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Im Kampf gegen die Rauschgifthändler kommt der Kommissar Carlos del Rio, Leiter der Rauschgiftbehörde jenes lateinamerikanischen Landes, erneut nach Berlin, um mit seinen deutschen, italienischen und amerikanischen Kollegen die richtige Strategie zu erarbeiten, in Anbetracht der geheimen Treffen der internationalen Rauschgifthändler. In der deutschen Hauptstadt kennt er Martina, eine junge Polizistin, und er verliebt sich. Bevor er zurückkehrt, lädt er sie ein, sein Land kennen zu lernen und zusammen Urlaub zu machen. Der Kommissar konnte die Gefahren nicht ahnen, die auf ihn lauerten und plötzlich sein Leben radikal veränderten.
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Seitenzahl: 521
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Die Berlin-Connection
Vorgeschichte – Anfang der Achtziger
Gegenwart
Abhörzentrale des Rauschgiftdezernats. April, Anfang der neunziger Jahre. Überwachter Anruf:
»Guten Morgen Herr Campusano, hier spricht Tano Cali aus Palermo, Italien.«
»Wie geht es Ihnen, Herr Cali?«
»Sehr gut, vielen Dank. Und Ihnen?«
»Danke. Mir geht es auch bestens.«
»Herr Campusano, wir wollen Sie zu einem Treffen einladen, um unsere zukünftigen geschäftlichen Beziehungen voranzutreiben und zu koordinieren.«
»Mit Vergnügen, ich komme gern.«
»Das Treffen findet in Berlin statt. Einer unserer engsten Mitarbeiter wird Sie am 24. des nächsten Monats vom Flughafen Tegel abholen. Flug GK 737. Wenn er Sie fragt, ob Sie einen langen und langweiligen Flug hatten, antworten Sie ihm, dass einem die Zeit nicht so lang wird, wenn man einen Martini in der Hand hält – geschüttelt, nicht gerührt. Haben Sie mich verstanden, Herr Campusano?«
»Ja, voll und ganz, Herr Cali.«
»Gut, dann erwarten wir Sie in Berlin. Ich freue mich, Sie kennenzulernen.«
»Ganz meinerseits, Herr Cali.«
»Also bis bald.«
»Bis bald.«
Als Kommissar Carlos del Rio frühmorgens sein Büro betrat, schaltete er wie immer als erstes seinen Rechner ein. Anschließend bereitete er sich einen Tee nach seinem Geschmack zu: mit ein wenig Honig und Zitrone. Er sah auf seine Uhr, zog seine Jacke aus, hängte sie auf und setzte sich mit seiner Tasse Tee an den Schreibtisch. Seiner täglichen Routine folgend ging er seine Post durch. Eine Nachricht seines Vorgesetzten überraschte ihn: ›Heute um 11 Uhr Termin beim Innenminister.‹ Es musste sich um eine delikate Angelegenheit handeln, die seine Abteilung betraf.
Pünktlich erschienen Kommissar del Rio und sein Vorgesetzter, Generaldirektor Miguel Ramirez, im Vorzimmer des Ministerbüros, wo sie vom Unterstaatssekretär bereits erwartet wurden. Er führte sie in das Büro des Ministers, wo dieser sie herzlich begrüßte. »Wie geht es Ihnen, General Ramirez?«, fragte er, während er ihm die Hand reichte und fortfuhr: »Guten Tag, Kommissar del Rio.«
»Guten Tag, Herr Minister.«
Nachdem sie Platz genommen hatten, begann der Minister:
»Meine Herren, jetzt, da wir vollzählig sind, können wir beginnen. Die Sache ist für uns von höchster Bedeutung.« Er machte eine Pause.
»Wie Sie wissen, haben wir unsere deutschen Kollegen kontaktiert, um sie über das mitgeschnittene Telefonat zu informieren, in dem der Beauftragte für internationale Operationen des größten Drogenkartells in unserem Land von der sizilianischen Mafia zu einem Treffen in Berlin eingeladen wurde. Bald darauf besuchte mich der deutsche Botschafter. Er ließ mich wissen, dass seine Regierung sehr daran interessiert ist, dem Drogenhandel einen empfindlichen Schlag zu versetzen, wobei unsere Mitwirkung unabdingbar sei. Konkret wünschen sie die Anwesenheit von Kommissar del Rio in Berlin als wichtige Unterstützung für diese Operation. Außerdem gab er zu verstehen, dass sein Land an einer verstärkten Zusammenarbeit und einer Aufstockung der Wirtschaftshilfe interessiert sei. Dazu ist zu sagen – und das ist die Haltung der Regierung –, dass wir das Anliegen der Deutschen nicht abweisen können. Daher sind wir mit dem Herrn Polizeichef übereingekommen, dass Kommissar del Rio nach Deutschland reisen soll, um der Einladung zu folgen.«
»Freuen Sie sich, Kommissar«, wandte sich der General ihm zu, »nun können Sie nach all den Jahren wieder nach Berlin.«
Carlos antwortete mit einem Lächeln. »Natürlich freue ich mich, General. Das ist eine angenehme Überraschung, die ich nicht erwartet habe.«
»Ihre Ankunft in der deutschen Hauptstadt ist für diesen Freitag vorgesehen, wie ich soeben unterrichtet wurde. Für die nötigen Vorbereitungen bleiben Ihnen zwei Tage Zeit.«
Carlos breitete die Arme aus und zuckte mit den Schultern: »Genug Zeit, um einen Koffer zu packen.«
Nach dem Treffen ging Kommissar del Rio in sein Büro und rief seinen Stellvertreter und persönlichen Freund Sergio Alvarado. Er setzte sich zu ihm und begann das Gespräch erst nach einer Pause.
»Bitte sprich mit niemandem über das, was ich dir jetzt sagen werde. Die Information ist vertraulich.«
»Klar, Carlos, mach dir keine Sorgen, ich behalte es für mich, so wie immer. Aber sag mir: Worum geht es dieses Mal?«
Carlos holte tief Luft, bevor er antwortete. »Man schickt mich mit einem geheimen Auftrag nach Deutschland, so dass du die Leitung des Drogendezernats an meiner Stelle übernehmen musst. Nur du kennst den tatsächlichen Grund meiner Abwesenheit; den anderen sagst du, dass ich meinen endlos verschobenen Urlaub genommen habe. In einigen Wochen werde ich wieder zurück sein. – Gut«, sagte er nach kurzem Schweigen, »jetzt gehe ich nach Hause und bereite alles für meine Abreise vor.«
»Und wann reist du ab?«
»In zwei Tagen, am Donnerstag.«
»Gut, aber ich nehme an, dass die Nachricht, wenn sie dich auch überrascht hat, dir nicht unangenehm ist?«
»Absolut nicht. Im Gegenteil, ich freue mich sehr, Max wiedersehen zu können, nach so vielen Jahren!« Freundschaftlich klopfte er Alvarado auf die Schulter. »Bis zu meiner Rückkehr liegt unsere Abteilung in deinen Händen.«
Alvarado lächelte. »Ich werde mein Bestes geben.«
»Das hoffe ich doch«, gab Carlos lächelnd zurück, während sie gemeinsam das Büro verließen.
Er ging hinunter zum Parkplatz und bat seinen Fahrer Juan Cisternas, ihn nach Hause zu fahren.
Der schwarze Wagen hielt langsam vor dem Haus des Kommissars an. Die Morgendämmerung war noch nicht vorüber; es war kaum sechs Uhr. Mit einem Lederkoffer in der Rechten trat Carlos aus der Tür. Der Fahrer stieg aus dem Auto und begrüßte ihn herzlich. »Wie geht es Ihnen, Kommissar?« Er nahm ihm den Koffer ab und verstaute ihn im Kofferraum.
»Bestens, Ramón, bestens.«
Er stieg ins Auto, in dem bereits sein Chef General Ramirez saß.
»Guten Morgen, Kommissar. Ich hoffe, Sie haben genug geschlafen, um diese lange Reise gut zu überstehen.«
»Guten Morgen, Herr General. Um ehrlich zu sein, meine Nacht war sehr kurz. Ich hatte Schwierigkeiten einzuschlafen.«
»Lag es vielleicht an der Aufregung, dass Sie bald wieder in der Stadt sein werden, die, wie ich annehme, nur angenehme und unvergessliche Erinnerungen für Sie bereithält?«
»Ja, ich glaube schon, dass es mich ein wenig nervös macht.«
Der Fahrer gab Gas und lenkte den Wagen zum internationalen Flughafen der Hauptstadt des lateinamerikanischen Landes.
»Diese Mappe enthält sämtliche Informationen, die Sie benötigen. Unsere Botschaft in Deutschland ist über Ihren Besuch im Bilde. Der Botschafter wird Sie empfangen und Ihnen bei jedem auftretenden Problem beistehen.«
Das Auto erreichte den Flughafen und parkte auf dem für VIPs reservierten Platz.
»Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Mission, Kommissar, und hoffe, Sie bald gesund und unversehrt wiederzusehen.«
Während der General sich verabschiedete, lud Ramón den Koffer aus.
»Danke, Herr General, ich hoffe ebenfalls, dass alles gut geht.«
»Und halten Sie uns auf dem Laufenden.«
»Selbstverständlich.«
»Gut, dann viel Glück und bis bald, Kommissar.«
»Vielen Dank, General.«
Nach einem kräftigen Händedruck stieg Carlos aus.
Der imposante Jumbo-Jet vom Typ Boeing 747-400 wartete bereits auf der Startbahn des Flughafens. Über den VIP-Zugang erreichte der Kommissar das Flugzeug. Kurz darauf begann sein Flug, der ihn über eine Zwischenlandung in Frankfurt nach Berlin, Deutschland, führen sollte
Carlos erinnerte sich an seine erste Deutschlandreise vor zehn Jahren, als seine erfolgreiche Polizeilaufbahn begann. Damals war er von seinen deutschen Kollegen zu einem Treffen eingeladen worden, um über den Kampf gegen den Drogenhandel in seinem Land und in ganz Lateinamerika zu berichten. Es ging nicht nur um Drogenhandel, Korruption und organisierte Kriminalität; auch musste in zunehmenden Maße das undurchsichtige, finanzielle Geflecht ergründet werden, das die Geldwäsche ermöglichte.
