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Heinz steht vor den Trümmern seiner Existenz – von seiner großen Liebe Jenny über Nacht verlassen, mit einer weiteren Geschäftsidee gescheitert und pleite. Da macht ihm sein Freund Franky – ein ziemlich heruntergerockter Kleinkrimineller, so nervig wie liebenswert – ein Angebot: Er will eine Wrestling Show aufs Oktoberfest bringen und Heinz soll das Drehbuch schreiben. Die Amateur-Bodybuilderin Betül, der ehemalige Jockey Gernot und andere Gestalten aus der Münchner Halb- und Viertelwelt sind schon am Start. Das Ziel: Ruhm und ein paar Zehntausend pro Kopf. Doch zuerst muss die Gang von Wiesnchef Claudius Schowalter noch die Genehmigung dafür bekommen. Ein Erpressungsversuch geht schief, und Heinz findet sich als Geisel im Keller eines Tegernseer Bauernhauses wieder. Im Zimmer neben ihm überraschenderweise Jenny… Voller Charme und Schmäh erzählt Bernhard Heckler von Strizzis und Stenzn, Großkopferten und Kleinkriminellen, vom Scheitern und wieder Aufstehen und von der Kraft der Gemeinschaft an den Rändern der Gesellschaft.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
BERNHARD HECKLER
ROMAN
Verlag Antje Kunstmann
Vier Wochen nach Jennys Verschwinden ruft eine unbekannte Nummer an. Mein Herzschlag setzt kurz aus. Endlich, alles wird gut, alles war ein Missverständnis, danke, lieber Gott.
»Ja, hallo?«
»Gibt’s dich noch«, sagt eine Stimme, die eindeutig nicht Jenny gehört. Sie klingt nach einer Million Chesterfield ohne Filter.
Zwei Jahre war Ruhe. Seit dieser Rennbahngeschichte. Noch bis vor Kurzem hätte ich nichts dagegen gehabt, dass es so bleibt. Aber jetzt zieht mich Frankys Stimme heraus aus meinem Sumpf. (Ich bin kein Baron von Münchhausen, ich brauche Hilfe.)
Er hat mitgekriegt, dass meine auf sozialistische Länder spezialisierte Work-And-Travel-Agentur »Reisen Hammer und Sichel – Abenteuer Feldarbeit von Kuba bis Vietnam« pleitegegangen ist.
»Sprich, du bist wieder vakant«, sagt er. Er weiß gar nicht, wie recht er hat. Und noch nie habe ich mich mehr gefreut über seine unverwechselbare Parole, obwohl auf sie in der Regel nichts Gutes folgt:
»Ich hab das was.«
November 2022
Noch zehn Monate bis zum Anstich
»Ich kapier’s nicht.«
»Was gibt’s da nicht zu kapieren. Also noch mal für dich zum Mitschreiben. wrest-ling-auf-dem-ok-to-ber- fest.«
Frankys Augen sind weit aufgerissen, er fixiert mich mit der schon tausendmal aufgeflammten Euphorie. Ein Flackern huscht über seine Netzhaut, wie ein Morsezeichen aus seinem Unterbewusstsein, das fleht, lass doch endlich los, gib doch endlich auf.
Wir haben schon allerlei gemeinsame Projekte hinter uns. Der große Wurf ist – Überraschung – noch nicht gelungen. Für mich ist das weniger ein Problem als für Franky, der sich nach Erlösung sehnt. Nach dem einen Moment, dem endgültigen Durchbruch, der die zappelnden Beine zur Ruhe bringt und das Hochstromhirn herunterfährt. Er hat keine konkrete Vorstellung von diesem Moment, weiß aber, dass sein Erreichen überlebensnotwendig ist. Bis es so weit ist, produziert er eine Idee nach der anderen, und noch eine, und noch eine, und noch eine. Er ist eine Supernova kurz vor dem Verglühen. Ich betrachte das mit einer Mischung aus Verzweiflung, Sorge und Zuneigung, man könnte sagen: mit Liebe. Der Kollege ist zwar oft nicht ganz so zuverlässig, speziell in Sachen Jahresendabrechnung. Aber ich meinerseits bin eben nicht so der Dazulernertyp.
Als wir uns vor zwanzig Jahren kennengelernt haben, hat mich Franky ziemlich schnell und ziemlich grundlos zu seinem besten Freund erklärt. »Wenn ich meinem besten Freund begegne, dann weiß ich was los ist, da muss ich nicht zweimal überlegen, zack und unbedingte Loyalität, für immer!«
Als es dann mit Frankys Mama bergab ging, habe ich ihn mal gefragt, ob alles in Ordnung sei. Man musste kein feiner Beobachter und auch kein Mitgefühls-Weltmeister sein, um zu kapieren, dass es bei dem pergamenthäutigen, ausgemergelten Mann, der seinen Chesterfields-Konsum auf vier Schachteln pro Tag hochgeschraubt hatte, ums schiere Zusammenhalten ging. Aber er war so gerührt von meiner lapidaren Nachfrage, dass er mir vor lauter Dankbarkeit endgültig sein Sorgerecht übertragen hat, das nach dem Tod der Mutter schließlich neu zu vergeben war.
