, den ältesten Sohn ausgenommen, der draußen im Busche war, um ein paar weggelaufene Pferde wieder aufzusuchen, trat jetzt vor die Tür der Wohnung, um die Leute zu begrüßen und die mitgebrachten Waren in Empfang zu nehmen.

»Nun, Cole«, rief Mr. Powell dem alten Treiber zu, der den vorderen Karren führte, »wie geht's, seid Ihr glücklich wieder angekommen? Wohl schlechter Weg draußen?«

»Danke, Sir«, sagte der Mann, indem er mit einem kräftigen, mit beiden Händen geführten Schlage seiner langen, gewichtigen Peitsche die vorderen Stiere herum und den Wagen dadurch geschickt vor die Tür des Vorratshauses brachte, – »oh, woh Diamant – höh, Bock – so recht, meine Tiere – verdamm' eure Augen – bitt' um Entschuldigung, Sir – verflucht – sehr schlechte Wege draußen. Haben doch das Paket Papier bekommen?«

»Alles in Ordnung, Cole.«

»Die Rechnungen liegen dabei.«

»Habe sie schon gesehen, Wolle hatte ziemlich guten Preis.«

»Aber Mehl auch – will verd – hm – will – hm –, es ist doch merkwürdig, was die Händler da drin unverschämt werden, wenn sie das liebe Gut, das Mehl, herausrücken sollen. Wissen wahrhaftig bald gar nicht mehr, was sie dafür fordern möchten.«

»Geht nur vorsichtig mit den Säcken um, Leute, daß keiner platzt. So – hier legt sie hinunter, die Säcke aufeinander, und das übrige dort in eine Reihe. Der Tee – ach, da sind die Kisten.«

»Ja, die vergessen wir schon nicht«, lachte der Treiber, der das Entladen der Güter den anderen Arbeitern überließ, während er sich selber nur mit seinen Tieren beschäftigte und sie ausspannte.

Der zweite Treiber hatte ihm indes geholfen, seine Stiere freizumachen, und Cole, der erste Treiber, lenkte sie jetzt an den Häusern vorbei, der eigenen Hütte zu, um ihnen dort die Joche abzunehmen und sie endlich frei auf die Weide hinaus zu lassen.

Cole war ein durchaus redlicher, treuer und zuverlässiger Diener, und außerdem ein herzensguter Bursche, der keinem Kinde ein Leid zugefügt hätte, obgleich er allerdings ein früherer, indes schon seit mehreren Jahren freigelassener Sträfling war. Nur das Fluchen war seine Leidenschaft.

Der stete Umgang mit den störrischen Ochsen mag viel dazu beitragen, die Leute zu solchen gotteslästerlichen Reden zu verleiten, mehr aber noch der stete rauhe Umgang mit lauter Männern, einer der schlimmsten Übelstände im australischen Busch. Der Herr hat allerdings seine Familie bei sich auf der Station, aber die Leute kommen mit dem Hause – wie dessen Wohnung zum Unterschied von den Hütten genannt wird – nicht zusammen. Selbst die Küche besorgt dort ein Koch, und da noch überdies von allen auf der Station beschäftigten oder dort vorsprechenden Arbeitern wenigstens neun Zehntel gewesene Sträflinge sind, so läßt es sich leicht erklären, wie die Unterhaltung der Leute keineswegs zart sein kann. Das "feine Reden" überlassen sie den "swells" (den Stutzern) – das heißt allen denen, die einen ordentlichen Rock anhaben und nicht zur Klasse der "old hands" und "bundlemen" (Bündelmänner) gehören.

Die Zufuhren waren jetzt mit Hilfe der übrigen, in der Nähe des Hauses beschäftigten Arbeiter in das Vorratshaus geschafft, aber noch nicht verschlossen worden. Georg, der älteste von Powells Söhnen, der eben im vollen Galopp zum Hause zurückkehrte, weil er draußen die Ochsenpeitschen der ankommenden Treiber gehört, hatte mit dem jüngsten Bruder eine Stunde lang vollauf zu tun, den ihn umringenden Arbeitern Tabak abzuwiegen oder andere Kleinigkeiten zu verabreichen, auf die sie schon mit Schmerzen monatelang gewartet hatten.

Tabak besonders, jenes Labsal des Busches, war schon in den letzten Wochen ein vergebens ersehntes Bedürfnis, und die danach lechzende Schar von Tag zu Tag auf die rückkehrenden Karren vertröstet worden.

Endlich waren die Briefe im Hause gelesen und wieder gelesen und besprochen worden, und Georg Powell, der älteste Sohn, hatte die Zeitungspakete aufgeschnitten und begann, sich in ihren Inhalt zu vertiefen. Darin folgte ihm der Vater bald, denn die Nachrichten kamen nicht allein aus der Heimat; auch von Adelaide und Melbourne waren Zeitungen angekommen, und die dortigen Marktberichte, die Ein- und Verkäufe und Auktionen berührten ihr Interesse.

»Sieh nur, Georg«, sagte der Vater, als er die Spalten des einen Melbourneblattes überflogen hatte, »Pferde haben auf dem letzten Markt in Melbourne und Adelaide 12 Pfund Sterling gebracht, wenn wir da eine Partie von den unseren hätten hinunterschaffen können.«

»Aber Rinder scheinen desto schlechter im Preise«, erwiderte Georg, sein Blatt dem Vater hinüberhaltend. »Da unten steht, daß die Treiber einen ganzen Trupp Kühe mit anderthalb Pfund Sterling das Stück haben verkaufen müssen.«

»Mageres Zeug, das sie hinübertreiben und halb ausgehungert zum Markte bringen«, sagte der Vater kopfschüttelnd. »Wenn wir die unsrigen hinuntertrieben, bin ich sicher, daß sie bessere Preise erhielten.«

»Ja, wenn wir sie glücklich hinbrächten«, erwiderte der Sohn, »aber mit dem Futter unterwegs sieht es jetzt dürftig aus. Ich weiß wahrhaftig nicht einmal, was wir hier anfangen sollen, wenn wir nicht bald Regen bekommen.«

»Hallo, hier haben wir auch wieder einen »bushranger« (entsprungener Sträfling), rief der Vater plötzlich aus, als er ein neues Blatt aufnahm und die ersten Spalten mit seinen Blicken überflog.

