Die Berührung der Sterne - Olivia Young - E-Book

Die Berührung der Sterne E-Book

Olivia Young

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Beschreibung

Violet und Brooklyn sind von Grund auf verschieden. Brooklyn liebt Partys, Glamour und ist das beliebteste Mädchen der Schule. Violet hingegen ist unauffällig, hasst Partys und hat sich daran gewöhnt allein zu sein. Als die Beiden für ein Schulprojekt zusammengesteckt werden, reden sie das erste Mal überhaupt miteinander und entdecken sofort eine merkwürdige Faszination für die Andere. Vor allem Brooklyn merkt, dass stille Wasser tief sind. Als Violet ihr dann auch noch verspricht, Brooklyn bei ihrem geheimen Traum zu unterstützen, entwickelt sich zwischen den Beiden etwas, das niemand jemals geahnt hätte.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 368

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Für jeden, der gerne nach den Sternen greifen möchte.

Olivia Young

Die Berührung der Sterne

© 2023 Olivia Young

ISBN Softcover: 978-3-347-80647-4

ISBN Hardcover: 978-3-347-80648-1

ISBN E-Book: 978-3-347-80652-8

ISBN Großschrift: 978-3-347-80662-7

Druck und Distribution im Auftrag der Autorin: tredition GmbH, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Deutschland.

Inhalt

Cover

Widmung

Titelblatt

Urheberrechte

Prolog

Kapitel 1: Der Anfang vom Ende

Kapitel 2: Die Monotonie im Sonnensystem

Kapitel 3: Das hast du verdient!

Brooklyns P.o.V.

Kapitel 4: Wenn Träume zum Leben erwachen

Brooklyns P.o.V.

Kapitel 5: Nichts ist für immer

Kapitel 6: Manchmal braucht es nur eine kleine Violet

Brooklyns P.o.V.

Kapitel 7: Ich habe dir vertraut!

Violets P.o.V.

Kapitel 8: Sie könnte niemals schöner sein als in diesem Moment

Brooklyns P.o.V.

Kapitel 9: Was da draußen auf uns wartet

Violets P.o.V.

Kapitel 10: The moment you stop listening, you stop loving

Violets P.o.V.

Kapitel 11: Neue Abenteuer

Violets P.o.V.

Kapitel 12: Das Leben an den zwei Enden der Welt

Kapitel 13: Nur ein Gedanke entfernt

Brooklyns P.o.V.

Kapitel 14: Neue Chancen

Kapitel 15: Der erste Tag vom Rest ihres Lebens

Epilog

Violets P.o.V.

Liebe: Das purste Gefühl der Welt

Die Berührung der Sterne

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Liebe: Das purste Gefühl der Welt

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Prolog

Sie war hübsch. Eines dieser hübschen, beneidenswerten Mädchen, deren langen, blonden Haare ihr wellig über die Schultern flossen. Ihre perfekt geschwungenen Lippen leuchteten in einem teuren Lippenstift auf und ihre Augen strahlten. Vor Arroganz, vor Perfektion, aber in diesem Moment auch vor Angst.

In diesem Moment war sie nicht perfekt. Die Angst ließ sie erstarren, als sie einen Schrei vernahm. Sie drehte sich in Zeitlupe herum. In die Richtung, wo ihre Zimmertür sie vom Rest des Hauses abschnitt.

In ihren meerblauen Augen nichts als Angst. Als würden sich die Wellen in ihnen überschlagen. Sie zögerte nicht lange, riss die Tür auf und rannte die steinerne Wendeltreppe hinunter, den Schreien hinterher, mit ihren Highheels, die ihr den Halt nahmen. Aber sie war geschickt, geübt mit diesen Schuhen, in der sie zu der Party gehen wollte. Zu der alle gingen und zu der sie natürlich auch gehen wollte. Zu der sie gehen MUSSTE. Wie jeder andere mit einem gewissen Ruf eben auch. Aber all diese Gedanken hatten in ihrem Kopf gerade keinen Platz. Da waren nur die Schreie. Sie hallten wie ein Echo in ihrem Kopf wider. Doch sie verklangen nicht, sie wurden nur lauter.

Als sie am Fuße der Treppe angelangte, ließ sie ihre Tasche auf den Boden fallen und ihr Klammergriff an ihrem Kleid versteifte sich. Ihr schönes Gesicht entgleiste und trotz dem Anblick der sich ihr bot, fasste sie sich recht schnell wieder. Sie versuchte ruhig zu atmen.

Ihr Vater schrie ihre Mutter an und klammerte sich an ihr Shirt, aber in diesem Moment konnte sie seine Worte nicht hören. Als wäre alles auf stumm gestellt und sie nur ein unsichtbarer Beobachter. Der nichts tun konnte, außer zu zusehen. Sie sah nur, wie sich die Lippen ihres Vaters bewegten, als würde er unaufhörlich schreien und sie roch den beißenden Geruch der Alkoholflasche, die zersplittert neben ihr auf dem Boden lag. Aber egal wie sehr er schrie, wie sehr ihre Mutter bitterlich weinte, sie war wie eingefroren. Unfähig auch nur einen Muskel zu rühren. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Keinen Ton konnte sie herausbringen. Stattdessen hauchte sie nur ein: „Stopp, hört auf!“ Aber es schien sie nicht einmal jemand zu bemerken. Als wäre sie ein schöner Geist. Keiner schien zu registrieren, dass sie die Szenerie betreten hatte. Vielleicht wollte sie in diesem Moment auch gar nicht gesehen werden. Aus Angst, ihr Vater würde das Gleiche mit ihr tun.

