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Er trifft auf Elena. Er ist introvertiert, fühlt viel, hinterfragt alles, auch sich selbst – erlebt aber sein Denken als limitiert. Elena ist herausragend clever, voll von Leben, denkt klar und folgt radikal ihrer Bestimmung – der eigenen Erfüllung in der Kunst. Damit bringt sie all das in sein Leben, was er bisher zu vermissen glaubte. Und auch sie scheint etwas ganz Spezielles in ihm zu sehen. Zwischen Elena und ihm entsteht etwas, was sich richtig und intensiv und gross anfühlt. Bis es um die Vollendung ihres ultimativen Werkes geht. Und sich rausstellt: Nichts ist, wie es scheint. «Ein Buch, wie es die heutige Gesellschaft braucht: aufwühlend und provozierend, mal zärtlich, mal brutal, schmerzhaft ehrlich, aber dann dich eiskalt hinterrücks erwischend.» Dominic Deville, Satiriker, Punk, Late Night Host «Ich konnte diese Geschichte für keinen Augenblick weglegen und sie begleitet mich bis heute. DIE BESTMÖGLICHE VERMUTUNG beschreibt die unbehagliche Tonspur einer Ära. Die Sprache ist messerscharf, das Buch hat kein Wort zu viel.» Helen Iten, Journalistin und Autorin «Dieser Roman ist eine Umwälzung. Weil er so eine Wucht entwickelt, weil er das Innere nach aussen kehrt, einen mitnimmt, abholt und durchschüttelt. Und dies elegant, klug – und durchgehend lustig.» Renato Kaiser, Satiriker und Komiker
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Seitenzahl: 214
Veröffentlichungsjahr: 2025
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«Aufwühlend und provozierend, mal zärtlich, mal brutal, schmerzhaft ehrlich, aber dann dich eiskalt hinterrücks erwischend.»
Dominic Deville, Satiriker, Punk, Late Night Host
«Ein Buch als unbehagliche Tonspur einer Ära. Die Sprache ist messerscharf, kein Wort ist zu viel.»
Helen Iten, Journalistin und Autorin
«Dieser Roman ist eine Umwälzung. Weil er eine Wucht entwickelt, das Innere nach außen kehrt, einen mitnimmt und durchschüttelt. Und das elegant, klug und lustig.»
Renato Kaiser, Satiriker und Komiker
Er ist introvertiert, fühlt viel, hinterfragt alles und sich selbst. Und er steckt fest. In seinem Kopf, in seinem Denken, in seiner Wohnung. Nur dort fühlt er sich sicher, vor seiner Mutter, vor seinem Nachbarn, vor dem Leben. Dann tritt Elena in seine Welt. Sie ist herausragend clever, voll von Leben und folgt radikal ihrer Bestimmung – der eigenen Erfüllung in der Kunst. Kurz: Sie verkörpert all das, was er an sich zu vermissen glaubt. Zwischen den beiden entsteht etwas, was sich richtig und groß anfühlt. Bis es um die Vollendung von Elenas Werk geht. Und das die Realität ihrer beider Leben infrage stellt.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Mit freundlicher Unterstützung
Unterstützt durch die Gemeinde Binningen
Alle Rechte vorbehalten
1. Auflage
© 2025, Arisverlag
(Ein Unternehmen der Redaktionsbüro.ch GmbH)
Schützenhausstrasse 80
CH-8424 Embrach
www.arisverlag.ch | www.redaktionsbüro.ch
Umschlaggestaltung und Satz: Lynn Grevenitz | kulturkonsulat.com
Umschlagmotiv: Lynn Grevenitz | kulturkonsulat.com
Lektorat: Paula Fricke | Elisabeth Blüml
Korrektorat: Red Pen Sprachdienstleistungen e.U.
