Die besseren Menschen - Wolfgang Hecht - E-Book

Die besseren Menschen E-Book

Wolfgang Hecht

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Beschreibung

Eine Frau aus Sierra Leone, ein Journalist und ein Künstler lernen Mitglieder eines Clubs kennen, der im Sinne einer kleinen, aber mächtigen Elite die öffentliche Meinung zu manipulieren versucht. Durch ihre Recherchen und Aktionen gewinnen sie nicht nur Einblicke in die verborgenen Zentren der Macht, sondern geraten zunehmend selbst in Gefahr. Der Roman spiegelt am Schicksal seiner Figuren die Bedrohungen wider, die von Meinungsmacht und wirtschaftlicher Macht ausgehen. Für uns, für die Demokratie und für die Welt, wie wir sie kennen.

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Seitenzahl: 307

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Die Personen und die Handlung des Romans sowie alle darin enthaltenen Namen und Dialoge unterliegen der rein fiktionalen Gestaltung des Werks und sind Ausdruck der künstlerischen Freiheit des Autors.

Für Ulla

Die Macht der Großen existiert zuvörderst in den Köpfen der Kleinen.

Heinrich Heine

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

1

Die Wolkenfront ist an mehreren Stellen aufgerissen und hat ein zaghaft leuchtendes Blau durchschimmern lassen. Eine Amsel hat sich auf den Wipfel eines Zedernbaums gesetzt und zu singen begonnen. Einzelne silbern glitzernde Tropfen an den Zweigen der Bäume erinnern an den vergangenen Wolkenbruch. Marek atmet tief durch und genießt die saubere Luft. Ein solch reinigendes Gewitter wünscht er auch für sich – eines, das den Alltagsstaub wegspült und den Blick für die wesentlichen Dinge des Lebens schärft. Das ist der Grund für seine fast täglichen Spaziergänge hier über den Friedhof. Die Toten sollen ihn beruhigen, den inneren Lärm vertreiben und seinem Leben mehr Substanz verleihen; die wilden Jahre der Jugend hat er schon längst hinter sich gelassen, nun treibt er träge auf dem Fluss der Zeit, sieht sich im Spiegel die ersten grauen Haare an den Schläfen an, streicht sich über den rund gewordenen Bauch und fragt sich: Ja, warum gibt es mich und warum nicht einfach nicht? Dieser Satz, den er irgendwo einmal gelesen hat – bei Leibniz, glaubt er –, hat ihn schon oft beschäftigt. Dadurch ist auch sein Interesse an den Grabinschriften erwacht – wie der von Amalie Buchenbach, der früh Verstorbenen, oder der von Oberregierungsrat Schmidt, der, wie es dort heißt, auf ein erfülltes Leben zurückblicken konnte –, häufig liest er sie als Chiffren, als in Stein gemeißelte Quintessenz eines Lebens, das er mit seinem eigenen zu vergleichen sucht. Das beflügelt seine Fantasie, lässt ihn durch fremde Welten wandern und holt ihn doch immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück: Auch er, Marek, wird eines Tages irgendwo begraben sein, andere werden vorbeischlendern und lesen, was in seinen Stein gehauen ist.

Wird er, wenn seine Stunde gekommen ist, ruhig und gefasst bleiben und ein Fazit ziehen? Oder Protest anmelden? Ja, bei wem denn?

Doch selbst der Gedanke an den Tod verliert seinen Schrecken, wenn er zur Gewohnheit wird. Marek genießt es, hier keine quietschenden Reifen und achtlos liegen gelassenen Essensreste vorzufinden, keine Kinder, deren Ball ihm vor die Füße rollt, und keine Hunde, die kläffen oder an ihm herumschnuppern wollen. Der Friedhof ist ihm zum Naherholungsgebiet geworden. Die Toten bleiben trotzdem. Aber sie sind Vertraute, die keine erhobenen Zeigefinger haben; und so ist der Boden unter seinen Füßen zur halbdurchlässigen Membran geworden, die nur unvollständig die diesseitige Welt von der jenseitigen trennt. Dann geht er mit leicht federndem Gang seines Weges, lauscht dem Gezwitscher der Vögel und spürt, wie sich seine Seele ein bisschen vom Körper loszulösen beginnt, sodass die Vorstellung, dass sie sich einmal ganz lösen könnte, eine angenehme ist.

Auch heute spazieren seine Gedanken mal hierhin, mal dorthin, schnuppern da, schnuppern dort – wie ein streunender Hund. Woher kommen sie, wohin gehen sie? Gibt es sie noch, wenn man tot ist?

Marek ist nicht der Mensch, der sich mit solchen Ideen beschäftigt. Im Allgemeinen nicht. Nur hier auf dem Friedhof. Das führt mitunter dazu, dass durch eine einzige Grabinschrift das Naherholungsgebiet zum mystischen Ort wird.

Dann wandelt er, die Arme hinter dem Rücken, in einer Welt, die nur wenig mit der unsrigen zu tun hat. Dann sieht er nicht viel von dem Ort, an dem er sich befindet. Doch heute ist das nicht so, denn zwei Gräberreihen weiter hat sich eine Trauergemeinde versammelt. Von der feuchten Erde steigen Dunstschwaden auf, die ihn an den Herbst erinnern. Das Licht zerbricht, wenn es auf die Wassertröpfchen trifft, und rieselt zu Boden – so empfindet er es. Er geht auf die Trauernden zu, um ein paar der verklärenden und balsamierenden Worte aufzufangen, die den Sarg in die Tiefe begleiten. Diese werfen ein wohlwollendes Licht auf den Toten und ziehen ihn aus dem Dunkel der Anonymität heraus. Das kann ihm helfen, die wenigen Daten, die später in den Stein gemeißelt werden, zu ergänzen und sich ein Bild von dem auszumalen, der da begraben liegt.