„Du blöde Schlampe!“ sagten seine Augen und seine Lippen bestätigten es. Ihre Mutter lag schon gekrümmt auf dem Boden, nachdem ihr Vater sie gewaltsam von der Couch gerissen hatte und weiter auf sie einschlug. Erst nur mit der flachen Hand und dann plötzlich schloss er die Hand zu einer geballten Faust, mit der er ihr ins Gesicht schlug. Dann auch in die Magengrube und letztendlich schlug er wahllos auf ihren ganzen Körper ein, als würde all die Wut, eine jahrelang angesammelte Wut, aus ihm herausplatzen. Einmal, zweimal, bis sie aufhörte zu schreien. Und still wurde. Ganz still. Die Augen geschlossen, nur noch ein Wimmern drang aus ihrer Kehle. Und das war der Moment, in dem sie sich aus ihrer Starre löste. Sie rannte zu ihrer Mutter, die bewusstlos auf dem Boden lag, flach atmend. Sie drängte sich zwischen ihre Eltern, bekam einen harten Hieb, aber sie merkte gar nicht, wie das Blut ihre Wange hinunterfloss. Sie merkte auch nicht den eisernen Geschmack, der plötzlich an ihren Lippen haftete. Sie fühlte sich auf einmal stärker als je zuvor.

Es müsste andersrum sein. Ihre Mutter die Bärenmutter und sie das hilflose Kind, was beschützt wurde. Aber jetzt musste sie ihre Mutter beschützen. Mit aller Kraft stieß sie ihren angetrunken Vater nach hinten. Heraus aus all der Wut, aus all dem Schmerz, aus all der Verzweiflung, die ihr Superkräfte verliehen. Immer noch war alles still für sie, sie rüttelte an den Armen ihrer Mutter, versuchte sie zu wecken. „Mama! Mama!“. Doch es dauerte ewig, bis die ersten Sanitäter in das Haus stürmten. Sie erinnerte sich nicht einmal den Krankenwagen gerufen zu haben. Vielleicht waren es die Nachbarn gewesen. Die Blaulichter verschwammen durch die Tränen in ihren Augen. Für sie fühlte es sich an als würde die Zeit zwischen ihren Händen wie eine zähe Masse zerfließen. Es war nichts Greifbares mehr. Sie wusste nicht mehr, wie viel Zeit vergangen war. Sie sah nur das schmerzverzerrte Gesicht ihrer Mutter. Sie verstand auch nicht, wieso die Sanitäter sie nicht zu ihrer Mutter lassen wollten. Sie wollte doch nur ihre Hand halten, sie ins Krankenhaus begleiten. Ihr sagen, dass alles wieder gut wird. Auch wenn es das nie werden würde.

All ihre verzweifelten Schreie, ihr Ankämpfen gegen die Ersthelfer war aussichtslos. Sie wollte sich von ihren Griffen losreißen. Sie wollte nicht nur zusehen, wie ihre Mutter in den Krankenwagen geschoben wurde. Sie wollte nicht, dass sie ihre eigene Wunde behandelten, für sie war es nur ein kleiner Kratzer auf ihrer, sonst so makellosen, Wange. Ihr ging es gut. Sie wollte nicht an der Straße sitzen und sich von fremden Leuten begutachten lassen. Sie wollte zu ihrer Mutter. Sie wollte doch nur bei ihr sein, ihr Kraft schenken, sagen, dass alles gut wird. All die Leute in roten Anzügen, die auf sie einredeten, die Polizeiwagen um sie drumherum, verschwammen zu einem einzigen Brei.

All die Fragen in ihrem Kopf sollten endlich aufhören. „Was passiert jetzt? Wieso kann Papa nicht die Hände von diesem Scheiß lassen? Was ist vorgefallen? Werden sie mich jetzt mit Papa allein lassen?“ Ein Gedankenstrudel, der ihr Schwindel bereitete.

Sie wollte doch nur die Hand ihrer Mutter halten, ihr über den Kopf streichen, ihr sagen, dass alles gut wird und sie nur für sie stark ist. Sie sind ein Team, sie werden zusammenhalten und dann würde alles gut gehen.

Aber als auch der letzte Sanitäter in den Wagen stieg, welcher mit ihrer Mutter davon fuhr und auch das letzte Polizeiauto verschwand, war es leer um sie herum. In ihr war alles leer und sie kehrte in ihre Welt zurück. In die Welt, in der sie vorgab perfekt zu sein.

Als wäre nie etwas gewesen.

Ein normaler Samstagabend. Eine normale Partynacht. Ein normales Lächeln. Und morgen würde die Sonne wieder in ihr Zimmer scheinen, sie würde sich an keinen Kummer mehr erinnern.

Sie würde wie jeden Tag aufstehen, vor den Spiegel treten, ihre Augenringe und ihr bekümmertes Gesicht wegschminken, als würde sie eine Maske auflegen. Sie würde sich wie jeden Tag von oben bis unten mustern, ihren Schmuck anlegen, sich anlächeln und ihre Gesichtszüge einstudieren. Auch wenn sie im tiefsten Inneren wusste… hinter jedem perfekten, weißen Lächeln steckt ein dunkles Geheimnis.

Das ist das Leben von Brooklyn Young.

Und dann gab es sie. Sie war anders gewesen. Das war sie schon immer. Sie hörte Dinge. Andere Dinge als andere. Deutlicher, klarer. Sie sah Dinge. Dinge, die andere nicht wahrnahmen. Und die ihr niemand glaubte. Sie fühlte anders. Und vor allem, dachte sie anders. In ihrem Kopf befand sich ein ganzes Universum. Jeder Gedanke ein Stern, der um ihre Sonne wirbelte. Kein Gedanke stand jemals still. Manchmal war es zu viel für sie. Dann prallte ein Stern gegen einen anderen. Und es dauerte lange, bis sie die Scherben wieder zusammen basteln konnte. Das war Überforderung für sie. Zu viele Gedanken, die sich zu schnell drehten, wie in einem Karussell. Sie konnte ihr Gedankenkarussell nicht anhalten, egal wie sehr sie es versuchte. Es war einfach zu komplex. Jeder Psychologe hätte seinen Spaß sie zu analysieren. Denn sie war so anders. So anders als alle anderen. Und das war auch der Grund, wieso andere sie mieden. Auch wenn sie das nicht wollte. Sie hatte nicht mit Absicht diese Ideen, diese Gedanken, diese Bilder und Träume im Kopf. Sie waren einfach da. Sie nahm diese Erde anders war. Anders als wir sie wahrnehmen würden.

Und das machte sie besonders. Nur diese Besonderheit zu erkennen, gelang nicht jedem. Dann nannte man sie: „merkwürdig“ oder „Freak“.

Nicht liebenswert, aufmerksam oder einen Sonnenschein. Denn niemand sah genauer hin.