Mit sofortiger Wirkung war ich nun in allen G-Dingen (Gefühle, Geheimnisse, Geschäftsideen) sein Ansprechpartner Nummer eins. Außer, seine Geschäftsideen gehen auf meine Kosten oder er verschweigt mir etwas. Zum Beispiel, woher Jenny und er sich eigentlich kennen. Bis heute weiß ich es nicht genau. Man könnte ja meinen, so was erfährt man irgendwann, entweder von der Lebensgefährtin oder vom besten Freund, aber nichts. Jenny habe ich mal gefragt, aber sie hat nur wortkarg irgendwas von Nachbar, hier und da sehr geholfen gesagt.
Auch sonst gibt es noch das eine oder andere, was wir nicht miteinander besprechen. Dass ich wegen Stimmungsschwankungen Medikamente nehme, weiß niemand außer meinem Arzt, auch Franky nicht. In Frankys Lunge wiederum wächst seit einiger Zeit etwas, das dort nicht wachsen sollte, aber das weiß zu dem Zeitpunkt nicht mal er selbst. Mit ungebrochener Begeisterung raucht er noch immer zwei bis drei Schachteln am Tag.
Was ich wirklich sehr an ihm mag: Egal, was passiert, am Schluss wird seiner Meinung nach immer alles gut. Ein angenehmes Gegengewicht zu meiner angeborenen Schwarzseherei. Damit die ein bisschen weniger wird, zahle ich gern hier und da ein bisschen was drauf.
Dafür gäbe es Millionen Beispiele, ich erzähl Euch nur kurz eines, pars pro toto (ich habe das kleine Latinum): Damals hat sich Franky mein nagelneues, obszön teures Designer-Hollandrad »geliehen«, eigentlich nur für einen Nachmittag. Als mein Drängen auf Rückgabe nach zwei Monaten sehr deutlich wurde, hat er versucht, sich vor mir zu verstecken. Er hat sogar seine Telefonnummer geändert. Irgendwann entdecke ich mein Fahrrad im Schaufenster eines Secondhand-Ladens, und bekomme zufällig am gleichen Tag von einem gemeinsamen Bekannten einen Tipp, wo der Verräter sich aufhält. Bei einer Zuchtpudelauktion in Untermenzing.
Franky sitzt mit hochrotem Kopf in der letzten Versteigerungsrunde für einen seltenen Labradoodle. Als ich ihn von hinten am Genick packe, ruft er zuerst: »Bogdan, bitte, wir haben gesagt, drei Tage, in drei Tagen hast du dein Geld. Bitte lass mir den Finger dran!«
Als ich mich zu erkennen gebe, weicht die Todesangst aus Frankys Körper, und für den Bruchteil einer Sekunde blitzt unendliche Erleichterung in seinen Augen auf, dann mault er mich an: »Ach, du! Nicht stören, es geht um alles!«
Für zweitausendeinhundert Euro (wohl ungefähr der Preis, den der Second-Händler für mein Fahrrad bezahlt hat) sichert er sich das lächerliche, dem Fernseh-Außerirdischen Alf ähnelnde Tier und drückt mich gegen meinen Willen fest an seine Brust.
»Jetzt wird alles gut, Heinzi, der Doodle hat Papiere, F1B-Züchtung, der ist das Doppelte wert. Gell, du Süßer!« Er wuschelt dem treudoofen Plüschvieh über den Lockenkopf. »Ich hab schon einen Käufer. Übermorgen geht alles über die Bühne, dann kauf ich dein Fahrrad zurück und geb dir fünfhundert in bar obendrauf.«
Das ist nie passiert. Schwamm drüber.
Frankys neueste Idee ist selbst für seine Verhältnisse abenteuerlich. Aber sie hat ihren Charme, das muss man ihm lassen. Er legt los wie auf zweifacher Geschwindigkeit.
»Drei Shows pro Tag, drei Wochen lang, komplett durchinszeniert, mit allem Drum und Dran. Wrestling ist Theater, Show! Bedeutet a: Nur sieben Prozent Umsatzsteuer!« Franky ahmt das Geräusch einer Supermarktkasse nach, so was wie: katsching. »Und b: Da braucht’s ein Drehbuch! Deswegen such ich einen, der mir was schreibt«, sagt er. »Und wen würde ich da fragen, wenn nicht dich, Heinz-Man. Du bist doch einer, der was schreibt, oder wie seh ich es?«
»Na ja.«
»Du Seele von Mensch, du Einfühlungsmaschine, du Straßenpoet. Ich kenn keinen, der besser schreiben kann.«
Franky schleimt nie uneigennützig oder gar aus ehrlichem Respekt. Er braucht ganz einfach meine Man- und Brainpower, um ein Ziel zu erreichen. Aber es wäre nicht das erste Mal, dass das Richtige aus den falschen Gründen passiert. Also steige ich auf den Gewinn versprechenden Flirt ein.
»Was hast du denn jemals von mir gelesen«, ziere ich mich eitel.
»Die besten SMS im deutschsprachigen Raum! Wortwitz, guter Stil, aber die Info bleibt nie auf der Strecke! Wer die Kurzform beherrscht, kann auch episch werden! Du bist ein Topschreiber, sagt doch sogar der Dingsl.«
»Der Dietl«, sage ich. »Aber der wollte nur nett sein.«
Kurze Hintergrundinfo für Euch: Ich hatte vor Jahren einen 0,5-sekündigen Statistenauftritt in Dietls Film Vom Suchen und Finden der Liebe. Zweihundert Euro gab das damals für eine Stunde Arbeit, und der Maestro hat mich in einer kurzen Drehpause erwischt, wie ich in einem Buch, das ich gerade las, den ersten Satz durchgestrichen und durch einen anderen ersetzt habe. Er hat kurz draufgeschaut und gesagt: »Besser.« Das werde ich nie vergessen.