»Seine Großmut und seine Leidenschaft waren jedem bekannt«, hört er den Prediger sagen und wundert sich über das Wort »Leidenschaft«, das er hier auf dem Friedhof zum ersten Mal hört.

»Wenn er sich auch gerne zurückzog und für manche eigenbrötlerisch wirkte, so hatte er doch auch Freunde! Und, da er für das Wahre und Gute eintrat, natürlich auch Feinde! Patrick war ein rechtschaffener Mensch und wollte den Dingen auf den Grund gehen. Und das mit einem Eifer, den man auch ›verbissen‹ nennen kann. Möglicherweise ist ihm das zum Verhängnis geworden – zusammen mit seiner zweiten Besonderheit, sich eine bessere Welt so sehr zu wünschen, dass ihm die reale aus dem Blick geriet. Das Prinzip Hoffnung, von dem Ernst Bloch so gerne sprach, hat auch ihn beseelt. So war er ständig in Gefahr, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Bei der Vorbereitung zu dieser Rede habe ich versucht, mir sein Leben vorzustellen. Und je mehr ich mich damit beschäftigte, desto mehr trat mir das Bild eines Menschen vor Augen, der nur ein Ziel hatte: seine Würde zu bewahren. Ihm war klar, dass es noch etwas anderes gab, etwas jenseits dessen, was wir sehen, hören und riechen können.«

Marek geht zur Seite, um in die Gesichter der Trauernden zu schauen. Menschen in der Blüte ihres Lebens, zwischen vierzig und fünfzig, schätzt er. Das war bei Patrick wohl auch so. Also wird der Prediger noch darüber klagen, dass dieser Mensch viel zu früh gestorben sei, dass er noch so viel vorgehabt hätte … Das kennt Marek alles, solche Sätze hat er hier schon oft gehört.

Eine Bewegung dort hinten bei den Eichen irritiert ihn. Er versucht, hinter den Dunstschleier zu schauen, der sich vor der Baumreihe gebildet hat. Nein, da ist nichts. Oder doch, was ist das? Ein Mensch vielleicht, der sich hinter einem Baum zu verstecken sucht?

Ein letzter Blick auf den Prediger, der noch immer keine Worte des Bedauerns gefunden hat: ein Mann mittleren Alters, dunkelgrauer Anzug, schwarze Krawatte. Ein Freund hätte anders geredet, persönlicher, einfühlsamer, dies hier ist eine Standardrede über Leben und Tod, in die noch ein paar Daten über Patrick hineingestreut sind, einfach so.

Langsam geht Marek auf die Eiche zu, hinter der er die Gestalt vermutet. Aber warum eigentlich? Was mischt er sich hier ein? Warum ist er immer so neugierig?! Das bringt doch nur Ärger!

Er schaut hinter den Baum, sieht niemanden.

Was hat er denn gesehen? Eine Fata Morgana? Träumt er jetzt?

Plötzlich eine Stimme in seinem Rücken, er erschrickt, dreht sich um – und da steht sie, lächelt und spricht ihn an:

»Ich habe eine Bitte an Sie, mein Herr«, sagt sie und zögert fortzufahren, als wolle sie ihm Zeit lassen, das Für und Wider abzuwägen.

Er ist verwirrt. Denn die Frau, so wie sie vor ihm steht, könnte Eva sein. Nur die Stimme ist anders. Dem ersten unsicheren Nicken lässt er ein deutliches »Ja, bitte« folgen.

»Würden Sie mich bitte ein Stück des Weges begleiten?«

»Gerne.«

»Ich brauche jemanden«, sagt sie, während sie sich bei ihm einhakt, »der mir Schutz geben kann.«

Im Haar sitzt eine Haarblüte in der Form einer Rose, von der aus ein fein geknüpftes Netz bis über die Nase fällt und die obere Gesichtshälfte teilweise verdeckt, sodass er die Augenpartie nur undeutlich erkennen kann.

Wortlos gehen sie an der Trauergemeinde vorbei, wobei sie einmal von der rechten zur linken Seite wechselt, immer den Blick an ihm vorbei auf die Trauernden gerichtet.

Er spürt die Wärme ihres Körpers, den Rhythmus ihrer Schritte, dem er sich anzupassen versucht. Sein Blick ist nach schräg unten fixiert, wo einmal der rechte, dann der linke Fuß der Dame in sein Blickfeld gerät, abwechselnd im Rhythmus ihrer Schritte. Die schwarzen Lackschuhe sind mit zwei dünnen Riemen so elegant über dem hinteren Teil des Spanns befestigt, dass sie dem Fuß eine besondere Ästhetik verleihen. Feuchter Schmutz bedeckt den vorderen Teil der Schuhe, kein Wunder, denn noch sieht man hier und da Pfützen auf den aufgeweichten Wegen.

An der Kreuzung schwenkt sie nach rechts, um die Zeremonie noch einmal, jetzt von der anderen Seite aus, betrachten zu können. Sie bleibt kurz stehen, um gleich darauf in der ursprünglichen ruhigen, gleichmäßigen Art weiterzugehen. Marek ist noch immer darauf konzentriert, seinen Schritt dem ihren anzupassen. So sehen sie wie ein vertrautes Paar aus. Schon jetzt hat er sich ganz in den Dienst dieser Frau gestellt und ist scheinbar in die Haut einer fremden Gestalt geschlüpft, die seine Schritte lenkt. An der Stelle der Berührung hat sich ein Zentrum gebildet, ein Herz, das beide Körper gleichmäßig mit Blut und Leben versorgt.