Sowie das Flugzeug seine übliche Reiseflughöhe von 10.000 Metern erreicht hatte und mit 890 km/h dahinglitt, servierte das Bordpersonal das Frühstück. Nachdem der Kommissar seine üblichen zwei Tassen Darjeeling-Tee getrunken hatte, lehnte er sich in den bequemen Sitz zurück. Nach wenigen Minuten war er eingeschlafen.
Im Berliner Flughafen Tegel erwartete ihn Max Schneider, ein Beamter im Rauschgiftdezernat des Landeskriminalamtes. Sie hatten sich einige Monate zuvor kennengelernt, als der Berliner Ermittler auf Dienstreise geschickt worden war, um Kommissar del Rio persönlich zu kontaktieren. Seine Mission bestand darin, engere Beziehungen zu dem Drogendezernat des lateinamerikanischen Landes aufzubauen, da der Schmuggel nach Europa ein bislang ungeahntes Ausmaß erreicht hatte.
In den wenigen gemeinsam verbrachten Tagen entwickelte sich eine Freundschaft, die sie das ganze Leben hindurch verbinden sollte. Die Chemie zwischen beiden stimmte von Anfang an. Carlos behandelte ihn mit der typischen Wärme, die in seinem Land ausländischen Besuchern entgegen gebracht wird; und Max wusste diese Aufnahme wohl zu schätzen. Außerdem mochte Max die Art und Mentalität der Lateinamerikaner: stets mit einem subtilen, oftmals doppeldeutigen Witz und jene typische, unerbittliche, überwältigende Ironie als Markenzeichen.
Als er ihn beim Hinausgehen erblickte, riss er beide Arme in die Höhe, um seiner tiefen Freude über das Wiedersehen Ausdruck zu verleihen. Nach einer langen Umarmung fragte ihn Max:
»Carlos, wie geht es dir? Ich hoffe, du hattest eine gute Reise.«
»Grüß’ dich, Max. Ich fühle mich gut, obwohl die Reise etwas anstrengend war. An langes Reisen bin ich nicht gewöhnt, aber nun ja, jetzt bin ich hier.«
»Schön. Jetzt habe ich endlich die Chance, mich für deine Gastfreundschaft zu revanchieren.«
»Max, ich freue mich sehr dich wiederzusehen und hoffe, dass unsere Abteilungen von meinem Besuch profitieren werden.«
»Das werden sie. Warten wir noch auf deinen Koffer und fahren dann zum Hotel Steigenberger, wo wir ein Zimmer für dich reserviert haben. Wenn du willst, lässt du deine Sachen dort, und wenn du nicht zu müde bist, können wir noch etwas trinken gehen. Du entscheidest.«
»Sehr gern. Ich glaube, ich brauche ein wenig frische Luft. Außerdem kenne ich niemanden in diesem Land.«
»Noch kennst du niemanden, aber schon bald wirst du sehr interessante Leute kennenlernen. Um deine Ankunft zu feiern, habe ich für morgen ein kleines Fest bei mir organisiert. Ich habe einige Leute eingeladen, die ebenfalls an den Treffen nächste Woche teilnehmen – und dir bestimmt gefallen werden.«
»Sieh an, sieh an. Du machst dich ja ausgezeichnet als Gastgeber!«
Carlos‘ Antwort ging in ein gemeinsames Gelächter über.
Nach sieben Uhr abends füllte sich Max‘ Wohnung rasch. Als sie eintrat, ging Max auf sie zu. »Hallo Ulrike, schön, dass du gekommen bist. Wie gut du aussiehst! Mein Ehrengast wird beeindruckt sein!«
»Danke.« Sie errötete leicht.
»Komm, ich stelle dir meinen Freund Carlos del Rio vor, den Kommissar aus Lateinamerika. Er wird als Gast an unseren Arbeitstreffen teilnehmen. Wie du weißt, wird er die Drogenproblematik in seinem Land aus dortiger Sicht darlegen. Ich dachte, dass du, wenn du Zeit hast, ihm ein wenig die Stadt zeigen könntest. Ich werde vollauf mit den Vorbereitungen der Veranstaltung beschäftigt sein und daher nicht allzu viel freie Zeit haben.«
»Vielleicht bin ich nicht gerade die Geeignetste dafür, aber wenn er es wünscht, übernehme ich‘s gern.«
Carlos stand allein in einer Ecke, als er sie mit Max kommen sah. Sofort fühlte er sich in den Bann dieser faszinierenden Frau gezogen. Einen kurzen Moment sah er ihr intensiv in die Augen. Schön und schlicht, wie ihm die Frauen gefielen, natürlich und irgendwie scheu. Weder gezupfte Augenbrauen noch Schminke, nicht einmal lackierte Nägel. Er dachte: »Mein Gott, was für eine schöne Frau! Oh ja, Mamita, für deine Schokolade will ich das heiße Wasser sein!« Max holte ihn aus seiner gedanklichen Versenkung.
»Carlos, das ist Ulrike Maier aus Hamburg, die schönste Teilnehmerin auf unseren Besprechungen.«
»Hallo, es ist mir eine Freude, Sie kennenzulernen.«
»Hallo, ich freue mich auch.«
Max sah seinen Freund an. »Ich habe Ulrike gefragt, ob sie dir die Stadt zeigen kann. Ich werde sehr mit der Vorbereitung des Treffens beschäftigt sein.«
»Wenn sie Zeit und Lust hat – mit Vergnügen.«
»Ulrike, Carlos tanzt gern und sehr gut. Jetzt hast du die Gelegenheit, es zu lernen.«
Sie zog ihre Schultern zusammen, als sie Carlos ansprach.
»Ich kann nicht besonders gut tanzen, aber ich würde es gern lernen.«
»Liebend gern, obwohl ich kein großer Tänzer bin.«
»Wir werden sehen«, meinte sie lachend.
»Ja klar, wir werden schon sehen.«
»Also, Carlos. Ich übergebe dich in die besten Hände. Jetzt muss ich mich um die anderen Gäste kümmern. Würdest du bitte Ulrike etwas zu trinken anbieten?«
»Selbstverständlich.« Er streckte den Arm aus, um in Richtung Küche zu weisen. »Ladies first.«
Auf dem Weg zur Küche fragte sich Carlos: »Wer ist diese wunderbare Frau? Was wird ihr wohl gefallen, was könnte sie abstoßen? Ist sie eine schlichte und ehrliche Frau, oder verbirgt sich etwas ganz Anderes hinter ihrer Erscheinung?«
Er riss sich aus seiner Grübelei. »Was trinkst du?«
»Ich weiß nicht. Was gibt es denn?«
»Also… Es gibt Bier, Wein, Säfte, Limonade… und hier haben wir Rum.«
Sie war noch unentschlossen. »Und was trinkst du?«
»Meinen Lieblingsdrink.«
»Und das wäre?«
»Einen Cuba Libre.« Er sah ihr dabei in die Augen. Sie hielt dem Blick stand und sagte dann fröhlich:
»Der ist ziemlich stark, aber ich denke, ich nehme auch einen. Aber weißt du auch, wie man ihn zubereitet?«
»Klar doch!«
»Aha, sehr gut. Mal sehen, was du zustande bringst.«
»Ich denke, ich mache ihn gar nicht so schlecht.«
»Und was nimmt man dafür?« Sie schien interessiert.
»Zuerst kommt das Eis ins Glas, dann der Rum, danach die Cola und zuletzt ein wenig Limette. Erst drückst du die Limette über dem Glas aus, dann wirfst du sie hinein, damit das Ganze mehr Aroma und Geschmack bekommt.«
Als er mit der Zubereitung fertig war, überreichte er ihr ein Glas. »Gut. Nun lass uns anstoßen.«
»Danke. Und worauf wollen wir anstoßen?« Sie blickte ihn an und lachte. Sie hoben die Gläser und brachten sie zum Klingen.
»Lass uns auf diese wunderbare und unerwartete Begegnung anstoßen. Und wie man so schön sagt: Ich hoffe, dass das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft ist.«
Mit einem zufriedenen Lächeln erwiderte sie: »Gut, auf den Beginn einer wunderbaren Freundschaft.«
Nach dem Essen ging Max mit einem Glas Bier in der Hand zu seinen Gästen. »Auf meiner letzten Reise nach Lateinamerika habe ich mehrere Länder besucht und auch Carlos kennengelernt. Mich hat auch die Kultur und insbesondere die äußerst vielseitige Musik interessiert. Sie reicht von der Folklore bis hin zu heißen Rhythmen.« Dabei versuchte er, seine Hüften rhythmisch zu bewegen. »Deshalb beginnen wir mit einigen lateinamerikanischen Klängen.« Er sah zu seinem Freund hinüber. »Carlos, das ist eine gute Gelegenheit um zu zeigen, was du drauf hast, und nicht nur als Polizist!«
Er nahm eine CD aus dem Regal, und als die ersten Akkorde von »La Bilirrubina« erklangen, sagte er zu ihm: »Das ist doch einer deiner Lieblings-Merengues. Los, aufs Parkett!«
Carlos nahm Ulrikes Hand. »Ich möchte mit dir tanzen.«
»Ich kann‘s nicht so gut, aber wenn du führen kannst...«
Auf der Tanzfläche spürte er das leichte Erschauern ihres Körpers, als er sie umfasste und an sich zog, während sie sich harmonisch zum Takt der Melodie bewegten. Er tanzte sehr gut und führte sie völlig mühelos. Am Ende gab es großen Beifall für beide. Als Max »Otra, otra!« rief, schaute Carlos ihn an und gab zurück: »Jetzt ist der Gastgeber dran, wie es sich gehört.« Max blieb nichts anderes übrig, als sich selbst auf die Tanzfläche zu begeben. Er forderte seine Gäste auf: »Jetzt tanzen wir so, wie Carlos es vorgemacht hat.«
Carlos wandte sich zu Ulrike. »Vom Tanzen ist mir heiß geworden, ich muss etwas trinken. Etwas Starkes, um die Aufregung zu verarbeiten. Und du?«
»Ich auch.«
»Also dann, gehen wir in die Küche.«
Dort angekommen, versenkte er seinen Blick in ihre zauberhaft grünen Augen. »Das Gleiche nochmal?« Sie zögerte einen Moment, als sie den Blick seiner tiefschwarzen Augen fühlte.
