Die Berglöwin - Jean Stafford - E-Book

Die Berglöwin E-Book

Jean Stafford

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Beschreibung

Die achtjährige Molly und Ralph, ihr zehnjähriger Bruder, sind unzertrennlich. Gemeinsam setzen sie sich gegen die nervigen Routinen des Schulalltags zur Wehr, gegen ihre überkorrekte Mutter und die zimperlichen älteren Schwestern. Und vielleicht sogar gegen den Rest der Welt. Eines Sommers werden sie aus ihrem vornehmen Vorort von Los Angeles nach Colorado geschickt, wo ihr Onkel eine Ranch besitzt. Dort lernen die Kinder eine hinreißende neue Welt kennen – wild, schön und ungezähmt.Als ihrer beider Kindheit zu Ende geht, träumt Molly vom Erwachsensein und davon, Schriftstellerin zu werden, während Ralph seine wachsende Männlichkeit verspürt. Kindliche Unschuld und drängende Jugend stürzen unausweichlich auf ein verheerendes Ende zu.Garth Greenwell liest und bespricht einen Ausschnitt aus Jean Staffords Kurzgeschichte »The Shorn Lamb« (1953) im New Yorker

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Seitenzahl: 354

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Jean Stafford

Die Berglöwin

Roman

Aus dem Amerikanischen von Adelheid und Jürgen Dormagen

Mit einem Nachwort von Jürgen Dormagen

DÖRLEMANN

Die amerikanische Originalausgabe »The Mountain Lion«erschien 1947 bei Harcourt, Brace and Co., New York.        

Für Cal und Dick

  Neuübersetzung Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten © 1947, 1972 by Jean Stafford © 2020 Dörlemann Verlag AG, Zürich Umschlaggestaltung: Mike Bierwolf Porträt Seite 5: Jean Stafford, 1945, © Granger Historical Picture Archive / Alamy Stock Photo Satz und eBook-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde ISBN 978-3-03820-972-0www.doerlemann.com

Inhalt

CoverTitelei und ImpressumPorträtMotto123456789»So gar nichts von einer Blume«AnmerkungenZur Autorin und zu ihren ÜbersetzernZum Buch

Jean Stafford

 

Ein Freund liebet allezeit

Und ein Bruder wird in der Not erfunden.

Sprüche Salomos 17,17

1

Ralph war zehn und Molly acht, als sie Scharlach bekamen. Ihnen blieb davon eine Art Drüsenstörung, nichts Bösartiges, aber die meiste Zeit waren sie halb vergiftet, und häufig hatten sie schlimmes Nasenbluten, sodass sie von der Schule nach Hause geschickt werden mussten. Fast immer hatten sie gleichzeitig Nasenbluten. Ralph stolperte dann heftig blutend auf den Flur und traf dort auf Molly, die aus dem Drittklässler-Zimmer herausstürzte und ein zerknülltes, blutgetränktes Taschentuch an die Nase presste. Ihre Mutter konnte den Anblick von Blut nicht ertragen, und ihr Kummer, wenn sie beide auf der Zufahrt herantrotten sah, nahm nicht ab, selbst als dieses mittägliche Heimkommen zur Gewohnheit geworden war. Jedes Mal flehte sie die Kinder an, sie doch anzurufen, damit sie Miguel, den Vorarbeiter, mit dem Auto schicken konnte. Aber das taten sie nie, denn sie fanden es gerade schön, nach Hause zu gehen und sich dabei ihren Geschwistern Leah und Rachel wohlig überlegen zu fühlen, die noch in der Schule eingesperrt waren und nichts anderes zu tun hatten, als heimlich Wachs zu kauen.

In dem auf ihre Krankheit folgenden September und an dem Tag, wo Grandpa Kenyon, der Stiefvater ihrer Mutter, zu seinem jährlichen Besuch erwartet wurde, begegneten sie sich mit blutenden Nasen vor dem Lehrmittelraum für Kunst, und als sie durch die offene Tür Miss Holihan mit einem Bogen Manilapapier am Papierschneider sahen, gingen sie auf Zehenspitzen und leise kichernd bis zur Treppe und stürmten dann los. Sobald sie draußen im leeren Schulhof standen, beglückwünschten sie sich; Molly musste keinen Apfel auf Miss Holihans Papier zeichnen und Ralph würde das Schönschreiben und die Singstunde verpassen. Dabei würden sie nicht einmal davon profitieren, ein paar Stunden früher als der Schulbus zu Hause aufzutauchen, da Grandpas Zug erst am späteren Nachmittag in Los Angeles ankam, und dann dauerte es noch eine Stunde, bis Miguel mit ihm im Willys Knight die Zufahrt herauffuhr. Und so trödelten sie noch langsamer als sonst, unsicher, ob sich zu Hause etwas Fesselndes für sie finden ließ, sicher dagegen, dass ihre Mutter, wie immer bei Besuch wuselnd und plappernd, stinksauer sein würde, wenn sie jetzt erschienen.

Es war eine enge, sich windende Landstraße, die sie entlanggingen. Auf der einen Seite liefen kleine klare Wassergräben, die Geräusche machten wie ein Mund. Ab und zu blieben sie stehen und tippten ihre Taschentücher hinein und wischten sich das Blut von Händen und Armen. Zu ihrer Rechten war ein Orangenhain, der zu allen Jahreszeiten einen schweren Duft ausströmte und wo sie manchmal einen Schwarm von so prächtigen, ungewöhnlichen Vögeln sahen, dass sie wohl aus der Südsee oder aus dem Westen, aus Japan hergeflogen sein mussten. Einige der kleinen pyramidenartigen Bäume standen immer in Blüte und einige trugen immer Früchte. Heute war ein Mann auf einer Leiter im Hain, und als er sie kommen hörte, drehte er sich um. Er nahm den Hut ab und fuhr sich mit dem Ärmel seines schwarzen Hemds über die Stirn und rief: »Na, ihr Kleinen«, aber weil er Mexikaner war, antworteten sie nicht und liefen verängstigt weiter, bis sie sein spöttisches Lachen nicht mehr hörten.

Als Nächstes kamen sie an Mr Vogelmans großer blitzsauberer Milchfarm vorbei. Mr Vogelman war ein dicker Deutscher, der einen weißen Arbeitskittel trug und der einmal von einer Gruppe Zweitklässler mit Steinen beworfen worden war, als sie erfuhren, was die Hunnen den Belgiern angetan hatten. Ihre Mütter hatten ihm in ihrer Befürchtung, er könnte sich rächen, indem er die Milch mit Tuberkulosebakterien infizierte, eine Entschuldigung geschrieben. Da die Protestaktion aber an Halloween stattgefunden hatte, hatte Mr Vogelman sie missdeutet und den Brief überhaupt nicht verstanden. Er hatte Guernsey-Kühe, deren Fell in der Sonne metallisch glänzte, nicht so gelb wie Bananen und nicht so bläulich wie Milch, sondern etwas dazwischen. Heute stand da ein Kalb nahe am Zaun, das rehäugige Gesicht zeigte einen Ausdruck melancholischen Erstaunens, als es die starrenden Menschenkinder sah. Seine empörte Mutter muhte sie lautstark an, ihre großen schwarzen Nüstern weit aufgebläht, und sie rannten davon, auch wenn sie ihre Angst vor Kühen nie zugegeben hätten. Sie kannten einen Witz, den sie im The American Boy gelesen hatten, und als sie in sicherer Entfernung von der Weide waren, erzählten sie ihn abwechselnd.