Druck: CPI books GmbH, www.cpibooks.de
ISBN: 978-3-907238-46-2
E-Book-Erstellung: CPI books GmbH, Leck
ISBN E-Book: 978-3-907238-47-9
EINS
ER
Wenn ich nicht schlafen kann, stelle ich mir vor, wie ich niedergeschossen werde. Zwei Kugeln in den Kopf. Nicht diese schlimmen Dinger, die beim Austritt noch ein Drittel des Hirns an die Rückwand klatschen. Die normalen. Die mit dem sauberen kleinen Eintrittsloch. Die, die dann steckenbleiben. Aber so genau denk ich da eigentlich gar nicht drüber nach. Denn ich habe Angst vor Schmerzen. Ich habe Angst vor Verletzungen. Vor Krankenhäusern sowieso. Ich habe Angst vor vielem. Aber der Gedanke an zwei Kugeln mitten in die Stirn, der Gedanke an diese kurze, auf eine minimale Fläche beschränkte massive Gewalteinwirkung, die meinen Kopf nach hinten schlägt, mich niederstreckt, mich aufschlagen lässt, dieser Gedanke beruhigt mich sehr.
Vielleicht, weil sich die anderen dann um alles kümmern müssten. Weil ich schlagartig für nichts mehr verantwortlich wäre. Zwei Kugeln im Kopf sind ja ein recht gutes Argument für so etwas. Dafür, erst mal gar nichts mehr zu tun. Nicht einmal mehr zu denken.
Aber vielleicht beruhigt es mich ja auch gar nicht deswegen. Ich weiß es nicht. Es ist mir ehrlich gesagt auch egal.
Nur heute klappt selbst das nicht wirklich. Dabei sollte ich eigentlich längst schlafen, peng, mich dringend erholen, peng, denn morgen ist ein wichtiger Tag. Oder so. Versuche ich mir selber vorzulügen. Denn natürlich ist morgen einfach ein weiterer hundskommuner Mittwoch, der sich nicht wesentlich vom vergangenen Mittwoch unterscheiden wird, geschweige denn von den sechs Tagen dazwischen. Und da liegt dann vielleicht auch mein Problem, das vom Nicht-einschlafen-Können und das meines Lebens allgemein. Ein Leben, das irgendwie mich gefunden hat und nicht umgekehrt. Ein Leben, das ich zwar theoretisch lenken kann, in dem ich allerdings noch immer nicht herausgefunden habe, wie man das Steuer bedient. Geschweige denn, wo es sich überhaupt befindet.
ELENA
Später würde sie sich an die absurde Normalität dieses Moments erinnern. An all die Menschen, die ihren alltäglichen Verrichtungen nachgingen, so, als wäre nichts geschehen. An die schlichte Banalität dieser historischen Stunden.
Sie würde zurückdenken an die alte Frau und deren verzweifelten Versuch, eine Getränkedose mit dem Gehstock vom Gehsteig wegzubekommen. Daran, wie dieser an sich simple Bewegungsablauf für diesen betagten Menschen in einen chancenlosen Kampf mit der Schwerkraft mündete und wie er begleitet wurde von einem Schwall an Flüchen, die inhaltlich zwar keinerlei Sinn ergaben, der Situation aber irgendwie angemessen schienen.
Oder an die zwei Teenager mit den schamgeröteten Gesichtern. Elena würde sich später immer mal wieder an deren scheue Versuche, sich gegenseitig für einen kurzen Moment in die Augen zu schauen, erinnern. Wie auch an die Vögel, die vor ihr um eine Schokoriegelverpackung stritten, ohne zu wissen, dass das Plastik zwar nach Essbarem roch, es aber natürlich nicht war.
Ignorance is bliss, sagte Elena leise und sie dachte dabei nicht an die Vögel.
Die Panzer standen zu diesem Zeitpunkt noch vier Häuserblocks entfernt. Zu einer gigantischen Formation aufgebaut, walzten sie systematisch alles Leben aus der Stadt. Weit in der Ferne hörte Elena auch bereits das leise Donnern der Marschflugkörper, die mit ästhetisch beeindruckender Präzision die ihnen vorbestimmte Choreografie aufführten. Und dann kam der Regen.
ER
Stark ist der Kaffee und heiß auch. Was beim Trinken einen Kontrast zu den nackten Füßen auf dem Küchenboden bildet. Oben heiß, unten kalt. Ich versuche, den Unterschied bei jedem Schluck bewusst auszukosten. Er fühlt sich gut an. Die Küchenuhr zeigt drei vor halb zehn und damit bin ich mäßig glücklich. Die frühen Morgenstunden, die ich so sehr schätze, aber nur selten erlebe, habe ich einmal mehr verpasst.