Ihr Leben war voller Träume, voller Gefühle und Emotionen. Ihr Leben war ein Detail am Nächsten. Und in Allem fand sie etwas einzigartig Schönes. Sie sah die Dinge und sie liebte sie. Sie sah hin. Mehr als einmal.

Sie war unauffällig, bei ihr sah keiner zweimal hin und deswegen schwieg sie und erfreute sich an den kleinen Dingen ganz allein. Weil sie es wollte. Weil sie es sah und sie machte sich nicht wirklich etwas daraus, was andere über sie dachten. Zumindest bis jetzt nicht.

Aber manchmal gab es auch Tage, an denen sie Gewalt erfuhr. Nicht unbedingt physische, aber psychische, die sie immer kleiner werden ließ.

Trotzdem ließ sie sich nicht unterkriegen. Denn sie glaubt an das Gute im Menschen.

Daran, dass jeder einfach nur Schmerzen fühlt und diese irgendwo kompensieren muss. Dass jeder mal einen schlechten Tag oder eine schlechte Woche hat oder nicht weiß, wer er ist und wer er sein möchte.

Und wenn sie dieser jemand war, dieser Kompensator, dann lächelte sie. Dann lächelte sie, bis sie sich auch glücklich fühlte, denn irgendwann, das wusste sie, wird alles gut werden.

Das ist das Leben von Violet Reese.

Kapitel 1

Der Anfang vom Ende

Es war ein ganz normaler Donnerstagmorgen, an dem Violet nur verschlafen ihre Bücher aus ihrem Schulspind nehmen wollte. In ihrem hingen keine Polaroidbilder von Partys oder ihren besten Freundinnen, wie bei den meisten anderen ihrer Schule. Ihrer war einfach kalt und grau. Und eigentlich hätte sie das gar nicht gestört, wenn die Tür von ihrem Spind nicht laut vor ihrer Nase zugeknallt wäre und ihr fast die Hand eingeklemmt hätte, sodass sie in sich zusammenzuckte und beinahe ihre Bücher fallen ließ. Als sie sich rasch umdrehte, bemerkte sie ein anderes Mädchen vor sich stehen, was ebenfalls in ihrem Alter war. Besser gesagt waren es sogar drei Mädchen. Zwei andere standen wie ein Schatten hinter ihrer besten Freundin, mit verschränkten Armen, herablassend auf Violet lächelnd. Bereit sie bei lebendigem Leibe zu fressen.

Violet hingegen hatte Brooklyn Young, eines der beliebtesten Mädchen der Schule, gar nicht kommen gehört und war deshalb umso erstaunter, sie zu sehen. Natürlich kannte sie Brooklyn und ihren Ruf, der ihr voraus eilte. Sie war unglaublich schön, aber auch umso arroganter. Sie hatte sich schon daran gewöhnt, dass sie immer mit klappernden Absätzen den Flur entlang schritt, wie auf dem roten Teppich, bei welchem Anblick jedem die Bücher aus der Hand fielen und Gemurmel durch den ganzen Gang halte. Als wäre sie eine Erscheinung. Es war sowieso jeden Tag dasselbe. Wenn Brooklyn durch die Gänge zu einem ihrer Klassenzimmer ging, wurde es kalt im Schulflur und es schien, als würde Brooklyn in Zeitlupe jedem mit einem Blick belächeln, der sagte: „Ich bin besser als du! Und das weißt du ganz genau!“

Und vielleicht stimmte das ja auch. Denn natürlich kannte sie jeder auf der Schule und jeder, der behauptete kein Fünkchen Neid zu verspüren, der log. Sie war das Mädchen, mit den steinreichen Eltern und dem perfekten Leben, was aus einem Märchen hätte stammen können. Oder aus einem dieser typischen, amerikanischen Feelgoodfilme. Sie hätte genauso gut die hübsche Cheerleaderin sein können, die am Ende den Kapitän des Footballteams abbekam und die auf dem Abschlussball natürlich auch zur Ballkönigin gekrönt wurde. Sie war die Verkörperung des Amercian Dreams. Ganz im Gegenteil zu Violet. Sie war eher der Teil vom Tellerwäscher zum Millionär, der immer noch Teller wusch und wahrscheinlich auch immer dabei bleiben würde.

Als sich Violet wieder halbwegs gefasst hatte, sah sie Brooklyn erwartungsvoll an, straffte ihre Schultern und richtete ihren Rucksack, der schon deutlich zu oft benutzt aussah. Brooklyn lehnte lässig mit ihrem Arm an Violets Spind, eine Augenbraue nach oben gezogen. Ihre langen Nägel klapperten am Metall. Manchmal wünschte sich Violet auch so lässig wie sie zu sein, aber statt weitere Gedanken an Brooklyns makellose Identität zu verschwenden, versuchte Violet so auszusehen, als würde sie vor Selbstbewusst strotzen.

„Was willst du, Brooklyn?“ fragte Violet und versuchte sich nicht kleiner zu machen, als sie eh schon war. „Du bist doch diese Viola, oder?“ Violet zog irritiert eine Augenbraue nach oben. „Mein Name ist Violet…“ Brooklyn seufzte theatralisch auf.

„Na wie auch immer…Du, Ich, Kunstprojekt…“ sagte Brooklyn schnippisch. Violet verdrehte die Augen und wollte sich mit den Worten: „Nein, Danke, ohne mich.“ an Brooklyn vorbeidrängen, aber Brooklyn schnappte nach Violets Arm, ehe sie die drei Mädels einfach verdutzt stehen lassen konnte. Wäre auch zu schön gewesen.

„Ich will das erst recht nicht. Wieso sollte ich schon freiwillig mit dir Zeit verbringen wollen? Mr. Goodberg möchte das. Hast du die E-Mail nicht gelesen?“ Violet seufzte und fühlte sich plötzlich etwas von ihrer Kraft verlassen. Sie hatte keine Lust weiter mit Brooklyn zu diskutieren oder sich gar ihrem kritischen Blick weiter zu unterziehen. Sie wollte erst recht nicht erklären, dass ihr Laptop mal dringend repariert werden musste, sie dafür aber kein Geld hatte und die E-Mail so an ihr vorbei gegangen war. Sie seufzte nur und sagte: „Ok, in Ordnung, dann machen wir das halt zusammen. Kann ich jetzt gehen? Ich muss zum Unterricht.“ Jenna, einer der besten Freundinnen von Brooklyn lachte auf. „Die kleine Superstreberin will wohl nicht zu spät kommen?“ Brooklyn sah Jenna etwas genervt an, die augenblicklich ihr Lachen in ein kleines, zaghaftes Lächeln verwandelte. Dann schwang Brooklyns Blick wieder abrupt zu Violet herum, die nervös von einem Bein auf das andere trat.