Ralph: »Treffen sich zwei Kühe.«

Molly: »Auf einmal macht die erste: ›Muuuuh‹.«

Ralph: »Darauf die zweite:«

Molly: »Dass mir auch jeder das Wort klauen muss!«

Sie lachten so heftig, dass sie sich an den Straßenrand setzen mussten und sich den Bauch hielten, und vor Lachen bluteten ihre Nasen doppelt stark, und sie krümmten sich und wischten sich mit den Taschentüchern wie wild das Blut und stöhnten: »Aua! Aua!« Als sie sich endlich eingekriegt hatten, sagte Ralph: »Den Witz, den werde ich Grandpa erzählen«, und Molly darauf: »Ich auch.« In letzter Zeit war Ralph ihr gegenüber oft gereizt: Wenn er einen Witz erzählt hatte oder etwas Interessantes, wiederholte sie es unmittelbar danach, sodass für die anderen keine Zeit blieb, zu lachen oder zu staunen. Und nicht nur das, sie hatte unzählige Male seine Träume erzählt und so getan, als wären es ihre eigenen. Er wollte nicht, dass der Witz mit den Kühen verpuffte, und darum willigte er nach einem Zögern ein, dass sie den Witz gemeinsam mit ihm aufsagen würde, wie gerade eben. Er war nicht so lang wie einer der Sketche über Schwarze, die Leah und Rachel zusammen vortrugen, doch viel lustiger, und sie waren sich sicher, Grandpa müsste lachen in seiner dröhnenden Art und sich aufs Knie schlagen mit den Worten: »Donnerwetter, der ist gut.«

Sie schwelgten weiter in Gedanken an Grandpa und wirbelten fröhlich den weißen Staub der Straße auf, bis ihre Halbschuhe ganz pudrig aussahen, selbst die Schnürsenkel. Neben der Milchfarm war eine tiefe trockene Rinne, die »The Wash« hieß. Sie war durch eine Überschwemmung entstanden, die im Frühling des Jahres, als Leah drei war, gewütet hatte, aber sie hatten die Einzelheiten von den Verwüstungen so oft gehört, dass sie überzeugt waren, ihre Eindrücke entsprangen der Erinnerung und nicht den Erzählungen von ihrer Mutter und deren Freundinnen, die, wenn es nichts Neues zu bereden gab, zu den Nervenkitzeln der Vergangenheit zurückkehrten. Mr Fawcett hatte mit dem Pferd Babe, das schon lange tot war, ein reißendes Flüsschen durchquert, um eine alte Frau zu retten, deren Haus bald darauf weggeschwemmt wurde. Er brachte sie, die quer wie ein Futtersack über seinem Sattel hing, heim und beatmete sie künstlich auf dem Küchenboden. Abertausende von Finken flogen aus dem strömenden Regen heran und ließen sich auf der Veranda nieder; es waren so viele, hatte Vater gesagt, dass es wie in einem richtigen Vogelschutzgebiet aussah; Fuchsia war gerade dabei, einen Kirschkuchen zu backen, und Vater fragte sie, ob sie nicht zwei Dutzend Finken in den Teig kneten wollte. Ein Grapefruitbaum mit Wurzeln und allen Ästen kam direkt aufs Haus zugeschwommen, und Vater pflanzte ihn neben den Sonnentank. Jedes Jahr trug er eine Grapefruit, kleiner als ein Golfball und fast genauso hart.

Auf dem Boden des Wash konnten Ralph und Molly hell glänzende Steine finden, rosafarbene, grüne, gelbe und blaue. Nach heftigem Regen schimmerte in den Lachen manchmal Katzengold. Seltsame, strohige, flachwurzelnde Blumen wuchsen überall auf den steilen Hängen und Malvenbüschel, die eine bittere Milch absonderten. Es gab eine Stelle, wo der Schlamm trocknete und keilförmig wie in Kuchenstücke zerbarst, und als Molly noch sehr klein war, dachte sie, dass hier die Sandwiches lebten. Alles Geheimnisvolle und Böse kam von dem Wash. Diese glatten farbigen Steine, die sie aufsammelten, waren in Wirklichkeit gestohlene Juwelen, und der Dieb war eine kohlschwarze Schreckgestalt namens Skalawag, die tagsüber in Mr Vogelmans Getreidesilo schlief, aber nachts Wache hielt. Sie wagten es nicht, in den Wash hinunterzuklettern, wenn sie Nasenbluten hatten, weil der Skalawag Blut riechen konnte, egal, wie weit entfernt er war, und er würde in null Komma nichts hinter ihnen herjagen. Und so gingen sie rasch und nur aus dem Augenwinkel hinschauend daran vorbei. Im vergangenen Herbst, als sie Grandpa Kenyon zum Wash mitgenommen hatten, hatte er gesagt: »Also, das ist doch mal was. Hier in Kalifornien, da wächst einfach zu viel Grünzeug. Aber das ausgetrocknete alte Flüsschen da unten, das ist immerhin etwas Reales.« Er ließ den Blick aus schwarzen Augen über die Szenerie schweifen und atmete flach, als wenn der süße Duft der Orangenblüten ihn beleidigte, und sagte: »Wenn ich mir vorstelle, dass es hier keinen Winter gibt! Da würde ich hundertmal lieber schnurstracks zur Hölle fahren, als dass ich das erste Schneegestöber nicht mehr erlebe.« Die Kinder waren ein bisschen verärgert und eingeschüchtert, und da er dies spürte, erklärte er ihnen – auch wenn sie nicht verstanden, was er meinte –, dass die hiesige Natur einem Mann keine echte Herausforderung bot. »Zum Beispiel meine Ranch im Panhandle. Nirgendwo auf der Welt ist die Natur widerborstiger als da, aber sie ist eine verflixt verwegene Schönheit.« Als er das Land gekauft hatte, gab es auf dem ganzen fünfundvierzigtausend Morgen großen Land nicht einen Tropfen Wasser, keinen Fluss, keinen Teich. Alle hatten gesagt, er wäre ein Dummkopf, wenn er das kaufte. Aber er stellte sich der Sache und kaufte das Land, und dann nahm er sich einen kleinen gegabelten Zweig von einer Stechpalme und wählte sich einen Platz auf einer Anhöhe aus, westlich von der Stelle, wo er sein Haus bauen wollte. Dort blieb er stehen und hielt in jeder Hand ein Ende seines gegabelten Zauberstabs. Nach einer Weile bog sich die Rute nach unten und zeigte ihm eine tiefe, klare Quelle an, die seitdem nie versiegt war.