Schlürfen, heiß, kalt. Das Gewicht langsam auf die Fußballen verlagern, die Fersen anheben. Senken. Wieder anheben. Oben ausharren. Ich freue mich über die Kontrolle, die ich über meinen Körper ausübe. Und stelle dann fest, dass dieser Moment, in der Küche, vor dem Duschen, dass diese Zeit die einzige Zeit des Tages ist, in der ich barfuß gehe. Dann fällt mir auf, dass ich das schon einmal so festgestellt habe. Dass diese Feststellung also gar nicht neu ist, sondern eigentlich nur eine frühere Entdeckung zitiert. Ich frage mich, wie oft mir das wohl passiert, ohne dass ich es bemerke.
ER
Es klingelt und das ist gut, falls der Postbote etwas bringt, aber schlecht, wenn jemand anders etwas will. Es ist nicht der Postbote. Ich entferne mich vom Türspion, schlage frustriert gegen die Tür und öffne sie dann trotzdem für den Nachbarn, dessen Leben sich hauptsächlich um seine Wäsche dreht. Er legt los, und ja, und danke, und überhaupt, und er sei grad, und hallo, und der Trockner, und ob ich nicht kurz, und ja, und es komme ja so viel weg hier, und sein Enkel warte, eben der Enkel, der sei ja, aber hallo, eine Viertelstunde höchstens. Ich lüge ein Ja und schließe erschöpft die Tür. Drei Minuten mindestens bleibe ich mit dem Rücken an die geschlossene Tür gelehnt, lange genug jedenfalls, bis er sicher weg ist, der Mann, Herr Wäscheproblem. Den Inhalt seiner Bitte habe ich nicht wirklich mitbekommen, was aber auch egal ist, da ich sowieso nie daran gedacht habe, sie zu erfüllen.
Natürlich habe ich sehr wohl daran gedacht, denn ich bin ja ich. Und ich lebe leider ein Leben unter der Diktatur meines Harmoniebedürfnisses. Hach, das war jetzt aber schön formuliert, da hätte die Wacker bestimmt Freude daran. Was leider auch nichts am Fakt ändert, dass ich die Bitte des Waschproblemmannes wirklich nicht mitbekommen habe. Also stehe ich da und ärgere mich. Darüber, dass bei mir damals, als ich für dieses Leben versandfertig gemacht worden bin, das Von-allen-geliebt-werden-wollen-Programm nicht direkt im Bundle mit dem Minimales-Interesse-am-Leben-anderer-Plugin installiert worden ist.
Ich entriegle vorsichtig die Tür und verlasse das Haus sicherheitshalber durch den Fahrradkeller. Mein Haus. Oder zumindest das Haus, in dem ich wohne. Das Haus, in dem aber auch derart viele andere Menschen wohnen, dass das Ignorieren derselben bereits anstrengend ist. Das Haus mit den vielen langen Balkonen auf der einen und der zur Zeit eingerüsteten uringelben Fassade auf der anderen Seite. Das Haus mit dem vom Architekten wohl als «Begegnungszone» konzipierten, in der Realität aber dauerverwaisten Kiesplatz im Osten und dem noch trostloseren Spielplatzansatz im Süden. Vorausgesetzt natürlich, es war überhaupt je ein Architekt in die Planung involviert. Danach aussehen tut das Gebäude nämlich nicht.
An der Bushaltestelle steige ich in den ersten Bus. Er biegt kurz vor dem Bahnhof links ab, was mich überrascht, obwohl ich wahllos in irgendeine Linie gestiegen bin. Ich werde etwas traurig, fahre aber trotzdem bis zur Endhaltestelle, wo ich sitzenbleibe, weil ich ja auch wieder zurück muss. Der Fahrer wendet das Fahrzeug jedoch nicht gleich, sondern steigt aus, steckt sich eine Zigarette an und schlendert dann hochgradig unangenehm um den Bus. Dabei schaut er immer wieder zu mir herein.
Ja, ich bleibe da drin, in deinem Bus, ich darf das, ich bin im Besitz einer Jahreskarte, kümmere dich um deinen eigenen Scheiß. Du bist Busfahrer, ich bin Raketeningenieur und ich habe einen verdammt guten Grund, warum ich hier sitzenbleibe.