„Ich habe nicht gesagt, dass wir das zusammen machen. Du machst das für uns beide, verstanden? Und zwar gut. Kann ja nicht so schwer sein uns eine gute Note zu holen und wehe du versaust uns das! Eine schlechte Note kann ich mir nicht leisten!“ Violet zog eine Augenbraue hoch. „Wenn es nicht so schwer ist… Wieso machst du es dann nicht einfach selbst? Dann kannst du dir selbst mal eine gute Note verdienen. Oder weißt du nicht wie das geht? Deine kleinen Hausaufgabenäffchen könnten bestimmt mal eine Pause gebrauchen.“ Man merkte das Brooklyn zu kochen begann. Dass ihr jemand mal mit so viel Widerstand entgegen trat, war sie nicht gewohnt. Erst recht nicht von der kleinen Violet Reese, die ja im Allgemeinen den Ruf des kleinen, schüchternen Mädchens aus der Bronx vertrat. Aber so schnell wie Violets Selbstbewusstsein aufgetaucht war, so schnell verschwand es auch wieder und am liebsten wäre Violet unter Brooklyns straffen Griff im Erdboden versunken.

„Schon gut, schon gut…“ Brooklyn lies etwas lockerer.

„Ok, ich sehe wir verstehen uns.“ Brooklyns angespannter Blick wurde ebenfalls etwas sanftmütiger und wich nun einem überheblichen Lächeln.

„Morgen Nachmittag bei mir zuhause! Dann guck ich mir an, was du auf die Beine gestellt hast. Und ich hoffe für dich, dass es gut ist!“ Brooklyn beugte sich weiter zu Violet runter und hauchte mit ihrem süßlich duftenden Atem Violet die Worte: „Und wenn nicht…“ entgegen. Sie lächelte verführerisch, drehte sich dann etwas herum und sah zu einem muskulösen Jungen in Sportuniform. Er wank ihr zu und lies dann seine Muskeln hin und her tanzen, als wäre es das Einfachste der Welt. Ganz offensichtlich einer von Brooklyns Möchtegernbetthasen. Violet musste schlucken, während Brooklyn nur zuckersüß dem Footballspieler zuzwinkerte. Brooklyns einschüchternde Ausstrahlung ließ sie wieder ganz klein werden. Sie fühlte sich an einen der Tage zurückversetzt, als sie noch jünger gewesen war. Die Welt schien von unten so groß und erdrückend, zu viel auf einmal. Zu viele Stimmen übereinander, zu viele Menschen, die auf sie einredeten, zu viele Blicke und zu viele Gedanken…

„Ich weiß nicht, ob ich das bis morgen schaffe, ich meine…“

„Morgen bei mir!“ wiederholte sich Brooklyn eine Spur schärfer. Violet nickte wieder.

„Du weißt doch, wo ich wohne, nicht wahr?“ Violet nickte erneut. Natürlich wusste sie das. Wer kannte sie denn nicht? Die berüchtigten Partys auf der Avenroad 14. Brooklyns Partys. In der Luxusvilla schlecht hin, zu der Violet natürlich nie eingeladen gewesen war.

Wie eine Erlösung, schrillte plötzlich die Schulklingel und Violet atmete erleichtert auf. Brooklyn richtete sich auf. Sie sah noch einmal warnend zu Violet, bevor sie sich schwungvoll umdrehte, ihre Haare über die Schultern warf, Sienna und Jenna deutete zu gehen und sich noch ein letztes Mal nach Violet umdrehte. Mit einem arroganten, eiskalten Lächeln. Sie war wie die Superschurkin in einem Comic. Böse und eiskalt, erbarmungslos. Violet allerdings war aber keine von diesen Superhelden… Sie war eben nur Violet…Sie erstarrte und ihr lief es eiskalt den Rücken runter. Sobald Brooklyn hinter den anderen Schülern verschwunden war, ließ sich Violet seufzend gegen ihren Spind fallen.

„Warum ich? Warum immer ich?“

Kapitel 2

Die Monotonie im Sonnensystem

Als Violet aus dem Aufzug trat und gerade den Schlüssel aus ihrer Hosentasche fischte, hielt sie kurz inne. Sie hörte etwas, was ähnlich wie ein Schluchzen klang. Besonders leise drehte sie den Schlüssel zwei Mal im Schlüsselloch herum, ehe sie in ihr kleines Appartement trat, in dem es wie immer etwas chaotisch aussah. Aber ein warmes Gefühl breitete sich in Violet aus. Zuhause… Sie hatte diesen Schultag endlich überstanden. Hier konnte sie sich fallen lassen, tief ein- und ausatmen, den Tag hinter sich lassen und in ihre eigene, kleine Welt abtauchen. In ihre Träume, ihre Wünsche… ihr persönliches Paradies. Aber das musste erstmal hintenanstehen. Violet sah das Mädchen, was dort zusammengekauert stand, mit einem betroffenen Blick an. Summer war Violets große Schwester, die gerade in der Küche stand, sich auf der Kücheninsel abstützte und sich die Tränen hastig aus dem Gesicht wischte, als sie ihre kleine Schwester bemerkte. Sie schreckte kurz hoch und griff dann nach einem Küchentuch, mit dem sie sich die Hände abwischte. Violet sah ein zersplittertes Glas auf dem Boden neben Summer liegen, die Violet mit bebender Unterlippe anlächelte.

„Hey Süße!“ begrüßte Summer ihre kleine Schwester.

„Was ist denn hier passiert?“ entgegnete Violet jedoch nur und zeigte auf die Küche, die insgesamt etwas aussah, als hätte ein Tornado darin gewütet.