»Dem wird die berittene Polizei bald auf den Hacken sein«, sagte der Sohn, »solche Burschen treiben es jetzt nicht lange.«

»Jack London, sonst Murphy, auch wohl Bridol«, las der Vater laut vor, »der Bursche hat eine ganze Reihe von Namen, ist von Van Diemens Land mit noch drei Gefährten in einem kleinen gestohlenen Kutter geflüchtet und, wie es scheint, an der Küste gescheitert. Hat sich dann nach Adelaide gewandt, Spitzbübereien verübt, ist eingefangen worden und wieder entsprungen, und man hat jetzt einen Preis von hundert Guineen auf seinen Kopf gesetzt. Alle Wetter, da werden die Polizeidiener nicht schlecht dahinter her sein. Hundert Guineen sind ein Kapital für die.«

»Auch eine Menge Raubanfälle und Diebstähle sind in der Stadt selber vorgefallen«, sagte Georg, »hier steht eine ganze Spalte von solchen Verhandlungen.«

»Ich möchte nicht in den Städten wohnen«, sagte Sarah, »denn die schlimmsten Leute aus den ganzen Kolonien ziehen sich doch dort zusammen. Ich glaube, ich könnte keine Nacht ruhig schlafen, aus Furcht, daß Räuber bei uns einbrächen oder sonst etwas Schreckliches geschähe.«

»Du bist nun einmal die Stille und Einsamkeit hier gewohnt, liebes Kind«, sagte der Vater freundlich. »Aber ebenso würdest du das Geräusch und Leben und Treiben der Städte gewohnt werden, und dich dort gerade so sicher fühlen, wie hier im Busch. Als wir vor drei Jahren in Sydney waren, hat es dir doch dort recht gut gefallen. Und erinnere dich nur, wie ihr euch im Anfang hier vor den erwarteten Überfällen der Schwarzen gefürchtet habt, und sind sie ein einziges Mal gekommen?«

»Frevle um Gottes willen nicht, John!« rief bittend die Frau. »Man soll den Bösen nicht an die Wand malen; denn sind wir heute etwa sicherer, als wir vor sieben Jahren waren?«

»Allerdings«, lachte ihr Mann; »wir haben nicht allein drei Leute mehr auf der Station, sondern meine Jungen sind unterdessen auch herangewachsen und können ein Pferd bändigen und ein Gewehr führen. Das sind sechs Mann mehr zur Verteidigung, und die wiegen einen ganzer Stamm solcher feigen Schwarzen auf, wie die hiesigen Eingeborenen.«

»Wenn die Leute alle zerstreut im Busch sind, überfällt mich doch manchmal ein eigentümliches, ängstliches Gefühl«, sagte Mrs. Powell.

»Du bist nur in der letzten Zeit so melancholisch geworden«, beruhigte sie freundlich lächelnd ihr Gatte, »weil wir gerade in den letzten Monaten gar so einsam gelebt haben. Nicht ein einziger Besuch, ein paar wandernde »Bündelträger« für die Küche ausgenommen, hat bei uns vorgesprochen, und der Weg scheint fast wie ausgestorben.«

»Wer soll die lange einsame Strecke wandern«, sagte die Frau kopfschüttelnd, »manchmal vielleicht ein paar Viehtreiber oder ein Stockman, der sich nach neuem Weidegrund umsieht, und das sind immer auch nur Leute, die uns für das, was wir entbehren, keinen Ersatz bieten könnten. Im vorigen Jahre hatten wir doch wenigstens die Freude, den jungen Mac Donald hier bei uns zu sehen. Seitdem der aber so plötzlich Abschied nahm, hat sich fast kein anständiger Mensch mehr bei uns blicken lassen.«

»Es ist doch eigentlich merkwürdig«, sagte der Vater, das Blatt vor sich auf die Knie sinken lassend, »wie wirklich spurlos Mac Donald damals vom Erdboden verschwand, und ich fange jetzt wahrhaftig selber an zu glauben, daß er doch am Ende irgendeinem verzweifelten Buschranger in die Hände gefallen sein könnte.«

»Ich fürchte weit eher, er ist in einen Hinterhalt der Schwarzen geraten«, sagte Georg, ein schlanker, blauäugiger, blondhaariger prächtiger Bursche mit treuen und ehrlichen Zügen und kräftigem, wie aus Eisenholz geschnittenem Körper. »Wüßt' ich das nur gewiß, die schwarze Bande sollte mir wahrlich dafür büßen.«

»Die sind unschuldig«, entgegnete der Vater. »Du weißt, daß ich damals auf den verschiedenen Stationen nach ihm forschen ließ, und erst eigentlich in den besiedelten Distrikten seine Spur verloren habe. Dort hat er nichts mehr von den Schwarzen zu fürchten gehabt.«

»Er wird schon noch kommen«, lachte Lisbeth, die siebzehnjährige zweite und überaus heitere Tochter Mr. Powells, »er ist ja damals eigentlich nur fortgegangen, um einige Bücher für Sarah zu holen, die sie sich so sehr gewünscht hatte, und wird, da er diese wahrscheinlich in Melbourne nicht fand, einmal nach England hinübergefahren sein. Früher kann er da kaum wieder zurück sein.«

Sarah hatte schweigend dem Gespräch gelauscht; unbewußt schweiften ihre Augen dabei über die Spalten der Zeitung hin, die sie in der Hand hielt, und so bleich sie im Anfang geworden war, so schnelles Rot rief die letzte scherzende Anspielung der Schwester auf ihre Wangen zurück.

Lisbeths Neckerei hatte allerdings auch einigen Grund, denn Sarahs Wunsch, mehrere Bücher in ihrer Einsamkeit zu besitzen, unter denen sich vor allem Thomas Moores »Lalla Rookh« und Walter Scotts »Lady of the Lake« befanden, war die eigentliche Veranlassung gewesen, daß Mr. Mac Donald in einer Art ritterlicher Galanterie sein Pferd bestieg und der fernen Stadt zusprengte. Er versprach damals allerdings, in spätestens acht Wochen zurück zu sein, aber ein volles Jahr war jetzt vergangen, und man hatte nie wieder erfahren können, was aus ihm geworden war.

»Scherze darüber nicht, mein Kind«, erwiderte jetzt die Mutter, die sah, welchen peinlichen Eindruck die Worte auf Sarah machten. »Wer weiß, was dem armen, unglücklichen, jungen Mann zugestoßen ist, und wir wollen nur hoffen, daß Gott seine Hand über ihn gehalten hat.«

»Da kommt Mr. Bale, der Stockkeeper angesprengt«, sagte Lisbeth, deren Aufmerksamkeit auf das Hufgeklapper eines herangaloppierenden Pferdes gelenkt worden war.