Ich habe mich an dieses kleine Wort von einem, der es wissen muss, geklammert wie ein Nichtschwimmer an eine Boje und mich später als Volontär bei dem überregionalen Hochglanzmagazin Die Woche versucht. Aus Angst, meine biografische Ausstattung würde dafür nicht genügen, habe ich mir mit viel Hingabe ein Pseudonym ausgedacht, von dem ich geglaubt habe, es sei dieser Welt gewachsen. Bajuwarische Anteile für das Bauchgefühl, ein Touch Aristokratie, der in dem Betriebsumfeld einen guten Klang hat. Eine kurze Zeit lang hieß ich: xavervon croetz.
Ich habe den Namen sogar offiziell als Künstlernamen eintragen lassen. Mit meinem momentanen Namen Heinz Hammer habe ich mir die Mühe nicht mehr gemacht. Ich habe ihn wegen des stumpfen Klangs als Selbstbestrafung gewählt, nachdem es mit Xaver von Croetz den Bach runtergegangen war.
Die Schreiberei lief gar nicht schlecht. Egal, wie sehr ich mich angestrengt habe, für mehr als gar nicht schlecht hat es nicht gereicht.
Ich habe alles versucht. Völlig auf Adjektive verzichtet. Dann wieder in dem ungelenken Versuch, so was wie einen unverwechselbaren Stil zu finden, übermäßig viele Adjektive verwendet. Ich habe jedes Buch über das Schreiben gelesen, das es gibt. Nächtelang jeden Halb-, Viertel- und Achtelsatz auf Rhythmus, Klang, Tempo, Informationsgehalt, dramaturgische Anordnung geprüft. Das Ergebnis war gar nicht schlecht.
Seit ich denken kann, hängt dieser Satz über mir wie eine Feinstaubglocke. Er ist stärker als alle Bemühungen, ihn auszuradieren. Der Slogan eines zum Scheitern verurteilten Lebens. Er verblasst nie, egal wie viel Licht auf ihn fällt. Immer wieder führt er zu verzweifelter Hirnproduktivität. Dann heißt es wieder: Machen, machen, machen! Von nichts kommt nichts! Von gar nichts kommt überhaupt nichts, du faule, nichtsnutzige Drecksau! Du bist exakt genau so viel wert, wie du den anderen wert bist, einfache Rechnung, jetzt rechne endlich!
Als die Verzweiflung am größten war, ist mir wieder der Dietl eingefallen. Ein Text über den Dietl. Das ist meine Chance! Das wird der Text sein, der mein elendes Lebensmotto überschreiben und mir zu Anerkennung und Leichtigkeit verhelfen wird, und zu der Redakteursstelle, nach der ich mich so verzehre wie ein Vampir nach einem schmerzfreien Sonnenbad.
Mein Vorschlag ist von der Redaktion zwar für gar nicht schlecht befunden worden, aber groß begeistert war niemand. Es hieß, der Münchner Regisseur und das Berliner Publikum würden nicht besonders gut zusammenpassen, das gelte für seine Filme, aber auch für Texte über ihn. Ich könne es aber schon probieren, wenn ich denn unbedingt wollte.
Ich habe ihn nicht angefragt. Wahrscheinlich hätte er zugesagt. Und es wäre gar nicht schlecht geworden. Aber jetzt hatte ich endgültig genug von dem andauernden Gefühl der Unzulänglichkeit. Ich wollte fristlos gekündigt werden, wegen einem so schweren Verstoß gegen alle Berufsregeln, dass ein für alle Mal Schluss ist. Schluss mit der elenden Hoffnung auf Durchbruch, Erfolg und Anerkennung. Schluss mit der ohnehin nie wirklich in Gang gekommenen Schreibkarriere, ohne Rückkehrmöglichkeit. Ich wollte mit voller Geschwindigkeit und Absicht gegen den Betonpfeiler rasen, der mir die eigenen Ambitionen geworden waren. Mein letzter Gedanke: Ich will endgültig für nichts Großes geschaffen sein.
Und dann habe ich mir das Interview mit dem Dietl von vorne bis hinten ausgedacht. Es ist aufgeflogen. Und ich bin rausgeflogen. Und das war’s.
Der Aufprall war heftig, und ich bin nach ein paar Bestechungen an der Himmelspforte eingetreten in das bittersüße Paradies des ungeplanten, improvisierten, nie in die Zukunft gerichteten Daseins des Lebenskünstlers. Ein mitleidiger Sammelbegriff für alle, die zu oft falsch abgebogen sind. Wie für einen Lebenskünstler üblich, habe ich große Freundschaften geführt, kleinere Betrügereien begangen und hatte insgesamt viel Zeit, um den Tag totzuschlagen.
Franky jedenfalls: »Du hast Fantasie, du kannst erzählen, darum geht’s! Ich seh da was in dir!«
Ich: »Ah ja, das ist ja schön, so eine Ehre.«
Er: »Mit Wrestling kennst du dich aus?«
Ich: »Geht so.«
Er: »Gehtsogehtso. Sag doch mal zu irgendwas Ja!«
Ich: »Alsogutja.«
Vor hundert Jahren war ich mal Nachtwächter im Deutschen Museum (was ich schon alles war) und hatte nichts zu tun außer wach bleiben und Fernseh schauen, besonders gern die Sendung Smack Down auf DSF. Da habe ich mir einiges draufgeschafft an Expertenwissen.