Summer versuchte ein Schluchzen zu unterdrücken, wollte dann mit zittrigen Fingern den Scherbenhaufen des Glases in Ordnung bringen, allerdings ließ Violet nur ihren Rucksack fallen, schob sich an Summer vorbei und sagte: „Ich mach das schon.“ Dankbar lächelte Summer sie von oben herab an.

„Du bist eher wieder zurück, als ich dachte…“ murmelte Summer, während sie sich unkomfortabel über den Arm strich.

„Ist das ein Vorwurf?“ fragte Violet lachend. Summer fuhr sich schmunzelnd über die Haare. „Nein, natürlich nicht, aber…“ Violet schob sich erneut an Summer vorbei zum Mülleimer, um die Überreste ihres Lieblingsglases zu entsorgen. Tschüss, geliebtes Glas. Wieso trifft es immer die besten Gläser als Erstes?

„Das war ein Spaß…“ Violet schaute plötzlich wieder ganz ernst und besorgt. Irgendetwas musste vorgefallen sein. Ihre Schwester sah fertig aus, kraft- und energielos. Ihr Haar fiel ihr nicht so seidig wie sonst über die Schultern, sie hatte rote Augen vom Weinen und wirkte abgeschlagen und kaputt.

„Was ist passiert?“ Summer wank ab. „Mir ist nur ein Glas runtergefallen…“ Violet zog eine Augenbraue hoch. „Und deshalb weinst du?“ Summer wischte sich erschrocken über die Augen. „Quatsch, ich habe nur Zwiebeln geschnitten.“ Violet sah jetzt noch getroffener aus als vorher, insbesondere, weil nirgendwo in der Küche auch nur eine Zwiebel zu finden war. „Wieso sagst du mir nicht die Wahrheit?“ Summer schien, als könnte sie keine Worte finden. Sie öffnete immer wieder den Mund, als ob sie gerne etwas sagen würde, aber es kam kein Ton heraus.

Als Violet auch die letzten Überreste der Scherben beseitigt hatte, setzte sie sich auf die Kücheninsel, sodass sie Summer nun genau ansehen konnte. Sie schaute in ihre Augen, die voller Schmerz waren und Summer streichelte ihrer kleinen Schwester über die Haare.

„Ist nicht so wichtig…“ Summer zwang sich ein Lächeln auf. Violet sah sie mit großen Augen an und ohne, dass Summer etwas sagen musste, brach etwas in ihren Augen zusammen. Sobald sie ihre kleine Schwester ansah, wie sie verständnisvoll und unschuldig auf sie blickte, konnte sie nicht mehr anders. Sie biss sich verzweifelt auf die Unterlippe. Sie wollte stark sein. Sie war die Erwachsene von beiden, sie musste beide beschützen. Sich und Violet. Sie musste für Violet da sein. Denn sie wusste, auch Violet kam jeden Tag nach Hause, mit so viel Schmerz, dass es für so einen kleinen Körper unerträglich schien. Und doch kam sie jeden Tag mit einem Lächeln durch die Haustür, als wäre es das Normalste der Welt. Der einzige Moment, indem man ihr anmerkte, dass etwas nicht stimmte, war, wenn sie wieder einmal mit angewinkelten Beinen auf der Fensterbank saß und nach draußen in den hell erleuchteten Sternenhimmel sah. Als könnte sie in jedem Stern eine Geschichte sehen und würde versuchen, diese angespannt zu verfolgen. Sie war dann so nachdenklich und in ihrer eigenen Welt, dass sie manchmal zu vergessen schien, was in der echten Welt auf sie wartete. Liebe, Hoffnung, Ziele und Träume… Das konnte Einem Angst machen, wenn man sie dabei so sah. Als würde sie sich selbst verlieren.

„Hattet ihr wieder Streit?“ flüsterte Violet eingeschüchtert. Summer atmete tief durch.

„Ich habe ihm gesagt, er soll nicht dein Lieblingsglas nehmen, ich weiß du hängst doch so sehr daran, aber er…“ Summer begann zu schluchzen, als wäre ihr innerer Staudamm gebrochen und die Wasserfluten schwappten über.

„Es war doch nur ein Glas…“ Violet strich ihrer Schwester über den Arm.

„Ein Glas kann man kleben, oder ersetzen… Aber dich nicht!“ Violet nahm Summer tröstend in den Arm. Sie wusste, dass ihre große Schwester immer die Beschützerin spielen wollte, obwohl sie längst selbst am Ende war.

„Hat er dir weh getan?“ Summer schüttelte hastig mit dem Kopf. Sie zog ihren Ärmel über ihr Handgelenk, verschränkte die Arme vor der Brust und sagte leise, aber bestimmt: „Nein!“ Violet glaubte ihr kein bisschen, aber sie wusste nicht, was sie ihr sagen sollte. Sie hatte Summer schon oft gebeten, ihren Freund nicht mehr zu treffen und einfach Schluss zu machen. Zu warten bis der Richtige für sie kommt. Ein einfühlsamer, junger Mann. Ihr Beschützer… Aber Summer lächelte dann immer nur müde. Sie wollte mit ihrer kleinen Schwester nicht über so etwas reden. Sie liebte ihren Freund, heiß und innig. Also ließ Violet sie. Sie sah, dass Summer sich verändert hatte, seit sie mit IHM zusammen war. Aber sie ließ ihre große Schwester machen. Sie wollte nicht wegsehen und auch nicht weghören, aber sie wusste selbst nicht, wie sie ihr helfen konnte. Sie fühlte sich selbst zu klein, nicht vom Alter oder der Größe, aber sie war zu eingeschüchtert und hilflos, um ihrer großen Schwester eine Hilfe zu sein…für sie einzustehen. Also taten beide so, als wäre alles in Ordnung. Als wäre all das normal.

„Es war meine Schuld, ich habe ihn provoziert…“ Summer fuhr sich durch die Haare. Violet schüttelte mit dem Kopf. „Er ist einfach nur… Es ist nicht deine Schuld, Summer. Es ist seine Art.…“ Violet legte den Kopf schief, wie ein kleiner Welpe, der zu verstehen versuchte, warum Summer traurig war.

Summer seufzte, zwang sich ein Lächeln auf.