»Mr. Bale? – das ist Mr. Bale nicht«, sagte Bill, der zweite Sohn Mr. Powells, der neben der Schwester stand. »Das ist ja ein Grauschimmel, und Mr. Bale reitet einen Braunen, wahrhaftig, das ist ein Fremder.«

»Ein Fremder?« rief Mr. Powell, und zum Fenster tretend, wohin ihm bald die ganze Familie folgte, »in der Tat – und wie es scheint ein Gentleman-Squatter, denn der lange starke Bart verkündet keinen Städter, das Gewehr, das er trägt, sogar einen Jäger. Geh hinaus, Georg, begrüße ihn und lade ihn zu uns ein.«

2

Nur wenige Minuten vergingen, bis der Reiter an die Tür des Zimmers klopfte, das er, zur großen Verwunderung Georgs, so genau zu kennen schien, als ob er ein alter Insasse des Hauses sei. Kaum wartete er auch das überraschte Herein ab und trat mit einem herzlichen »Wie geht es Ihnen allen?« ins Zimmer.

»How are you, Sir?« begrüßte ihn, wenn auch etwas verwundert über die zutrauliche Anrede, Mr. Powell, während ihn die anderen neugierig, Sarah jedoch mit gespannter Aufmerksamkeit betrachteten. »Seien Sie uns hier wilikommen, und machen Sie es sich bequem. Sie sind zu Hause.«

»Herzlichen Dank, Mr. Powell«, rief der Fremde, des Angeredeten Hand schüttelnd, »aber habe ich mich denn wirklich so sehr verändert? Entstellt mich der große Bart so gewaltig, daß Sie, daß Mrs. Powell, daß mich die jungen Damen nicht wiedererkennen? – und wie die Kinder indes herangewachsen sind!«

»Heiliger Gott!« rief Sarah, während die Eltern den Fremden erstaunt und unschlüssig betrachteten, und die jüngeren Geschwister sich neugierig hinzudrängten, »ist das nicht – ist das nicht Mr. Mac Donald?« und während sie den Namen aussprach, fühlte sie, wie sich tiefes Rot ihr über die Stirne und Schläfe ergoß.

»Es freut mich doch, daß Sie wenigstens den Fremden nicht vergessen haben«, sagte Mac Donald herzlich, indem er ihr die Hand, in die sie schüchtern die ihre legte, zum Gruß hinüberreichte.

»Mac Donald!« rief jetzt auch Mr. Powell, seine linke Hand fassend und herzlich schüttelnd, und alle drängten sich um ihn, den früheren, liebgewonnenen Gast zu begrüßen.

»Und ob wir nicht in diesem nämlichen Augenblick von Ihnen gesprochen und uns den Kopf zerbrochen haben, was aus Ihnen geworden sein könnte«, rief Mrs. Powell.

»Wenn man den Wolf nennt, kommt er gerennt, ist ein altes gutes Sprichwort«, lächelte Mac Donald, »aber hatte ich nicht Miss Sarah die Bücher versprochen, und mußte ich ihr die nicht bringen?«

»Seht ihr, ich hatte recht!« rief Lisbeth jetzt lachend aus, »er hat sie in Melbourne nicht bekommen, und ist eine Straße weiter gegangen, nach London vielleicht, sie dort zu holen.«

»Doch nicht ganz so weit«, lautete die freundliche Antwort des jungen Mannes, »aber – Mühe hat es allerdings gekostet. Dies indes erzähle ich Ihnen vielleicht ein anderes Mal; hier sind sie jedenfalls, und mag Miss Sarah die Freude darin finden, die sie erwartet.«

Bei diesen Worten öffnete er seine Satteltasche und nahm ein halbes Dutzend in Wachsleinen eingepackte Bücher heraus, die er vor dem errötenden Mädchen auf den Tisch legte. »Ich hoffe, sie sind nicht naß geworden«, setzte er dann hinzu, »denn ich mußte den Murray mehrere Male kreuzen, dreimal sogar mit dem Pferde schwimmen, habe sie jedoch immer auf das sorgfältigste in acht genommen,«

»Da ist ein Loch drin«, sagte Ned, der zwölfjährige Knabe, der neugierig mit zum Tisch getreten war und die Pakete in die Hand nahm und betrachtete.

»Das sieht gerade so aus, als ob eine Kugel hineingeschlagen wäre«, rief Georg, der die Stelle in dem Paket ebenfalls beschaute und sie dann seinem Vater reichte.

»Und es sieht nicht allein so aus«, lachte Mac Donald, »sondern es ist auch wirklich der Fall gewesen. Das Buch hat mich vor einer vielleicht tödlichen Schußwunde in das Bein bewahrt. Die Pistole ging mir im Halfter los, und die Satteltasche, die ich gerade vor mich aufs Pferd gehoben hatte, um einigen Proviant herauszunehmen, fing zu meinem Heil den Schuß auf. Hoffentlich ist das Buch nicht sehr beschädigt worden, denn der dicke Einband und das festgepreßte Papier haben die Kugel wohl nicht weit hineingelassen. Ich hatte noch nicht einmal Zeit, danach zu sehen.«

»Und Sie waren vielleicht nicht einmal im Bereich menschlicher Hilfe?« fragte die Mutter, besorgt die Hände faltend.

»Weite, weite Strecken von irgendeiner menschlichen Wohnung, entfernt«, sagte der junge Mann ernst; »tief im Busche drin, selbst ohne Wasser und von einem Schwarm von Schwarzen bedroht, die der unglückliche Schuß sogar auf meine Spur brachte. Wäre ich nur einigermaßen schwer verwundet worden, so hätte ich ihnen unbedingt in die Hände fallen müssen. Nur Miss Sarahs Bücher haben mich beschützt.«

»Das getroffene Buch soll mir immer ein liebes Andenken daran sein«, sagte Sarah bewegt, »aber mußten Sie sich denn solcher Gefahr aussetzen?«

»Solcher Gefahr?« lachte der junge Mann, »fragen Sie einmal Ihren Vater, Ihre Brüder, ob sie nicht ähnlichen Zufällen fast in jeder Woche ihres Lebens hier im Busch ausgesetzt sind? Ein Pferd kann beim wilden Ritt mit ihnen stürzen; ein gereizter Stier sich auf sie werfen und sie verstümmeln oder töten; ein Schwarm von Schwarzen plötzlich den einzelnen Reiter im Busch überfallen – «

»Oder ein Buschranger uns hinter einem Gum (Gummibaum) eine Kugel durchs Hirn jagen«, bestätigte lächelnd Mr. Powell, »vor solchen Sachen sind wir allerdings nicht sicher.«

»Vor Buschrangern doch wohl«, meinte lächelnd der Gast, »denn so viel ich weiß, hat man von solchen lange nichts gehört.«