Noch im Gehen nimmt sie behutsam seinen Arm und löst sich von ihm. Er bleibt stehen wie ein Motor, der abgeschaltet wird. »Danke«, hört er sie sagen. Verdutzt und ungläubig schaut er der davoneilenden Frau nach. Und steht noch immer, als sie schon längst verschwunden ist.

Was mag sie gesucht haben? War sie die Geliebte des Verstorbenen, von der niemand etwas wissen darf?

Zu Hause fragt er sich, was er ihr geantwortet hat, ob es »ja, bitte« war oder etwas anderes.

Er nimmt einen Stift und versucht, eine Skizze anzufertigen. Zur Gestalt, zur Physiognomie und zum Äußeren fällt ihm nichts ein; es wird eine schemenhafte Gestalt, bei der er das Gesicht etwas genauer zu erfassen versucht: ein fester, starrer Blick, eine schöne gerade Nase und ein Lächeln, das kleine Falten um die Mundwinkel zaubert. Wie kommt es, dass er Evas Gesicht zeichnet? Trotz der vielen Jahre, die seitdem vergangen sind. Wie stark muss sich das Bild dieser Frau in seine Seele eingebrannt haben, dass er sie noch immer nicht losgeworden ist! Schwarze Haare, blaue Augen, schlanke Figur. Ja, die Figur ist in den fünf Jahren, in denen sie zusammen waren, dieselbe geblieben. Die Liebe nicht. Nie hätte er gedacht, dass die sich so schnell in Gift verwandeln könnte. Und das zirkuliert noch immer in seinen Adern.

Er legt den Stift zur Seite, geht einen Schritt zurück und wundert sich: Die Schuhe berühren den Boden nicht, diese Frau schwebt. Das kann nicht sein. Ihr Schritt war fest und bestimmt. Den spürt er noch immer.

In der Küche stellt er den Wasserkocher an. Gestern hat er im Briefkasten eine Werbebroschüre mit einer Espressomaschine gefunden. Ein Knopfdruck, ein kurzes Zischen und schon ist der Espresso fertig. Wenn stimmt, was da steht.

Den Wasserkocher stellt er wieder aus, steckt sein Handy in die Hosentasche, schließt die Tür zu und geht zum Café Aedes zwei Straßen weiter, dessen Inhaber schon jetzt, trotz der vierzehn Grad, die der Wetterbericht vorhergesagt hat, ein paar Stühle auf den Bürgersteig gestellt hat. Der blaue Himmel und die Frühlingssonne werden ihm helfen, aus den vierzehn Grad gefühlte zwanzig zu machen.

Die grauhaarige Frau, die zwei Tische weiter sitzt, hat sich in einen dicken Mantel gehüllt und raucht. Um diese Zeit gibt es mehr Spatzen als Menschen im Café. Einer hat einen Krümel von seinem Teller gepickt, kaum dass er auf dem Tisch stand. Marek fuchtelt mit der Hand durch die Luft, um die Plagegeister zu vertreiben. Schade, dass das mit Gedanken nicht genauso geht. Auch bei den Spatzen hat er keinen Erfolg. Sie kommen angeflogen, setzen sich auf den Stuhl, flattern auf die Tischkante, beäugen ihn und lauern auf den günstigsten Moment, um zuzupicken. Marek zieht den Kaffee und das Croissant näher zu sich heran und schirmt sie mit den Armen ab. Die Sonne ist noch schwach, wenn auch stärker als vor vierzehn Tagen, als er das letzte Mal hier saß; vierzehn Grad wird es heute nicht geben, weder gefühlt noch gemessen. Und so hofft er auf das nächste Mal, da wird er die Jacke ausziehen, die oberen zwei Knöpfe von seinem Hemd öffnen, die Augen schließen und die Wärme genießen. Doch jetzt schaut er auf die Uhr und denkt an das Bild, das er noch zu Ende bringen muss. Ein Lichtstrahl wird von einem Fenster der gegenüberliegenden Häuserfront direkt in sein Gesicht gelenkt. Also rückt er den Stuhl zur Seite. Wenig später ist der Strahl schon wieder im Gesicht. Ein turtelndes junges Paar hat sich an den Nebentisch gesetzt. »Schinken, Käse, ein weich gekochtes Ei, zwei Scheiben Schwarzbrot, zwei Brötchen und Himbeermarmelade«, versteht er, als die Bestellung aufgegeben wird.

Er will bezahlen und findet den Geldbeutel nicht, weder in seinen Gesäßtaschen noch in den Innen- und Außentaschen der Jacke. Allerlei Zettelchen kramt er hervor, eine Fahrkarte von letzter Woche, den Bon für die Reinigung, zu der er sein verschmutztes Jackett gebracht hat, ein ihm unbekanntes Kärtchen von der Größe einer EC-Karte und noch weiteren Krimskrams, den er auf den Tisch legt. Die Serviererin steht, zum Kassieren bereit, daneben und schaut zu. Die Taschen hat er abgeklopft und ausgeräumt, doch ohne Erfolg. Zum Glück findet er noch ein paar Münzen im Schlüsseletui, die für den Parkautomaten gedacht sind. Die Bedienung bedankt sich – es hat noch zu ein paar Cent Trinkgeld gereicht – und gibt ihm das Kärtchen, das auf den Boden gefallen ist. Elise Bronke steht da, darunter eine Telefonnummer, weiter nichts. Elise Bronke, überlegt er und kramt in seinem Gedächtnis wie zuvor in den Taschen. Ist es Wunschdenken, dass er dabei an die Frau vom Friedhof denkt? Kann die Karte von ihr sein? Logisch zwingend ist das nicht, denn überleg mal, Marek: Warum sollte eine Frau einem Mann, den sie nur als Sichtschutz nutzt, eine Karte zustecken?