„Nein! Violet, nimm mich nicht immer in Schutz! Ich bin auch nur ein Mensch. Ich mache Fehler. Jeder macht Fehler…“ Violet runzelte die Stirn. „Siehst du? Dein Freund macht auch Fehler… Wieso nimmst du IHN in Schutz? Er braucht es am wenigsten…“ Summer biss sich wieder auf die Unterlippe und strich Violet eine Haarsträhne hinter das Ohr.

„Ach, Süße. Bei dir klingt das alles so einfach. Aber Liebe ist eine so komplexe Sache. Sie ist wie ein Kirschbaum. An schönen Tagen leuchtet er in den schönsten Farben, aber an manchen Tagen…“ Als Summer Violets aufmerksame Blicke bemerkte, stoppte sie. „Ach weißt du, ich bin vielleicht einfach zu kompliziert… Wieso kann ich nicht einfach wie andere Mädchen sein? Wie alle anderen auch?“ Violet sah ihre große Schwester nachdenklich an.

„Wieso möchtest du denn nicht anders sein als alle anderen? Warum möchtest du denn nicht einfach du sein? Die anderen gibt es doch schon oft genug.“ Summer schmunzelte etwas… „Weil es das manchmal einfacher machen würde…“ Violet schüttelte seufzend mit dem Kopf. Plötzlich fühlte sie sich wie die Erwachsene von beiden. „Aber einfacher heißt doch nicht gleich besser, oder? Ist es nicht viel schöner, wenn man besondere Sachen erreichen kann, weil man ein besonderer Mensch ist? Menschen, die mit dem Strom schwimmen, werden niemals etwas Besonderes erreichen. Weil besondere Sachen einzigartig sind. Genau wie du. Du bist besonders und einzigartig. Das macht dich perfekt.“ Summer musste sich schon wieder die Tränen verkneifen und ehe Violet überhaupt Summers Tränenschimmer bemerken konnte, riss Summer Violet an sich und vergrub ihr Gesicht in ihren Haaren.

„Ich bin nicht perfekt…“ Violet erwiderte Summers Umarmung. „Für mich schon.“ Summer lachte leicht auf. „Ist das denn nicht genug?“ Summer drückte ihre kleine Schwester noch fester an sich und saugte ihren Geruch tief ein. Den Geruch nach Violets Lieblingsseife und ihrem Vanilleshampoo.

„Und weißt du was?“ fragte Violet kichernd. Summer schüttelte mit ihrem Kopf. In diesem Moment, in dem sie einfach in Violets Armen lag, vergas sie alles, was in den letzten Minuten passiert war. Sie genoss einfach den Moment und war präsent. Was sie viel zu oft vergas. Sie hetzte so sehr von einem Moment zum Nächsten, zerbrach sich den Kopf, wie es weitergehen sollte und weinte dem Geschehenen hinter. Aber dabei sollte sie doch präsent sein. Im Moment. Denn wir können doch nur ein was gewiss bestimmen. Und das ist das Hier und Jetzt. Die Zukunft können wir nie genau planen, die Vergangenheit nicht ändern, aber das Hier und Jetzt, das gehört uns.

„Was denn?“

„Ich weiß jetzt, was ich als Kunstprojekt machen möchte…Deinetwegen…“

Und nur einen Tag später stand Violet auch schon mit ihrem eigenhändig, mühevoll gebastelten Kunstprojekt vor Brooklyns Haustür. Zugegeben, perfekt war es nicht, aber für ihren Kunstkurs dürfte es ausreichen. Es regnete in Strömen, sodass Violet versuchte ihr Projekt mit ihrer strahlend gelben Regenjacke abzudecken und zu schützen. Sie wippte nervös auf und ab und konnte sich nicht entscheiden, ob sie die Klingel drücken sollte oder nicht. Sie zögerte immer wieder, streckte die Hand aus, zog sie zurück und als sie kurz davor war zu klingeln, überlegte sie es sich doch wieder anders. Genau in dem Moment, in dem sie unschlüssig an ihren Nägeln kaute, was sie sich eigentlich schon lange abgewöhnt hatte, riss jemand die Tür auf. Brooklyn stand mit hochgezogener Augenbraue vor ihr. „Willst du nun reinkommen oder nicht?“ Violet sah sie mit großen Augen an, als ob sie sich nicht sicher wäre. Etwas weniger genervt trat Brooklyn beiseite, sodass Violet in die Villa eintreten konnte. Villa war gut. Violet staunte nicht schlecht, als sie in der riesigen Eingangshalle stand und scannte alles mit ihren Augen genauestens ab. Palast war ein deutlich passenderer Begriff.

Brooklyn führte Violet wortlos in ihr Zimmer nach oben über eine Wendeltreppe, während sich Violet immer wieder staunend umdrehte. Dieses Haus hätte dem Schloss einer Prinzessin ähneln können und so blieb sie fasziniert an einem Fenster stehen, wodurch man nach draußen in den Garten sehen konnte. Violet rutschte ein leises „Wow“ raus und sie schaute Brooklyn von unten herab mit riesigen Augen, wie ein Welpe, an.

Für Violet war das hier alles andere als normal oder alltäglich, eher wie ein Traum. Sie kannte nur bröckelnden Putz, undichte Fenster und Ratten, die einem manchmal auf ihrer Straße begegneten. Alles andere schien wie eine lang vergessene Erinnerung oder ein anderes Leben. Brooklyns Reich war für sie wie eine eigene, andere Welt.

„Sie haben recht… Du bist wirklich beneidenswert…

Dieses Haus ist fantastisch. Du kannst dich glücklich schätzen hier zu leben. Fühlst du dich hier nicht manchmal wie eine Prinzessin? Ich würde so gerne mal mit dir tauschen. Wenigstens für einen Tag.“ Violet lachte kurz auf.