Beim Wrestling stehen die Gewinner und die Verlierer fest, bevor es losgeht, eh klar. Viel spannender ist: Wer ist wer, wer liebt wen, welche Rückschläge müssen die Leute aushalten, welche Demütigungen müssen sie ertragen, wann versteigen sie sich doch noch zu der rettungslosen Hoffnung auf den Triumph?
Beim Wrestling gibt es Gut und Böse, nichts dazwischen. Bis heute ist mein Lieblingswrestler Rey Mysterio. Eher klein und zart, aber in Sachen Athletik und Beweglichkeit die Nummer eins. Er trägt immer eine Maske, das machen Kämpfer aus Mexiko öfter mal. Sein irrster Move ist der 619, pure Akrobatik, er schwingt sich dabei um die Ringseile herum und hämmert seinem Gegner dann die Knie ins Gesicht. Eben weil er so klein und leicht ist, muss Rey Mysterio die spektakulärsten Aktionen bringen, damit er vom Publikum zwischen den doppelt so großen und dreimal so schweren Mutanten, die gegen ihn antreten, überhaupt wahrgenommen wird.
Das Ganze erzähle ich also dem Typen, der mich scheinbar uneigennützig vor dem endgültigen Ruin retten will: Kein Akrobat, Athlet oder Gigant, sondern ein ausgemergelter, mittelgroßer Kettenraucher mit uringelben Zähnen. Das Weiß seiner Augen leuchtet schon wieder so gefährlich.
»Jetzt redma, Heinzi, du legst dich ja richtig ins Zeug, Bewerbungsgespräch, wandelndes Wrestlinglexikon, oder wie seh ich die Sache. Also hör zu. Mit dir sind wir acht Leute. Achim, Betül, Gernot, Guido, Lada und Baschno. Und meine Winzigkeit, versteht sich. Ein Jahr Vorlauf. Bis dahin müssen wir ein Zelt organisieren, die Genehmigung von der Stadt kriegen, probenundsoweiter. Jetzt pass auf, Rechnung Doppelpunkt.«
(Er spricht das Wort Doppelpunkt immer aus.)
»Acht Euro pro Ticket, zweitausendfünfhundert Plätze, drei Shows am Tag, sechzehn Tage. Eine knappe Million! Der Wirt, bei dem wir auftreten, kassiert zwei Drittel. Uns bleiben also dreihundertzwanzig Mille. Alles durch alle, bei uns geht’s kommunistisch zu, kommstjaselberdrauf. Dreihundertzwanzigtausend durch acht sind vierzigtausend pro Nase. Für sechzehn Tage. Und dann geht’s erst richtig los, dann kennt nämlich jeder die beerfestrumblecrew und dann geht’s auf Europatournee. Hand drauf und einen schönen Schampanninger, oder wie schaut’s aus!«
Franky schnippt penetrant mit den Fingern, dabei steht die Wirtin wenige Zentimeter vor ihm direkt auf der anderen Seite des Tresens. So drüber wie eine Altbaudecke, fordert er »deinen edelsten Tropfen, Gerti! Den alleredelsten!«
Sie kräuselt amüsiert die Lippen. »Gern, der Herr, wenn du so gütig wärst, die Hand aus meinem Gesicht zu nehmen.«
Trotzig schnippt Franky noch zweimal hinterher, während sie aus dem hintersten Winkel des laut brummenden Kühlschranks eine Flasche befördert, die abgesehen von der kyrillischen Aufschrift genauso aussieht wie ein Rotkäppchen-Sekt.
»Ich hoffe, du hast dein gesamtes Erspartes dabei«, sagt sie, »das ist eine echte Rarität. 1986er Jahrgang.«
»Ob das so ein guter Jahrgang ist?«, flüstere ich Franky zu. »1986 war doch Tschernobyl.«
Er winkt ab und lässt den Korken knallen wie der große Gatsby. Während er uns den gelblichen, kaum noch perlenden Schaumwein einschenkt, der alles Mögliche ist, aber kein Champagner, denke ich nach. Speziell über ein Detail.
»Kannst du mich bezahlen, Franky?«
»Heinzi. Hörst du mir nicht zu? Alles durch alle, aber dafür muss erst mal Geld in die Kasse. Wenn du schnell was auf die Hand brauchst, hör ich mich um.«
Bevor das wieder gleich in die ganz falsche Richtung geht, sage ich: »Gewalt mach ich nicht mehr«.
Er: »Dann wird’s schwierig mit dem schnellen Geld.«
Schnelles Geld, schneller Erfolg, schnelle Befriedigung: lieber nicht mehr.
Ich, Bedenkenträger: »Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist. Wrestling auf dem Oktoberfest, das klappt doch nie.«
Er, mich kennend: »Heinz, mach mit oder nicht. Ich sehe, dass es dir schlecht geht. Ich sehe, dass du eine Aufgabe brauchst. Aber ich frag nicht zweimal.«
Sehe, dass es dir schlecht geht. Von wegen. Der weiß das doch mit der Jenny, so wie er alles weiß oder herausfindet, was man vor ihm verbergen will. Ich wiederum weiß, dass er es weiß.