Sie wollte etwas sagen und konnte nicht. Das muss der Grund gewesen sein! Deshalb wollte sie ihm diese Karte geben. Dazu brauchte sie den Körperkontakt. Ein Dieb nutzt den Trick, um etwas aus den Taschen herauszuholen. Und sie, um etwas hineinzutun. Ja, so muss es gewesen sein.

Die Frau am Nachbartisch lacht so hemmungslos, dass sie den Kaffee über den Rock schüttet. Mit sorgenvoller Miene legt ihr der Mann seine Hand auf den Schenkel. Marek sammelt die über den Tisch verstreuten Zettel ein und geht.

»Rechte Tasche, linke Tasche«, murmelt er und überlegt, was Frank zu dieser Karte sagen würde. Den restlichen Tag will er im Atelier verbringen. Das Grün im Bild ist zu massiv, zu dominant geworden. Die Farbe muss lockerer oder die Fläche kleiner werden. Auch ein roter Fleck an anderer Stelle könnte das Gleichgewicht wiederherstellen. »Immer dieses viele Grün, was ist das bloß«, schimpft er, als er vor seiner Haustür steht und den Schlüssel sucht. Ein alter Mann, der gerade aus dem Haus kommt, hält ihm die Tür auf. Marek spricht nicht mehr mit ihm, seit der ihm einmal stolz berichtet hat, wie es ihm gelungen sei, die Hand von Adolf Hitler zu drücken. Der Nebel im Gehirn dieser Leute trägt ein Verfallsdatum, das längst abgelaufen ist. Wie kann es sein, dass man in einem Haus mit einem Menschen wohnt, der in einer anderen Welt lebt? Das ist das Mysterium. »Du glaubst nicht, wie viele irre Menschen es gibt, die glauben, normal zu sein«, hat Frank einmal gesagt. Aber was ist denn normal, Frank? Was glaubst du?

Oben angekommen, stellt er sich vor das Bild, nimmt die Kreide und setzt Markierungen am rechten unteren Rand. An dieser Stelle stimmt die Farbe nicht; aber gerade hier sind die Proportionen gut gelungen. Missmutig dreht er das Bild zum Fenster hin, betrachtet es in einem anderen Licht, dann in einem etwas größeren Abstand noch einmal. Heute kommt es ihm ganz fremd vor. Eins von beidem muss sich verändert haben: entweder er oder das Bild. Er geht zum Fenster und schaut den Fußgängern unten auf der Straße zu; und mit einem Mal hat er die Karte von Elise Bronke wieder in der Hand.

Zeichen, die man auf dem Friedhof empfängt, sind besondere Zeichen. Er spürt, dass diese Begegnung kein Zufall gewesen ist. Diese Frau und diese Karte haben es ihm unmöglich gemacht, einfach zu den Alltagsgeschäften zurückzukehren. Heute jedenfalls.

Er nimmt das Handy, drückt ein paar Knöpfe, zögert und legt es an seinen Platz zurück. Er will noch warten. Es macht keinen guten Eindruck, jetzt schon anzurufen.

2

»Was weißt du denn von ihr, und was weißt du von dem Toten, außer dass es ein rechtschaffener Mensch war? Das waren schließlich alle, die auf dem Friedhof liegen!«

Vor dem Hintergrund des sonnengebräunten Gesichts wirkt Franks Hornbrille nicht mehr ganz so dunkel wie sonst. Vor ihm liegen die Urlaubsfotos, die er Marek zeigen will. Aber dazu kommt es nicht.

»Sie hat dich um einen Gefallen gebeten«, fährt er mürrisch fort, »aber was heißt das schon? Doch nur, dass sie dich um einen Gefallen gebeten hat – das ist doch nichts Besonderes. Einen Gefallen übrigens, der klitzeklein ist.«

Bei dem Wort »klitzeklein« lässt er den Zeigefinger der linken Hand ganz nahe an den Daumen heranrücken, sodass nur ein schmaler Spalt frei bleibt. In der rechten hält er das Glas mit dem Bier, von dem er gerade getrunken hat. Schon das zweite an diesem Abend.

Er sollte auf seine Figur achten, denkt Marek, der in letzter Zeit eine deutliche Veränderung im Äußeren seines Freundes bemerkt hat. Franks Hals ist nun fast vollständig vom Doppelkinn verdeckt. Nur die Haut ist glatter geworden, aber das kann am Einfluss der Sonne und des Windes liegen.

»Du hattest Gelegenheit, dich als Kavalier und starker Mann zu fühlen«, fährt Frank fort. »Das ist es doch! Und jetzt möchtest du mehr davon. Gut, sie hat dir ihre Visitenkarte gegeben; aber was will sie von dir? Vermutlich dasselbe, was du von ihr willst: Sie will wissen, warum du diese Beerdigung beobachtet hast. Frag doch nach! Ich hätte da schon längst angerufen.«

Frank schiebt die Brille auf die Nasenwurzel zurück und schaut Marek mit schräg gestelltem Kopf an. Er hat den Eindruck, seinen Freund wachrütteln und zur Vernunft bringen zu müssen. Jetzt, nach dem Urlaub auf Lanzarote, fällt ihm auf, wie stark sich sein Freund in seine eigene Welt verkrochen und von der realen abgekoppelt hat. Noch vor Jahren wäre das für ihn unvorstellbar gewesen. Da hatte er offene Augen, hat viel gelacht und saß nicht so melancholisch da wie jetzt gerade. Ein markantes Gesicht hat er immer noch – das muss er zugeben. Er sollte es sich bewahren und nicht durch ständige Trübsal zerstören lassen.