Der Wash hatte danach für Ralph und Molly eine neue Bedeutung, und sie glaubten schließlich, der Skalawag sei so wachsam, weil er befürchtete, jemand könnte mit einer Wünschelrute auftauchen, und wenn Wasser erst einmal aufgespürt war, würden all seine Edelsteine weggeschwemmt. Wann immer sie daran vorbeigingen, und auch jetzt, dachten sie an Grandpas Ranch im Panhandle, und Ralph seufzte und sagte: »Menschenskind, ich möchte so gern einmal in den echten Westen.« Denn sie glaubten Grandpa Kenyon, als er ihnen gesagt hatte, Kalifornien sei nicht der echte Westen, sondern bloß so ein Extrading wie Florida und Washington D. C.

Zum Beispiel würde man im echten Westen nicht diesen Schnickschnack finden, für den Miss Runyon eine Schwäche hatte. Miss Runyon wohnte neben dem Wash in einem kleinen weißen Haus mit grünen Fensterläden und Begonien in den Fenstern, und Molly hatte es geliebt, bevor Grandpa es als »ganz schauerlich« bezeichnete. Der Blumengarten erstreckte sich bis an die Landstraße, und zwischen all den Beeten mit Phlox, Flockenblumen und Glücksklee standen lauter merkwürdige Geschöpfe: ein grüner Riesenfrosch, drei Heinzelmännchen, eine Ente und vier Entlein, zwei Blaukehl-Hüttensänger, groß wie Katzen, ein kleines holländisches Mädchen mit Sonnenhäubchen und ein Totempfahl. Über der Eingangstür hing ein Schild: »Herberge zum Tautropfen«. Neben dem Haus stand eine Hundehütte, die genauso aussah wie die »Herberge zum Tautropfen«, und das Schild über der Tür lautete: »Ausgestromert«, weil Miss Runyons Schäferhund Stromer hieß. Unter der Traufe der Veranda hing ein Vogelhäuschen im Baustil der beiden anderen, aber sein Name war weniger erfinderisch: Es hieß einfach »Zaunkönigs Haus«.

Miss Runyon war die Postmeisterin und als Original bekannt. Sie fuhr ihr Auto selbst, das sie augenzwinkernd »mein Untergestell« nannte. Sie aß weder Fleisch noch nahm sie Gewürze, denn sie war eine Anhängerin von Dr. Kellogg. Gelegentlich lud sie die Fawcetts zu einem abendlichen Picknick auf ihrem Rasen ein und tischte ihnen Hamburger auf, die aber aus zusammengepressten Kelloggsflocken mit nachgeahmter Kalbsfußsülze bestanden. Sie kam immer am Sonntagnachmittag vorbei, um die Zeitung zu lesen, und sie machte kein Geheimnis daraus, dass sie die Comics genauso mochte wie jedes Kind, und sie verschlang sie mit derselben feierlichen Hingabe wie Ralph, Molly, Leah und Rachel. Einmal sagte sie, sie habe die Nase voll von Elmer Tuggle mit seinem ewigen Baseballhandschuh; Happy Hooligan war ihr Favorit. Trotz ihrer demonstrativen Gutgelauntheit war sie sehr ängstlich und konnte nicht allein im Haus schlafen, und darum wohnte Mrs Haisan bei ihr, eine kleine Japanerin. Wenn Mrs Haisan einmal wegbleiben musste, übernachteten Leah und Rachel dort, freilich nur unwillig, denn beim ersten Mal, als sie bei ihr waren, blickte sie am späteren Abend plötzlich von ihrer Frauenzeitschrift auf und sagte angespannt: »Horcht mal! Ich habe gehört, wie jemand geschluckt hat!« Ralph und Molly hielten es für wahrscheinlich, dass es der Skalawag gewesen war, der da etwas geschluckt hatte, und was er alles geschluckt haben mochte, war so reich an Möglichkeiten und so erschreckend, dass sie den Namen nicht hören konnten, ohne zu zittern.

Mrs Follansbee, die Frau des Pastors, vermutete scherzhaft, Miss Runyon habe es auf Mr Kenyon abgesehen, und diese Annahme beruhte zum Teil darauf, dass sich die beiden Namen reimten. Es stimmte ja auch, sie hatte sie alle während Mr Kenyons Aufenthalten mehrmals zu einem Überraschungsbuffet eingeladen, aber sie waren nie hingegangen, denn wie Mrs Fawcett im Schoß ihrer Familie sagte: »Ich weiß wahrlich nicht, was ein so tüchtiger Esser wie Mr Kenyon täte, wenn er ein Abendessen aus lauter Körnern und Flocken serviert bekäme, einerlei, wie sie das kaschiert hat.«

Vielleicht, überlegte Ralph, könnte er Grandpa eine lustige Geschichte über Miss Runyon erzählen, keine wahre, sondern eine, in der er bloß ihren Namen benutzte, und er stand da, auf den Staketenzaun gestützt, und grübelte und ließ das Blut aus der Nase auf die Holzpfähle tröpfeln, sodass zwei davon wie blutige Speere aussahen, die ihr Ziel getroffen hatten. Oder vielleicht könnte er auch eine Geschichte über Mrs Haisan erzählen. Mrs Haisan hatte zwei Kinder im ähnlichen Alter wie er und Molly, sie wohnten bei ihrer Tante Hana, die klitzeklein war und Wäscherin bei Mrs Fawcett. Sie hießen Maisol und Maisako, und das eine war am 4. Juli geboren und das andere am 1. April. Eines schrecklichen Tages waren sie mit Hana zu den Fawcetts gekommen und hatten Ralph und Molly gedrängt, gemeinsam zum Wassermelonenfeld zu gehen, und dann hatten sie nicht nur eine unreife Melone mit einem Kittmesser aufgeschnitten, sie hatten auch Sachen gesagt und andere angedeutet, die so abscheulich waren, dass Ralph und Molly sich mit ihnen prügeln mussten. Sie gewannen natürlich ganz überlegen, weil die Japs-Kinder viel kleiner waren.