Franky: »Alles, was recht ist, Amigo, das ist eine Millionen-Dollar-Idee.«
Erster Gedanke meinerseits: Eher eine Zero-Dollar-Idee. Aber zero Dollar hatte ich davor schon, und wenn ich danach immer noch zero Dollar habe, dann ist ja nichts verloren.
»Lass mich mal eine Nacht drüber schlafen«, sage ich.
(Schön wäre das, mal wieder eine ganze Nacht lang schlafen. Das würde wahrscheinlich auch schon einiges lösen.)
»Es gibt Zeiten zum Schlafen, und es gibt Zeiten zum Machen, Heinzi. Und weißt du was: Ich hab in meinem Leben schon was Verrückteres gehört als Wrestling auf dem Oktoberfest. Du nicht?«
Da hat er recht. Der ehemalige Rennradprofi Jan Ullrich hat zum Beispiel, als es ihm mal richtig mies ging, an einem einzigen Tag neunhundert Zigaretten geraucht. Das muss man sich mal vorstellen. Der wollte sich totrauchen. Die Zigaretten hat er vor sich auf den Küchentisch gelegt, immer neun Stück, die hat er mit Haargummis am Filter zusammengebunden und dann auf einmal geraucht. Nach sechzehn Stunden waren alle weg, und er war immer noch nicht tot. Das ist wirklich verrückt.
Also sage ich: »Lass mich wenigstens schnell eine drüber rauchen.«
Draußen ist es dunkel, nass und kalt. Mein Feuerzeug funktioniert nicht. Raben krähen von den Hausdächern. Scheißjahreszeit. Eine Verkehrspolizistin trotzt dem Schneeregen und macht ihre Arbeit. Wie muss das sein, bei jedem Wetter eine Arbeit machen, für die einen alle hassen. Als würde der liebe Gott mir beweisen wollen, wie recht ich habe, biegt ein älterer Mann um die Ecke, Typ Kantenkiefer. An einer Hundeleine schleift er einen dreibeinigen Cockerspaniel durch den gelben Laubmatsch hinter sich her. Das arme Vieh humpelt und quält sich vorwärts, kann kaum Schritt halten.
Ganz unverhofft aber darf es verschnaufen. Weil der Kantenkiefer plötzlich stehen bleibt, die Verkehrspolizistin mit loderndem Hass in den Augen anglotzt und zwischen seinen zusammengepressten Zähnen hervorzischt: »Sie Drecksau. Sie Zumutung.«
Ein oranges Kleinfahrzeug der Straßenreinigung rattert über das Kopfsteinpflaster. Der Mann bleibt an der Kreuzung stehen, um die Verkehrspolizistin weiter zu beschimpfen. Sie kriegt es mit der Angst zu tun und geht hinter einem Gutverdiener-Panzer in Deckung. Der Mann geht um das Auto herum und tobt weiter. »Sie gehören ins Gatter gesperrt und im Schlamm gewälzt, Sie Drecksau, Sie Mistsau!«
Jetzt wehrt sie sich. »Ist das Ihr Auto? Eine Dreckschleuder ist das, im absoluten Halteverbot steht Ihre Dreckschleuder, das wird teuer!«
Der Mann macht einen aggressiven Schritt nach vorn, ein Ruck geht durch die Leine, und während ich noch überlege, ob ich dazwischengehen soll, macht der dreibeinige Cockerspaniel einen unfreiwilligen Satz, ebenfalls nach vorn, und wird von den Bürsten des Stadtreinigungsfahrzeugs erfasst. Sie reiben über ihn hinweg. »Sebi!«, schreit jetzt der Mann, mit schreckgeweiteten Augen.
Der Stadtreiniger begeht Fahrerflucht. Dem Kantenkiefer laufen Tränen aus den Augen. Er zieht seine Jacke aus und breitet sie über dem sterbenden Hund aus. Die Verkehrspolizistin kommt aus der Deckung und legt dem Kantenkiefer eine Hand auf die Schulter.
Gibt es eigentlich einen Tierkrankenwagen? Weiß ich gar nicht. Ich seufze vor mich hin. Ach Gott, oje. Es kann alles ganz schnell gehen. Plötzlich drehst du dich um und dein geliebter Hund wird totgereinigt. Plötzlich ist die Liebe deines Lebens weg, obwohl doch du es warst, der nur kurz Zigaretten holen gegangen ist.
Zukunftsangst und Vergangenheitssehnsucht, alles kreuz und quer zerdenken, lähmendes Selbstmitleid, lebenslange Schockstarre, alles, nur nicht im Moment leben. Ein echtes Elend. Jetzt heißt es: Einmal im Leben den Dingen ihren Lauf lassen. Plötzlich habe ich das überwältigende Gefühl, dass sich mir hier und jetzt die letzte große Chance bietet. Worauf? Keine Ahnung.