Marek streicht mit der Fingerkuppe auf dem Rand des Glases entlang. Doch es gelingt ihm nicht, damit einen Ton zu erzeugen.

»Ich«, hebt er erneut an und nimmt die auf dem Tisch liegenden Urlaubsfotos in die Hand, »hätte schon längst angerufen. Und klare Sache gemacht.«

Frank drängt es, von seinen Erlebnissen auf Lanzarote zu erzählen. Ihm ist die Ungeduld deutlich anzumerken. Er sieht aber ein, dass das so lange nicht möglich ist, wie sein Freund noch trübsinnigen Gedanken nachhängt. Also muss er ihm Zeit lassen.

»Was bringt das?«, fragt Marek. »Wenn sie die heimliche Geliebte war von dem, der da beerdigt wurde, dann wird sie mir das doch nicht sagen.«

Marek hebt das Glas und lauscht aufmerksam dem Ton, den er nun doch erzeugen kann. Dann erläutert er Frank, dass seine Wahrnehmung auf dem Friedhof anders ist als auf der Straße. »Auf dem Friedhof steht die Zeit still. Da geschieht nichts. Oder fast nichts. Und wenn einmal etwas anders ist als sonst, dann hat das eine Bedeutung. Wie bei dieser Beerdigung. Bei der stimmt etwas nicht.«

»Bei mir ist das umgekehrt«, lacht Frank, »für mich hat das, was außerhalb der Friedhofsmauern passiert, die größere Bedeutung. Was hast du mit dieser Frau zu tun und mit dem, der da beerdigt wurde – wie heißt der, Patrick, sagst du? Der ist doch tot, nun lass ihn endlich ruhen.«

Nun ist alles gesagt, glaubt Frank. Nach einer Pause, in der beide schweigend vor ihren Gläsern sitzen, unternimmt er den nächsten Versuch, das Thema zu wechseln.

»Um das abzuschließen, rufst du jetzt entweder bei dieser Dame an und gibst ihr die Karte zurück, oder …«

Frank zögert.

»Oder?«

»Oder du bringst sie zum Fundbüro.«

»Zum Fundbüro?«

Marek winkt ab und schüttelt den Kopf.

Da kommt Frank noch eine Idee.

»Sag mal, erinnere ich mich da richtig, hast du mir nicht erzählt – vor drei oder vier Jahren muss das gewesen sein –, dass deine Mutter gestorben ist, als du noch ein Kind warst?«

»Ja, das stimmt.«

»Und warst du da mit auf dem Friedhof?«

Marek schüttelt wieder den Kopf, jetzt energischer als zuvor, hebt das Glas und trinkt es langsam aus; dann rückt er mit dem Stuhl weiter an den Tisch, um näher bei seinem Freund zu sein:

»Lass gut sein, Frank. Zeig endlich deine Bilder her. Ich meine diese Fotos da. Das hier, sind das nicht die Feuerberge?«

»Ja, beeindruckend, nicht wahr? Farben und Formen wie gemalt! Kaum eine Landschaft ändert im Laufe des Tages ihren Charakter so wie diese – schau dir die beiden Fotos hier an, beide aus demselben Blickwinkel aufgenommen, einmal morgens, einmal abends – fantastisch, nicht?«

Marek lässt sich die Geschichte vom letzten Vulkanausbruch erzählen, der den ganzen Süden verwüstet hat, und träumt sich an einen der Strände dort. Die Sonne brennt auf der Haut, er beobachtet den Fischer, der seine Netze flickt, und schaut einem Paar zu, das aufs Wasser zuläuft und immer weiter ins Meer hinausschwimmt. Mit zusammengekniffenen Augen sieht er zu, wie sie zu kleinen Punkten werden, und erschrickt, als plötzlich Franks Gesicht vor ihm auftaucht.

»Du hörst mir nicht zu. Wahrscheinlich bist du in Gedanken noch immer auf dem Friedhof. Wenn du willst, kann ich versuchen, etwas über diese Frau herauszufinden. Als Journalist habe ich da mehr Möglichkeiten als du.«

Marek nickt, zieht die Visitenkarte aus dem Portemonnaie und übergibt sie Frank. Der wirft einen flüchtigen Blick auf das stilvoll gestaltete Design, will die Karte einstecken – und stutzt.

»Elise Bronke«, liest er, »das kann doch nicht wahr sein!«

»Warum – was ist mit ihr?«

»Hast du mal nach dieser Frau gegoogelt? Nein? Warum denn nicht? Wenn mir jemand eine Visitenkarte zusteckt, dann schaue ich zuerst im Internet nach.«

Und während Frank das sagt, holt er sein Smartphone hervor, wischt einige Male über das Display und hält es Marek hin: »Ist sie das?«

Der schaut sich das Bild wieder und wieder an und schüttelt unschlüssig den Kopf:

»Ihr Gesicht habe ich nur flüchtig gesehen, der vordere Teil der Haare war von diesem dünnmaschigen Netz bedeckt, aber ich glaube, die waren schwarz, nicht braun wie hier auf dem Bild.«

»Die Haarfarbe bedeutet nichts – die kann sich ändern. Wenn das tatsächlich Elise Bronke ist …«

Er überlegt, vergrößert mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand das Bild auf dem Display und sagt:

»Was veranlasst eine Elise Bronke dazu, auf den Friedhof zu gehen? Und dann noch alleine? Was ist mit ihrem Bodyguard, den sie sonst immer bei sich hat – hat der sich versteckt oder ist er krank?«

Und, nachdem er das Bild wieder verkleinert hat:

»Ach so, ich verstehe, sie hatte ja dich.«

Frank lacht.