»Ja, warum nicht? Ich glaube, wir haben uns noch einen Cuba Libre verdient, für diesen Anlass ist er genau der richtige Drink.«
Carlos begann mit den Vorbereitungen, doch unvermittelt hielt er inne. »Oder möchtest du ihn machen?«
Sie lachte. »Nein, nein. Mach du ihn bitte.« Er zuckte mit den Schultern. »Gut, wie du willst.«
Während er die Drinks zubereitete, sprach er weiter: »Ich bin von dir wirklich beeindruckt.«
»Warum?«
»Weil ich es mir sehr gefallen hat, mit dir zu tanzen. Um ehrlich zu sein, und das bin ich immer, so hätte ich mir gewünscht, dass das Lied noch viel länger gewesen wäre.«
Sie lächelte. Sie konnte nicht verheimlichen, dass diese direkten Worte ihr sehr gefielen. Für einen Moment blieb sie nachdenklich. Das Gleiche, was er ihr gerade gesagt hatte, hätte auch sie sagen können. Sie blickte langsam zum Boden, dann trafen sich ihre Blicke wieder. Beide lachten. Dann sagte sie in einem sanften, aber festen Ton:
»Ihr Latinos könnt ja charmant sein wie sonst niemand.«
»Das sagst du, weil du mich nicht kennst. Ich bin so, ehrlich und spontan. So haben mich Gott und meine Eltern gemacht.«
Sie lächelte wieder. Carlos hob sein Glas und blickte in ihre Augen. »Auf dass unsere nächsten Tänze noch besser werden als dieser.«
Diesmal musste sie vor Lachen den Kopf schütteln. »Ja, darauf trinken wir.«
Carlos versuchte das Schweigen und jenen zauberhaften Bann ihrer unwiderstehlich erscheinenden grünen Augen zu brechen. »Erzähl mir was von dir. Ich habe dich in den Armen gehalten, ohne dich überhaupt zu kennen.« Sie lachte. »Was möchtest du wissen?«
»Fast alles. Denn alles interessiert mich.«
Sie fuhr mit der Hand durch ihre strahlend goldenen Haare, als ob sie ihre Gedanken ordnen wollte, bevor sie schließlich antwortete. »Gut, wie du schon weißt, komme ich aus Hamburg. Dort bin ich aufgewachsen und zur Schule gegangen, dort leben auch meine Eltern und mein Bruder. Ich bin schon seit fünf Jahren bei der Polizei, von Anfang an im Drogendezernat.«
»Und die Liebe?«
»Ach ja« – sie versuchte ein Lächeln –, »die Liebe. Da gibt‘s nicht viel zu erzählen. Meine letzten Beziehungen waren lauter Reinfälle. Gute Erfahrungen habe ich nicht gemacht. Jetzt konzentriere ich mich ganz auf meine Arbeit. Was ist mit dir? Mit Frau und Kindern?«
Er schüttelte den Kopf, doch sie ließ nicht locker. Schließlich brach Carlos sein Schweigen. »Willst du eine ehrliche Antwort?«
»Ja. Immer.«
»Kinder habe ich nicht, und eine Partnerin auch nicht. In Wirklichkeit habe ich mich all die Jahre auf meine Arbeit konzentriert. Möglicherweise wegen der anhaltenden Erfolgsserie, die wir hatten, was jedes Mal mehr Einsatz erforderte; oder aber weil ich der Frau noch nicht begegnet bin, die mir beim Tanzen so unter die Haut gegangen wäre wie du.«
Die Worte ließen sie erröten. Sie hatte nicht erwartet, dass jemand, den sie eben erst kennengelernt hatte, einen derart direkten Ton anschlagen würde. Sie musste sich eingestehen, dass die Verwirrung, die sie mit einem Lächeln zu überspielen versuchte, ihr keineswegs unangenehm war. Bedächtig führte sie das Glas zum Mund.
Als die ersten Gäste sich anschickten, sich zu verabschieden, sah Carlos auf seine Uhr.
»Ich glaube, es ist Zeit zu gehen. Ich muss sehen, wie ich zum Hotel komme.«
»Mach dir keine Sorgen, ich fahre dich hin. Ich trinke nur noch einen Kaffee, damit keine Spur vom Cuba Libre in meinem Blut zurückbleibt.«
»Mach das. Gute Idee.«
Lachend fügte er hinzu: »Ich möchte nicht, dass du diese Nacht in einem Berliner Knast verbringst, weil du im Vollrausch gefahren bist.«
»Sei unbesorgt, dazu wird es nicht kommen.«
Sie gingen wieder in die Küche, wo sie sich suchend umschaute »Wenn ich nur wüsste, wo alles ist.«
Selbstsicher stellte er sich vor sie hin und streifte fast ihr Gesicht mit seinem, bis er ihren Atem spürte. »Zugegeben, in Berlin kenne ich mich nicht aus, aber in Max‘ Küche schon. Was benötigen Eure königliche Hoheit?« Er vollführte dabei eine höfische Verbeugung, was sie sichtbar erheiterte. »Eine Tasse, Kaffee und einen Löffel. Die Kaffeemaschine und der Wasserhahn sind ja nicht zu übersehen.«
Er drehte sich um, öffnete zielsicher eine Schranktür und nahm heraus, was sie verlangt hatte. »Einen weiteren Wunsch, Eure Majestät?«
Von seinem Auftritt überrascht und angetan, schüttelte sie lachend den Kopf. »Nein danke, für den Augenblick wär‘s das.«
Während Ulrike ihren Kaffee trank, fragte sie, ob er für den morgigen Tag schon etwas vorhabe. Er sah sie an. »Nein, du hast mir ja noch nicht gesagt, was wir morgen tun wollen.«
»Wenn du Lust hast, könnten wir das Stadtzentrum erkunden und im Tiergarten spazieren gehen.«
»Das ist eine sehr gute Idee. Könnte von mir sein.«
»Hätte von dir sein können, war aber von mir.«
Nach dem Kaffee verabschiedeten sie sich von ihrem Gastgeber. »Ich hoffe, es hat euch gefallen?«, erkundigte sich Max. »Oh ja, sehr!«, antworteten sie fast gleichzeitig.
»Carlos, hab‘ ich dir zu viel versprochen, als ich sagte, dass du in den besten Händen sein würdest?«
»Nein, Max, du hast mich niemals enttäuscht; auch diesmal nicht. Nichts weniger als das. Ich glaube sogar, du hättest keine bessere Wahl treffen können.«
Ulrike begnügte sich mit einem zufriedenen Lächeln, während sie das Haus verließen. Als sie zum Auto gingen, legte Carlos seine Hand auf ihre Schulter. »Ich hoffe, dass wir den kommenden Tag mehr genießen werden als diesen, was ziemlich schwierig, aber nicht unmöglich sein dürfte.«
»Es gibt keinen Grund, das Gegenteil anzunehmen, oder?«
»Diesmal bist du voll und ganz im Recht, Ulrike.«
Sie näherte sich seinem Gesicht und flüsterte: »Ich bin immer voll und ganz im Recht.«
Er lächelte wortlos. Diese Frau faszinierte ihn immer mehr.
Nach einigen Minuten hielt sie am Los-Angeles-Platz, genau vor dem Eingang des Hotels Steigenberger.
»Wie du siehst, sind wir angekommen, heil und gesund. Es war ein wunderschöner Abend.« Sie reichte ihm die Hand zum Abschied. »Morgen um zehn, einverstanden?«
Er nahm ihre Hand, küsste sie auf die Wange und flüsterte ihr ins Ohr: »Ja, es war ein wunderschöner Abend, weil ich dich kennengelernt habe.« Er sah ihr wieder in die Augen, bevor er die Tür schloss. »Wie ich schon sagte, so bin ich eben. Spontan und ehrlich.«
»Sag es bitte nicht so oft, sonst glaube ich es noch.«
»Schlaf gut. Bis morgen um zehn.«
Carlos hob die Hand zum Abschied. Sie winkte zurück. Er wartete einige Sekunden, bis der Wagen sich in Bewegung gesetzt hatte, dann ging er langsam zum Empfang. »Mein Gott, was für eine schöne Frau. Carlos, du wirst dich doch wohl nicht verlieben?«, sagte er leise zu sich.
Ulrike beschleunigte den Wagen, und in den Rückspiegel blickend dachte sie: »Was für ein attraktiver, interessanter Mann. Ulrike, du wirst dich doch wohl nicht verlieben?«
Am nächsten Morgen betrat Ulrike das Hotel, um ihn abzuholen, und wandte sich an die Rezeption. »Guten Tag, ich bin Ulrike Maier. Kann ich Herrn Carlos del Rio anrufen?«
»Einen Moment, bitte.« Der Rezeptionist blickte auf den Bildschirm. »Herr del Rio hat die Nummer 214. «
Sie hörte, wie Carlos sich meldete. »Ich hoffe du hast gut geschlafen und bist gut gelaunt. Ich warte unten auf dich, also los!«
»Guten Morgen, Ulrike. Ich geb‘s zu: Ich habe sehr gut geschlafen und bin bester Laune. Ich komme sofort runter, gib mir noch ein paar Minuten und ich werde bei dir sein. Geh aber ja nicht mit einem anderen fort.«
»Wenn du zu lange brauchst, überleg‘ ich’s mir«, erwiderte sie scherzhaft.