Ralph fiel kein einziger Witz ein außer dem mit den Kühen. Er machte Miss Runyons Haus eine lange Nase und sang: »Runyon didel dudel dadel rangehn, Dreibein, O-Bein, Krummbein, Runyon!« Und dann packte er seine Schwester bei der Hand und rannte wie der Wind mit ihr davon, da gleichzeitig Mrs Haisan am Eingang der »Herberge zum Tautropfen« und Stromer an der Tür seiner Hütte erschienen waren, und obwohl Stromer harmlos wie ein Marienkäfer war und Mrs Haisan ihnen höchstwahrscheinlich nur eine kandierte Kumquat schenken wollte, war die Vorstellung aufregender, dass sie wutentbrannt wie der Skalawag aus Haus und Hütte gestürmt waren, und sobald das Haus nicht mehr sichtbar war, kniete Ralph sich hin, legte das Ohr auf die Landstraße und sprang dann schreiend auf: »Hey! Die kriegen uns noch!«, und sie rannten ohne anzuhalten weiter, bis sie in ihre eigene Straße eingebogen waren.

Nach hundert Schritten konnten sie die Palmen sehen, die die Grenze ihres Grundstücks markierten. Auf dieser letzten Strecke dachte Molly aus irgendeinem Grund immer an den Redondo Beach, wo sie am Ende des Sommers einige Wochen verbrachten. Sie schaute hinauf in den leeren blauen Himmel und hatte das Gefühl, barfuß im heißen Sand zu laufen und Seesterne und Seeigel zu suchen, ängstliche Damen zu hören, die ihre ins Meer watenden Kinder zur Vorsicht mahnten, die wiederum knatschig zurückriefen, die Wellen seien doch gar nicht hoch. Der Gedanke an den Strand machte sie unruhig und wehmütig, und manchmal wimmerte sie sogar, weil sie sich an ein Gefühl seltsamen und irgendwie auch prickelnden Schreckens erinnerte, als ihr einmal eine Möwe zuzwinkerte und sie sah, wie sich ihr unteres Augenlid bewegte und nicht das obere. Aber heute weinte sie nicht: Ralph war zu fröhlich, um sie zu trösten, hatte sie bemerkt, und das einzig Schöne am Weinen war, von ihm umarmt zu werden und den säuerlichen Geruch von ledernen Hosenträgern und Jeans-Stoff einzuatmen und schaudernd seine warzigen Hände auf ihrem Gesicht zu spüren. Sie konnte sich immer dazu bringen, dass sie nicht traurig an den Strand dachte, sondern stattdessen an ihren toten Vater, an den sie keinerlei Erinnerung hatte, bloß wusste, dass er oben im Himmel bei Jesus war und sie, obwohl sie bei seinem Tod noch nicht geboren war, wie durch ein Wunder wiedererkennen würde, wenn sie im Himmel erschiene. Dies war der aufregendste Gedanke, den es für sie gab, und sie fantasierte wie wild darüber seit dem Tag, als sie und Ralph vereinbart hatten, nicht zu sterben, bevor er neunundneunzig Jahre alt war und sie siebenundneunzig, sodass sie, wenn sie nach oben kämen, viel älter als ihr Vater aussehen würden, der mit sechsunddreißig gestorben war.

Sobald sie die Zufahrt erreichten, begann Ralph mit dem Spiel »Totes Pferd«. Er sagte: »Ich sehe ein totes Pferd auf der Straße.« Molly darauf: »Ich sehe ein Pferd, das lebt.« Und Ralph: »Ich sage: Es ist tot, das Pferd.« Molly: »Ich sage: Es lebt, das Pferd.« Als sie an der Veranda ankamen, rief Ralph: »Und ich: Aas, das Pferd!«, und Molly kreischte hysterisch: »Mutter! Ralph hat schon wieder ein totes Pferd gegessen!« Aber ihre Mutter saß nicht wie sonst auf der Veranda, und sie schauten sich stumpf vor Verlegenheit an.

Sie hätten wissen sollen, dass sie in der Küche war und alles für Grandpa vorbereitete. Und jetzt konnten sie hören, wie sie in ihren hochhackigen Slippers über die Diele klackerte und bereits ahnte, was sie sehen würde, und ausrief: »Ich weiß wirklich nicht, womit …!« Und dann stand sie an der Tür mit dem Fliegengitter, die Hände seitlich in die schmale Taille im perlgrauen Rock gestützt, unfähig zu entscheiden, ob sie wütend oder besorgt sein sollte, einen Augenblick lang zu erregt, um ein Wort zu sagen. Die Kinder warteten an der untersten Stufe wie wohlerzogene Hunde, und da ihre Mutter ihre Demut sah, zog sie es vor, besorgt zu sein, und rauschte die Treppe hinunter, umarmte sie, aber ganz vorsichtig, damit ihre weiße gesmokte Hemdbluse keinen Blutspritzer abbekam. Sie roch nach Iriswurzel und Lebkuchen, und die schnuppernden Kinder spürten nun viel stärker, dass Besuch erwartet wurde, als am Morgen, wo sie gesehen hatten, wie Miguel weggefahren war, um den Zug rechtzeitig zu erwischen. Er war früh los, da er Delikatessen auf den Märkten von Los Angeles kaufen sollte; unter anderem würde es Schwarzkirschen und Türkischen Honig geben.

»Oje, die armen Kleinen!«, rief sie aus, und ihre blauen Augen füllten sich rasch mit Tränen. »Ach, meine Schätzchen, warum habt ihr nicht telefoniert? Warum müsst ihr eure Mutter so aufregen?«

Molly sagte: »Wenn wir telefoniert hätten, wäre das blöd gewesen, weil Miguel nicht hier ist und das Auto auch nicht, und selbst wenn das Auto hier wäre, wäre es noch immer blöd, weil niemand außer Miguel es fahren kann.«

Mollys Logik verärgerte Mrs Fawcett immer, und jetzt drängte sie die beiden ins Haus und nach oben ins Badezimmer, wobei sie lauter Stummelsätze ausstieß: »Ich weiß einfach nicht …!«, »Wie sehr ich mich auch bemühe …!«, »Und ausgerechnet heute, wo …!«.

Das Nasenbluten hörte fast immer auf, sobald sie nach Hause kamen, ein Phänomen, das Mrs Fawcett unterschwellig irritierte, und einmal hatte sie davon in Anwesenheit von Mr Follansbee gesprochen, der näselnd und glucksend geantwortet hatte: »Wissen Sie, Rose, das erinnert mich an meine heimgegangene Mutter, sie war stocktaub, außer wenn sie etwas hören wollte.« Weder Ralph noch Molly hatten die leiseste Ahnung, was er damit meinte, sie registrierten aber einen spöttischen Unterton in seiner Stimme, sie fürchteten und hassten ihn und gingen in Ralphs Zimmer hinauf, wo beide in Druckbuchstaben sieben Mal »Hochw. Follansbee« auf Zeichenpapierblätter schrieben und diese dann im vergoldeten Buddha-Räuchergefäß verbrannten.