Das ist, bis auf seinen Job, natürlich alles gelogen, es könnte aber durchaus auch wahr sein. Und wenn dem so wäre, dann stünde er jetzt wirklich saublöd da.
Ich ziehe mein Buch aus der Tasche und beginne, nach der Stelle zu suchen, an der ich beim letzten Mal gestört worden bin. Da ich die darin erzählte Geschichte nicht mag, habe ich auf ein Lesezeichen verzichtet. Eigentlich wollte ich das Buch sogar schon mehrfach entsorgen, aber weil man Bücher ja nicht entsorgt, habe ich beschlossen, es einfach auszusetzen. Konzept Tier-an-Autobahnraststätte. Einfach ohne Leine. Und ohne Autobahnraststätte. Und ohne Tier. Leider habe ich mich seither schlicht nie unbeobachtet genug gefühlt, um den Plan auch umzusetzen. Also trage ich das Buch noch immer mit mir rum.
Ich blättere lustlos durch die Seiten, überfliege die eine oder andere Stelle und sofort beginne ich, die Geschichte wieder zu hassen. Also! Denke ich. Und: jetzt oder nie. Ich werde das Buch aus Versehen auf einer der hinteren Sitzreihen des Busses liegen lassen. Damit das aber nicht in eine peinliche Situation ausartet, muss ich den Busfahrer schön im Auge behalten. Dummerweise scheint der nun aber gerade selbst Gefallen an der Observierung seines einzig übrig gebliebenen Fahrgastes gefunden zu haben. Ich versuche, mit einer Art Totenstarre sein Interesse an mir zu schmälern. Das funktioniert lange nicht und dann doch. Als er sich seine Niederlage endlich eingesteht, sich in Schmach abwendet und das Ganze mit dem Anzünden einer zweiten Zigarette kaschieren will, klappe ich das Buch zu, drehe mich hastig um und bin plötzlich Auge in Auge mit einer jungen Frau, die genau hinter mir sitzt.
Mein Herz steht vermutlich still und ich höre erst mal gar nichts mehr und dann sehr laut mein eigenes Blut pochen. Weil ihr Körper etwas nach vorne geneigt sein muss, berühren sich unsere Gesichter fast. Wir verharren regungslos in unserer Position, Gesicht an Gesicht. Ich konzentriere mich darauf, nicht zu sterben. Ihr Atem geht auch schnell, aber anders als meiner. So, als wäre sie gerade noch gerannt.
Wir atmen einander an.
In meinem Hirn erobert das Denkvermögen nur unendlich langsam etwas Territorium vom Schockzustand zurück. Die Frau riecht so, wie schöne Menschen riechen. Nicht parfümiert wie Menschen, die gerne schön sein möchten. Ihr Atem riecht nach Atem. Ihre Haut riecht nach Haut. Aber halt alles in schön. Und sie lächelt. Unsere Gesichter befinden sich zwar so nah aneinander, dass ich ihre Mundpartie nur erahnen kann. Aber ihre Augen lächeln laut genug.
Und dann redet sie. Klar und deutlich, ohne Hast. Mit fester Stimme. Lächelnd, aber todernst. Sie sagt, wir sollten uns jetzt küssen.
Ich sage nichts, weil meine Stimme nicht für solche Situationen geschaffen ist.
Sie sagt: Und zwar so lange, bis der Bus vor deiner Wohnung stehen bleibt.
Sie sagt: Und dann gehen wir da rauf zu dir und haben Sex.
Ich schlucke, oder schwitze, oder beides.
Sie sagt: Denn während die Welt zusammenbricht, sollte man nichts anderes tun.
Ich habe keine Ahnung, von was sie spricht, erachte es aber als möglich, dass mir dieses Wissen nur gerade entfallen ist.
Ich nicke und meine Stirn berührt dabei die ihre.
ELENA
Ob er sich auch manchmal vorstelle, dass er mehr wisse als all die anderen Menschen um ihn herum, fragte sie ihn. Dass er etwa als Einziger diesen einen entscheidenden Informationsvorsprung besäße, der alles Alltägliche ins Banale kippen ließe. Und er als Folge dessen Mitleid mit den anderen empfände oder sie, je nach Situation, um ihr Unwissen beneide.
Wie sie das meine.