„Wahrscheinlich, bis ich bemerken würde, dass auch dein Leben nicht perfekt ist.“ Brooklyn biss sich verblüfft auf die Unterlippe. Sie fühlte sich plötzlich so ertappt und durchsichtig. Als könnte Violet ihre Gedanken lesen. „Aber ich wüsste gerne einmal, wie es sich anfühlt, du zu sein. Ich meine, du hast tonnenweise Freunde, Menschen die zu dir aufsehen und dich verehren und du lebst hier… Weißt du, ich liebe es einfach, dass wenn man aus diesem Fenster nach draußen schaut, wie in eine anderen Welt sehen kann. Als könnte man einmal mit dem Finger schnipsen und alles andere ist vergessen. Es wirkt so friedlich. Als ob man einfach nach draußen gehen könnte, durch den Garten voller Blumen läuft, den Duft von jeder Einzelnen aufsaugt um dann letztendlich seine Flügel auszubreiten und einfach los zu fliegen. Wie eine Fee.“

Violet schien ganz verträumt, als hätte sie vergessen, was um sie drumherum geschah… Dass es wie aus Eimern schüttete, dass Brooklyn sie kritisch ansah und vor allem…, dass sie hier gar nicht hingehörte. In diese kleine, perfektionistische Welt.

Als sie Brooklyns Blick bemerkte, war plötzlich alles wieder trist und grau. Die bunt leuchtenden Blumen verblichen und Brooklyns Gesichtsausdruck ließ sie zusammenzucken. Ganz genau wie vorher auch. Und Violets kleine Traumblase zerplatzt.

„Tschuldigung, hab schon verstanden, es interessiert dich nicht…“

Dabei interessierte es Brooklyn auf einmal schon, nur dass sie es sich natürlich nicht anmerken lassen hatte. Für sie war dieses Haus einfach ein ungemütlicher Ort. Viel zu groß und kalt. Ein zuhause oder gar einen Rückzugsort hatte sie darin nie gesehen. Aber genauso wenig hatte sie die Magie bemerkt, die von diesem Ort ausging. Sie war selten im Garten, gönnte sich selbst eine Auszeit zwischen den vielen verschieden aufblühenden Pflanzen und ihren Düften. Und plötzlich verspürte Brooklyn sogar das Bedürfnis weiter Violets Worten zu lauschen. Es klang so fernab der Realität. Sie hörte in diesem Haus nur Schreie und sah Blut, sie spürte den Druck auf ihr, als würden die Mauern sie einengen. Aber Violets Worte waren für sie auf einmal mehr. Die Weise, wie sie Dinge wahrnahm, die andere nicht wahrnahmen. Die Art, wie sie die Dinge sah, ihre Magie, auch in den kleinsten Stücken. Es war faszinierend und als wären sie wieder wie zwei kleine Kinder, die alles mit anderen Augen sahen. Denn Kinder sehen bunte Farben, die wir nicht sehen. Sie sehen den Menschen wie er ist, nicht wie er scheint. Doch diese Gabe geht verloren, desto älter man wird. Man vergisst sie, wenn die Kindheit vergeht. Irgendwann wird man das letzte Mal mit seinen Freunden gespielt haben, nur dass man es dann noch nicht weiß. Und genau in diesem Moment fragte sich Brooklyn, wann sie erwachsen geworden war oder ob sie jemals ein Kind gewesen ist.

Aber all diese Gedanken schüttelte sie schnell ab. „Komm!“ sagte sie zu Violet, wandte sich um und ging weiter die Treppe nach oben. Aber Violet schwor einen kleinen Funken in Brooklyns Augen gesehen zu haben. Wie einen Schimmer Hoffnung. Und das gab ihr ein gutes Gefühl.

Violet folgte Brooklyn in ihr Zimmer, was aus einem Style Magazin hätte stammen können. Überall kunstvolle Bilder, edle Möbel, durchstrukturiert und stilsicher eingerichtet. Ihr Zimmer sah genauso aus wie Violet sich ein Appartement in Paris vorstellen würde.

Brooklyn setzte sich auf ihre Ledercouch, lässig ihren Arm über die Lehne gelegt und die Beine über einander geschlagen.

Nervös und mit zittrigen Händen stand Violet vor Brooklyn, versuchte ihre Jacke abzustreifen ohne, dass ihr Projekt zu Boden fiel und obwohl sie versuchte so lässig wie Brooklyn zu wirken, sah sie dabei alles andere als selbstbewusst und kontrolliert aus. Eher wie eine tollpatschige Ente. Oder wie ein Körperklaus und genauso wurde sie auch von Brooklyn angesehen.

Als Violet es endlich geschafft hatte, hielt sie Brooklyn stolz ihr Projekt hin.

Und Brooklyn schien ernsthaft fasziniert zu sein. Auch wenn sie es mit Worten vielleicht nicht ganz so gut ausdrücken konnte und nur ein: „Was ist das?“ hervorbrachte. Sie lehnte sich ein Stückchen nach vorne um einen besseren Blick auf das Planetenmodell zu werfen, was bei genauerem Hinsehen doch etwas komplexer war, als die Wissenschaftsarbeit eines Fünftklässlers.

„Das…“ Violet drehte ihr Modell vorsichtig zwischen ihren Händen. „…ist unser Kunstprojekt… Siehst du, da sind ganz viele Planeten aus unserem Sonnensystem in all ihren Farben und Formen… Merkur, Venus…“ Violet zeigte auf jeden Einzelnen, bis sie an dem Planeten in der Mitte ankam, um den sich jeder einzelne Planet drehte. Doch der Planet im Zentrum war anders als all die Anderen. Er war schwarz. „Und das hier… Das sind wir. Dieser schwarze Planet, der anders ist als all die anderen. Also nur rein symbolisch natürlich…“ Violet stellte ihr Modell nun vorsichtig auf dem Boden ab und setzte sich im Schneidersitz daneben. Selbst Brooklyn erhob sich nun und sah interessiert zwischen Violet und dem Modell hin und her. Mit ihren zarten Fingern friemelte Violet an dem schwarzen Planeten herum, bis sie den oberen Teil abnehmen konnte. Brooklyn hielt für einen Moment die Luft an, als sie dachte, Violet hätte nun irgendetwas kaputt gemacht. Aber Violet lachte nur über Brooklyns schockierten Blick.

„Keine Sorge, das muss so sein!“ Brooklyn atmete erleichtert auf, straffte sich dann aber unter Violets amüsiertem Blick und tat wieder so, als wäre ihr das durchaus bewusst und auch eigentlich vollkommen egal.