Ich gehe wieder rein und verkünde: »Also gut, ich bin dabei. Wenn du mir hoch und heilig versprichst, dass du dir das nicht alles ausgedacht hast, um einen Vorwand zu haben, mich mal wieder anzurufen.«
»Heinz, meine genialen Ideen haben nichts mit dir zu tun. Bis morgen.«
Die geniale, nichts mit mir zu tun habende Idee mit dem Arbeitstitel Beerfest Rumble wirkt in die Welt hinein. Körper und Geister kommen in Bewegung. Das Universum, das von seltsamen Himmelskörpern mit völlig unberechenbaren Umlaufbahnen und wilden Abstoßungs- und Anziehungskräften beherrscht wird, sorgt mit einer günstigen Sternenkonstellation dafür, dass die Tage mild und die Nächte erholsam werden. Eine Phase der Stabilität und Produktivität deutet sich an. Ich fühle mich diffus gesund, angenehme Neuerung.
Franky wird mich heute mit Sepp Seifert bekannt machen, dem neuen Wiesnwirt des Festzelts giesingermadonna. Dort soll die Wrestling-Show stattfinden.
Mit zwanzig Minuten Verspätung kommt ein weißer, verbeulter Minivan mit getönten Scheiben ächzend vor mir zum Stehen.
Franky: »Taxiservice für gescheiterte Existenzen, bitte einsteigen.«
Ich: »Schönes Auto, was ist das für ein Modell, der VW Kinderschänder?«
»Heinzi, ich muss bitten. Das ist der VW Stenz, mit Platz fürs Jacuzzi im Kofferraum. Dass er schon ein paar Kilometer draufhat, schadet ihm nicht. Im Gegenteil! Verstehst?«
Hinter der Fahrerkabine ist ein Gitter angebracht, der Laderaum ist leer, ein seltsamer Geruch hängt in der Luft. »Hier drin riecht’s ja wie im Meerschweinchenstall«, sage ich. »Ich dachte, mit der Tiernummer hast du aufgehört.«
In der Münchner Halb- und Viertelwelt war Franky bis vor Kurzem bekannt als »Flamingo-Franky«. Vom Pinguin über den namensgebenden rosa Wasservogel bis zum Nashornbaby konnte man bei ihm alles kaufen, wenn das Geld gestimmt hat. Als sein Geschäftspartner nach einem Schlaganfall in Rente gegangen war, hat Franky die Tierhändler-Karriere an den Nagel gehängt. Alle Kunden bekamen die SMS: flamingo-franky gibt’s nicht mehr. ich heiße jetzt nur noch franky. ohne flamingo. legale anfragen aller art jederzeit willkommen.
»Wie man’s nimmt«, sagt Nur-noch-Franky. »Ich hab umgeschwenkt auf Präparate. Besuch gern mal meine Website, praeparate-oberlaender.de.« (Einschub Verfasser: Frankys bürgerlicher Name ist Franz Oberländer. Glaube ich zumindest.)
»Bei Lebendtieren mach ich nur noch sehr ausgewählte, lukrative Ausnahmen. Apropos: Ich müsste nächste Woche in Tschechien einen Tiger abholen. Großes Geschäft. Für einen Scheich. Das bringt fünfzehntausend.«
Typischer Schwachsinn, schnell Paroli bieten. »Das glaubst du doch selber nicht, dass wir es mit einem Tiger im Kofferraum über die Grenze schaffen.«
»Der Tiger kriegt was zum Schlafen und wir verstecken ihn hinter ein paar Dönerspießen, kriegt keiner mit.«
»Ah ja. Genial.«
»Du sagst es. Überleg’s dir.«
»Schon fertig überlegt. Nein, danke.«
»Wer nicht will, der hat schon.«
Danach ist Ruhe in der Fahrerkabine. Franky lüftet das unausgesprochen im Raum stehende Jenny-Thema zum Fahrerfenster hinaus, und gegen die Reste meiner Schwermut, gegen die auch die Zugluft nicht ankommt, kämpft er mit verschiedenen Duftbäumen an. Auf der Wasserburger Landstraße nickt er kurz ein. Sekundenschlaf.
»Meister«, rufe ich, »Fahrerwechsel.«
Er: »Nix Fahrerwechsel. Entertainment wäre gefragt. Aber von dir kommt ja nix.«
Er schraubt Radio Arabella hoch, dass mir die Ohren wehtun. Ich will postwendend wieder runterschrauben, aber lieber Tinnitus als Sterben.
Ich lernte Franky kennen, als ich beim Städtischen Pflegedienst gearbeitet und Essen ausgefahren habe. Irene Oberländer war ein schwieriger Fall. Mal hatte sie Tränen der Dankbarkeit in den Augen, wenn ich ihr das Mittagessen gebracht habe, mal hat sie mich angespuckt und mit übelsten Flüchen bedacht. Ihre Stimme war dann ganz anders, tiefer, beinahe dämonisch. Dann wieder kam sie oft tagelang gar nicht an die Tür, weil sie Angst hatte, ich wäre ein Auftragsmörder und würde ihr Gift ins Essen mischen. Wenn der Hungerstreik länger als drei Tage andauerte, dann hieß es für mich: Feuerwehr rufen.
Nach einer oder zwei Nächten im Krankenhaus war es wieder eine Zeit lang besser, mit den Medikamenten und dem regelmäßigen Essen. Dann hat sie mir oft tagelang ein irres Trinkgeld gegeben, weil es ihr so peinlich war, dass sie mich für einen Mörder gehalten hatte. Jedes Mal fünfzig Euro oder mehr, woher hatte die Frau so viel Bargeld? Ich wollte sie nicht übervorteilen, war aber auch zu pleite, um ihre Trinkgeldofferten immer abzulehnen. Ungefähr jede dritte habe ich angenommen, das schien mir eine moralisch gerade noch so vertretbare Quote.