Schnell lief er die Treppen hinunter und kam mit offenen Armen auf sie zu. Er umarmte sie überschwänglich.
»Was für eine Freude, dich zu sehen!«
»Hast du schon gefrühstückt?«
»Na klar, zu Hause, warum?«
»Weil ich etwas zu mir nehmen muss, sonst funktioniere ich nicht.«
»Gut, ich begleite dich. Außerdem täte mir ein zweiter Kaffee nicht schlecht.«
»Dann lass uns doch das Frühstück im Hotel probieren.«
Als sie gegessen hatten, war Carlos mehr als zufrieden.
»Was für ein Frühstück, unglaublich! Mit so vielen Sorten Brot und Käse!«
»Das ist hier ganz normal. Aber ich glaube, dass ich mir jetzt die Beine vertreten muss. Also gehen wir in aller Ruhe los.«
Sie verließen das Hotel. Als sie auf dem Platz standen, zeigte sie nach rechts. »Lass uns in diese Richtung gehen. Ich möchte, dass du den Ku‘damm kennenlernst.«
»Was ist der Ku‘damm?«
Neugierig geworden näherte er sich ihr, bis ihre Gesichter sich leicht berührten. Sie wich nicht zurück. »Der Ku‘damm ist Berlins wichtigste Einkaufsstraße«, sagte sie im Weitergehen.
»Gut, schlendern wir also den Ku‘damm entlang, um die Stadt etwas kennenzulernen. Außerdem« – er sah sie fragend an –, »wir haben doch keine Eile, oder?«
»Nein, nein, keineswegs!«
Sie schlenderten durch die Rankestraße zum berühmten Boulevard. Sie hatte ihre Hände in die Jackentaschen gesteckt, während er mit seiner Hand auf ihrer Schulter ihr volles blondes Haar streifte, das unter den zarten Strahlen der Frühlingssonne geheimnisvoll glänzte. Unbekümmert gingen sie weiter. Bald deutete sie nach vorne. »Siehst du die Kirche dort? Sie wurde von 1891 bis 1895 als Erinnerung an den Kaiser Wilhelm I. gebaut und im Zweiten Weltkrieg durch englische Bomben zerstört. Man hat die Ruine des Kirchturms stehen lassen, damit die Grauen des Krieges nicht in Vergessenheit geraten. Daneben siehst du die neue Kirche.«
»Wie gut du informiert bist, Ulrike. Ich habe ja gewusst, dass du die ideale Gastgeberin bist.«
Sie errötete leicht. »Ich weiß ein wenig über die Geschichte Berlins Bescheid, weil ich mich belesen habe. Soviel wie ich könnte dir jeder Berliner erzählen.«
Fast ohne es zu merken waren sie am Wittenbergplatz angelangt. Mit ihrer Hand deutete sie auf das KaDeWe. »Das ist das größte und bekannteste Kaufhaus von Berlin. Hier findest du Produkte aus aller Welt, die es in den meisten anderen Läden nicht gibt. Es ist eine Touristenattraktion und zu einem Symbol von West-Berlin geworden.« Schelmisch lächelnd fügte sie hinzu: »Hier kannst du Geschenke für deine Frau und deine Familie kaufen. Sie werden es dir bestimmt danken.«
Er zog sie zurück, und leicht ihre Taille umfassend flüsterte er ihr ins Ohr: »Ich sagte es dir schon gestern: Ich habe keine Frau. Aber wenn du willst, kann ich es gerne wiederholen.«
Sie behielt ihr Lächeln bei und mit einer leichten Kopfbewegung gab sie zu verstehen, dass es nicht nötig sei. »An einem anderen Tag könnten wir das KaDeWe besuchen. Vielleicht morgen.«
»Ja, das ist eine gute Idee. Abgemacht.«
Sie gingen die Ansbacher Straße entlang, überquerten die Kurfürstenstraße, bogen in die Burggrafenstraße ein und folgten dann der Budapester Straße, bis sie den Landwehrkanal erreichten, der durch den Tiergarten führt. Nach einer Weile blieb sie stehen und erläuterte:
»Diese Tafel soll an Rosa Luxemburg erinnern, eine unermüdliche Kämpferin und politische Aktivistin. Sie wurde im Januar 1919 während der so genannten Novemberrevolution von Freikorps-Angehörigen ermordet.«
Langsam gingen sie weiter. Dem lebhaften Gespräch folgten immer wieder lange Pausen, bis sie plötzlich meinte:
»Komm, ich zeige dir etwas ganz Besonderes.«
Seine Neugierde war geweckt. »Etwas Besonderes?«
»Ja, etwas ganz Besonderes. Die Löwenbrücke. So nenne ich sie jedenfalls. Es ist eine Hängebrücke über einen kleinen Kanal. Wir sind ihr schon ganz nah. Jetzt schließ deine Augen, ich führe dich.« Sie nahm seine Hand. »Öffne nicht die Augen, bis ich dir es sage. Vertrau mir einfach.«
»Ich weiß ja nicht, ob ich dir blind vertrauen kann, aber wie ich sehe habe ich keine Wahl.«
Er war gut gelaunt und ließ sich führen. Wenige Schritte vor der Brücke sagte Ulrike, dass er die Augen wieder öffnen könne. Überrascht musste er zugeben, dass die Löwenbrücke tatsächlich etwas Besonderes in dem ausgedehnten Park war. An jedem Ende standen zwei gusseiserne Löwen, an denen die Zugstangen befestigt waren, welche die Brücke hielten. Langsam gingen sie zur Brückenmitte.
»Jetzt verstehe ich, warum du sie so nennst. Wer hätte vermutet, dass es in diesem Park so etwas gibt? Ich merke, Berlin scheint so manches Geheimnis zu haben, das den Besucher fesseln kann.« Dann sah er ihr in die Augen. »Und was sind deine Geheimnisse?«
Sie lachte und zuckte mit den Schultern. »Geheimnisse? Ich habe keine.«
Carlos nahm sie in seine Arme. Ihre Gesichter berührten sich leicht. Im Flüsterton sprach er: »Ulrike, du gefällst mir sehr. So, wie du bist.«
Für einige Sekunden blieben sie in dieser Haltung, umschlungen an diesem fast menschenleeren Ort inmitten der Stadt. Nur das Gezwitscher der Vögel und das Schnattern der Enten durchbrach die Stille. Seine Wange berührte ihre einige Augenblicke lang. Dann löste Ulrike sich sanft von ihm.
»Warum entfernst du dich von mir?«
»Meinst du nicht, dass alles ein wenig zu schnell geht? Wir haben uns erst gestern kennengelernt.«
»Ich weiß nicht, ob es zu schnell geht. Aber verlange nicht von mir, dass ich meine Gefühle verberge.«
Nachdem sie die Brücke hinter sich gelassen hatten, spazierten sie wortlos und Hand in Hand, eng beieinander, weiter. Am Parkausgang fragte sie ihn: »Nun, was willst du heute Abend unternehmen?«
»Ich weiß nicht.« Er hob die Schultern.
»Was hältst du von einem lateinamerikanischen Lokal mit Live-Musik, wo man auch tanzen kann?«
Angenehm überrascht von der zwanglosen Art, mit der diese Frau ihn behandelte, antwortete er: »Sehr gern, aber zuvor müssen wir etwas essen.«
»Ja, klar. Ich kenne ein chilenisches Restaurant, La Batea. Es befindet sich in der Krummestraße, nicht sehr weit von hier. Aber mit einem Taxi wären wir schneller da als zu Fuß. Was meinst du?«
»Ulrike, du überraschst mich jedes Mal von Neuem. In meinem Land sagt man: Du bist die Frau, die der Arzt mir verschrieben hat.«
Lachend schüttelte sie den Kopf. Sie stiegen in ein Taxi, das nach wenigen Minuten vor dem Restaurant anhielt. Als sie eintraten, sahen sie sich einem großen Bildnis von Victor Jara gegenüber. Carlos betrachtete es eingehend.
»Kennst du ihn?«
»Natürlich. Er war ein bekannter chilenischer Sänger, der nach seiner Gefangennahme im Nationalstadion umgebracht wurde, kurz nach dem Militärputsch.« Er machte eine kurze Pause. »Ulrike, alle Diktaturen sind schlecht, gleich welcher Couleur.«
Sie fanden im hinteren Teil des Lokals einen freien Tisch. Sie hatten noch nicht lange gewartet, als die Kellnerin kam, ebenfalls eine Lateinamerikanerin. »Guten Tag. Haben Sie schon gewählt?«
»Nein, wir haben uns noch nicht entschieden. Was können Sie uns denn empfehlen?«
»Wenn Sie etwas typisch Chilenisches essen wollen, dann empfehle ich Ihnen als Vorspeise frittierte Empanadas mit Käse und als Hauptgericht Bistec a lo pobre oder einen Pastel de choclo.«
»Bringen Sie uns bitte zuerst Empanadas und danach nehme ich einen Pastel de choclo.«
»Ich nehme dasselbe. Ich kenne die Gerichte zwar nicht, aber ich möchte sie gern probieren.«
»Und zum Trinken?«
»Einen chilenischen Wein, versteht sich! Wenn Sie einen Cousiño Macul hätten – ›Don Luis‹ wäre ideal.«
»Natürlich haben wir den. Soll ich Ihnen eine Flasche bringen?«
»Ja, fangen wir mal mit einer Flasche an.«
Die Kellnerin lächelte kurz und ging. Bald darauf kam sie mit der Flasche und zwei Gläsern zurück. Sie öffnete die Flasche und ließ Carlos kosten. »Was meinen Sie?«
»Er ist von Mal zu Mal besser.«
»Das freut mich.«
Sie füllte die Gläser und zog sich dann zurück. Carlos erhob sein Glas. »Auf diesen unvergesslichen Augenblick mit dir und auf die Zukunft!«
»Ja, darauf trinken wir!«
Dem Klingen der Gläser ließ sie einen kleinen Schluck folgen. »Mmh… Er ist sehr gut.«
»Ja, das ist einer meiner Lieblingsweine. Außerdem ist dies unser erstes gemeinsames Abendessen und ich möchte nicht, dass du es so leicht vergisst. So wirst du wenigstens den Wein in guter Erinnerung behalten.«
»Ich glaube nicht, dass ich dieses Essen so schnell vergessen werde. Wie könnte ich auch?