Unter dem Deckel des schwarzen Planeten, der nun von innen sichtbar war, kamen viele kleine Spiegel zum Vorschein. Jeder Einzelne war genau auf eine Figur gerichtet, die in der Mitte positioniert war. Die Person war ebenfalls schwarz und stand inmitten all dieser Spiegel, die man durch das Loch im Planeten betrachten konnte.

„Eigentlich stellt dieses Sonnensystem unser Leben dar. Oder mehr, wie wir uns in dieser Welt sehen. Wir sind unser eigenes Zentrum. Ich bin mein Zentrum und du bist deins! Vielleicht nehmen wir andere um uns herum wahr, die täglich um uns sind. Die um uns kreisen wie Sterne oder Planeten. Sie sind das Sonnensystem um uns und wir sind unsere Sonne. Wir sind die Einzigen, die Energie ausstrahlen und damit andere zum Leuchten bringen können. Aber egal wie, wir sind die Kraft, die alles belebt, aber vor allem uns selbst.“ Brooklyn schien total vergessen zu haben, unter welchen Umständen sie hier überhaupt zusammengekommen waren. Wieso sie hier waren. Sie stand nun endgültig von der Couch auf und setzte sich zu Violet auf den Boden. Ihre Nase berührte schon fast das Modell, so nah betrachtete sie es.

„Weißt du, jeder sieht heutzutage gleich aus in dieser Welt. Deswegen der eintönige, schwarze Planet, die ausdruckslose Person… Wir machen doch nur das, was die Gesellschaft von uns möchte. Aber in unserem Inneren, wenn wir unseren monotonen Kern brechen, wie diesen Planeten… Dann sind wir so viel mehr, als es von außen scheint. Wir haben tausend Versionen, eine Millionen Facetten. Je nachdem wie man uns betrachtet und uns wahrnimmt…. Wir sind unendlich. Und manchmal ist es wirklich schwierig, die Version zu finden, die wir wirklich sein wollen. Diese Facette, die eigentlich niemand sehen möchte, weil sie einzigartig ist…“ Violet schien wieder zu träumen. „Also lassen wir unseren Kern geschlossen, genauso trist und grau wie all die anderen um uns drum herum…“ Violet setzte wieder den Deckel auf den schwarzen Planeten und die Spiegel verschwanden. „…und fließen mit dem Strom. Wie alle anderen auch.

Ich glaube, jeder möchte eigentlich jemand anders sein, aber ist vielleicht zu ängstlich, um es der Welt zu zeigen…“

Plötzlich war wieder alles normal. Violet sah Brooklyn erwartungsvoll an und grinste.

„Und was sagst du?“ Brooklyn räusperte sich, zuckte die Schultern und machte einen gleichgültigen Ausdruck. „Für eine gute Note dürfte es ausreichen.“ Violet gab sich größte Mühe ihre Enttäuschung zu verbergen. Irgendwie hatte sie sich mehr erhofft, obwohl sie selbst nicht wusste, wieso. Vor ihr saß Brooklyn Young. Das beliebteste Mädchen der Schule. Wieso sollte ausgerechnet sie jetzt mal etwas Nettes sagen?

Auch Brooklyn konnte die Enttäuschung in Violets Miene nicht übersehen und irgendwie zerbrach es ihr förmlich das Herz.

„Und ich find’s echt ganz gut.“ Violets Augen begannen zu leuchten.

„Wirklich? Du magst es?“ Hoffnungsvoll blickte Violet sie wieder mit großen Augen an. Brooklyn musste Tatsache etwas lächeln, was ihr schon fast peinlich war. Das passte ja mal so gar nicht zu ihrem sonst so coolen, arroganten Grinsen.

„Irgendwie schon…. Wie bist du darauf gekommen? Ich meine, das ist irgendwie der Wahnsinn… Wo nimmst du deine Ideen her?“ Bei diesem Satz wurde Violet warm ums Herz, als würde sie endlich jemand nicht nur bemerken, sondern auch sehen. Als würde jemand einen anderen Teil von ihr erkennen.

„Ich kann es nicht glauben, … dass du mal so… naja fast normal mit mir redest…“ Brooklyn sah sie wieder mit einer hochgezogenen Augenbraue an. Bevor wieder alles von einem zum anderen Moment wie immer werden würde, Brooklyn ignorant und kalt und Violet schüchtern und unsichtbar, schob Violet ein: „Dieses Mal kam mir die Idee durch meine Schwester… Sonst kommen mir so gute Ideen eigentlich nur unter der Dusche.“ hinterher. Brooklyn musste sich ein ernsthaftes Grinsen verkneifen. Irgendwie war Violet schon manchmal ganz putzig.

„Lach nicht so! Hast du denn nie Ideen unter der Dusche?“ Violet sah Brooklyn erwartungsvoll an, die nur nachdenklich zurücksah.

„Ehrlich gesagt… nein. Und Violet… Ich bin wirklich froh, dass du das Projekt gemacht hast. Ich hab’s nicht so mit Kreativität, Kunst oder irgendwelchen tiefgründigen Messages.“ Violet schüttelte nur schüchtern den Kopf.

„Erzähl doch nicht so was! In jedem steckt doch ein Stück Kreativität. Man muss nur wissen, wie man sie raus kitzelt. Ich meine, schon allein du bist doch ein einzigartiges Kunstwerk. Ich würde es nie hinbekommen so auszusehen wie du. Das ist doch Kunst genug! DU bist Kunst!“ Brooklyn zog die Augenbraue wieder skeptisch nach oben. Und Violet merkte augenblicklich, wie ihr das Blut in den Kopf schoss. Schnell sah sie zu Boden, damit es Brooklyn nicht auffiel.

„Weißt du, ich bin normalerweise auch nicht sonderlich kreativ. Aber manchmal, wenn ich im Bett liege oder unter der Dusche stehe und spüre, wie das Wasser meine Haut berührt, dann schließe ich die Augen. Und dann kann ich mich an jeden Ort träumen, den ich mir nur vorstellen kann. Dann fliege ich über die ganze Stadt oder bis zu den Sternen. Und daher kommen dann meine Bilder im Kopf.“

Das war der Moment, in dem Brooklyn realisierte, dass sie wirklich anders war als alle anderen. Als würde sie Violet jetzt mit anderen