»Lange nichts gehört?« rief Georg, »da in der neuesten Zeitung steht eine große Geschichte von einem, der entwischt ist, und auf dessen Einbringung oder Kopf die Regierung hundert Guineen gesetzt hat.«

»Hundert Guineen?« wiederholte erstaunt Mac Donald, »aber wie ist das möglich? Ich komme jetzt direkt von Melbourne und müßte doch von einem solchen ganz außergewöhnlichen Falle ebenfalls etwas gehört haben. Hundert Guineen – ich erinnere mich allerdings eines solchen Falles, aber – von welchem Datum ist denn Ihre Zeitung?«

»Von welchem Datum? Ich habe wahrhaftig noch nicht einmal nachgesehen«, erwiderte John, die fragliche Nummer dabei wieder unter den übrigen heraussuchend, »doch wohl – nun freilich, die Karren sind eine ganze Weile unterwegs gewesen. Ach, hier ist das Blatt. Vom 15. – ja freilich, das ist etwas spät – vom 15. Dezember vorigen Jahres.«

»Und jetzt haben wir April«, sagte der Gast, »ja, dann kann ihre Zeitung recht haben. Wie hieß der Bursche?«

»Jack London mit einer Anzahl alias«, sagte der Vater.

»Ganz recht; das ist derselbe. Der wurde aber bald darauf eingefangen, und der Fangpreis ist auch, soviel ich weiß, denen, die ihn einbrachten, richtig ausgezahlt worden.«

»Haben Sie den Mann einmal draußen im Walde gesehen?« fragte Ned, der Jüngste, der sich besonders für den Buschranger interessierte.

»Draußen nicht«, meinte Mac Donald,»und ich bin damit auch ganz einverstanden; in der Stadt aber wohl, wenn auch nur flüchtig, gerade als er gefangen eingebracht wurde.«

»Ich sähe für mein Leben gern einmal einen Buschranger hängen!« rief Bill mit leuchtenden Augen.

»Bill!« riefen Mutter und Schwester fast zu gleicher Zeit tadelnd aus. »Wer um Gottes willen hat den Knaben solche blutdürstigen Gedanken in das Herz gelegt?« setzte die Mutter noch schaudernd hinzu.

»Ängstigen Sie sich deshalb nicht, Mrs. Powell«, beruhigte sie Mac Donald. »Die Knaben wachsen hier im Busche auf und schwatzen nur nach, was sie von der eben nicht zarten Gesellschaft der Hirten, Schäfer und Ochsentreiber hören. Nur der jugendliche Übermut sprudelt heraus, und wird Bill einmal älter, so sieht er schon selbst ein, daß es eben nichts Wünschenswertes sein kann, einen Nebenmenschen – und wenn es ein Verbrecher wäre– vom Leben zum Tode gebracht zu wissen.«

»Dann sind die Schwarzen wohl auch unsere Nebenmenschen?« fragte Bill, halb trotzig, halb beschämt.

»Allerdings«, erwiderte Mac Donald freundlich, »und so wild sie sich manchmal benehmen, so würden wir an ihrer Stelle, und von einer anderen Menschenrasse so behandelt, oder vielmehr mißhandelt, wie wir sie mißhandeln, uns noch viel ungebärdiger, unfügsamer, vielleicht sogar grausamer zeigen als sie.«

»Das glaub' ich auch«, stimmte ihm Mr. Powell bei. »Die meisten Stationshalter betrachten aber wirklich die Schwarzen für wenig besser als die wilden Hunde, und vermehren dadurch nur die Feindschaft, erweitern den Riß, der leider schon unausfüllbar groß geworden ist.«

»Du bist besser mit ihnen, John«, sagte die Frau herzlich zu ihrem Manne, »du hast nie nach ihnen geschossen 17 oder sie mit Hunden gehetzt, und ich glaube, dem Umstand allein haben wir es auch zu verdanken, daß sie uns bisher so gänzlich in Ruhe gelassen und nie eine wirkliche Feindseligkeit versucht haben.«

»Liebes Kind«, sagte der Mann achselzuckend, »darauf allein dürfen wir nicht bauen, und ich verlasse mich dabei doch immer mehr auf die Furcht, die wir ihnen einflößen, als auf jene Dankbarkeit, zu der wir sie verpflichtet haben, wie du glaubst. Bedenke, daß ich, so gut wie alle übrigen Stationshalter, ihnen doch den größten Schaden zufüge, der ihnen nur überhaupt von den Weißen zugefügt werden kann. Daß ich persönlich freundlich zu ihnen bin und Rohheiten meiner Leute gegen sie nicht gestatte, kann das nicht gut machen. Wir haben sie mit unseren Herden von ihren Jagdgründen verdrängt, mit unseren Hunden ihr Wild, ihre Känguruhs, Emus und Wallobys vom Flusse weg in die Malleybüsche gejagt. Das vergessen uns die schwarzen Burschen nicht, können sie nicht vergessen. Wer sie noch außerdem persönlich reizt, hat sich die Folgen selber zuzuschreiben.«

»Das wissen Sie doch«, sagte Mac Donald, »daß ein ganzer Stamm von ihnen kaum eine halbe Stunde Wegs am Flusse lagert?«

»Wirklich?– nein, das wußte ich nicht«, sagte Mr. Powell lächelnd,»hätt' es mir aber allenfalls denken können, und heute abend werden wir ihre Feuer hier dicht bei uns haben, und ihren Tänzen zusehen können. Wenn die Zufuhren kommen, sind die Schwarzen auch nicht weit, darauf kann man sich fest verlassen.«

In diesem Augenblick klopfte es an die Tür, und auf das einladende »walk in!« des Hausherrn erschien der erste Stockman Mr. Bale auf der Schwelle und meldete, daß ein Stamm der Rufus-Schwarzen – dieselben, die im vorigen Jahr einmal ein paar Tage hier gelagert und bei ihrem Abschied ein halbes Dutzend Schafe mitgenommen hätten – im Anzug wäre, und, wie es schien, Lust habe, seine Gunyos (Rindendächer) hier aufzuschlagen.

»Ah, da sind sie also schon«, lachte Mr. Mac Donald, »die müssen mir dann gerade auf der Fährte gefolgt sein.«

»Ja, die schwarzen Halunken lassen nicht lange auf sich warten, wenn sie einmal irgendwo Tabak oder Brot riechen«, meinte der Stockkeeper. »Sollen wir sie denn zu der Station lassen, Sir? Ich dächte, wir litten die schwarzen Spitzbuben nicht so ganz in der Nähe?«

»Wie viele sind's ihrer wohl?« fragte Mr. Powell.