Er nahm ihre Hand. »Bleib wie du bist, so gefällst du mir.«
Sie lächelte nur, anstatt zu antworten.
Die Kellnerin erschien mit den Pasteles am Tisch und Ulrike probierte ihren sogleich.
»Das ist ja wirklich lecker. Wenn ich daran denke, dass man bei uns mit Mais oftmals nur Schweine füttert...«
Einige Musiker tauchten auf, spielten bekannte lateinamerikanische Rhythmen und gingen anschließend von Tisch zu Tisch, um Geld zu sammeln. Als sie zu Carlos kamen, griff er nach Markstücken in seiner Hosentasche.
»Als ihr den Bolero ›El reloj‹ gespielt habt, musste ich mich wirklich beherrschen nicht aufzustehen. Ich hatte große Lust zu tanzen und ihr die Liebe zu erklären. Aber dieses Mal war die Vernunft stärker als das Gefühl.«
Sie lachte nur dazu, mit der Kopfbewegung, der ihm schon vertraut geworden war. Sie konnte es nicht verheimlichen, dass ihr seine Gesellschaft Vergnügen und Wohlbefinden bereitete.
Als sie gegessen und die Weinflasche geleert hatten, fragte Carlos: »Wo, sagtest du, war noch mal die Latino-Disco?«
»Ganz in der Nähe, in der Wielandstraße. Wir können hin-laufen.«
Wenige Schritte vor dem Eingang des Lokals hörten sie bereits die Musik, die zum Tanzen einlud. Das Lokal hieß schlicht und einfach Salsa.
»Was für ein Name, bedeutungsvoll und unmissverständlich.«
»Ja, und ich glaube, es ist das einzige Salsa-Lokal in Berlin.«
Sie legten ihre Garderobe ab und betraten den Innenraum. Die Musiker spielte das alte, berühmte kubanische Stück
»Son de la loma«, bevor der Sänger ankündigte:
»Bueno, und jetzt wollen wir für die Verliebten ein paar romantische Stücke spielen. Ich hoffe, dass sie euch gefallen.«
Beim Bolero »Piel canela« spürte Carlos Ulrikes Körper, der sich sinnlich an ihn schmiegte. Da fühlte er, dass diese Frau ihn unwiderstehlich anzog und das Verlangen ihn ergriff. Sie blieben noch eng umschlungen, nachdem der Bolero mit dem Satz »Me importas tú y tú y tú y nadie más que tú« geendet hatte. Sie fixierten einander mit den Augen und er flüsterte ihr ins Ohr:
»So wie jetzt will ich mit dir bleiben, mein ganzes Leben lang.« Seine Lippen wanderten hinab, und er küsste sanft ihren samtweichen Hals. Da wusste auch Ulrike, dass das Unvermeidliche nicht mehr zu verhindern war. Sie legte ihre Arme um seinen Hals. Sein Kuss war lang und leidenschaftlich.
In ihrer Wohnung angekommen, überraschte sie ihn mit einer CD unvergesslicher Boleros von Eddie Gormé y los Panchos. Als er die ersten Takte von »Piel canela« hörte, rief er aus:
»Ah, unser Lied! Aber jetzt von Eddie Gormé y los Panchos!«
Sie näherten sich langsam einander, umarmten sich ohne ein Wort und begannen zu tanzen. Nach den ersten Küssen nahm sie seine Hand und führte ihn in ihr Schlafzimmer. Sie liebten sich leidenschaftlich, als wollten sie die Zeit aufholen, in der sie einander nicht gekannt hatten. Bevor sie einschliefen, streichelte er ihr Gesicht. »So möchte ich alle Nächte verbringen, die mir in Berlin bleiben.«
Sie erwiderte seine Zärtlichkeiten, und ihm in die Augen schauend flüsterte sie: »Das möchte ich auch.« Damit schliefen sie gemeinsam ein.
Als sie am darauffolgenden Morgen aufgewacht waren und sich liebkosten, fragte Ulrike: »Hast du gut geschlafen?«
»Wie ein Murmeltier.«
Sie errötete leicht und erwiderte sein Lächeln. »Ich auch, nach all dem in der Nacht. Wollen wir frühstücken? Ich habe Hunger.«
»Na klar, ich auch - nach all dem in der Nacht.«
Sie stieg aus dem Bett und verschwand unter der Dusche. Schon bald war sie wieder zurück. »Jetzt kannst du auch duschen. Das grüne Handtuch ist für dich.«
Kurze Zeit später setzten sie sich zum Frühstück. Ihm fiel auf, dass sie schwieg und nachdenklich aussah.
»Mamacita, was ist los? Fühlst du dich nicht gut?«
»Das ist es nicht. Ich habe nur an die letzte Nacht gedacht.«
»Und an was genau?«
»Du wirst es mir vielleicht nicht glauben, aber so etwas ist mir noch nie passiert.«
»Was meinst du mit ›so etwas‹?«
»Dass ich mit jemandem ins Bett gehe, den ich zwei Tage zuvor kennen gelernt habe – und mich glücklich fühle.«
»Ehrlich gesagt, mir ist sowas auch noch nicht passiert. Ich weiß nur« – er sah ihr in die Augen –, »dass ich mich dabei anscheinend besser fühle als du.«
Sie antwortete ihm lediglich mit einem zaghaften Lächeln. Nach einer Weile jedoch entspannte sich ihr Gesichtsausdruck. »Warum erzählst du mir nicht von deinem Land? Ich weiß wenig darüber; und von dir weiß ich eigentlich gar nichts.«
»Mein Land… Mein Land hat viele Facetten, die es zu etwas Besonderem machen. Gute, freundliche Leute, so wie ich. Die Strände und die Landschaften sind wunderschön, mit Bergen und Ebenen, aber es gibt leider auch Drogen und zahlreiche soziale Probleme.«
Er unterbrach seine Beschreibung, ergriff ihre Hand und rückte zu ihr. »Weißt du, ich hab eine bessere Idee.«
»Welche denn?«
Seine Antwort überraschte sie zutiefst.
»Komm mit mir, mach Urlaub, und ich zeige dir mein Land. Würde dir das nicht gefallen?« Sie wusste nicht, was sie antworten sollte und versuchte, sich erst einmal zu sammeln. »Doch, sicher würde es mir gefallen – du hast mich bloß etwas überrumpelt.«
Er streichelte ihre Hand. »Überlege es dir. Es kam von Herzen, und mein Herz ist immer ehrlich. Ich nehme mir einige Wochen frei und zeige dir meine Heimat. Du wirst besondere Orte sehen, die Touristen weitgehend unbekannt sind. Ich werde dein Reiseführer und liebender Begleiter sein.«
Nach dem Frühstück fragte Ulrike: »Und, wo möchtest du heute hingehen? Vergiss nicht, heute ist unser letzter freier Tag, bevor die Arbeitstreffen beginnen.«
Carlos nahm ihre Hand. »Mach mir doch ein verführerisches Angebot, das ich nicht ablehnen kann.«
Sie lächelte und hob die Schultern. »Wir könnten ins KaDeWe und dann zur Mauer gehen – oder umgekehrt.«
»Genau dasselbe dachte ich auch. Das nennt man wohl Gedankenübertragung.«
»Gut, also zuerst zur Mauer und dann in den Konsumtempel.«
Am Wittenbergplatz stiegen sie in die U-Bahn-Linie 1 nach Kreuzberg und erreichten nach kurzer Fahrt den Bahnhof Kottbusser Tor. »Wie du siehst, ist Berlin eine kosmopolitische Stadt. Hier leben etwa zweihunderttausend Türken, vorzugsweise in dieser Gegend.«
»Zweihunderttausend Türken?«
»Ja, du hast richtig gehört. Ich habe etwas von ›weltweit drittgrößter türkischer Stadt‹ gelesen. Lass uns nach der Mauerbesichtigung durch den Kiez spazieren, damit du siehst, dass die Türken hier überall präsent sind. Wir könnten einen Kebab essen, eine Art türkisches Sandwich. Es ist zwar etwas fett, aber mir schmeckt es.«
»Eine sehr gute Idee.«
»Sie könnte von dir sein, ist aber von mir.« Sie zwinkerte ihm vergnügt zu.
An der Endstation Schlesisches Tor stiegen sie aus und näherten sich zu Fuß dem Ufer der Spree.
»Drüben am anderen Ufer siehst du die Mauer, die unsere Stadt und unser Land teilt. Auf den Wachtürmen sind Soldaten postiert, die darüber wachen, dass niemand versucht, dem DDR-Regime zu entkommen. Jetzt könntest du deine Kamera rausholen und ein paar Fotos schießen.«
Sie folgten dem Uferverlauf. Carlos setzte sich kurz auf den Rasen und starrte auf die unendlich lange und schicksalhafte Mauer, an der schon viele Berliner den Versuch, sie zu überwinden, mit ihrem Leben bezahlt hatten. Ulrike kam näher und umarmte ihn zärtlich.