Ob er sich, und das diene jetzt wirklich nur als Beispiel, auch schon mal vorgestellt habe, dass er als Einziger bereits von einem ausgebrochenen Krieg wisse. Dass er als Einziger Kenntnis von einem unmittelbar bevorstehenden unfassbar grausamen Angriff hätte. Gewissheit über ein nicht beeinflussbares finales Ereignis, das die Auslöschung von all dem, was uns ausmache, bedeute. Und dass er sich dabei, zur Hilflosigkeit verdammt, ausschließlich auf die Beobachtung des Momentes konzentrieren könne.
Nein.
Nackt und verschwitzt lagen sie auf seinem Bett, starrten an die Schlafzimmerdecke und warteten darauf, dass sich ihr Puls wieder zu normalisieren begann. Die Pause, die nach seiner letzten Antwort entstanden war, ließen sie gemeinsam noch etwas im Raum stehen, bis er sie schließlich mit einem Räuspern verjagte.
Hm, ja also, nein. Nicht so. Das mit der Hilflosigkeit vielleicht. Dass eine von außen erzwungene Hilflosigkeit etwas Befreiendes haben könnte. Das vielleicht. Ja, das.
Dann füllten wieder nur ihre Gedanken das Zimmer. Und weil von zwei Personen immer eine die Stille etwas weniger gut erträgt, fügte er weitere Sätze dazu.
In dem von ihr geschilderten Szenario aber sehe er sich, wenn überhaupt, eher auf der Seite der Unwissenden. So habe er sich etwa früher hin und wieder gefragt, ob sein Umfeld nicht vielleicht über etwas Bescheid wüsste, was ihm selbst nicht bekannt war. Etwas Essenzielles, das man ihm nie mitgeteilt hatte. Was etwa, so habe er überlegt, wenn er von Geburt an eine geistige Einschränkung besäße, diese aufgrund seiner eingeschränkten Hirnfunktionalität selbst aber nicht erkennen könnte? Und sich die Menschen um ihn herum einfach darauf verständigt hätten, es ihm nicht mitzuteilen? Aus Rücksicht oder einem anderen menschenverachtenden Grund?
Elenas Lächeln gewann augenblicklich an Intensität und weil die Zimmerdecke das nicht schätzen konnte, drehte sie sich zurück auf ihn. Sofort spürte sie seine Freude über diesen Positionswechsel zwischen ihnen und dann, nach einer kleinen Navigationskorrektur mit der Hand, in ihr.
ER
Ja. Es geht mir gut. So gut sogar, dass ich mich nicht erinnern kann, ob ich mich je besser gefühlt habe. Weil diese Information in ungefilterter Form aber unweigerlich weitere Nachfragen provozieren würde, beschränke ich meine ausgesprochene Antwort auf ein simples «Ja» mit angegliederter Pause. Das wiederum interpretiert Mutter am anderen Ende der Leitung natürlich als Einladung, mir ihren Berg an Alltagsproblemchen rüberzuschaufeln. Und weil ich diesen Ablauf bestens kenne, schalte ich jetzt gedanklich ab und pflanze einfach hie und da noch ein paar Hmhms, Sosos und Dasistabernichtguts in ihren Redefluss. Sodass in meinem Kopf neue Denkkapazität frei wird, was an sich toll wäre, wenn da jetzt nicht plötzlich die ersten Fragen an die Tür meiner heilen Welt klopfen würden.
Was ist da eigentlich vorhin geschehen? Mit Elena und mir?
Mit dieser Frau, von der ich eigentlich so gar nichts weiß, die selbst aber wirkt, als wisse sie alles über mich?
Woher kommt diese schlagartige Vertrautheit?
Mein grenzenloses Vertrauen?
Wie ist das nur möglich, und mehr noch: Wie ist so etwas bei mir möglich?
Ist das jetzt das Ding, das alle immer Liebe nennen? Und falls nein, was ist es dann?
Ja, was ist denn das jetzt da genau, das zwischen uns?
Was davon war Zufall, was nicht?
Warum bleibt meine übersensibel eingestellte Warnanlage absolut ruhig? Wo ist meine generelle Skepsis, wo meine Angst vor Bindung, vor Beeinflussung, vor Veränderungen generell?
Und warum sind mir die Antworten auf all diese Fragen so unglaublich egal?