»Nicht so sehr viele«, lautete die Antwort, »vielleicht zehn Männer und fünfzehn oder sechzehn Frauen und Kinder. Der alte Krüppel ist auch wieder dabei und wandert auf seinen Händen rüstig mit. Der Bursche ist zäh wie rohe Haut.«

»Lassen Sie die Burschen nur heran«, sagte Mr. Powell gutmütig; »wenn sie uns lästig werden sollten, können wir sie bald wieder los werden.– Hier ist ein Brief für Sie mitgekommen, Mr. Bale«, brach er dann ab,»zwei sogar, wie ich sehe, und wenn Sie heute abend einige von den Zeitungen durchblättern wollen, stehen sie Ihnen ebenfalls zu Diensten.«

»Dank Ihnen, Sir«, sagte der Mann, indem er die Briefe anscheinend gleichgültig nahm und in die Tasche schob. Aber seine Augen glänzten, und über das derbe, sonnverbrannte Gesicht des Mannes, das ein kurz gehaltener, aber voller Bart mehr zierte als verdeckte, zog ein freundliches Lächeln.

»Wolle ist teurer geworden, wie ich höre, Sir?« sagte er dann, als er sich zum Fortgehen anschickte, »und Pferde sollen auch einen guten Preis bringen. Wie wär's denn, wenn wir einmal einen Trupp von ihnen, sobald das Gras ein bißchen mehr herauskommt, nach Adelaide hinunterjagen?«

»Ich habe auch schon daran gedacht, Mr. Bale«, erwiderte Mr. Powell,»zu riskieren haben wir kaum etwas dabei. Wissen Sie vielleicht, Mr. Mac Donald, wie die Preise standen, als Sie Melbourne verließen? Meine Berichte hier sind etwas sehr alt.«

»Gut– vortrefflich sogar, soviel ich weiß«, erwiderte der junge Mann.

»Vortrefflicher Grauschimmel, den Sie reiten, Sir«, sagte der Stockkeeper zu dem Fremden gewandt; »darf ich 19 fragen, was er gekostet hat?– Bitt' um Entschuldigung«, setzte er aber rasch hinzu, als er sah, daß der Gast leicht errötete.

»Sie können erfahren, was er mich gekostet hat«, lachte Mac Donald. »Ich bin kein Pferdehändler und habe deshalb auch kein Geheimnis aus dem Preise zu machen. Der Graue kostet mich mit Sattel und Zaum, wie er dasteht, gerade fünfzehn Pfund Sterling.«

»Vielleicht nicht zu viel für ein gutes Pferd«, sagte der Stockkeeper. Als Mr. Bale hinausgegangen war, drehte sich das Gespräch noch kurze Zeit um Pferde, Rinder und Wollpreise, bis Sarah die Bücher ausgepackt hatte, die einen ihrer Lieblingswünsche erfüllten.

Das Buch, das die Kugel getroffen hatte, ohne ihm jedoch wesentlichen Schaden zu tun, war »Lalla Rookh«. Nur durch Einband und Titel und die ersten Blätter des »verschleierten Propheten« war sie gefahren, und das Blei stak noch fest in der Umhüllung.

Mac Donald nahm die Kugel lächelnd in die Hand, betrachtete sie einen Augenblick und wollte sie dann in die eigene Tasche schieben, als Sarah ihre Hand auf seinen Arm legte und ihn mit freundlichem Blick ersuchte, sie ihr zu überlassen.

Mac Donald sah ihr lange ins Auge, bis sie ihren Blick vor dem seinen zu Boden schlug. Fast schien es, als ob es ihn Überwindung koste, die wertlose Kugel herzugeben. Endlich aber reichte er ihr das Stück Blei und sagte freundlich, aber mit einem fast wehmütigen Zug um die Lippen:

»Nehmen Sie die Kugel, Miss Powell.– Es ist auch vielleicht besser, ich gebe sie weg, damit sie mir nicht zum zweitenmal gefährlich werde.«

»Nun aber erzählen Sie uns auch«, bat Mrs. Powell, »wo in aller Welt Sie so lange gesteckt haben, und warum Sie gar nichts von sich hören ließen. Glauben Sie mir, wir ängstigten uns Ihrethalben.«

»Wo ich gewesen bin?« sagte Mac Donald achselzuckend. »Wo eigentlich nicht. Mein Plan war damals, wie Sie wissen, mich irgendwo als Squatter niederzulassen, eine eigene Heimat zu begründen. Zufällig hörte ich da auf dem Wege nach Melbourne von einer neu entdeckten prachtvollen Gegend für Viehzüchter, von einem Paradies für Schafe und Rinder – Gerüchte, wie sie im australischen Busch in Umlauf sind. Trotz all meinen Erfahrungen aus früherer Zeit ließ ich mich verleiten, der falschen Fährte nachzugehen, und verbrachte mit ein paar Leidensgefährten eine lange trostlose Zeit im trockenen Malleybusch. Bald spürten uns auch die Schwarzen auf, und nur mit Mühe und Not entgingen wir endlich der doppelten Gefahr des Verschmachtens und ihrer hölzernen Speere, von denen einer meiner Gefährten ziemlich arg, wenn auch nicht lebensgefährlich, verwundet wurde.«

»In welcher Gegend war das?« fragte Mr. Powell, der sich besonders für diesen Bericht über einen neuen Weidegrund interessierte.

»Zwischen dem Hindmarsch- und dem Curon-See«, erwiderte Mac Donald.

»Ich habe immer gedacht, daß dort noch einmal eine gute Stelle aufgefunden würde!« rief Mr. Powell, von seinem Stuhl aufspringend – »und Sie fanden gar nichts?«

»Schwarze genug, aber keinen Tropfen Wasser für uns und die Tiere, außer wenn wir zum Hindmarsch-See zurückkehrten, um dort unsere Gefäße wieder zu füllen und unseren Pferden Ruhe zu gönnen.«

»Dann sind Sie auch nicht weit genug im Innern gewesen; ich bin fest überzeugt, daß innerhalb jener beiden Seen irgendwo ein alter Wasserlauf und noch feuchtes Land liegen muß. Wäre ich nur bei Ihnen gewesen!«

»Danken Sie Gott, daß Sie es nicht waren«, erwidere Mac Donald ernst; »ich möchte die Zeit nicht noch einmal durchleben.«

»Und haben Sie es jetzt aufgegeben, einen passenden Weideplatz zu finden?« fragte die Mutter den jungen Mann mit vieler Teilnahme,»oder führt Sie gerade deshalb Ihr Weg hierher zurück?«

»Ihnen kann ich offen gestehen, daß es allerdings mein Plan ist, hier irgendwo am Murray noch einen Weidegrund aufzufinden, obgleich die besten Stellen schon lange in Besitz genommen sind.«

»Und ich gestehe Ihnen, daß ich niemanden lieber zum Nachbarn hätte, als gerade Sie«, erwiderte ihm herzlich Mr. Powell.