Gewaschen und in Besuchskleidung gingen sie nach draußen und setzten sich unter die Schirmmagnolie für ihr Messerwurfspiel, wobei sie das Taschenmesser hastig verschwinden ließen, wenn ihre Mutter an der Tür erschien und ihnen zurief, sie sollten auf ihre saubere Kleidung achten und nicht zu viel Sonne abkriegen. Messerwerfen war verboten wie alles, was auch nur die geringste Möglichkeit einer Gefahr in sich barg, denn Großvater Bonney, ihr richtiger Großvater, war an Blutvergiftung gestorben. José, der Gärtner, beschnitt gerade die Palmen, und während er geschickt mit seinem Bananenmesser hantierte, sang er Lieder, von denen sie wussten, dass sie böse waren, obwohl sie kein Wort von dem Spanisch verstanden. Sie wussten es, weil er ein böser Mann war. Einmal hatte Rachel geträumt, dass er sie auf dem Fahrrad verfolgte, ohne die Hände am Lenker zu haben, und genau das Bananenmesser hatte er zwischen den Zähnen, die eine Hand schwang einen riesigen Schraubenschlüssel und die andere den Säbel aus dem Bürgerkrieg, der Großonkel Harry Fawcett gehört hatte, von dem sonst nichts bekannt war. Und einmal hatte José Ralph einen Hundesohn genannt und gedroht, ihm mit einem glühend heißen Schürhaken die Augen auszubrennen, wenn er noch einmal Beeren vom Bittersüßstrauch für sein Pusterohr stibitzen würde.

Budge, die freundliche Katze, lag schlafend am Rande des Froschteichs, und das einzige aus ihrem letzten Wurf verschont gebliebene Junge starrte gebannt ins schleimig grüne Wasser hinunter. Mrs Fawcett, die Tiere nicht einmal in deren angestammtem Revier mochte, glaubte, Budge habe Ralph und Molly die Scharlachkeime übertragen, denn wer weiß schon, was für Häuser sie auf der Suche nach Fressbarem und Katern besucht hatte, und sie hätte das Tier getötet, wenn Ralph nicht eines Morgens gehört hätte, wie sie sich unter seinem Fenster mit Miguel im Glauben unterhielt, er schliefe. Von Fieber geschwächt, war er ans Fenster getaumelt und hatte gerufen, falls Budge nicht mehr da sein sollte, wenn er über den Berg war, werde er, das verspreche er hoch und heilig, auf der Stelle zur Panhandle-Ranch fahren und nie mehr zurückkehren, nicht mal in tausend Millionen Jahren. Es gab Zeiten, da fürchtete Mrs Fawcett um den Verstand ihrer beiden jüngeren Kinder: Ihr Wesen zeigte so kalte Entschlossenheit, dass sie bei dem Gedanken zitterte, was sie tun mochten, wenn man ihnen in einer Sache entgegentrat, die ihnen sehr am Herzen lag. Woher mochte dieser Charakterzug stammen, sicher nicht von ihrer Seite der Familie, und auch wenn Mr Fawcett keineswegs ein Weichling gewesen war, so war er doch sehr sanftmütig und hatte immer auch die Gegenseite eines Arguments sehen können. Budge blieb. Und dann hatte die erstaunliche Molly eines Abends doch wortwörtlich die Gedanken ihrer Mutter gelesen. Mrs Fawcett betrachtete gerade die vor dem Kamin schlafende Budge, als Molly sagte: »Wenn Budge jemals etwas zustößt, Vergiftung oder sonst was, setze ich das Pumpenhaus in Brand.«

Aus dem kühl wirkenden Haus – die dunkelgrünen Jalousien waren heruntergelassen, um die Sonne abzuhalten, obwohl die dicht gewachsene Porzellanbeere recht wenig Licht zuließ – drangen die gedämpften Geräusche von Mrs Fawcett und Fuchsia beim Zubereiten des Abendessens. Sie kochten schon seit zwei Tagen. Sie hatten gestürzten Ananaskuchen gebacken, eine Art Sauce hollandaise gemacht, Kartoffelsalat, eingelegte Rote Bete, gebackene Bohnen, Vollkornbrot, Zuckerplätzchen, Löffelbiskuits, Sally-Lunn-Teegebäck und alkoholfreien Punsch. Fuchsia hatte den frischen Schmierkäse hereingebracht, der drei Tage lang in seinem Gazebeutel im Eiskeller gehangen hatte, und sechs Flaschen Traubensaft aus dem Vorratsschrank geholt und kalt gestellt. Ralph und Molly hatten am Tag zuvor eine Schüssel letztjähriger Walnüsse aus ihrem eigenen Hain geknackt, und heute hatte Fuchsia die ganz gebliebenen Nusskerne glasiert und die zerbrochenen zur Pralinenfüllung verwandt. Die Ente brutzelte im Ofen in einem Bad aus Orangensaft. Bevor sie zur Schule gingen, hatten Leah und Rachel das Bonney-Silber geputzt und die geblümte Tischdecke aufgelegt.

Der Nachmittag schien nicht enden zu wollen, und doch waren die Kinder nicht wirklich ungeduldig, dass er verging, denn sich auf Grandpa zu freuen war in mancherlei Hinsicht genauso vergnüglich, wie ihn hier im Haus zu haben. Die Sonne verharrte anscheinend genau in derselben Position, und der Schatten der Schirmmagnolie blieb unverändert. Die Bienen, unermüdlich in den Blüten des Lippiarasens zugange, und die Kolibris, die die Porzellanbeeren aufspießten, arbeiteten mit Höchstgeschwindigkeit, als reiche die Ewigkeit nicht aus, um alles Nötige zu erledigen. Unermüdlich schepperten und klapperten Mrs Fawcett und Fuchsia leise mit den Sachen und zwitscherten in gedämpften Ausrufen, und ebenso unermüdlich war José bei seinen Palmen. Es war sehr still. Die Mexikaner, die im Hain Walnüsse ernteten, waren verstummt. Einmal fing ein Hund an zu bellen und hörte so abrupt auf, als hätte jemand ihn am Maul gepackt und die Kinnladen zusammengepresst. »Das ist Schönerhund«, sagte Ralph. Schönerhund war eine böse und hässliche Bulldogge und gehörte der deutschen Familie nebenan, und Mrs Fawcett war nie bereit zuzugestehen, dass der Name ironisch gemeint war; sie glaubte lieber, die Freudenburgs wüssten es einfach nicht besser, sie waren ja nicht »unsereins«. »Wenn ich mir keinen Teppich im Salon leisten kann«, sagte sie, »würde ich mir eben eine preisgünstige Strohmatte hinlegen oder die Dielen nackt lassen. Jedenfalls würde ich kein Linoleum nehmen.« Ralph, der heute Schönerhunds Bellen erkannt hatte, fragte sich plötzlich, ob Grandpa Hunde auf einer seiner Ranches hatte, und bedauerte es, dass er dem alten Mann in den vergangenen Jahren kaum Fragen gestellt hatte und daher nur wenig von ihm wusste. Die zwei Wochen, in denen er hier war, vergingen immer blitzschnell. Zu viele neue Eindrücke drängten sich in den glanzvollen Tagen zusammen, die Schulgerüche, die er während der Sommerferien vergessen hatte, die furchteinflößenden Vertracktheiten des neuen Rechenbuchs, die Überraschung, in seiner Brotdose ein hartgekochtes Ei zu finden, rotviolett gefärbt vom Rote-Bete-Saft, und vor allem das Staunen über den reichen alten Mann, der so ganz anders war als jeder sonst auf der Welt. Früher war er immer maßlos aufgeregt gewesen, unfähig zu planen, wie er auch nur eine dieser leuchtenden Stunden festhalten konnte, er nahm sich aber vor, in diesem Jahr Tatsachen zu sammeln, über die sich im Winter nachdenken ließe: zunächst einmal die Rassen und die Namen von Grandpas Hunden erfahren, auch, ob er jemals bei einem Boxkampf gewesen war und ob er schon immer einen Bart hatte, den Namen der englischen Stadt, in der er geboren war, und wie viele Silberdollars er in seinem Geldgürtel unterbringen konnte.