Dann ist es plötzlich still in der Leitung und ich stelle mit etwas Verzögerung fest, dass die Sprachmelodie von Mutters Stimme am Schluss des letzten Satzes nach oben geführt haben muss, was auf einen Fragesatz schließen lässt. Erstaunt mich übrigens jedes Mal wieder aufs Neue, dass unser Hirn so eine Art Rückspulfunktion hat, um Dinge, die uns entgangen sind, im Nachhinein doch noch nachvollziehen zu können. Sodass man, wenn man einen Satz akustisch nicht genau verstanden hat, ohne nochmals nachzufragen einfach nur ein paar Sekunden warten kann. Und das Hirn in dieser Zeit dann die mitgekriegten Bruchstücke mit dem zwar irgendwie aufgezeichneten, in Realtime aber noch nicht ausgewerteten Audiofile abgleicht, um es nachträglich mithilfe des Erfahrungs-Plugins doch noch zum Ursprungssatz zusammenzubasteln. Eine Funktion, die so wirkt, als sei sie von Apple erfunden worden, um die momentane Überforderung des eigenen Prozessors zu kaschieren, und von Meta dann so manipuliert, dass die Werbefirmen doch noch vor mir erfahren, was ich demnächst mitbekommen werde. Irgendwie. Jedenfalls ist diese Hirnfunktion mittlerweile sogar wissenschaftlich nachgewiesen worden. Nur will mir jetzt partout nicht mehr einfallen, wie der Fachbegriff dafür lautet. Vielleicht kann ich ihn mir ja von meinem Hirn wieder zusammenbauen lassen, wenn ich jetzt nur genug lange warte.
Hallo?
Achsojagenau. Mutter.
ZWEI
ER
Das erste Kärtchen klebt außen an meiner Wohnungstür. «Umdrehen» steht darauf. «Nicht die Karte. Dich.» steht auf der Rückseite. Ich schaue hinter mich und sehe das hässliche weiße Schuhregal meines Vormieters, das da nur noch steht, weil ich mich damals bei der Wohnungsübergabe nicht zu einem Nein habe durchringen können. Ich schaue mich weiter um und werde dabei leicht hektisch, weil hier jeden Moment irgendwo eine Tür aufgehen könnte und ich nur wenig mehr hasse, als im Treppenhaus irgendwelchen Nachbar*innen zu begegnen. So nahe am eigenen Safe Space doch noch von jemandem mit potenziellem Mitteilungsbedürfnis erwischt zu werden, fühlt sich immer wie die ultimative Niederlage an.
Völlig überraschend hilft die aufkeimende Hektik bei der Suche nicht, sodass ich erst die Übersicht und dann vom Geräusch der sich vier Stockwerke unter mir öffnenden Eingangstüre auch noch die Nerven verliere. Ich verstecke mich in meiner Wohnung, atme ein paar Minuten tief durch und öffne die Tür erst wieder, nachdem ich lange an ihr gehorcht habe.
Diesmal fällt mir schon beim ersten Schritt zurück ins Treppenhaus die mit Bleistift auf die Stirnseite des Schuhregals gekritzelte Karte auf. Ein Kreis markiert darauf einen Ort und am Ende des Pfeils, der auf diesen Kreis zeigt, steht «Donnerstag, 19Uhr» und «Du bringst den braunen Stuhl aus deiner Küche mit.»
Ich bin gleichzeitig total erfreut und extrem verwirrt, was dazu führt, dass ich vollkommen vergesse, wie unwohl ich mich hier draußen eigentlich fühle. Die auf der Karte markierte Stelle muss eine Bushaltestelle sein und weil die Karte gut gezeichnet ist, weiß ich auch sofort welche. Ich feiere diese Entdeckung innerlich so lange, bis meine kalten Füße mich daran erinnern, dass ich ja im Treppenhaus stehe. Schlagartig kehrt die Hektik zurück und in einer ersten Übersprungshandlung teste ich die Radierfähigkeiten meines Daumens an der Skizze. Sie liegt auf einer Skala von eins bis zehn bei etwa zwei. Ich bin sofort etwas verzweifelt, obwohl das unsägliche Möbel ja mir gehört. Da mir auf die Schnelle aber keine andere Lösung einfällt, lasse ich die Zeichnung Zeichnung sein, gehe zurück in meine Wohnung und schließe die Tür. Dann setze ich mich in die Küche und bin erst mal ganz lange überfordert.