»Carlos? Du schaust sehr ernst drein.«
»Ja. Kein Wunder, wenn man vor der Berliner Mauer steht. Man muss sie gesehen haben, um diese geteilte Stadt besser zu verstehen.«
»Alles wegen eines Krieges, der nie hätte geführt werden dürfen.«
»Ja, ein Krieg, den ihr begonnen habt und der nie hätte sein dürfen.«
»Ein Krieg, den einige Verrückte begonnen haben!«
»Na gut. Einige Verrückte haben ihn begonnen, aber fast das ganze Volk ist ihnen gefolgt.« Er machte eine Pause.
»Weißt du, der Krieg ist wie die Liebe: Man weiß, wie und wann sie beginnen, aber niemals, wann und wie sie enden.«
»Wie poetisch du bist!« Ihre Unbefangenheit grenzte schon an Naivität.
»Na ja, manchmal überkommt es mich...«
Nachdem sie eine Weile gesessen hatten, ergriff Carlos ihre Hand. »Lass uns ein wenig am Ufer entlanggehen. Hier zu sitzen und auf die Mauer zu blicken bedrückt mich irgendwie.«
»Mich deprimiert sie auch. Jetzt weißt du, warum ich die Mauer meide, wenn ich nach Berlin komme.«
Er legte seinen Arm um ihre Taille. »Ja, jetzt verstehe ich dich vollkommen.«
Sie kehrten dem Spreeufer den Rücken und schlenderten zurück Richtung U-Bahnhof. In der Schlesischen Straße aßen sie einen Kebab, der Carlos sehr gut schmeckte. »Das müssen wir wiederholen!«
»Wann immer du willst...«
Sie stiegen wieder in die Linie 1 und fuhren zurück zum Wittenbergplatz; direkt gegenüber dem Ausgang befand sich das KaDeWe.
»Mal sehen, was für Überraschungen dieser Ort für uns bereithält. Bei der Gelegenheit will ich für meine Mutter das berühmte deutsche Marzipan kaufen, und deutsche Schokolade auch, versteht sich. Man sagt ja, dass sie vorzüglich schmecken sollen.«
»Aber natürlich tun sie das!«
Sie begannen mit einem Rundgang in den ersten Etagen. Er fing an, sie auszufragen. »Wie viele Stockwerke sind es denn?«
»Sechs. Im obersten werden Delikatessen angeboten, wie du sie dir feiner nicht vorstellen kannst. Das heben wir uns als krönenden Abschluss auf.«
»Einverstanden, du bist die Gastgeberin. Ich lasse mich führen. Ich vertraue dir blind und hoffe, dass du mich nicht enttäuschst.«
»Sei unbesorgt, das wird nicht passieren.«
Carlos war schon nach kurzer Zeit sehr beeindruckt. »Ich muss schon sagen, so viele Sorten und Variationen einer einzigen Sache…« Er kam ihr näher, um ihr zuzuflüstern:
»Braucht der Mensch all diese Dinge, um glücklich zu sein?«
»Natürlich nicht. Aber was würden reiche Leute ohne solche Geschäfte mit ihrem Geld anfangen?«
»Gute Frage. Sie werden es wohl nicht essen wollen. Särge mit Taschen habe ich auch noch keine gesehen…« Sie lachte.
»Ich auch nicht.«
Plötzlich ergriff Ulrike seine Hand und hielt an, während sie gerade durch die Schuhabteilung gingen.
»Sieh dir das an! Wer kauft sich schon ein Paar Schuhe für über tausend Mark?«
»Nur wer sehr, sehr viel Geld verdient.«
Ulrike lachte über die Worte, die Carlos ihr zugeraunt hatte.
»Ich möchte nicht, dass du ein verzerrtes Bild von diesem Ort erhältst, weil man hier nämlich auch Dinge zu den gleichen Preisen wie anderswo findet. Vor allem bei Schlussverkäufen sogar noch billiger. Du wirst gemerkt haben, dass auch das Publikum hier sehr gemischt ist. Jedes Mal, wenn ich nach Berlin fahre, also mehrmals im Jahr, komme ich hier vorbei und kaufe, was ich brauche und was mir gefällt. Außerdem findet man hier fast alles, was man sucht, unter einem Dach.«
Fast unbemerkt hatten sie die vierte Etage erreicht, wo er Schokolade und Marzipan kaufen konnte, die er für seine Mutter mitnehmen wollte. Am ersten Verkaufsstand sah Carlos ihr hilfesuchend in die Augen. »Ulrike, du bist meine Rettung.«
»Ich? Warum?«
»Weil ich nicht weiß, was ich kaufen soll. Ich vertraue deiner Erfahrung, dass du das richtige Geschenk für meine Mutter aussuchen kannst.«
»Du bittest mich, an deiner Stelle zu wählen?«
»Dieses eine Mal ja, bitte.«
Ulrike wandte sich an die Verkäuferin: »Welches ist denn das bekannte Lübecker Marzipan?«
Sie antwortete ohne zu zögern: »Dieses.«
»Gut, das nehmen wir.« Sie ließ ihren Blick über die Auslage schweifen. »Deutsche Schokolade wollen wir auch.«
Sie wandte sich an Carlos. »Ich schenke meiner Mutter diese Sorte; sie liebt sie.«
»Ich tue es dir gleich. Die nehmen wir mit.«
Schließlich erreichten sie die sechste Etage. »Auf dieser Etage kann man exquisit essen und trinken. Worauf hast du Lust?«
»Ich will mich hinsetzen und einen feinen Darjeeling trinken, mit einem deutschen Kuchen dazu.«
»Gute Idee. Ich nehme eine Tasse Kaffee und auch ein Stück Kuchen.«
»Dann suchen wir uns erst mal einen Sitzplatz. Was meinst du, hier?«
»Ja, hier ist es gut.«
Während sie aßen bemerkte er: »Tatsächlich gibt es hier fast alles, was man sich vorstellen kann.«
»Ich sagte ja, Produkte von fast überall auf der Welt.«
»Das Einzige, was fehlt, sind Extrakte von Glück in homöopathisch kleinen Dosen.«
»Du hast Recht, das findet man selbst hier nicht«, pflichtete sie ihm erheitert bei.
Nach dem Essen meinte Carlos: »Es war delikat. Das KaDeWe ist wirklich beeindruckend, aber dieser Konsumtempel fängt an, mich zu erschöpfen.«
»Mir geht es auch so.«
»Also gehen wir?«
»Ja, lass uns aufbrechen. Der Tag ist noch jung…«
Auch an den nächsten Tagen schlenderten Carlos und Ulrike nach dem Abschluss der Besprechungen und Präsentationen durch die Stadt. Sie genossen das Leben und die schönen Momente der Zweisamkeit, und in den Nächten wiederholte sich jener Liebesakt voller Leidenschaft, welche keine andere Grenze kannte als die Erschöpfung, die sie schließlich übermannte. Als sie eines Abends beim Essen saßen, sagte er:
»Wie die Zeit vergangen ist! Seit fast zwei Wochen bin ich nun schon hier. An diesem Freitag werde ich meinen kurzen Vortrag halten. Ich sollte schon mal in aller Ruhe meine Notizen durchgehen.«
»Oh, sehr gut. Während du dich vorbereitest, könnte ich einkaufen.«
»Einkaufen?«
»Na klar. Dieses Wochenende hat meine Mutter ja Geburtstag, und ich will ihr ein besonderes Geschenk machen. Außerdem muss ich auch für mich selbst einiges kaufen.«
»Aha, die Schwiegermutter hat Geburtstag.«
Sie lachte, während sie sich ihm näherte, bis sie fast seine Lippen berührte. »So ist es. Wenn du sie kennenlernen willst, bist du gern eingeladen. Möchtest du sie kennen-lernen?«
Die Spontaneität dieser Frau versetzte ihn erneut in Erstaunen, das er erst nach einigen Sekunden überwand, so dass er ihr antworten konnte.
»Aber ja! Den Geburtstag der Schwiegermutter will ich mir nicht entgehen lassen.«
»Sehr gut. Am Freitagnachmittag reise ich nach deinem Vortrag ab. Du wirst dann mit Max und den anderen Teilnehmern essen gehen, wie es üblich ist, und wir sehen uns am Samstag in Hamburg. Was meinst du?«
»Ja, Mamacita, so machen wir’s!« Carlos fuhr nach kurzem Schweigen fort: »Fällt dir auf, dass wir uns benehmen, als lebten wir bereits zusammen oder wären verheiratet?«
Sie lachte. »Nicht so schnell…! Soweit ich mich erinnere, hast du noch nicht um meine Hand angehalten.« Jetzt war es Carlos, der lachte. »Mach dir deswegen keine Sorgen. Die Ringe habe ich schon bestellt.«
Am Freitag sollte Carlos seinen Vortrag über den Stand des Kampfes gegen den Drogenhandel in seinem Land und die generelle Situation in Lateinamerika halten, der den Abschluss der Berliner Veranstaltungsreihe bilden würde. Ulrike sah, wie er nachdenklich wurde, und strich ihm mit der Hand über den Rücken.