Mit der Zeit setzte die Sonne selbst José zu, und er hörte auf zu singen und arbeitete langsamer. Die Kinder waren nur noch lustlos bei ihrem Spiel, und sie hatten es schon lange aufgegeben, bevor der Schulbus anhielt und Leah und Rachel die Zufahrt entlanggebummelt kamen und in der einen Hand ihre Schultasche, in der anderen ihre Brotdose schlenkerten. Sie waren sauer auf Ralph und Molly, weil die früher nach Hause gedurft hatten, und sprachen nicht mit ihnen, sondern gingen direkt ins Haus und erschienen eine halbe Stunde später, geduscht und in den neuen Baumwollkleidern mit Schottenkaro, die ihnen Tante Kathleen von Marshall Field’s in Chicago geschickt hatte. Sie kamen nach draußen, um Dahlien für den Salon und den Esstisch zu pflücken. Ohne Bruder und Schwester anzusehen, liefen sie an ihnen vorbei. Rachel sagte: »Eigentlich wollte ich Molly nur so aus reiner Herzensgüte mein zweites Stück Cashmere-Bouquet-Seife spendieren, aber jetzt wird daraus nichts.« Und Leah: »Verständlich. Und ich wollte Ralph eigentlich meine Colgate-Rasierseife schenken, aber jetzt würde ich denen nur einen ordentlichen Tritt verpassen.« Ralph und Molly ignorierten sie, aber als sie weitergegangen waren, sah Ralph ihnen verächtlich hinterher und sagte: »Wenn ich nichts Besseres zu tun hätte, als mir Gratisproben zu bestellen, würde ich mich in den See stürzen.« Und Molly stimmte ihm zu (sie und Ralph bestellten sich Waffenkataloge und Broschüren zu praktischen Sachen: »Wie pflege ich meinen Glenwood-Salon-Ofen richtig?«) und fragte dann flüsternd: »Glaubst du, sie werden Grandpa gegenüber frech sein?«

»Das würde ich ihnen nicht raten«, sagte Ralph. »Wenn doch, dann mache ich das mit dem Bettlakentrick so, dass sie sich beide Beine brechen.«

Leah und Rachel, die fast schon junge Damen waren, hatten neben vielen Bekannten und vielen Gewohnheiten auch den etwas schmuddeligen und zerknitterten alten Mann abgelegt und blickten mit demselben Missfallen wie ihre Mutter auf seine Tischmanieren, seine ungehobelte und ungrammatische Sprechweise, seine Kleidung und seinen Beruf, auch wenn der ihm satte drei Millionen Dollar eingebracht hatte. Er besaß vier Ranches mit Rindern: eine in Missouri, wo er auch wohnte, eine in Oklahoma, eine in Texas und eine in den Bergen von Colorado, die sein Sohn Claude, Mrs Fawcetts Halbbruder, für ihn bewirtschaftete. Wie gut Leah und Rachel sich den Kummer ihrer Mutter vorstellen konnten, als deren Mutter diesen zweiten Mann heiratete! Was für ein Gegensatz zu Großvater Bonney, dieser vornehmen Gestalt, verewigt im Gemälde über dem Kamin im Salon! Und wie anders musste das Leben für sie und ihre Schwestern auf seiner Ranch im nördlichen Teil von Missouri gewesen sein, wo sie doch das geschäftige Treiben und die Heiterkeit von St. Louis gewohnt waren! Im letzten September, als Grandpa abreiste und Leah den Wagen auf der Zufahrt davonsausen sah, legte sie ihrer Mutter den Arm um die Taille und sagte: »Ich könnte geradezu weinen um dich, Mutter, wenn ich mir ausmale, wie du St. Louis vermisst haben musst.« Mrs Fawcett, wunderbar tapfer, lächelte liebevoll auf ihr einfühlsames Kind hinunter und erwiderte: »Ach, du Liebes, weißt du, wir können in diesem Leben nicht alles haben.« Von der Zeit an bedachten die beiden älteren Kinder den abwesenden Mr Kenyon mit unverhohlenem, schonungslosem Spott, in den sich Groll mischte, der gleichzeitig vage und altklug war: Kurz nachdem er im letzten Oktober die Colorado-Ranch verlassen hatte, war er nach Europa gereist wie häufig im Winter, und während bisher diese gelegentlichen Reisen in die ganze Welt etwas Bewundernswertes waren, auf das man im Gespräch mit anderen Kindern anspielen konnte, die nicht solche reiseerfahrenen Verwandten vorzuweisen hatten, waren die Mädchen in diesem Jahr entrüstet, da ihnen zum ersten Mal so richtig klar wurde, dass ihre Mutter nie im Ausland gewesen war. Und ihre Entrüstung wurde angefacht, als Mrs Fawcett bisweilen die Bemerkung fallenließ, er habe diese langen Reisen in den Jahren, die sie in seinem Haus gelebt und sein Kind Claude in Obhut genommen hatte, gemacht, ohne je einmal an sie zu denken. Und man kann sich vorstellen, wie solch einsame Winter auf dem Lande für eine junge Frau waren, die in der Stadt aufgewachsen ist!