ELENA
Sie sah ihn schon eine ganze Weile warten. Er war zu früh, was einerseits am Busfahrplan lag, andererseits aber auch an ihm. Schließlich hätte es auch einen späteren Bus gegeben, den, der um zwei nach ankommen würde. Er hätte also auch einfach ein klein wenig zu spät kommen können. Wollte er aber offensichtlich nicht.
Obwohl er seinen Stuhl dabei hatte, stand er.
Sie war begeistert.
ER
Elena kommt von hinten angerannt, wirft mir noch bevor ich mich umdrehen kann ihre Arme um den Hals und küsst mich lang. Obwohl ich die ganze Szene mehr betrachte als miterlebe, genieße ich sie außerordentlich. Jetzt erst fällt mir auf, wie groß Elena eigentlich sein muss, denn ich küsse nach oben. Ich versuche, meinen Blick unauffällig nach unten gleiten zu lassen um herauszubekommen, ob sie hohe Schuhe trägt, bleibe dann aber an dem Bild hängen, wie Elena meine Hand langsam unter ihr Shirt schiebt. Ich schaue fragend in ihre hellblauen Augen. Die bereits tief stehende Sonne beleuchtet ihre rotblonden Haare effektvoll von hinten und sorgt so für eine Art Aura, die ihre helle Haut noch irrealer wirken lässt, als sie sonst schon ist. Das Licht lässt die Haare glühen und Elena lacht. Irgendwie lacht Elena immer und das ist wunderbar. Dann löst sie sich von mir, greift nach meiner linken Hand und nimmt meinen Stuhl in ihre andere. Wir gehen los und werden beide den Stuhl den ganzen Abend nicht ein einziges Mal erwähnen. Elena trägt keine hohen Schuhe.
Ihre Wohnung liegt gleich um die Ecke und ich erinnere mich, hier früher schon einmal vorbeigegangen zu sein, finde aber partout nicht heraus, wann das gewesen sein könnte. Das Gefühl sagt vor Kurzem, die Logik hält dagegen. Da ich den Straßenbelag in meinem Kopf als neu und makellos abgespeichert habe, muss es wohl doch schon länger her sein, schließlich wird der ganze Abschnitt gerade wieder neu geteert.
Woran ich mich klar erinnern kann, ist, dass mir das Haus, vor dem wir jetzt stehen und in dem Elena offensichtlich wohnt, schon damals aufgefallen ist. Weil ich fand, dass die Architektur des Gebäudes etwas Menschliches hat. Ich sage das Elena und sie sagt, ja, das liege an der ungleichmäßig strukturierten Fassade, den kleinen Erkern und den sich mit der Witterung farblich stetig verändernden Holzpaneelen.
Ich schaue Elena an, nicke und glaube, dass sie recht hat, hätte ihr in diesem Moment wohl aber auch das Gegenteil abgenommen.
Und dann stehen wir in ihrer Wohnung und ich bin überrascht, dass es da so aussieht wie es aussieht. Was verwirrend ist, denn bis gerade eben habe ich gar noch nie darüber nachgedacht, wie Elena wohl wohnen könnte. Ich bin also überrascht von etwas, von dem ich gar nie eine Vorstellung hatte, also auch keine, die sich nun als falsch hätte herausstellen können. Das ergibt keinerlei Sinn, was mir aber egal sein kann, denn jetzt stehe ich ja hier und weiß ab sofort und für immer, wie Elena wohnt. Mein Hirn wird sie, wann immer ich an sie denke, in diese Umgebung setzen können, in ein in mir unwiderruflich abgespeichertes 3D-Modell ihres Wohnraums.
Da ist erst mal der schmale und endlos lang wirkende Flur, der von Elenas Haus- und gleichzeitig auch Wohnungstür zu den zurückversetzten zwei Wohnräumen ihrer Erdgeschosswohnung führt. Da ist am Kopfende dieses Flures das kleine weiß gekachelte Bad, links davon eine ähnlich kleine Küche und rechts das Wohnzimmer, das für diese Art Bau eindrückliche Ausmaße hat und vermutlich erst durch das Entfernen einer Wand überhaupt zu dieser Größe gekommen ist. Da ist ebenfalls rechts und nur durch das Wohnzimmer erreichbar das kleine quadratische Schlafzimmer, das dank der hohen Decke etwa die Form eines Würfels hat. Und da wäre dann vor allem auch die Einrichtung dieser Räume. Sehr reduziert. Minimalistisch. Pragmatisch. Nicht kühl, aber praktisch. Einrichtung als Zweck.