»Carlos, mach‘ dir keine Sorgen, du wirst es schon schaffen. Außerdem werde ich da sein, dir Mut und Applaus spenden.«
»Danke. Ich bin gut vorbereitet; es ist nur so, dass ich mir immer ein wenig Sorgen mache. Meine perfektionistische Ader, weiter nichts.«
Ulrike sah auf die Uhr. »Nun, wenn dem so ist, können wir losgehen, wann immer du willst.«
»Ja, einen Moment noch, sobald ich meine Schuhe poliert habe.«
Max als Vertreter der gastgebenden Stadt Berlin sprach zu den versammelten Polizeibeamten, die aus Hamburg, Frankfurt, Köln, Düsseldorf und München angereist waren:
»Liebe Kolleginnen und Kollegen, zum Abschluss der Veranstaltungsreihe hören wir heute den Vortrag unseres lateinamerikanischen Gastes. Kommissar Carlos del Rio, Leiter der Anti-Drogen-Einheit, wird uns aus seiner Sicht den aktuellen Stand der Bekämpfung des Drogenhandels in Lateinamerika und speziell in seinem Heimatland erläutern. Carlos, du hast das Wort.«
Carlos schaltete sein Mikrofon ein. »Danke, Max. Nun, ich will zuerst eine schnelle Einführung in die Thematik vornehmen und dabei auf die Wurzeln des Drogengeschäfts zu sprechen kommen. Dann werde ich seine Entwicklung skizzieren, und schließlich werde ich versuchen, die aktuelle Lage zu beschreiben. Und zwar, wie Max es betont hat, aus unserer Sicht, die sich bezüglich der Analyse und der Schlussfolgerungen nicht selten von anderen, nicht-lateinamerikanischen Sichtweisen unterscheidet.
In diesem Sinne möchte ich mit einer etwas provokativen These beginnen. Angesichts des gestiegenen Kokainhandels sehen wir dessen Ursache nicht darin, dass unsere Bauern plötzlich eine lukrative Einnahmequelle entdeckt hätten, sondern in der signifikant höheren Nachfrage in den Verbraucherländern. Und die Drogenkartelle haben nichts anderes getan, als diese wachsende Nachfrage im Ausland zu bedienen.«
Carlos setzte seinen Vortrag mit der gewohnten Routine fort. Neu für ihn war einzig die Anwesenheit Ulrikes, der Dame seines Herzens. Nach weitläufigen Ausführungen über das Thema hob er schließlich zu einem eindringlichen Plädoyer an:
»Was ich sagen will: Der Kampf gegen die Drogen ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Diese beginnt in der Familie, in den Schulen, sie beginnt darin, dass wir unserer Jugend eine Zukunft bieten, so dass sie nicht das Gefühl hat, von der Gesellschaft ausgeschlossen zu sein, und nicht zuletzt in einer effektiven Polizeiarbeit.
Auf der polizeilichen Ebene, also für uns, wird der Kampf gegen die Verbreitung von Drogen nur dann eine Aussicht auf Erfolg haben, wenn wir einerseits unsere Einheiten perfekt ausbilden und entsprechend ausrüsten, und andererseits, was von zunehmender Bedeutung ist, die Zusammenarbeit der Polizeidienststellen der verschiedenen Länder fördern, die davon betroffen sind. Die fachliche Ausbildung unserer Mitarbeiter und der reibungslose Informationsaustausch sind meiner Meinung nach von fundamentaler Bedeutung, wenn wir den Kampf gegen den Drogenhandel gewinnen wollen, der bereits komplexe internationale Strukturen der Vermarktung und der Geldwäsche geschaffen hat. Für den Aufbau von Beziehungen zu uns haben Sie einen ersten Schritt getan. Ich denke, dass der nächste Schritt die Intensivierung unserer Arbeit sein wird. Während unsere Mitarbeiter sich mit den modernen Polizeitechniken vertraut machen, die ich in diesen Tagen kennenzulernen das Glück hatte, werden Sie erfahren, wie wir sie in die Praxis umsetzen. Den Austausch von Informationen, Personal und neuen Technologien schätze ich als grundlegend ein, um auf der polizeilichen Ebene diesen Kampf, der zunehmend globale Züge aufweist, mit Erfolg zu bestehen.
Ich möchte nur noch hinzufügen, dass eine Strategie zur wirksamen Bekämpfung des Drogenhandels und Drogenkonsums nicht darauf gegründet werden kann, die Bauern in den produzierenden Ländern zu unterdrücken, die ohne Zweifel zu den ärmsten Schichten der Gesellschaft gehören. Eine solche Strategie wäre nach unserer Einschätzung zum Misserfolg auf der ganzen Linie verurteilt, da sie das Problem nicht an der Wurzel packen und zusätzlich unüberschaubare soziale Unruhen verursachen würde.
Der Schwerpunkt einer wirksamen Politik gegen den Drogenkonsum sollte darin liegen, mit einem Maßnahmenpaket die Gründe des Nachfrageanstiegs in den Verbraucherländern zu bekämpfen. Wie ich schon sagte, bildet die Polizeiarbeit nur einen Bestandteil dieser Strategie. Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Aufmerksamkeit und hoffe, ihr Interesse für unsere Sicht der Dinge geweckt zu haben.«
Nach diesen Worten schaltete er das Mikrofon aus. Die Zuhörer reagierten mit einem entschiedenen und lauten Applaus, indem sie mit den Fingerknöcheln auf die Tische klopften. Carlos dankte mit einem Nicken und blickte zu Ulrike hinüber, die ihm ein Lächeln schenkte. Max ergriff wieder das Wort, um Carlos für seinen Vortrag zu danken.
»Ich fand den Vortrag sehr aufschlussreich. Er enthielt die grundlegenden Aspekte der Problematik. Was die Polizeiarbeit angeht, sind wir uns bezüglich der Schlussfolgerungen voll und ganz einig. Auch ich bin überzeugt davon, dass es an der Zeit ist, die Koordinierung und den Informationsaustausch nachdrücklich voranzutreiben, wenn wir im Kampf gegen den Drogenhandel erfolgreich sein wollen. Dies ist ein globaler Kampf und erfordert daher auch eine koordinierte und globale Entgegnung.«
Die Diskussion endete mit einer Reihe von Schlussfolgerungen und Erklärungen. Als Gastgeber ergriff Max wieder das Wort. »Liebe Kolleginnen und Kollegen, unser Treffen geht seinem Ende zu. Ich möchte allen noch einmal herzlich für ihre Teilnahme danken, vor allem unseren Gästen. Ich hoffe, Sie um neunzehn Uhr bei unserem Abschiedsessen wiederzusehen. Ich danke Ihnen.«
Carlos und Ulrike stiegen schweigend die Treppe hinab und gingen zu den Parkplätzen. Beim Wagen angekommen, umarmte Carlos sie und streichelte ihr goldenes Haar.
»All diese Tage hier in Berlin haben wir intensiv zusammengelebt. Du bist in mich, in mein Herz und meine Seele so tief eingedrungen wie niemand je zuvor.«
Sie atmete tief, bevor sie antwortete. »Mir geht es genauso. Vielleicht fällt es mir deswegen schwer, mich von dir zu trennen.« Sie nahm langsam ihren Koffer, als wollte sie den Abschied hinauszögern. Sie umarmte ihn voller Wärme. Carlos erwiderte dies, indem er sie fest in den Armen hielt.
»Ich glaube, dass unser Traum anfängt zu verblassen.«
»Mamacita, jetzt ist nicht der Moment, um traurig zu werden. In wenigen Stunden werden wir wieder zusammen sein.«
Langsam, fast resignierend, antwortete sie:
»Ich meine damit, dass du bald in dein Land zurückkehren wirst.«
»Das ist wahr, aber vergiss nicht, dass die Zukunft in unseren Händen liegt. Sie gehört uns.«
Schweigend lagen sie einander in den Armen. Sie sprach erst wieder, als sie sich losließen. »Deine Worte gefallen mir. Die Zukunft liegt in unseren Händen.«
Schließlich stieg Ulrike in ihren Wagen, kurbelte die Fensterscheibe herab und ließ den Motor an. Sie fuhr langsam die Straße hinunter, und als sie ihre Hand zum letzten Mal hinausstreckte, dachte sie: »Ulrike, du bist absolut verliebt, versuch’ gar nicht erst es zu leugnen.«
Er hob ebenfalls seine Hand zum Abschied und dachte dabei:
»Carlos, du liebst sie mit einer Tiefe, die du nie zuvor gekannt hast.«
Auf der Fahrt dachte Ulrike über ihre Beziehung mit Carlos nach. Zum ersten Mal fragte sie sich, was sie tun könnte, um ihn nicht zu verlieren, um sich nicht wieder von ihm zu trennen. »Und wenn ich seine Einladung annehme und ihn nächste Woche in sein Land begleite? Ich könnte meinen Resturlaub nehmen. Sogar mein eigener Chef hat mich gebeten, das zu tun, damit er nicht verloren geht. Soll ich es machen und mit ihm verreisen? Wer kommt auf so eine verrückte Idee? Ulrike, das ist eine Schnapsidee, vergiss sie, wie du auch ihn vergessen musst.«
Als sie in Hamburg ankam, fuhr sie zuerst zu Ingeborg, ihrer engsten Freundin. Sie umarmten sich ausgiebig. »Lass mich erst meine Eltern anrufen und Bescheid sagen, dass ich angekommen bin. Dann erzähle ich dir alles, was in den letzten zwei Wochen passiert ist.«
Ulrike rief ihre Mutter an. »Mama, morgen bekommen wir Besuch von Carlos. Er war bei den Treffen in Berlin ein Ehrengast. Ich habe ihn nach Hamburg eingeladen und bringe ihn zu deinem Geburtstag mit. Seitdem wir uns kennengelernt haben, sind wir zusammen. So etwas ist mir noch nie passiert…«
»Ulrike? Bist du etwa verliebt?«
»Ja, Mama, und mehr, als ich zugeben möchte.«
Als die Freundinnen zusammensaßen, schilderte Ulrike ihre Begegnung mit Carlos und die wundervollen Tage, die sie mit ihm verbracht hatte.
»Weißt du, was ich auf der Fahrt hierher gedacht habe? Wie wäre es, wenn ich meinen Urlaub nehmen und nächste Woche mit ihm nach Südamerika reisen würde? Ich will sein Land kennenlernen, ich will wissen, wie ich mich dort mit ihm fühle, mit seiner Familie, seiner Arbeit. Mein Herz sagt mir, dass es feige wäre, dieser Liebe keine einzige Chance zu geben. Aber dann habe ich mir gesagt: ›Vergiss es!‹, weil es total verrückt wäre…«
Ingeborg dachte nach.