Marek zeigt auf das Display:

»Was steht da über sie?«

Frank rückt die Brille zurecht und liest: »Professorin, mit sehr guten Kontakten zur Wirtschaft. Bücher und Artikel über Kommunikations- und Medientheorie. Und so weiter und so weiter. Das ist ein langer Artikel, ich verschone dich damit. Denn hinterher sagst du doch wieder: ›Das verstehe ich nicht.‹«

»Das ist gut möglich. Vielleicht kannst du mir mit ein paar einfachen Worten sagen, was da in dem Artikel steht.«

»Gut, ich versuche es. Elise Bronke kann man als eine Weberin bezeichnen, aber nicht im klassischen Sinne. Denn sie verknüpft Gedanken, Informationen und Assoziationen miteinander – keine normalen Fäden, mehr Gedankenfäden also. So entstehen Gewebe, die nicht für den Körper, sondern für den Geist gedacht sind. Fürs Gehirn also. Das Rohmaterial besteht nicht aus Flachs oder aus Wolle, das bezieht sie aus den geheimen Treffen der Eliten aus Wirtschaft und Politik. Den Bilderberg-Konferenzen zum Beispiel. Eine Frau, die mit allen Wassern gewaschen ist.«

»Gut, das reicht schon – mehr will ich nicht wissen. Ich weiß, dass du jetzt gerne mehr dazu sagen willst – aber mehr will ich nicht wissen.«

Frank schiebt sein Glas zur Seite und versucht mit dem Zeigefinger aus der nassen Spur, die sich gebildet hat, einen Kreis zu formen.

»Manchmal habe ich den Eindruck, dass du auf dein Nichtwissen auch noch stolz bist. Mich stört das! Was hat dich denn abgeschreckt? Dass diese Frau Professorin ist? Oder sich mit Dingen beschäftigt, von denen du nichts verstehst?«

»Es gibt so viel, das man wissen könnte und sogar auch wissen sollte. Aber es ist zu viel! Ich habe noch andere Interessen. Mir fehlt die Zeit, mich mit allem zu beschäftigen.«

Frank zuckt mit den Schultern, schaut auf die Uhr, dreht sie einige Male nachdenklich am Handgelenk hin und her und sagt:

»Mich würde es freuen, wenn ich mit dir auch mal über solche Dinge reden könnte. Über die Bilderberg-Konferenzen zum Beispiel. Oder den Council on Foreign Affairs. Und vieles andere mehr.«

Frank nimmt die Serviette und versucht, den Tisch trocken zu wischen.

»Wenn jeder das Gespräch abbrechen würde bei dem, was er nicht kennt, dann wäre es sehr ruhig in der Welt. Dann bräuchten wir die Sprache nicht. Ich verstehe von Kunst doch auch nichts. Trotzdem reden wir darüber.«

»Das ist etwas anderes.«

»Warum?«

»Weil von Kunst jeder etwas versteht.«

»Das stimmt nicht. Aber lassen wir das. Du willst eben nicht. Und beanspruchst ein Recht auf Nichtwissen.«

»Du kannst die Menschen nicht ändern.«

Frank schüttelt resigniert den Kopf und schließt die Augen.

Marek sieht das und geht doch auf ihn ein, aber mehr aus Mitleid als aus Interesse:

»Dann erzähl halt etwas über diese Bilderberg-Konferenzen, wenn du meinst, dass die wichtig sind.«

Frank, der spürt, dass das unerwartete Interesse nur geheuchelt ist, erzählt eine kleine Anekdote von seinem gescheiterten Versuch, im letzten Jahr Zutritt zu der Konferenz zu bekommen.

»Es gibt natürlich«, fügt er mit einer Geste des Bedauerns hinzu, »auch Journalisten, die mehr Erfolg haben. Die sind handverlesen und werden nur eingeladen, weil man weiß, dass sie hinterher entweder nichts sagen oder nur das sagen, was man ihnen erlaubt hat zu sagen.«

Frank wischt immer wieder über das Display und holt sich weitere Informationen aus dem Internet.

»Hier steht, dass sich Elise Bronke für Kunst interessiert und Künstler auch finanziell unterstützt. Das bringt mich auf eine Idee. Wie du gemerkt hast, bin auch ich an dieser Frau interessiert. Ich kenne einen Herrn Voss, der so wie sie zum Club gehört und zu dem ich ein Vertrauensverhältnis aufgebaut habe. Neuerdings organisiert er auch Ausstellungen. Wenn ich mich recht erinnere, ist er schon wieder mit einer beschäftigt. Wenn ich ihn morgen treffe, dann frage ich ihn, ob Elise Bronke auch da sein wird. Ich wollte mich schon immer einmal darum bemühen, ein Interview mit ihr zu bekommen. Und wenn ich Glück habe, gelingt mir das schon jetzt bei der Ausstellung. Und du kannst dir in aller Ruhe ein Bild von ihr machen. Das ist unverfänglicher, als sie anzurufen und sie auf die Visitenkarte anzusprechen.«

Draußen, beim Abschied auf der Straße, im Halbdunkel der Stadt, klopft Frank seinem Freund auf die Schulter und sagt:

»Was sie aber da auf dem Friedhof gesucht hat, das musst du selbst herausfinden. Mich interessieren die Tricks, mit denen sie die Bedürfnisse der Elite so verpackt, dass sie wie deine und meine, wie die Bedürfnisse von Otto Normalverbraucher aussehen.«

3

Am Eingang des Hochhauses steht ein Mann im schwarzen Anzug, der Frank und Marek freundlich begrüßt und durch die Tür ins Innere geleitet; dort führt er sie zu zwei Männern, die hinter einem Tresen sitzen und nach den Ausweisen fragen. Für Marek ist das eine Überraschung. Frank klärt ihn auf: Die Ausstellung findet nicht, wie ursprünglich angenommen, in den Räumen der Bank, sondern in denen des Clubs statt. Und hier verkehren Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft, die geschützt werden müssen.