Ein lautes »Ku–ih!« von draußen, der gewöhnliche Zuruf der Schwarzen untereinander, den sich übrigens auch die Weißen im Innern des Landes angeeignet haben, tönte in diesem Augenblick herüber.

»Aha, da sind unsere schwarzen Gäste schon«, lachte Mr. Powell; »das ließ sich denken, daß die nicht viel Zeit versäumen würden, von der erhaltenen Erlaubnis Gebrauch zu machen. Übrigens tun sie höchstens beim Abziehen einigen Schaden, denn solange sie an der Station lagern, hüten sie sich, von fremdem Eigentum etwas anzurühren.«

»Wenn sie das aber beim Abschied tun, so setzen sie sich doch stets, sollten sie den Platz einmal später wieder besuchen, einem rauhen und unfreundlichen Empfang aus«, meinte Mac Donald.

»Daran denken sie nicht«, erwiderte Mr. Powell. »Die Burschen haben untereinander übrigens irgendeine Art von moralischem Gesetzbuch und irgendwelche Bestimmungen und Ordnungen. Nach dem, was ich bis jetzt von ihnen gesehen und erlebt habe, scheint es mir, daß hinsichtlich solcher und selbst anderer, schwerer Vergehungen eine Art Verjährungsrecht unter ihnen besteht. So sind mir mehrere Fälle vorgekommen, daß Schwarze, nachdem sie einen Weißen erschlagen, plötzlich spurlos aus der Gegend verschwanden und nicht wieder aufgefunden werden konnten, bis sie plötzlich, gewöhnlich nach sechs Monaten, ganz ungeniert wieder zum Vorschein kamen, und so unbefangen mitten in die Polizei hineinliefen, als ob sie mit der ganzen früheren Sache von Mord und Blut auch nicht das mindeste zu tun gehabt hätten.«

»Das allerdings gäbe auch mir den Schlüssel zu manchen von ihren Handlungen«, sagte Mac Donald, »aber wollen wir nicht einmal lieber zu ihnen hinausgehen? Aufrichtig gesagt, kam mir heute, als ich an dem Stamm vorbeiritt, der Gedanke, ob ich nicht einen oder zwei von diesen Burschen bewegen könnte, mit mir in den Busch zu gehen und nach einem Weidegrund zu suchen.«

»Ich würde Ihnen doch nicht raten, sich mit ihnen einzulassen«, sagte Mr. Powell.

»Trauen Sie ihnen um Gottes willen nicht«, warnte ihn auch Mrs. Powell, »sie sind alle falsch, selbst die besten unter ihnen, und sollten Sie sich einen der schwarzen Menschen noch so sehr zu Dankbarkeit verpflichtet haben, so dürfen Sie es doch nicht wagen, ihm, wenn Sie mit ihm allein sind, den Rücken zuzukehren. Hat er eine Keule in der Hand, so kann er der Versuchung nicht widerstehen, Sie zu Boden zu schlagen.«

»Das sind einzelne Fälle«, sagte Mac Donald; »ich kenne dagegen andere Beispiele, nach denen sich Schwarze treu und ehrlich bewiesen haben, allerdings immer nur während eines sehr kurzen Zeitraumes, denn daß ihnen auf die Länge zu trauen wäre, möchte ich selbst nicht behaupten. Aber sorgen Sie sich nicht um mich. Wenn ich wirklich einen Schwarzen mit mir in den Busch nehme, wähle ich mir auch einen Mann heraus und bin dann vorsichtig genug, mich mit ihm auf solch einen Fuß zu stellen, daß er nur dann seinen Vorteil findet, sobald er sich mir eben treu zeigt.«

»Sobald Sie das können, sind Sie geborgen«, lachte Mr. Powell, indem er seinen Strohhut aufsetzte, »und nun wollen wir, wenn es Ihnen recht ist, einmal hinüber zu den Schwarzen gehen, die dort schon, wenn ich nicht sehr irre, ihre Gunyos herstellen und ihre Feuer anzünden. Zum Mittagsbrot sind wir wieder zurück.« Den Arm seines Gastes nehmend, schritt er gleich darauf mit diesem über den Vorplatz, der vor dem Stationsgebäude lag, hinweg und dem nächsten, sich den Häusern anschließenden Dickicht zu, von welcher Richtung her das Hacken der Beile, aufsteigender Rauch und wildes Hundegekläff die Nähe der Schwarzen verkündete.

3

Kaum vierhundert Schritt von Mr. Powells Stationsgebäude entfernt begann der »Busch« – das heißt, einzelne starke Gumbäume standen dort parkähnlich zerstreut auf einer ziemlich zerstampften, nicht mehr mit Gras bedeckten Uferfläche des Murray, während ein niederes Unterholz von starren, Gott weiß weshalb so genannten Teebüschen und besenartigem Gesträuch hier und da in kleinen Gruppen oder Dickichten zusammenwuchs.

Dicht von dem hier ziemlich schmalen Waldstreifen und vom Flusse ab, den Malleyhügeln zugekehrt, lief ein kleiner sandiger, fast kahler Hügelrücken hinauf, der zugleich die westliche Grenze der Station bildete, und dicht unter diesem, noch im Schütze der Gumbäume, waren die Schwarzen eifrig beschäftigt, die dickstämmigen Gums abzuschälen und. ein Lager mit ihrer Rinde herzustellen.

Allerdings schützten diese Rindenstücke die darunter Liegenden nur nach einer Seite gegen Wind und Wetter und die heißen Strahlen der Mittagssonne, und die nackte Erde, nur selten mit einem Opossumfell als Unterlage, war das Bett. Was aber kümmerte das die abgehärteten und an Wind und Wetter gewöhnten Kinder dieser trostlosen Gumwälder! Sobald sie nur genug hatten, ihre Bäuche zu füllen – welcher Art die Speise auch war –, um das übrige trugen sie keine Sorge.

Von dem Eigentümer der Station nahmen sie weiter keine Notiz. Alle Hände voll hatten sie zu tun, um ihr Nachtquartier instand zu setzen, und als die Rindenblätter standen, wurden vor jeder einzelnen Gunyo Feuer angezündet zur Bereitung des Mittagessens, obgleich an Lebensmitteln, ein erlegtes Walloby und zwei Opossums ausgenommen, nichts zu sehen war.