Im Schlafzimmer steht ein riesiges, ebenfalls quadratisches Bett, das den Raum fast vollständig füllt. Sein Rahmen ist weiß, der Bezug ist es auch und der Raum selbst sowieso. Generell sind alle Wände der Wohnung leer, mit zwei Ausnahmen. Eine Wand im Wohnzimmer ist durchgehend mit deckenhohen Metallregalen verstellt, auf denen sich regelmäßig arrangierte graue Kunststoffboxen stapeln. Und an der stirnseitig zum Esstisch stehenden Wand hängen zwei kleine gerahmte Bilder, die je eine Frau und ein Kind ungefähr um die vorletzte Jahrhundertwende zeigen. Schätze ich mal.
Dann beginnt Elena zu reden und ich merke, dass wir beide noch kein Wort gesagt haben, seit wir hier in ihrer Wohnung stehen.
Ich bin nicht der Spitzendeckchen-Rüschentyp, falls du das gedacht haben solltest, sagt sie und muss gleich selbst darüber lachen.
Ich überlege, was ich darauf antworten könnte, und fahre dabei mit meinen Fingern sachte den Kanten einer Kunstoffbox entlang. Ich sage, dass ich die Wohnung sehr mag. Ich sage, dass Elena den kleinen Holztisch mit den zwei Stühlen zum unbestrittenen Star des Wohnzimmers gemacht habe, indem sie ihm den notwendigen Platz lasse. Ich sage, dass der etwas abgenutzte olivgrüne Ohrensessel jedem Designsofa problemlos die Schau stehlen würde, weil man hinter seiner Herkunft eine Geschichte vermute.
Dann sage ich nichts mehr, um auf Elenas Reaktion zu warten. Und weil die nicht sofort kommt und ich, soviel habe ich ja bereits gelernt, Stille deutlich weniger entspannt ertrage als sie, füge ich jetzt noch Sätze an, die da eigentlich gar nicht hingehören.
Dass die zwei Bilder, na ja, vielleicht etwas austauschbar wirken, was aber auf eine seltsame Art wieder zu den normierten Lagerregalen und den Kisten passe, da diese Industrieprodukte ja speziell so gestaltet worden seien, dass sie jederzeit und ohne großes Aufheben ersetzt werden können.
Und noch während diese Worte meinen Kopf verlassen, beginne ich mich bereits für sie zu schämen. Was für ein bescheuerter, pseudointellektueller Scheißkommentar! Da lässt mich Elena in ihren privatesten und intimsten Ort und ich werde aus Angst vor einem klitzekleinen Moment Stille und dem unterschwelligen Gefühl, nicht clever genug für diesen außergewöhnlichen Menschen zu sein, zum lächerlichen Besserwisser.
Ich beschließe, mit einem Kompliment vom gerade Gesagten abzulenken, aber da der Arbeitsspeicher meines Hirns gerade mit Selbsterniedrigung ausgelastet ist, fällt mir kein einziges ein. Mein Blick huscht hektisch durch den Raum und bleibt dann wieder am Tisch hängen, den ich aber ja bereits gelobt habe, worauf ich mir vorzustellen beginne, wie ich mich in Fötusposition unter ihn lege.
«Austauschbar», wiederholt Elena interessiert und kommt dann langsam auf mich zu. Dann nimmt sie meinen Kopf in ihre Hände, zieht ihn zu sich und küsst mich tief und lange.
Als sie sich wieder löst, legt sie ihre Stirn an meine und flüstert.
Wenn du wüsstest, wie richtig du damit liegst.
Einmal mehr fühle ich mich überfordert, von der Situation, von Elena, vom Leben. Da ich darin mittlerweile aber schon etwas Übung habe, sage ich nichts und drücke Elena einfach fest an mich. Sie versteht es als Aufforderung.
ELENA