Aber Ralph und Molly in ihrer kleineren Welt würden eher in eine Besserungsanstalt gehen, als in St. Louis zu leben. Das eine Mal, wo sie dort gewesen waren, hatten sie die halbe Zeit fast heulen müssen beim Anblick all der armen alten Männer, die Schnürsenkel und Gummibänder verkauften, und all der herrenlosen Hunde mit entzündeten Augen und lahmenden Beinen; der Rauch in der Luft und der grauenhafte Lärm und das beängstigende Tempo der Straßenbahnen machten sie halb krank. Als ihre Mutter sie Mrs Waite vorstellte, ihrer Pensionswirtin, hatte sie gesagt: »Und dies sind meine zwei kleinen Landeier. Sie möchten schon jetzt wieder nach Hause. Können Sie das begreifen?« Sie wollten ja gar nicht nach Hause; sie wollten Grandpa Kenyon besuchen, aber ihre Mutter erlaubte es ihnen nicht und behauptete einfach, sie würden sich auf der Ranch zu Tode langweilen, denn dort gebe es nichts zu tun. Sicher war dagegen, dass es in St. Louis nichts zu tun gab, und den Sommer über führten Mrs Fawcett und Mrs Waite Gespräche im Flüsterton über Fatty Arbuckle, sodass Ralph und Molly sich ständig grün und blau ärgerten, denn wollten sie etwas wissen, sagten die Damen nur: »Kleine Leute – große Ohren!«

Auf Grandpas Ranch hätten sie tun können, wozu sie Lust hatten. Ihre Mutter wusste rein gar nichts. Sie sagte, sie wisse aus Erfahrung, dass es dort nichts zu tun gebe. Hatte sie nicht mit Tante Rowena und Tante Kathleen die Schulferien dort verbracht? All diese langen, stillen Sommer, wo nichts da war, um die Gedanken von der Hitze abzulenken! Der weite Rasen, der sich zum Fluss hinunterzog, war ohne Bäume, sodass man einen freien Blick auf den Mississippi hatte: Eine der wenigen Freuden der Bonney-Mädchen war es, die Lastkähne und Dampfer zu beobachten, die stromabwärts nach Hannibal fuhren. Manchmal trug die reglose Luft Klänge eines Banjos zu ihnen, die Rowena – von den dreien hatte sie sich am wenigsten im Griff – so kribbelig machten, dass sie ausrief: »Warum passiert denn nicht mal was!« Hinter dem Haus war ein Obsthain mit Apfelbäumen, sorgfältig gepflegt wie ein Garten, und in seiner Mitte stand ein kleines Gartenhaus, wo sie manchmal die langen stickigen Nachmittage über saßen und sich mit Palmblättern Luft zufächelten, krank vor Heimweh nach St. Louis. Die nächste Stadt war zehn Meilen entfernt, und war man dort, gab es nichts anzusehen oder zu kaufen und keine Gleichgesinnten zu besuchen. Tante Rowena und Tante Kathleen zerstreuten sich durch Reiten und Kutschieren im offenen Pferdewagen, aber ihre Schwester Rose schloss sich ihnen nicht an. Großvater Bonneys Blutvergiftung war nämlich die Folge eines Kratzers, den er sich von einem Nagel im Zaun einer Pferdekoppel geholt hatte, als er ihr zusah, wie sie das erste Mal über ein Hindernis sprang, und seitdem litt sie unter dem Gefühl, schuld zu sein an seinem viel zu frühen Tod, und hatte gelobt, nie mehr wolle sie etwas mit Pferden zu tun haben.

Wären die Bonney-Mädchen nicht alle eifrige Leserinnen gewesen, wären sie vor Langeweile fast verrückt geworden. Glücklicherweise hatte Mrs Bonney einen Gutteil ihrer Bibliothek von St. Louis mitgenommen, und sie verdarben sich fast die Augen beim Lesen von Mrs Gaskell, Dickens und E. P. Roe. Doch das Allerschlimmste war wohl die Unterhaltung bei Tisch. Hätten die Mädchen die Chance bekommen, sie hätten vielleicht das Niveau heben können, indem sie über die Bücher sprachen, die sie gerade lasen, aber nie bot sich eine Gelegenheit. Und sie konnten nach dem kultivierten Leben, das sie mit ihrem eigenen Vater geführt hatten, wahrlich kein Interesse für Gespräche über Rinder und Schweine aufbringen! Und nur über das sprach Mr Kenyon; ihre Mutter war mit von der Partie und schien ehrlich daran interessiert zu hören, wie viele Jungochsen nach Chicago verschifft und wie viele Bullen auf der Texas-Ranch zu Geld gemacht wurden und wie viel Futter für die Colorado-Farm gekauft werden musste zusätzlich zum Wiesen-Lieschgras, das im Herbst eingefahren würde. Tischgespräche in St. Louis waren völlig anders verlaufen. Großvater Bonney, dem eine Knopffabrik gehört hatte, redete zu Hause nie von Geschäftlichem; er sagte, er wolle »Kummer und Sorgen, die den Tag verfinstern«, vergessen, und zudem hatte er größte Hochachtung vor dem Gespräch als einer Kunst, und einmal im Jahr, am Neujahrstag, las er Abschnitte vor aus Boswells Journal of a Tour to the Hebrides. Er lenkte das Tischgespräch so geschickt und interessant wie ein versierter Diskussionsleiter. Er brachte das Gespräch in Gang, indem er etwa leichthin anmerkte: »Heute habe ich mich gefragt, was ihr jungen Mädchen so von Apollo wisst. Ist euch eigentlich klar, wie oft er in Gedichten, Bildern und als Statue vorkommt?« Und das führte dann zu einer sehr erhellenden Diskussion, von der die Mädchen weit mehr praktischen Nutzen zogen, als das je in einer regulären Schulstunde der Fall sein konnte. Sie redeten über Gott und die Welt, untersuchten dabei Begriffe wie »Gerechtigkeit«, »Wohltätigkeit« und »Wahrhaftigkeit«. Einiges von dem, was Mrs Fawcett am meisten in Ehren hielt, war an diesem Tisch angeregt worden.

Im Spätfrühling von Rose Bonneys letztem Jahr in der Internatsschule, zwei Jahre nach dem Tod ihres Vaters und ein Jahr nach der unschicklichen zweiten Heirat ihrer Mutter, gebar diese Mr Kenyons Sohn. Sie war da über vierzig – sie war viel jünger als ihr erster Mann gewesen –, und für ihre Töchter schien diesem Wochenbett einer Frau mittleren Alters etwas Schmähliches anzuhaften. Schmählich und irgendwie treulos ihrem toten Vater gegenüber. Fünf Monate später starb sie einen langsamen Tod. Mr Kenyon, so fantasielos in seiner Unschuld, dachte, er ehre Rose, die Älteste ihrer verstorbenen Mutter, wenn er sie bat, Haushälterin bei ihm zu werden und das Baby Claude aufzuziehen. Natürlich war es nicht deshalb, weil er auch nur eine Spur geizig gewesen wäre oder keine Kinderfrau oder Haushälterin hätte einstellen wollen, das tat er ohnehin. Armer Kerl, er glaubte tatsächlich, Rose würde das gern tun. Kann man sich jemanden vorstellen, der junge Mädchen so wenig versteht? Aber wie sollte sie das abschlagen? Nein, unmöglich. Und so war sie zehn Jahre lang bei lebendigem Leib begraben, zehn Jahre der Erstarrung, die nur durch die Hochzeiten ihrer beiden Schwestern belebt wurden, für die Mr Kenyon ein Vermögen hatte springen lassen. (Großvater Bonney hätte das mit halb so viel hingekriegt und mit doppelt so viel Schwung.) In der ganzen Zeit fühlte sie so wenig Vertrautheit mit ihrem Stiefvater, dass sie ihn nur »Mr Kenyon« nannte, und das Kind hieß bei ihr bloß »du« und »er«, kein Name sonst.