Der australische Wald oder »Busch« ist eine traurige Heimat für den Wilden, dem er wenig mehr bietet als Feuerholz und ein Stück Rinde, um sich gegen das Wetter zu schützen. Waldfrüchte wachsen gar nicht darin. Die wenigen, die in Form oder Farbe einer Frucht wirklich ähnlich sehen, sind ungenießbar, und entweder hart wie Holz und ebenso saftlos, oder wollig und fade von Geschmack. Natürlich muß der Eingeborene, was ihm der Wald an Früchten versagt, in der Insektenwelt suchen, und Larven und Käfer, Maden, Engerlinge und Raupen sind vor seinem Hunger niemals sicher. Sie essen überhaupt alles, was ihnen nur irgend vorkommt und genießbar erscheint.

Die Gunyos oder Rindenzelte waren dem Anschein nach unregelmäßig unter den Bäumen aufgestellt, alle das Schutzdach der Richtung zukehrend, von welcher der Wind herwehte. Sorgfältiger als die übrigen schien nur ein einziges Lager hergerichtet. Dort hauste eins der merkwürdigsten Wesen, das die schwarzen Stämme unter sich aufzuweisen hatten. Es war ein Krüppel, und zwar infolge jener, dem australischen Kontinent eigentümlichen Krankheit, bei der das Fleisch der Arme und Beine, gewöhnlich eines Beines oder eines Armes, unter der Haut wegschwindet und den auf diese Weise angegriffenen Teil wie ein Skelett erscheinen läßt.

Die Schwarzen schreiben das übernatürlichen Kräften und bösen Geistern zu, die heimlich und bei Nacht herbeischlichen und mit gierigen Lippen an den Gliedern solcher Unglücklichen sogen.

Der schwarze Bursche nun, der zu diesem Stamme gehörte, war schlimmer heimgesucht und durch den bösen Geist des Gebrauches beider Beine beraubt worden. Wenn auch der Oberkörper bis zu den Hüftknochen hinab völlig gesund, ja sogar stark und kräftig schien, mit breiter, gewölbter Brust und muskulösen Armen, so waren die Beine dagegen zum Skelett zusammengeschrumpft. Dadurch wurde er gezwungen, sich mit den Händen fortzubewegen, auf denen er, während er die Beine kreuzweise zusammenlegte, anscheinend ohne sehr große Beschwerde ging. Bei längeren Märschen erleichterte es ihm der Stamm übrigens dadurch, daß man ihn da, wo der Boden es erlaubte, auf ein Stück Rinde setzte. Dieses, von den Frauen gezogen, unterstützte ihn bei seinem Fortbewegen.

Verkrüppelte, besonders Blinde, werden von den Schwarzen keineswegs besonders geachtet. Hier bei diesem Unglücklichen jedoch, der selbst der Fähigkeit beraubt schien, sich zu ernähren, mußten andere Umstände obwalten, denn der Stamm bewies ihm nicht allein die größte Achtung und Aufmerksamkeit, sondern betrachtete ihn fast als ein höheres, jedenfalls mit den Geistern in enger Verbindung stehendes Wesen.

Besondere Fähigkeiten besaß er jedenfalls, und obgleich der Stamm nur selten mit den Weißen verkehrte, so hatte sich dieser Unglückliche doch so viel von der Sprache des fremden Volkes angeeignet, daß er sich recht gut, ja fast geläufig mit ihnen verständlich machen konnte. War es deshalb, oder vielleicht wegen seines Verkehrs mit den Geistern der Nacht, mit denen er, wie die Eingeborenen glaubten, stete Verbindung unterhielt, und zwischen denen und seinem Stamm er vermittelte, jedenfalls hatte er den Namen Nguyulloman, »der Dolmetscher«, erhalten mit dem Ehrentitel Burka, der alte Mann. Keine Beute wurde in das Lager gebracht, kein feistes Känguruh, kein rundes Opossum, kein Netz voll schneeweißer Engerlinge, von denen er nicht sein Teil als schuldigen Tribut bekommen hätte.

Nguyulloman nahm das auch an als eine Sache, die sich von selbst verstand, und forderte sogar Ehrerbietung von den Seinen, die sich nicht regen durften, wenn er manchmal nachts unter seinem einsamen Rindendache mit tiefer hohltönender Stimme seine Beschwörungen in den dunklen Wald hineinsang. Nur die Hunde heulten dazu, denn sie fürchteten den verkrüppelten Mann, der mit nie fehlender Sicherheit Steine und Holzstücke nach ihnen schleuderte, so oft sie nur in die Nähe seiner Hütte kamen.

Nguyulloman saß vor seinem Rindendach auf einem Mantel von Opossumfellen, und schaute aufmerksam einer Anzahl kleiner schwarzer Burschen zu, die trockenes Holz für ihn herbeischleppten und in den Bereich seines Armes schoben, damit er es selber auf sein Feuer werfen konnte.

Abends nach Dunkelwerden durfte niemand, den er nicht herrief, zu seiner Hütte kommen.

Die beiden Weißen schritten auf diesen Platz zu, um den sich auch einige der Burkas oder alten Männer versammelt hatten.

»Nun, Nguyulloman«, sagte Mr. Powell, der den Krüppel schon von früher kannte und ihm manches Gute erwiesen hatte,»auch wieder einmal hier? Wie ist es gegangen die Zeit über?«

»Gut, Master«, sagte der Wilde mit einer merkwürdig reinen Aussprache der Worte, wie sich die australischen Schwarzen überhaupt darin auszeichnen, ein ungemein empfängliches Ohr für fremde Klänge zu haben. »Tausend gut– aber Stamm ist arm– hat kein Känguruh mehr und kein Emu– weiße Männer haben alles fortgejagt– und viel Krieg mit Darling-Schwarzen– böse Schwarze – haben viel Butter genommen. Arme Rufus-Schwarze sind übel dran.« [Fußnote]Butter ist die Bezeichnung für alles, was fett ist. Besonders wird das Nierenfett der Menschen – darunter verstanden, welches die Schwarzen dem überwundenen Feinde ausreißen und sich damit bestreichen, indem sie dabei dessen Stärke auf sich zu übertragen vermeinen.