Weil auf jede gute Phase wieder eine schlechte folgt, Naturgesetz, kann man auch umdrehen, dann klingt es gleich optimistischer, war die Zwangseinweisung irgendwann so gut wie unausweichlich. Als das Amt schon vor der Tür stand, hat Franky spontan entschieden, bei seiner Mutter einzuziehen und die Pflege weitgehend selbst zu übernehmen. Erst hat es mich geärgert, dass jetzt immer er meine Essenslieferungen entgegennahm, (Trinkgeld: Fehlanzeige), aber nach ein paar Wochen kam er mit einem Angebot um die Ecke.
Ich sollte auf meiner Tour ein paar Extrastopps einlegen und bei fünf verschiedenen Adressen Kuverts in den Briefkasten werfen. Ansage Franky: »Was drin ist, hat dich nicht zu interessieren.« Fand ich nicht schlecht, ich bin eh kein übermäßig neugieriger Typ, und warum sollte ich mich für diese Eigenschaft nicht bezahlen lassen? Honorar für meine Diskretion: Zweihundert Euro pro Einsatz.
Franky hat seine Mutter vierzehn Jahre lang gepflegt, bis sie gestorben ist, ihre Hand in seiner. Auf der Beerdigung von Irene Oberländer waren nur Franky, seine Tochter Lada, Jenny und ich anwesend. Ladas Mutter Elena wollte auch kommen, aber Franky hat sie explizit ausgeladen.
Elena ist so ziemlich in allen Belangen eine sogenannte Zehn. Gebildet (Promotion in Romanistik), kreativ (veröffentlichte Lyrikerin), schön (während des Studiums Katalogmodel für eine Drogeriekette), witzig (mehrere Siege bei Stand-up-Comedy-Wettbewerben), sportlich (Hallenvolleyball, gehobenes Amateurniveau). Rückblickend weiß ich nicht, ob es für Franky gut war, dass sie sich heftig in ihn verliebt hat. Plötzlich war sie in seinem Leben, und sein Leben um dreitausend Prozent besser. Franky konnte und wollte (aus Selbstschutz) sein Glück nicht fassen. Sie waren ein halbes Jahr zusammen, als Elena ungeplant schwanger wurde, aber alle Beteiligten haben sich über den Unfall gefreut. Mitte zwanzig ist zwar jung, aber nicht zu jung, und in Sachen sein Glück fassen können war die Schwangerschaft für Franky eine Art Kerosin oder Raketentreibstoff. Er konnte es jetzt so was von fassen. Ihm passierte etwas, das nicht vorgesehen war, aber manchmal gibt es ja Brechungen und Wurmlöcher im Universum, die das Unmögliche doch möglich machen.
Er hat es nie verkraftet, dass sie sich von ihm getrennt hat. Manchmal ist es besser, gewisse Formen von Glück nicht kennenzulernen, sich nicht an sie zu gewöhnen. Jedes Glück ist flüchtig, und wenn es zu groß ist, dann ist sein Verlust wie ein kalter Entzug, es gibt keinen Ersatzstoff, man bleibt für immer süchtig. Wenn man einen kalten Entzug überlebt, dann ist Vorsicht geboten. Jeder Tropfen Liebe kann einen rückfällig machen, deswegen bleibt man lieber ganz abstinent. Franky hatte nach Elena nie wieder eine Beziehung. Inzwischen behauptet er, er sei in Wahrheit schwul, besuche Saunaclubs und Cruising-Partys, den Ochsengarten, die Deutsche Eiche, habe Sex mit Männern in einer stillgelegten Telefonzelle auf dem Gelände der Großmarkthalle, aber ich weiß nicht, was von alldem zu halten ist.
Elena hat seit zwei Jahren einen neuen Partner. Ein Katalane namens Andrés. Er hat sie überredet, zu ihm nach Barcelona zu ziehen. Die neue Beziehung und der damit verbundene Umzug war für Lada, die seit der Trennung bei der Mutter gewohnt hat, ein solcher Verrat, dass sie, anstatt ihr gewohntes Umfeld für eine Stadt am Meer zu verlassen, zum Vater gezogen ist.
Jedenfalls. Wo war ich? Beerdigung.
»Liebe Mama, ich bin mir sicher, der liebe Gott hat dir im Himmel ein besonders schönes Zimmer hergerichtet«, hat er gesagt. Das hat mich überrascht. Ich hätte nie vermutet, dass Franky gläubig ist. Als Jenny ihn in den Arm nahm, habe ich ihn zum ersten Mal weinen sehen. Dickflüssige, ein Menschenleben lang zurückgehaltene Tränen. »Nicht anschauen«, hat er geflüstert, als ich zu irgendeiner Trostgeste ansetzte.
Franky und ich rauchen uns eine Chesterfield nach der anderen rein und erreichen ganz neue Ufer des Schweigens, einen neuen Kontinent der Stille, bis wir das Forsthaus Sankt Aloisius in Ebersberg erreichen. Auf dem Weg zum Eingang wiederholt er noch mal den Inhalt unserer Mission.