An dem Paternoster, auf den sie zusteuern, hängt das Schild Außer Betrieb. Marek erinnert sich, wie er als Kind – er mochte zehn oder zwölf Jahre alt gewesen sein – mit einem solchen Beförderungsmechanismus rauf- und runtergefahren ist. Jetzt sind die meisten von ihnen schon längst durch Fahrstühle ersetzt. Und dann die Aufregung und die Freude, die ihm der Paternoster damals bereitet hat. Besonders oben im letzten Stock. Frank lacht nur: »Dachtest du, auf der anderen Seite mit dem Kopf nach unten herauszukommen?«

Ein Herr bietet Sekt an. Im Raum links haben sich schon viele Gäste eingefunden, die sich meist zu zweit oder dritt um die Stehtische gruppieren. Man ist vertraut miteinander, man kennt sich, so scheint es. Unsicher schaut Frank auf die Uhr, erst fünf Minuten nach halb, nein, unpünktlich sind sie nicht, die meisten müssen schon vor dem offiziellen Beginn hier angekommen sein. Ohne Frank hätte sich Marek hier fremd gefühlt, und mit Frank ist es auch ein bisschen so. Noch nie war er auf einer Vernissage mit solch einem erlesenen Publikum – was sind das für Leute, wo kommen sie her, keiner von denen ist zufällig hier, das geht schon wegen der Ausweiskontrolle unten an der Schleuse nicht. Sie sind in ihre Small Talks vertieft und scheinen die Bilder keines Blickes zu würdigen. Ach ja, die Ausstellung ist noch nicht eröffnet, das Interesse für die Bilder noch nicht zugelassen, außerdem gebührt es die Höflichkeit, erst einmal ein paar Worte mit denen zu wechseln, die man so lange nicht gesehen hat.

Eine junge Frau mit blondem wallendem Haar, Mitte dreißig, schätzt Marek, streckt Frank die Hand entgegen und spricht ihn auf ein Treffen bei einer der letzten Pressekonferenzen an. Marek wartet vergebens darauf, ihr vorgestellt zu werden. Enttäuscht geht er zurück zum Eingang, um sich den Raum auf der anderen Seite anzusehen. Auf dem Weg dorthin greift er sich ein Lachsbrötchen von einem der Tabletts, die von drei freundlich lächelnden Damen durch den Raum getragen werden. Mit diesem in der einen und dem Sektglas in der anderen Hand betritt er den hinteren Raum; es scheint ein Versammlungsraum zu sein, denn in der Mitte steht ein Tisch, der Platz für mindestens zwanzig, dreißig Personen bietet; die Stühle sind zur Seite geräumt. An den Wänden hängen drei Bilder, alle großformatig, hundert auf hundertzwanzig, schätzt Marek. Zwei Männer, beide glatzköpfig, stehen plaudernd und gestikulierend vor dem linken dieser Bilder, das eine abstrakte Landschaft darstellt.

Er kennt das Bild und erinnert sich, dem Maler einmal bei einem Workshop begegnet zu sein.

Beim zweiten Bild sind wenige helle Farben großflächig über die Leinwand verteilt und locken den Blick in eine geheimnisvolle Tiefe. Als er der Wirkung des Bildes nachzuspüren beginnt, ertönt eine Stimme aus dem Lautsprecher, die die Besucher in den Nachbarraum bittet.

Dort haben sich in der Zwischenzeit so viele Menschen versammelt, dass er keinen Platz mehr findet, von dem aus er alles überblicken kann.

Der Sprecher sagt nichts über die Gäste, er erklärt stattdessen wortreich, dass diese Ausstellung ein weiterer Beleg für die Verbundenheit des Clubs mit der Wissenschaft, der Kunst und der Kultur sei. Der Künstler, der neben dem Redner steht, lässt seinen Blick durch die Reihen der Zuhörer wandern, sieht Marek dort in der hinteren Reihe und nickt ihm zu. Es folgen kleine, gut formulierte Lobeshymnen auf den Club, gefolgt von Lobeshymnen auf den Künstler und auf vier weitere Personen aus dem Kreis der hier Versammelten, die sich verdient gemacht haben. Da er nur die Rücken der Zuhörer sieht, hat er keine Chance, ihre Gesichter zu betrachten.

Nach der Rede bilden sich erneut kleine Gruppen, einige gehen hinaus auf den Balkon, den Marek erst jetzt entdeckt. Denen folgt er und genießt die Ausblicke, die man von hier oben auf die Stadt hat; denn der Balkon erstreckt sich nicht nur über die ganze Breite des Gebäudes, sondern führt auch um dieses herum. Eine Frau, die wie die Frau vom Friedhof aussieht, gibt es auch hier nicht; und so geht er zurück, um sich sein leeres Sektglas erneut füllen zu lassen.