»Ulrike, ich sehe, dass du dabei bist, dich Hals über Kopf in ihn zu verlieben. So habe ich dich noch nie gesehen, so glücklich und so verwirrt. Bisher hast du dich immer von deiner Vernunft leiten lassen, wenn die Liebe an deine Tür klopfte. Aber jetzt hat deine Vernunft wohl ausgesetzt.«
Kaum war sie in ihrer Wohnung angekommen, klingelte das Telefon.
»Maier…«
»Wem gehört diese süße Stimme?«
Die Aufregung wischte alle ihre Zweifel weg.
»Carlos, Liebling, wie schön, dass du anrufst! Ich war ein wenig traurig, als ich hier ankam. Ich fühlte mich so allein…«
»Mamacita, mir geht es nicht anders. Deswegen rufe ich ja an. Ich wollte deine Stimme hören und wissen, wie es dir geht. Hast du schon deine Freundin Ingeborg getroffen?«
»Ja, ich bin geradewegs zu ihr gefahren, um ihr von uns zu erzählen.«
»Und, was hat sie gesagt?«
»Sie sagte: ›Ulrike, ich glaube, die Liebe klopft an deine Tür.‹«
Carlos antwortete lachend: »An meine klopft sie nicht mehr, sie ist längst im Haus.«
Nun lachten beide und unterhielten sich lange, bis ihre Beklemmung sich verflüchtigt hatte.
»Nun, Mamacita, jetzt weiß ich, dass du heil angekommen bist und mich morgen am Bahnhof erwartest.«
»Natürlich. Ich habe mich auch sehr über deinen Anruf gefreut. Ich habe deine Stimme vermisst.«
»Dann bis morgen, Mamacita, träum‘ von mir. Wie heißt es im Lied: ›Ach, meine Liebe, ohne dich begreif‘ ich das Erwachen nicht, ach meine Liebe, ohne dich das Bett zu breit im Dämmerlicht.‹«
Am nächsten Tag kehrte Ulrike nach ihren täglichen Einkäufen in ihre Wohnung zurück und rief ihre Mutter an, um die letzten Details der Feier abzusprechen. Dann fing sie an, ihre Wohnung gründlich aufzuräumen.
Am Nachmittag trank sie wie gewohnt einen Kaffee, blickte auf die Uhr und machte sich fertig. Sie fuhr zum Bahnhof, um Carlos abzuholen. Der Zug sollte um 15:30 Uhr ankommen. Ein wenig nervös zählte sie die Minuten, die ihr wie Stunden vorkamen.
Schließlich verkündeten die Lautsprecher die Ankunft des Zuges aus Berlin. Ihr Herz schlug schneller. Sie war immer noch besorgt, aber sie wusste, das würde nicht mehr lange anhalten.
Der Zug hielt und gab die Passagiere frei. Sie ließ ihren Blick von einem Ende zum anderen wandern. Auf einmal erblickte sie ihn– mit seinem grünen Tirolerhut war er auch nur schwer zu übersehen. Sie hob ihre Hand und rannte auf ihn zu. Carlos umarmte sie fest.
»Ulrike, Mamacita, was für eine Freude, dich zu sehen. In der kurzen Zeit habe ich dich so vermisst.« Sie küsste ihn.
»Du hast mir auch gefehlt. In meiner Wohnung habe ich mich einsam gefühlt, und mein Bett war kalt ohne dich.«
Ohne einander loszulassen verließen sie den Bahnhof langsamen Schrittes, als ob sie alle Zeit der Welt hätten.
Es dauerte nicht sehr lange, bis der Wagen vor ihrer Wohnung in der Himmelstraße im Stadtteil Winterhude hielt.
Ulrike schloss die Tür ihrer Wohnung auf und bat Carlos mit einem Lächeln und einer Handbewegung hinein.
»Willkommen im meiner Behausung, Herr Kommissar del Rio, es ist mir eine Freude, Sie zu empfangen. Heute sind Sie mein Ehrengast.«
Kaum hatte sich die Tür hinter ihnen geschlossen, legte er seine Hand um ihre Taille und küsste sie so leidenschaftlich, als stünde das Ende der Welt bevor. Unwiderstehlich zog das Schlafzimmer sie an.
Nach einem Blick auf die Uhr sagte sie:
»Wir müssen aufstehen. In einer Stunde kommt meine Freundin Ingeborg um uns abzuholen. Sie ist auch zu meinen Eltern eingeladen.«
»Apropos Geburtstag, ich habe nichts für deine Mutter. Können wir unterwegs einen Blumenstrauß kaufen?«
»Ich rufe Ingeborg an. In der Nähe ihrer Wohnung ist ein großer Blumenladen.«
Beim Aufstehen fragte Ulrike: »Willst du zuerst duschen?«
»Nein, mit dir zusammen.«
»Zusammen?«
»Ja, zusammen. Das haben wir noch nie getan.«
»Ja, stimmt, also los.«
Er sang voller Freude, als sie ihn einseifte. Dann tat er das gleiche mit ihr. Schließlich sagte Carlos: »Ich dusche am Ende immer kalt.« Sie lachte: »Nein, danke. Ich mag das kalte Wasser nicht. Warte, bis ich mir die Haare gewaschen habe und draußen bin. Dann kannst du dich kalt abduschen.«
Ingeborg, ihre Freundin seit der Kindheit, kam pünktlich. Nach der Begrüßung stellte Ulrike ihr mit sichtlicher Freude Carlos vor. »Das ist Carlos.«
»Grüß‘ dich, Carlos. Schön, dich kennenzulernen.« Sie gab ihm die Hand.
»Es ist mir ein Vergnügen.«
»Ich kenne dich zwar nicht, aber ich weiß viel über dich.«
Er lachte. »Ich hoffe, dass man dir nur Gutes über mich erzählt hat.«
»Doch, doch. Vielleicht übertrieben Gutes.« Alle lachten. Ulrike sah auf ihre Uhr.
»Jetzt müssen wir aber los. Gehen wir?«
»Ja, lasst uns aufbrechen.«
Das Haus ihrer Eltern stand ebenfalls im schönen Wohnviertel Winterhude, in der Maria-Louisen-Straße, nicht weit von ihr, so dass sie nach einer kurzen Fahrt ankamen. Beim Aussteigen nahm sie seine Hand, bevor sie klingelte. Adelheid Maier, Ulrikes Mutter, öffnete die Tür.
»Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Mama. Ich hoffe, dass Gesundheit und Glück dich noch viele Jahre begleiten werden.«
»Danke, mein Kind.« Sie war gerührt. »Das hoffe ich auch. In unserem Alter ist es fast das Wichtigste.«
Dann blickte Ulrike zu ihrem Begleiter. »Mama, das ist Carlos. Ich bin ihm, wie gesagt, auf der Tagung in Berlin begegnet.«
Ulrikes Mutter gab Carlos die Hand. »Guten Tag.«
Respektvoll verbeugte er sich leicht und übergab ihr die Rosen.
»Verehrte Dame, ich freue mich, Sie kennenzulernen. Ich wünsche Ihnen Glück zu Ihrem Geburtstag.«
»Danke. Die sind wirklich sehr schön.«
Dann wandte sie sich an die Schulfreundin ihrer Tochter.
»Ingeborg, wie geht es dir?«
»Sehr gut, danke. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.«
»Danke. – Aber nun lasst uns reingehen, dein Vater wartet auf uns.«
Nach dem Essen und einer kurzen Unterhaltung sah Ulrike erst auf ihre Uhr und dann hinüber zu Carlos.
»Ich denke, es ist Zeit, uns zu verabschieden. Es ist spät, ich bin ein wenig müde und ich möchte morgen Carlos die Stadt zeigen. Wir dürfen nicht zu spät aufstehen, wenn wir etwas von ihr sehen wollen.«
»Wie lange bleiben Sie?«, fragte Frau Maier.
»Nur bis morgen. Am Montag fahre ich zurück nach Berlin.«
»Hat Deutschland Ihnen gefallen?«
»Ja, sehr. Abgesehen von der Mauer.«
»Die gefällt niemandem.« Frau Maier nickte verständnisvoll.
Carlos und Ulrike hielten schon Händchen, als sie anfingen, sich zu verabschieden. Vielleicht wollten sie unbewusst zeigen, dass sie zusammengehörten, enger, als sie sich es hätten denken können. Etwas irritiert sah Ulrike ihren Vater an. »Papa, stimmt etwas nicht?«
»Nein. Ich frage mich nur, wann ich dich zuletzt so gesehen habe. Du siehst sehr glücklich aus.«
Sie zuckte mit den Achseln und errötete leicht. »Wann es das letzte Mal war? Ich weiß es nicht. Aber du hast Recht, ich bin glücklich.«
Als Ulrike aufwachte, drehte sie sich nach Carlos um. Zu ihrer Überraschung fand sie ihn nicht an ihrer Seite. Daraufhin griff sie nach der Uhr. Sie hatte keine Vorstellung, wie spät es war und erschrak fast, als sie merkte, dass es bereits kurz vor zehn war. Rasch stand sie auf, zog ihren Morgenmantel über und öffnete die Vorhänge des Schlafzimmerfensters. Die Sonne zeigte sich in ihrem Frühlingsglanz.
Sie fand ihn am Küchentisch mit einer Tasse Tee. Sie trat näher und gab ihm einen Kuss.
»Guten Morgen. Seit wann bist du hier?«
»Seit gut einer Stunde. Ich habe mich geduscht und habe fürs Frühstück auf dich gewartet. Es ist meine zweite Tasse Tee.«
Sie lachte. »Bist du etwa nicht müde?«
»Ein bisschen schon, aber ich stehe immer früh auf, egal was kommt.«
Sie holte eine Flasche Orangensaft aus dem Kühlschrank.