»Jetzt treffen wir den Seifert Sepp.«
»Ja, danke, ich weiß.«
Sepp Seifert ist eine Naturgewalt. Knapp zwei Meter groß, seine riesige Homunculus-Hand verschlingt meine bei der Begrüßung. Seifert betreibt neben dem Forsthaus noch die Kleinkunstbühne »Marionettenhäusl« im Glockenbachviertel und hat sich als unorthodoxer Kulturgastronom einen Namen gemacht. Im Forsthaus serviert uns ein Kellnerroboter die Weißbiere. Sein Zelt, erzählt Seifert in einem beeindruckenden Redeschwall, solle ein Ort der Widersprüche werden. Unbequem! Einerseits solle es digital zugehen. Andererseits möchte Seifert in seinem Zelt keine Schlager, sondern ausschließlich traditionelle Volksmusik spielen. Weil ihm das als Kulturrevolution aber noch zu klein ist, will er nach Vorbild seines Marionettenhäusl-Konzepts zusätzlich noch ein Performance-Element in sein Zelt holen.
Seifert, begnadeter Jazztubist, hat in jungen Jahren in New Orleans gelebt und ist in den Staaten zum Wrestling-Fan geworden. Mit uns als Show Act will er die Amis und Australier anlocken.
»Die Madonna wird das neue Weltzelt! Das Hofbräu kann einpacken!«, ruft er euphorisch.
Daraufhin ich: »Sag mal, Sepp, Wrestling und Blasmusik, so richtig geht das nicht zusammen, oder?«
Seifert zeigt auf den Kellner-R2D2, der gerade mit ein paar Halben auf der Ladefläche an einem ausgestopften Fasan vorbeifährt: »Sag mir nicht, was zusammengehört!«
Das Traditionszelt Giesinger Madonna wurde ewig und drei Tage von der Schickelgruber-Sippe bewirtet, bis die Wirtsfamilie letztes Jahr nach einem Familiendrama Schrägstrich Boulevardskandal um Matriarchin Sandra, genannt Nanni, Schickelgruber (»Im Vollrausch: Wiesnwirtin überfährt Liebhaber«) das Handtuch geworfen hat. Seifert steht als designierter Nachfolger in den Startlöchern. Für ihn ist dieses Jahr Wiesn-Premiere. Das ist ein mittelschweres Erdbeben in Starkbier-City, weil Seifert weder Oktoberfest-Erfahrung hat noch einer der millionen- bis milliardenschweren Wiesn-Dynastien angehört, die mit München Monopoly spielen.
Seifert ist ein angstfreier Underdog, der nicht rasten wird, bevor er das größte Volksfest der Welt einmal von den Füßen auf den Kopf gestellt hat (»Bis sich das Riesenrad falschrum dreht!«). Erfolg ist ihm egal (»Mein letztes Hemd hat keine Taschen«). Er hat bei den Planungen seiner Bierzelt-Revolution nur einen mächtigen Gegner: Den Wirtschaftsreferenten der Landeshauptstadt und Wiesn-Chef Claudius »Cäsar« Schowalter. (»Der Schowalter ist ein Problem.«)
Der, wie es sich für einen Despoten gehört, ziemlich klein gewachsene Schowalter (1,65 Meter, krebsroter, fleischiger Kopf, hochglanzpolierte Napoleon-Schuhe an den breiten Füßen) gilt als erzkonservativ. Wer auf der Theresienwiese seinen Stand aufbaut, wer seine gebrannten Mandeln verkauft, wer sein Bier ausschenkt, entscheidet in letzter Instanz er, nach Brauchtumsregularien und (Bier-)Bauchgefühl. Schowalter hat die Macht, auch den Oberbürgermeister zu überstimmen, wenn nötig. (Seifert: »Ich hab das Marionettenhäusl, aber der lässt die Puppen tanzen.«) Schowalter hat Seifert wegen dessen Blasmusikplänen ins Boot geholt. Der Gedanke, die Madonna würde wieder zu einem echten Münchner Traditionszelt, hat ihm gefallen.
»Aber das Wrestling wird ihm nicht schmecken. Und er sitzt am längeren Hebel. Sprich-«
»Sprich«, nimmt Franky Seifert das Wort aus dem Mund, »da braucht es ein bisserl Überzeugungshilfe. Einfach wird’s nicht. Aber jeder hat eine Schwachstelle. Und die müsstest du finden, Heinz. Bedeutet, Doppelpunkt, Prio eins, Doppelpunkt, Schowalter. Prio zwei, Doppelpunkt, Drehbuch.«
»Nix Prio zwei, das Drehbuch wird anständig! In meiner Madonna geht keine Shitshow ab, ich will 1A Wrestling sehen!«, wendet Seifert energisch ein.
»Du hast den Sepp gehört. Prio 1A, Drehbuch. Prio 1B, Schowalter«, lenkt Franky ein.
»Wieso muss das unbedingt ich machen?«, frage ich.
»Der Sepp kann schlecht einfach fragen.«
»Warum nicht?«, frage ich.
»Weil der Schowalter einfach Nein sagen würde, konservativ, wie der ist. Und weil dem Sepp sein erstes Wiesn-Jahr eine Bewährungsprobe ist. Wenn er sofort mit was Exotischem ankommt …« Er macht eine völlig unverständliche Geste, aus irgendeinem Grund reibt er sich den Bauch. Was soll das bedeuten? Er erklärt es nicht, für ihn ist alles klar.
»Und warum fragst ihn nicht du, Franky?«, starte ich einen letzten Versuch der Arbeitsverweigerung. »Du bist schließlich der Initiator.«