»Nun«, sagte Mr. Powell freundlich, »Nguyulloman soll heute wenigstens keinen Hunger leiden. Ich habe euch erlaubt, hier auf meiner Station zu lagern, und ich hoffe, daß ihr euch die kurze Zeit, die ihr hier bleibt, gut aufführen werdet. Ich weiß, Nguyulloman kann seinen Stamm zwingen, es zu tun, denn er hat Macht über ihn.«

Ein flüchtiges Lächeln stahl sich über die dunklen Züge des Schwarzen, als er zwischen den buschigen Augenbrauen hindurch, ohne den Kopf zu heben, zu dem Weißen aufsah. Endlich erwiderte er langsam:

»Nguyulloman soll keinen Hunger leiden?«

»Nein – denn mein Stockkeeper mag dafür sorgen, daß euch heute drei Hammel und ebensoviele Damper [Fußnote]ein Gebäck aus Weizenmehl und Wasser gegeben werden.«

»Butscheri!« sagte Nguyulloman mit augenscheinlicher Befriedigung, indem er einigemal langsam mit dem Kopfe nickte – »Butscheri! Kein Speer wird von uns auf euer Vieh geworfen werden. Meine jungen Männer werden weder deine Rinder noch Pferde essen. Nguyulloman wartet auf die Damper!«

Mac Donald lachte.

»Wetter, wen haben wir da!« rief er erstaunt, als sein Blick über die übrigen Schwarzen schweifte und dort der Gestalt eines vollkommen nackten Wilden begegnete, der, vielleicht zehn Schritt von ihnen entfernt, auf seinen langen hölzernen Speer gelehnt stand. Der Körper des etwa dreißigjährigen Mannes war tadellos schön; sein Gliederbau ebenso kräftig wie wohlgestaltet, Hand und Fuß sogar klein und zierlich, während die Augen wie ein paar dunkle Kohlen unter dem lockigen rabenschwarzen Haar hervorfunkelten. Aber das Merkwürdigste an ihm war der Bart, der ihm nicht allein vorn bis auf die Brust herabfiel, sondern auch den Hals, die Schultern und den obern Teil des Rückens vollständig bedeckte.

»Kakurru!« rief Mac Donald in der Sprache der Eingeborenen. »Wie kommst du hier zwischen die Rufus-Schwarzen? Hast du die wilden Sümpfe der Encounterbai verlassen und Frieden mit deinen alten Feinden geschlossen?«

»Kakurru hat die Augen des weißen Mannes gesehen und seine Stimme gehört«, erwiderte der Schwarze, »aber das Gesicht ist ihm fremd geworden. Es hat gewechselt wie der Mond.«

»Hallo, Mr. Mac Donald!« rief jetzt sein Gastfreund erstaunt aus, »wo in aller Welt haben Sie die Sprache der schwarzen Burschen so vortrefflich gelernt? Sie sprechen ja so geläufig wie ein Eingeborener.«

»Langer Aufenthalt zwischen ihnen einesteils, und ein wohlangeborenes Talent, fremde Sprachen zu erlernen, möchten als Ursache gelten«, sagte Mac Donald lächelnd. »Übrigens ist ihre Sprache nicht schwer, und mit einiger Aufmerksamkeit kann man es leicht dahin bringen, sich verständlich zu machen.«

»Allerdings haben Sie recht, aber was sollen wir mit dem Kauderwelsch anfangen? Aber kennen Sie den Burschen?«

»Ja; ich habe ihn einst an der Encounterbai getroffen und ihm auch, wie ich wenigstens glaube, damals einen Dienst geleistet. Er scheint mich aber ebenfalls kaum wieder zu erkennen, denn ich trug damals keinen Bart.«

Kakurru hatte indes sein Auge nicht von der Gestalt des Fremden gewendet, der ihn in seiner eigenen Sprache angeredet, und auch die übrigen Schwarzen blickten staunend zu ihm empor. Es war der erste Weiße, den sie geläufig die Sprache eines ihrer Stämme reden hörten.

»Kommen Sie fort von hier, Mr. Mac Donald«, sagte jetzt Mr. Powell, seinen Arm ergreifend.

»Ihr werdet Damper bekommen«, wandte sich Mac Donald an die Schwarzen und dann noch einen Blick auf den bärtigen Wilden zurückwerfend, der regungslos in seiner Stellung verharrt war, sein Auge aber nicht von dem Weißen weggewendet hatte, schritt er mit Mr. Powell nach dem Hause zurück.

Kaum hatten die beiden Männer ein paar Schritte getan, als Kakurru sich langsam aufrichtete und, den Speer in der Rechten haltend, vorsichtig hinter ihnen herging. Nur die im trockenen Lehm und Sandboden zurückgelassene Spur des jungen Weißen behielt er dabei im Auge, bis er zu einer Stelle kam, an der die Fährten klar und rein abgedrückt waren. Hier blieb er stehen, beugte sich einige Minuten aufmerksam darüber, maß sie dann mit seiner Hand, indem er auf eine eigentümliche Weise die Knöchel darüber drückte, und sprang dann plötzlich, während ein triumphierendes Lächeln über seine Züge flog, empor und hinter den Weißen her, die er in wenigen Sätzen eingeholt hatte.

Mac Donald hörte die Schritte hinter sich und drehte sich rasch danach um. Als er Kakurru erkannte, blieb er stehen.

»Nun, was willst du?« fragte er, ihn lächelnd betrachtend.

»Jack!« sagte aber dieser und streckte ihm die linke Hand entgegen– »Jack gewiß!«

»Alle Wetter!« rief der junge Mann, »so hat der Bart dir mein Gesicht doch nicht genug versteckt gehalten!«

»Bart gewiß, aber die Füße nicht«, lachte der Schwarze, auf die Fährten niederzeigend – »Kakurru kennt sie, wenn er sie ein einziges Mal gesehen.«

»Was sagt er?« fragte Mr. Powell erstaunt.

»Er hat mich nach meinen Fußstapfen wiedererkannt«, erklärte ihm Mac Donald, »man sollte es kaum für möglich halten.«

»Doch, doch«, erwiderte Powell. »Es ist erstaunlich, was die schwarzen Burschen darin leisten, und die Fährte eines Menschen merken sie sich auch fast rascher als sein Gesicht. Der Bursche scheint Ihnen aber noch etwas sagen zu wollen.«

»Ich komme nachher wieder zu dir, Kakurru«, nickte ihm ohne weitere Erwiderung Mac Donald zu, und schritt dann mit Mr. Powell zum Hause zurück.

Wie lebendig es aber jetzt in dem Lager der Schwarzen zuging. Die Frauen schleppten Holz herbei und die Männer lagen schon lange auf dem Rücken, der Dinge harrend, die da kommen sollten. Die Schafe waren ihnen einmal versprochen worden und mußten nun auch kommen. Und sie kamen auch, aber nicht so bequem, wie es die Schwarzen erwartet hatten.