Und dann, endlich, sie war schon neunundzwanzig und fast ohne Hoffnung, wurde sie von Mr Bruce Fawcett aus ihrem Gefängnis befreit, der sie nach Kalifornien in ein Haus entführte, das sehr stark ihrem früheren Zuhause in St. Louis glich, und für sie gab es wieder all die Feinheiten, die, wie ihr Vater ihr beigebracht hatte, die Wirklichkeit erst ausmachten. Mr Fawcett, folgerten die Kinder, hatte Großvater Bonney geglichen, auch wenn er wohl ein blasseres und unvollkommenes Abbild gewesen war, ohne die Vitalität des Originals. (Zum Beispiel zitierte man nie seine Witze, und die Kinder bezweifelten, dass er überhaupt welche gemacht hatte.) Sie hatte alle ihre viele Jahre lang in einem Lagerhaus in St. Louis aufbewahrten Schätze holen lassen und auch diejenigen aus Mr Kenyons Haus: das Porträt ihres Vaters, seine Bücher und den Mann selbst, ein Häufchen Asche in einer zierlichen Urne, deren Griffe wie flachköpfige Schlangen geformt waren und deren Deckel in einem kleinen Knauf endete, einer Seerose nachgebildet.

Mr Kenyon und seine Stieftochter Rose fürchteten beide seinen alljährlichen Besuch, aber sie betrachteten ihn als ihre Pflicht und hätten nicht im Traum daran gedacht, sich davor zu drücken. Am ersten Augusttag brach er von zu Hause auf und besuchte zuerst seine Oklahoma-Ranch, dann seine Longhorn-Rinder-Ranch im Panhandle, und nach einem kurzen Abstecher nach Mexiko, um Geschenke für die Kinder zu kaufen, kam er nach Covina. Waren erst einmal die höflichen Anfangszeremonien überstanden, schien Grandpa seinen Aufenthalt zu genießen, er mochte die Kinder nämlich, besonders Ralph und Molly, vom Typ her eher dunkel wie ihre Großmutter Bonney und ihr Halbonkel Claude und seltsamerweise auch wie er selbst. Mrs Fawcett dagegen genoss keine einzige Minute, und in den ganzen zwei Wochen war sie so nervös, dass sie nach seiner Abreise immer drei oder vier Tage mit anhaltender Migräne das Bett hütete.

Für die Kinder war die Zeit dieses Besuchs so besonders und eigen wie Weihnachten oder Ostern, und schon Tage vor seinem Kommen stellten sie Vermutungen an, welche Überraschungen er ihnen diesmal in seiner großen schäbigen Reisetasche mitbringen würde, die vollgestopft war mit steifen Socken und schmutzigen Hemden und nutzlos gewordenen Zetteln mit verwischter Schrift. Alle anderen Besucher verpackten ihre Geschenke in Seidenpapier und banden Schleifchen darum, Grandpa aber überreichte sie so, wie er sie bekommen hatte, manchmal lose verpackt in zerknittertem Käsepapier. Diese Geschenke waren nicht die Sorte Mitbringsel, wie die Kinder sie in den Geschäften auf dem Pier von Redondo Beach sahen, auch hatten sie keinerlei Ähnlichkeit mit den Geschenken ihrer Tanten: Spielzeug für Ralph und Molly, Haarbänder und Rundbürsten für Leah und Rachel. Grandpa schenkte ihnen schwere, handgemachte Dinge, Ringe und Messer und Schachteln, und Ralph liebte es seit eh und je, etwas Kleines, aber Kompaktes in der hohlen Hand zu halten. Einmal hatte ihm Grandpa einen Miniatur-Reliefglobus aus mexikanischem Silber geschenkt. Es war sein Lieblingsstück.

Obwohl Mrs Fawcett ihren Missmut über sein Kommen nicht verbarg, machte sie umfangreiche Vorbereitungen für ihn, als wäre er Tante Rowena oder Tante Kathleen, die sie von Herzen willkommen hieß, und schon eine Woche vorher versetzte sie das Haus in Trubel, putzte, arrangierte, ordnete ein und kramte wieder hervor und unterließ es dabei nie, von Zeit zu Zeit die Familie daran zu erinnern, wie ausgesprochen unsensibel es von Mr Kenyon war, dass er ausgerechnet zur arbeitsreichsten Zeit des Jahres kam, wenn das Obsteinkochen bevorstand und die Walnussernte. Aber es half nichts: Einer der Grundsätze, die sie sich am Tisch ihres Vaters zu eigen gemacht hatte, lautete: »Sei als Gastgeber nie knauserig.« Und es hatten sich bestimmte Bräuche aus diesen Besuchen ergeben: So wie sie Truthahn mit Thanksgiving Day verbanden und Schinken mit Ostern, dachten die Fawcetts an Ente und Indianerreis, an Sally-Lunn-Teegebäck und eingelegte Feigen als einzig mögliche Kost am Abend von Mr Kenyons Ankunft. Und am letzten Sonntag seines Besuchs erschienen Mr und Mrs Follansbee zum kalten Abendessen auf der Veranda, bei dem Hühnerpastete und Biskuits mit Prachthimbeermarmelade serviert wurden. Dieses Abendessen wurde ohne Ausnahme zu einem Fiasko, aber Mrs Fawcett, die unverbesserlich an Ritualen festhielt, wiederholte es Jahr für Jahr. Mr Follansbee war die Gabe der Rede gegeben, und er neigte dazu, Anekdoten zu erzählen, in denen meist eine längere Bibelstelle oder etwas von Shakespeare zitiert wurde, und er machte Mr Kenyon verlegen und versetzte ihn in einen stierenden Stumpfsinn, dem Mrs Fawcett wiederum ernsthaft abzuhelfen suchte, indem sie ihm Fragen zu bestimmten Leuten in Missouri stellte, von denen sie nichts hören und er nicht reden wollte. Immer wieder wurde er von heftigem Gähnen gepackt, fast wie ein Anfall, und er gähnte dann genau wie ein Hund, mit einem Geräusch am Ende, das einem unterdrückten Jaulen glich.