Und da sieht er sie im schwarzen Kleid und mit vollen, rot geschminkten Lippen. Das Haar ist bis auf eine Strähne, die rechts über die Stirn herunterfällt, zu einem Knoten zusammengebunden. Sie spricht zu zwei Herren, von denen der eine nur nickt und der andere nur lächelt. Er will sich vergewissern und versucht, sie unauffällig zu beobachten. So hat er sie nicht in Erinnerung – so sicher und selbstbewusst. Erhobenen Hauptes steht sie da, unterbricht ihren Gesprächspartner, der sich das auch gefallen lässt. Weil sie dann, wenn sie nicht redet, den Blick durch den Raum wandern lässt und die Anwesenden mustert, geht er im weiten Bogen an ihr vorbei und betrachtet sie von hinten. Sie nippt am Sektglas, der nickende Mann sagt etwas zum lächelnden, und plötzlich dreht sie sich um, sieht Marek, stutzt und lächelt. Aber dann lässt sie ihren Blick an ihm vorbei weiter nach hinten wandern. Er ist irritiert: Sie hat ihn erkannt – und abblitzen lassen. Nein, das ist nicht diese hilfsbedürftige Frau vom Friedhof. Die Rolle, die sie hier spielt, ist eine andere als dort. Aber was soll’s. Wenn stimmt, was Frank über sie gesagt hat, dann ist diese Frau ohnehin eine Nummer zu groß für ihn.

Wenige Meter entfernt steht ein Mädchen mit einem Tablett, das leere Sektgläser gegen volle tauscht. Zu ihr geht er hin und fängt ein belangloses Gespräch an. In der hinteren Ecke des Raumes entdeckt er Frank, der ihm zuwinkt. Kurz ist er versucht, ihn auf Elise Bronke aufmerksam zu machen, unterlässt es aber, winkt zurück und wendet sich dem nächsten Bild zu. Dort ist der Anfang eines Weges zu sehen, der an einem kleinen See vorbeiführt und weiter hinten nach links abbiegt. Ein Bild, das Ruhe ausstrahlt und zur Besinnlichkeit einlädt.

Bald wird Frank sie auch entdeckt haben, denkt er und geht in den Konferenzsaal zurück; inzwischen hat sich auch dieser Raum gefüllt. Vor dem Bild, das Marek zuvor schon so gut gefallen hat, steht eine Frau mit hellbraun getönter Haut und einem Kleid, das Teile der Schulterblätter freilässt. Er geht auf sie zu, bleibt zwei Schritte hinter ihr stehen und betrachtet den kleinen dunkelbraunen Fleck auf dem rechten Teil des Rückenausschnitts. Das Kleid fällt fast glatt an ihrem Körper ab, verjüngt sich zur Hüfte und dann noch einmal zu den Waden hin.

Der Rücken hält ihn magisch fest. Der schönste Rücken der Welt, sagt er sich, obwohl er weiß, dass das übertrieben ist.

Er geht einen Schritt zur Seite, um das Bild besser sehen zu können. Die linke Hälfte ist durch ihren Kopf und ihre Schulter verdeckt, doch auf der rechten kann er die Farben und das Muster erkennen: helle, gelbe und rostbraune Töne, die in eine orangefarbene Fläche münden. Es strahlt Lebendigkeit, Lebensfreude und sommerliche Wärme aus. Die ganze Zeit wandert sein Blick zwischen Bild und Frau hin und her, sodass er fürchtet aufzufallen. Langsam dreht sie sich um – und lächelt ihn an. Sie stehen nahe beieinander, schauen sich an, schweigen und bekommen Herzklopfen. Der Augenblick ist eingefroren, die Zeit zum Stillstand gekommen. Er hätte ewig so stehen und sie anschauen mögen.

»Safiya«, sagt sie, »ich bin Safiya.«

»Marek«, antwortet er.

Sie lacht verschmitzt und meint:

»Wir brauchen niemanden, der uns vorstellt, nicht wahr? Das können wir besser als andere.«

»Ja«, sagt er, »manche Menschen erkennen einander auch ohne Worte.«

»Ist das nicht seltsam«, erwidert sie, »was weiß ich von Ihnen und was wissen Sie von mir? Nichts, könnte man glauben.« Sie fährt durch ihre glatten schwarzen Haare. »Aber das stimmt nicht.«

Sie lächelt und legt den Kopf leicht zur Seite, was er als eine besondere, ihm zugewandte Geste deutet. Die strahlend weißen Zähne bilden einen schön abgestimmten Kontrast zu dem braun getönten Teint.

Verlegen schweigen sie und sind damit beschäftigt, zu erkennen, wer da vor ihnen steht.

»Aha, da bist du ja!«

Plötzlich steht ein jovial grinsender Frank da, der Safiya auch gleich die Hand entgegenstreckt. »Und das«, fügt er zu Marek gewandt hinzu und zeigt auf seinen Begleiter, »das ist Herr Voss, den ich dir schon immer einmal vorstellen wollte.«

Der Mann hat dichtes, etwas krauses schwarzes Haar, von dem eine kleine Locke in die rechte Stirnhälfte gerutscht ist. Die ergrauten Schläfenansätze weisen darauf hin, dass er schon die Grenze zur zweiten Hälfte seines Lebens überschritten hat. Das linke Auge ist kleiner als das rechte, sie schauen teilnahmslos und tragen das Lächeln nicht mit, das sich um die Mundwinkel herum gebildet hat.

Marek ist verstört. Wie ein Stier mit gesenkten Hörnern ist Frank zwischen ihn und Safiya gestoßen. Grob und gefühllos. Er hat ein peinliches Schweigen provoziert, das ihn nun selbst zu überraschen scheint, denn sein Grinsen ist verschwunden.

»Ist Elise Ihnen wieder entwischt, Safiya?«, fragt Herr Voss. »Eben habe ich Sie noch zusammen gesehen.«